Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.
Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.
»Wer tief verwundet ist von den Geschossen des Schicksals, der mag auf die majestätischen Höhen der Berge und die ungebändigten Wogen schauen und lernen, daß man mit der Weichheit nicht durchkommt, und daß Kraft die Losung des Lebens ist.«
Dies Wort holte ich mir heut aus meiner Bücherei. Eine Bestätigung der tiefen Wahrheit, die mir schon lange der tägliche Anblick der salzen See gegeben hatte. –
Hart sind alle Halligleute.
Der Kampf mit den Elementen gibt ihnen seinen Stempel.
Kaum eine halbe Stunde duckte sie die Sturmflut.
Gleich waren sie wieder aufgesprungen, hatten sich gereckt, und ihre starken Arme tilgten in kraftvoller Entschlossenheit die Spuren der Vernichtung. –
Nur mein alter Nachbar Luersen ist liegengeblieben.
Der Stoß war zu derb, den ihm das Schicksal gab. Aber da ihm die Vernunft abhanden kam, wurde zugleich sein Los gemildert. Er wiegt das Kissen und ist glücklich.
Die Beerdigung der sechs Leichen bedeutete eine Läuterung für die ganze Hallig.
Sechs Särge predigten lauter als Pastor Ephraim Licht. Und Lars Larsen auf der Königswarf, der all sein Lebtag mit Peter Luersen verfeindet war, lud uns zum Mahl in sein Haus. Und veranstaltete dann eine Sammlung, zu der er selbst den größten Betrag stiftete. Die liegt nun als hübsche, runde Summe auf der Kreissparkasse. Für Akke’s kleines Mädchen. Wir haben es Anni genannt.
Und ich mußte richtig kämpfen um meinen Pflegling Luersen. Da war auch nicht einer in der Gemeinde, der ihn nicht zu sich nehmen wollte. Aber er wurdemirzugesprochen. Weil es den Unglücklichen trotz der Verblödung noch nach seinem verwüsteten Hause zieht, das neben dem meinen liegt. – Irgendwo im äußersten Winkel des kranken Gehirns muß eine Erinnerung schlummern. Wird sie wach, dann läuft er mir plötzlich fort und lehnt sich an den morschen Birnbaum in seinem ehemaligen Gärtchen. Und wiegt sein Kissen und horcht nach dem Hause hin. Und kehrt wieder heiter zu mir zurück. – Gestern besuchte ich Maren und nahm Luersen mit nach dem Mutterhof. Aber dort war er unruhig und strebtefort. Da nahm Maren seine Hand und führte ihn an die Wiege zu seinem Enkelkind. Hieß ihn sich setzen und legte ihm das kleine Mädchen in den Arm. Paßte sorglich auf, daß er’s nicht fallen ließ. Er sah darauf nieder und hielt die Arme steif und ruhig. Ließ es sich auch wieder abnehmen und beobachtete, wie es in die Wiege zurückgelegt wurde. Darauf nahm er sein Kissen und schaukelte es heftig. –
Nur des Nachts darf meine Magd dies Kissen waschen. Er ist ganz außer sich und weint kläglich, wenn er es nicht früh an seinem Lager findet.
Ein aufgeweckter Mann war einst Peter Luersen. Ich selbst holte mir von ihm manchen Rat. Und die Insulaner wandten sich in verzwickten Angelegenheiten an ihn.
Er legte Mehdebücher an und half den Warfbohlsgenossen bei den Berechnungen, wobei er einen Mathematiker von Fach beschämen konnte. Er las gern gute Bücher. Meine zerlesenen habe ich alle an ihn abgegeben, und da war er nun wieder der geborene Buchbinder und legte die schönsten Deckel darum. Und nie kam er ohne ein paar Bücher vom Husumer Markt zurück, die er sich von einem »fliegenden Händler« erstand. Sein Gärtchen war mit das sauberste und schönste auf der Hallig. Sein Birnbaum trug am reichlichsten. Weil er immer Neues ausdachte, um die Frucht zu fördern.
Von all diesen Gaben ist nun nichts geblieben. Nichts als die Vaterliebe. Und von dieser nur die Erinnerung an seine Erstgeburt, seine Akke. Man könnte sich darüber vergrübeln, wenn das Leben nicht so viel Arbeit für uns hätte. –
Neulich versuchte ich bei Luersen wieder einige Gedanken zu wecken. Er war mir in seiner gesunden Zeit ein eifriger Mitarbeiter an meinem Buche. Brachte mir jedes Pflänzchen, von dem er glaubte, es sei noch nicht in mein Bereich gekommen, brachte mir seltsame Steinfunde, und stöberte wertvolle alte Halligaufzeichnungen auf. Ganz andächtig konnte er dann von Zeit zu Zeit in meinem Manuskript blättern und nachlesen. So gab ich es ihm auch neulich einmal wieder in die Hand. Preislich und dickleibig ist’s schon geworden. Es drängt dem Ende entgegen bei aller Fülle des Stoffes, der noch vorliegt. Aber Peter Luersen hielt das weiße Bündel kaum in der Hand, da fing er auch an es zu schaukeln:
»Slaap, slaap, min Zockerpopp,Morgen früh weck ik di op.«
»Slaap, slaap, min Zockerpopp,Morgen früh weck ik di op.«
»Slaap, slaap, min Zockerpopp,Morgen früh weck ik di op.«
»Slaap, slaap, min Zockerpopp,
Morgen früh weck ik di op.«
Alles dünkt ihm »Akke«. Das Kind Akke, das noch gut und rein war und dem Vater zulieb lebte. –
Wir sind nun schon weit im Februar drinnen. Haben auch schon oft wieder mit dem Wasser gekämpft, aber nicht so hart wie im letzten Herbst. Doch schaue ich jedesmal mit Bangen nach der Nordseite von Likamp. Hierhin öffnen sich die Mündungstrichter unserer Priele. Edlef hat mir gezeigt, wie die Natur selbst schützend eingreift. Ein zäher Lehm lagert dort, wo die Gefahr am größten lauert. An ihm findet die wühlende See hartnäckigen Widerstand. Aber für die Ewigkeit ist sein Lagern nicht berechnet. Edlef plant einen Steinschutzdamm mit Zuhilfenahme von Faschinen. Und bei der arg bedrängten Kirchwarf denkt er an Betonversenkung. Von Mal zu Malraubt die salzen See bei Sturmflut etwas von der Landzunge zwischen Kirchpriel und freier See. Dem muß Einhalt geboten werden. Edlef verspricht sich viel von seinem Aufenthalt in Hamburg. Ihn hat schon immer die Regulierung der Unterelbe interessiert, nun ist er mitten drin im Studium des einschlägigen Materials. Das will er dann für die Sicherung und Eindeichung von Hallig Likamp verwenden.
