Auf Hallig Likamp lag Schnee.
Und ein kalter Nordost fauchte. Es war niemand unterwegs, den sein Beruf nicht unbedingt hinaustrieb. Eisblumen glitzerten an jeglichen Scheiben, und die Beilegeöfen verlangten viel Speisung, um die Stuben einigermaßen behaglich zu machen.
Manne Wögens ging nach der Postwarf, um seine Briefe abzuholen und ein Paket, das ihm angekündigt war. An der Anlegestelle des Postschiffes wehte ein dunkelblauer Schleier. Nachdem er das festgestellt, ging er ein wenig rascher zu und half der Aussteigenden.
»Hier«, sagte Nomine Holgers lachend.
Sie hielt ihm ein Postpaket hin. »Ich habe es für Sie ausgesucht in den anderthalb Stunden des langweiligen Kreuzens.«
»Wie überaus freundlich!« lächelte er überhöflich. »Und daß wir uns im Advent treffen, genau am Jahrestag wie beim letztenmal! Wissen Sie, daß Sie ein Jahr lang nicht hier waren? Und weiß der Mutterhof, daß Sie kommen?«
»Nein. Wir Holgers sind allem Brimborium und aller Sentimentalität abhold. Das wissen Sie ja.«
»Das steht doch nicht so ganz fest. Aber allerdings bei Ihnen persönlich habe ich diese Überzeugung. Sie sind einwandfrei unsentimental, Fräulein Doktor.«
Nomine errötete. Höchst überflüssig, wie sie bei sich selbst feststellte. Aber es berührte sie wunderlich, da der Lehrer ihr zum erstenmal den Titel gab.
»Haben wir den gleichen Weg?« fragte sie fast verlegen. Und als er ihr sagte, daß er sie nach dem Mutterhof geleiten wolle, nahm sie das Gespräch wieder auf.
»Ich allein erscheine Ihnen ohne Gefühlsduselei??? Und Sie sind doch der beste Freund der Ahne.«
»Eben darum. Bei ihr konnte ich tiefer schürfen. Und fand viel von ›Brimborium‹ und von dem, was Sie mit dem Schlagwort ›Sentimentalität‹ abtun.«
»Da wissen Sie in der Tat mehr als ich. Und meine Mutter? Erscheint sie Ihnen auch sentimental?«
»Jedenfalls hat sich Frau Holgers innerlich und äußerlich so verändert, daß Sie Ihre Mutter kaum wiedererkennen. Bleibt also noch Tanten Frauke. Nun, bei ihr werden Sie mir selbst zugeben, daß sie, gottlob (so sage ich), viel Brimborium zu eigen hat. Und Ihre jungen Geschwister, Fräulein Doktor? Klein-Karen lebt in einer köstlichen Puppen- und Märchenwelt, und Onnen???«
»Ja, den haben Sie mir gründlich verdorben«, fuhr es Nomine zornig heraus.
Eine dunkle Röte jagte über Manne Wögens Stirn. Nach kurzer Pause fragte er schier gleichgültig: »Wie wollen Sie das begründen?«
»Onnen ist etwas Besonderes …« sagte sie heftig.
