Chapter 6

Pastor Ephraim Licht saß in seiner Studierstube. In seinen guten, hellen, blauen Augen spiegelte sich die ganze Predigt wider, die er am Sonntag seinen Leuten zu halten gedachte. Seine runde, springlebendige Frau quirlte um ihn herum. Sie wischte den Staub vom »Kannrückchen«, das aus der gewohnten Thüringer Waldeinsamkeit noch sehr fremd auf die brausende Nordsee hinaus schaute. Und sie beugte sich im nächsten Augenblick über eine alte »Erfurter Lade«.

Und als der geistliche Eheherr den sinnenden Blick nicht vom Deich draußen fortwandte, seufzte sie auf. Wurde ordentlich kribbelig und wischte immer rascher an den Möbeln herum und stäubte schließlich den ganzen Pastor mit dem Wedel ab.

»Ei, ei, Luischen, – das ist mir doch zu arg«, wehrte er gutmütig. »Ist denn das nötig bei mir?«

Sie bedachte sich einen Augenblick, wobei der Humor in all ihren Grübchen spielte. Dann wurde sie kriegerisch.

»Jawohl, das ist nötig, Ephraim«, trumpfte sie auf. »Über und über bist du verstaubt.«

»Luischen! – ich werde dich wohl hinauswerfen müssen, mein Liebes, du weißt, meine Predigt …«

»Ephraim, der liebe Gott schreit einem auch die Wahrheit in die Ohren, und kümmert sich den Kuckuck drum, ob grad jemand seine Predigt macht …«

»Luischen, Luischen, geh nicht mit dir selber durch. Diese Ausdrücke! Du bist doch eine Pfarrfrau! Und dieser Hochmut, Luischen! Willst du dich mit dem lieben Herrgott vergleichen?«

»Ephraim, jetzt kommst du mir vom Thema ab. Ich sag, du bist verstaubt. Und ein verstaubter Pfarrer ist wie ein Ofen, der nicht brennt, oder wie eine Mutter, die lieblos ist, oder auch wie ein blinder Spiegel. Ephraim, du heißest Licht und leuchtest nicht …«

»Potztausend, Luischen, du gehst ins Geschirr. Laß mir nur meinen ehrlichen Namen in Ruhe, der auch der deine ist. Hier kommt’s nicht auf die ›lieblose Mutter‹ oder den ›blinden Spiegel‹ oder den ›kalten Ofen‹ an. Wennauch deine Vergleiche ganz nett sind, Luischen … du hast Phantasie, Luischen …«

»Siehst du, wie du dich verhedderst, Ephraim? Ach, ich möchte mit Menschen- und Engelszungen reden …«

»Das tust du ja, Luischen. Und hast noch die ›Liebe‹ dazu. Das ist selten beisammen. Aber hier in diesem Einzelfalle handelt es sich nicht um schöne Reden, sondern um das strenge Respektieren einer Tradition, die den Halligleuten heilig ist.«

»Sprich doch deutsch, Ephraim. Immer, wenn du nicht ganz fest im Sattel sitzst, gebrauchst du Fremdwörter. Und heilig? Wie kann Unheiliges heilig sein?«

»Luischen, nun muß ich gleich böse werden. Ich bitte dich um tausend Gotteswillen, geh hinaus.«

Da setzte sich die kleine Frau Pastorin ganz fest in den Lehnstuhl am Fenster und fing an bitterlich zu weinen.

»Da sind doch noch andere Leute auf der Hallig,« klagte sie, »gebildete Leute, Leute mit Herz und Gemüt. Ach, sie werden sagen: Dies Thüringer Land muß noch ganz dunkel sein, sonst könnte von dorther nicht so’n verbohrter Pfarrer kommen …«

Nun stand Pastor Licht ruhig auf, zog seine Gattin sanft aus dem Stuhl hoch und führte die Weinende fort. »Siehst du, Luischen, nun muß ich dich doch an die Luft setzen. So geht es jedesmal. Wann wirst du aufhören, mich in meiner Amtsstube zu beleidigen?«

Er schaute noch ein Weilchen schalkhaft hinter ihr drein und setzte sich dann mit wehmütigem Lächeln wieder an seinen Arbeitstisch. »So, – also da geht’s schon los«,meinte er mit grimmigem Humor, als draußen energisch geklopft wurde.

»Herein!!!«

»Herr Pastor,« sagte da Edlef Holgers, »ich weiß, es ist nicht recht, daß ich so eindringe …«

»Menschenskinder,« rief Pastor Licht, »wenn ihr doch wißt, daß es nicht recht ist, warum tut ihr’s denn nur? Na nun kommen Sie man. Närrische Kerle seid ihr alle …«

»Herr Pastor, – mein alter Freund Peder Claußen soll morgen beerdigt werden, und nun sagt man …«

»Daß ich ihn außerhalb des Mäuerchens betten will, weil er ein Selbstmörder ist. Ja, Holgers, da sagt man ganz recht.«

»Herr Pastor …!!!«

»Mein lieber Freund, ich bin nicht nur für euch junge Heißsporne hier, sondern in erster Linie für die alten Leute. Ihr Jungen holt euch mal hier, mal dort euern Trost und Halt. In die Kirche kommt ihr selten. Der Pastor ist für euch ’n notwendiges Übel oder mal ’ne ganz nette Dekoration. Ja, ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. – Ich meine ja auch nicht gerade euch vom ›Mutterhof‹. Das ist ja ein rechtes und echtes Friesenhaus und Vorbild. Und ich brauche wohl kaum zu fragen: Wie stehn Ahne und Mutter zu der Sache? Und Tanten Frauke? Und Ohm Rickert? Doch sicher auf meiner Seite?«

»Ja. Alle! Ich bin ganz irre an der Ahne geworden. An allen.«

»Nicht doch! Nicht doch! Überlieferungen sind stärkerals eigene Gedanken. Man löckt nicht ungestraft wider den Stachel. Und wenn ein Halligpfarrer nicht als Felsen dasteht, wie soll er eine Sturmflut überdauern???«

»Herr Pastor – – ich meine, wenn der liebe Gott will, so stürzt er auch den Felsen …«

Pfarrer Licht fuhr auf. »Was hat denn der liebe Gott mit der ganzen Sache zu tun?« rief er ärgerlich. Aber er schlug sich gleich darauf selbst auf den Mund. Wenn Luischen das gehört hätte!

»Mein lieber Holgers, – der Herrgott fragt nicht nach ›Mäuerchen‹ und dem ›ehrlichen‹ oder ›unehrlichen‹ Grab. Er sammelt sie alle am Jüngsten Tag. Und vielleicht sagt er zum Selbstmörder: ›Ei du frommer und getreuer Knecht‹ und zum Pastoren: ›Hebe dich weg von mir‹. Aber Freund Holgers, – es ist einÄrgernis. Ein Pastor soll kein Ärgernis geben. Sonst winkt ihm der Mühlstein. Wenn ich Peder Claußennichtals Selbstmörder einsenke, so gehen vier junge Leute vielleicht befriedigt vom Kirchhof, und einhundertsechsundzwanzig Seelen wenden sich von mir ab. Und hadern und bleiben ohne Trost. Und wenn ich abgesägt werde? Wen kriegt ihr her? Ich hab mich freiwillig hierher gemeldet. Weil ich euchliebhabe.«

»Und die Mutter? Herr Pastor, die Mutter von Peder Claußen?« fragte Edlef ganz leise und dringlich. »Die hatte nichts als den einen Jungen. Nicht eine einzige ungute Stunde hat sie von ihm gehabt. Er war der bravste Sohn auf unserer Insel. Das faßt ja ihr Herz gar nicht, daß der gefemt werden soll.«

Der Pfarrer rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

»Jetzt kommen Sie mit grobem Geschütz, Holgers, – die Mutter, ja – – – sie soll ja den Sohn noch über den Herrgott gestellt haben, – sie wird nun wohl sehr leiden. Mich hat sie gar nicht beachtet, da ich als verordneter Diener unserer Kirche sie besuchte. – Sie hat mir auf alle Fragen nicht geantwortet …«

»Herr Pastor, sie ist aus den Fugen«, sagte Edlef schwer.