Viele Insulaner stellen sich lau zu all den großzügigen Plänen. Das ist tief bedauerlich. Ich verliere leicht die Geduld so viel Kurzsichtigkeit gegenüber. So viel Gescheite und ernste Männer, denen unsere Hallig lieb ist, beschäftigen sich mit der Insel. Sie haben jedem Verständigen einleuchtende Grundsätze aufgestellt, auf denen wir unbedingt aufbauen müssen. – Ich versammle jetzt öfters die Halligleute im Schulhause und halte kleine Vorträge, berate sie auch nach bestem Wissen und Gewissen. Besonders die gerechte Lastenverteilung an Arbeit und Kosten ist schwer, aber auch hier haben Sachverständige die Wegweiser gestellt: »Wer den meisten Vorteil an der Landerhaltung hat, der hat auch am meisten zu leisten.« –
Edlef schreibt mir verhältnismäßig oft, weil er weiß, welch rege Anteilnahme ich seinen Plänen entgegenbringe, die alle das Wohl der Hallig im Auge haben.
Aber nur ganz sachlich schreibt er mir. Von Maren enthalten seine Briefe nichts. Er selbst schickt nur Postkarten nach dem Mutterhof. In seinem Verhältnis zu Maren ist etwas verschüttet, was nicht wieder gehobenwerden kann. So meint Maren. Gott verhüte, daß sie recht hat.
Aber vielfach erwähnt Edlef seinen Bruder Onnen. Er liebt ihn, ist ungeheuer stolz auf ihn und legt mir seine Förderung ans Herz. Mein Brief, der damals über Onnens Lebensgefahr berichtete und über Marens nimmermüde, Tag und Nacht währende Pflege hat ihn tief erschüttert. Er fand dankbare, begeisterte Worte über Marens selbstloses Verhalten, aber nur gegen mich. Maren selbst erhielt kein Wort darüber. – –
Onnen durfte das Weihnachtsfest bei mir im Schulhaus verleben. Da sind wir uns noch näher gekommen, wenn das überhaupt möglich war. Merkwürdigerweise hat man Onnen nicht gesagt, daß seine Schwester Nomine zu Hause gewesen ist. Onnen war zwar noch recht angegriffen, aber der Besuch von Nomine hätte ja nichts Welterschütterndes für ihn bedeutet. Es ist mir ein völliges Rätsel, warum sie ihn nicht hat sehen wollen. –
So habe ich einen schönen, kleinen Tannenbaum für Karen und Onnen geschmückt, und Peter Luersen hat in die hellen Lichter hineingeschaut, doch ohne Erleuchtung für seinen armen Kopf. Gar nicht gekümmert hat er sich um meine jungen Gäste. Das Wiegenkissen ist ihm allstunds Gesellschaft genug.
Am Silvestertag kam dann Maren zu mir, um mir aus ihrem goldenen, treuen Schwesterherzen heraus ein glückliches neues Jahr zu wünschen. Sie faßte das »Glück« gleich in ein paar Begriffe zusammen, in »Gesundheit«, »Gelingen meines Werkes« und »daraus entsprießendemMammon«, der mir eine große, herrliche Reise ermöglichen soll. – Ich war mit diesen Begriffen zufrieden. –
»Der Mutterhof hatte ein Krankes«, sprach Maren weiter zu mir. »Sonst wäre ich längst bei meinem einsamen Mannebruder gewesen.«
»Schon wieder ein Krankes?« fragte ich. »Du kommst nicht heraus aus dem Pflegen.«
»Hier war nichts Eigentliches zum Pflegen. Herz und Gemüt waren aus den Fugen, und der arme Mensch, der dazu gehörte, mußte sich selber helfen.«
Da wußte ich, wer die Kranke war. –
Nach einer längeren Pause strich mir Maren über den Scheitel und die Schläfen. Sie hatte sich auf die Armlehne meines alten Sorgenstuhles gesetzt und meinte sinnend: »Auch durch Nomines Schläfenhaare zieht sich ein weißer Streifen.«
»Unsinn!« begehrte ich auf. »Das Mädchen ist vierundzwanzig Jahre alt.«
»Aber in diesen Weihnachtsferien um ein Jahrzehnt, wenn nicht um mehr gereift …«
Maren und ich verstanden uns ohne Worte. Ich fragte nicht, wie Nomine den Anblick des veränderten Mutterhofes aufgenommen und verwunden hatte, und erfuhr nicht, wie sich die Krankheit nannte, die sie niederzwang. Ich weiß nur, daß ihr einziger Ausgang nach dem Friedhof zu den beiden verschneiten Gräbern gewesen ist. Weiß auch, daß Nomine jetzt im Ausland weilt, und daß sie auf ihren Wunsch über die Heimathallig von Maren auf dem Laufenden erhalten wird.
