Chapter 10

In ihrem Stübchen stand Maren Holgers früh vor Tau und Tag. Diese Frühstunden, da die Sonne aus dem Meere emporstieg und die stille Hallig grüßte, gehörten ihr allein. Sie beraubte niemand, wenn sie still mit gefalteten Händen untätig und träumend dem Sonnenaufgang ins gewaltige Antlitz schaute.

Es war ein winziges Gemach, das schlichteste im ganzen Mutterhof, welches Maren von all den vielen Gelassen für sich ausgesucht hatte. Seine Fenster gingen nach einem Krautgärtchen hinaus, das Maren selbst betreute. In dem sie grub und säete, pflanzte und pflückte. Ein kleiner Arbeitstisch und davor ein Sorgenstuhl, der Nähtisch der verstorbenen Mutter und eine uralte »Erfurter Lade« bildeten die Ausstattung des traulichen Gelasses. Auf den breiten Fenstersimsen blühten zwischen schneeigen, weißgepunkteten Vorhängen blutrote Geranien und starkduftende Reseden.

In den ersten Wochen ihrer jungen Ehe hatte sich Maren oft in ihr kleines Reich geflüchtet, um mit alldem überwältigend Neuen, das in ihr Leben getreten war, allein zu sein. Sie hatte stille Zwiesprache mit der heimgegangenen Mutter gepflogen, deren Rat sie gerade jetzt dem vielen Unbekannten gegenüber so schwer vermißte. – Hie und da war ihr Edlef nachgeschlichen. Da war ihnen beiden dann wohl in seligem Ineinanderverlieren Zeit und Stunde vergangen.

Dann war es anders geworden. Die Ahne sah sie des öfteren ernst und mißbilligend an. Sie empfand das Alleinseinwollen der jungen Frau als »städtische Mode«, die sie nicht auf dem Mutterhof eingeführt haben wollte. Und über Edlef kam allgemach das starke, frohe, stolze Besitzergefühl, das sich seine süßen Feierstunden nicht erschleichen wollte, solange draußen in Hof und Gewese hilde Arbeit drängte. Er selbst rief mit schallender Stimme den Feierabend aus und wußte, daß er nun erst mit Fug und Recht sein Königreich hinter sich zuschließen durfte.

Wann war all dies Beglückende, Heimliche gewesen?

Maren dünkte es Jahrzehnte.

Wie jäh verändert Edlef war!

Alles Sonnige war von ihm gewichen. Wie seltsam düster und fremd er sie oft anschaute! Als sei sie selbst die Schuldige, die ihm seine Hoffnungen zertrümmert habe, und nicht das unergründliche, bittere, unbegreifliche Schicksal. –

Und das war derselbe Edlef, der Tanten Frauke aus dem Wust und Staub der Vorurteile herausgerettet und sie bedeutet hatte: »Du hast genug gelitten!«

Wer löste Maren dies Rätsel von Halligweise und Holgersart?

In den ersten Monaten ihrer Ehe hatte Edlef oft die Zukunft in das Bereich seiner Betrachtungen und Pläne gezogen.

»Wenn der Jung erst da ist … Oder … die Deerns müssen alledirgleichen, Maren, süße Maren.«

Dann hatte sie ihr Gesicht an seiner Brust geborgen und in heiliger, ahnungsvoller Scheu gezittert vor dem Wunderbaren, das vielleicht noch ihrer wartete. Dies »Vielleicht…«. Das war’s.

Das hatte sie nie verlassen, das war neben ihr geschritten als zage Hoffnung. Die Erfüllung hatte sie kindlich-vertrauend Gott anheimgegeben.

Anders Edlef.

In kühne Pläne verstieg er sich. Nicht leise und heimlich, nicht kosend und verliebt, nicht bangend und hoffend, auch nicht scherzend sprach er über seine Wünsche.

Es waren für ihn keine Hoffnungen, die eine höhere Macht zerstören konnte, es waren Tatsachen, die früher oder später eintreffenmußten, weil er, Edlef Holgers, eswollte.Die heilige Überlieferung der Hallig und des Mutterhofes.

Einmal hatte Maren ihm erschrocken gewehrt.

Als seine Erwartungen gar zu kühn und bestimmt sich kundtaten. »Du Liebster, und wenn nunkeinKindlein kommt …?«

Da war er ganz fremd von ihr zurückgetreten und hatte mit jäh veränderter Stimme zu ihr gesprochen:

»Nicht einmal imScherzdarfst du so etwas sagen, Maren.«

Wunderlicher Edlef.

