Andern Tags in aller Frühe kamen die Hochzeitsbitter mit eilfertigen Riesenschritten zu den angesehensten Halligbauern gelaufen. Sie schwenkten ihre Stäbe und riefen vor der Haustür mit gellender Stimme: »Göh Dai! Göh Dai!« (Guten Tag, Guten Tag!) Dann öffneten sie selbst die Stubentür, und kaum verständlich schrien sie gleichzeitig ihre Einladung heraus: Edlef Holgers und sin Brud Maren Wögens leht Jam badde Datt am söh wohl dühn en kamme en Freidai en fuhn watt Deerds mä. Fahre wohl, kam fliitig tho öhs.[1]
[1]Edlef Holgers und seine Braut Manne Wögens lassen euch bitten, daß ihr so gütig seid und kommt auf den Freitag und nehmt das Mittagmahl mit ihnen. Gehabt euch wohl! Kommt fleißig zu uns!Anm. der Verfasserin (nach Jensen.)
[1]Edlef Holgers und seine Braut Manne Wögens lassen euch bitten, daß ihr so gütig seid und kommt auf den Freitag und nehmt das Mittagmahl mit ihnen. Gehabt euch wohl! Kommt fleißig zu uns!Anm. der Verfasserin (nach Jensen.)
[1]Edlef Holgers und seine Braut Manne Wögens lassen euch bitten, daß ihr so gütig seid und kommt auf den Freitag und nehmt das Mittagmahl mit ihnen. Gehabt euch wohl! Kommt fleißig zu uns!
Anm. der Verfasserin (nach Jensen.)
Ganz rasch entfernten sie sich wieder, nachdem sie den Dank der Eingeladenen zugerufen bekommen hatten. Auf der Schulwarf aber wurden sie mit einem Ehrenschuß begrüßt, was der eine mit einem zierlichen Tanz erwiderte. Denn Manne Wögens hatte viele Freunde unter den Eltern und Kindern, und man freute sich, daß seine feine Schwester auf den reichen Mutterhof kam. So tat die Nachbarschaft der Schule der Einladung alle Ehren an, die der alte Brauch heischte.
Maren saß etwas blaß im Wohnstübchen des Lehrerhauses. Der Bräutigam und seine Schwester Nominewaren ihre Frühstücksgäste, und Bruder Manne hatte eben um elf Uhr seine kleinen Studenten entlassen und konnte sich nun den Gästen widmen. Das gellende »Göh Dai, göh Dai« der Hochzeitsbitter drang auch ins Schulhaus und Maren fuhr zusammen.
»Verzeih«, sagte sie gleich darauf lieblich bittend zu Edlef. »Ich bin nicht städtisch-schreckhaft, – es ist nur – ich bin’s nicht gewohnt, Mittelpunkt irgendeiner großen Veranstaltung zu sein.«
Sie barg ihren Kopf an Edlefs Schulter.
»Hört, hört«, rief Manne Wögens. »Als ob sie nicht seit vielen Jahren der Mittelpunkt meines Hauses ist. Aber Bruderliebe wird nicht für voll gerechnet …«
Gleich hing sie an seinem Halse. »Wie du so reden kannst …«
Er führte sie lachend wieder zum Bräutigam. »Daist dein Platz. Ruh’ dich nur aus, Kleines. Denn in den nächsten Tagen hast du nicht viel zu sagen, trotzdem du die Hauptperson bist. Nichts als deinJa. Sprich es hübsch deutlich, sonst sagen die Bauern, du seist gezwungen worden. Sprich’s aber auch nicht zu laut, und steh’ nicht zu rasch aus dem Gestühl auf, wenn Edlef seine Verneigung macht, denn sonst sagt man dir nach, du könntest die Zeit nicht erwarten.« – Er lachte behaglich. »Ach, die lieben, alten Bräuche! Ich bin der Ahne dankbar, daß sie sie aufleben läßt. Das ist was für mein altes Schulmeisterherz.«
»Nun für meins nicht«, warf Nomine Holgers hart dazwischen. »Ich finde alles barbarisch. Ganz böse binich mit Edlef-Bruder, daß er der Ahne nachgab und seinen Schatz so quälen läßt.«
Edlef sah die Schwester betroffen an, und Maren wehrte ihr ängstlich. »Nennst du das Quälerei?« fragte Edlef. »Ich hab’ es mehr als lustige Komödie aufgefaßt, die mir eigentlich nicht recht zu passen schien auf meines Herzens Feiertag. Aber, wenn Ahne und Mutter nicht zu alt sind zu diesem Mummenschanz, warum sollen wir Jungen uns sträuben? Ich tue Ahne und Mutter einen Liebesdienst und bin Maren dankbar, daß sie mir dabei hilft.«
»Kaum einer tut’s noch auf der Hallig«, sagte Nomine. »Aber ausgerechnet der Mutterhof muß immer was Besonderes haben. Wer soll damit aufräumen, wenn wir’s nicht tun. Und wann wird’s endlich geschehen?«
»Wenn Sie einmal Ihren Stadtprofessor heiraten, Fräulein Nomine«, entgegnete Manne Wögens ernst. »An dem Tage bringt der Postschiffer eine gedruckte Karte nach der Hallig, die meldet uns, daß Sie in Kiel oder sonst in einer Großstadt auf demStandesamtwaren. Im modischen Kleid und Hütchen. Ohne ›Geschmeide‹, ohne ›Koost‹ am Vorabend, ohne ›Kuckuck- oder Schustertanz‹. Kurz, ohne jede ›Barbarei‹.«
»Wie Sie gut Bescheid wissen, Manne Wögens.«
»Dafür bin ich Schulmeister. Immer wohl vorbereitet, wie sich’s gehört.« Nur Nomine hörte die Bitterkeit aus den Worten, dem Brautpaar schien alles Scherz zu sein.
