Chapter 11

Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.

Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.

Der verkrüppelte Baum am Schulgarten ächzt im Sturm.

Und als tue es ihm selbst weh, daß er ihn so zausen muß, so klagt er zu seinem Stöhnen.

Gut stimmt die trübe Melodei zu meinem eigenen Empfinden. Irgendwo in Herzenstiefen schlummert die Frohnatur von Manne Wögens, aber niemand weckt sie auf.

Nicht einmal die Schulkinder, diese täglichen, hellen Mahner: »Und abermals freuet euch!«

Wie ist die Lücke so unnatürlich weit und groß, welche der Heimgang der Ahne in mein Leben gerissen.

Kaum um ein junges Weib, das mir Herz und alle Sinne füllte, könnte ich so trauern, wie um die fast Neunzigjährige.

Ohm Rickert sagt: »Wie die Hühner ohne Kopf torkeln wir umher.«

Dabei war er der allzeit Unbotmäßige, der sich einweg mit der Ahne gestritten hat. Und er setzt verdrossen hinzu: »Es ist auch gut, daß ich keinen Kopf mehr habe, denn es ist nüms da, der ihn waschen könnte.«

Die Kopfwäsche fehltmirnicht, denn die Ahne war trotz ihres überragenden Alters von einer rührenden Ehrerbietung gegen mich. Aber ihr scharfer Spott geht mir ab, ihr schlagender Witz, ihr trockener Humor, ihre gute, kräftige Sprache. Die Hallig ist verwaist, ihre Mutter ist heimgegangen. Und ich, der ich meinte, die Ahne am besten zu kennen, war auch nur ein Stümperin der Seelenkunde. Glaubte allstunds, die alte, herbe Frau habe denStolzan die oberste Stelle gesetzt …

Und es ist doch dieLiebegewesen. Wunderliche, verleugnete Liebe. Aber doch »die Größeste«. –

Edlef hat mir erzählt, was man erlauscht.

Wilde, wehe Rufe und Bitten: »Den Namen! Sprich den Namen! Melenke.«

Und da die Ahne gewahrte, daß ihr bluteigen Enkelkind aus schnöder, gacher Lust gefehlt, und keine sühnende Liebe herbeizurufen war, da hat diese Erkenntnis das alte, stolze Herz gebrochen. – Gott schenke ihr fröhliche Urständ!

Ahne, liebe Ahne, der junge Schulmeister trauert bitter um dich. – – –

Als wir sie auf dem Gottesacker betten wollten, fragte Pastor Licht nach letztwilligen Verfügungen.

Die schienen zu fehlen, aber dann fanden wir eine Eintragung im »Zeitbuch« der Ahne.

Sie ist an jenem Abend geschrieben, da Melenke Holgers die Schande auf den Mutterhof brachte.

»…und so bitte ich inständig den Pastoren mir wieder die Hand zu reichen. Und wann mein letztes Stündlein sollt kommen, so will ich in Frieden und Demut neben Peder Claußen ruhen…«

Als Pastor Licht das gelesen, sind ihm die hellen Tränen aus den Augen geronnen, und er hat sich ihrer nicht geschämt. Ja, die Ahne, die Ahne …

Mein alter, wunderlicher Knecht erzählte mir, daß er den schwarzen »Sterbevogel« mit dem weißen Kranzum den Hals hätte fliegen sehen. Erst um den Glockenturm herum, dann dem Mutterhof entgegen … Darauf sei die Kunde von dem Ableben der Ahne gekommen. Halligaberglauben. Man möchte gern daran rütteln, aber man muß fein Obacht geben, daß kein gutes Vertrauen dabei abbröckelt. Eine zweite Verfügung hinterließ noch die Ahne: »Bringt mich nach altem Halligbrauch unter die Erde, aber die ›Sörgewüffe‹[7]lasset fort, auf daß die Parentation nicht gestöret werde.«

[7]Klageweiber.

[7]Klageweiber.

Vier alte Halligfrauen haben der lieben Toten die üblichen schwarzen Trauerkleider angelegt, haben sie im Pesel auf den Tisch gebettet, auf welchem mit einer Decke belegtes Stroh geschichtet war. – Dort ruhte die Greisin bis zur Sarglegung. Fürsorgliche Ahne! Du hattest dein letztes Bettlein schon seit zehn Jahren auf dem Boden stehen …

Treulich haben wir an jedem Tage, da die Leiche noch über der Erde stand, eine halbe Stunde die Totenglocke geläutet und am Beerdigungstage mit dreimaligem viertelstündigem Läuten die Totenklage beendet. Mit Edlef Holgers zusammen hielt ich die Leichenwacht. Zwei brennende Kerzen warfen ihr stilles Licht über die Schläferin. Am dritten Tage banden wir den Sarg mit starken Kabeltauen an zwei langen Stöcken fest. Breiteten das weiße Leichentuch über ihn und trugen ihn fort.

Vor jeder Warf ließ ich die Schulkinder eine Strophe singen, es hallte ernst und schön über die stille Hallig hin. Auf dem Gottesacker wurde der Sarg von den Stöckengelöst und auf die Bahre gesetzt. Dann trugen wir ihn ein paarmal um die Kirche herum.

Gute Ahne, du warst es uns wert, daß wir die uralten Gebräuche heilig hielten.

Jetzt ruht schon unter Glas und Rahmen ein Spruch auf dem Grabe, das ich mit eigener Hand dicht mit Muscheln belegte und mit Bonnestave besteckte. Den Spruch tragen alle Müttergräber des Mutterhofes von Urbeginn:

»Weiber, so da Kinder zeugenUnd dabei im Glauben stehn,Die hat Jesus ihm zu eigenSelbsten ewig ausersehn.Dies lindert mir mein Schmerz.Ruh weyland sehr geliebtes Herz! –«

»Weiber, so da Kinder zeugenUnd dabei im Glauben stehn,Die hat Jesus ihm zu eigenSelbsten ewig ausersehn.Dies lindert mir mein Schmerz.Ruh weyland sehr geliebtes Herz! –«

»Weiber, so da Kinder zeugenUnd dabei im Glauben stehn,Die hat Jesus ihm zu eigenSelbsten ewig ausersehn.Dies lindert mir mein Schmerz.Ruh weyland sehr geliebtes Herz! –«

»Weiber, so da Kinder zeugen

Und dabei im Glauben stehn,

Die hat Jesus ihm zu eigen

Selbsten ewig ausersehn.

