Chapter 8

Zwei Tage darauf blaute ein klarer Himmel, so recht der siebente Himmel, auf die Hallig nieder. Maren war schon früh aufgestanden und rieb sich die Augen. War noch ein wenig müde von dem vorhergegangenen Abend. Hin- und Rückweg waren beschwerlich gewesen bei dem Frost. Aber hell hatte der Mond geschienen und im Mutterhof war groß Freuen gewesen. Von den Nachbarwarfen hatte niemand gefehlt, ja selbst Vadder Luersen war von der Schulwarf gekommen, hatte aber nur still und bedrückt hinter seinem Glase Wein gesessen, mit Ohm Rickert zusammen. Und dieser hatte mit Kreuz- und Querfragen aus ihm herausgeholt, daß Akke eine »staatsche« Hamburger Agentenfrau sei, deren ältlicher Mann sie in Samt und Seide wickle. Akkes Mutter sei augenblicklich auch in Hamburg, um das unerhörte Glück der Tochter zu beaugenscheinigen, und deshalb habe er sich zur »Koost« freigemacht, um endlich einmal aus »all dem Lüttkinner- und Weegenkram« herauszukommen.

»Dat’s recht, Nahwer Luersen.« Und die ganze »Koostversammlung« hatte mit dem stillen Manne angestoßen.– Maren wußte längst, daß die erste Braut ihres Edlef Akke Luersen gewesen war. Aber sie sah mit so klaren Augen in die Welt, daß auch nicht der Schatten eines Mißtrauens ihr Herz beschwerte. Dem geliebten Manne all das Unbehagen des ersten Verspruches vergessen zu machen, war ihr einziger Wunsch. –

An diesem Frühmorgen ihres Hochzeitstages, da der Bruder drüben noch schlief, überdachte sie noch einmal den gestrigen Abend, dachte an den alten Tanz, den zwei Halligburschen und zwei Halligmädchen der Ahne zulieb und ihr selbst zu Ehren ausgeführt hatten. Der Vorsänger hatte dazu das »Kuckuckslied« angestimmt:

»De Kuckuck över Thore steiht, de floggt to de Goolsmaats Hus,Herr Goolsmaats, no mag mi um en Kroonzelein.Mags du mi en smukken Kroonzelein,So kommst du mit to Koost.«[2]

»De Kuckuck över Thore steiht, de floggt to de Goolsmaats Hus,Herr Goolsmaats, no mag mi um en Kroonzelein.Mags du mi en smukken Kroonzelein,So kommst du mit to Koost.«[2]

»De Kuckuck över Thore steiht, de floggt to de Goolsmaats Hus,Herr Goolsmaats, no mag mi um en Kroonzelein.Mags du mi en smukken Kroonzelein,So kommst du mit to Koost.«[2]

»De Kuckuck över Thore steiht, de floggt to de Goolsmaats Hus,

Herr Goolsmaats, no mag mi um en Kroonzelein.

Mags du mi en smukken Kroonzelein,

So kommst du mit to Koost.«[2]

[2]Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum Goldschmieds Haus.Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein.Machst du mir ein schönes Kränzelein,So kommst du mit zur »Koost«.Anm. d. V. (nach Jensen.)

[2]Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum Goldschmieds Haus.Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein.Machst du mir ein schönes Kränzelein,So kommst du mit zur »Koost«.Anm. d. V. (nach Jensen.)

[2]

Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum Goldschmieds Haus.Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein.Machst du mir ein schönes Kränzelein,So kommst du mit zur »Koost«.

Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum Goldschmieds Haus.Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein.Machst du mir ein schönes Kränzelein,So kommst du mit zur »Koost«.

Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum Goldschmieds Haus.Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein.Machst du mir ein schönes Kränzelein,So kommst du mit zur »Koost«.

Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum Goldschmieds Haus.

Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein.

Machst du mir ein schönes Kränzelein,

So kommst du mit zur »Koost«.

Anm. d. V. (nach Jensen.)

Und die vier Tänzer hatten sich kreuzweise ihre Hände gereicht und sich immer auf demselben Fleck gedreht und geschwungen, und über der Ahne altes Gesicht war ein helles Leuchten gegangen. – Maren dachte mit hoher Freude an dieses Leuchten und daß sie in ein Haus voll alter, schöner Bräuche kam. –

Jetzt hörte Maren, wie drüben der Bruder aufstand, und sie warf rasch ihr schlichtes Hauskleid über und breiteteden Hochzeitsstaat auf ihrem Bette aus. Liebevoll strich sie über das schwarze Atlasgewand. Sie hätte sich wohl auch gern in schneeiges Weiß gehüllt, aber der vor ihr liegende schöne Stoff stammte vom Brautkleid ihrer Thüringer Mutter. Das hätte Maren nun und nimmer verschmäht. Die Mutter war aus einer alten Organisten- und Lehrerfamilie hervorgegangen, und über Marens geblümtem Zitzsofa hing die lange, stattliche Ahnenreihe in Schattenrissen und Wasserfarbenbildern. Das eine Bild trug sogar ein Lorbeerkränzlein. Das war der Magister Krischan Haage aus Eisenach, der sogar dem Johann Sebastian Bach einmal – die Bälge getreten hatte.

