Chapter 12

Drunten in den Stuben stieß und polterte es.

Das Wasser spielte Ball mit den alten Möbeln. Kurze Zeit würde es dauern und die Wände wurden eingedrückt. Wie lange sich dann wohl das Haus auf den Grundpfählen halten würde? Christ Kyrie!!!

»Wollen wir nicht doch am Ende die Akke wecken?« fragte Maren.

»Laß sie schlafen«, entgegnete Edlef. »Du hörtest ja ihren Wunsch.«

»Sie ist ’n tapfere Frau«, schob Ohm Rickert dazwischen. »Gearbeitet hat sie wie ein Pferd, und nun legt sie sich geruhig zum Sterben hin, wie wenn nix wär.«

Akkes Kind fing an zu weinen.

Maren wickelte aus wollenen Tüchern die mitgebrachte warme Milchflasche und betreute das kleine Wesen.

Jetzt prasselte drunten irgendeine Mauer zusammen, und das Wasser umflutete das Haus. Durch die Luft kam es wie wimmernde Klagelaute, jemand läutete die Glocken auf der Kirchwarf.

»Jesus,« schrie da Akke, »was ist das? Was soll das? Wird es denn Ernst?« Sie rieb die Augen. Und sie kauerte plötzlich neben Edlef und schüttelte ihn.

»Seid ihr denn auch Menschen? Wollt ihr klaglos versaufen wie die Katzen?«

Edlef und Maren sahen bestürzt in Akkes verstörtes Gesicht.

»Hast du denn nicht geschlafen?«

»Fünf Minuten oder etwas mehr. Weil ich nicht wußte, daß es Ernst war. Weil … Ihr war’t alle so ruhig … Aber nun läuten sie von der Kirchwarf! … Hört doch! Hört doch! Jesus, Edlef, ich will nicht sterben.«

Sie stürzte zu der Luke, die sie selbst vor einer Stunde vernagelt hatte und entriegelte sie. Polternd schlug der Laden aus ihrer Hand. Alle auf dem Boden erwachten, als der eisige Nachtwind pfeifend über sie hinstrich.

»Akke, wie kannst du?« rief Maren bestürzt und suchte sie vom Fenster fortzuziehen, während Edlef den Laden wieder einfangen wollte.

Aber Akke schlug nach ihnen. »Laßt mich! Seht ihr nicht, wie das Wasser da drunten wühlt? Ist denn keine Möglichkeit, aus diesem Loch herauszukommen? O dies gräßliche Läuten! Geht’s denn zum Sterben?«

Sie schrie und schlug um sich und jammerte, und lehnte sich weit aus der Lukenöffnung und lallte entsetzte Laute, wenn der tobende Gischt sie umsprühte. Die beiden Säuglingeschrien jämmerlich, Maren legte Lütt-Krischan trockene Wäsche unter und beruhigte Akkes Kind, daß es wieder einschlief. »Herr, gebiete dem Sturm, schütz’ Haus und Turm«, beteten Knecht und Magd.

Edlef nagelte den Laden aufs neue fest, und dabei konnte er sich nur mit Mühe der jammernden Akke erwehren, die sich immer wieder auf ihn warf.

»Memme«, rief Jung-Onnen plötzlich und stand in dürftigster Bekleidung vor Akke. »Warum sagtest du denn vorhin so ein hochmütiges Wort, du wolltest schlafen, wenn der blanke Hans käme? Und nun kommt er, und nun ist alles gelogen?«

»Er soll nicht kommen!« Akke streckte abwehrend ihre Hände aus. »Ich hab’ das nicht gewußt, ich hab’ das nicht gewußt …«

Sie ächzte laut und warf sich auf ihren Bettplatz, und wiederholte immerfort die Jammerworte. Dann sprang sie auf.