Er war auch gleich wieder lieb zu ihr gewesen.

Und keine Wolke war an seinem Zukunftshimmel schattend zurückgeblieben. Weil er kein »vielleicht« kannte, es nicht kennenwollte. – –

Dann waren Tage gekommen, da sie mit hastigen, körperlichen Schmerzen kämpfte, die sie schon in der Mädchenzeit heimgesucht hatten. Tapfer ging sie dabei ihrer Arbeit nach …

Und die starknervige Holgerssippe gewahrte nichts von Marens schattenhafter Blässe und ihrem müden Gang, – es war nicht Sitte auf dem Mutterhof, körperlichem Unbehagen auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu machen.

Da erbarmte sich Tanten Frauke ihrer.

Mit ruhiger Selbstverständlichkeit rüstete sie für sich und die leidende Maren zu einer Reise. Gab der Ahne und der Schwägerin beschwichtigenden Bescheid und fuhr mit der jungen Frau nach Kiel.

Der berühmte Frauenarzt hatte ruhig, freundlich und aufrichtend mit ihr gesprochen, aber sein sachlich-ernstes Gutachten war vernichtend.

So wurde die Heimreise angetreten, und die herbe, verschlossene »Tanten Frauke« erlebte an der Seite der trostlosen Maren noch einmal den eigenen bitteren Schmerz früher durchlebter und durchlittener Jahre.

Vor wenigen Tagen hatte nun der alte, erfahrene Kreisarzt, der Maren seit ihrer ersten Kinderzeit kannte, das Urteil seines berühmten Kollegen bestätigt.

Die Ahne hatte den Physikus aus dem »Jungteil« treten sehen und ihm durch das Fenster des Wohnpesels im Mutterhofe mit ihrer hellen, scharfen Stimme die Tagszeit geboten. Aber er, der sonst gern mit der schlagfertigen Greisin plauderte, winkte nur grüßend mit der Hand und war eilends den Weg über die Fennen hingeschritten. Verwundert und kopfschüttelnd hatte die Ahne das Fenster wieder geschlossen, aber dann war ein Schmunzeln, wie frohes Begreifen über ihr Antlitz geflogen …

Und in der Dämmerung hatte sie lange mit Maren allein auf der Ofenbank gesessen. Zuerst mit Kreuz- und Querfragen über Wirtschaftsangelegenheiten, dann schweigend. Jedes tief in seine eigenen alten und jungen Gedanken versenkt. Dann war sacht und wie beiläufig die Frage der Ahne gekommen: »Hast du mir nichts zu vertrauen, Enkelin Maren?«

»Nichts, Ahne.«

Wieder Schweigen.

Dann der zürnende Ausruf: »Das ist nicht recht, Enkelin Maren. Was du tust und unterläßt, geht den Mutterhof an. Deine Wege sind Mutterhofwege. Denk dran.«

»Allstunds«, sagte Maren gequält.

»Du kannst aber abirren und fehlgehen. Auch ohne deine Schuld. Ahne und Mutter sind dazu da, zu weisen und zu beraten. Allwissend bin ich nicht, so rede mir selbst von deiner Not. Denn daß du in Not bist, sagen mir meine sechsundachtzig Jahre.«

Der Ahne Stimme war leise geworden. So hattesie gütiger als sonst geklungen, da nur immer das Herrschen und das Befehlen mitschwang.

Da hatte Maren den Kopf in den Schoß der Ahne gelegt. Es war wie ein Zufluchtsuchen und Ausruhen gewesen. Und es war das erstemal, daß ein junges Menschenkind der alten Frau mit einer Zärtlichkeit nahte.

So wachte auch in der herben Greisin etwas Liebes, kaum Gekanntes auf. Scheu waren die Runzelhände über Marens weiches Haar geglitten.

»Erzähl’ mir eine Geschichte, Ahne«, bat Maren müde.

Die Ahne hatte wunderlich gelacht, wie die Alraune im Märchen. »Wollt’ ich nicht etwas von Enkelin Maren hören? Mich dünkt doch.« Aber gleich drauf willfahrte sie. Als wolle sie einen Gedanken festhalten und auf andere Weise zu ihrem Ziele gelangen.