So schlummert auch mein allzu lebendiger Groll nachund nach still ein. Aber äußerlich wird dieses letzte Wiedersehen noch eine größere Schranke denn vordem zwischen Nomine Holgers und mir errichtet haben.
Vielleicht werden wir uns jetzt jahrelang nicht wiedersehen. Sie wird ihr Staatsexamen machen und in eine neue Welt eintreten. Ich aber will weiter meine besten Kräfte aus der Heimat saugen, und ihr weiter mein Bestes geben.
Seit einiger Zeit geht ein ungut Gerücht um.
Ich habe Müh’ und Not, es vor Maren zu bergen.
Man hat Edlef Holgers und Akke, geborene Luersen, in Hamburg zusammen gesehen.
Warum sollen zwei Halligkinder sich nicht zufällig treffen können? Und wenn Edlef wirklich längere Zeit mit ihr zusammen gewesen ist, so ist das unvorsichtig, braucht aber keine Schlechtigkeit zu sein.
Wenn ich doch solche Zuträgereien von meiner Hallig verbannen könnte! Sie passen so gar nicht zu unserer Einsamkeit, zu der tiefen, besinnlichen Stille unserer Warfen!
Irgendeine fremde Eintagsfliege hat ein paar Staubkörner mit anderem unnützen Tand auf die Insel gebracht.
Der Staub wuchs an, und nun bedarf es vieler Fäuste, um den Schmutzhaufen fortzuschaffen.
Heute kam jemand zu mir und sprach davon mit ernstem Gesicht. Pastor Ephraim Licht.
Dem mußte ich freilich zuhören. Denn ich weiß, daß ihm die Ehre seiner Gemeinde am Herzen liegt.
Es wäre ja auch die allerernsteste Sache von der Welt …wenn… Aber dies »Wenn« würde ein Ehband zerreißen, würde Maren verzweifeln lassen und Edlef zum Ehrlosen stempeln.
Und deshalb ist dieses »Wenn« ein Unsinn.
Das betonte ich auch dem Pastor gegenüber sehr energisch.
»Könnte man das Wort doch noch einfangen und unschädlich machen,« sagte Pastor Licht traurig, »aber es hat schon Wurzel geschlagen …«
»Wehe dem, durch den Ärgernis kommt.«
Für mich ist’s zum Lachen. Und dabei knirschte ich mit den Zähnen. – Man raunt, Edlef sei der Vater von Akkes Kind. Pfui Teufel! –
Dieses kräftige Wort schrieb ich gestern abend.
Heute bin ich ganz frohgemut.
Denn ich bekam wieder Besuch. Ganz unerwartet – einen Besuch, den ich in Marens Mädchenstübchen einquartiert habe. Dort qualmt er den weißen Betthimmel und die lichten Gardinen voll, aber er ist nicht zu bewegen, herauszukommen.
Die Magd muß ihm auch das Essen hinbringen.
Ohm Rickert ist’s.
Ich saß wie immer des Nachmittags an meinem Werk. Da sprang die Tür auf, und jemand stand vor mir. War er selbst hereingestürzt? Hereingeflogen? Oder hatte ihn jemand hereingeworfen?
Nun entspann sich unser Gespräch.
»Ohm Rickert, Ihr werdet mit dem Alter immer stürmischer, wie’s scheint.«
Keine Antwort.
»Nun, so seid willkommen und setzt Euch.«
Keine Antwort.
»Habt Ihr eine Bestellung von Maren?«
Keine Antwort.
»Ist etwas geschehen? Seid doch nicht wunderlich!«
Da sah er mich aus Jammeraugen an, legte sein großes, rotes Bündel auf die Erde, und stand so mit verschlungenen Händen wie ein demütig Bittender vor mir. Ich schüttelte den Kopf über dem Rätsel.
»Gebt mir um Gottes willen für diese Nacht Unterstand«, bat der alte Mann. – »Maren hat mir die Tür gewiesen.«
Da mußte ich mich fest in meinen Ohrenstuhl setzen.
»Erzählt«, sagte ich kurz.
Er war noch ganz verbast.