Dies lindert mir mein Schmerz.

Ruh weyland sehr geliebtes Herz! –«

Als wir den Sarg in seine letzte Stätte hinabließen, raunte mir mein alter Knecht zu: »Dat is noch ni to Enn, dor kümmt noch wat nah.« Und er zeigte auf die Seile, die sich untereinander »verkrüngelt und vertüdert« hatten.

Unwillig wies ich ihn ab.

Aber auch dieser Halligaberglauben wird sich nicht ausrotten lassen, sondern sich forterben von Geschlecht zu Geschlecht.

Und jeder der älteren Halligleute ist fest davon überzeugt, daß die »verkrüngelten und vertüderten« Sargseile den Tod der jungen Melenke vorhergesagt haben …

Nach der Beisetzung der Ahne schritten wir erst alle ins Gotteshaus, um die Wachskerze für die Heimgegangene auf den Altar zu stiften. Dort soll sie am Geburtstageund zu hohen kirchlichen Festen ihr zum Gedenken angezündet werden. Als wir zum schlichten Totenmahl in den Mutterhof gingen, hörten wir durch die geschlossenen Fenster hindurch das laute, fieberirre Reden und Klagen der totkranken Melenke. Nur flüchtig sah ich Schwester Maren. Die hatte Tag und Nacht bei der Kranken gewacht, wie wir bei der Toten. Aber ich erschrak doch vor dem Schmerzenszug in ihrem Gesicht …

Schwager Edlef Holgers, wann wirst du deinem jungen Weibe die Dornenkrone wieder abnehmen? Willst du mit Gott rechten? Ist dir der Reichtum nicht genug, der im Herzen eines reinen Weibes ruht? Schwer hast du mich enttäuscht, den ich meinen liebsten Freund nannte. Vergiß nicht, daß du geschworen hast, Edlef Holgers! Du hast vor Zeugen gerufen: »Ich will sie glücklich machen, so wahr mir Gott helfe!«

Neben die Großmutter betteten wir die Enkelin.

Zwei Eisenköpfe will der Tod zu Staub werden lassen.

Der dritte Eisenkopf, die Nomine, ließ sich nicht blicken. Dessen Hirn trieb just Blütlein zur Freude der Examinatoren.

Nomine Holgers hat am Begräbnistage der Ahne ihr Doktorexamen bestanden.

Sie promovierte in Kiel und überließ es uns, die treue Ahne, diese Wertvollste der ganzen Holgerssippe, einzubetten. Die Doktorandin sah sich »endlich« hinauswachsen aus dem »Milieu der Subalternen«. Und darüberist ihr die arme Hallig versunken mitsamt der Ahne und der jungen, verirrten Schwester Maria Magdalena. –

Das Telegramm, aus dem das Glück buchstäblich hervorlachte: »Hurra, bestanden!Summa cum laude«, schickte mir Edlef durch meinen Schüler Onnen. Da liegt es noch vor mir auf dem Schreibtisch. –

»Willst du deine Schwester nicht wissen lassen, was sich hier alles ereignet hat?« fragte ich Edlef. »Es stirbt nicht alle Tage ein Edelmensch.«

»Nein«, entgegnete er finster. »Die Nomine will jetzt eine fröhliche Rhein- und Moselfahrt machen, da braucht sie leichtes Gepäck. Sollen wir sie unnütz mit der Hallig beschweren und mit unserer düsteren Traurigkeit?«

Ich wollte sagen: »Alle Rhein- und Moselfahrten wiegen nicht das Glück auf, von einer Frau abzustammen, wie es Ahne Gesine Holgers war«, aber ich wandte mich wortlos.

Mit Edlef Holgers ist jetzt nicht zu rechten und zu streiten, ja nicht einmal zu reden. Dem hat eine unsichtbare Faust all die jungen Baumkronen mit den Blütenzweigen zerschlagen. Nun muß er sich erst wieder zurechtfinden. Muß die bittere Enttäuschung unter die Füße zwingen. – Ihm ist noch nichts Ernstes verquer gegangen. Nun hadert er mit dem Schicksal um einen Stammhalter. – Und hat doch in seinem Bruder Onnen den prächtigsten, vorbildlichen Erben. Vielleicht, daß sich von den übriggebliebenen Baumstämmen noch ein warmes, leuchtendes Feuer anzünden ließe für den Winter seines Lebens …

Marenschwester, ich vertraue auf dich. Du wirst den Herd seines Hauses nicht erkalten lassen …

Eigentlich müßte es jetzt recht trübsinnig zugehen im Mutterhof. Nach all dem Erleben und all dem Ersterben. –

Aber dem ist nicht so.

Da war ein Morgen nach den beiden düsteren Begräbnissen, da stand sein junges, blasses Weib schier fröhlich vor Edlef Holgers und sagte: »Mich dünkt, Lütt-Krischan bleibt am besten auf dem Mutterhof, ich will ihn wohl großziehen.«

»Den Bankert?« hatte Edlef feindlich gefragt.

Und wieder die Maren: »Da sei Gott vor, daß wir Melenkes Sohn einen solchen Übelnamen geben. Ist er auch vaterlos, so hat er dafür euern Namen bekommen, ist also nun ein Holgers.«

Dies Gespräch hat mir Ohm Rickert erzählt. Edlef hat nichts gegen Marens Vorschlag gesagt. Recht ist es ihm wohl nur der Leute wegen, vor denen er nicht des Hauses unsaubere Wäsche waschen möchte. Aber meine Marenschwester blüht auf seitdem.