»Was seid ihr auch für gräsige Holzpuppen, ihr Holgers!« rief sie außer sich. »O warum bin ich auf die grauenhafte Hallig gekommen! Warum bin ich nicht in Hamburg geblieben! Dann dürft ich jetzt leben, leben, leben …«

Da schüttelte Onnen seine jungen, starken Fäuste vor ihren Augen: »Stirb anständig!!!Du! … Schmäh die Hallig nicht …«

Und er warf sich auf sein Lager und weinte wild und schmerzlich.

Da kroch Edlef Holgers zu ihm hin und nahm ihn inseine Arme. Was hatte der junge Bruder da eben gesagt? »Stirb anständig!«

Edlef strich ihm über das Blondhaar, das heiß und feucht von der inneren Erregung an der Stirn klebte. Und er fühlte, wie die jungen Glieder zitterten.

»Nicht krank werden«, raunte Edlef an Onnens Ohr. »Wir zwei müssen uns recht kennen lernen, du … kleiner Bruder! Reiß’ dich zusammen! In deine Hände will ich ja Maren geben, wenn ich fort muß … Spürst du mein Vertrauen? Ja? So sind wir heut erst rechte Halligbrüder geworden …« Ganz dicht schmiegte sich Onnen an des großen Bruders Brust.

»Up ewig ungedeelt …«, lallte er und dann lösten sich seine Glieder in überwältigender Müdigkeit. Sacht ließ Edlef ihn auf das Lager zurückgleiten, und legte sich neben ihn und faltete seine großen Hände über den Kinderhänden. –

Am andern Morgen fiel ein Sonnenstrahl durch das Lukenloch und weckte Maren. Sie schreckte auf. Alle Glieder schmerzten sie heftig. Die Arme und Hände waren abgestorben, beide Kinder hielt sie krampfhaft an ihre Brust gedrückt. Ihr Rücken lehnte an dem großen Bodenbalken, sie konnte kaum den Kopf drehen. Unerträglicher Nackenschmerz quälte sie. Lange konnte sie nicht geschlafen haben, die Säuglinge hatten die Nacht durch geschrien, ohne doch die schwer ermüdeten anderen aufzuwecken. Auch war Maren mehrmals zu dem laut redenden Onnen hingetreten und hatte ihm aus dem Wasserkrug zu trinken gegeben. Tief und fest schlief Edlef neben dem Knaben.

Nun tastete sich Maren nach dem Laden, riegelte ihn sachte auf und ließ die Sonne in den dumpfen Oberboden hinein. Die lachende Sonne, die eine grauenhafte Verwüstung beschien. Maren stöhnte auf, als sie die kurze Umschau hielt. Von den Ställen her hörte sie das Vieh blöken und brüllen. Sie legte die beiden festschlafenden Kinder in die Wiege. Als sie aufschaute, sah sie in Tanten Fraukes ernste Augen.

»Maren, mein Deern, hilf mir auf, – ich kann mich nicht rühren –, aber Gott sei ewig Dank, wir leben und der Mutterhof auch …«

»Aberwielebt er!« seufzte Maren.

»Komm, Tanten Frauke, wir wollen die andern nicht wecken, sieh, wie völlig erschöpft sie schlafen.«

Sie tasteten sich vorsichtig über die Schläfer hinweg zur Stiege hin.

Als sie an Akkes Lager vorbeikamen, erschraken beide. Das Bett war leer. Auch drunten weit und breit nichts von ihr zu entdecken.

»Vielleicht ist sie schon beim Vieh«, meinte beruhigend Tanten Frauke, und sie schritt, so rasch es ihre steifen Glieder vermochten, nach dem Stallboden. Auch Maren ging tapfer gegen die körperlichen Schmerzen an. Sie schlich sich in die Küche, mußte sich dort aber an die Tür lehnen in heftigem Schreck. Verheerend hatte der Sturm gewütet. Schlamm, Seetang und Muscheln bedeckten den Küchenboden. Darin standen die schmutzigen Küchenmöbel und Kochgeräte bunt durcheinander. Mit unsäglicher Mühe öffnete Maren die eiserne Lade, in welcher sich trockenes Holz befand. Streichhölzer lagen dabei, so konntesie rasch ein prasselndes Feuer entfachen. Als sie sich umdrehte, stand die Magd Gesine mit verschlafenem Gesicht und krummem Rücken in der Tür, sie schleppte einen Eimer Regenwasser.