»Seltsam, daß Ihnen das nicht entgangen ist bei dem Studium und der Doktorarbeit …«
Sie sah ihn böse an. »Ich meine, ein Schulmeister sollte einem den Fleiß nicht gar so verübeln.«
»Wenn der Fleiß so rücksichtslos ist wie der Ihre, Fräulein Doktor, dann verüble ich ihn allerdings. Er ist Ihr schwerster Fehler und Ihr größter Feind.«
»Ach nein, der sindSie, Manne Wögens. Das wird mir von Mal zu Mal klarer.«
»Ich staune über Ihre Menschenkenntnis, Fräulein Doktor.«
Sie sah das wunderliche Zucken in seinem Gesicht, und wußte nicht recht, was sie daraus folgern sollte. »Onnen war ganzmeinJunge«, nahm sie das Thema wieder auf. »Und es war mir der liebste Gedanke, daß er mein ›Amanuensis‹ würde. Nun haben Sie ihn zum ›Halligburschen‹ gestempelt …«
»Das war Onnenimmer. Ein Bodenständiger – einer, dem die Heimatflucht das größte Verbrechen dünkt, wenn er’s auch noch gar nicht in Worte faßt. Ich habe an Onnen nichts gemodelt, nur befestigt. Und Sie, Fräulein Doktor, begingen einfach den Fehler, die Rechnung ohne den Wirt zu machen.«
»Den Fehler kann ich noch beseitigen. Ich werde mich in diesen Ferien ganz nur Onnen widmen. Brieflich ist die Verständigung schwer mit solch einem trotzigen Feuerkopf. Aber durch persönlichen Einfluß …«
»Den haben Sie nicht mehr, Fräulein Doktor …«
Nomine Holgers blieb plötzlich stehen. »Daß ich nicht lache, Manne Wögens …«
»Da gibt’s nichts zu lachen«, sagte er schroff. »Onnen gehört auch gar nicht mehrIhnen.«
»Das sind ja überwältigende Neuigkeiten. Darf ich fragen, in wessen Besitz mein leiblicher Bruder übergegangen ist? Doch sicher in den Ihren …«
»Sie irren, Fräulein Doktor. Er gehört jetzt meiner Schwester Maren. Sie hat ihn allein und mit eigener schwerer Lebensgefahr in fast drei Monaten aus Typhus und Diphtheritis gesund gepflegt.«
Wie Keulenschläge fielen seine Worte.
»Onnen? Maren?« stammelte Nomine, »davon weiß ich nichts …«
»Sie haben ein Jahr lang nicht geschrieben, sind ein Jahr lang nicht auf der Hallig gewesen«, klang es hart. »Als uns Onnen sterben wollte, schrieb ich an Sie. Schier wider meinen Willen aus einem inneren Zwange heraus …«
»Ich habe nichts erhalten.«
»Nein, der Brief kam zurück. Adressat verzogen, unbekannt wohin …«
»Ich war auf Reisen,mußtemich erholen …«
Der Trotz erhob sich wieder in ihr, sie wehrte sich gegen Manne Wögens unbarmherzige Aufrichtigkeit.
»Ja, ich weiß. Sie hatten Ihre neue Adresse niemand hinterlassen. Das ist bequem, Fräulein Doktor, aber es befremdet Leute, die noch mitten im ›Brimborium‹ stehen …«
Sie warf beleidigt den Kopf zurück. »Erzählen Sieweiter«, gebot sie kurz. »Sie haben ja gewiß noch den ganzen Sack voll schöner Neuigkeiten, Manne Wögens. Oder nicht?«
»Neuigkeiten? Ja! Schön? Nein! Aber so reichlich, daß ich fürchte, ich komme nicht zu Ende, bis wir den Mutterhof erreicht haben.«
»So unartig also war’t ihr Halligleute, während ich nur ein Jahr fort war?« versuchte Nomine zu scherzen.
»Ja, wir Halligleute – Fräulein Doktor scheint sich überhaupt nicht mehr dazu zu rechnen – erlaubten unssehrunartig zu sein, über die Gebühr unartig, – Gott, was haben wir alles angestellt …!«
Nomine Holgers sah ihn prüfend an. Die sonderbar bittere Art seiner Berichterstattung befremdete sie. Es war kein Humor mehr dabei.
»Das scheint mir so«, sagte sie bedeutungsvoll. »Sie tragen ja noch den Arm in der Binde. Haben Sie gerauft?«
»Mit dem Tode, ja. Aber er war stärker als wir alle.«
»Manne Wögens, Sie sind wirklich unausstehlich. Was soll diese ganze Art? Wenn es Scherz sein soll …, Sie pflegten früher geschmackvoller zu scherzen.«
Er lachte grell und bitter auf. Und dann faßte er mit seiner gesunden Rechten ihr Handgelenk und hielt es wie in einem Schraubstock fest. Zornig blitzten seine Augen sie an. Sie wollte sich losreißen, aber er zwang sie stehenzubleiben.
»Was ficht Sie an, Manne Wögens?« rief sie böse.