Und zwei alte Frauen werden noch einmal jung und unbitter. Mutter Holgers stiehlt sich in jeder freien Minute zum Enkelkind und ist also, runzellos und glückhaft, kaum wieder zu erkennen. Und Tanten Frauke fallen plötzlich alte, friesische Wiegenlieder ein. Die sieselbstnie singen durfte, singt sie nun Marens Pflegekind:

»Slaape, min Börn, ick wage di wat;Wiarst man irst grotter, dan schluan ick di wat.Aber dö best nog soll’ to jungDö möst nog en Jir waged wese.«

»Slaape, min Börn, ick wage di wat;Wiarst man irst grotter, dan schluan ick di wat.Aber dö best nog soll’ to jungDö möst nog en Jir waged wese.«

»Slaape, min Börn, ick wage di wat;Wiarst man irst grotter, dan schluan ick di wat.Aber dö best nog soll’ to jungDö möst nog en Jir waged wese.«

»Slaape, min Börn, ick wage di wat;

Wiarst man irst grotter, dan schluan ick di wat.

Aber dö best nog soll’ to jung

Dö möst nog en Jir waged wese.«

Jeden Tag erzählten mir Onnen und Karen von Lütt-Krischan. Wie er kräht und schreit und schläft und wieder schreit und recht das Regiment führt im großen Gewese. Und komme ich hin, dann laufen mir alle entgegen und ziehen mich zur Wiege, da muß ich von zwei eifrigen alten Frauen hören, welch ein Wunderkind Jung-Krischan ist, und Onnen und Karen zeigen mir, was er Neues kann. Maren berichtet stolz, wieviel er gewachsen, und was er wiegt und sieht in ihrer mädchenhaften Mütterlichkeit sehr lieblich aus. –

Der Herr des Mutterhofes merkt freilich nichts von dieser Lieblichkeit. Seine Stirn ist immer so tief gefurcht, wenn er in die Wiegenatmosphäre tritt, daß sich das Bild jäh verändert. Man trägt Lütt-Krischan rasch in die leere Döntje der Ahne, und die Frauen nehmen ihr Spinnrad oder das Klöppelkissen zur Hand, wenn sie nicht überhaupt vorziehen, in ihr Eigenheim zu enteilen. Und in Marens Antlitz tritt wieder der Leidenszug, dem sich neuerdings eine kleine, feste Falte zugesellt, die ungefähr sagt: »Ichwill!«

Am Hochzeitstage meiner Schwester Maren war ich es wohl allein, der verstand, was für einen Spruch Ohm Rickert der Braut mitgab: »Man kann die Stube nur vom Sofaplatz aus beherrschen …«

Ich glaube nicht, daß meine Marenschwester sich freiwillig je wieder auf einen Stuhl setzt.

Über die Hallig tobte der Sturm aus Südwest.

»Dat duert mi all to lang«, meinte Ohm Rickert und schaute bedenklich drein, und trat ans Fenster und sah nach den jagenden Wolken und nach der wilden See. Onnen Holgers stand neben ihm. »Süh, min Jung,« belehrte ihn Ohm Rickert, »dor kümmt een durch den engelschen Kanal in de Nordsee. De Atlantische Ozean will uns en beten besäuken. Paß up. Allstunds nimmt de Storm noch to, trotzdem wi Ebbe hebbt, dat’s ’n slechtes Teken.«

»Meinst du, daß wir eine richtige Sturmflut kriegen?« fragte Onnen gespannt und machte ganz erwartungsvolle Augen. Der Ohm deckte sie ihm mit seiner großen Hand zu.

»Jung, lösch die Lichters. Dat is nix to lachen. Das braucht nich grod Sturmflut to werden, Gott schall uns bewohrn. Dann müßt all dreierlei tosamen kamen: Sturmstärke neun, und dann vierundzwanzig Stunn mit den ›Syzygien‹ tosamen. Und dann, min Jung, mut de Wind vör de Springflut umspringen nah Nordwest. Und wenn denn bei Hohlebbe de Hallig noch unner Water steiht, un de Storm nich aufflaut, sondern so bi bliwwt, – min Jung, dann fallt dien Hart eklig in de Büx.«

»Seid ihr bang, Ohm Rickert?« fragte Maren geruhig vom Sofa her.

»Bang bün ik all min Lebtag nich west,« wehrte Ohm Rickert, »aber aus Südwest kommt nix Guts zur Hallig. Dat wir gut, wenn wi de Gesangbäuker hernehmen.«

Onnen sprang zum Tisch und holte aus dem »Schapp« die Bücher. Maren ließ das Wiegenband los und faltete die Hände. Ohm Rickert stimmte als Ältester erst einmal sein eigen Lied an und rief es zum Fenster hinaus. »Christ Kyrie, komm zu uns auf der See.« Und nachdem er es dreimal gesungen, fielen die Frauen mit klangvollen Stimmen ein. Maren sang allen voran und ihr zartes Gesicht leuchtete in aller Glaubenskraft:

»Mächtig hast du abgewehretSchaden, Unfall und Gefahr,Und das Gut steht unversehret,Und gesegnet war das Jahr.«

»Mächtig hast du abgewehretSchaden, Unfall und Gefahr,Und das Gut steht unversehret,Und gesegnet war das Jahr.«

»Mächtig hast du abgewehretSchaden, Unfall und Gefahr,Und das Gut steht unversehret,Und gesegnet war das Jahr.«

»Mächtig hast du abgewehret

Schaden, Unfall und Gefahr,

Und das Gut steht unversehret,

Und gesegnet war das Jahr.«

»Christ Kyrie, komm zu uns auf der See«, schloß Ohm Rickert mit eindringlichem Ruf die kurze Andacht. –

Sacht schaukelte wieder die Wiege.

Ein erneuter Sturmprall stieß die Tür auf. Jemand flog mit herein und setzte sich verpustend auf den Stuhl, der neben der Tür stand. Der ganze Mann triefte vor Nässe und Onnen sprang zu, und nahm ihm den Mantel und die Mütze ab, um sie auf der Diele vor das offene Feuer zu hängen.

Maren lachte ein wenig.

»Muß erst der Südwest euch auf den Mutterhof blasen, Nachbar Luersen? Wir haben uns Wochen nicht gesehen oder gar Monate?«

Der Angeredete schaute stumm vor sich hin, ganz zusammengeduckt saß er da.