Leise und einschläfernd erzählte die Ahne, aber es war ein Unterton darin. Ein scheues Tasten und Fragen und ein Antwortheischen …

»Es gibt eine Zeit, da verlieren wir Gott. Jungerweis’ oder alterweis’, – es kommt wohl über alle. Übergroße Lust oder übergroßes Leid heben ihn plötzlich hinaus aus unserm Kopf und Sinn und aus der Herzenskammer. Schließen die Tür hinter ihm zu. Wäre Gott nicht die Geduld selbst, die immer wieder anklopft, wir stünden schon längst verlassen. Da war aber einmal ein junges Weib, ein Gegenspiel von andern Frauen. Das hatte dieWeltverloren … das lebtenurinGott. Das sah ihn in jedem Ding der Schöpfung, in Wald und Wasser, in Licht und Sonne, Feuer und Wind. Und in dem kleinen Alltag des Lebens. Die Welt und alleMenschen versanken ihm völlig. Es kamen Krankheit, Not und Trübsal, es kamen Ehre und Freuden ohne Zahl. Und das junge Weib lobte Gott in jedem Falle und spürte seine Nähe. Aber die Menschen schienen ausgelöscht aus dem Gesicht und Gedächtnis. Ein Mann sah sie und begehrte ihrer. Aber sie war wie unirdisch, weil sie nur Gott kannte und die Welt verloren hatte. Da wollte der Mann ihr suchen helfen in seiner großen Liebe. Aber er vermochte sie nicht zu lehren, und sie fand nicht die Welt und nicht die Menschen. Und der eigene Mann fürchtete sich vor ihr.

Nun ward sie gesegneten Leibes.

Und als sie geboren hatte, und das Kindlein schrie neben ihr, da ward ihr plötzlich dieWeltoffenbar. Und als sie dem Kindlein die Mutterbrust reichte und der zarte Mund ihr Herzblut trank, da kam so unendlicheMenschenliebein das Herz des Weibes, daß es unter der Fülle zu sterben vermeinte … Und Gott hatte ein Wohlgefallen an des jungen Weibes Wandlung, denn er sagt: ›Die Liebe ist die Größeste unter ihnen.‹«

So schloß die Ahne:

»Das Kind… Enkelin Maren!Das Kind ist des Weibes und des Lebens Erfüllung!«

Jäh hatte Maren ausgeweint.

»So bin ich ausgestoßen von aller Erfüllung, Ahne, Und auch der Mutterhof hat sich mit mir betrogen.«

Da hatte sich die alte Frau langsam erhoben. Die Hände abwehrend ausgestreckt, stand sie steil hochgerichtet, also daß der müde Kopf der gepeinigten, jungen Frau keine Ruhestatt mehr gefunden.

»Ja,betrogen«, wiederholte die Greisin laut und hart. Sie war mühsam zur Tür geschritten. Dort hatte sie sich noch einmal umgedreht und voll Grimm geforscht: »War’s nur ein Rausch? Ist’s Feuer ausgebrannt? Wo blieb die himmellodernde Liebe?«

Der Stolz straffte die gebeugte Maren. »Ich sollte Euch nicht drauf antworten, aber Ihr seid die Ahne. – Mit unsererLiebehat das Schicksal nichts zu tun …«

»So hat wohl Gott den Mutterhof verlassen, und er soll aussterben und dahinfahren …«

Die Tür war zugeschlagen, und Maren fand sich allein.

Dies alles überdachte Maren, da sie heute wieder eine stille Stunde in ihrem Reich gesucht und gefunden hatte.

Vor wenig Tagen erst war die Aussprache mit der Ahne gewesen. Was für Tage der Qual lagen dazwischen! Und das sollte nun so fortgehen durch eine Ewigkeit.

Sie war so jung, so schrecklich jung … Unerträglich dünkte ihr die Zeit, die vor ihr lag.

Ein Sturm ging jetzt über sie hin. Wild und weh weinte sie in jäh ausbrechender Verzweiflung.

Heiß, bitter und ätzend waren ihre Tränen.

Und groß und gewaltig stand eine Sehnsucht in ihr auf. Die Sehnsucht nach einem Paar Kinderaugen, die sich doch nie für sie öffnen würden. Nach Kinderärmchen, die sich doch nie als süßestes Joch um ihren Hals legen würden.

Herrgott gib mir Kraft …!

Nach einer Stunde hatte sie sich durchgerungen.