Draußen ging die Haustür, man hörte einen Freudenausruf der Magd, und nun trat Maren ans Fenster, öffnete es und schaute hinaus. Da ragten zu beiden Seiten des Schulhauses zwei hohe Mastbäume mit wehenden Fahnen, umkränzt von dunklem Tannengrün. Maren wurden die Augen feucht und ihre Hände falteten sich. Gestern abend hatten die Bäume noch nicht gestanden, – welche Heinzelmännchen waren da tätig gewesen? Und wie hatte sie jedes Geräusch so verschlafen können? Das machte wohl die innere Ruhe, die ihr das sichere Glück von Edlefs Besitz gab. Edlef Holgers! Wie sie ihn liebte! Ganz Friesin wollte sie werden, ganz Halligfrau. Ahne und Mutter wollte sie betreuen, und der Mutterhof sollte wachsen unter ihrer fleißigen Hand.

Wieder ging die Haustür, und Schritte kamen die Treppe herauf an ihre Kammer. Dann sah sie in ein gütiges Frauenantlitz. »Tanten Frauke!« rief Maren erfreut.

»So scheine ich ja das Rechte getroffen zu haben«, sagte diese und schüttelte Marens Hand. »Ich wollte nicht, daß die Magd dich ankleiden sollte, und im Mutterhof hat man doch alle Hände voll zu tun. Nimm die Alte einstweilen als Brautführerin, willst du?«

»Niemals könnt ich mir eine Liebere wünschen.« Sehr herzlich klang Marens Stimme. »Eine Mutter hab’ ich nicht mehr, und Mutter Holgers stellt sich noch fremd zu mir …«

Tanten Frauke begann Maren die Hochzeitsstrümpfe und festen Schnallenschuhe anzulegen.

»Weil deine Mutter Ausländerin war«, begütigte sie. »Das begreift und verzeiht so rasch kein Halligeingeborener. Ich hab’s am eigenen Leib erfahren. Und doch kommt’s der Hallig zugute, wenn wir fremdes Blut hereinbekommen … Aber ist das auch ein Gespräch am heiligen, frohen Hochtidmorgen? Vor allen Dingen wollt ich dich nicht allein lassen, mein Deern, wenn der Bräutigam dich suchen kommt. Es wird ein tüchtig Ringen abgeben, die Burschen von der Schulwarf halten bannig Widerstand. Sogar die großen Schüler von deinem Bruder haben sich zu den ›Junggastern‹ gesellt.«

»Der arme Edlef! Wie muß er mich sauer verdienen!«

»Das schadet nichts«, lachte Tanten Frauke, und Maren sah erstaunt, wie das verhärmte Gesicht der Einsamen sich in der Freude lieblich verklärte. »Kind, Kind, was hatten in früherer Zeit die Mannsen auf unserer Hallig auszustehen, ehe ihnen die Braut zugesprochen wurde. Das war so schlimm, daß einmal ein Brüjamnoch vor der Kirchtür umgekehrt ist. Zerrungen und verprügelt kam er dort an und sollte nun noch über ein hochgespanntes Seil springen. ›Ne, dat is se mi nich wert‹, hat er gesagt, und ist heimgegangen. Freilich mußte er auch gleich sein Bündel schnüren und auswandern, sonst hätte man ihn gefemt.«

»Und die arme Braut?« fragte Maren teilnahmevoll.

»Kind, die nahm einen andern. Am selben Tag, ja zur selb’ Stund’ war ein Ersatz da. Ich bitt’ dich, Kind, – man will doch das Hochzeitsessen nicht umsonst gekocht haben.«

Maren wußte nicht, ob das Ernst oder Scherz oder Bitterkeit war. Tanten Frauke hatte den Kopf zur Erde geneigt und nähte am Saum des Hochzeitskleides ein paar Stiche. –

»Und sind sie glücklich geworden?« fragte Maren beklommen.