»Mich dünkt,« meinte Ohm Rickert, »da hat noch jemand dem Sturm nachgeholfen. Erstmal aber brau ich ’n lütten Teepunsch, der wird dann das Nötige aus Nachbar Luersen rausholen.«

Dieser wehrte müde mit der Hand. »Dein Heilmittel hat zwei Seiten, ich hab’ sie schon allbeid ausprobiert …«

»So will ich dirdieSeite brauen, die heut für dich gut ist, arm Stackel.«

Als Ohm Rickert nach einer guten Viertelstunde wieder hereinkam, fand er genau dasselbe Bild. Die wiegende Maren, die beiden klöppelnden alten Frauen, die Kinder über ihren Schularbeiten, und den Besuch noch immer zusammengeduckt auf dem Stuhl an der Tür. Eine kleine Wasserlache stand um ihn herum.

Ohm Rickert klopfte ihm auf die Schulter. »Da hängt man wohl am besten den ganzen Kerl vors Feuer«, lachte er gemütlich. »Un dor is de Teepunsch. Dat’sminRezept. Wasser hab sich nich viel drin, das hast du all nog mitbrächt. Trink, Nahbar Luersen, un vertell din Sorgens.«

Mit beiden Händen umfing der Verklamte das heiße Glas. Ein wohliges Schauern ging durch ihn hin. Aber er sprach nichts, bis er die Hälfte des Inhaltes mit dem Löffel ausgeschöpft und den abgekühlten Rest mit einem einzigen, gierigen Schluck hinuntergegossen hatte.

»Wenn die Kinder hinausgehen könnten …«

Gleich nahm Onnen die Schwester bei der Hand, und wenige Minuten später standen sie schon beide, von einemdicken Umschlagetuch umwickelt, vor der Haustür. Tüchtig mußten sie sich anstemmen, um nicht umgerissen zu werden, und mit hellem, freudigen Aufkreischen beobachteten sie, wie das Wasser herankam. An der Halligkante tobte schon die Brandung, die alle Rinnsale schnell füllte und zuerst Schaumtropfen, dann aber Riesenwellen über die Insel hinjagte.

Drinnen nahm Vadder Luersen mit raschem Griff seinen Stuhl und schob ihn an den runden Tisch.

»Warm und still und satt ist’s bei Euch, Maren Holgers«, sagte er aufatmend.

Sie wartete, ob noch etwas nachkäme, aber der Gast hatte sich niedergesetzt und brütete vor sich hin. Da fragte sie lächelnd: »Kamt Ihr bei dem wilden Wetter von der Schulwarf, um mir das zu sagen?«

»Freilich nicht. Frauenrat wollt’ ich hören. Ich dacht: ›Mutter Holgers ist erfahren, Frauke Holgers ist besinnlich, und Maren Holgers ist rasch und zupackend, obendrein voll Liebe für alle Halligkranken‹ …«

»So? Meint Ihr das?« fragte Maren, und ein froher Schein flog über ihr Gesicht. »Und wobei dürfen wir raten?«

Es wurde ihm schwer zu antworten. –

»Uns’ Akke ist heut mittag mit einem lütten ›Sokkerpöös‹ angereist gekommen. Von ihrem Mann will sie weg. – Nichts da, hab ich gesagt, du gehst zu ihm zurück. Das wird sie denn auch getan haben … Sie nahm die Richtung nach der Postfähre. So ein Dickkopf. Ein lütt büschen hätt’ sie ja gut warten können … Sie istnichthier?« fragte er plötzlich dringlich.

»Wie sollte sie hierherkommen?« Maren schoß das Blut ins Gesicht. Und Mutter Holgers setzte finster hinzu: »Eure Akke hat den Mutterhof noch nicht wieder betreten – seit damals …«

»Weiß schon, weiß schon«, nickte Vadder Luersen, »und ich will nun wieder gehen.«

Tanten Frauke hob den Kopf. »Und unser Frauenrat?«

Er erhob sich schwerfällig. »Der ist nun nicht mehr vonnöten. Ich hatt’ eben gemeint, – die Akkemüßthier sein.«

»Ihr sagt uns nicht alles«, rief Maren rasch. »Ihr habt Eure Tochter und den Säugling bei diesem Wetter von Euerm Haus verjagt? Ist’s so?«

Vadder Luersen reckte sich. »Arm ist unser Haus und bis obenhin voll Schulden und unnützer Fresser, aber doch zu schade für ein weggelaufenes Weib …«

Das angstvoll forschende Gesicht des Vaters strafte aber die herben Worte Lügen.

»Warum habt Ihr unsern Rat nicht früher geholt?« fragte Maren mit blitzenden Augen. »Die Akke gehört inEuerHaus.«

»Ja, früher einmal.«

»Das Recht verlischt nicht.Ihrhabt sie verheuert. Mit Euerm Willen hat sie den Hamburger genommen.«

»Und mit ihrem eigenen. Das könnt mir fehlen, daß ich zu meinem bannig vielen Kinnerwarks auch noch Enkel sollt aufnehmen …«

»Beinahe möcht’ ich sagen: Schämt Euch, Nachbar Luersen!« rief Maren. »Aber Ihr seid verbittert. Deshalbleg’ ich nichts auf die Goldwage … Inwendig bei Euch sieht’s ganz anders aus. Ich habs immer gefühlt, daß die Akke Euer Spiegel ist.«

Vadder Luersen stöhnte auf. »Dat is ja nur, dat mi dat min Akke andeiht. Mien eigen lütte, söte Deern! Es ist die Schande. Daheim die jammernde Olsch’, – und in Hamburg der fremde Schwiegersohn … ›Halligpack‹ hat er ihr nachgerufen … Das Wort frißt einen Friesen auf. ›Halligpack!‹«

»Das Wort fällt von uns ab«, sagte Maren ruhig. »Und den, der’s aussprach, trifft es. Nehmt’s nicht wieder in den Mund, Vadder Luersen. Was soll der Hamburger Schmutz auf unserer reinen Insel?«

Der Gebeugte richtete sich auf und sah die Sprecherin unverwandt an. »Von Euch, Maren Holgers, geht niemand ungetröstet fort.«

Maren errötete, denn sie fühlte, wie auch die anderen sie eigen anstarrten, als sähen sie die Hausgenossin zum erstenmal. –

Draußen polterten die Kinder, schrien und riefen.

