Chapter 15

Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.

Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.

»Es sollen nicht aufhören Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht«.

Dies wäre es, was ich über mein Leben zu sagen hätte.

Die harte Arbeit und ihren Schweiß, aber auch das Beglückende, das sie mir gibt, will ich dankbar danebensetzen.

Wieder kamen Frühling und Sommer, es kamen Eintagsfliegen von Föhr herüber, und es kam ein berühmter Maler, welcher der Hallig Freund werden will und mit dem warmen Künstlerherzen unsere Insel und ihre herbe Schönheit auf die Leinwand bannt. Wieder haben wir die Fennen eingeteilt, und es meldet das Mehdebuch in diesem Jahr:

Norderlätig:1 Schwesterteil das Verhäuß-Schifft,1 Schwesterteil die, welche ein Schifft in 8 teilen, ohne Zugift.Das norderste Schifft bei dem Damme erhält Lars Larsen und gibt1/5Teil aus an die, welche ein Schifft in 8 teilen; als Zugift das oberste Bruderteil von Kleiderhörn. Das süderste Schifft bei dem Damme erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als Zugift das nächstoberste Bruderteil von Kleiderhörn. Varskoog erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als Zugift das nächstwesterste Teil von Kleiderhörn.Lars Larsen:6Nutzgras647/48LammgrasWitwe Klausen:0"357/128"Edlef Holgers:7"747/48"Rickert Holgers:4"2279/608"Henning Jürgens:0"55/48"Sonke Karsten:0"2155/192"

Norderlätig:

1 Schwesterteil das Verhäuß-Schifft,1 Schwesterteil die, welche ein Schifft in 8 teilen, ohne Zugift.

1 Schwesterteil das Verhäuß-Schifft,

1 Schwesterteil die, welche ein Schifft in 8 teilen, ohne Zugift.

Das norderste Schifft bei dem Damme erhält Lars Larsen und gibt1/5Teil aus an die, welche ein Schifft in 8 teilen; als Zugift das oberste Bruderteil von Kleiderhörn. Das süderste Schifft bei dem Damme erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als Zugift das nächstoberste Bruderteil von Kleiderhörn. Varskoog erhalten die, welche ein Schifft in 8 teilen, als Zugift das nächstwesterste Teil von Kleiderhörn.

Unsere Mehdebücher in ihrer wunderlichen Verzwicktheit und zugleich rührenden Einfachheit bilden den Schatz der Hallig. –

Sie selbst und unser eigenartiges Besitzwesen stehen wohl ganz einzig da. –

Nun ist der Herbst gekommen und, wie ich in großer Bescheidenheit sagen muß: »DerBaum auf meiner Schulwarft steht entlaubt.«

Dagegen grünt und blüht der ganze Mensch Manne Wögens. Denn mein Buch liegt fertig vor mir: »Im Banne der Heimat.« Prächtig hat es der Verleger ausgestattet, und wenn auch die märchenhafte Summe, wovon Schwester Maren träumt, erst kommen soll, so ist es doch bereits von der ernsten Kritik mit überraschend warmen Worten aus der Taufe gehoben worden. Und das Unerhörte, jahrelang Ersehnte, nie Geglaubte wird Wahrheit werden, ich gehe nach dem Süden. Meine Behörde hat mir diesen Urlaub gewährt und ich, der ich nie Ferien gekannt habe, dem immer Juli und August die härteste Arbeit brachten, ich darf im Winter warme Sonne und blauen Himmel erleben im fernen, schönen Land. Aber doppelt und dreifach lieb wird mir die Heimat sein, wenn ich wiederkehre. In sechs Wochen kann ich reisen. –

Im Mutterhof rüstet man zu Edlefs Heimkehr. Sie ist aber so unbestimmt, daß ich nicht weiß, ob ich noch hier bin, wenn er kommt. Wie wird er alles verändert finden! Einst wollteerallen Staub hinausjagen aus dem Mutterhof, aber die Spannkraft seines Willens versagte.Meine Marenschwester ließ er als »verlassene Königin« im Märchen zurück. Das trennt mich innerlich vom alten Freunde. Welche Macht da tätig war, um diesen hochgemuten Jungen im Wachstum zu hemmen? Ich konnte es nicht ergründen, so gründlich ich auch geforscht habe, durch meine Briefe. Einmal suchte ich ihn in Hamburg auf. Er ist sehr verändert. Und sein Auge sah an mir vorbei. Die Arbeit hält ihn mit Krallen gepackt. Sie ist ihm ein Fronvogt. Mit der Peitsche treibt sie ihn an. Edlef Holgers kennt nichts Beschauliches mehr. Und ich bange für den Mutterhof, wenn er heimkehrt und diese Arbeitsunrast mitbringt. Dabei lag doch etwas in seinen Augen, in seiner Stimme, wenn er sich unbeobachtet glaubte, das sah aus wie – Heimweh. Und Halligheimweh ist aufreibend wie eine schwere Krankheit. Warum suchte er nicht längst die einfachste und sicherste Heilung?

Mit Marenschwester habe ich nur wenig über diesen Besuch bei Edlef gesprochen. »Laß!« wehrte sie mir. »Er hat mir so wehgetan, aber ich kann von niemandem hören,daß er es tat.«

»Mein Deern,« sagte ich, »es wird eine große Veränderung für dich und den Mutterhof kommen, wenn er wiederkehrt. Wirst du die Herrschaft gern und willig abgeben wollen? Wie eine kleine Königin hast du den Mutterhof regiert.«

»Edlef ist der Herr«, sagte sie ruhig. »All meine Arbeit war für ihn.«

Ich las in ihrer Seele. Marenschwester und ich waren von Kindheit an innerlich untrennbar. Ich weiß, daß siesich selbst zutiefst die Schuld gibt an der Entfremdung zwischen Edlef und sich.

Schuldlose Schuld. Arme Maren!

Jedenfalls aber wird Edlef gerecht genug denken, der jungen Herrin tief zu danken, wenn sie ihn wieder in sein Königreich führt.

Eine Macht ist der Mutterhof geworden.

Er war früher nur reich, jetzt ist ergroß.

Meine Marenschwester hat der »Liebe« Hüsung gegeben. Es istwarmim Mutterhof. Und sie, die von dem Gatten keine Liebe empfing, hat aus dem reichen Schatz ihres Innern geschürft und hat gegeben, – immer nur gegeben. Und je mehr sie gab, desto reicher wurde sie. Und sie, deren Leib nicht gesegnet ward, wird »Mutter« genannt von allen, die ihrer Kraft und ihres Rats bedürfen. »Mutter Maren« heißt meine noch so junge Schwester auf Hallig Likamp.

Onnen erzählte mir, daß auch Nomine Holgers aus dem Ausland heimgekehrt ist, um ihr Staatsexamen abzulegen. Danach will sie Edlef in der Heimat begrüßen. Und will all die großzügigen Maßnahmen mit ihm durchsprechen, die Edlef zum Schutze unserer Insel getroffen hat.

Ich werde dann fern sein.

In Nomines Stübchen will ich mein Buch legen lassen, es ist wie ein Testament …

Und zugleich eine Antwort auf ihre verschiedenen frohen Anzeigen hin, die sie uns seit Jahren schickt und die Kunde von ihrem rastlosen Fleiß geben.

Ob freilich mein Buch für siesumma cum laudeseinwird? Ob sie nicht darauf herabsieht wie auf ihre arme Hallig?

Was kümmert’s mich? Immer noch dies heimliche Fragen, das sich um die Heimatflüchtige dreht. Meine Reise soll mich von dieser letzten, sentimentalen Rückständigkeit befreien.

Ich wollte mein »Zeitbuch« schließen und fortpacken, habe neue Seiten hineingeheftet, welche die Schilderung der Reiseeindrücke bergen sollen. Nun gebe ich noch einige Seiten für die Heimat her. Denn ich hatte heute morgen eine seltsame Begegnung. Wir Warfbohlsgenossen haben im Sommer das verfallene Haus von Peder Luersen wieder aufgebaut und gezimmert. Jeder hat sein Bestes dazu getan. Schwester Maren gab mit Edlefs Erlaubnis einen Teil der Mittel, auch stiftete sie ein Bett hinein und alles Nötige für jemand, der vielleicht einmal auf unsere Hallig verschlagen wird und hier übernachten muß. – Nach Luersens altem Hause wanderte ich heute, um einen Haussegen aufzuhängen:

»Wo Glaube, da Liebe,Wo Liebe, da Friede,Wo Friede, da Segen,Wo Segen, da Gott,Wo Gott, keine Not.«

»Wo Glaube, da Liebe,Wo Liebe, da Friede,Wo Friede, da Segen,Wo Segen, da Gott,Wo Gott, keine Not.«

»Wo Glaube, da Liebe,Wo Liebe, da Friede,Wo Friede, da Segen,Wo Segen, da Gott,Wo Gott, keine Not.«

»Wo Glaube, da Liebe,

Wo Liebe, da Friede,

Wo Friede, da Segen,

Wo Segen, da Gott,

Wo Gott, keine Not.«

Die Halligleute halten darauf, daß in jedem Hause dieser Spruch hängt. So wollte auch ich etwas stiften und nagelte den hübsch gerahmten Spruch über das einfache Sofa im Wohnpesel. Das hat Tanten Frauke aus ihrer Kemenate hineinstellen lassen.