»Und Sie meinen, Holgers, ein sogenanntes ehrliches Begräbnis würde sie wieder zusammenkitten?«

»Ja, Herr Pastor, das ist meine Meinung.«

Pastor Licht schaute wieder mit dem sinnenden Blick nach der See: »Und Christus sprach: ›Weib, siehe dies ist dein Sohn, Sohn siehe, dies ist deine Mutter …‹ Lieber Holgers – – ich möchte allein sein …«

Edlef ging rasch hinaus und Pastor Licht riegelte die Tür hinter ihm ab. –

In der offenen Küche stand die Pastorin. Ihr rundes, liebes Gesicht trug noch die Tränenspuren.

»Hat er Sie auch herausgeworfen, Herr Holgers?« fragte sie dringlich. Und auf Edlefs energisches Kopfschütteln: »Ach, Sie dürfens gern sagen. So ein Mann, so ein Mann istmeinMann! Die helle, lichte Güte selbst, Herr Holgers, niemand kennt ihn ja wie ich. Keiner Fliege tut er was zuleid, – ach, was sag ich, – zuliebwürde er ihr was tun. Aber schroff, schroff ist er, Herr Holgers, und obsternatsch und eigensinnig und verbohrt in seine dämlichen Ansichten … Ei der Tausend, was sag ich da wieder … Kommen Sie in die Küche, Herr Holgers. Das Leben ist wahrlich schwer. Essen Sie ein paar brauneKuchen. Hier, sie sind noch knackenhart. Und ›Jungbursch hat Jungzahn‹ heißt’s im Sprichwort.«

Und so nötigte ihn die Frau Pastorin an den Küchentisch und präsentierte ihm das leckere Weihnachtsgebäck.

Und Edlef nahm und aß und erzählte von der Mutter Claußen. Und das mitleidige, warme Herz der Pastorin wollte schier aus der Brust heraushüpfen und weiter über die Schwelle des Pfarrhauses nach der Königswarf hin zur armen Mutter. Daneben aber reichte sie ihrem Gast einen braunen Kuchen nach dem andern, auch wenn er noch so sehr wehrte. Und schusselte in der blitzblanken, großen Küche herum und schalt und liebkoste abwechselnd ihren Eheherrn ganz laut, aber ohne daß es ihm zu Ohren kam. Die beiden Taschen voll brauner Kuchen zog Edlef schier verlegen ab. Und immer wieder steckte sie ihm noch etwas ein, und die tränenblanken Augen sahen ihn gütig und mütterlich an.

Der Sturm draußen warf Edlef Holgers beinahe gegen den großen Grabstein von Anno 1517, der an der Kirche lehnte. Tief drückte er seine Mütze ins Gesicht. Dann sprang er mit großen Sätzen über ein paar eingefallene Gräber nach dem Zaun hin.

»Mudder Claußen, wat makt ji hier?«

Die Frau hatte sich tief zur Erde gebeugt. Ein Schluchzen schüttelte ihre hagere Gestalt.

»Hier wüllt se em henleggen,« stöhnte sie, »– hier. Un sin Vadder, de liggt in Husum unnern groten, witten Steen, mitten unner de Honneratschoren, un hedd sik doch sin Lebdag ni um Wiw und Kind kümmert. So is deWelt. So richt de Welt! O du min arm Peder! Min goden Jung!«

Beide Hände legte sie auf den kalten Boden, als wolle sie das verfemte Fleckchen Erde wärmen und segnen.

Grimmes Mitleid schüttelte Edlef Holgers. »Kommt, Mutter Claußen«, sagte er. »Up dit Flag verküllt Ji jug blot.« Er half ihr in die Höhe und nahm die Widerstrebende mit sich fort. Gute Worte sprach er zu ihr und erzählte von Peder Claußens Kinderjahren und Dummjungsstreichen und wurde beredt, wie er es niemals gewesen war. So ward der Weg zur Königswarf ganz kurz und zuletzt schier fröhlich. Denn immer neue, schöne Züge und gute Besonderheiten entdeckte Edlef an dem toten Schulkameraden, also daß seine Mutter die ätzenden Tränen trocknete und voll Trost in das öde Heim zurückkehrte. –

Am andern Morgen waren sie schon um acht Uhr bei Mutter Claußen versammelt. Keiner der Halligleute wußte recht, wie der Nachbar hingekommen war. Nur daß er selbst einer dringenden Botschaft folgte, war ihm klar. –

Die Frauen waren diesmal daheim geblieben, denn Neugierde ist keine Untugend der Halligbewohner. Nur Maren Wögens und Nomine Holgers standen Mutter Claußen zur Seite.

Die alte Frau weinte nicht. Sie hielt die zitternden Hände gefaltet und schaute geradeaus. – Nicht auf den Sarg, den man schon geschlossen hatte. Es war, als höre sie nicht auf das, was die Nachbarn an Trostworten ihr zuraunten, sie horchte auf irgend etwas, das von draußenkommen sollte, und in ihren bangen Augen standen Fragen, die einer herben Antwort gewärtig waren. – Die alte Kastenuhr tat nun schrille Schläge, und der Totengräber Hinrichsen ermunterte ein paar große starke Schuljungen, den Sarg mit ihm anzufassen. Da kam ein Ächzen aus Mutter Claußens Brust.

Und Maren Holgers legte ihren Arm schützend um sie. Aber gleich darauf stand die Wankende wieder aufrecht. Ihr Kopf wandte sich zur Tür, die gefalteten Hände lösten sich und streckten sich aus. Pastor Licht erschien in der Tür. An ihm vorbei drängte sich seine gute, kleine, geschäftige Frau. Sie tründelte zur trauernden Mutter hinüber und umfaßte sie, und grüßte rechts und links mit den hellen, gütigen Augen. Es war fast, als käme sie zu einem frohen Fest, und das war diese Stunde auch beinahe für sie.

Die Halligmänner sahen sich an. Wollte dieser Thüringer Pastor Neuerungen einführen? Und wollte er sie heute überrumpeln? Dafür waren sie nicht zu haben. Aber in der behenden Geschäftigkeit der Pastorin ging das Murren und Murmeln unter, das schon drohend aufgestanden war.