Vadder Luersen öffnete die Tür. »Jesus, – komme ich denn da noch heim???«

Ein jäher Sturmstoß gab ihm Antwort. Beide Kinder fielen zu Boden, Onnen raffte sich wieder auf und sprang auf die Diele, die schreiende Karen nahm Vadder Luersen mit raschem Griff und hob sie über die Schwelle. – Wilder Aufruhr ringsum. Im Tief überschlugen sich die Wellen, Brandung und Gischt tosten und sprühten, nur der Halligsee war der einzige »ruhende Pol«.

Maren brachte Mantel und Mütze. »Macht fix zu,Vadder Luersen«, drängte sie. »Solang die Leeseite noch ruhig ist, kommt Ihr heim. Grüßt Mutter Luersen. Laßt Eure Sorgen auf unserer Diele …«

»Habt Dank!« Der Wind verschlang die Worte.

Einen Augenblick verweilten die Bewohner des Mutterhofes noch in der offenen Tür, um all das Gewaltige in sich aufzunehmen. Die jäh veränderte, sonst so stille Insel, die grauen Wassermassen, die zerrissenen Wolken am Himmel mit dem glutroten Sonnenball, und die Schwärme der schutzsuchenden Vögel, die angstvoll um das Haus flatterten oder sich im Hof und Garten zutunlich niedergelassen hatten.

Mit scharfen Augen spähte Maren umher, dann entdeckte sie das, was sie suchte. Edlef Holgers trieb das weidende Vieh vor sich her.

»Rühr dich, Onnen,« rief Maren dem jungen Schwager zu, »riegele die Ställe und Hocken auf …«

Dann kämpfte sie sich durch den steifen Südwest dem Gatten entgegen.

»Schweres Wetter!« sagte er, als sie dicht vor ihm stand. Weiter nichts. Maren biß die Zähne zusammen. Edlef war drei Tage in Pellworm gewesen, heiß hatte sie sich nach ihm gebangt. Aber ihrer beherrschten Ruhe merkte man davon nichts an. »Du bist wohlauf?« fragte sie.

»Und du?« forschte er dagegen.

»Der Mutterhof steht.« –

Da pfiff Edlef dem Hunde Finn, der Miene machte, sich mit der herannahenden Flut zu necken und zu zerren.

Als sie am Jungteil vorbeikamen, hörten sie Lütt-Krischanjämmerlich schreien. Unschlüssig stand Maren eine Weile …

Die Pflicht kämpfte mit dem Verlangen, beim Manne zu bleiben.

»Kannst du mich entbehren, Edlef?« fragte sie hastig.

»Allstunds.«

Da ging sie sehr blaß ins Haus hinein.

Drinnen bastelte und nagelte Ohm Rickert, er hatte an allen Fenstern des großen Geweses die Laden vorgelegt und nur die nach der Seeseite offen gelassen, damit man einen Ausblick habe. Tanten Frauke hatte die Kinder zu sich herübergenommen und erzählte ihnen Geschichten, Mutter Holgers trug das heftig schreiende Kind ohne Erfolg in der Stube umher.

»Ich glaub beinahe, die Frau Mutter verwöhnt das Lütte zu sehr«, meinte Maren ruhig. »Vorhin hat’s erst getrunken, es müßte jetzt schlafen …«

»Wie kann’s schlafen?« fragte Mutter Holgers ärgerlich. »Bei Sturmflut setzt sich Ekke Nekkepenn und sein Volk auf die Kinderbetten und Wiegen, um zu ängstigen. Fühl nur, ganz kalt ist das Kind.«

»Weil der Südwest durch die Hausfugen weht, Frau Mutter. In der warmen Wiege ist er am besten aufgehoben.«

»Du mußt es ja wissen,« rief Mutter Holgers scharf. »Ich hab ja nur zwölf Kinder großgezogen …«

Maren trat zur Schwiegermutter. »Das vergesse ich nie, und ich wollt’ dich nicht kränken,« sagte sie freundlich.

Da legte Mutter Holgers das Kind in die Wiege zurück, deckte es warm zu und ging hinaus.

Ohm Rickert, der noch das letzte Fenster nagelte, rief über die Schulter: »Du könntest jeden Tag zu Hagenbeck, Maren, min Deern, als Löwenbändiger.«

»So schlimm ist es nicht, Ohm Rickert. Mir ist nur aller Streit verhaßt.«

»Mir nicht«, meinte der Alte. »Büschen Zank frischt die Lebensgeister auf. Ich wollt ›ks, ks‹ rufen, aber da fingst du schon an zu bändigen.«

Maren lächelte matt. »Ihr müßt immer Euren Schnack haben, Ohm Rickert. Aber bleibt nur dabei, Ihr habt mir schon manchmal damit geholfen.«

»Ichdir? Nichte Maren? Mich dünkt, du hilfst dem ganzen Mutterhof auf. Seit du hierher geheiratet hast, habe ich Tanten Frauke schon dreimal lachen hören. Mutter Holgers ist überhaupt allmeindag nich wiederzuerkennen, und mich selbst hast du so hibbelich und allerte gemacht, daß ich sogar noch Stine Hinrichsen heiraten könnte.«

»Ach nein, Ohm Rickert, tut das nicht,« bat Maren mit liebem Lächeln und ernsten Augen. »Ihr müßt bei mir bleiben, ich brauche Euch wie’s liebe Brot …«

»Tust du das? Tust du das?« fragte der Alte mit freudiger Hast, und die hellen Tränen schossen ihm in die Augen. »Nichte Maren braucht mich! Ach du! Ein Altenteiler gehört zu den fünften Rädern. Aber wenn du sagst, ich bin dir was nütze …«

»Liegt Euch daran so viel?«

»Ob mir dran liegt! Nichte Maren, die Leutedenken immer, mein loses Maul wär’ ein Zeichen von Herrschaft hier im Mutterhof. Denkt nich dran. Notwehr ist’s. Für die Ahne und all die übrigen hier war ich immer der Garniemand. Mehr und öfter als zum Finn haben sie zumir›kusch dich‹ gesagt. Und erst alsduauf den Hof kamst, Nichte Maren, da hat man dir’s nachgemacht und allmählich auch Respekt vormirbekommen.«

»Ihr tut mir zu viel Ehr’ an, Ohm Rickert,« wehrte Maren. »Den Umschwung hat dasKindgebracht. – Der MutterhofbrauchtKinder, Kinder sind Sonne.«

Ohm Rickert sah scharf nach ihr hin.