Als ich just beim Einpacken von Hammer und Nägeln war, ließ mich ein Geräusch aufblicken.

Und da lehnte Akke Luersen in der Tür.

Sie tastete sich mit unsicheren Schritten zu mir. Ihre Augen brannten in dem blassen Gesicht. »Herr Lehrer, Sie werden mir die Wahrheit sagen«, raunte sie heiser.

Beide Arme hob sie wild und zeigte mit den Händen ringsumher. »Ist das wahr? Die Sturmflut? Alles leer? Alles? Vater, Mutter, die Geschwister??? In Pellworm hat man’s mir gesagt. Von Kopenhagen komm ich …«

»Und habt in der ganzen Zeit nicht einmal geschrieben und gefragt, wie steht’s daheim?« fragte ich ernst. Und mußte an Nomine denken, die in all ihrer herben Mädchenhaftigkeit genau so gehandelt hatte wie die verachtete, wilde Akke.

»Wem sollt ich schreiben? Der Vater hatte mir die Tür gewiesen … Und seit der letzten Sturmflut haßte ich die Hallig und alle Menschen drauf …«

»Alle?« fragte ich mit schwerer Betonung.

Eine fliegende Röte ging über ihr Gesicht. Und da wußte ich, daß sie mich verstanden hatte. Ich hätte sie schütteln mögen im grimmigsten Zorn.

Aber sie ließ mir nicht lange Zeit. »Wie furchtbar ist das alles«, stöhnte sie. »Wo, – wo sind – – finde ich alle Gräber? Auf der Kirchwarf? Oder …?«

»Ja, alle. Aber Ihr Vater lebt!«

Sie sah mich erschüttert an und packte wieder meinen Arm.

»Vater lebt? Ist das wahr? Und das sagen Sie jetzt? Wo ist er? O, diese langsame Halligart!«

Ihre Worte überstürzten sich.

»Sie kommen früh genug zu ihm hin, Frau Akke. Und Sie haben lange Zeit gebraucht, ihn zu suchen …«

»Wo ist er?« drängte sie.

»Bei meiner Maren im Mutterhof. Und nachts bei mir.«

Die Röte ging wieder über ihr Gesicht. »Bei Maren?« fragte sie ungläubig und verlegen …

»Auch Ihr Kind lebt dort, Akke Luersen, Sie fragten noch nicht danach.«

»Was kümmert mich das Kind?« rief sie wild. »Das kenn ich nicht, und es kenntmichnicht. Nach meinem Vater verlang ich.« Sie schluchzte schwer. »Warum sagten sie mir in Pellworm, er wäre tot? Und nun will ich hin zu ihm.«

Vielleicht war es grausam von mir, die Tochter wieder zurückzuhalten, trotzdem ich sah, der Schmerz war echt. Aber der Grimm in mir und die Trauer um meiner Maren zertretenes Leben war zu lebendig, und so verstellte ich die Tür und fragte laut: »Können Sie Marens Schwelle mit reinem Gewissen betreten?« Da duckte sie sich scheu und sah mich nicht an. Und das Leid um meine Marenschwester würgte mir die Kehle.

So standen wir eine Weile stumm.

»Was soll ich tun?« fragte sie dann finster.

»Ich selbst will Vadder Luersen holen.« Mir wurde das Sprechen schwer. »Aber … er ist krank …«

»Was heißt das?« Ihre Stimme war unsicher. »Was fehlt ihm?«

»Siehaben ihm gefehlt, Frau Akke. Sie und das Enkelkind und Ihre Mutter mit den ertrunkenen Kindern … das Leid hat ihn verwirrt …«

Sie erwiderte kein Wort, und ich ging hinaus nach dem Mutterhofe. Dort sprach ich mit Maren und konnte ihr liebes Gesicht nicht ansehen, während ich ihr erzählte. So sehr schämte ich mich für Edlef, den ich einst meinen liebsten Freund nannte. Der Kranke wollte mir durchaus nicht folgen. Da ging Maren eine Strecke mit uns und löste nach einer Weile ihren Arm aus dem seinen, und ich trat an ihre Stelle. Während sie still zurückschritt. Als wir zum Hause kamen, blieb Vadder Luersen stehen und horchte nach allen Seiten, aber er wollte nicht hineingehen. Die neue Haustür mutete ihn fremd und unbehaglich an. Aber ich erzählte ihm, daß das sein liebes, altes Haus sei, wo die Akke drin wohne. Und schob ihn sacht vor mir her in das Stübchen. Er blieb auf dem Fleck, da ich ihn hingestellt und machte ängstliche Augen. Und dann tastete er an den Wänden hin und lachte. Denn er fühlte da manches Bekannte. Auch ein kleines Wandschränkchen fand er mit einem alten Tabaksbeutel, den er gierig beroch. Und dann lachte er wieder.

Mit vorgebeugtem Körper stand Akke. Sie streckte die Hände abwehrend aus gegen das Jammerbild, und dannschlug sie auf den harten Boden hin, wie ein gefällter Baum.

Ich lief zum nahen Schulhaus und holte Wein und Brot und Wasser, meine alte Magd half mir alles tragen. Als wir zurückkamen, saß Akke mit ihrem Vater auf dem Bettrand. Sie hielt seine Hand und strich sacht darüber hin. Ihr schönes, wildes, derbes Gesicht war jäh gealtert. Sie stand auf und sah mich an. »Kann ich hierbleiben?« fragte sie kurz und hart. »Und kann mir mein Kind geschickt werden? Ich möchte den alten Mann bei mir behalten. Vielleicht – daß er mich noch einmal erkennt …« Sie schien alle Fragen ohne Pause tun zu wollen. So als bliebe ihr keine Zeit sonst, und als wolle sie danach nie mehr ein Wort an andere richten. »Könnten Sie mir Arbeit besorgen, Herr Lehrer? Damit ich verdiene. Eine Weile geht’s noch mit meinem Ersparten. Die Gemeinde soll keine Last mit uns haben.«

Ich konnte ihr das versprechen, denn Lars Larsen von der Schulwarf sucht eine Hilfe für seinen großen Hausstand. Und er vermag reichlich auszugeben. Im übrigen leidet kein Halligbewohner, daß irgendeiner von der Insel sich in Bedrängnis befinde. Nur von der Schwelle meiner Maren möcht’ ich Akke fernhalten …

Aber wer rechnet mit den wunderlichen Frauen …

Heut kann ich schon niederschreiben, daß Maren allein das Haus der Akke fertig eingerichtet und ihr übergeben hat. Vadder Luersen sitzt in einem behaglichen Ohrenstuhlund zupft das Wiegenband. Wenn seine Tochter spricht, dann hält er die Hand ans Ohr und lauscht. Als ob aus weiter Ferne etwas zu ihm dränge. Seine Züge spannen sich dann ein wenig. Noch scheint ihn aber das Ringen mit der Erkenntnis zu quälen. Am friedvollsten ist er, wenn er das Kind ganz für sich allein hat. Dann sitzt Tanten Frauke in seiner Nähe am Spinnrad. Sie hat das Amt des Betreuens übernommen, während Akke auf Arbeit geht.

Ich sprach ernst mit meiner Marenschwester, warum sie doch so viel Wohltaten auf die Frau häufe …

»Ich kann niemand Aufrechtes am Boden liegen sehen«, sagte Maren sanft.

»War Akke so aufrecht?«

»Sie war immer heiter. Sie konnte lachen. Es ist furchtbar, wenn man das Lachen verlernt. Deshalb möcht’ ich die Akke wieder aufheben. Ihr Kind braucht das Lachen der Mutter …«

Ich nahm Maren in meinen Arm. »Du, – ich brauche auch Lachen,deinLachen, Schwester. Wo ist es?«

»Bei Edlef. Ich weiß nicht, Mannebruder, ob er es mir wiederbringt.« – –

Frau Akke hat meiner Marenschwester nicht mit Worten gedankt. Sie geht finster und mit unbewegtem Gesicht einher. »Ich werde das alles abverdienen«, hat sie gesagt.