»Den kriegen wir erst mal zu Feuer«, lachte sie. »Un denn en orndlichen Kaffeepunsch, der bringt uns alle wieder auf die Beine. Christ Kyrie, war das eine Nacht! Un wo süht dat hier ut!«

Sie reinigten den verschlammten Wasserkessel, füllten ihn und setzten ihn auf das fauchende Feuer. Aus einem hochgelegenen Wandschapp, daran die Wellen nicht gelangt hatten, holte Maren eine Flasche »reines Gotteswort« und setzte sie auf den Herd. Nach einer Weile kam Tanten Frauke mit dem halbgefüllten Milcheimer.

»Wir müssen doch die Mannsen wecken,« sagte sie besorgt, »das Vieh muß vom Boden herunter, es sieht nicht alles so aus, wie es soll. Und die Akke ist auch nicht droben.«

Tanten Frauke begab sich nach dem Oberboden, um dort Bescheid zu sagen, unterdessen versuchte Maren, etwas Behaglichkeit in den Wohnpesel zu bringen. Die Magd heizte den Ofen. Dabei kopfschüttelte sie ergiebig. »Dat süht bös ut, buten un binnen, dat duert ’n beten, bet wi wedder in de Reg sünd …«

»Aber wir haben niemand verloren«, tröstete Maren sich selbst mit, denn im Grunde war ihr das Herz bitter schwer.

»Dor kümmt de Brefträger«, sagte die Magd und wies nach dem Fenster.

Peter Hansen brachte an Edlef einen großen Briefund für Maren eine fröhliche Karte von Nomine aus Bacharach am Rhein. Der Bote machte ein ernstes Gesicht.

»Dat wier ’n sworer Abend un ne schlechte Nach!«

»Sünd ji god toweg?« fragte er teilnahmevoll.

»Ja, Hansen, god toweg.«

»Dann setten Se man glicks ›Gott sei Lob un Dank‹ achteran, Fru Maren. Dat wier ’n richtigen Manndränke … Gott sei allen gnädig.« Peter Hansen setzte sich schwerfällig auf einen umgestürzten Zuber und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Wie meinen Sie das?« fragte Maren mit stockendem Atem.

»Weeten Se denn noch gor nix, Fru Holgers? Hebben Se denn slöppt?«

»Sie wissen, Hansen, daß die Grootwarf am weitesten liegt, uns hat noch niemand Nachricht gebracht …« Maren sah den Boten aus jammervollen Augen an.

»Die Schulwarf hat’s am härtesten getroffen …« Der Briefträger bedeckte einen Augenblick die Augen mit der Hand.

»Mein Bruder Manne?« fragte Maren heiser.

»De Scholmeester kann noch vun Glück seggen. De hat man blot de linke Hand braken, äwer Vadder Luersen …«

»Mein Mannebruder!« stöhnte Maren. »Und ich nicht bei ihm. Und was ist’s mit Luersen?«

Da sah sie, daß der Briefbote weinte. »Sin Fru und sin Kinners sin em verdrunken …! Herrgott, Fru Holgers …!«

Er sackte steuerlos in sich zusammen.

Die Magd jammerte laut. In Marens weißem Gesicht rührte sich kein Zug. »Ist seine Tochter Akke dort?« fragte sie heiser.

