2.Kapitel
Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat, Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet.
„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen Eroberer die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo die Burg des letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s,mi fili, wenn wirmorgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach Skomenten unternähmen? Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause zurück. Der Tag soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als überzeugungstreue Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende Gespräche kürzen.“
Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl, ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde; ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an,mi fili! Du bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an ihnen abschleifst.“
„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah, daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt, nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“
Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Beigutem Wetter im Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte.
Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde.
Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren Sommermorgensumfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in Nichts zerrannen.
Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn zurückscheuchte.
„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte, du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“
„Weshalb bist du nicht Förster geworden,Onkel?“ fragte der Knabe. „Davon hast du mir noch nichts erzählt.“
„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“
Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme, aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dannbin ich die Nacht vom Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter bist.“
Er schwieg, und der Knabe war feinfühlig genug, seinen väterlichen Freund nicht durch eine Frage in seinem Sinnen zu stören. Erst, als sie von freier Höhe Umschau hielten und ihr Blick freudig über die im Sonnenschein lachende Flur, die dunklen Wälder und die blinkenden Spiegel in die Ferne schweifte, kam eine andere Stimmung über beide. Der Pfarrer nahm die leichte Sommermütze ab und sprach mit bewegter Stimme:
„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren verstreut, schöner einfroh Gesicht, das den großen Gedanken deiner Schöpfung noch einmal denkt.“
„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren verstreut, schöner einfroh Gesicht, das den großen Gedanken deiner Schöpfung noch einmal denkt.“
Und dann rief er mit heiterem Mut: „Laß uns unser Heimatlied anstimmen!“ Mit kräftigem Baß setzte er ein:
„Thal, Hügel und Hain!Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,Möcht immer da sein,Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!Hold lächelt auf Seen und HöhenDes Himmel Blau!Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,Masovia lebe, mein Vaterland!“
„Thal, Hügel und Hain!Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,Möcht immer da sein,Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!Hold lächelt auf Seen und HöhenDes Himmel Blau!Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,Masovia lebe, mein Vaterland!“
„Thal, Hügel und Hain!Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,Möcht immer da sein,Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!Hold lächelt auf Seen und HöhenDes Himmel Blau!Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,Masovia lebe, mein Vaterland!“
„Thal, Hügel und Hain!
Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,
Möcht immer da sein,
Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!
Hold lächelt auf Seen und Höhen
Des Himmel Blau!
Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,
Masovia lebe, mein Vaterland!“
„Das war ein prächtiger Mann, der Professor Dewischeit, der dies Lied gedichtet hat,“ sprach er im Weitergehen, „ein vorzüglicher Lehrer, dem allein ich es verdanke, daß ich nicht ein Taugenichts geworden bin.“
Sie hatten den Skomentener See umwandert, waren auf den Berg gestiegen, auf dem vor Zeiten die Burg des Skomand stand und hatten die Gräben, die von Gestrüpp überwucherten Steintrümmer überklettert, eifrig bemüht, sich ein Bild der Veste zusammenzustellen. Jetzt lagen sie unter der mächtigen Eiche, die einsam die spitze Bergkuppe krönt und schauten über den See hinüber nach dem Dorfe Skomenten, dessen schmuckeHäuser aus freundlichem Grün hervorlugten. Sie hatten dem Mundvorrat wacker zugesprochen, jetzt war ein behagliches Sinnen über sie gekommen, bis Franz ganz unvermittelt fragte: „Onkel, was soll ich werden?“
Mit jähem Ruck richtete sich der Pastor empor: „Mein Kind, denkst du schon an solche Dinge?“
Der Junge nickte nachdenklich. „Ich weiß, die Mutter will, daß ich Pfarrer werden soll, der Vater möchte am liebsten, daß ich den Hof übernehme, bloß was du willst, weiß ich noch nicht recht; Naturforscher oder Arzt? Was meinst du, Onkel?“
„Merkwürdig,“ brummte der Pastor, „daß solche Dinge dem Kinde zufliegen, wie ein Lufthauch, von dem man nicht weiß, von wannen er kommt.“ Lauter fuhr er fort: „Habe ich dir schon mit einem Worte davon gesprochen, was du werden sollst?“
„Nein, Onkel.“
„Wie kommst du denn zu deiner Annahme?“
Über das Gesicht des Knaben huschte ein Lächeln. „Ja, sieh mal, Onkel, wir haben so vielvon Naturbeschreibung und Botanik gelernt, viel mehr als die Gymnasiasten in der Stadt.“
„Na und?“
„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins von beiden studiere.“
„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp. Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch mal doräwer.“
Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf. „Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte, aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du werden willst ....“
„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich weiß es schon, ich willstudieren, alles lernen, was es bloß zu lernen gibt.“
„Und dann?“
„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“
Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie, was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen, wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig ein.