Und Maren hat entgegnet: »Das sollst du auch, – denn sonst hast du keine Freude daran.«

So ist nun dies wunderliche Hauswesen wieder im Gange. Wir haben kein Wrack mehr auf der Hallig. Einzerfahrener Mensch beginnt ein neues Leben, und Tanten Fraukes einsames Dasein hat neuen Inhalt bekommen. Sie pflegt Vadder Luersens Körper und ist ein Arzt für Akkes Gemüt.

Pastor Licht geht wieder händereibend umher.

»Merken Sie es, Wögens? Der Herrgott ist wieder einmal auf der Hallig«, sagte er glücklich. »Und warum, Wögens? Warum? Weil ›Mütterchen Maren‹, der gute Engel von Likamp, dasrechteBeten hat: ›Komm, Herr Jesus, sei unser Gast.‹«

Es ging auf Weihnachten zu.

Manne Wögens hatte seinen Koffer und den strammen Rucksack gepackt. Hatte beides an Knecht und Magd abgegeben, die trugen das Gepäck zur Postfähre hinunter.

Er selbst lehnte am Fenster und schaute über die sturmgepeitschte Hallig hin. Gestern war der erste Schnee gefallen, aber man entdeckte schon nichts mehr von ihm. Sturm und Regen hatten ihn fortgewaschen und gepeitscht.

Dies trübe Grau in Grau würde er nun lange nicht sehen. Ein wunderliches Herzweh war in ihm, und er schalt sich selbst. »Halligbursch! Grundinsulaner! Es ist, als ob ich schon wieder Heimweh nach der Hallig hätte, und bin noch gar nicht fort.«

Er sah sich in dem wohlaufgeräumten Stübchen um, fand es leer und ungemütlich.

Reisefieber und ein unklares Gefühl von Verlassenheit rissen an ihm herum.

Da hörte er draußen Onnens Stimme. »Fort ist er. Sieh, da unten werden seine Sachen weggeschafft. Nomine, ich renne nach. Vielleicht erwisch ich ihn noch … kommst du auch?«

»Ich komme bald«, sagte eine herbe Stimme in wunderlichem Klange … Dann bog sich die Klinke herunter.

Das Heimweh in Manne Wögens Brust schwieg.

Er sah auf das tief erschrockene Mädchen mit gutem, frohem Blick.

»Bleiben Sie nicht auf der Schwelle stehen, Fräulein Doktor. Treten Sie ein! Lassen Sie auch den Onnen ruhig nach der Postfähre rennen … Warum sollen wir zwei Feinde nicht zum Abschied noch einmal die Klingen kreuzen?«

Sie suchte nach einer Antwort. Es schien nicht mehr die selbstsichere Nomine von einst … Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.

»Ich bin nicht mehr Feind, Manne Wögens«, sagte sie ruhig. Aber sie meinte, man müsse ihr Herz laut schlagen hören.

Er sah sie durchdringend an.

»Sie stehen immer noch an der Tür. Ich komme mir ungastlich vor. In welchen ›Salon‹ darf ich Sie geleiten?«

»Nur jetzt keinen Spott. Ich – ich möchte in das Schulzimmer.«

Sie öffnete rasch die wohlbekannte, alte Tür.

Erstaunt und befremdet folgte er ihr.

Die Röte kam und ging auf ihrem regen Gesicht.»Manne Wögens, ich komme, um Abbitte zu tun, da ist hier der rechte Platz … Ganz klein möchte ich mich machen …«

Sie hockte sich auf eine niedere Schulbank. »Wissen Sie noch, wie ich damals sagte (es ist lange, lange her), ich säße nicht mehr auf der Schulbank, und Sie sollten nicht ewig schulmeistern? Nun sitze ich wieder darauf. – Wissen Sie alles noch, oder haben Sie es vergessen?«

»Ich habe nichts vergessen, was die Prinzessin jemals an guten und bösen Dingen zum Schweinehirten gesagt hat.«

»Oh, nicht so ein finsteres Gesicht, Manne Wögens. – Aber es ist gut, tausendmal gut, daß Sie nichts vergessen haben. Gefürchtet habe ich mich nur vor – Gleichgültigkeit.«

»Es wäre mir lieb, wenn Sie ganz deutlich und ruhig sprechen wollten, was Sie hierher führt«, sagte Manne Wögens schroff.

»Das habe ich Ihnen doch erklärt, – ich wollte – abbitten …«

»Was heißt das?Ichhabe Ihnen nichts zu verzeihen. Daß Sie die Hallig nicht liebhatten … nun sie ist unsere Mutter, und eine Mutter verzeiht alles und nimmt auch das lieblose Kind immer wieder ans Herz. Daß Siemichnicht liebhaben konnten, war Ihr gutes Recht …«

Sie sah ihm gerade in die Augen. »Ich habe die Hallig lieb! Solieb! Ist’s denn so schlimm, daß ich erst lernen mußte, was anderen im Blut liegt? Manne Wögens, – ich hab’ nicht gewußt, was rechtes Heimwehist. Dann kamen im Ausland bitter einsame Stunden, und in diese hinein brachte ein Professor mir Ihr Buch …«

»Sie – haben – mein Buch schon gelesen?«

»Im Banne der Heimat.Ja. Manne Wögens,Siehaben mir die Heimat geschenkt. Darf ich Ihnen die Hand geben?«

Ganz mechanisch und sehr langsam reichte er sie ihr hin, zog sie aber gleich wieder fort. Beinahe wie ein verlegener Junge, der das Weite suchen will.

»Was ist das mit Ihnen, Fräulein Doktor?« fragte er ungeduldig. »Sind Sie eine neue Ausgabe der alten spottsüchtigen Nomine Holgers? Ich finde mich nicht zurecht.«

In ihr regte sich der Zorn. Aber der heiße Wunsch, jetzt nichts zu verderben, drängte alle unguten Worte zurück. Sie standen Aug’ in Auge …

Und obgleich Nomine Holgers innerlich feststellte, daß Manne Wögens sie unerhört quäle, war es doch der Schulmeister, der beide Fäuste ballte und mit farblosen Lippen die Worte herausstieß: »Wie Sie mich quälen, Nomine Holgers!«

Da sagte sie leise und wandte die Augen nicht von ihm: »Ihre Marenschwester hat mir geschrieben, nicht einmal, sondern in jedem Brief: ›Der Manne hat dich lieb bis in den Tod, denn er ist ein Wögens. Aber er wird es dir niemals wieder sagen,nie.‹«

»Was soll das?« fragte Wögens verletzt.

»Da hab’ ich gedacht: ›So muß ich etwas ganz Ungewöhnliches tun, – etwas, das er vielleicht … häßlich findet … Aber ich muß es trotzdem tun. Denn sonst erfährt er ja nie …‹«

Und nun wandte sie doch den Blick von ihm fort und senkte den feinen Kopf tief.

Ein großmächtiger Tintenfleck machte sich vor ihr auf der Schulbank breit. Eine Viertelsflasche hatte Geerd Larsen heute ausgegossen, und dafür einen Katzenkopf bekommen. Zu diesem Tintenfleck sagte Nomine laut: »Ich habe dichauchlieb, Manne Wögens!«

Vielleicht jauchzte der Lehrer auf, aber es klang wie ein Schluchzen.

Und mit einem Ruck straffte er sich. Legte die Hände auf den Rücken und ging heftig auf und ab. Wäre Nomine seine Schülerin gewesen, so hätte sie gewußt, daß der Lehrer Manne Wögens aus den Fugen war und wieder zurechtkommen wollte.

Aber sie wußte es nicht. Und sie schlug jetzt in heller Scham beide Hände vor das Gesicht.

Manne Wögens blieb stehen. So fest biß er sich auf die Lippen, daß kleine Blutstropfen auf ihnen standen. Und in der peinigenden Stille nahm er die Kreide und malte wilde Schnörkel an die Wandtafel, und zerbrach die Kreide und warf die Stücke weit von sich.

Wieder nahm er den Dauerlauf auf. Blieb wieder stehen. Und sah sie an, wie sie mit blassem Gesicht durch das Fenster schaute in den grauen Regen hinein.

»Wär’ ich ein anderer, Nomine Holgers, – ich nähme dich in meine Arme und holte nach, was wir vier lange Jahre versäumt. Aber ich bin … Manne Wögens. Fahre nicht auf, Nomine. Du mußt mich verstehen. Ja, du hast mir eben ›Unerhörtes‹ gesagt. So unerhört Schönes undSüßes, daß ich es nicht annehmen kann,jetztnicht … wenn ich ehrlich bleiben will.«

Da kam ein Wehlaut aus Nomines Mund.