Eine andere Maren schritt durch die Tür des Jungteils in den Mutterhof. Hoch und aufrecht mit ruhigen Augen und klarer Stirn. Aber der herbe Schmerzenszug, den Kinderlose zu eigen haben, blieb um ihren jungen Mund eingegraben. Sie hatte wohl erst sterben müssen, um recht leben zu können in lauterer, selbstloser Liebe zum Mutterhof und zu all den Menschen ringsum.

So wertete sich Maren Holgers in dieser Kampfstunde ihr Leid in Segen um. –

Ein paar Abende später saßen alle im Wohnpesel.

»Es ist ungutes Wetter«, sagte die Ahne und schaute nach dem Fenster, an dem der Sturm rüttelte. Ihr Spinnrad schnurrte, surrend tanzte die Spindel.

»Keinen Hund möcht man hinausjagen«, nickte Ohm Rickert.

»Sei ruhig, Finn«, rief Edlef dem Hund zu, der an der Türe lag. »Was bist du einmal unstet heute?«

»De ganze Nahmiddag wull he sick ni gewen«, meinte der Knecht. »Ik heff dat all an Fru Mudder seggt.«

»Kusch dich, Finn! …«

Ein langgezogenes Geheul stieß der Hund aus.

»So will ich selbst einmal nachsehen.« Edlef Holgers stand auf. Der Sturm riß ihm ungestüm die geöffnete Tür aus der Hand, und an ihm vorbei schoß der Hund mit großen Sätzen in das abendliche Dunkel hinaus.

»Hierher, Finn!« Das aufgeregte Tier kam zurück, wedelte, bellte und schoß wieder fort.

»Was mag er nur haben?« sagte eine Stimme neben Edlef, und Maren schritt fest und selbstverständlich neben ihm her.

»Nicht doch, Maren, – das ist kein Wetter für dich.«

»Wüßt nicht, warum.« Sie fing ihr Tuch, das der Sturm entführen wollte, mit beiden Armen und wickelte sich fester drein. Edlef zuckte die Achseln. Wie toll gebärdete sich der Hund. Er zerrte an den Kleidern der beiden, sie mußten ihm weiter folgen.

Auf den Stufen der Treppe, die zur Großwarf führte, hockte eine Gestalt. Edlef leuchtete ihr ins Gesicht.

Rasch legte Maren den Arm um die Kauernde. »Du bist krank, Melenke, komm, wir bringen dich heim.«

»Heim?« Melenke lachte schrill. Dann stöhnte sie in grimmen Schmerzen. »Ja, ich bin krank. Morgen, – morgen gehe ich wieder.«

Es war ein mühseliger Weg zurück im Sturm mit der Kranken. Auf dem Hof unter dem Birnbaum zögerte Melenke. »Ich fürchte mich vor der Ahne«, raunte sie.

»Ich nehme dich zumir«, begütigte Maren.

Das Bett in der Gastkammer war bald sorglich geschichtet. Hin und her schritt Maren in ruhiger Geschäftigkeit. Melenke hockte in einem Ohrenstuhl, und Edlef war ohne Gruß und Wort zu den andern zurückgekehrt, um sie auf den Gast vorzubereiten.

»Komm,« sagte Maren liebevoll, »ich will dich auskleiden. –«

Da ließ Melenke mit wehem Lachen das große, verhüllende Tuch sinken, und Maren taumelte zurück …

Nach einer Stunde kam Edlef. Es war heiß drüben zugegangen bei Ahne und Mutter. »Die Ahne geht uns noch zugrund,« meinte Edlef und warf sich müde in einen Stuhl, »aber sie kommen jetzt beide herüber, um Näheres über Melenkes Krankheit zu erfahren …, was tust du da, Maren?« unterbrach er sich und sah sie befremdet an.

»Ich rüste die Wiege auf dem Mutterhof, mein armer Edlef«, sagte Maren ernst und sah den geliebten Mann aus leidvollen Augen an.

»Barmherziger Gott … Melenke?«

»Ja, Edlef. Halte Mutter und Ahne fern. Tante Frauke sitzt drüben, sie ist mir wahre Hilfe und Stütze.« Maren legte ihre beiden Hände auf Edlefs Arm. »Bitte die Mutter, daß du heute drüben schlafen kannst.« Ein liebliches Rot stieg in ihr junges Gesicht. »Wir können dich hier so gar nicht brauchen heut nacht.«

Schrille, herzzerreißende Klagelaute tönten aus der Kammer nebenan. »Geh, – geh, mein Edlef.«

»Herrgott!« stammelte er, – »will denn die Schmach gar nicht enden für den Mutterhof?«

Sie sah ihn still an. Dann meinte sie: »Wie wir das Schicksal betrachten. Es kommt nur auf unsere Augen an.«

Da senkte Edlef Holgers tief das Haupt.