»Also, Edlef, ich verstecke dir morgen die Braut nach allen Regeln der Kunst.« So der Lehrer. »Kannst von Glück sagen, wenn du sie überhaupt findest.«
»Auf dem Oberboden, hinter der großen Truhe hocke ich«, flüsterte Maren dem Schatz errötend zu. »Komm nur rasch hinauf, es gibt Mäuse zum Bangewerden viel da oben.«
»Du Herzlieb«, raunte Edlef zurück. »Alle Stufen nehm ich auf einmal. Ach, daß du so gar nicht der Ahne zürnst ob all der Narretei.«
»Nenn’s doch nicht so«, bat sie herzlich. »Du bist doch ein Halligbursch. Ich rechne alles zu dem ›Weg‹, der zum Glücke führt. Nicht das Ziel allein, der Weg ist auch so schön.« Er sah sie selig an.
»Wenn ihr wieder auf Mutter Erde seid, wollen wir gehen«, weckte Nomine sie auf. »Komm pünktlich morgen abend zur ›Koost‹. Und bringt einen Halligmagen mit. Pudding und Saftsuppe, Schinken und Weißbrot gibt es. Auch darin will die Ahne der Neuzeit keine Zugeständnisse machen.«
»Nein,« lachte Manne Wögens, »dann wäre sie nicht die Ahne. Sie hält die Halligkost für sinniger und schöner als einen Stadtpolterabend, und ich weiß, sie wird eigenhändig für ihren Edlef dem Festschinken die Schwarte abziehen und in das weiße Fett den Namenszug des Brautpaares mit Pfefferkörnern drücken. Und ich wette, das rote Seidenband liegt bereit, um den hervorstehenden Schinkenknochen mit einer Schleife zu zieren. – Und meine Schwester Maren wird den schönsten Mastbaum vor dem Hochzeitshause finden und alle Ehren werden ihr von der Ahne widerfahren.« –
Nomine sah den Sprecher erstaunt an. »Sie sagendas alles, als wären’s besondere Taten. Warum kann ich mich für all dies Abgestandene nicht begeistern?«
»Weil Sie angekränkelt von der Stadt sind«, antwortete Manne. »Sie haben Ihre schöne Halligruhe verloren. Alles was aufhält und nicht vorwärts hastet, macht Sie nervös. Die alten Bräuche fordern Besinnlichkeit. Die haben Sie über Bord geworfen, als Sie Prinzessin wurden.«
»Sie sind ja nett drin im Dozieren, Schulmeister Wögens,« lachte Nomine gezwungen auf. »Wissen Sie auch, daß Sie bar jeder kleinen Höflichkeit gegen mich sind?«
Dem Lehrer schlug eine Lohe übers Gesicht.
»Und darf ich Sie, Nomine Holgers, daran erinnern, daß Sie mir vor Jahren einmal sagten: Wenn du jemals höflich zu mir wirst, Manne Wögens, dann werf’ ich dich zur Flutzeit in den Priel?«
Sie schwieg betreten.
»Was Sie für ein Gedächtnis haben«, sagte sie ablenkend. »Und immer für alles Dumme, was ich je gesagt.«
»Ohhh! Sie haben doch nach Ihrer Meinung auch viel Gescheites gesagt. Auchdashabe ich nicht vergessen, – und werd’s nie tun. Hören Sie?Nie!« Er sah sie fest an.
»Dafür hab ich’s ja auch einstmals gesagt«, gab sie rasch und feindselig zurück.
Nun standen alle auf. Maren sehr bestürzt, daß die zwei lieben Menschen so erregt die Klingen kreuzten. Sie legte begütigend ihre Hand auf den Arm des Bruders. Da lachte er.
»Ohne Sorge, Lütten! Fräulein Nomine und ich sind immer Kampfhähne gewesen. Die tun nicht gut zusammen im kleinen Halligpesel …«
Einen Augenblick nur legte Nomine ihre Hand in die Rechte des Lehrers. Auch Edlef verabschiedete sich rasch, denn er merkte, da wollte nichts Friedliches mehr aufkommen. Fest umschloß er Marens Hand und sagte, sie zärtlich anschauend: »Morgen abend zur Koost!«