»Gut hab’ ich’s gemeint«, murmelte er heiser. »Ist ja schier eine Heilige, die Maren, deshalb glaubt der Schulmeister wohl selbst nicht, daß ich ihr könnt was Böses antun. Aber ich konnt’s nicht mit ansehen, daß die Maren, die junge Herrin vom Mutterhof, mit einer Binde vor den Augen herumlief. Jeder guckte sie bedauernd an. Ich hab’ schon die Gelbsucht gekriegt vor Ärger über die vielen Besucher in letzter Zeit, die sich doch früher nicht blicken ließen. Und immer liefen sie zuerst zur Wiege von der lüttjen Deern und beriefen das schöne Kind. Aber nur, um zu sehen, ob das Schandgerücht wahr sei. Ob dasLüttje am Ende doch die Holgersnäs hätt … Lehr mich eins, die schadenfrohen Wiwer kennen. Un da hab’ ich denn der Maren …«
Ich packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn:
»Ohm Rickert! Unglücksmensch!« schrie ich ihn an. »Was ich verhüten will, das tut Ihr so ohne Scheu? So alt und erfahren seid Ihr und wißt nicht, daß ein junges Weib an so was sterben kann?«
»Schulmeister, da irren Sie sich. Die Maren kenn ich gut. Die ist eine, die nicht geschont sein will. Die will allstunds der blutigsten Wahrheit und Gewißheit ins Gesicht sehen. Aber davon ist hier gar keine Rede. Wie ich nur so’n büschen angedeutet habe … so ganz verblümt … nur so in aller Liebe für meinen Augapfel Maren, da horchte sie schon scharf auf. Und wie ich so’n beten ins Tühnen komm, ganz sachtgen von Edlef un Akke und … dem lütt Soggerpöös, … da war ich auch schon draußen. Nicht, daß sie mich angerührt hätte, sie sprang nur auf, so rasch und zornig … nie hab’ ich sie so gesehn. Und zeigte nach der Tür. Nie, – und wenn ich hundert Jahr alt werde, nie werde ich den aufgehobenen Arm vergessen, der dem alten Mutterbruder Rickert die Tür wies.« Der alte Mann schluchzte. »Ich hab’ dann rasch mein Bündel gepackt, wußt ja zuerst rein nicht wohin. Da fielen Sie mir ein, Schulmeister. Aber die Maren, die hört ich gleichdrauf singen und mit Klein-Anni scherzen, – wie wenn nix wär.«
Ich drückte seine Hand, sprach kein Wort, sondern brachte ihn am hellerlichten Tage mit einem Teepunsch zu Bett. Und dann ging ich wieder in mein Arbeitszimmerund lachte, und atmete froh auf aus tiefstem Herzensgrund.
Du söte, du fixe Deern! Dem Verleumder deines Gatten die Tür zeigen und dann herzlich lachen. Das ist Lebensweisheit, deiner würdig, meine Marenschwester! –
In der hellen Frühlingsonne stand Manne Wögens vor seinem Schulhause. Es war erst sechs Uhr morgens, und er hielt seinen stillen Dankgottesdienst, wie er es alltäglich tat. Denn es gab täglich unendlich viel zu freuen, wie er in seinem dankbaren Herzen feststellte. Und so erzog er auch seine Nachbarn und alle Schulkinder und durch diese wieder die Eltern zur nimmermüden Dankbarkeit. Eine feste, unangefochtene Gesundheit hatte er durch den Halligwinter gebracht. Die gebrochene Hand war gut geheilt und ersparte ihm außerdem das Barometer, denn sie zeigte in rührender Beflissenheit an, wenn sich das Wetter ändern wollte. Sein Halligbuch gedieh ihm zur Herzensfreude. Er hatte das Glück gehabt, in Berlin einen Verleger zu finden, der sich für seine Arbeit interessierte. Er war persönlich bei ihm gewesen und hatte ein paar anregende Tage in der fleißigen, nimmer rastenden Großstadt verlebt. Nun schaffte er in großer Freude in dem Gedanken, daß sein Werk nach der Vollendung weiter in guten Händen sein werde.
Ohm Rickert weilte noch bei ihm. Der arbeitete unermüdlich in Hof und Garten und verdiente sich reichlich das Brot, das Manne Wögens ihm gab. Denn durch OhmRickerts Hilfe war der Lehrer entlastet und konnte sich nach den Unterrichtsstunden mit ganzer Hingabe seiner Arbeit widmen. Auch Peder Luersen war ihm durch Ohm Rickert abgenommen worden. Der Kranke hatte sich rasch an seinen neuen Pfleger gewöhnt.
Nach dem Mutterhof war Manne Wögens noch nicht wieder gekommen. Er hatte durch Onnen hinsagen lassen, daß Ohm Rickert von ihm aufgenommen sei. Nun wollte er Maren erst einmal in voller Ruhe das häßliche Gerücht verwinden lassen. Er wußte, daß sie ihn suchen würde, wenn sie des Bruders bedurfte. –
Der strahlende Sonnenaufgang verhieß einen frohen Tag.
In Manne Wögens’ Augen leuchtete ein helles Willkommen für das, was er bringen würde.
»Dat is mit der Sonne grad so, wie mit den meisten Weltsachen und auch mit den meisten Menschen«, sagte Ohm Rickert, der schon eine ganze Weile hinter dem Lehrer stand, ohne daß dieser ihn bemerkte. »Sie versprechen eine ganze Menge und dann halten sie’s nicht und narren uns.«
»So kritisch?« lachte Manne Wögens. »Sind wir mit dem linken Bein zuerst aus dem Bett gestiegen? Das gibt’s nicht im Schulhause. Schaut nur weiter in die Sonne, Ohm Rickert, und auf unsere schöne, liebe Hallig. Sie lacht nicht oft so, wir wollen’s wahrnehmen. Rein Hart, klar Kimming!«
Ohm Rickert schüttelte den Kopf.
