8.Kapitel

8.Kapitel

Es war gut, daß Grinda seiner Nichte die Schlüssel übergeben hatte als er wegfuhr, denn sein Stellvertreter, ein entfernter Verwandter, eignete sich zum Krugwirt, wie ein Igel zum Sitzkissen. Er vergaß sich nie ein Gläschen einzuschenken, wenn die Arbeiter Schnaps tranken. Ja, er verlangte von Olga auch die Schlüssel, aber sie war klug und energisch und gab sie nicht heraus.

Walter war unter dem Vorwand eines Pirschganges in den Wald gefahren und gegen Abend in der Waldschänke eingekehrt. Er fand dort eine Gesellschaft, alles junge Leute aus der Stadt, die ihm unbequem waren, und da er auch mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Vater unverhofft heimkehren könnte, fuhr er zum Abendbrot nach Hause. Arglos erzählte ihm die Mutter, daß der Vater ihr durch den Fernsprecher mitgeteilt hätte, er werde erst am nächsten Vormittag nach Hause kommen. Er leistete ihr Gesellschaft und erfreute sie durch eine eingehendeSchilderung alles dessen, was er sich im nächsten Semester einpauken lassen werde, um im Frühjahr das Examen zu machen. Dann setzte er sich ans Klavier, das er meisterhaft beherrschte, obwohl er nie strengen Unterricht gehabt und alles nur nach dem Gehör spielte.

Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten. Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken, war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von dem Ober so aufmerksam bedient zu werden.

In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann alles hörte, was die Offiziere sprachen.

Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei. Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober, der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen Überschuß behielt.

Bald darauf betraten drei wohlhabendeHandwerker das Zimmer. Sie forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war, hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden, aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete.

„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter möglichst gleichmütig.

„Die Hundert und noch Zweihundert.“

Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand.

„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“

„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“

Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte, zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm, dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger Schätzung mindestens zweitausend Mark.

„Die Fünfhundert und noch Tausend.“

Hochrot vor Aufregung warf sein Gegner, ein dicker Fleischermeister, die tausend Mark auf den Tisch. „Zum Teufel, was haben Sie denn? Ich will sie wenigstens sehen.“

Kaltblütig deckte Walter seine vier Asse auf.

Wütend warf der Fleischermeister seine Karten weg. „Sie haben ein fürchterliches Schwein, ich habe vier Könige gehabt.“

Eine Weile später landete Walter noch einenzweiten, etwas kleineren Gewinn, indem er mit einer schwachen Karte seine Gegner blüffte.

Gegen zwei Uhr mahnte der Ober zum Aufbruch.

Walter zögerte, bis die andern Gäste gegangen waren.

„Jetzt, lieber Ober, müssen wir abrechnen. Was habe ich von gestern zu bezahlen und was haben Sie mir heute gegeben. Und dann möchte ich mich noch durch eine Flasche Rotwein revanchieren.“

Das Geldgeschäft war bald zur beiderseitigen Befriedigung erledigt und die Gläser gefüllt.

„Ich wollte Sie mal was fragen“, begann Walter zögernd. „Mir scheint, Sie haben viel Interesse für gute militärische Nachrichten.“

Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf.

„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alleStaaten voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“

„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“

„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig, „denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion erwischen.“

„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob Geld.“

„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“

„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut,„der Vater hat mir noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen, dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas Weidmannsheil entwickle.“

Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem Rücken heim.

Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie Vaterstolz leuchtete in denAugen des Grünrocks auf, als der Sohn elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest du noch ein ganzer Mann werden.“

„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“

„Dazu muß man auch sehr viel gelernt haben, mindestens ebensoviel wie als Jurist.“

„Ach, ich kann die trockene Gelehrsamkeit nicht ausstehen, sie will mir nicht in den Kopf. Vater, ich habe zwar schon fünf Semester verbummelt, aber es ist noch nicht zu spät, laß mich noch umsatteln.“

„Ja, was willst du denn jetzt noch werden?“

„Landwirt, Vater“, rief Walter in freudiger Erregung aus.

„Ein guter Landwirt muß heutzutage auch einen ganzen Posten Kenntnisse besitzen, wenn er nicht unter die Räder kommen will.“

„Das meiste lernt man doch durch die Praxis“, gab Walter schnell zur Antwort. „Und wenn du mich blos zwei Semester auf die Hochschule schickst, will ich fleißig studieren.“

„Muttchen,“ rief er der eben eintretenden Mutter zu, „hilf mir den Vater bitten, daß er mich Landwirt werden läßt, dann werde ich euch Freude machen, statt Kummer.“

„Wenn du bloß ein ordentlicher tüchtiger Mensch wirst“, erwiderte der Forstmeister. „Was meinst du, Olsche, wollen wir es mit dem Jungen mal so herum versuchen?“

„Wenn er nicht mehr Ehrgeiz besitzt, dann kann er meinetwegen auch Landwirt werden. Diesen merkwürdigen Mangel scheint er von dir geerbt zu haben, du könntest längst schon in der Regierung oder im Ministerium sitzen.“

Der Grünrock lachte gutmütig. „Ja, wenn ich wollte, aber ich will nicht. Ich trenne mich nicht von meinem Wald, der mir ans Herz gewachsen ist, um Federfuchser in der Stadt zu werden. Da würde ich bald eingehen. Du mußt auf die Erfüllung dieses Wunsches, in der Stadt zu leben, schon warten, bis ich Pension nehme.“

„Da kann ich noch lange warten“, erwidertedie Hausfrau, anscheinend verdrießlich und verließ das Zimmer.

Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist zu viel. — Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören.

„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu Mittag.“

Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte, brachte mehrere Bedenkenvor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen lassen.