»Liebe Männer von unserer Hallig,« hub der Pastor an, und seine Stimme klang mild und fest zugleich, – »hier wartet ein Mitchrist, daß wir ihn zur ewigen Ruhe tragen. Viele von euch haben erwartet, daß ich in meiner Stube bleiben würde. Ich hätte es auch getan, denn ich wollte eine althergebrachte Sitte nicht umstoßen. Aber da wurde ich von jemand daran erinnert, daß außer dem Toten, der die Strafe ja nicht mehr fühlt,noch ein lebendiges Mutterherz neben dem Sarg sich quält. Das möchte wohl so stark sein, daß es den lieben Sohn ganz allein nach dem Friedhof trage, und so fromm ist es auch, daß es wohl den Segen tausendmal sprechen könnte. Aber das Mutterherz hat diese ganze Angelegenheit in eure Hände gelegt, ihr lieben Gemeindeglieder. Und so sage ich euch: ›Der Gottesacker dadraußen heißt Friedhof und nicht Striedhof.‹ Und zweitens: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.‹ Und drittens: ›Wer sich rein fühlt von Schuld, der werfe den ersten Stein auf den Toten.‹ Ich werde jetzt hinausgehen und mich mit meinem Gott bereden und zurückgehen zur Kirchwarf. Beredet auch ihr euch untereinander und laßt Gott mit darein reden. Und schaut mir fleißig die Mutter an. Das soll mir ein Zeichen sein: Wenn ehrenfeste Halligleute mir den Toten getragen bringen, so will ich sie empfangen und Peder Claußen soll unter euern verstorbenen Lieben auf dem Friedhof ruhen. Hebt ihr ihn aber drunten auf den schmalen, kleinen Wagen und laßt ihn einzig vom Totengräber und seinen Gehilfen geleiten, so will ich der Überlieferung Rechnung tragen und still im Kämmerlein bleiben. Gott aber wird am Jüngsten Tage unsere Herzen wiegen und auch Peder Claußens Herz, der ein gehorsamer Sohn, ein guter Nachbar, ein fleißiger Halligbauer und ein treuer Freund war. Wehe uns dann, wenn unsere Herzen leichter befunden werden als das seine. – Gehabt euch wohl!«

Pastor Licht stellte sich noch einen Augenblick zu Mutter Claußen, die den Kopf tief geneigt hatte und strich ihr sacht über den grauen Scheitel.

Dann nahm er das weinende Frau Luischen bei der Hand und verließ die Stube. –

Da schritt Edlef Holgers zum Sarg und ergriff eine Handhabe. Sein Auge grüßte den Halligschulmeister Manne Wögens, der denselben Schritt getan und nun neben ihm stand.

Nomine Holgers und Maren Wögens stellten sich in raschem Entschluß neben ihre Brüder.

»Dat is nich Deernssach’«, wehrte ihnen Tede Luersen, der Vater von Akke. Und er trat an die Stelle der beiden, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und murmelte: »Ik heww wat god to maken.«

Zwei Bauern verließen die Stube. Der eine rückte den Hut und sagte: »Nix för ungut, – ik kann dat nich min Öllern wegen.«

Und der zweite murrte: »Nimodsche Art paßt nich to Halligart.«

Dafür stellte sich aber der Gemeindevorsteher sehr entschlossen an den Sarg: »De Paster hett recht.«

Noch ein paar folgten mürrisch oder verlegen den beiden Männern, die auf ihre Warfen zurückkehrten, aber es waren genug Träger aus den Reihen der angesehensten Halligbauern vorhanden, auch zum Abwechseln bei dem langen Weg und der schweren Last. –

Mutter Claußen schritt zu jedem einzelnen.

»Gott lohn’s in der Ewigkeit!« schluchzte sie. »Gott lohn’s!«

Und viele meinten bei sich, sie hätten schon schlechtere Leute getragen als diesen Sohn einer solchen Mutter.

»In Gottes Namen«, rief laut Manne Wögens. Dahoben sie den Sarg und trugen ihn langsam und schwer den Deich entlang und schritten mühselig über den Priel zur Kirchwarf.

Und wenn auch die Glocken schwiegen, so donnerte doch die Nordsee gegen den Deich, und der Sturm sang sein ernstes Lied wie einen brausenden Choral.

Pastor Licht empfing den Zug am alten Glockenstuhl, der unterhalb der Kirche aufragt. Und er schritt dem Sarg voran und sprach kurze, markige Worte über der offenen Gruft. Ein Leuchten lag auf seinem Gesicht, weil er sich der Ehre freute, ein Hallighirte zu sein. –

Der Mutterhof rüstete sich zum Weihnachtsfest.

Nun stritten in ihm die verschiedensten Gerüche um die Oberhand.

Ohm Rickert ging mit krummem Kreuz ducknackig umher und schaute scheu um sich, als käme aus irgendeiner Ecke ein voller Scheuereimer gegen ihn geflogen, um ihn zu verjagen.

Er meinte, es röche überhaupt nur nach »Kernseep« und »gräune Smeerseep«.

»Wozu die viele Reinlichkeit bei das büschen Hochzeitmachen?« fragte er unwirsch.

»Es ist nicht nur büschen Hochzeit, – es ist auch Heiligweihnacht«, meinte Klein-Karen ernsthaft. Und die Kinder fanden, daß es nur nach Wachslichtchen, nach Tannenbaum und Klaben dufte.

Die Ahne sah mit ihren hellen, scharfen Augen schief nach Ohm Rickert hin und bemerkte anzüglich, daß es wohl nach alten, vertrockneten Junggesellen röche, und die sollten sich »man bei klein’« aus dem Staube machen und sich hinterm Deich auslüften, da, wo der Sturm am ärgsten bliese.

Darauf Ohm Rickert wieder gemütlich krähend: »Weet de Düwel, ick bün gor ni vertrocknet. Ik schese noch den irsten Danz mit de Brud. Ne feine Polka. Un sing dortau:

Bonnestabe, BonnestabeBlüht auf Junggesellengrabe,Aber wo Jungfräulein ruht,Blüht ’ne Rose, rot wie Blut.«

Bonnestabe, BonnestabeBlüht auf Junggesellengrabe,Aber wo Jungfräulein ruht,Blüht ’ne Rose, rot wie Blut.«

Bonnestabe, BonnestabeBlüht auf Junggesellengrabe,Aber wo Jungfräulein ruht,Blüht ’ne Rose, rot wie Blut.«

Bonnestabe, Bonnestabe

Blüht auf Junggesellengrabe,

Aber wo Jungfräulein ruht,

Blüht ’ne Rose, rot wie Blut.«

»Ja, deine Choräle kennt man schon«, brummte die Ahne, und dann jagte sie Onnen und Karen hinaus, sie sollten einen Schneemann bauen, anstatt immer »vor den Füßen zu laufen«.