»An dem Lehrer erkenn ich den Schüler. Dem Onnen Holgers muß ich auch des öfteren sagen: ›Lösch din Lichters ut, mien Jung, es kümmt anners, as du dacht harst.‹«
»Nun, – und?«
»Dat möt ik hüt ok dem Scholmeester seggen.«
»Man zu. Es wird nicht viel nützen, denn ich hab heut ›Spring im Herz’ und Sing im Leib‹, wie meine Großmutter zu sagen pflegte.«
»Schulmeister, – – das Bett von Peder Luersen ist leer. Und im nächsten Umkreis vom Schulhaus ist er nicht zu finden.«
Manne Wögens erschrak heftig. »Das ist freilich böse Botschaft. Aber ich kann mir nicht denken, daß er sich ein Leides angetan hat.«
»Ein Leides? Mich dünkt, es wär’ die größte Wohltat, die der da oben für den arm Stackel haben könnt …«
»Wir müssen uns gleich aufmachen«, gebot der Schulmeister hastig. »Ich laufe zur Kirchwarf. Möglich, daß sein kranker Geist sich plötzlich erinnert und die Ertrunkenen dort sucht … Auf meine Schulkinder kann ich mich verlassen. Die beschäftigen sich schon selbst, wenn sie mich nicht vorfinden. Ich lege ihnen einen Zettel hin.«
»Tun Sie das, Schulmeister. Und ich such’ auf der andern Seite. Wenn Nahbar Luersen nicht schon in der Ewigkeit ist, dann soll er her.«
So trennten sie sich.
Ohm Rickert humpelte nach dem Nachbarhause und durchspähte das Wrack. Stieg im verschlammten Gärtchen umher, an welches seit dem Unglück noch keine ordnende Hand gekommen war. Aber Vadder Luersen war nicht zu entdecken.
Ohm Rickert sprach nach seiner Gewohnheit mit sichselbst. »Die größte Möglichkeit wär’, dat he, wat Luersen is, sich nach dem Mutterhof verlaufen hätte. Denn die Maren tut’s jedem an. Aber mich bringt niemand nach dem Mutterhof.«
Immer wiederholte er dies Gelöbnis, trotzdem seine Füße längst den Weg nach der Großwarf eingeschlagen hatten. »Nicht zehn Pferde ziehen mich allmeindag auf das Flag, wo man die Hand gegen mich aufgehoben hat …« Damit fing er auch schon an zu laufen. So gut es sein Gliederreißen gestatten wollte, ging es geradenwegs dem Mutterhof zu. Denn sein immer noch recht scharfes Auge hatte da etwas entdeckt. Er hatte es bald erreicht und hob das schmutzig weiße Bündel auf. Dann lief Ohm Rickert weiter und pustete und schnaufte gefährlich, denn sein altes Herz schlug heftig gegen die Rippen. Seine Angst war groß, und mit ihr stritt sich noch allerhand Unbekanntes und Uneingestandenes in seinem Innern.
Von der Treppe, die von der Großwarf nach den Fennen führte, kam jemand herunter gestolpert. »Christ Kyrie, wo wollt Ihr hin, Vadder Luersen«, fragte Ohm Rickert und hielt den Kranken fest. Der erschrak heftig, lachte aber gleich drauf. »Baden. Klein-Akke baden«, lallte er.
Und wandte sich zum nahen Priel.
Mit der Linken hielt Ohm Rickert ihn fest. Mit der Rechten löste er das kleine, schlafende Wesen aus Peder Luersens Arm.
Da warf sich der Irre in jäher Wut auf ihn. Beide fielen sie zu Boden. Aber Ohm Rickert schützte das Kindmit seinen Armen. Und ehe der Kranke sich wieder aufrichten konnte, hatte Rickert die Kleine weit von sich geschoben in dichte Bonnestave hinein. Es war erwacht und schrie jämmerlich. Vadder Luersen hörte die Klagetöne und warf sich aufs neue auf seinen Feind. Da rief Ohm Rickert gellend zum Mutterhof hinauf: »Maren! Maren!«
Es kam rasche Hilfe. Bei dem guten Wetter arbeiteten alle draußen im Hof und Garten. Maren rannte allen voran die Stufen hinunter. Sie und der rasch nachfolgende Knecht rissen den Kranken zurück. Er lachte gleich wieder, als er Maren sah, und ließ sich willig vom Knecht führen. Das schmutzige Kissen war auf die Erde gefallen, er hob es auf und schaukelte es heftig. –
»Christ Kyrie, das Lütte«, rief die Magd, und kniete bei Klein-Anni. –
Maren stand vor Ohm Rickert. Er blutete aus vielen Kratzwunden.
»Stützt Euch auf mich«, bat Maren liebreich und führte den Erschöpften. Der erzählte ihr stockend, was vorgefallen. Dann wandte er sich finster. »Ich gehör’ nicht hierher, – du hast mich fortgewiesen, Nichte Maren.«
»So führ’ ich Euch nun wieder hinein.«
Sie legte ihr weißes Halstuch um seine zerschundene Hand. »Uns ist beiden weh geschehen«, sagte sie sanft. »Nun muß ich Euch danken, Ohm Rickert, daß Ihr mir das Pflegekind rettetet. So seht Ihr, daß Gott Euch auf dem Mutterhof braucht und ich auch. Ihr seid mir sehr abgegangen all die Tage, Ohm Rickert …« Da war er schon wieder in ihrem Bann.
Und ließ sich geduldig in seine alte Behausung geleitenund all die häßlichen Schrammen von der weichen Hand verbinden. Und wie Frau Maren über ihn geneigt stand, raunte er an ihrem Ohr: »Ich denk allstunds gut vom Edlef.«
Da wurde ihr Gesicht sehr blaß und sie trat ein wenig zurück. »Dasmußauch jeder tun in diesem Hause«, sagte sie fest. »Sonst müßt ich selbst dem Wunden dies Dach wieder verbieten. Sprecht nie mehr davon, Ohm Rickert, wenn Ihr mich lieb habt.«
Als nach einer Stunde Manne Wögens kam, ganz voll Sorgen über den Verbleib seines Schützlings, fand er ein sehr friedliches Bild. Vadder Luersen saß still an Klein-Annis Wiege, hielt das Wiegenband und bewegte sacht damit die Schwengel, wie er es von der ihm gegenübersitzenden Mutter Holgers sah. Das Kissen hatte man ihm fortgenommen.