Am andern Morgen schritt Maren aus dem Jungteil hinüber nach dem Mutterhof. Ahne und Mutter Holgers saßen bei ihrer Brennsuppe. Ohm Rickert paffte große Wolken. Edlef schaffte schon in Hof und Stall umher.

»Es ist ein Knabe«, sagte Maren statt aller Begrüßung. Und faßte gleich darauf das klein gewordene Runzelgesicht der Ahne in ihre jungen, lebenswarmen Hände. »Nicht wieder krank werden, nicht verzagen, Ahne!«

Die Mutter war hinausgegangen.

Die Ahne hatte die Hände ineinander gekrampft. Nicht zum Beten. »Der Herrgott hat den Mutterhof verlassen«, sagte sie laut und hart.

Da tönte Marens weiche, junge Stimme: »Ich kann das nicht glauben. Wo Gott ein Kindlein hinschickt, solch Haus ist nimmer verlassen …«

Sie wollte noch fragen: Warum femt ihr mich denn, wenn ein Kind euch doch so wenig gilt? Aber sie wollte der Greisin nicht noch weher tun.

»Seit Menschengedenken ist kein unehelich Kind auf dem Mutterhof gewesen«, hub die Ahne wieder an. »Junggaster und Haustöchter lebten allstunds untadelig Leben …«

Sie schlug die welken Hände vor das Antlitz, die alten Augen hatten die Tränen verlernt, um so erschütternder klang ihr trockenes Schluchzen.

Nach einer Weile verstummte es, und die Ahne erhob sich mühsam. »Ohm Rickert und Enkelin Maren! Ihr werdet niemand sagen, daß ihr mich schwach gesehen habt. – Ich danke dir, Maren, daß du die verlorene Tochter pflegst, als sei sie ehrlich. Am neunten Tage ihres Wochenbettes werde ich zu ihr gehen und sie nach dem Vater des Kindes fragen. Rüstet zu einer stillen Hochzeit.Vorher soll das Kind getauft werden. Mein Enkel Edlef wird den Namen bestimmen, weil uns die Schmach angetan worden ist, niemand von der Sippe des Kindvaters zu kennen. Und da wir keine Wehmutter hatten, so soll das Kind von unserer alten Magd zur Kirche getragen werden ohne Festkleid und ›Brokaten Holl‹[4]. Auch soll die Wöchnerin keine ›Wöffesamling‹[5]abhalten dürfen, so hart mir diese Pön ankommt, die den Mutterhof trifft wie einen Schlag. Dagegen wird meine Enkelin Melenke ganz allein den ›Un Sark gung‹[6]halten, doch soll ihr niemand Opfergeld geben. Und will der Pastor ihr Fem und Pön dabei auferlegen, so muß sie es tragen.«

[4]Erbmütze.[5]Frauenversammlung.[6]Kirchgang.(Anm. d. Verf.)

[4]Erbmütze.

[4]Erbmütze.

[5]Frauenversammlung.

[5]Frauenversammlung.

[6]Kirchgang.(Anm. d. Verf.)

[6]Kirchgang.

(Anm. d. Verf.)

Die Ahne schwieg erschöpft und Ohm Rickert war hinter seinen Rauchwolken schier verschwunden. Seine Stimme klang grollend hinter dem Nebel: »Nun wird der Soot zugedeckt, aber erst nachdem das arme, junge Blut hineingefallen ist …«

Maren ging müde in das Jungteil des Mutterhofes zurück. Dort sah es ganz friedlich aus. Die junge Wöchnerin schlief fest nach der erschöpfenden Nacht. Auch Tanten Frauke hatte sich etwas niedergelegt. In Marens Wohnpesel stand die Wiege mit dem Neugeborenen. »Du Armes!« sagte die junge Frau zu dem kleinen Bündel in den rotgewürfelten Kissen. »So gar nicht willkommen geheißen, und doch ein Gottesgeschenk …«

Sacht bewegte ihr Fuß die Schwengel und leise sang ihr Mund uralte Wiegenweise:

Nu will ick to Bedde gaan,Fjertein Engelkin bi mi staan.Twe bi min Höde, twe bi min Föde.Twe bi min rechte Hand;Twe bi min linke Hand,Twe, de mi decken,Twe, de mi wecken,Twe, de mi fören int himmelske Paradeis.