»Dat is ’t jo man. De weet von nix. De is hüt vör Dau un Dag mit’n Postschipper nah Pellworm segelt, un von dor gliks nah Husum. Se war dull in de Fohrt … Du grote Gott, ne, de weet von nix. Sonst weer se jo wohl dor. De is doch all ehr Dag dat Kücken west in Luersens Höhnerstall. –«

Maren hielt die Hände gefaltet. Sie murmelte tonlose Worte vor sich hin: »Die ist fort … Die weiß nichts … Frau und alle Kinder ertrunken …«

Der Briefträger stieß sie ein wenig an, damit sie sich besänne. »Ja, so was greift an, Frau Holgers«, meinte er betrübt.

Jetzt kam Edlef von den Ställen her.

»Uns gehen ein paar Stück Vieh drauf, Maren,« rief er ihr zu. »Mich dauern die armen Tiere. UndschwererSchaden überall … Was hast du, Maren?«

Die Lippen in ihrem weißen Gesicht bewegten sich, aber man konnte nichts verstehen. Die Magd reichte ihr besorgt eine Tasse vom heißen, stark duftenden Kaffeepunsch. Maren trank gierig, und es kam etwas Farbe in ihr trostloses Antlitz.

»Dat is man, Herr Holgers, daß Se blot Vieh verloren hebben,« sagte der Bote, »awer up annere Warfen …«

Und dann erzählte er noch einmal den ganzen Jammer der Schulwarf.

»Den Scholmeester hat de Fru Pastern all in Pflege«, setzte er hinzu. »Da soll sich Fru Holgers nich sorgen. Aberbei Vadder Luersen, da muß wohl uns’ Herrgott de Pfleg’ übernehmen …«

»Ich komme heute noch hin auf die Schulwarf.«

»Das wird gut sein, Frau Holgers.«

Peter Hansen stärkte sich nun auch am dargereichten Kaffeepunsch, aber er erzählte nichts mehr. Trotzdem Mutter Holgers, Tanten Frauke und der Knecht dazu kamen. Er schüttelte nur immer mit dem Kopf und schien ganz von dem Unglück der letzten Nacht erfüllt zu sein. Dann nahm er seine Mütze und entfernte sich dankend. –

Fieberhaft arbeitete Maren. –

Ungeahnte Kräfte schienen ihr zu kommen. Sie scheuerte mit der Magd an den verschlammten Stuben und Möbeln. Sie brachte die schreienden Wochenkinder in frische Wäsche und in die behaglich-dunkle Ruhe von der Ahne-Döntje. Sie schaffte Onnen vom Boden herunter und bettete ihn einstweilen auf ihr eigenes Lager, denn der Knabe war übermüdet und völlig schlafsüchtig. Maren aß auch gehorsam, was man ihr vorsetzte. Man sah, sie wollte sich aufrecht halten, um all der vielen Pflichten willen, die auf sie warteten. Dann, am Nachmittage, als die nötigste Arbeit getan war, und Mutter und Tante sie drängten, stand sie fragend vor ihrem Gatten. Der zimmerte mit dem Knecht und einem »Bohlsgenossen« den umgerissenen Zaun wieder zurecht.

»Nicht wahr, du läßt mich jetzt zu Manne gehen?«

»Allstunds«, entgegnete Edlef.

Da wandte sie sich und stieg die Stufen hinunter und kehrte sich nicht ein einziges Mal um. Und ihr Auge sah nichts von der Zerstörung auf dem Mutterhof undsonst rings umher. Weil ihr eigen Herz verstört und voll des Jammers war.

All die vielen Wasser- und Wellenberge waren zurückgerauscht, warm schien jetzt eine milde Herbstsonne auf die verschlammten Fennen. In der Ferne glitzerte die ruhig dünende See.

Maren schritt mit einem inneren Grauen an Vadder Luersens Haus vorüber. Da hatte das Wasser die morschen Wände eingedrückt, ganz schief stand die Kate, und durch das halb abgedeckte Dach schien die Sonne auf eine Stätte der Verwüstung. Ein alter Knecht aus dem Nachbarhaus stand allein vor dem verfallenen Gewese. Er grüßte Maren und deutete mit der kurzen Stummelpfeife auf das Wrack.

