6.Kapitel

6.Kapitel

Vater Rosumek hatte seiner Frau noch nichts davon erzählt, daß sein Sohn ihm seinen Wunsch erfüllen wollte. Als Franz zum Frühstück herunterkam, empfing ihn die Mutter mit strahlendem Gesicht und legte ihm eine mit Goldfüchsen gefüllte Börse hin.

„Der Vater ist schon in die Stadt gefahren, er läßt dir sagen, du möchtest von dem Geld einen guten Gebrauch machen.“

Fragend sah Franz die Mutter an. „Wie meint er das?“

„Er sprach von einer Reise, die du unternehmen solltest, nach Königsberg und an die Ostsee, das soll eine sehr schöne Gegend sein.“

Hastig nahm Franz das Frühstück zu sich, dann lief er schnell ins Pfarrhaus.

„Heda, junger Freund, was beflügelt deinen Fuß?“ rief ihm der Pastor über den Gartenzaun entgegen.

Mit kühnem Schwung hob sich Franz über die Staketen.

„Denk dir, Onkel, der Vater hat mir viel Geld zu einer großen Reise geschenkt, willst du mir die Freude bereiten und mitkommen?“

Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Nun ist dein Vater mir zuvorgekommen. Ich habe gestern abend noch nachgedacht, wie du diese Übergangszeit bis zum Eintritt in deinen Beruf noch genießen und gut anwenden könntest, und war zu dem Entschluß gekommen, dich zu einer Fußwanderung durch unsere schöne, liebe Heimatprovinz aufzufordern. Ich habe mich auch bereits durch die moderne Erfindung, den sprechenden Draht, mit meinem Superus in Verbindung gesetzt und mir einen Urlaub erwirkt, der mir gewährt wurde, da ich, außer bei amtlichen Anlässen, noch nie Ferien gemacht habe. Aber diesmal will ich es tun.“

„Hast du auch schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefaßt?“

„Jawohl, mein Sohn, ich dachte schon gestern, — wir wandern doch natürlich zu Fuß, wie wir es so oft getan haben, — auf Umwegen nach Kerschken und Bodschwinken zu wandern, um dort die Sedanschlacht mitzumachen.“

Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte.

„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt. Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt, daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“

Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer unternommen hätten ....“

„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht, nachdem die ersten Versuche,aus einem Eichenstamm eine Kanone herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin eine greuliche Verwüstung an.“

„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“

„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“

„Ist das wirklich wahr, Onkel?“

„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll, wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen bei Donchery.“

„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“

„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den Rummel anzusehen?“

„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“

„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“

Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz den Vater treffen undmit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz mit ihm befreundet war.

Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer, unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heranund brachen sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand.

Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen abhielten.

„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“

Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden; es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen konnte. „Dreistund gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein und stellte ihnen einen Freipaß aus.

Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften.

Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit und breit kein Hauszu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch gälte.

„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht erwarten.“

„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd. „Mein Haus steht Ihnen offen.“

„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund. Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“

„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“

Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen, die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen.

Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß. Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee, spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer.

Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter, ostpreußischer Landedelmanneine Sammlung der höchsten Kunstwerke des griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und Nachbildungen zusammengebracht.

Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß.

Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit Musik an der Spitze.

In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken. Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt. Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt. Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er veranlaßte jedoch einen Freund, siezur Nacht mit sich auf sein Gut zu nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen.

Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“, „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen.

Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr- und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte.

Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor dem Weberhäuschen in Doncherydas patriotische Gefühl übergelaufen. Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge.

Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach, so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen.

Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich anden Kragen nahm und verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem Dorf den Rücken.

Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte. Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte.

Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf jüngeren Schwestern, die zur Feier desTages in Weiß gekleidet, wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie und herzte sie.

Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel, das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten. Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen. Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“

„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu.

Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichenVorbild. Dasselbe konnte man von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde.

Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst französisch, dann deutsch.

Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte. Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz Deutschland erfaßt war.

Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon gestört. Er hatte inseiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen lebenden Bilder dargestellt werden.

Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle Genüsse auskosten zu lassen.

Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen. Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und immer wieder forderten dieKleinen eine Wiederholung der Fahrt und Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez halsbrecherische Kunststücke ausführten.

Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie zwei gute Freunde.

Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend anlangten.


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