Er streckte die Arme nach ihr aus, und ließ sie wieder sinken.

»Du sollst dich nicht einen Augenblick gekränkt fühlen«, sagte er tonlos vor innerer Erregung. »Und deshalb sag’ ich dir wieder und wieder, was du nie mehr hören solltest: ›Nomine, ich hab’ dich lieb! Ich hab’ dich lieb! Ich hab’ dich lieb!‹ Aber ich nehme dich nicht und küsse dich nicht, weil du ganz frei sein sollst, während ich fort bin. Denn über dich ist ein Rausch gekommen … versteh mich recht, du Süße … der Halligrausch. Ich weiß, wie er gewaltig zupackt. Du liebst die Heimat mit einer späten gewaltigen Liebe und meinst, sie geltemir. Tu ich dir weh, Liebste? Ach, ich tu mir selbst am wehsten. Das muß sein, du mußt dies kommende Vierteljahr auf der Hallig bleiben, Nomine. Mußt die ganze Öde der kalten, einsamen Insel durchmachen. Um dich zu prüfen, ob deine Liebe echt ist. Ob du es aushalten kannst ›up ewig ungedeelt‹ neben dem einfachen Schulmeisterin dieser Ödezu stehen … Nach all deinem ernsten, wohlbelohnten Studium – eine Halligbäuerin zu werden. Denn das müßtest du werden – Nomine – mit deinem ganzen Herzen …«

Ein Sonnenstrahl, der erste an diesem grauen Regentage, fiel durch das Fenster und leuchtete an der Wand auf, wohin das Mädchen seinen trostlosen Blick gerichtet hatte. Ein Spruch hing da, ganz ungerahmt, daß es aussah,als höben sich die Buchstaben aus der Wand heraus … »die Liebe aber ist die Größeste unter ihnen«.

Da demütigte sich die »Prinzessin« tief …

»So will ich warten, bis du wiederkommst«, sagte sie einfach. »Du wirst mich ganz unverändert finden, Manne Wögens, – so wie ich heute zu dir kam.«

»Du! Du!« stammelte er … Und dann riß er seine zärtlichen, dürstenden Blicke gewaltsam los – »Gott behüt!« rief er noch.

Die Tür öffnete und schloß sich mit jähem Ruck.

Und Lehrer Wögens lief davon. Lief nach der Postfähre hinunter wie ein Schuljunge, der unerträglichem Zwang entfliehen will … Einmal sah er sich um. Ein weißes Tuch winkte. Da rief er noch einmal in den Sturm hinein: »Gott behüt …!«

Langsam wandte sich Nomine vom Fenster fort. Sie nahm ihr Herz in beide Hände. Fest, ganz fest.

Stammelte irgend etwas. Etwas Zärtliches, Glückseliges. Ihre Blicke umfingen noch einmal das Schulstübchen. Ein alter, sturmerprobter Filzhut hing in einer ganz versteckten Ecke am Nagel. Manne Wögens trug ihn im Frühjahr bei garstigem Wetter zur Gartenarbeit. Häßlich war der alte Hut, durchlöchert und verfärbt. Aber Nomine streichelte ihn und setzte ihn sich mit einem lieben Lachen auf den schönen, zierlichen Kopf. Und klinkte ganz sacht die Tür auf und wieder zu. Lief dann, ohne aufzuhalten, ihren Weg zurück und trug ihr ernstes, schönes Geheimnis mit lauter frohen, guten Gedanken in den Mutterhof. –

Alle, welche Sitz und Stimme hatten auf der Hallig, waren beim Gemeindevorsteher versammelt.

Es war eine ganz außergewöhnliche Sitzung. Und die verschlossenen Friesengesichter sahen noch etwas ernster aus als sonst. Nicht eigentlich, daß sie vermuteten, der Anlaß dieser Sitzung würde sich als etwas Trauriges herausstellen, sondern weil sie alles Außergewöhnliche besonders wichtig nahmen.

Viele sahen nicht nur ernst, sondern mißmutig und unbehaglich aus. Das waren die starken Raucher. Die mit der »korten Piep« aufstanden, und mit ihr zu Bette gingen.

Die konnten sich nicht mit dem Verbot zurechtfinden, das der Gemeindevorsteher erlassen, – bei einer Sitzung den »Nasenwärmer« fortzulassen. Aber Ketel Boon hatte einmal das Wort »unwürdig« gebraucht, und da er viel in großen Städten gewesen und ein angesehener Mann war, so wollte niemand in seinem Hause »unwürdig« sein.

Vier hochgeschätzte Halligleute fehlten. Das waren Peder Luersen, der seine »Fiw« noch nicht wieder beisammen hatte, Pastor Licht, der mit schwerem Rheuma zu Bett lag, Edlef Holgers, der noch immer in Hamburg lebte, und Manne Wögens, der »im Süden studeerte, wat he doch nich im Norden bruken kunn«, wie der immer etwas giftige Boy Boysen sich ausdrückte.

Lars Larsen eröffnete die Sitzung.

Dann gab er das Wort dem Gemeindevorsteher.

Und was dieser vorbrachte, machte alle Herzen warm,und war auch jedem einzelnen recht aus der Seele gesprochen. Und in einem von ihnen zündeten die Worte ein ganzes Freudenfeuer an, daß er kaum ruhig auf seinem Stuhl sitzen konnte. Das war Rickert Holgers vom Mutterhof. Und weil bei ihm die kurze Pfeife das Allheitmittel gegen Not und Krankheit, und besonders auch gegen Rührung jeglicher Art bedeutete, so löschte sein heftiges Verlangen nach Tabak alle gegenteiligen Erlasse des Gemeindevorstehers in seinem Gedächtnis aus. Und er zündete sich unter heftigem Schlucken und unbestimmten Lauten seinen Tröster an und qualmte unerhört heftig.

Freilich legte er alles ebenso rasch fort, als plötzlich die Mühle still stand und Lars Larsen vor Entrüstung den Faden verlor. Aber Ohm Rickert war doch durch die paar kräftigen Züge erst mal wieder ins Gleichgewicht gekommen.

»Geehrte Gemeindemitglieder! In ein paar Tagen, mich dünkt am Donnerstag, will Edlef Holgers vom Mutterhof aus Hamburg zurückkommen. Beinahe ein ganzes Jahr ist er fortgewesen, und hat in diesem Jahre nur für uns gearbeitet, für das Wohl unserer Insel.«

»Junge, Junge, dat’s gewiß!« murmelte jemand.

»Seine Reisen und sein Aufenthalt in den wichtigen Hafenstädten hat unserer Gemeinde nicht einen Pfennig gekostet. Mit seinem Hab und Gut und mit seiner ganzen Gesundheit hat er sich eingesetzt nur aus Liebe zur Heimat und ohne eigenen Gewinn. Hohe Herren sind auf unsere Hallig gekommen und haben von Edlef Holgers gesprochen, als sei er selbst ein hoher Herr. Das ehrt uns alle. Deshalbwollen wir ihn wieder ehren und ihm einen schönen, warmen Empfang bereiten.«

»Dat’s doch Sach’ von sin Fru …« warf Boy Boysens loses Mundwerk hin.

Ihm antworteten nur entrüstete Blicke, und Ohm Rickert machte eine ausholende Gebärde, die gar nicht mißzuverstehen war.

Ketel Boon fuhr in seiner Rede fort.

»Wir wollen Edlef Holgers feierlich einholen. Wer vorher nach Pellworm oder Husum kommt, soll Tannenzweige mitbringen. Wer noch kleine, freundliche Kinder daheim hat, läßt sie die Sonntagskleider anziehen, und so mit dem Tannengrün sollen sie am Poststeg stehen, wenn das Segelboot kommt.«

»Ich heww nur mien gnarrige Olsch to Hus«, murrte Boy Boysen.

»Und wir wollen im Gottestischrock dabeistehen und ihm die Hand geben«, schlug Ketel Boon weiter vor.

»Jawohl,« rief Lars Larsen, »und mich dünkt, es könnt nicht schaden, wenn die Glocken auf der Kirchwarf geläutet würden.«

Aber da wurde Boy Boysen ganz wild, und widersetzte sich so laut und heftig, daß der Vorschlag gleich fallen gelassen wurde.

»Das fehlte noch!« erregte er sich. Da wolle er sich dann nie und nimmermehr mit Genuß begraben lassen, wenn wegen jedem »Buh und Bah« geläutet würde.

»So lade ich euch alle am Tage von Edlef HolgersAnkunft in mein Haus zu gutem Schmaus und gutem Trunk«, sagte Lars Larsen.