Es war »hilde Zeit«. Weihnachten und Hochzeit. Man hatte alle Hände voll zu tun und alle Köpfe voll Wichtigkeiten. – Und mit Edlef war nicht mehr zu »rechnen«. Dem schlug die Liebe über Kopf und Kragen. Die Ahne seufzte tief auf. Aber dann verklärte sich ihr Gesicht wie von einem innern Leuchten. Es war ja wohl gut, daß einmal die »Liebe« wieder über die Schwelle des Mutterhofes schritt. »Rechtschaffenheit und ehrbar Wesen« freilich, die hatten immer Hüsung gehabt in dem stattlichen Bau. Aber Liebe? Die paßte nach Meinung der Ahne besser in die Stadt, wo die Leute »nichtsanderes zu tun haben«. Sie selbst, Gesine, geb. Christiansen, hatte eine Vernunftehe mit dem raschen, arbeitswütigen, jähzornigen Holgers geschlossen, der ihr eigenes, durch Krankheit der Eltern heruntergekommenes Gewese sachgemäß bewirtschaftete und mit dem Mutterhof vereinigte. Damals war noch nicht allgemeiner Wohlstand auf der Hallig, damals war der Halligspruch bittere Wahrheit, der über manch einer Tür stand:

»Nadel und Schere sind es nicht,Pfriemen und Hobel kennt man nicht,Pflug und Egge braucht man nicht,Manna fällt vom Himmel nicht.Wären die lieben Schafe nicht,Man hätt’ fürwahr das Leben nicht.«

»Nadel und Schere sind es nicht,Pfriemen und Hobel kennt man nicht,Pflug und Egge braucht man nicht,Manna fällt vom Himmel nicht.Wären die lieben Schafe nicht,Man hätt’ fürwahr das Leben nicht.«

»Nadel und Schere sind es nicht,Pfriemen und Hobel kennt man nicht,Pflug und Egge braucht man nicht,Manna fällt vom Himmel nicht.Wären die lieben Schafe nicht,Man hätt’ fürwahr das Leben nicht.«

»Nadel und Schere sind es nicht,

Pfriemen und Hobel kennt man nicht,

Pflug und Egge braucht man nicht,

Manna fällt vom Himmel nicht.

Wären die lieben Schafe nicht,

Man hätt’ fürwahr das Leben nicht.«

Wenn man ums tägliche Brot ringt, dann begnügt sich die Liebe mit einem bescheidenen, knappen Plätzchen. Aber Vertrauen und Fleiß und Frömmigkeit hatten daneben gesessen, so war das Haus gesegnet worden und gewachsen.

Fünfzehn Kinder hatte die Ahne geboren, sieben davon »kleinweis« hergeben müssen, da waren ihr auch sieben Schwerter durch das Herz gegangen, wie man’s von der Gottesmutter erzählt.

Aber die acht anderen, sieben Jungs und eine Deern, waren alle fixe Kerle geworden. –

»Geliebt« hatte auf dem Mutterhof wohl nur die »Tanten Frauke«. War ein schönes Mädchen gewesen, und der Ahne dritter Sohn Tetje hatte sie auf den Mutterhof gebracht. Der war von klein auf ein Träumer.– So des Abends auf der grünen Hausbank vor der Tür zu sitzen und ins verglimmende Abendrot zu schauen, das war ihm das Liebste. Jeden Stern kannte er am Himmel, und lehrte es auch die Frauke. Von der hildesten Arbeit konnte er sie wegholen, und dann saßen die beiden Hand in Hand »rein wie verbast«. Fleißig war ja die Frauke und flink und hatte einen ordentlichen »Batzen« auf den Mutterhof mitgebracht, also daß zwei Scheunen hatten erneuert werden können. Aber so eine richtige Kraft war sie nicht, und – sie blieb ohne Kinder. Das war unerhört im Mutterhof. Was hatte sie, die Ahne, für bittere Zähren vergossen, daß sie selbst es nur auf fünfzehn gebracht. Hielt es ihr die Schwieger nicht täglich vor, die ihrem Manne selbst einundzwanzig gebar?

In alle Welt waren die Holgers zerstreut, und ein stolzes Wort ging um: »Aufrecht und brav wie ein Holgers.« Die meisten von ihnen ruhten freilich auf dem Meeresgrunde. Fischer- und Seemannslos. Auch Fraukes Mann, der Träumer und Sterngucker, war nicht wiedergekommen. Und die Ahne erinnerte sich nicht gern daran, daß sie selbst ihn fortgescheucht hatte von seiner Frau, mit der er damals fünfzehn Jahre verheiratet war. Es hätte vielleicht nicht Not getan, daß Tetje Holgers an dem Abend zum Fischfang auszog …

Aber die Ahne hatte das »verliebte Getue« nicht leiden können, und hart gespottet, wie sich der Tetje gar nicht trennen konnte und immer wieder die Frauke küßte und strakte. Und wie hatte sie mit der Schwiegertochter gescholten, daß diese dem Gatten plötzlich nachgelaufenwar und dicht vor dem Priel ihn eingeholt und auf der Fenne vor allen Leuten gehalst hatte.

In derselben Nacht stand der grause Sturm auf und … machte Frauke Holgers zur Witwe. Es kehrte niemand von den Bootsleuten zurück. Seitdem war Frauke das herbe, stille Weib, das einsam im Altenteil hauste. Ohne Kinder, ohne Enkel, ohne Freude. Es wurde der Ahne, die doch so fest an das »Gotteszeichen« glaubte, immer unbehaglich zu Sinn, wenn sie an das liebeleere Leben der Einsamen dachte, die doch so still und ohne Vorwürfe gegen andere ihren Leidensweg ging. Die Ahne mußte sich oft selbst bezwingen, daß sie nicht zu viel Hochachtung empfand vor der »Unfruchtbaren«. Und daß sie nicht ungerecht wurde gegen die Frau ihres Erstgeborenen, die doch zwölf Kinder hatte, von denen Edlef der Älteste war. Warum konnte nur die Ahne zu dieser Schwiegertochter so gar nicht in Fühlung kommen? Die doch die Überlieferung des Mutterhofes wahrhaft hochgehalten hatte. –

Wie oft hatte die Ahne schon im Herzensgrund gemeint, die Behaglichkeit und der Gottesfriede wohne allein im Altenteil bei Frauke Holgers, – doch sie hatte diese aufrührerischen Gedanken immer gewaltsam verscheucht. –

Aber gut war es trotzdem, daß die leuchtende Liebe wieder allen sichtbar über Mutterhofs Schwelle schritt. Der Enkel Edlef und die feine, schöne Maren mit den strahlenden Blauaugen. Das war wohl so recht ein Paar nach Gottes Herzen. Da sah eins nur das andere, und die Hallig hätte untergehen können, die beiden wären’s nicht gewahr worden. Da konnte man wohl beten, daßdieses Glück blieb. Daß zu dem vielen Licht nicht viel Schatten kam. Enkel Edlef artete nach dem Ahn. Und der war gut und nachsichtig gegen andere gewesen und mochte auch nur frohe Gesichter leiden. Aber für sich selbst wollt er doch immer ein Extragericht, und Gott sollte sich nach seinem Willen richten. – So hatte er scheinbar mit eigenem eisernen Willen sein Schicksal gemeistert. Und Edlef? Der setzte aus sorglos gutem Herzen die verfemte Verwandte in die alten Ehren ein, wie würde er aber wohl handeln, wenn ihm selbst Nachkommen versagt blieben??? Die Ahne mocht’ kaum dran denken. Holgersart konnte grausam sein.

Am dritten Feiertag des Weihnachtsfestes sollte die Hochzeit sein, und im Jungteil des Mutterhofes hatte man dem jungen Paar das Nest gebaut. Denn wenn auch Edlef Holgers nun Herr des Mutterhofes wurde, blieb doch nach alter Überlieferung seine Mutter die Herrin neben ihm so lange, bis auch Karen, das jüngste Kind, achtzehn Jahre wurde. Dann siedelten sie alle ins Altenteil, und Edlef würde fortan im Mutterhof wohnen.

Bis dahin hatte es aber noch gute Wege.

