7.Kapitel

7.Kapitel

Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um. „Mutter, bist du böse auf mich?“

Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen. „Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“

„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften oder Medizin studieren.“

„Damit muß ich mich zufrieden geben. Aber sag’ mal, mein Junge, hast du den Entschluß ganz aus freien Stücken gefaßt ...?“

Franz sah sie fest an. „Nein! Der Onkel hat es mir nahegelegt, Vaters Wunsch zu erfüllen. Da ist es mir durch den Kopf gefahren: wenn der Vater mich auf der landwirtschaftlichen Hochschule studieren läßt ....“

„Das ist doch selbstverständlich“, fiel Rosumek ein.

„... dann kann ich auch auf der Universität die Vorlesungen hören ....“

„Und dann springst ab von der Landwirtschaft“, meinte der Schulze ruhig. „Mutter, gib dich zufrieden! Ich sehe es schon kommen, daß er weder Landwirt noch Pastor wird ... Darin müssen wir uns fügen. Trink deinen Kaffee und dann zieh dich gut an, wir wollen beide heute gleich zum Oberamtmann Strehlke nach Polommen fahren, ob er dich als Lehrling aufnimmt ...“

„Als Eleve, Vater ...“

„Nein, als Lehrling. Er soll dich nicht mit Handschuhen anfassen, sondern überall hinstellen, wo es etwas zu lernen gibt, genau so, wie ich es bei seinem Vater durchgemacht habe. Wenn du dann standhältst, bist du echt ...“

Ein wenig bedrückt stieg Franz zu seinemStübchen hinauf. Er hatte sich schon das Jahr auf einem großen Gut recht angenehm ausgemalt. Lernen wollte er alles, was es zu lernen gab, das war selbstverständlich Aber daneben wollte er auch etwas freie Zeit haben, um sich mit seinen geliebten Büchern beschäftigen zu können. Ab und zu auch auf die Jagd gehen ... Er mußte sich ordentlich einen Ruck geben, um seinen Entschluß nicht jetzt schon zu bereuen. Er nahm seinen guten Rock aus dem Schrank und begann, die Alberten rauszuziehen. Einen zog er aus, bog die Nadel etwas ein und verwahrte ihn besonders in einem Schächtelchen. Ein sonniges Leuchten ging dabei über sein Gesicht.

Auf der Fahrt sprach der Vater wenig. Nur ab und zu machte er eine Bemerkung über den Boden und den Stand der Felder. Franz hörte still zu. Seine Gedanken liefen voraus in das Haus, in dem er sein nächstes Lebensjahr zubringen sollte. Der Oberamtmann galt als der beste Landwirt weit und breit. Sein Betrieb lief wie am Schnürchen, sein Vieh erhielt auf jeder Ausstellung die ersten Preise. Aber was war er für ein Mensch? Gut und milde oder scharf und grob?

In Polommen ließ Rosumek das Fuhrwerkam Tor halten und ging allein ins Herrenhaus. Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder auf der Treppe und winkte Franz ... Aus einem Korbstuhl hob sich eine mächtige Gestalt. Ein blonder, großer Bart, der bis auf die Brust hinab reichte, bedeckte sein Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Augen den eintretenden Jüngling musterten. Eine breite, starke Hand streckte sich ihm entgegen.

„Sie bringen eine gute Empfehlung mit, junger Freund, Ihren Vater, der mir in meiner Lehrzeit manche unangenehme Arbeit abgenommen hat. Also Sie wollen Ihre Lehrzeit bei mir durchmachen?“ Gewaltig dröhnte die Stimme im tiefsten Baß.

„Ja, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz tapfer mit festem Blick.

„Na, Sie haben wohl schon bei Ihrem Vater etwas in die Wirtschaft hineingerochen und können Roggen von Hafer unterscheiden. Das ist auch schon etwas wert, aber leicht ist der Dienst auf einem großen Gut nicht, und wer mal selbst befehlen will, muß erst gehorchen gelernt haben. Doch das sind Binsenwahrheiten, die Ihnen wohl auch geläufig sind. Aber eins muß ich Ihnen nochsagen: ich poltere oftmal los ... das ist nicht weiter gefährlich ... aber wenn ich platt rede, wie Ihr Freund und Onkel Uwis, den ich sehr hoch schätze — ich bitte, ihn von mir zu grüßen —, dann tut man gut, mir eine Weile aus den Augen zu verschwinden.“

Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand. „Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“

„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht, sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“

Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart undgab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der keinem Unrecht tat.

Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit im Herrenhause umziehen müsse.

„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst direinen reinen Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen vertauschen.“

Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn sorgen.

Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der Grenze wäre es ein großes Unglück.“

„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“

Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dickeRauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das Gerede unter die Leute zu bringen.“

„Also du hältst nichts davon, Onkel?“

„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr, als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande machen wirst.“

Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen. Er bekam imBeamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie jederzeit zu sprechen.“

„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“ Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen. Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“,Hans Kolbe, kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein.

Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ... der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ...

Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren. Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willendie trübe Stimmung, die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer Art und in freier Luft ...

An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe.

„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“

„Das gefällt mir, Franz“, lobte die Frau. „Heute möchte ich Sie mit Beschlag belegen. Wollen Sie zum Kaffee wiederkommen und den Abend bei uns verleben?“

„Sehr gern, gnädige Frau, nehme mit Dank an.“

„Sie Musterknabe haben sich ja schon bei der Gnädigen lieb Kind gemacht“, meinte Kolbe mit deutlichem Ärger in der Stimme, als sie aus dem Herrenhause traten. „Mich behandelt sie wie Luft.“

„Sie werden wohl durch irgend etwas das Mißfallen der gnädigen Frau erregt haben“, sagte Franz ruhig.

Ende November gab es eine angenehme Abwechselung durch die große Treibjagd, die der Oberamtmann veranstaltete. Schon einige Tage vorher ließ er auf dem Schlag hinter der Scheune die Treiber dazu einüben. Es wurde ein Kessel angelegt. Von zwei gegenüberliegenden Punkten wurden die Treiber abgelassen. Die Flügel wurden von den beiden Kämmerern und den Lehrlingen geführt. Der Oberamtmann ritt im Kessel umher und sprengte sofort auf die Stelle zu, wo sich zwischen den Treibern eine Lücke bildete. Dann donnerte und wetterte er, daß es weit übers Feld schallte. Am Jagdtage trafen die Gäste schon bei Tagesgrauen ein. Nach einem kräftigen Frühstück brach die Gesellschaft auf. Es war in der Nachtetwas Schnee gefallen. Hell und klar ging die Sonne auf. Dazu wehte ein frischer Ost. Das richtige Jagdwetter.

Franz durfte seine Flinte führen und schießen. Er hatte guten Anlauf und übereilte sich nicht, so daß er mit der Anzahl der von ihm erlegten Hasen immer unter den Ersten war. Sein Leidensgefährte war kein Jäger, er ging als Treiber mit.

Als beim Schüsseltreiben das Jagdergebnis verlesen wurde, rief Frau Oberamtmann ein lautes Bravo, als Franzens Name genannt und sein Weidmannsheil verkündet wurde. Nach Aufhebung der Tafel setzten sich die alten Herren an die Spieltische. Das junge Volk vergnügte sich durch ein Tänzchen. Die Hausfrau holte Franz aus dem Spielzimmer und stellte ihn mehreren jungen Mädchen vor ... Es war ein schöner Tag und Abend, an den Franz noch oft mit großem Vergnügen zurückdachte.


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