»Glücklich? Kind, Kind, nimm keine überspönigen Stadtbegriffe hier auf die Hallig mit. Sie habenehrbarmiteinander gelebt, das ist Glück. Sie haben viele Kinder geboren, so viele, daß die Eltern über dem Jüngsten den Ältesten aus den Augen verloren. Aber sie nennen es ›Glück‹. Was aber du und dein Edlef Glück nennt …«

Tanten Frauke schwieg, und ihre Lippen waren weiß, so fest schlossen sie sich aufeinander.

Nun hob sie den Brautkranz aus künstlichen Myrthen hoch, daran der zarte Schleier befestigt war. Schon etwas gelblich angehaucht schien das duftige Gebilde, denn von der Hochzeit der Mutter her lag es in wohlverwahrter Truhe. Aber die breite Kante ringsherum war feinsteNadelarbeit, und Tanten Frauke prüfte sie in ehrlicher Bewunderung. Ein helles Rot der Freude schoß in Marens zartes Gesicht. »Ich bringe ja dem Edlef so gar nichts mit,« gestand sie zagend, »aber dieser Schleier ist mit fünftausend Mark eingeschätzt worden, es ist mein Stolz …«

»Du Närrlein! Dein Thüringer Herz ist ebenso viele Millionen wert. Aber für die Ahne und besonders für Edlefs Mutter schadet es nichts, wenn ich die Tatsache im Mutterhof ein wenig verbreite.« Tanten Frauke stellte sich prüfend vor die Braut hin. »Schön bist du, Maren Wögens«, sagte sie laut und ehrlich. »Dein Edlef wird dich mit Jubel umfangen.« Und in tiefem Ernst setzte sie leise und dringlich hinzu: »Aber bete, Maren! Bete unablässig, daß Gott deinen Leib segnen möge. Der Mutterhof birgt zwei Dinge. Ein Himmelsdach für die alte geschnitzte Wiege in der Abseite eures Schlafpesels und – die Hölle für die Unfruchtbaren.«

Wie eine finstere Norne stand die Sprecherin da, ihre Augen sahen unheilvoll und vergrämt zugleich aus, und hatten doch eben noch mit bewundernder Liebe auf der Braut geruht. Maren faßte bebend ihre Hand.

»Edlef und ich haben uns unsäglich lieb«, sagte sie, als sei mit diesem Geständnis der ganze Zukunftshimmel wolkenlos geworden. Bitter lachte Tanten Frauke auf. Dann raunte sie, dicht an Marens Ohr geneigt: »Niemand konnt sich so über alles Verstehen lieb haben wie Tedje Holgers und ich. Lachend gingen wir zu Bett, und singend vor Tau und Tag an das Tagewerk. So viel Sonne hat noch nie auf die Hallig geschienen als in jenenJahren. Und konnt mich doch verlassen, konnte die Hand gegen mich aufheben im zwölften Jahre unserer Ehe, als er sah, die Wiege würde für immer leer bleiben in unserer Kammer. Kind, Kind, – möcht’ es dir erspart bleiben, daß dein Herze ruft und schreit und hungert und dürstet nach Liebe und keine Antwort bekommt. Hölle! Hölle!« Tanten Frauke schwieg erschöpft. Dann hub sie wieder an: »Nicht daß er sich zu einer anderen gewendet hätte, o behüte Gott, das tut kein Holgers. Er wär’ auch sonst dem ›Rügenopfer‹ verfallen. Denn kein Land wahrt so streng das sechste Gebot wie die Hallig. Aber Herz und Leib hat er mir verfemt … Einmal, da schien’s, als kehrt er zu mir zurück, – aber da war’s der Ahne zu viel mit dem ›verliebten Getu‹, und sie holte ihn von mir fort, schickte ihn zur Nacht zur salzen See. Die nahm ihn und behielt mein Glück …«

Maren faßte erschüttert beide Hände der Erzählerin, die wie zerbrochen im Stuhl lehnte.

»Wie seltsam und grausam wird mir mein heiliger Tag bereitet«, dachte Maren. »Wenn doch mein Edlef käme, oder Bruder Manne!«

Da tönte verworren Geschrei von draußen herein, und gleichzeitig zeigte sich Manne Wögens’ ernst-frohes Gesicht im Stübchen. »Edlef kommt!« rief er. »Er hat uns überrumpelt, der Hochzeiter, – flink, Maren, flink auf den Oberboden. Ei der Tausend, wie bist du schön, Schwesterlein. Nimm fein den Schleier zusammen, daß er dir nicht zerreißt.«