»Junge, Junge, dat’s gewiß«, beruhigte sich Boy Boysen. »Eten und Drinken is beter as Läuten.«

Aber der Gemeindevorsteher stand immer noch an seinem Platz, und jetzt handhabte er die Glocke, als wolle er seinen Vorredner deutlich Lügen strafen. Oder auch, als wolle er nun etwas ganz besonders Frohes mit hellem Klange einläuten:

»Liebe Gemeindeglieder! Wenn wir nun unseren Halligbruder also ehren, was gebührt dann der Halligschwester? Was gebührt Mutter Maren?«

Da brach ein freudiges, erregtes Rufen los. »Ja, ja,MutterMaren!« »Man zu, Gemeindevorsteher!« »Wi willn seokehren, uns’ lütt Mutter Maren!«

»Was Edlef Holgers draußen geschafft hat,« rief Ketel Boon jetzt freudig und laut, »das hat Maren Holgers drinnen getan. Im eigenen Haus und rings auf der Insel. Sie hat uns ein Armen- und Krankenhaus erspart, denn sie nahm alles auf den Mutterhof, was mühselig und beladen war.«

»Dat’s gewiß! Dat’s ekli wohr«, tönten die Stimmen durcheinander.

»Da giww du man noch’n Eten, Lars Larsen«, schlug der praktische Boy Boysen vor. »Für de Mutter Maren ok.« Aber dieser materialistische Vorschlag wurde mit lauter verächtlichen Blicken abgelehnt.

»Mein Rat ist so«, sagte der Gemeindevorsteher. »Wir schreiben eine schöne Widmung auf und sagen darin alles,was wir auf dem Herzen haben. Das soll ein guter, gewichtiger Dank für sie sein. Und in dem Schreiben wollen wir sie ›Mutter‹ nennen. Damit begraben wir zugleich das schlimme Vorurteil unserer Insel, daß nurdieFrauen etwas wert seien, die der Hallig Kinder gegeben haben. Mutter Maren vom Mutterhof hat unsLiebegegeben, und so sind wiralleihre Kinder geworden.«

Da streckten sich viele Hände gegen ihn aus in freudiger Zustimmung. Es war nicht eine Stimme, die dagegen sprach.

»Willst du die Worte aufsetzen, Gemeindevorsteher?«

»Ich will’s.«

»Und wer soll sie Mutter Maren bringen?«

»Wir wollenallehingehen. Denn uns allen hat sie wohlgetan. Das gibt einen stattlichen Ehrenzug!«

Da kam wieder freudige Zustimmung. Und dann gingen sie auseinander in dem Gefühl, einen sehr wichtigen und sehr glücklichen Tag erlebt zu haben.

Maren aber schmückte den Mutterhof.

Ihr eigen Herz war schon geschmückt. War ganz voll Liebe, voll Sonne, voll innigsten Verzeihens, und stand in Blüten.

Aber der Mutterhof sollte nicht minder festlich ausschauen, wenn der Herr endlich wieder einzog in seiner Väter Erbe, das die Gattin ihm verwaltet und treulich gemehrt hatte.

Der junge Schwager Onnen half Maren in eifriger Hast. Was würde das für ein köstliches Leben werden, meinte er, wenn erst der große Bruder wieder daheim sei, und all die geplanten wichtigen Unternehmungen nunWahrheit würden. Wie würde Onnen daran wachsen! Und später die rechte Hand von Edlef werden!

Und »Mutter Maren« würde wieder das Lachen lernen! Das war noch das Schönste von allem!

In all das festliche Vorbereiten schickte Pastor Licht einen großen Schreibebrief. Er selbst lag immer noch zu Bett. – – – »Mutter Maren« hieß den Boten warten und packte ein Körbchen voll schöner Sachen. Lauter Kostproben von dem, womit Edlef empfangen und verwöhnt werden sollte. Und dann erst, als sie noch den Korb mit Blumen besteckt, die sie von den prangenden Fenstertöpfen abschnitt, und der Bote den Rückweg angetreten hatte, setzte sie sich mit dem Brief zum geruhigen Lesen nieder. –

Als sie etwas später aus der Haustür trat, da war ein Sturm über ihre Gestalt und ihr zartes Gesicht gegangen. Gebeugt und alt sah sie aus.

Eine Stunde darauf stand sie schon an der Postfähre und sah mit schmerzenden, brennenden Augen, wie das Segelboot zurechtgemacht wurde. Das sollte sie nach Pellworm bringen und von dort wollte sie nach Hamburg.

Sie sprach mit niemand über den Brief von Pastor Licht. Ruhig hatte sie ihre Anordnungen gegeben und das Haus bestellt für eine längere Abwesenheit. Ohm Rickert bekam eine Vollmacht, und Onnen erhielt ein paar Vertrauensposten. Mutter Holgers übergab sie das Kind, und als die alte Frau sie forschend und traurig ansah, legte sie die Hand auf ihre Schulter: »Ein schwerer Unfall, Mutter. Edlef … Er ruft mich.«

»Um Jesu willen, was ist? Wann kommst du wieder, Maren?«

»Das steht bei Gott.«

Im Eppendorfer Krankenhaus führte »Schwester Käte« die junge Frau gleich zu ihrem Gatten.

»Er hat sehr nach Ihnen verlangt, Frau Holgers«, sagte sie teilnahmevoll. »Auch in der Narkose hat er immer nach Ihnen gerufen. Soll ich Ihnen Näheres vom Unglück im Elbtunnel erzählen?«

»Nein, nein,« wehrte Maren. »Ich will zu meinem Mann. Aber wird es ihn nicht zu sehr angreifen, wenn ich plötzlich vor ihm stehe? Wollen Sie ihn vorbereiten, Schwester Käte?«

Diese wendete ihr Gesicht fort. Sie meinte, noch nie solch wehen Ausdruck in den Augen eines Menschen gesehen zu haben.

»Nein, nein, Frau Holgers, gehen Sie nur, – – es ist besser, Sie sehen den Verletztenbald… Aber erzählen Sie nicht von dem Unglück, er – weiß es nicht, wie schwer seine Verletzung ist. Wenn Sie es über sich gewinnen könnten, Ihrem MannefroheDinge zu erzählen … so …«

Sie drückte Maren fest die Hand. Wollte hinzusetzen: »So machen Sie ihm das Sterben leichter«, aber die Stimme versagte der Leidgewohnten diesen trostlosen Augen gegenüber.

Der Chefarzt ging vorüber und sah fragend die Schwester und die Fremde an.

»Frau Holgers von Hallig Likamp …«

Da trat lebhafte Teilnahme in sein kluges Gesicht.

Das also war »Mutter Maren«, von der ihm Pastor Licht geschrieben. Und welche durch die Fieberträume des schwer siechen Mannes geschritten war und in seinem Wachen lebte.

Er reichte Maren die Hand in rascher, herzlicher Art.

»Nur ganz unbefangen mit ihm sein«, riet er. »Ihr Frauen seid ja doch nun einmal Helden im Schmerzverarbeiten … Ihr Mann wurde uns schrecklich zugerichtet gebracht. Wir mußten beide Beine sofort abnehmen. Und leider ist er auch innerlich schwer verletzt.«

Sie schritt zu Edlefs Lager. Man hatte ihn in einem Zimmer allein gebettet. Und Maren konnte ihm zulächeln und sah, wie ihm dies Lächeln wohltat. Und während sie meinte aufschreien zu müssen vor Jammer und Leid, scherzte sie mit dem Wunden: »Mein Edlef, sie warten alle daheim auf dich, und du legst dich in die Heia …?«

Er hielt ihre Hände und zwang sein schmerzverzerrtes Gesicht zur heiteren Ruhe. »Maren, mein Deern, gottlob, du bist bei mir.« So als läge gar nichts zwischen ihnen. Als seien all die eisigen Monate eitel Frühling und Sommerwärme gewesen. –

Und Maren meinte bei sich, sie würde bis an ihr Lebensende die Worte nicht vergessen, sondern würde ihre ganze Kraft aus ihnen saugen: »Gottlob, Maren, mein Deern, du bist bei mir.«

Sie hielt seine Hand und plauderte mit ihm. Von allem, was den Mutterhof betraf, und was sich dort ereignet hatte. Bei Akkes Namen verfärbte sich Edlef,und Maren sah es und litt unsäglich. Aber gleich nahm sie ihn wieder in ihre Arme: »Hast du Schmerzen?« fragte sie liebreich.