Nu will ick to Bedde gaan,Fjertein Engelkin bi mi staan.Twe bi min Höde, twe bi min Föde.Twe bi min rechte Hand;Twe bi min linke Hand,Twe, de mi decken,Twe, de mi wecken,Twe, de mi fören int himmelske Paradeis.

Nu will ick to Bedde gaan,Fjertein Engelkin bi mi staan.Twe bi min Höde, twe bi min Föde.Twe bi min rechte Hand;Twe bi min linke Hand,Twe, de mi decken,Twe, de mi wecken,Twe, de mi fören int himmelske Paradeis.

Nu will ick to Bedde gaan,

Fjertein Engelkin bi mi staan.

Twe bi min Höde, twe bi min Föde.

Twe bi min rechte Hand;

Twe bi min linke Hand,

Twe, de mi decken,

Twe, de mi wecken,

Twe, de mi fören int himmelske Paradeis.

Neun Tage später klopfte es mit hartem Finger an die Schlafstube im Jungteil. Maren Holgers, die noch die letzte Hand an das Aufräumen des Pesels legte, erschrak bis ins Herz hinein. Melenke lachte geringschätzig. »Wie willst du das Leben ertragen, Maren, wenn du so’n Bangbüx bist. Als obdudie Dummheit gemacht hättest und nicht ich. Ganz blaßßnuutig sühst du ut.«

»Seid ihr fertig dadrinnen?« tönte die Stimme der Ahne hinter der verschlossenen Tür. »Ich bin es nicht gewohnt zu warten.«

Wieder lachte Melenke hart. Und schob Marens stützende Hand fort und ging selbst zur Tür, die sie entriegelte. »Gö Dai, Ahne, gö Dai, Mutter, da habt ihr mich. Macht’s kurz.«

Die Ahne schaute finster auf die Enkelin, während Mutter Holgers nichts zu sehen schien als die plumpe, blumenbemalte Holzwiege mit dem Enkelkinde, das man ihr so lange vorenthalten. –

Sie hob das Kind aus den Kissen.

Alles Herbe fiel von ihr ab. Was da so winzig und hilfsbedürftig auf ihren Armen lag, war Fleisch und Blut von ihrem eigenen Selbst. Ihr erstes Enkelkind. Tausend unsichtbare Quellen sprangen in ihr auf. Wie geschah ihr? So hatte sie nie ihre eigenen Kinder geliebt, wie dieses verfemte Lebewesen, das man so gern auf dem Meeresgrunde bei Ekke Nekkepenns Weib gelassen hätte. Gleichviel, sie liebte es. Trotz der Schande, die seine Mutter über den stolzen Mutterhof gebracht. Und trotzdem man nicht seines Vaters Namen wußte. Scheu und ungeschickt küßte Mutter Holgers das kleine, rote Gesichtchen. Dann legte sie das Bündelchen sorgsam in die Wiege zurück und hielt hastig eine Milchflasche mit rotem Saugpfropfen der jungen Mutter entgegen: »Was ist das? Seit wann zieht man auf dem Mutterhof Flaschenkinder groß?«

Melenke gab keine Antwort und Maren sah wie schuldbewußt vor sich nieder.

»Antworte deiner Mutter«, gebot rauh die Ahne.

Melenke zuckte die Achseln und ließ sich in den Ohrenstuhl gleiten, denn ihre Kräfte waren noch nicht völlig wiedergekehrt. »Das Selbstnähren ist für seßhafte Leute«, sagte sie mürrisch. »Sobald ich arbeiten kann, gehe ich wieder nach Hamburg. Da muß das Kind ohnehin die Flasche bekommen …, eine Freundin von mir will’s aufziehen …«

Maren sah in ungläubigem, schreckhaftem Staunen auf die Schwägerin. Die Ahne winkte ihr. »Laß uns allein, Maren.« Da erhob sich rasch auch Mutter Holgersund ergriff mit Maren zusammen die Holzwiege und trug sie mit ihr hinüber in den Wohnpesel.