Die Geschwister besprachen ernst den Fall.
»Du kannst ihn nicht bei dir behalten«, meinte Manne Wögens besorgt. »Das Kind würde immer gefährdet sein.«
Maren sah ihn ratlos an.
Der Lehrer legte die Hand auf die Schulter des Kranken. »Kommt, Vadder Luersen, wi willn nah Hus’.«
Aber Vadder Luersen achtete nicht darauf, und als ihn Manne fortziehen wollte, widersetzte er sich heftig und zugleich voll Angst.
»Laß ihn«, bat Maren. »Das verstört ihn mir wieder ganz. Ich will Ohm Rickert bitten, daß er sich hereinsetzt und auf ihn aufpaßt. Wir müssen dann mit dem Pastor sprechen, wie es weitergehen soll.«
»Wenigstens singt er doch das schreckliche Lied nichtmehr«, meinte Mutter Holgers. »Es kann wohl noch besser mit ihm werden. Und Platz zum Schlafen hat auch der Mutterhof für ihn.«
Maren geleitete den Bruder zur Haustür.
»Du hast dir viel Sorge aufgeladen, Marenschwester«, meinte er trübe. »Du siehst müde aus.«
»Nicht doch«, wehrte sie. »Das war nur heute ein bißchen viel, so in aller Herrgottsfrühe. Sorg’ dich nicht um mich. Der Ohm Rickert ist ja nun wieder bei mir …«
Manne Wögens schüttelte lächelnd den Kopf. »Wie du den gezähmt hast, Maren. Wo ist sein loses Maul geblieben? Weißt du, daß er dich eine Heilige nennt?«
Maren errötete. »Das ist ja Unsinn! Er weiß nur, daß ich Schluderworte nicht hören mag.« Sie sah lieblich lächelnd den Bruder an. »Manne, wo sollte wohl Ohm Rickert ›Heilige‹ kennen gelernt haben?«
Dann fragte sie unvermittelt: »Hast du Nachricht von Edlef?«
»Ja, gestern. Aber von sich selbst schreibt er gar nichts, der ganze Brief wimmelt von ›Erdlahnungen‹, ›Faschinenbuhnen‹ und ›Strohbeschickung‹. Er ist sehr fleißig, dein Edlef. Und auch mit seinem Geld und Gut setzt er sich ein. Die Halligleute schätzen ihn sehr, Maren, mein Deern …«
»Ja, und schneiden ihm die Ehre ab«, sagte sie bitter.
»Das steht ganz und gar auf einem andern Blatt«, rief der Lehrer eifrig und nahm ihre Hand. »Du kennst die wunderliche Hallig nicht wie ich …«
»Doch, Manne,ich kennesie.« Aus ihren Augen sah der Gram.
Da reichte er ihr rasch die Hand und ging mit weit ausholenden Schritten zur Schulwarf. Sein alter Knecht kam ihm entgegen. »Allens im Lot«, berichtete er. »Dat brummelt blot so’n beten in de Scholstuw. Ik heww seggt: Ji Düwelstüg, wenn ji Larm makt, dann hol ik sülwst School. Da hebben se Angst kregen …«
Manne Wögens lachte. »Junge, Junge, dat is gewiß.« Und noch lachend trat er in die Schulstube.
Da saß Onnen Holgers auf dem Katheder und las mit erhobener Stimme und gutem Ausdruck eine biblische Geschichte vor. Und die Schulbuben und Mädchen hatten die Hände gefaltet bis auf Geerd Mannsen. Der kerbte mit einem Taschenmesser die Bank ein, was von den Umsitzenden mit Teilnahme verfolgt wurde. Die hinderte sie aber nicht, zugleich die Geschichte mit Spannung in sich aufzunehmen. Denn Schulkinder haben die Gabe, die Ohren freizuhalten, wenn sie auch Herz, Hirn und Augen zu einer anderen Sache brauchen.
Daß der Schulmeister mitten in der schönen Geschichte zurückkam, das neue Messer von Geerd Mannsen enteignete, dem Sünder eins an die Ohren gab und die Geschichte unterbrach, dünkte allen eine sehr unberechtigte Störung. Nur Onnen sprang fröhlich von seinem hohen Sitz herunter. Zugleich läutete es acht Uhr von der Kirchwarf, und die Pause begann. Alle Kinder marschierten geordnet zur Tür hinaus auf den Hof zum lärmenden Spiel, wobei auch Geerd Mannsen seine Ohrfeige vergaß.
»Es ist sehr schwer, Lehrer zu sein, oha, oha«, sagte Onnen, der zurückgeblieben war. Er atmete tief und befreit auf.
»Sieh da, Onnen, mein Junge,« meinte der Lehrer, »da hast du ja schon in deinen jungen Jahren begriffen, was die meisten erwachsenen Leute noch nicht klar haben. Ja, es ist sehr schwer, ein Lehrer zu sein!«
Onnen machte ein sorgenvolles Gesicht. »Jeder wollte eine andere Geschichte, Herr Lehrer. Das ging doch nicht. Und der Lärm dabei! Dann hab’ ich eine gefunden, die paßte für alle.«
»Und welche war das?«
»Von Jesus und der Sünderin.«
Manne Wögens unterdrückte ein Lächeln. »Junge, wie kommst du auf die?«
»Weil da ein Spruch drüber steht: ›Und wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte derLiebenicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.‹ Ich dachte, von der Liebe … könnte man den Halligleuten gar nicht genug erzählen … –«
Da nahm der Lehrer den Jungen und stellte ihn vor sich hin. Und betrachtete ihn sehr aufmerksam. Und küßte ihn in ausbrechender Freude auf die Stirn, was beide sehr verlegen machte.