Die Ahne schaute mit hellen Augen auf das stolze Gewese. Der stattliche Mutterhof nahm die Mitte des Hofes ein. Daran schloß sich das große Altenteil, das sie selbst bewohnte. Links vom Mutterhof lag das kleine Altenteil, das von Frauke Holgers’ eigenem Gelde erbaut worden war und das innen und außen ein rechtes Schmuckkästchen darstellte. Dem gegenüber lag das »Jungteil«, das jetzt ganz neu für Edlef und Maren hergerichtet war.

»Mit Gott«, sprach die Ahne und ließ die Augen über die Reihe der blitzenden, kleinen Fenster gleiten, hinter denen die Brautkammer lag mit den blühweißen, hoch aufgeschichteten Betten. Die Ahne selbst hatte die schneeigen Spreidecken darüber gebreitet, und die »heilige Kammer« verschlossen, wie sie auf dem Mutterhof hieß. Erst um die sechste Nachmittagsstunde des Hochzeitstages, wenn die Kirchenglocke zur Vesper läutete, würde die Ahne mit großer Feierlichkeit dem jungen Hochzeiter den Schlüssel übergeben. –

Mit Gott!

In all ihren freudig-wehmütigen Gedanken sah sie jetzt den Herrn Pfarrer über die Fennen herankommen. Er nahm die Richtung nach dem Mutterhof. Die Stirn der Ahne umwölkte sich.

Sie verstand die Welt nicht mehr. Wenigstens das Neumodische nicht, das nicht einmal Halt vor der Kirche machte, sondern sogar Selbstmörder in geweihte Gräber legte unter Orgelspiel und Glockenklang. Und dazu gab sich Pastor Licht her, den sie bis jetzt immer als echten und rechten Hirten geachtet hatte. Aber freilich, es war ein Ausländer. So ein Thüringer mit solch wunderlicher Sprache mußte ja auch wunderliche Ansichten haben, die ganz und gar nicht auf die Hallig paßten. Die Ahne hatte auch dem Enkel noch nicht wieder die Hand gegeben, seit Edlefs Hände den Sarg des Selbstmörders aufgehoben hatten.

Und ihr Freund, der junge Schulmeister Manne Wögens? Nein, die Ahne verstand die Welt nicht mehr,und es war wohl »hohe Tid«, daß der Herrgott sie abrief. Aber erst einmal sollte »Hochtid« sein.

Pastor Licht schritt die Steinstufen zum Mutterhof heran. Schon von weitem hatte er einen Riesenschneemann leuchten sehen, und jetzt mußte er über den ungefügen Kerl lachen, der mit schwarzen Kohlenaugen und roten Ziegellippen grimmig dreinschaute und gar drohend einen festen Knüppel schwang. Einladend sah das Ganze nicht aus.

An der Steinmauer, die das Gewese einfriedigte, hörte er Kinderstimmen. Pastor Licht trat ein wenig zurück, denn nun sah er, daß Onnen und Karen etwas Wichtiges vorhatten.

Die Kinder drehten dem Besucher den Rücken, die kleine Karen hatte die hohe Friesenhaube der Mutter aufgesetzt und Onnen legte sich eine große, schwarze Schürze wie einen Talar um. Zwei Schneegruben hatten die Kinder gegraben, der große Spaten lag noch im Weg.

Die eine Grube war dicht an der Mauer, die andere unter dem prächtigen, weitverzweigten Birnbaum, der eine Zierde der obstarmen Hallig war. Karen stand vor dem Bruder. Auf ihren Armen ruhte eine längliche Schachtel und in dieser eine alte, sehr häßliche Puppe, die vielfach gekittet und geflickt, Spuren unheilbaren Leidens an sich trug. »Liebe Gemeinde«, predigte Onnen. »Ich sehe es dir ja an, daß du diesen elenden Selbstmörder unter dem schönen Birnbaum begraben willst. Aber das kann rein nicht angehen. Wer will wohl so’n Kerl zum Nachbar haben? Und der liebe Gott wird euch furchtbar böse werden. – Unterm Birnbaum da liegtja Peter Witt, den sie immer den ›Dieb‹ nannten und Pieter Martje, der seine Frau prügelte, aber sie bedanken sich schönstens, – neben ’n Selbstmörder wollen sie auch nicht liegen. Also fort mit ihm ans Mäuerchen. Amen.«

Damit packte Onnen die Puppe und warf sie in das Mauergrab.

Kläglich schrie Karen auf.

»Fix, Karen, spring nach«, gebot Onnen. »Jetzt kommt doch erst das Schönste. Du bist doch die Mutter. Du wirst doch nicht leiden, daß sie dir dein Kind an die Mauer legen. Man zu, – jetzt begraben wir’s unterm Birnbaum …«

Karen hatte ihr Kind aus der Grube herausgerettet, aber nun schrie sie Zetermordio und weigerte sich, es einem neuen Begräbnis auszuliefern. »Nein, nein, Onnen, ich trag mein Kind in die warme Stube, dann wird’s wieder lebendig. Dann brauch ich’s gar nicht herzugeben.«

Onnen war sehr mißmutig dieser schlagenden Logik gegenüber. »Du hast gar keine Phantasie«, rief er voll Zorn der Enteilenden nach. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah dem Pastor ins ernste Antlitz. Verlegen riß er sich den »Talar« herunter.

»Mein lieber Junge,« sagte Pastor Licht, »Mutterliebe ist besser als Phantasie. Und deine Karen scheint mir eine rechte, echte Puppenmutter zu sein. Aus denen werden dann die guten Menschenmütter«, setzte er mehr für sich hinzu. »Nun zeig mir den Weg zur Ahne, mein Sohn, ich muß mich ein wenig aufwärmen bei euch. Warm wird man nicht bei Begräbnissen, ob man nununter dem Birnbaum bettet oder am Mäuerchen einscharrt.«

Onnen sah scheu nach dem Pfarrer hin. Die letzten Worte hatten gar eigentümlich geklungen, und das Gesicht des Sprechenden sah finster aus.

Drinnen im Wohnpesel wartete die Ahne. Sie hatte sich rasch ihr Gottestischkleid angezogen, um den Pfarrer würdig zu empfangen, aber sie machte nur einen tiefen, altmodischen Knix, und ihre Hände, die sich sonst immer so rasch dem Eintretenden entgegengestreckt hatten, blieben krampfhaft verschlungen.

»Ich muß den Herrn Pastoren allein empfangen,« meinte sie förmlich, »all meine Leute sind hilde zugange wegen der Hochzeit …«

»Mir würde die liebe Ahne auch ganz allein genügen«, meinte Pastor Licht. »Aber ich bin an ihr helle, freundliche Augen gewohnt, die immer eine Lampe im Wohnpesel überflüssig machten. Wo sind die beiden guten Lichtchen? Und darf ich meine zwei Hände nicht in Großmudder ihre hineinlegen?«

Die alte Frau pflückte mit ihren Fingern und sah an dem Seelsorger vorbei.

»Ich kenn mich nicht mehr aus, Herr Pastor«, sagte sie finster.

»Dann wollen wir beide recht ein Weilchen zusammenbleiben, Ahne.« Der Pfarrer setzte sich geruhig auf die Ofenbank. »Ich denk, wir sind’s beide wert, daß wir uns noch einmal wieder kennen lernen. Es wär doch schade, wenn unsere schöne Freundschaft in die Brüche ginge.«

Die Ahne hatte sich in ihren Ohrenstuhl gesetzt. Das Spinnrad holte sie, stellte es vor sich hin, netzte den Faden, und trug es ebenso rasch wieder beiseite. Das grobe Strickzeug wickelte sie aus dem Handarbeitskorb heraus, aber es lag dann müßig in ihrem Schoß. Da legte sie es in seinen Behälter zurück.