»Nichte Maren, darf ich dich einmal etwas Ernstes fragen? Der Edlef …?«

Sie schaute ihn an. In Leid wie versteint waren ihre Augen.

»Nein, Ihr dürft nicht fragen, Ohm Rickert«, sagte sie abweisend und ging nach der Diele. Sie suchte Edlef. Konnte aber nur Mutter Holgers am Herd schaffen sehen, die das Abendbrot richtete.

Durch die Futterkammer schritt Maren zu den Ställen. Alle waren geschlossen, aber gerade als sie den zweiten Eingang vom Hof aus suchen wollte, wurde ein Riegel zurückgeschoben, und Edlef Holgers trat, sich tief bückend, durch die niedere Tür.

Vielleicht war ihm deshalb das Blut so heiß ins Gesicht gestiegen, und nur die Lippen jäh erblaßt. –

Er lachte kurz auf. »Wir haben Besuch, Maren.«

Er deutete nach rückwärts, und Maren meinte einen Augenblick, das Herz müsse ihr stillstehen.

»Akke …« stammelte sie.

Tief mußte sich auch die große, stattliche Frau bücken, als sie aus der Stalltür trat. Und auch sie war heiß und rot und verlegen. In ihrem Arm lag ein Bündel, aus dem schwache, gnarrende Laute drangen.

»Du siehst, Edlef, deiner Frau verschlägt’s den Atem«, spottete Akke. »Und du wirst deine freundliche Einladung rückgängig machen müssen.«

»Ich bin der Herr auf dem Mutterhof«, sagte Edlef finster.

»Dasselbe mein’ ich auch«, fiel Maren schier gelassen ein. »Und wen Edlef auf den Mutterhof führt, der ist auch mir willkommen.«

Da senkte die Fremde den Kopf.

»Es ist nicht für lange«, sagte sie unsicher.

»Das steht im Belieben.«

Maren schritt den beiden voraus nach der Diele zurück. Unheimlich heulte der Sturm. Der Knecht stand triefnaß am offenen Feuer. »Herr Vater, das Wasser hat den Zaun umgelegt,« meldete er an Edlef.

»Ist’s schon so weit?«

Edlef öffnete die Tür zum Wohnpesel. Der Tisch stand einladend gedeckt, Tanten Frauke und die Kinder lehnten am Fenster, und sahen auf die tobenden Wassermassen.

Nun musterten alle befremdet die Neuangekommene.

»Mich dünkt, die Haustür ist immer nochvornam Mutterhof,« bemerkte Ohm Rickert scharf. Er trat dicht an Edlef heran, der sich in einer Ecke zu schaffen machte. Und fragte zornig mit verhaltener Stimme: »Bist du verrückt geworden?«

»Sieh nach deinen Worten,« brauste Edlef auf.

Da faßte Maren Holgers Akkes Hand. »Frau Akke Bahn, geb. Luersen, bittet den Mutterhof um Unterstand auf einige Zeit für sich und ihr Kind.«

Mit ruhiger Würde nahm sie das eingeschlafene Kleine aus dem Arm der Mutter und legte es in die breite, schaukelnde Mutterhofwiege neben Lütt-Krischan.

»Nun wollen wir essen und beten,« gebot Maren.

»Christ Kyrie komm zu uns auf der See«, rief laut der Knecht. Denn der Sturm rüttelte gewaltig an den Mauern des Hauses.

Dann falteten alle die Hände und laut, schier trotzig klang Edlef Holgers’ Stimme:

Herr, gebiete dem Sturm,Herr, bewahr Haus und Turm,Herr, laß uns nicht leidenDurch Zwietracht und Streiten.Gesegne uns GottUnser tägliches BrotUnd laß uns halten hoch und wertUnsers heiligen Hauses Herd. Amen.

Herr, gebiete dem Sturm,Herr, bewahr Haus und Turm,Herr, laß uns nicht leidenDurch Zwietracht und Streiten.Gesegne uns GottUnser tägliches BrotUnd laß uns halten hoch und wertUnsers heiligen Hauses Herd. Amen.

Herr, gebiete dem Sturm,Herr, bewahr Haus und Turm,Herr, laß uns nicht leidenDurch Zwietracht und Streiten.Gesegne uns GottUnser tägliches BrotUnd laß uns halten hoch und wertUnsers heiligen Hauses Herd. Amen.

Herr, gebiete dem Sturm,

Herr, bewahr Haus und Turm,

Herr, laß uns nicht leiden

Durch Zwietracht und Streiten.

Gesegne uns Gott

Unser tägliches Brot

Und laß uns halten hoch und wert

Unsers heiligen Hauses Herd. Amen.

Die Magd brachte die Suppe herein. Gesprochen wurde nicht viel. Edlef Holgers gab den Hausgenossen einige knappe Anweisungen für die kommenden Stunden, und Tanten Frauke sprach leise mit der unruhigen Karen, die auf viele Mutmaßungen eingehende Antwort heischte.

Unter dem Tisch aber falteten sich immer aufs neue Marens Hände: »Und laß uns halten hoch und wertunseres heiligen Hauses Herd«, betete ihr junges Herz, und die Augen schauten vergrämt auf die Fremde.

Rasch wurde abgegessen. Maren brachte fast keinen Bissen herunter. Nach einer Weile stand sie auf, ging nach der Gastkammer und begann ein Bett für Akke und ihr Kleines zu rüsten. – Nach einigen Minuten folgte ihr Edlef Holgers.

»Hast du Furcht?« fragte er, »die Flut sinkt, es ist bald Hohlebbe …«

»Wir steh’n in Gottes Hand, ich hab mich keinen Augenblick gefürchtet.«

»Ich hätte dir wohl manches zu sagen, Maren, – über unsere nächste Zukunft …«

»So sprich.«

»Es wird mir nicht leicht«, zögerte er.