»Eben hett man se wegbröcht.«

»Wen?« stieß Maren hervor.

»De Liken. De Fru un fief Kinner. De Paster hett se all in de Kirch bringen laten. Dor liggen se, bet se to Erd bröcht ward. De Nahber Luersen is gorni da west, as se verdrunken sün. De hett sin Akke söcht. Un as de Flut kam, hett he bien Paster seten. De Akke wier so allstunds sin Zockerpopp. Dat süll äwer nüms weten. Unten an de Postfähre hett he ok stunnen … Aber se is nich kamen. Un dann hett he weiter söcht, Warf um Warf … Un as he endlich heimgung … Ja, – da wier dat so … Um Middernacht wier dat so … Un in Morgengrauen hett man se funnen, – sien Akke nich, äwer sien Fru und Kinner.«

Maren stürmte weiter, von Grausen geschüttelt.

Dann klinkte sie endlich die Tür im Schulhaus auf.Und klopfte an und lag an Manne Wögens Brust. Und lachte und weinte in höchster Erregung: »Gottlob, ich bin bei dir.«

Er streichelte sie beruhigend mit der gesunden Rechten. Die linke Hand und der Arm lagen zwischen zwei Holzstücken geschient, sie sah es mit einem Blick. Und furchtbar blaß sah der Bruder aus und seine Augen lagen gramvoll in den Höhlen. Ja, es schien Maren, als zöge sich durch das leicht gewellte dunkle Blondhaar ein weißer Streifen …

»Manne!« rief sie entsetzt.

Da tönte aus der Ecke, darinnen der alte Ohrenstuhl stand, ein jammervolles, heiseres Singen. Marens Herz wollte stillstehen:

»Slaap, slaap, mien Zockerpopp,Morgen fruh weck ik di op …«

»Slaap, slaap, mien Zockerpopp,Morgen fruh weck ik di op …«

»Slaap, slaap, mien Zockerpopp,Morgen fruh weck ik di op …«

»Slaap, slaap, mien Zockerpopp,

Morgen fruh weck ik di op …«

Manne Wögens wollte sie zurückhalten, aber Maren war schon bei dem alten Sessel, drin alle Wögens ausgeruht hatten. War das Vadder Luersen, der darin hockte? Der in seinen Armen ein altes, schmutziges Kinderkissen schaukelte und mit leeren Augen und blödem Gesicht das Lied lallte?

»Herrgott im Himmel, du!« stöhnte Maren und griff nach einem Halt. Der Bruder umfaßte sie. Auch seine Augen brannten.

Vadder Luersen lächelte blöde. »Dat’s mien Akke«, sagte er geheimnisvoll. »Ik heff se endlich funnen, mien söte Deern.« Und er wiegte das Kissen und sang unermüdlich:

Slaap, slaap, mien Zockerpopp,Morgen fruh weck ik di op …

Slaap, slaap, mien Zockerpopp,Morgen fruh weck ik di op …

Slaap, slaap, mien Zockerpopp,Morgen fruh weck ik di op …

Slaap, slaap, mien Zockerpopp,

Morgen fruh weck ik di op …

»So geht das seit heute nacht, da das Unglück geschah«, sagte Manne. »Wir können ganz laut sprechen, er merkt nichts von seiner Umgebung und erkennt niemand. Maren, gottlob, du lebst und bist gesund. Und alles bei euch ist wohlauf. Ich hörte es, sonst säße ich nicht so ruhig hier.«

»Und wie geschahdeinUnglück?« fragte Maren leise und zeigte auf die schwerverletzte Hand.

»Ach, nicht der Rede wert. Als wir die … Leichen aus dem Hause freilegen wollten, schlug ein Balken auf die Hand. Die Pastorin hat mich geschient. Morgen kommt der Doktor, er hat schon angerufen; sorg’ dich nicht, Marenschwester.«

Sie zitterte in seinem Arm.