„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein Lehrjahr.“

*

Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen. Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits bereitet hatte.

Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein. Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen.

Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein trug die Schuld daran.

Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauenfuhr der Forstmeister mit Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten.

Eine Stunde später hatten sie die Räuber in einem Jagen des Torfbruches eingekreist, und nun ging es in aller Eile nach Hause. Erst wurden die Förster durch den Fernsprecher benachrichtigt, die eine Menge Treiber aufbieten sollten, dann ging die Mitteilung an eine Anzahl Jäger in die Stadt. Kurz vor Mittag war die Jagdgesellschaft an dem Jagen versammelt. Die Treiber, die den Dienst schon kannten, bestellten in aller Stille drei Seiten des Jagens, während die vierte von den Jägern besetzt wurde. Bald nachdem die Treiber mit heftigem Gebrüll in das verschneite Dickicht eingedrungen waren, krachte ein Schuß. Bald darauf fielen noch zwei Schüsse. Beide Wölfe waren zurStrecke gebracht. Der eine vom Forstmeister, der andere vom Major Aldenhoven.

Das Weidmannsheil wurde in der Waldschänke gefeiert. Olga bediente ihre zahlreichen Gäste sehr gewandt und aufmerksam. Das Verschwinden ihres Onkels schien sie nicht sehr zu bekümmern. Und als der Major versprach, unauffällig Erkundigungen einzuziehen, zuckte sie nur die Achseln und meinte, das hätte doch keinen Zweck. Am anderen Vormittag ging Walter allein zu ihr. Olga erzählte ihm ganz unbefangen, sie habe jetzt einen Bräutigam, einen sehr ordentlichen Menschen. Zum Frühjahr, wenn sie mündig geworden wäre, wollte sie ihn heiraten, die Waldschänke verkaufen, wenn der Onkel noch nicht zurückgekehrt wäre und in der Stadt einen Laden aufmachen. Walter fühlte, daß das lyrische Intermezzo vom Herbst keine Fortsetzung finden würde und verabschiedete sich bald.

*

Wenige Tage später durchlief die Kunde, daß Grinda zurückgekehrt wäre, die ganze Gegend. Er war verlaust und verlumpt und sah jämmerlich elend aus. Der Forstmeister, der auch unter denGedanken litt, daß er dazu beigetragen hätte, den alten Schulkameraden ins Unglück zu bringen, ging sofort zu ihm, und fand ihn im Bett liegen.

„Ja, Forstmeister,“ meinte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln, „diesmal bin ich nur mit knapper Not der hanfenen Halsbinde entgangen. Ein Glück nur war’s, daß ich mich auf mein gutes Gedächtnis verlassen und deshalb mir auch nicht die kleinste Aufzeichnung gemacht habe. Mein Notizbuch enthielt nur Eintragungen über meine Käufe und Verkäufe. Ich hatte mir den Plan zurecht gelegt, hier und dort bei den Bauern einige Stücke Vieh aufzukaufen und sie nach Garnisonorten zu treiben, um sie an die Proviantämter der Truppen, mit oder ohne Nutzen zu verkaufen. Das Geschäft ging gut und ich habe in den ersten drei Wochen eine ganze Menge neuer wichtiger Nachrichten gesammelt.

Plötzlich wurde ich in Augustowo, als ich schon an die Rückreise dachte, verhaftet und in die Kosa gesperrt. Am nächsten Morgen wurde ich scharf verhört. Ich stellte mich dumm und berief mich auf einen jüdischen Großhändler, der mir bezeugen kann, daß ich schon viele Jahre in Rußland als Aufkäufer tätig sei. Der russische Auditeur fieldarauf rein und ließ den Mann holen und mir gegenüberstellen. Auf diese Weise erfuhr der Händler, wo und in welcher Gefahr ich mich befand.

Du, Forstmeister,“ unterbrach er seinen Bericht, „ich bin ohne Zweifel auf eine Anzeige von deutscher Seite aus verhaftet worden. Hier muß einer nicht dicht gehalten haben.“

„Das ist ganz ausgeschlossen“, erwiderte der Grünrock. „Von den wenigen Offizieren, die um den Zweck deiner Reise wußten, hat sicher keiner geplaudert und von mir ist es wohl selbstverständlich. Vielleicht ist eine weibliche Zunge im Spiel.“

„Damit kannst du nur meine Nichte meinen.“ Er pochte an die Wand, worauf Olga eintrat. Sie leugnete ganz entschieden, obwohl sie sich daran erinnerte, daß sie es Walter gesagt hatte, wohin der Onkel gefahren war.

„Dann bleibt es mir unerklärlich,“ fuhr Grinda fort, „daß der russische Auditeur wußte und mir vorhielt, daß ich hier in der Waldschänke ein gutgehendes Geschäft habe. Ich erwiderte, das Geschäft sei so schlecht gegangen, daß ich meine Ersparnisse zugesetzt hätte und gezwungen gewesenwäre, so wie früher meinen Unterhalt durch Viehhandel zu erwerben. Acht Tage brachte ich in einem elenden Loch zu, wo es von Ungeziefer wimmelte. Dann wurde ich wieder zum Verhör geführt, wo man mir vorhielt, daß das Geschäft hier glänzend ginge. Man hatte also hier einen Gewährsmann, bei dem man Erkundigungen einziehen konnte. Ja noch mehr, es sei hier bekannt, daß ich nach Rußland gegangen sei, um Spionage zu treiben.

Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht, wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand, das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich,aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich mit dem Major bei dir zusammentreffe.“

In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert erscheint.“

Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke und dann teilte er demMajor die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht gegen den Oberkellner mit.

Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit.


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