»DerZorn, Prinzessin Nomine. Ein Jahr lang haben Sie sich nicht um Ihre Heimat und um uns gekümmert.Ein Jahr lang haben wir hier in Kümmernis und Herzenssorgen gelebt, und Sie haben nicht danach gefragt. Meiner Maren wollten und sollten Sie eine Schwester sein; haben Sie Ihr Wort gehalten? Alle Brücken zur Heimat hatten Sie hinter sich abgebrochen. Warum? Aus kaltherziger, eigensüchtiger Bequemlichkeit. Und wie wollen Sie vor Gott bestehen, wenn er Sie nach Melenke fragt?«
Nun hatte sie sich mit einem Ruck losgerissen.
»Sie überschreiten Ihre Befugnisse, Herr Lehrer Wögens. Ich sitze nicht mehr auf der Schulbank. Trotzdem will ich Ihnen Antwort geben. Ernste Arbeit für meinen künftigen Beruf ist nicht kaltherzige Bequemlichkeit. Allerdings, ich wollte nichtunnützgestört werden. Und des Heimatballastes etwas ledig werden. Aber ich habe zweimal an Melenke geschrieben und sie nach Kiel eingeladen. War auch ganz im Anfang bei ihr in Hamburg. Aber ihre Umgebung war für mich unwürdig … Und dann … nahm mich allerdings das Bauen meines Doktorsganzin Anspruch …«
»Und damit war die Schwester völlig aus Ihrem Gedächtnis entschwunden? Ich kann’s mir denken …«
»Warum examinieren Sie mich?« fuhr sie wieder auf. »Ich verbitte mir’s. Ich habe einmal Ohm Rickert in Husum getroffen. Noch vor zwei Monaten. Und habe ihn nach Melenke gefragt. Da sah er mich an, als hätte ich chaldäisch gesprochen. Und hatte es sehr hilde und rief mir nur zu, es gehe ihr gut, es gehe ihr am besten von uns allen.«
Wieder lachte Manne Wögens kurz auf. »Sieh so, – der Ohm Rickert. Ja, das ist ein Humorist und Philosoph.«
»Ich weiß nicht, was Sie wollen«, bemerkte Nomine Holgers ärgerlich. »Es wird das beste sein, ich lasse Sie hier stehen und stapfe allein durch den Schnee zum Mutterhof. Da wird mir ja alles offenbar werden, worüber Sie so krampfhaft orakeln.«
Er sah sie seltsam forschend von der Seite an, und einen Augenblick wollte das Mitleid heiß in ihm aufwallen, wie sie so ahnungslos neben ihm schritt.
Aber da schürzte ihr Mund sich schon wieder. »Daß Sie doch immer schelten und schulmeistern müssen, Manne Wögens. Ich hatte mich wahrhaftig auch aufSiegefreut. Aber nun ist alle Freude fort. Und dabei will ich doch nur die paar Weihnachtstage bleiben, will dann ins Ausland gehen in den ersten Tagen des neuen Jahres. Könnten Sie nicht aus diesem Grunde ein bißchen netter sein?«
Sie blieb nun stehen, und wieder sahen sie sich in die Augen.
»Wie schrecklich blaß und elend er mit einemmal aussieht«, dachte sie. »Und warum trägt er mir alles so nach? Was habe ich denn so Böses getan?«
»Ich habe nie Anlage zum ›Nettsein‹ gehabt«, entgegnete er ruhig.
Da flog ein häßliches Wort ihm zu. »Philister!!!«
Unbewegt und ernst stand er vor ihr, und sah in seiner hochaufgerichteten, stattlichen Größe auf sie nieder. Allen Zorn, allen bitteren Unmut zwang er jetzt mannhaft zurück. Und sah nur das junge Menschenkind vorsich, das all der furchtbaren Wahrheit im Mutterhof ahnungslos entgegenging. Er bewegte die Lippen und formte die Worte, die sie schonend vorbereiten sollten …
»Um Gottes willen,« rief sie, »nur keine Moralpredigt mehr. Ich hab genug für alle Ferien davon. Gö Dai, Manne Wögens …«
Nomine Holgers gönnte ihm nicht einen einzigen Blick mehr. Sie wandte sich und lief noch ein Stück den Deich entlang, und stieg dann die Steinstufen zur Großwarf empor.
Und Manne Wögens stand still auf derselben Stelle und sah ihr nach. Als wolle er dort Wurzel schlagen, wie die Bonnestave zu seinen Füßen.