»Ist noch weiteres Unglück geschehen?«

»Die auf der Lüttwarf sind obdachlos geworden«, berichtete Manne. »Der Pfarrer hat sie alle sechs aufgenommen. Drei alte Frauen sind drunter. Das Jammern ist groß bei ihnen, weil sie alles verloren haben.« –

Maren berichtete von der bangen Nacht im Mutterhof. Mit tief verfinstertem Gesicht hörte Manne zu, als sie von Akke erzählte. Scheu streifte sein Blick das reine, blasse Gesicht der Schwester.

»Wann will Edlef fort?«

»Bald, Manne.«

»Es ist notwendig, Maren. Die Hallig fordert es, unsere Heimat. So leid es mir für dich ist …«

»O, es ist besser für uns beide, wenn er fort sein wird …«

»Steht essoum euch …?«

»Ja, Manne.«

Schmerzlich schüttelte der Lehrer den Kopf. »Du arme Deern …«

»Nicht so, Manne. Nicht beklagen. Ich habe alle meine Kraft so gerade eben beisammen. Mitleid … das könnte mich umwerfen.«

»Wie lange will Edlef fort?«

»Auf ein halbes Jahr, oder ein ganzes … ich weiß es nicht.«

»Wir zwei wollen viel zusammen sein, mein Deern.«

»Ich willvielarbeiten, Mannebruder. Daran werde ich gesunden. Der Mutterhof hat einen Reichtum an Arbeit für mich … Ich will auch Akkes Kind behalten. Die Mutter ist auf und davon, und der Großvater …« Sie zeigte auf den Irren.

»Du starkes Herz!« sagte Manne Wögens. Und er küßte seine Marenschwester auf das schlicht gescheitelte Braunhaar. »Geh’ jetzt«, bat er dann liebreich. »Dein Bleiben ist auf dem Mutterhof. Wenn du den Onnen entbehren kannst, schickst du mir Bericht, und ich gebe ihm Nachricht von mir mit. Vadder Luersen bleibt bei mir, bis Fürsorge getroffen ist, wo er unterkommt. Du siehst, er ist wie ein Kind. Mein alter Knecht und ich bringen ihn jetzt zu Bett.«

»Ja, ja, ins Bett«, greinte Vadder Luersen. »Slaap, slaap, mien Zockerpopp …«

Da führte Manne Wögens seine Marenschwester hinaus.

Es war ihr unmöglich, noch einmal an Vadder Luersens Haus vorbeizugehen. Ihre Nerven waren überreizt. Ihr schien es, als griffen Arme und Hände von dort herüber nach ihr. So grauenvoll dünkte sie das tote Haus. Und doch schritt Maren gleich rechter Hand den Weg hinunter zur Kirchwarf hin. Trotzdem sie wußte, daß dort die Leichen aufgebahrt lagen. Aber aus dem Pastorat schien ihr eine tröstliche Fernwirkung zu kommen. Sie sehnte sich nach der gütigen Frau Luischen, nach dem ernsten, verstehenden Lächeln des Seelsorgers. Und sie sah in Gedanken an heiliger Stätte die ausgebreiteten Arme dessen, der gesagt hatte: »Kommt alle her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!«

Pastor Licht und seine Frau traten gerade aus der Kirchtür. Sie gingen wie zwei, die viel Leid tragen. Und man sah ihren bewegten Zügen an, wie mächtig das, was da drinnen lag, ihr Inneres aufgerührt hatte.

Maren ging zu ihnen und begrüßte sie still. –

»Es ist ein Schnitter, der heißt Tod«, sagte Pastor Licht ernst.

Und Frau Luischen drückte Marens Hände und zog zugleich ihr warmes Umschlagetuch um die junge, blasse Frau. Recht wie eine Henne, die ihrem Küchlein warmen Unterschlupf gewährt. »Nicht anschauen, das da drinnen«, riet sie und zeigte nach der Kirche. »Diesmal hat der Tod kein friedvolles Aussehen …«

Sie führte Maren ins Pfarrhaus.