»Sag mal, Onnen, mein Junge, möchtest du nicht Halligpastor oder – – Halliglehrer werden?«
Der Knabe sah ihn freimütig an. »Pastor nicht. Da müßt ich ja zu lange von hier fort. Vielleicht Halligschulmeister …Wennich gut genug dazu bin …«
»Eben deshalb. Um dieses Wortes willen! Weil du so hohe Anforderungen an dich stellst, Onnen, mein Junge. Wir werden nun viel darüber sprechen, willst du? Du hast mich heute recht froh gemacht …«
»Ich will alles tun, was Sie froh macht.« Onnen sah mit großer Liebe zu seinem Lehrer auf. »Auch die Nomine schreibt es, und legt es mir ans Herz. Ich habe einen Brief von ihr. Aber sie braucht es nicht erst zu schreiben, ich tue es von allein …« Nun ward es still im Schulzimmer.
Eine Weile wartete noch Onnen. Er blickte auf den Lehrer. Der schaute durchs Fenster hinaus über die salzen See hin mit versonnenen Augen. In Fernen hinein …
Da schlich sich der Knabe hinaus. Und der Lehrer merkte nicht einmal, wie die Tür klappte. Die Umwelt war versunken, er fühlte nur eine unbeschreibliche, wohlige Wärme. Die kam vom strahlend blauen Hallighimmel in leuchtenden Sonnenstrahlen und schien durch die geöffneten kleinen Fenster der Schulstube geradenwegs in sein Herz hinein.
Am Spätnachmittage suchte Manne Wögens den Pastor auf. Die traute Behaglichkeit, in der er »Philemon und Baucis« fand, stimmte gut zu seiner eigenen, schier weichen Stimmung. Die Fenster des Pastorats waren weit geöffnet, von draußen strömte die warme und doch seltsam herbe Frühlingsluft herein und vermischte sich mit dem Duft eines sehr guten Kaffees und dem eines nicht minder guten, echt thüringischen Streuselkuchens.
»Ob ich es nicht gewußt habe, Herr Wögens!« begrüßte ihn freudig die Pastorin. »Den ganzen Vormittag hat sich die Katze geputzt und geschleckt, das ist ein untrügliches Zeichen für lieben Nachmittagsbesuch.«
Damit goß sie ihm auch schon eine bauchige Tasse voll, versorgte ihn mit Sahne und Zucker und lud auf seinen Teller eine Unmenge des duftenden Gebäckes. Er wehrte erschrocken ab.
»Frau Pastorin, Sie scheinen der unbedingten Ansicht zu sein, daß die Begriffe ›Schulmeister‹ und ›Hunger‹ zusammengehören«, rief er lachend. »Mich hat aber eben meine brave Magd schon genudelt.«
»Doch sicher nicht mit Thüringer Streuselkuchen«, meinte Frau Luischen stolz und ein wenig gekränkt.
»Essen Sie, Wögens, essen Sie!« sagte der Pastor behaglich. »Wenn Sie dem Kuchen, der mit eitel Liebe gebacken ist, nicht alle Ehre antun, dann erlaubt mir meine Frau nicht, daß ich Ihnen den geringsten Wunsch erfülle. Und ich sehe doch, daß Sie allerhand Wünsche, nicht nur einen, auf dem Herzen haben.«
»›’n ganzen Barg‹, wie meine Jungs sagen. Zuerst, Herr Pastor, was fangen wir mit Luersen an? Der bleibt nicht bei mir und darf nicht bei Maren bleiben.«
Und der Lehrer erzählte von der Gefahr, welcher Klein-Anni durch den kranken Großvater ausgesetzt gewesen.