Und während sie gelassen in ihrer Arbeit fortfuhr und das Zittern ihrer Hände verbarg, überstürzten sich seine Worte. Er wies auf das langsam zurückgehende Wasser. »Wenn es abgelaufen ist, Maren, müssen wir wieder von vorn anfangen mit Pflanzen und Einhegen und Bauen und Dichten, – so geht’s Jahr für Jahr, und zwei- und dreimal im Jahr. Das macht die Leute unzufrieden und verdrossen. Nicht alle sind so verwachsen wie wir mit der Heimatscholle. Es muß etwas Eingreifendes geschehen. Sonst könnten sie halligflüchtig werden. Das wäre ein Unglück für die Insel.«

Edlef Holgers sprach in kurzen, abgerissenen Sätzen.

Als wolle er eine unangenehme Nachricht vorbereiten oder hinausschieben. – »Wir haben Versammlungen gehabt. Nun sollen Abordnungen mit praktischen Vorschlägenhinausgeschickt werden, nach Kiel, nach Hamburg, nach Kopenhagen …«

»Du willst fort?« fragte Maren scharf.

»Man hat mich gewählt. Du weißt, daß der Halligbauer nur Vertrauen zu seinesgleichen hat. Da könnte Gott einen Engel vom Himmel schicken, sie würden einen lästigen Ausländer in ihm sehen.« Edlef lachte gezwungen. »Von mir weiß die Hallig, daß ich mein Leben einsetze für die Heimat.«

Es war, als höre Maren nur den kleinsten Teil von Edlefs Rede.

»Auf wie lange?« stieß sie hervor. Als sei nur die Tatsache haftengeblieben, daß er fort wolle.

»Auf ein halbes Jahr. Oder ein ganzes. Die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, ist nicht leicht.«

»Es ist recht«, nickte Maren, und war sehr blaß geworden. »Mein Bruder wird mir zur Seite stehen und Ohm Rickert. Auch Jung Onnen ist ein Verläßlicher. Sei ohne Sorge, Edlef. Du wirst hier alles in Ordnung finden, wenn du heimkehrst.«

»Das weiß ich. Und zur Reise richte ich mir alles selbst.«

»Nicht nötig, das ist Frauensache. Gib nur dem Knecht und Ohm Rickert Bescheid, was in der nächsten Zeit eilig zu tun ist.«

Die Gatten sahen sich an. In seinen Blicken glomm etwas Feindliches.

»Wie lange will Akke hierbleiben?« fragte Maren.

»Akke hat mich gebeten, ihr einen Dienst in Kopenhann zu verschaffen«, entgegnete er gleichgültig.

»So! … Sie weiß also schon um dein Fortgehen?«

»Ja, durch Zufall. Als ich sie im Stall fand. Sie wollte natürlich durch die Vordertür zu uns kommen, sah aber dort ihren Vater …«

»Und du willst Akke mit nach Kopenhagen nehmen?«

»Sie bat mich darum. – Ich habe dort viel Bekannte.«

»Und das Kind?«

»Akke will dich bitten, es zu ihren Eltern zu bringen. Sie meint, dann nehmen sie es schon auf …«

»Sie trennt sich leicht von dem Kind???«

Edlef Holgers zuckte die Achseln. »Das liegt in ihrer Natur.«

Die Tür wurde aufgestoßen. »Hohlebbe«, schrie Ohm Rickert in die Kammer. »Und die Flut fällt nicht mehr, siesteht. Mich dünkt aber, sie kriecht schon wieder heran …«

»Da sei Gott vor.«

Edlef und Maren liefen zugleich vor die Tür. Ja, da sahen sie es im Scheine des Mondlichtes und der Hauslaterne. Das schon über die Stufen herabgesunkene Wasser stieg. Da schauten sich die beiden Gatten wieder in die Augen. »Gott bewahr’ uns vor einer ›Manndränke‹«, sagte Ohm Rickert hinter ihnen.

Nun streckte Maren ihre zitternde Hand aus, und Edlef Holgers legte für eines Augenblickes Dauer die seine hinein. Dann wandten sich beide rasch ins Haus.

»Alles, was draußen zu tun ist, hab’ ich besorgt«, rief Edlef Ohm Rickert zu. »Die ›Fethinge‹ sind mit Sandsäcken verwahrt, ich hoffe nicht, daß die Flut unserSüßwasser verdirbt. Die zwei Boote haben Jochen und ich verankert. Aber nun alle Mann heran, damit wir das Vieh auf den Stallboden bekommen.«

»Doch wohl zuerst die Kinder auf den Hausboden«, weinte Mutter Holgers.

»Wir sind fünf Frauenleut«, sagte Maren. »Drei von uns wollen das rasch tun.«

»Wer will den Mannsen beim Vieh helfen?«

Akke trat vor. »Das ist Arbeit für mich.«

»Und für mich!« folgte Tanten Frauke.

So begann die schwere Nacht für den Mutterhof.

Kläglich blökte und brüllte das Vieh. Es wollte zur ungewohnten Zeit nicht aus den Ställen heraus und scheute vor der dumpf hallenden Bretterrampe, die schon Edlefs Großvater hatte anlegen lassen, um das Vieh in Stunden der höchsten Not sichern zu können. Immer wieder entwichen die Tiere und wollten nach dem ebenerdigen Obdach zurück. Trotzdem die schwarze, schillernde Schlange schon Besitz vom Erdboden nahm und das Stroh durchfeuchtete. Mutter Holgers und die Magd schleppten die schwere Holzwiege mit Lütt-Krischan. Maren trug Akkes Kind. Klein-Karen »rettete« allerlei Unnützes und hinderte die Erwachsenen. Onnen verwies es ihr. Seine sonnigen Knabenaugen trugen einen über seine Jahre reifen Ausdruck. »Nimm du nur deine Puppe«, sagte er liebreich. »Das ist dein Kind, bring’s in Sicherheit.«

Dann zog er die Schwester hastig auf den Hausboden und hieß sie sich dort ruhig hinsetzen. – Er selbst eilte wieder hinab und verschnürte rasch und sachgemäß die Betten, um sie hinaus und hinauf zu tragen, währenddas Wasser schon seine Knöchel umspülte. Von den Ställen her klangen Edlef Holgers’ Befehle und der wilde Lärm, den die verängstigten Tiere verursachten. Dazu kreischten Möwen und Austernfischer, sie flogen ohne Scheu schutzsuchend bis in die Stuben hinein.