»Ja, große Schmerzen«, gestand er. »Die Beine und Füße quälen mich schrecklich. Sie müssen mehrfach gebrochen sein, aber man will es mir wohl noch verheimlichen. Maren, – wenn ich ein Krüppel würde! Oh, und wie meine Brust schmerzt!«

»Greift dich auch das Reden nicht zu sehr an?« Sie sah voll namenloser Sorge in sein gelblich-blasses Gesicht.

»Ach, nein, Maren, ich bin sehr froh, daß du gekommen bist! Wir Holgers müssen immer erst durch Tiefen gehen, ehe wir zur Einsicht kommen. Maren – – es ist kaum glaublich. – Erst als ich unter den schweren, immer aufs neue abgleitenden und stürzenden Steinen im Elbtunnel lag – Maren, da erst – kam mir zum Bewußtsein, daß ich dich schnöde verlassen hatte …«

Edlef sprach abgerissen, manchmal ganz undeutlich. Dann wieder umfing ihn wohltätige Ohnmacht.

Maren labte seine Stirn und die eingefallenen Schläfen mit kölnischem Wasser. Und ihr Herz betete und schrie: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Als Edlef wieder die Augen aufschlug, faßte er sofort fest ihre Hände.

»Du bist bei mir, Maren. Und ich werde den Professor bitten, daß ich bald heimkehren darf. – Du allein kannst mich gesund pflegen. – Und du wirst auch einen Krüppel liebhaben, ja, Maren? Aber sorg dich nur nicht– der Professor ist sehr geschickt – vielleicht flickt er mich auch heil zurecht …«

Nun stöhnte er auf, und Maren sah, wie sich helle Blutstropfen in seinen Mundwinkeln sammelten. Sacht wischte sie mit ihrem kühlen Leinentuch über seinen Mund.

»Blut?« stammelte er. »Wo kommt das wohl einmal her? Hab mir wohl gar ein paar Zähne eingeschlagen? Und es war nur Ungeschick von deinem großen Edlef, – Maren, du kleine, süße Deern … der Gang war so eng, ich wollte über den Riesensteinhaufen hinweg – die waren schlecht geschlichtet und begruben mich …«

Er wurde wieder ohnmächtig.

Nach einer Weile kam Schwester Käte. Sie beugte sich über Edlef und bedeutete Maren, sie für eine Weile mit dem Wunden allein zu lassen. Als Maren wieder gerufen wurde, lag Edlef mit wachen Augen. »Immer ist Maren da, wenn ich sie rufe«, sagte er leise. »Immer. Im Leid – meine Mutter … Schwester Käte, wann darf ich heimkehren …?«

»Bald!«

Wie eine bohrende Nadel senkte sich dies »bald« in Marens Brust. Sie nahm wieder ihren Platz am Bettrande ein, und wieder haschte der Versehrte nach ihren beiden Händen.

»Maren, mein Deern, – hast du mir vergeben?« Große Tränen rollten über sein blasses Gesicht. Maren trank sie mit ihrem Munde auf.

»Lieber, Lieber!« stammelte sie – »ich hab’ dich lieb!«

»Ja, das tust du. Süße Maren! Und ich wollte mehr … Wollte einen Sohn von dir haben … Mutterhoferben … Und nun hast du mir unsern Onnen gerettet. Solch ein prächtiger Erbe …Gottsegnete dich, Maren … die ganze Hallig nennt dichMutter… Das ist mehr, viel mehr …«

»Quäl dich nicht so«, bat sie. »Wir fangen ein neues, wunderschönes Leben an, Edlef, Liebster …«

»Ein neues Leben – Ja! Aber sag’ mir, Maren – nur das eine … warum hattest du kein Vertrauen zu mir???«

»Ich verstehe dich nicht, Edlef …«

»Nein, laß! Ich hab’ es dir vergeben. Aber es war nicht gut, nicht recht … Es paßte nicht zu euch beiden Aufrechten … Manne! Maren! Eine falsche Scham … Manne hätte es mir sagen müssen …«

»Was sollte er dir sagen? Um Gottes willen, Edlef, sprich weiter, was tat ich?«

Aber sie sah, wie die blassen Mundwinkel sich wieder mit Blut füllten. Und während sie es sorgfältig abtupfte und den Erschöpften labte, rang sie mit allen lichten und allen finsteren Mächten.

Edlef sah sie an. Voll Schmerz und Liebe. »Du, du, Maren! Warum? Ach, warum?«

Da schrie Maren auf. Und sank an seinem Bett in die Knie. »Edlef, hör’ mich! Sieh deine Maren an!Was man dir auch gesagt haben mag, – Lieber, rein weiß ich mich von jeder Schuld. Nie hab’ ich dir mit meinem Willen ein Leids getan. Nie!«

Er sah sie an. Lange. Auf den Grund ihrer reinen Frauenseele drangen seine Augen, in denen schon der Schimmer einer andern Welt lag. Dann verklärte sich sein Gesicht. Er lächelte. Erstaunt, fragend, wissend. Strahlend wurde sein Lächeln. Viele Dinge lagen darin.

Er nahm es mit hinüber in die Ewigkeit. –

Edlef Holgers kehrte heim.

In Tannengrün prangte der Mutterhof, und kleine Tannenzweiglein bedeckten den Weg, der von der Haustür bis zur Warftreppe führte. Und der Sarg war eingehüllt in Bonnestave. Die blaue Halligblume grüßte ihren Sohn, der heimkehrte zur Halligerde.

So bekam Edlef Holgers doch noch das Kirchengeläut, das Boy Boysen ihm versagen wollte. Der Klang der Halligglocken zitterte in der klaren Winterluft.

Maren schritt allein hinter dem Toten.

Ehern stand die Majestät des Schmerzes in ihrem leidgereiften Antlitz.

Als der Sarg über die Schwelle des Mutterhofes gehoben wurde, sagte sie laut und feierlich: »Sei willkommen, mein Edlef!«

Und die Träger meinten, sie würden niemals dies Wort vergessen und nimmer das junge Weib in seinem heiligen Schmerz.

Wider den Nordoststurm kämpfte sich ein Mann nach der Schulwarf. Helle, durchdringende Glockenschläge, immervier in einer Gruppe, drangen durch die Winterluft zu ihm hin.

Und da wußte Manne Wögens, daß sein liebster Freund bereits in der Erde lag, und daß er zu spät kam, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Man »läutete den Toten aus«. Der Lehrer hüllte sich fröstelnd fester in seinen Mantel.

Der Süden hatte ihn verwöhnt, auch lagen durchreiste und durchwachte Nächte hinter ihm, seit Marens Telegramm ihn rief. Jetzt wollte er nur noch sein schweres Gepäck heimbringen und dann gleich nach dem Mutterhof zu seiner Marenschwester eilen. Ihr gehörte er jetztallein.

Das war ihm klar geworden seit einer halben Stunde. Denn er hatte telegraphisch seine Ankunft gemeldet und war nur von Ohm Rickert und Onnen empfangen worden. Die, die er einzig und allein in einem zagen Glücksahnen erwartet hatte, war nicht gekommen. Er zürnte ihr nicht einmal. Sie hatte wohl das Rechte gewählt für sich und ihn. Denn mit Edlefs Tode war großer Reichtum über Nomine gekommen, und sie war Herrin des Mutterhofes bis zu Onnens Großjährigkeit. Ob sie dies Recht ausnützen würde oder nach der Stadt und ihrem Beruf zurückkehren,erwürde in jedem Falle abseits stehen. Das hatte ihm ihr Fernbleiben heute schonend sagen wollen.

Und Maren wollte er bitten, zu ihm zurückzukehren, anstatt ins Altenteil des Mutterhofes zu ziehen. Beide Geschwister wieder einsam, wie ehedem. Das Herz wurde ihm seltsam eng bei dem Gedanken, jetzt in das kalte Schulhaus zu kommen, in seine unbehaglichen Stuben. Denn der alteEmeritus, den die Behörde zu seiner Vertretung gesendet, hatte währenddem beim Pfarrer gewohnt.

Nun erstieg Manne Wögens die Treppen zu seiner Warf und öffnete seine Haustür. Durch die kleine Diele schritt er in sein Wohnstübchen. Da mußte er sich gleich in den alten Ohrenstuhl fallen lassen, »drin alle Wögens ausgerastet hatten«.

Denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, übermannte ihn.

Über ihr schwarzes Trauerkleid hatte Nomine Holgers eine frauliche Schürze gebunden, und sie hielt ein großes Brot im Arm und schnitt duftende Scheiben davon ab. Die häuften sich neben dem Napf mit der goldgelben Butter. Und wenn auch die Kinder zu dem lieblichen Bild von »Werthers Lotte« fehlten, so besaß doch Manne Wögens Vorstellungskraft genug, sie sich in stattlicher Zahl dazu zu denken. –

»Du bist hier?« fragte er selig erstaunt.