Da war zwar auch noch nichts vom Frieden zuspüren. In der warmen Diele saßen sechs alte Leutlein, drei Frauen und drei Männer. Sie weinten, klagten und stritten sich ein weniges. Hörten auch nicht damit auf, während die Pastorleute und ihr Gast die Diele durchschritten.

»Alle sechs über die Siebzig«, kopfschüttelte Pastor Licht. »Aber noch ganz erdenheimisch. Dabei nicht einmal dankbar, daß unser Herrgott sie noch nicht abrief. Sondern mit Herz und Sinn dem nachklagend, was Motten und Rost verfallen ist. Und was gestern das Wasser verschlungen hat. –«

»Werden die sechs bald ein Unterkommen finden?« fragte Maren teilnahmevoll. »Frau Pastorin wird das auf die Dauer nicht schaffen können …«

»Freilich nicht«, meinte betrübt Frau Luischen. »Da sind besonders die drei, Momme Mommsen, Gesche Wiensen und Melf Brodersen. Die haben einen unheimlichen Appetit. Weiß nicht, wie ich sie satt kriegen soll. Und an Arbeit fehlt’s auf unserer kleinen Warf. Und doch sind sie alle drei gesund und müßten beschäftigt werden …«

»Geben Sie sie mir«, rief Maren lebhaft. »Ich hab’ Arbeit in Hülle und Fülle. Mein Mann verläßt mich, …« sie erschrak selbst über das eigenartige Wortspiel und setzte hastig hinzu: »Er ist nach Kopenhagen gewählt. Soll auch in Kiel und Hamburg bleiben …«

»Laden Sie sich auch nicht zu viel auf, Frau Holgers?« Pastor Licht drohte mit dem Finger. »Sie haben doch schon Melenkes Kind bei sich …«

Zum erstenmal lächelte Maren. »Ja, und Akkes Kindist auch bei mir.« Sie erzählte rasch von Akkes kopfloser Flucht, und daß sie das Kind um des unglücklichen, schwer betroffenen Großvaters willen so lange behalten wolle, bis Akke sich melde und es zu sich hole. »Nun kann die Großwarf doch wieder ein rechter Mutterhof sein«, setzte sie errötend hinzu.

Da sagte auch Pastor Licht: »Du starkes Herz!« Wie vorhin Manne Wögens. Und gab ihr das väterliche Du, das er sonst nur für seine eigenen, erwachsenen Konfirmanden hatte.

Nun wurde alles sachgemäß besprochen. Auch mit den drei alten Leuten. Die waren ganz aufgeräumt, daß sie auf den stattlichen, reichen Mutterhof sollten. Der Aufenthalt »bei Pastersch« sah ihnen wie Almosennehmen aus, weil keine rechte Arbeit für sie da war.

»Ihr könnt gleich mitkommen«, gebot Maren freundlich den drei Auserwählten. Dann nahm sie noch eine ergiebige Vesper mit den gastfreien Wirten ein und zog schier fröhlich mit ihrem seltsamen, humpelnden Gefolge ab. Das Pastorenpaar mit den drei Bresthaften winkte ihnen lange nach. Händereibend schritt dann Pastor Licht in seiner Stube auf und ab. »Siehst du, Luischen, vorhin drückte mich der Anblick des schaurigen Todes da drinnen schier zu Boden. Und nun zeigt mir gleichdrauf der Herrgott so echtes Menschentum und hebt mich wieder auf. Nun kann ich froh an mein Tagwerk gehen.« –