»Ja, ja, Ahne«, sagte der Pfarrer ernst. »Ich kenne das. Wenn man ärgerlich oder gekränkt ist, dann wollen die Finger zu keiner geruhigen Arbeit taugen. In solchen Zeiten steck ich mir die Pfeife an. Aber der Ahne fehlt solch Trostmittel …«

»Weshalb um tausend Gotteswillen haben Sie so etwas getan, Herr Pastor?« brach die Ahne los. »Wenn die Kirche erst mal nicht mehr feststeht …«

»Ach, die steht noch ganz fest, Ahne.« Fast leise sprach der Pfarrer. Er wollte wohl nicht, daß irgend jemand der übrigen Bewohner etwas von ihrem Gespräch vernehmen sollte. »Aber selbst wenn sie einstürzte, liebe Ahne, würde unser Herrgott nicht um eine Wohnung verlegen sein. Da ist z. B. das Herz Ihres Enkels Edlef, – das gäbe ein gutes Herrgottsstübchen ab …«

»Ich verstehe das alles nicht, was der Herr Pastor da spricht …«

»So will ich deutlicher werden, Ahne. – Wir alle, und ich leider Gottes an der Spitze, hatten neulich den lieben Gott verleugnet, – jawohl, Sie auch, Ahne, – ich kann nur ganz wenige ausnehmen, darunter mein Luischen und Mutter Claußen, aber die war ja Partei … Also da hat sich der Herrgott nach einem Obdach umgesehen, und fand Ihren Edlef. Aus dem heraus hat ermich dann bearbeitet, hat mir in einer bitterernsten, schlaflosen Nacht gezeigt, daß ich tönendes Erz und klingende Schelle sei, wenn ich nicht ganz rasch die Liebe und nur die Liebe walten ließe. Ahne, ich wünsche jene Kampfnacht nicht meinem ärgsten Feinde, wohl aber den Erkenntnismorgen, der darauf folgte, jedem meiner Freunde. Ihr Enkel Edlef, liebe Ahne, sprach mir von seinem toten Schulkameraden, und jedes Wort war Liebe, – er zeigte mir die unglückliche Mutter Claußen, und jedes Wort war Liebe. – Ahne, ich sag’s nicht als Entschuldigung, daß ich im Grunde des Herzens genau so dachte wie der Edlef. Aber ich tat’s aus Gründen der Aufklärung, nicht aus Liebe. Ich wollte der Gemeinde kein Ärgernis geben. ›Wehe dem, durch den Ärgernis kommt.‹ Ach, die Bibel hat soviel Sprüche bereit, und das Menschliche in uns holt diese sich gern zur Entlastung. Die größte Sünde ist aber oft die Bequemlichkeit. Doch ich weiß genau, liebe Ahne, Gott wird am Jüngsten Tage jeden Sünder, und wir sind’s allzumal, fragen: ›Wo war deine Liebe?‹ Und dem, der viel liebte, wird viel vergeben werden. Wer aber bei Guttat oder Sünde ganz ohne Liebe war, – – über den wird der Herrgott sein ›Wehe‹ rufen.« –

»Das hört sich gut und christlich an, Herr Pastor. Aber wozu sind Eltern und Großeltern da? Hätte Mutter Claußen nicht wie in einen goldenen Kelch in ihren Peder geschaut, und die Rute nicht nur zum Spaß hinter dem Spiegel gehabt, – dann wär die Todsünde nicht geschehen.«

»Ihr Frauen, ach, ihr Frauen!« Pastor Licht wiegteden Kopf hin und her und fuhr sich dann unmutig durch sein volles, graues Haar. »Ihr könnt inwendig die Güte selbst sein, könnt anderer Leid heben und tragen in völliger Selbstüberwindung. Und dann wieder seid ihr so hart. Ruft ›Todsünde‹ aus, wo ihr leicht ebensogut ›Schwachheit‹ sagen könntet.«

»Selbstmord ist Todsünde«, beharrte die Ahne. »Und der Herr Pastor tut nicht gut, an diesem alten Friesenglauben zu rütteln. Wir auf dem Mutterhof bleiben bei der alten Lehre. Ich hab dem Enkel Edlef noch nicht die Tagszeit geboten seit jenem Unheilstag, und geh auch nicht zu Mutter Claußen zur Kondolenz.«

Traurig und zornig sah Pastor Licht die Ahne an. »Hätt’s nicht geglaubt«, sagte er nach langer Pause. »Hab’ noch neulich bei einer Visitation erzählt, daß die Ahne nicht nur die älteste Frau auf unserer Hallig, sondern auch die gescheiteste und – die frömmste sei. Ich weiß, daß Sie ein paarmal die Bibel durchgelesen haben, weiß, daß Sie mehr als einmal das Kapitel vom Zöllner und Sünder durch- und durchdachten. Und nun sitzt die Ahne doch da und schlägt sich an die Brust …«

»Weiß schon, was Sie sagen wollen, Herr Pastor, und bedank mich schön für den ›Pharisäer‹. Aber in diesem Punkt kommen wir nicht auf gleich. Das ist vielleicht in Ihrem Thüringen anders …«

»Ach nein, liebe Ahne, – so arg dürfen Sie sich nicht überheben,« fiel der Pfarrer mit gutem Humor ein. »So bockbeinig wie Sie sind meine lieben Thüringer noch allemal. Da haben Sie auch nicht das geringste voraus.«

Die Ahne sah ihn unsicher an.

Pastor Licht stand auf. »Ich gehe jetzt, Ahne. Es war ein Metzgergang und sollte doch ein schöner Friedensgang werden. Nein, nein, – laßt Eure Hände ruhig im Schoße liegen und quält Euch nicht damit, mir sie widerwillig zu reichen. Ich möchte sie jetzt gar nicht nehmen. Erst wenn Ihr recht davon überzeugt seid, daß auch der Mutterhof irren kann, und Ihr Euch noch einmal recht von Herzen wünscht, neben Peder Claußen auf dem Friedhof gebettet zu werden, – dann Ahne …«

Die alte Frau fuhr in fast jugendlichem Ungestüm auf.

Dann legte sie ihre Hände doppelt fest ineinander. »So darf sich unser Herr Pastor nur das Warten nicht verdrießen lassen«, sagte sie steif. –

Da ging der Pfarrer mit wuchtigen Schritten hinaus.

Auf dem Deich begegnete ihm Edlef Holgers. Er hatte alle Kerzen der Welt in seinen blauen Augen und wohl noch die ganze Süßigkeit auf den Lippen, die ihm Maren Wögens auf den Weg mitgegeben hatte.

»Guten Tag, Herr Pastor, immer gut zu Wege?« rief er dem Seelsorger strahlend zu.

»Der Weg ist nicht so arg gut«, gab dieser grimmig zurück. »Bin rascher vom Mutterhof weggekommen, als ich hinkam bei dem beschwerlichen Schneewetter. Aber die Ahne …«

Die Lichter in Edlefs Bräutigamsaugen waren mit einemmal ausgeblasen.