Frau Luischen schlug die Hände zusammen. »Das ist ja schauderhaft«, rief sie. »Das ist ja gar nicht auszudenken! Und die liebe, junge Frau Maren da immer so tapfer dazwischen! Herr Wögens, was haben Sie für eine prächtige Schwester!«
Sie goß die Riesentasse gleich noch einmal voll, obschon sie noch zur Hälfte gefüllt war. »Haben Sie keineAngst, Herr Lehrer!« sagte sie eifrig. »Ich kann ruhig draufgießen, das gibt kein Gliederreißen. Bei uns in Thüringen nicht, nur im Rheinlande. Ach, Herr Wögens, wollen Sie den armen Luersen nicht zuunsbringen? Das Pfarrhaus hat so viel Platz. Und Kinder sind hier nicht zu gefährden.«
»Luischen, wer sagte denn heute morgen: Ephraim, nur keine fremden Leute mehr ins Haus, die drei ›Bresthaften‹ bringen mich noch auf den Schragen …??? Wer war das doch, Luischen?«
»Ach, Ephraim, ›Vormittagred’ ist nicht Nachmittagred’.‹ Und der Luersen dauert mich, und vor allen Dingen dauert mich Frau Maren schrecklich. Und das Pfarrhaus soll immer mit gutem Beispiel vorangehen …«
»Das tun Sie wahrlich und haben es immer getan«, sagte der Lehrer warm. »Es macht Ihnen so leicht niemand nach, wie Sie Ihr Haus voll laden mit all den Mühseligen.«
»Doch, Frau Maren macht es genau so und noch viel gründlicher und hat nicht einmal die Verpflichtung wie wir. Ach, Herr Wögens! Und der Edlef Holgers läuft in der Welt herum … Hat so eine Perle von einer Frau. Und er? Was man da so zusammen hört …«
»Pssscht! Luischen!« mahnte der Pastor, und zog seine Stirn in dichte Falten. »Ich glaube, du läßt uns nachher ein bißchen allein.«
»Ach, Pastor, bei Mannesrat allein schaut nichts Erkleckliches heraus. Sehen Sie, Herr Lehrer, es wäre schön, wenn Sie mir da ein Linschen beistünden. MeinPastor ist immer dafür, alles sanft und glatt zu reden, aber ich muß hier meiner Mitschwester durch dick und dünn beistehen. Wenn der Herr Holgers, – ich hab’ ihn übrigens immer gern gemocht, – in der Welt ›herumfachiert‹ …«
»Luischen, sieh zu deinen Worten …«
»Ja, nicht wahr, Herr Lehrer, dann müssen wir Frauen zusammenstehen wieeinMann, und …«
»Luischen, ich sehe schon, du willst in den Reichstag. Da will ich nur gleich Frau Maren fragen, ob sie mich mit verköstigt und das lebende und tote Hauswesen des Pastorats betreuen will.«
»Pastor, was du redest. Und was machst du denn da? Ich glaube gar, du willst den Tisch abräumen? Und mein Volkstedter Porzellan zerbrechen? Das fehlte noch!«
Frau Luischen sprang hurtig auf und räumte die kostbaren, goldgeränderten Tassen selbst zusammen. Stellte sie dann an das feingemalte Kuchenbrett, fegte sorglich die Krümel vom blütenweißen Tischtuch und trug alles hinaus. Manne Wögens sprang auf, um ihr die Türen zu öffnen.
»Ich muß jetzt so etwas selbst tun«, sagte sie entschuldigend zu ihm, »meine brave Magd quält sich mit den drei Bresthaften. Aber über Maren und Edlef sprechen wir noch, gelle, Herr Lehrer?«
Da stand der Pastor ruhig auf, ging zur Tür, zog den Lehrer am Rockärmel in die Stube zurück und schloß sehr energisch hinter Frau Luischen ab.
»Wenn ich nicht Ihrem klaren Blick vertraute, lieber Wögens …« meinte der alte Pastor verlegen, »dann …«
Der Lehrer drückte ihm mit einem guten Blick die Hand.
»Frau Pastorin ist uns allen lieb und wert«, sagte er warm. »Und gerade das Streitbare und Aufrechte an ihr brauchen wir hier auf der Hallig.«
»Ach Gott ja, streitbar ist sie«, seufzte der Pastor. »Und doch herzlich und lieb wie die lichte Sonne. Aber mit jedem, der nach ihrer Meinung nicht gut tut, fährt sie gleich durch den Schornstein. Und wenn’s einer vom Konsistorium wäre!«
Dann berieten sie lange und eingehend. Über alle Sorgen und Nöte der Hallig. Und fühlten, wie ersprießlich ihr gutes Miteinandergehen war. Und als Manne Wögens wieder zur Schulwarf schritt, lag sein Sorgenbündel im bauchigen Lehnsessel des Pastors. Und dessen Nöte hatte hinwiederumeraufgepackt, einen strammen Rucksack voll. Aber sie drückten ihn nicht allzusehr, denn er wußte viele starke Schultern auf der Hallig, die sie mit dem Pastor tragen würden, wenn Manne Wögens sie nur liebevoll und gerecht verteilte. –
Am meisten bedrückte ihn noch der Gedanke an Peder Luersen. Denn Pastor Licht hatte dringend zur Unterbringung in eine Anstalt geraten. Und solch ein Verpflanzen aus dem Halligboden in die Fremde dünkte den Lehrer grausam.
Aber als er in seinen Wohnpesel trat, saß Peder Luersen ganz still auf der Ofenbank und hielt die Hände gefaltet. Das weiße Kissen lag neben ihm, aber er schaukelte es nicht.
»Seid Ihr wieder da, Nachbar Luersen?« fragte derLehrer ruhig, als spräche er zu einem Gesunden. »Wolltet Ihr nicht bei Maren bleiben?« Ein paarmal mußte er die Frage wiederholen. Dann antwortete der Kranke: »Da ist nichts.«
So schickte Manne Wögens schweren Herzens den Knecht wieder nach dem Mutterhof, um Luersens Verbleib zu melden, und erfuhr bei seiner Rückkehr, daß alles wohl auf dem Mutterhof sei und der Kranke gleich, nachdem Klein-Anni zu Bett gebracht, das Haus verlassen habe.
So ging es nun Tag um Tag.
Jeden Morgen, nachdem Vadder Luersen geatzt worden, ging er rasch und unentwegt dem Mutterhof zu. Dort nahm ihn Maren in Empfang, gab ihm das Wiegenband, und er schaukelte das Kleine, ja er blickte wohl auch manchmal längere Zeit auf das Geschöpfchen nieder und wehrte ihm die Fliegen ab. Niemals mehr nahm er das Lütte eigenhändig aus der Wiege, aber er ließ auch außer Maren niemand an das Bettchen heran.
So hatte der kranke Großvater sein Enkelkind gefunden und wachte den ganzen Tag wie ein treuer Hund bei ihm in rührender Bedürfnislosigkeit.
Von einer Anstalt wurde nicht mehr gesprochen. Maren betreute Vadder Luersen tagsüber, und abends nahm ihn Manne Wögens in seine und des Schulhauses Obhut.