»Wo sollte ich sonst sein?«

»Unten am Steg …«

»Da waren die andern.« Sie errötete heiß. »Ich gehöre dochhierher. Und mußte doch Essen für dich richten. Und mußte dir doch alles warm machen …«

»Ja, das tust du wahrlich. Kein Mensch hat mir je so warm gemacht, wie du, Nomine Holgers …«

Dann wurde er ganz ernst. Und in seinem lebendigen Gesicht sah das Mädchen die tiefe Ergriffenheit.

»Willst du bei mir bleiben, Schulmeisterin?«

»Ja, Schulmeister, ich will!«

Da vergaß Manne Wögens, daß er zum Tod und Begräbnis gekommen war, und er holte sich jauchzend das lachende Leben an sein Herz und in seine Arme.

Im Witwenstübchen saß Maren Holgers.

Das schwarze Trauerkleid lag in schweren Falten um ihre schlanke Gestalt, und die dunkle Friesenhaube rahmte schier feierlich das schöne, ernste Antlitz ein.

Vor ihr stand Onnen und hielt ihre beiden Hände.

»Du siehst arg müde aus, Mütterchen Maren«, sagte er besorgt. Sein offenes, schönes Knabengesicht beugte sich unendlich liebevoll über die junge Witwe. »Ich will auch gleich von dir fortgehen, dir tut das Alleinsein not …«

Ein liebes Lächeln trat in ihr Gesicht. »Ich könnte dich wohl ›Väterchen Onnen‹ nennen, so besorgt bist du um mich«, sagte sie liebevoll.

»Ich gehe auch gleich, Mütterchen. Aber ich mußte dir sagen, dir ganz allein,wie ich mich freue. Wie dankbar ich unserm Edlef bin. Daß er allessound nicht anders geordnet hat. Nicht wahr, du fühlst, wie ich mich freue?!« fragte Onnen stürmisch.

»Ja, das tue ich, du lieber Junge. Hab’ Dank! Ihr seid alle so gut zu mir …«

»Weil wiralledirallesverdanken«, rief Onnen begeistert. »Weil im Mutterhof so viel Sonne ist! Trotzdem ihr alle schwarze Kleider tragt. Das ist wie ein Wunder … Ach, Mütterchen Maren …!«

»Du lieber Junge!«

Und Maren dachte still, wie viel Reichtum ihr doch geblieben sei, da sie dieses seltene junge Menschenkind erziehen und leiten dürfe zu allem Guten. Und so dem Mutterhof doch einen Erben geben konnte. Ganz selbstlos, ohne eigenes Glück. Nur auf das Ansehen und die Ehre des Mutterhofes und der Halligheimat bedacht. –

Onnen war hinausgestürmt.

In ihm war alles Wollen und Tatkraft.

Das Leben lag vor ihm wie die blühende Halligfenne in lauter goldener Sommersonne. Lernen durfte er, – lernen. All sein dürstendes Sehnen stillen. Das angefangene Werk seines lieben, heimgegangenen Bruders dereinst fortsetzen.

Er durfte bodenständig auf seiner Hallig bleiben, ohne einen Menschen zu betrüben, ohne einem seiner Angehörigen liebgewordene Pläne zu zerstören.

Alle waren einverstanden mit seinem Wollen, freuten sich mit ihm. Der Reichtum erdrückte ihn fast. Da war es gut, daß man einen lieben, klugen Lehrer hatte, der zugleich sein bester Freund war. Auf ihn konnte man einen Teil der Freuden abladen und sich allstunds treuen Rat holen. Zu ihm wollte Onnen jetzt stürmen und viel herrliche, schier unerhörte Dinge und auch viel Ernsthaftes und Unverstandenes mit ihm durchsprechen. –

Maren hatte ihm nachgesehen mit gutem Blick und tausend guten Gedanken. Sie liebte diesen hochgemuten Jungen wie ein eigenes Kind. Und der Gram um ihr totes, eingesargtes und begrabenes Glück wich einergroßen, alles überragenden Dankbarkeit gegen Edlef. Über sein Grab hinaus. –

Sie hatte am gestrigen Tage still ihre Habe gepackt, um wieder nach denn Schulhause zum einsamen Mannebruder zu gehen. Da spürte sie es zum Weinen schwer, wie sehr sie mit dem Mutterhof verwachsen war. Jede kleinste Wurzel ihres Herzens mußte sie einzeln herausreißen, und das tat unerträglich weh.

Nun hatte ihr heute der Hamburger Rechtsanwalt eröffnet, daß sie die Herrin des Mutterhofes sei.

Daß Edlef ein Testament hinterlassen habe. Der Anwalt hatte einen Brief des Toten an sie in ihre Hände gelegt. Darin standen die Gründe, weshalb Edlef alte, überlieferte Bestimmungen zu ihren Gunsten umstieß. »Weil Du mirschrankenlosvertrautest. Weil nichts Dich anfocht, was Dir die Umwelt zutrug. Weil Deine Liebe zu mir so stolz und groß war, daß Du mich nicht ein einziges Mal gefragt hast: ›Ist es wahr, was man mir sagte?‹ Dafür bist auch Du meines schrankenlosen Vertrauens würdig, und sollst gesegnet sein, süße Mutter Maren.«

Diesen Brief, oft gelesen und mit Tränen benetzt, barg Maren auf ihrem Herzen. Aber sie sann in stillen Stunden, deren sie jetzt nach dem strengen Trauergebot des Mutterhofes gar viele hatte, darüber nach, was wohl in dem Spruch für ein Geheimnis liege, der ganz klein geschrieben die Nachschrift des Briefes darstellte: »Undvergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern …«

Als Onnen aus der Haustür gestürmt war, hätte er beinahe Frau Akke umgerannt, die zögernden Schrittes sich gegen das Haus hin bewegte.

Der Holgersjähzorn schoß in ihm hoch. »Was willst du da?« fragte er barsch. »Meiner Maren weh tun? Das gibt’s nicht.«

Er bekam keine Antwort. Akkes Augen sahen ihn erschrocken und weh an. Und sie wandte sich sofort und ging zurück.

Ihr müder Gehorsam entwaffnete den heißblütigen Jungen. Er fühlte, – diese gebeugte Frau wollte nichts Ungutes über die Schwelle des Mutterhofes tragen. Da ging er mit ihr die kurze Strecke nach dem Hause wieder zurück, und das Bewußtsein seines eigenen äußeren und inneren Glückes gegenüber der müden Traurigkeit Akkes machte ihn gut und ritterlich. Er öffnete ihr die schwere Haustür und rief ihr noch in großer Verlegenheit zu: »Grüß dein klein’ Anni«, ehe er wieder stürmend den Lauf nach der Schulwarf aufnahm. –

Nun stand Akke Bahn, geborene Luersen, vor Maren Holgers. Deren Blick weitete sich bei ihrem plötzlichen Erscheinen in fragendem Erstaunen und stiller Angst.

Aber Edlefs Brief, der auf ihrem Herzen lag, war wie ein Talisman, von dem geheime Kräfte ausgingen.

Sie erhob sich von ihrem Sitz und holte für den stummen Gast einen Stuhl.

Akke wehrte kopfschüttelnd ab. Sie rang nach Worten und fand kein einziges.

Da sagte Maren ruhig und freundlich: »Du willst mir Kondolenz geben? So setz dich auch.«

Aber Akke tastete sich nach rückwärts und legte einen noch größeren Raum zwischen sich und die junge Witfrau. An den Türpfosten lehnte sie sich. Scheu, als wollte sie jeden Augenblick das Weite suchen. »Können wir eine Weile allein bleiben?« stieß sie heraus.

Maren nickte. »Wir sind ungestört.«

Und sie setzte sich auf das alte Thüringer Kanapee und faltete die Hände in ihrem Schoß.

Akke war ruhelos. »Wenn nur der Anfang nicht so schwer wäre«, stöhnte sie. »Du darfst mich mit keinem Wort unterbrechen, Maren Holgers, sonst laufe ich dir wieder fort … Weshalb ich hier bin? Weil Edlef Holgers mich so sehr verachtete. Weil er nicht glaubte, ich könne je ein Unrecht eingestehen. Und weil er dich so hochstellte, daß er meinte, es brauche dir niemand die Wahrheit zu sagen, du würdest ihm vertrauen über allen bösen Leumund hinweg.Ich will besser sein, als Edlef von mir gedacht hat, – deshalb bin ich hier. –«

Eine schwüle Pause entstand. Dann ließ sich Akke plötzlich schwer in den Stuhl fallen, den sie vorher abgelehnt hatte.