»Die Ahne ist ein Dickkopf«, brach er los. »Gott verzeih mir das Wort. Sie hat mich heut aus dem Haus vertrieben, wo ich so notwendig war. Die Hand gibt sie mir nicht, das Wort gönnt sie mir nicht …«

»Dickköpfe seid ihr Holgers all«, brummte der Pastor. »Seid allen Halligbauern darin über. Denn mit denen bin ich schon wieder auf gleich, nur mit Mutter und Ahne noch nicht. Und werd’ es auch nicht. Das sitzt zu verbohrt. – Wird eine nette Hochzeit werden, Edlef, wenn wir alle so vergritzt sind. Nun, ich geb’ euch zusammen und bleib dann still in meiner Studierstube …«

»Das tut uns der Herr Pastor Licht nicht an«, sagte Edlef dringend. »Eine Hochzeit auf dem Mutterhof ohne den Seelsorger auf dem Ehrenplatz, das gibt es doch nicht.«

»So leuchte ein bißchen in die verstaubten Ecken hinein, hast ja Liebe genug in dir, gelle?« rief Pastor Licht und kam stark in seine Thüringer Mundart hinein, wie immer, wenn er erregt war.

»Die Liebe hab’ ich, Herr Pastor, die hab’ ich«, rief Edlef. »Ach, die Maren, meine Maren, – sie macht einen ja völlig zum guten Menschen.«

»Da hat sie freilich bei Edlef Holgers schwere Arbeit«, neckte der Pfarrer. »Sorg nur, daß dein junges Weib geehrt wird, Edlef. Sie springt so ahnungslos in eure Traditionen hinein, – laß sie drin schwimmen, aber nicht ertrinken, Edlef.«

»Da sei Gott vor, Herr Pastor, ich weiß schon, was Sie meinen. Aber sie kommt auch aus einem Hause mit schönen Überlieferungen und wird gut in den Mutterhof passen. Sie sagte mir heut etwas von ihrer seligen Mutter, – das Wort hat mich froh gemacht für den ganzen Tag.«

»So gib mir von deiner Freude ab, Edlef, ich kann sie für den Heimweg brauchen.«

Edlef lachte glücklich.

»Die Maren sagte mir, – in der Freude wollt sie meinWeibsein, im Leid meineMutter.«

Da drückte ihm Pastor Licht die Hand. »Ihr geht einen guten Weg, Edlef und Maren«, sagte er gütig. »Das ist ein prächtiges Wort und ein prächtiger Schlag, in dem solch Wort geboren wird. Glück auf, Edlef Holgers! –«

Er verabschiedete sich grüßend, und Edlef sah ihm eine gute Weile nach. Dann ging er mit ausholenden Schritten zur Großwarf in den Mutterhof. Onnen und Karen liefen ihm entgegen und hingen sich an den großen Bruder.

»Der Herr Pastor war da«, berichtete Onnen.

»Und wir haben Selbstmörder gespielt«, setzte Klein-Karen hinzu.

»Wer?« fragte Edlef. »Ihr und der Pastor? Was für ein närrisches Spiel!«

»Nein,« seufzte Onnen, »nur ich und Karen. Aber sie hat keine Phantasie.«

»Und, und, und da hat der Herr Pastor gesagt,« fiel Karen stürmisch ein, »Mutters brauchten nicht so’n Zeug, die hättenLiebe.«

Da hob der große Edlefbruder die kleine Karenschwester hoch in die Luft und rief: »Hurra, unser Pastor!«

Die Kinder riefen es ihm nach, auch der überstimmte Onnen, und ihre hohe Fröhlichkeit hätte wohl noch lange angehalten, wenn die Mutter nicht mit ihrem grämlichsten Sorgengesicht auf der Bildfläche erschienen wäre.

»Ich versteh dich gar nicht mehr, mein Edlef«, klagte sie. »Da ist hier hildeste Arbeit und du läufst fort wie der Marder vom Taubenschlag. Und wenn man die Kinderglücklich vor den Füßen weg hat, dann bringst du sie wieder herein und machst Kakeleia mit ihnen. Und wenn man seinen Ärger mit dem Herrn Pastor knüppeldick gehabt hat, dann rufst du Hurra auf ihn.«

»Ach, Mutter, geht’s schon wieder los?« fragte Edlef seufzend und setzte sich still in eine dunkle Ecke an den Ofen.

»Wärst du dagewesen, Edlef, hätten wir den Trauspruch besprechen können mit dem Pastoren. So hat er nur mit der Ahne geklöhnt, und mich haben sie ganz außen vor gelassen.«

»Unsern Trauspruch weiß der Pastor schon, Mutter. Den haben Maren und ich uns ausgesucht und ihm hingebracht.«

»Da bin ich aber doch begierig …« Mutter Holgers sah sehr mißmutig darein. »Denn da gibt’s gar nichts auszusuchen. Der Spruch selbst steht vom Ururgroßvater her schon fest für den Mutterhof. Er heißt: ›Seid fruchtbar und mehret euch.‹«

Edlef stand auf und klopfte ihr begütigend auf die Schulter. »So wird’s hohe Zeit, daß einmal ein anderer schöner Spruch Geltung bekommt. Die Holgers sind doch keine Juden? Denen hat der Spruch einst gegolten. Mein feines Mädchen soll ihn nicht hören am heiligen Altar.«

»Meinst, was für deine ganze Sippe heilig war, ist für die Schulmeisterdeern nicht gut genug?«

Beinahe hätte Edlef herausgerufen: »Ja, das mein ich.« Aber die jauchzende Liebe zu seiner Maren erstickte im voraus jedes Ungute in ihm. So schluckte er den Groll hinunter und lenkte ab. »Mutter, unser Spruch heißt: ›Freuet euch! Und abermals sage ich euch: Freuet euch!‹«

»Arg heilig dünkt mich der Spruch nicht. Steht er wohl auch in der Bibel?« fragte die Mutter kopfschüttelnd. »Und schrickt dich nicht die Unterlassungssünd’? Frauke Holgers hat auch den uralten Spruch nicht haben wollen, – nun du weißt, wie es ihr erging.« –

»Mutter, meinst du, daß sich der Herrgott nach Mutterhofes Sprüchen richtet?« fragte Edlef unmutig.

»Ja, das mein’ ich just,« rief Mutter Holgers hell und hart. »Und ich hab’ manches erlebt auf unserm Gewese. Jetzt stehst du da, als ob dir nichts mangeln könnt, aber wie wird’s sein, wenn Maren unfruchtbar sein sollte? Du bist ein selbstgerechter Holgers, ich kenne die Art. Und deshalb sage ich:Der alte Spruch muß her.–«

So viel hatte die Mutter seit Gedenken nicht gesprochen, und sie wendete sich jetzt auch fast erschrocken über sich selbst ab. Edlef sah sie erstaunt an.

»Warum ihr nur alle so unkt«, lachte er voll Zuversicht. »Mir hat mein Lebtag kein Faden wehgetan, und die Maren ist jung und gesund.«

»Die Maren ist gottsunmöglich zart«, eiferte die Mutter. »Ein Stadtmadämchen, kein deftiges Halligkind. – Der mag wohl der neumodische Spruch recht sein. ›Freuet euch, freuet euch!‹ Und auf solchen Juchhei wollt ihr einen heiligen, ernsthaften Ehestand aufbauen? Was gibt es denn zu freuen auf dieser Jammerwelt? Ich möcht’s wissen …«

Da legte der Haussohn seinen Arm um die Mutter und führte sie ans Fenster, das er weit öffnete. Da lag die Hallig im vollen Abendglanz der untergehenden Sonne. In Glut stand der Himmel über der salzen See.Golden waren die Wolken umrandet, und die Mondsichel trat schwachsilbern heraus. Wie rote Lohe lag’s auf der Schneelandschaft, die Priele glänzten, und fern donnerte der blanke Hans gegen das Gestade.