Der Mutterhof empfing seine junge Herrin in voller Tätigkeit. Der aufgebaute Zaun leuchtete ihr mit den vielen neueingesetzten Holzteilen förmlich entgegen. Die von der Sturmflut weniger bedrängten Warfbohlsgenossenhatten sich eingefunden, um an allen Ecken und Enden zu helfen, und Maren Holgers begrüßte die Nachbarn mit dankbarem Handschlag. Dann eilte sie ins Haus. Auch hier hatte man die Zeit gut genutzt. Alle Stuben unten waren tüchtig durchheizt und sauber, die Säuglinge schliefen in zwei Wiegen. Erstaunt sah Maren, daß Tanten Frauke ihr nie benutztes Heiligtum für Akkes Kind hergegeben hatte. Mutter Holgers schlief übermüdet von der unruhigen Nacht einen tiefen Erschöpfungsschlaf, und Ohm Rickert ging bastelnd, rauchend und philosophierend im ganzen Gewese umher.

»Allens im Lot«, sagte er nickend. Und setzte ritterlich hinzu: »Eben meint ich noch, jetzt müßt büschen Sonne kommen, damit das hier wieder durch und durch trocken und warm wird. Und süh so, – da kommt auch schon Nichte Maren.«

Und doch war es Maren, als sähe der Alte wie verlegen an ihr vorbei. Da ging sie in den Wohnpesel des Mutterhofs, um nach Onnen und Karen zu sehen, fand aber nur Karen fest schlafend auf dem Sofa. Und Onnens Kammer ausgeräumt. Sie ging nach dem Jungteil und fand es leer und unordentlich. Und lief nach Tanten Fraukes Altenteil, und sah Frauke Holgers über ein Bett geneigt, in dem Onnen noch immer schlummerte. Bei Marens Eintritt drehte sich Tanten Frauke um und war mit raschen Schritten bei ihr. »Wie müde du aussiehst, meine Maren … Und ich kann dir keine Ruhe und keine Freude bringen.«

»Edlef?« fragte Maren. Und eine Flamme schlug ihr ins Gesicht, weil sie zuerst und immer nur an ihn gedacht.Und sie sah doch, daß hier ein Schwerkrankes lag – ihr kleiner, guter Onnenschwager.

»In Onnen scheint eine ernste Krankheit zu stecken.« Tanten Frauke ging mit zartem Takt über Marens Frage hinweg. »Er schläft seit heut morgen fast ununterbrochen. Nur ein paar Minuten war er halbwach …, als Edlef Abschied nahm …«

Maren taumelte. »Edlef … nahm Abschied …?«

»Ja, Maren, mein Deern. Er läßt dich grüßen. Er bekam ein Telegramm. Hat alles noch geordnet, so gut es ging. Er übergibt dir den Mutterhof. So sei er in guter Hand.«

Auch Tanten Frauke sah an Maren vorbei. Ganz bewußt. Und ganz ruhig sprach sie. Als sei diese Abreise nicht für ein ganzes Jahr vor sich gegangen, sondern etwas Alltägliches.

Und all ihre Gedanken, all ihr Feinempfinden, all ihre große Liebe zu Maren schienen eine Mauer um das junge Weib zu bauen, die es schützen sollte vor Neugier und wehtuendem Mitleid.

Mit tastenden Schritten ging Maren an Onnens Bett und sah still auf den Schläfer nieder. Nach einer Weile schlug dieser die Augen auf. Er schien Maren nicht gleich zu erkennen, aber dann festigte sich sein Blick. »Du!« sagte er mit schattenhaftem Lächeln. »Einen schönen Gruß … Wenn ich nicht mehr so müde bin, soll ich dich beschützen, Marenschwester … Edlef läßt dir sagen:Gott behüt!«

Da kniete Maren am Bette nieder und ihr Kopf sankauf die fieberheiße Hand des Knaben. Und sie weinte, wie sie nie in ihrem tapferen Leben geweint hatte. –

Tanten Frauke ging sacht aus der Tür. Draußen nahm sie einen Holzstuhl, stellte ihn vor die Tür und setzte sich darauf. Und hielt treue Wacht, bis sich ein verzweifelndes Menschenkind durchgerungen hatte. –


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