»Du weißt ja nicht, Maren, wie das ist, wenn man jemand lieb hat, der sich gar nicht um einen kümmert … Ich bin dem Edlef schon als lütt Scholdeern nachgelaufen. Und hab’ ihn mit guten Sachen beschenkt und mit Steinen geworfen, – nur damit er mich beachten sollt’. Aber er hat nie an mich gedacht. Ich hab’ nicht mit Puppen gespielt, wie andere Deerns, ich wollte immer bei denJungens sein. Die ließen mich auch mittun, weil ich mutig und stark war. Bis der Edlef dazu kam und mich fortjagte. Das ist so gegangen, bis wir groß waren. Die Ahne hatte mich zur Frau für Edlef bestimmt. Darauf baute ich. Ich wußte auch, daß er ein Auge aufdichhatte, Maren Holgers. Und daß du ihn nicht ermuntertest. Da macht ich es genau wie du. Und nun wollt’ er mich haben. Wie die Katz mit der Maus hab’ ich mit ihm gespielt. Und ganz verrückt war er vor Eifersucht … Aber so die richtige Holgerslieb, – die hat er ja doch nur für dich gehabt … Und hat dich ja auch zu seinem Weibe gemacht … Die kurze Zeit unserer Brautschaft vorher war keine Untreue gegen dich. Als ich dann später mit meinem Kind zu euch kam, weil mein Mann mich schlecht behandelte, hat Edlef mir zuerst die Tür gewiesen. Aber du kennst ihn ja. Keinen Hund konnte er fortjagen, und als der Lütte anfing zu schreien, versprach er mir, einen Dienst bei Bekannten für mich zu suchen. – Er gehört zu den Leuten, die nicht ›nein‹ sagen können. Beiderweichen Stelle sind sie zu packen. Ich wußte ja längst, daß ihr unglücklich miteinander wart, weil du kein Kind hattest, Maren Holgers …« Von der Stelle, da Maren saß, kam ein Laut. Und das Gesicht der jungen Frau war ganz weiß. »Nicht!« sagte sie abweisend und hart. »Nicht von mir und meinem Mann sollst du sprechen, – nur von dir.«

Akke lachte bitter. »Ja, das ist dein Hochmut. Und so war auch Edlef. Er litt es nie, daß ich von dir sprach. Ob bös oder gut, ich sollte deinen Namen nicht erwähnen.«

Da faltete Maren die Hände noch fester, und in ihr wundes Herz kam es wie Frieden.

»Maren Holgers, –ich hab’ den Edlef mit meiner Liebe verfolgt. – Wenn er in die Versammlung ging, war ich da, und wenn er nach Hause kam, fand er mich. Und wies mich fort. – – – Sag nicht, daß sich jeder Mann jedes Mädchens erwehren könnte. Konnte er mich nicht mehr lieben, so sollte er wenigstens mit mir sprechen. So blieb ich immer um seinen Weg. – Ich habe ihm erzählt, daß ich das Gerücht nach der Hallig brachte, mein Kind sei von ihm. Da hat er mir kalt und ruhig gesagt: ›Das glaubt die Maren nicht.‹ Und so ganz zuversichtlich immer wiederholt: ›Nein, meine Maren glaubt das nicht.‹ Da fraß der Zorn an mir. Da hab ich’s anders angefangen. Und da hatte ich Erfolg …«

Maren hob den tief geneigten Kopf. Banges Entsetzen trat in ihre leidvollen Augen.

»Ich sagte Edlef für heilig und ganz gewiß …« Akke sah scheu auf Maren und stieß dann rasch heraus: »Daß du schonvorder Hochzeit gewußt habest, niemals Kinder zu bekommen … Daß dein Bruder und du den Mutterhofbewußtmit einer Unfruchtbaren betrogen hättet …«

»Akke!« stöhnte Maren, »was tat ich dir …?«

Die Worte kamen nun stoßweise aus Akkes Mund: »Du kennst ja Edlef. Das traf ihn. Er hatte dir so vertraut. Und er war stolz. Ich wußte, er hätte dich nie gefragt. Stolz und hochmütig wie du. Und er glaubte mir. Weil er selbst nicht lügen konnte. Dann hat ermich zum letztenmal davongejagt … Aber ganz gebrochen sah er aus. Weil sein Vertrauen tot war …«

Akke erhob sich. Und sah befremdet auf die Herrin des Mutterhofes. Die konnte sich wohl kaum noch aufrecht halten. Wie der Tod sah sie aus. Aber sie schrie nicht und klagte und weinte nicht, wie andere Frauen. Hätte sie es doch getan. Dann wären die grauen, ernsten Augen wohl nicht so furchtbar anklagend auf Akke geheftet. Diese leidvollen Augen, denen man durchwachte Nächte ansah.

Wieder tönte Akkes harte Stimme:

»Ich habe dir das alles nicht gesagt, Maren Holgers, um dich etwa jetzt um Verzeihung zu bitten. Die will ich nicht. Und brauche ich nicht. Nur um meiner selbst willen klage ich mich an. Ichwillbesser sein als Edlef von mir gedacht hat.«

Tiefe Stille. Und darin nur diese anklagenden, wehen Augen. Akke schlich nach der Tür.

»Ich gehe nun, Maren Holgers. Ich ziehe ganz fort von der Hallig. Den kranken Vater nehme ich mit mir. Und das Kind. Mein Mann ruft mich. Er hat einen Schlaganfall gehabt und ist gelähmt …«

Da war Maren Holgers plötzlich neben ihr, und ihre Hand legte sich auf Akkes Arm und hielt sie zurück.

»Arme Akke!« sagte eine gute Stimme. Das Bewußtsein des eigenen Reichtums, des festen Verbundenseins mit Edlef über Tod und Vergehen hinaus stand groß auf in Maren Holgers. Und sie dachte nicht mehr an die Schuld, nur noch an das Unglück der Halligschwester. Der man das letzte »Scherflein« nehmen wollte, – die Heimat. Undmit diesem starken Empfinden kam eine große Ruhe über sie. »Willst du nicht deinen Mann auf die Hallig holen, Akke?« fragte sie. »Euer Haus hat doch Raum für ihn. Und die Hallig – die braucht dich, Akke. Du bist fleißig, – und – viel stärker als ich – – du wirst mir oft helfen können … Willst du, Akke?«

Da straffte sich eine gebeugte Gestalt und ein heißes, irrendes Herz wurde seiner Last ledig. Eine Antwort bekam Maren nicht. Aber deren Herz schlug zum erstenmal ruhig und froh, als sie der Enteilenden nachsah. Dann horchte sie befremdet nach draußen hin. Da waren viele Stimmen aufgestanden. Die rannten miteinander. Auch leise lachende Kinderlaute waren dazwischen. Onnens helle, warme Stimme tönte obenauf.

Maren tritt vor die Haustür.

Die ist mit Tannen bekränzt und mit zwei Tannenbäumen eingerahmt. Und den Weg bedecken Blüten der blauen Halligblume. Kinder treten auf sie zu, die tragen Bonnestave in ihren Händen. Und lachen sie glücklich an, und rufen: »Mutter Maren!«

Und der Gemeindevorsteher liest etwas aus einem großen Bogen vor, aber seine Stimme versagt so oft, daß Maren gar nichts davon versteht. Bis er plötzlich abbricht und auch nur die zwei Worte stammelt: »Mutter Maren.« Dann drängen sich die »drei Obdachlosen« vor und drücken ihre Hände, und Lütt Krischan wird ihr auf den Arm gegeben. So steht sie lieblich da, die »Mutter Maren mit dem Kinde«. Auch Bruder Mannes Hände strecken sich ihr entgegen, und Schwester Nomine umfängt sie glücklich. Mutter Holgers weint still in ihr Tuch.Tanten Frauke steht etwas abseits mit ihren versonnenen Augen. Die sieht wieder die Holgerssippe. Sieht Geschlechter kommen und gehen, und zieht ihre stillen Vergleiche.

Maren drückt viele Hände und sagte wenig Worte.

Aber ihr Herz spricht laut: »Ich hab’ euch alle lieb!«

Dann gehen die hundert Inselleute still davon.

Ein tiefes Freuen liegt über der Hallig.

Maren hebt das Antlitz, über das linde Tränen rinnen. Sie schaut nach dem Gottesacker …

Und weiter hin über die liebe Heimat und die salzen See. – In ihrem Herzen ist ein heiliges Gelöbnis.

Sie nimmt Onnens Hand und schreitet mit dem jungen Erben still über die Schwelle des Mutterhofes.

Ende.


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