»Melenke …« sagte heiser die Ahne. »Wer sein Kind nicht an die Brust nimmt und mit eigenem Herzblut nährt, der ist schlecht. Und eine Sünde ist’s wider Natur und Gottsgebot. Lieber wollt’ ich, ich wär’ vorher taub geworden, damit ich solche Red’, wie deine vorhin, nicht verstanden hätte – – Bist du denn auch eineMutter?«

»Leider Gotts, ja.«

»Versündige dich nicht! Mutterschaft ist heilig. Du bleibst bei deinem Kind. Der Hof trägt’s. Jetzt gibst du erst einmal dir selbst einen Beschützer, deinem Kind den Vater. Dein Bruder Edlef wird den Mann dann empfangen, und soll kein unrechtes Wort weiter fallen über deinen Fehltritt. Büßt es gemeinsam ab, und bringt euch selbst wieder zu Ehren …«

»Ich weiß nicht, was die Ahne will …« sagte Melenke unbehaglich.

»Glaub’s schon, daß du schwerere Strafe erwartet hattest, als das Ja und Amen deiner Sippe.« Wieder zuckte der Ahne Blick scharf nach dem Mädchen hin. »Wir tun’s auch nicht um deinetwillen, sondern um Mutterhofs Ehre und Ansehen.«

Melenke schwieg.

Die Ahne erhob sich. »So schreib jetzt das Nötige auf, der Edlef wird den Brief selbst nach Hamburg bringen. Dank es recht deinem ältesten Bruder, es ist ein schwerer Weg. –«

»Ich verlang ihn nicht von ihm.«

»Melenke!!!«

Düster brannten die Augen des Mädchens in dem blassen Gesicht: »Laßt mich wieder nach Hamburg!« stieß sie hervor.

»Nein!Hierher soll der Mann kommen und dich und sein Kind holen. Ichwill’s. Und ich rede im Namen der Sippe, der toten wie der lebendigen. Kann der Schuldige euch beide ernähren, so folgt ihr ihm nach Hamburg. Kann er’s nicht, so wird euch dreien der Mutterhof das Brot geben … denNamenwill ich, Melenke!!! …«

Tiefes Schweigen.

»Mußt du dich seiner schämen?« fragte leise die Ahne. »Warst du so von Gott verlassen? Melenke hör’ zu! Hab’ keine Furcht! Vielleicht denkst du, die Sippe wird herabschauen auf ihn … Melenke,ich, die Ahne, werd’s nicht leiden. Hörst du mich? Sieh mich an. Siesollenihn und dich achten ich, ich – die Ahne, befehl es ihnen. Nur mach’ dich ehrlich! Den Namen – Melenke, sprich den Namen!«

Die dürren, runzligen Hände streckten sich flehend der Jungen entgegen, heiser und schrill, wie zerbrochen klang die Stimme der Ahne. Fliegende Hitze jagte über Melenkes Gesicht. Sie wollte die alte Hand fortschütteln, die sich um ihren Arm krampfte.

»Laß mich, Ahne …«

»Den Namen … Melenke!«

Mit einem Ruck riß sich das Mädchen los und sprang auf. »Ich weiß ihn nicht!«

Da veränderte sich jäh das Antlitz der Ahne, undMelenke schrie laut auf vor Angst, als sie in die verfallenen Züge sah.

»Du weißt ihn nicht???«

»Nein!!! Hab’ ihn nie gewußt … War nicht neugierig in jener lustigen Stunde …Das Lachen wollt ich lernen, das man mir im Mutterhof verbot…«

Da ächzte die Greisin auf. Ganz still war es dann im Pesel. Minuten verrannen. Tief lag das weiße Haupt gebeugt auf den krampfhaft verschlungenen Händen. Dann wieder das schwere Ächzen … und wieder, und wieder …

Vor Melenkes Augen tanzte die Stube. Sie griff nach dem Wasserkrug auf dem Tische und trank daraus. Einen scheuen Blick warf sie auf das zusammengekrümmte Etwas am Tisch, dann kroch sie fröstelnd ins Bett. –

Als Maren etwas später an die Kammertür pochte, wurde ihr keine Antwort. Sie legte das Ohr an die Tür, sie hörte rufen und lachen …

Da schritt sie befremdet herein.

Und fand ein totkrankes junges Weib, das rang mit dem Fieber und lachte … lachte …

Und fand eine Tote mit tiefgeneigtem Haupt über den gefalteten Händen.


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