Er schob Maren liebevoll drängend zur Tür hinaus und gewahrte in seiner geschäftigen Eile gar nicht dietiefe Erregung der Frau, die in der Stube saß und die sich jetzt erst zu fassen schien. Er begrüßte sie eilig, und zugleich schob sich hinter ihm eine wunderliche Gestalt herein. Ein alter, kümmerlicher und krummer Knecht war es, der hie und da Botengänge für den Schulmeister tat, wichtige Schriftstücke zum Pfarrer oder Gemeindevorsteher trug, im übrigen so um Gottes willen von Manne Wögens erhalten wurde. – In gewöhnlichen Zeitläuften ein über die Achseln angesehenes Häuflein Elend, gehörte er heute mit zu den Hauptpersonen, denn er mußte den ungeduldigen Bräutigam »aufhalten«, mußte ihm als »falsche Braut« verkleidet mit närrischen Worten bedeuten, daß er, der Knecht, die Auserwählte sei, und daß er gern bereit wäre zur Kirche und in die Kammer mit ihm zu wandern. –

Draußen auf der Warf flogen lustige und auch wilde Worte hin und her. Die ganze Freude, aber auch die ganze Derbheit der Friesen kam zum Ausdrucke in dem Jubel, daß endlich einmal wieder eine rechte Hallighochzeit zugange war.

Aber Edlefs Kraft und Gewandtheit kürzte sieghaft die ihm zugedachte Wartezeit ab, und vor dem Draufgängertum der »Haltjunkengänger«, die sich Edlef von den andern Warfen mitgebracht hatte, mußten die von der Schulwarf sich ergeben. – Lachend und erhitzt, leicht verlegen stand Edlef Holgers im Wohnpesel des Schulhauses. Er wehrte die »falsche Braut« mit heiterem Abscheu von sich fort, warf ihr ein Goldstück zu und lief mit Sturmschritten nach dem Oberboden.

Dort richtete sich die bräutliche Maren hinter der Urvätertruheauf und stand recht wie ein liebliches Heiligenbild in all dem bunten Gerümpel ringsumher. Edlef Holgers zog seinen geschmückten Brauthut tief zur Erde.

»Du!« stammelte er. Und nach einer Weile: »Willst du mit mir gehen, Jungfrau Maren?«

»Bis in den Tod!«

Da hob er sie über die Truhe empor und hielt sie an sich gepreßt.

»Haben sie dir weh getan?« fragte sie nach einer Weile zärtlich. »Die Raufbolde! Ich hörte den Lärm bis hier oben und fürchtete mich entsetzlich. Du bekommst keine tapfere Frau, mein Edlef. Oh, oh,« unterbrach sie sich und haschte nach seiner linken Hand, – »was ist das?«

»Nichts, nichts, eine Schramme«, wehrte er ab. »Der Bruder von Akke Luersen hat sie mir versetzt. Sieh, mein Feines, das ist mir wie eine Buße …«

Maren hielt die verletzte Hand sorglich in der ihren. Mit einem mütterlichen Ausdruck beugte sie sich darüber und küßte die Wunde.

»Du Engel!« stammelte Edlef. »Herrgott, ich will dich hüten! Wirst du auch nicht zu fein für mich sein, mein Lieb? Ich bin ein Bauer, – – Maren, Maren! –« Selbstvergessen hingen sie Mund an Mund.

Da begannen die Kirchenglocken zum erstenmal zu läuten.

In süßer Scham stand die Braut vor dem Liebsten.

»Komm, Jungfrau Maren«, sagte Edlef zärtlich.

Er geleitete sie die Stiege hinunter, und drunten empfing sie Manne Wögens und küßte sie auf die Stirn.

»Geh mit Gott«, sagte er bewegt. Und zu Edlef wandte er sich und faßte seine Rechte: »Ich gebe dir den Schatz des alten Lehrerhauses, meine junge Schwester. Halte sie hoch!« Ernst sahen seine Augen in die des Haussohnes vom Mutterhof. Freimütig gab Edlef den Blick zurück.

Auf der Vordiele stand Ohm Rickert im langen Festrock, den schwarzen Hut mit buntem Band und Strauß geschmückt.