»Weil unsere Heimat so schön ist, Mutter«, sagte Edlef Holgers. »Weil ichdichgesund bei mir habe und die Ahne. Weil Vater mir den ›Mutterhof‹ so stattlich hinterließ, all darum freu ich mich. Und weil ich einen treuen Freund habe und ein treues Mädchen, darum ist’s schön auf dieser Erde.«

Und als ihr verdrossenes Gesicht sich kaum veränderte, zog er die Mutter in einer scheuen Zärtlichkeit zu sich heran: »Könnt ich dir doch Freude geben! Das blüht alles in mir und ist voll Sonne. Du sollst nicht im Schatten stehen, Mutter.«

Da blieb Mutter Holgers eine ganze Weile still an ihn gelehnt. Und es war ihm, als schmiege sich ihr Kopf mit dem glatten Braunscheitel, in den sich schon weiße Haare mischten, freiwillig fester an seine Brust. Wie Ruhe suchend nach des Tages Mühsal und Einerlei. Aber das ging rasch vorüber. Verwirrt sagte die Mutter: »Jung, du büß wull rein dörchdreit.«

Aber es klang nicht böse, nicht einmal unwirsch. Und ein Etwas schwang mit in diesem Ausruf, das Edlef noch nie an seiner herben, unzufriedenen Mutter wahrgenommen. Da rief er noch einmal Hurra durch das offne Fenster, all sein Ernst war verflogen, er war nur der überglückliche Sohn und Hochzeiter.

»Du spielst wohl ›Unklug‹?« fragte die hereintretende Ahne. »Was soll das sperrangelweite Fenster?«

»Den Staub jag ich heraus«, rief Edlef. Und er faßte die Ahne um und reigte langsam mit ihr und sang mit schallender Stimme: »Wer die Heimat nicht liebt und die Heimat nicht ehrt, ist ein ›Llllump‹ und des Glücks seiner Heimat nicht wert.«

»Halt auf, Edlef,« rief die Ahne, »ik war jo ganz beswiemelt.«

Und sie sah auf die lachenden Kinder und in lachende Dienstbotengesichter, die zur offenen Tür hereinschauten, um die fünfundachtzigjährige »Frau Mutter« tanzen zu sehen. Da wollte sie schelten, aber sie konnte es nicht. Denn der Edlef sah so strahlend aus, und auf dem sonst ewig grämlichen Gesicht der Mutter Holgers lag ein letzter Sonnenschimmer und verklärte es. –

»Geht an die Arbeit«, gebot die Ahne. Und sie drohte Edlef mit dem Finger und ging mit seiner Mutter aus der Stube. Die sah den Sohn gar nicht an.

Er aber lachte hell hinter ihnen drein.

Noch am Abend desselben Tages kamen Ahne und Mutter in Edlefs Stübchen. Drin saß der Enkel und las in seinem Lieblingsbuch »Friedrich der Große«. Die Ahne streifte es scheu mit einem Blick. Ihr hätte die Bibel passender für einen Hochzeiter gedünkt.

Er sah erstaunt auf ob des ungewohnten Besuches, der mit einer gewissen Feierlichkeit eingetreten war. –

»Mein Edlef,« sagte die Ahne mit nicht ganz fester Stimme, »Mutter und ich wollen dich fragen, ob du ein echter Halligbauer bist?«

»Der bin ich, Ahne und Frau Mutter, zweifelt ihr daran?«

Ein erleichtertes Aufatmen hob die Brust der Ahne.

»Mein Edlef,« begann sie wieder, »es ist unsere Pflicht und unser Wunsch, daß deine Hochzeit auf alte Halligart gefeiert wird …«

Ein wenig runzelte Edlef die Stirn und um ein weniges verfärbte er sich.

»Ich weiß,« sagte die Ahne, »daß dem Jungvolk der alte Zopf nicht mehr genehm ist. Vielleicht rümpft auch die Braut die Nase und sieht scheel auf alte Gebräuche. Sie ist kein reines Halligblut …«

»Der kennt meine Maren nicht, der meint, sie achte nicht Überlieferungen«, sagte Edlef rasch. »Aber da ist manches, was gar nicht mehr in unsere Zeit hereinpaßt …«

»So meintihr. Aber der Mutterhof hat seine Ansicht für sich.« Die Stimme der Ahne zitterte. »Für mich würd’ es Schmach bedeuten, brächtest du dein junges Weib auf neumodsche Art unter dein Dach. Als hätt’ euch der Kuckuck getraut …«

Sie legte einen Augenblick, wie in Schwäche, die Hand über die Augen. Dann wandte sie sich zum Gehen. »Willst du Bedenkzeit, Edlef? Du hast nur wenige Stunden dazu. Morgen mit dem frühsten müssen die Hochzeitsbitter fort. Ohm Rickert wird dir in allem zur Seite stehen als nächster männlicher Verwandter. Soll ich ihn dir schicken? Oder …« Sie sah ihn unsicher an.

Da legte er den Arm um sie und umfaßte zugleich die Mutter. –

»Ahne und Frau Mutter, macht mit uns, was ihr wollt. Nur zusammen tut uns, meine Maren und mich. Aber wenn ich euch nachgeb’, dann müßt ihr mir auch zu Willen sein und Frieden mit dem Pfarrer machen …«

Die Großmutter sah ihn ernst an.

»Noch bin ich die Ahne«, sagte sie herb. »Und noch lebt deine Mutter.DubistJung-Edlef, vergiß das nicht …«

Dann war er allein. Verblüfft sah er ihnen nach. Aber der gute Humor behielt die Oberhand. »Sie meint’s gut«, rief er sich selbst zu. »O du meine feine Maren, wie wirst du erschrecken, wenn all das närrische, alte Halligtreiben über dich hereinbricht. Aber sollt ich der Ahne weh tun? Und der Mutter? Und auf meinem Kopf bestehen?«

Er stellte sein Buch in das schlichte braune Regal zurück, nicht ohne vorher liebevoll über die Seiten zu streichen.

»Du Großer! Wie hastdudich ducken müssen! Wie hat man dich geknechtet und gequält! Geschlagen und geschunden! Und doch bist du immer wieder zum harten Vater gekommen und hast um Verzeihung gebeten, weil du streng das vierte Gebot hieltest. ›Auf daß es dir wohl gehe …‹ Ja, du warst wahrlich einGroßer! Und als man deinen liebsten Freund vor deinen Augen erschoß – – selbst da bliebst du groß, einzig! Und auch der tote Freund hinterließ dir nur das Wort ›beuge dich!‹ – Und ich, – ich Kleiner, ich ›Wittenslicht‹ sollte aufbegehren?«

So philosophierte Edlef und philosophierte sich »beiklein« in seinen guten Anzug hinein, denn er mußte ja nun notwendig noch einmal zu Maren, um die neue Hochzeitsordnung mit ihr zu besprechen. –


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