»Maren«, rief Onnen mit fliegendem Atem. »Ich hörte, daß Bruder Edlef nach Köpenhaun soll. Unseres Deiches wegen! Und sonst noch … Halligstudium! –UnsereZukunft! Dumußtihn fortlassen, Maren, dumußt. Nicht wahr, du tust es? Es ist zu notwendig. Ich weiß das, Maren, wenn ich auch noch ein Junge bin.«

Maren nickte ihm zu. »Halligsach’ istunsereSach’«, sagte sie. Und setzte besorgt hinzu: »Sieh, wie das Wasser steigt. Wir dürfen nichts mehr mitnehmen, müssen eilen, meine Schuhe sind schon voll Wasser …«

»Meine auch«, lachte Onnen. Aber das Lachen verging ihm jäh, als er die Tür öffnete. Gurgelnd, zischend, klatschend schossen die Wasser heran. »Halt mich«, rief er Maren zu und schwang die gefährdeten Betten auf Schulter und Kopf, und ließ sich halten, vorwärtsstoßen und führen von der jungen Frau. Als sie auf den Hausboden kamen, schliefen die Kinder schon, aber Onnen wollte nichts vom Bettgehen hören.

»Will zum Edlefbruder hinunter, vielleicht kann ich da noch helfen …«

»Laß ihn«, wehrte Maren der Schwieger, die den Knaben zurückhalten wollte. »Er ist umsichtig wie ein Mann, das Gewese liegt ihm am Herzen.«

Nun kämpfte sie mit Mutter Holgers und der Magdbei den Luken. Der Sturm hatte zwei von ihnen aufgerissen und heulte durch sie hindurch.

»Laß sie offen, bis Mannshilfe kommt,« keuchte Mutter Holgers, »es ist ohnehin zum Ersticken hier oben.«

Die drei Frauen saßen stumm bei den schlagenden Holzladen und konnten sich nur dann und wann durch Zeichen verständigen. Denn ohrbetäubend ratterte das losgebrochene, feste Holz, knarrten, gurgelten und klatschten die Wassermassen.

»Christ Kyrie, Christ Kyrie«, schrie die Magd auf, und die Kinder erwachten und weinten, und Klein-Karen fürchtete sich.

Später kamen triefend und erschöpft die anderen.

Akke sah seltsam wild und schön aus mit den vom Sturm gelösten krausen Haaren und den kraftvollen Bewegungen ihrer starken Arme. Sie versuchte die Haarmassen wieder in Flechten zu bändigen. »Heiß ist’s hergegangen«, lachte sie mit ihrer tiefen Stimme. »DieArbeit liegt mir besser, als Kinder päppeln.« Und sie nahm gleich Ohm Rickert Hammer und Nägel aus der Hand, fing den schlagenden Laden auf und schlug die Krammen wieder fest.

Da saßen sie alle im Dunkeln, aber Edlef zog aus einer Abseite eine ungefüge Riesenlaterne hervor und entzündete darin das mächtige Wachslicht.

Maren mühte sich, Onnen die nassen Stiefel und Strümpfe auszuziehen, und rieb dann seine erstarrten Füße mit ihren lebenswarmen Händen. Seine Augen sahen sie dankbar an, und er kroch willig auf das Heu, und ließ sie die Federdecke über sich stopfen.

Auch Akke hatte sich ein Nest gewühlt. »Wenn ihr mich braucht, rüttelt mich tüchtig«, tönte es zu den andern her. »Denn ich hab’ einen Bärenschlaf. Wenn aber nur der blanke Hans heraufkommt, so laßt mich in Ruh«, setzte sie leichtsinnig hinzu.

Bald hörte man ihre lauten Atemzüge, denen sich ein schnarchendes Schnaufen aus Ohm Rickerts Ecke zugesellte. Knecht und Magd schliefen übermüdet in unbequemer Stellung. Mutter Holgers dämmerte vor sich hin. Tanten Frauke starrte mit seltsam glänzenden Augen in das Licht, als sähe sie in den schwelenden Rauchwölkchen geheimnisvolle Dinge.

Die sah sie auch. Generationen zogen an ihr vorüber. Die vom Mutterhof. Alle hatten sie so hier oben gesessen in Angst und Zagen, in Ergebung, in wildem Wehren gegen den Tod, oder in tapferer Entschlossenheit.

Ob aber wohl eins darunter gewesen war, wie diese junge Frau Maren? So ganz und gar selbstlos? War das nicht höher zu werten als Gleichgültigkeit gegen den Tod oder als Todesmut? Wie sie immer wieder sich erhob mit den müden Gliedern, der Mutter ein Kissen in das Kreuz schob, die Magd beruhigte, nach den schlummernden Kindern sah, wenn sie sich im Traume rührten! Und jetzt deckte sie die hergelaufene Akke zu, die sich unruhig hin und her warf. Und schützte deren Augen vor dem flackernden Licht der großen Laterne. Dann saß sie wieder still neben dem jungen Gatten.

Wie war es wunderlich zwischen diesen beiden.

Und wer kannte sich aus in einem Holgers?

Hatte nicht Edlef sie selbst, die kinderlose Frauke,wieder in alle Ehren eingesetzt, und femte nun doch sein eigen Weib?

Das war die Holgersselbstsucht, die mit der Holgersgutheit im Streit lag seit Urbeginn.

Und der Holgershochmut wollte sich nicht beugen unter das Schicksal, das »Entsagen« hieß.

Wie hatte die Ahne gesprochen? »Die Holgers sind wie harte Nüsse. Niemand bringt sie auf. Und am liebsten bleiben sie droben in ihren Zweigen. Aber einmal fallen auch sie reif vom Nußbaum herunter ins Grab. Dann holt der Herrgott seinen Hammer und schlägt sie mühelos auf. Schade nur, daß niemand erfährt, ob sie hohl waren oder voll süßen Kernes.«


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