»Ich soll die Jungfrau Braut aus der Hand des Vater Wögens oder dessen Stellvertreters empfangen und soll ihr sagen: ›Du bist willkommen, Jungfrau, auf dem ehrbaren Mutterhof.‹«

Da führte der Lehrer seine Schwester ihm zu und sprach: »Die Ehre des Lehrerhauses lege ich in die Hände und Wände des Mutterhofes.«

Ohm Rickert empfing Marens Hand und führte die Braut wieder zu Edlef Holgers zurück. – An dessen linker Seite harrte Nomine Holgers, die Brautführerin. Sie hatte die alte Friesentracht angelegt und stand seltsam hoch und schön auf der Diele des Lehrerhauses. Manne Wögens’ Blick ruhte eindringlich auf ihr. Da senkte sie tief den Kopf und raunte: »Edlef, laß uns gehen.«

Der Brautzug schritt nach der Rechtswarf. Dort wohnte der Gemeindevorsteher, der sie standesamtlich verbinden sollte. Ketel Boon empfing sie mit viel Feierlichkeit und Würde. Sein Bewußtsein »von Rechts wegen« Hauptperson zu sein und mindestens neben dem Pfarrer, wenn nicht gar über ihm zu stehen, leuchtete aus seinem würdigen Gesicht. Auch er war schon im Festgewand, denner und seine Frau gehörten zu den Eingeladenen, die das Hochzeitsmahl teilen sollten. Gleich nach der Namensunterschrift erschien die »Frau Gemeindevorsteher«, und der Zug ordnete sich wieder und schritt zur Kirchwarf. Hell riefen die Glocken über die Fennen, und eine klare, leuchtende Wintersonne sandte ihre Strahlen in den Brautkranz von Maren Holgers, geborenen Wögens.

Pastor Ephraim Licht wartete an der Friedhofspforte und streckte dem jungen Paar beide Hände entgegen.

Und als Edlef und Maren die ihren hineinlegten, waren sie wie in einem behaglichen Nest, denn die Pastorin legte ihre Hände mit obenauf. Und machte ein so fröhliches Gesicht dazu, als wäre sie ein Kind und wollte gleich anfangen zu spielen: Fru Nachbarn, borgen Se mi ehren Höhnerkorb! Dabei rief sie immer »Gottes Segen! Gottes Segen!« und schaute die beiden in strahlender Mütterlichkeit an. Dann schritten sie in die Kirche, wobei Brautjungfer Nomine diesmal zur Linken der Braut gehen mußte, um später an der Hochzeitstafel den Platz wieder zur Linken des Bräutigams einzunehmen. Maren setzte sich still in das Gestühl hinein, während Edlef bei den Seinen stehen blieb, bis Pastor Licht ihm winkte.

Da ging er festen Schrittes an das Gestühl heran. Und als er in all seiner Kraft und männlichen Schönheit harrte, den feurigen Blick auf seine schmucke Deern gerichtet, da vergaß Maren völlig die guten Lehren ihres Bruders Manne. Und sie sprang rasch auf und folgte dem Bräutigam eiligst.

Als es ihr hinterher zum Bewußtsein kam, wollte sie freilich schämig zurückweichen, aber da hatte er schon ihre Hand gefaßt und ließ sie nicht mehr los.

Pastor Licht war auch voll Freude. Denn da die Ahne eine Hochzeit mit alten Gebräuchen verlangt hatte, so deckte es sich diesmal mit der oft und gern geübten Thüringer Sitte, beim Segen die Ringe zu wechseln.

»Freuet euch! Und abermals sage ich euch: Freuet euch!«

Manne Wögens zog alle Register seines Harmoniums. Es war ein Jubilieren, daß den Hochzeitsgästen das Herz groß und weit wurde. Dann schwieg die Orgel, und Manne Wögens ertappte sich nun beim Lauschen der herzerfrischenden Traurede auf dem Gedanken, ob der ernste, würdige Pastor Licht nicht am Ende sein fröhliches, rundes Luischen zur Arbeit dieser Festpredigt mit herangezogen habe. –

Beim Heraustreten aus der Kirche begrüßte die Braut ein Ehrenschuß, dann setzte sich der Zug nach der Großwarf in Bewegung, und nach einer Viertelstunde empfing sie die Ahne an der Schwelle des Mutterhofes. Hei, wie die Fahnen auf den bekränzten Mastbäumen grüßten und winkten!

Beinahe wollte Alle die Rührung übermannen, als die Fünfundachtzigjährige die junge Frau feierlich einholte und ihren Spruch sagte. Aber Ohm Rickert drängte sich an die Braut und fragte: »Sollen wir dich nachher aus der Ecke tanzen?«

Da wich sie erschrocken zurück, und die Ahne mußte schelten über die Störung.

»Was wollt Ihr, Ahne,« murrte er, »der Eckentanz ist echter Halligbrauch!«

»Jawohl, aber ein garstiger. Und ich will, daß nur die guten Bräuche nicht vergessen werden. –«

»Ein Tanz mit ›gezuckertem Köhm‹ ist allstunds wasGutes«, bemerkte Ohm Rickert grimmig. »Wenn Ihr aber nicht wollt …, so begeben wir uns jetzt zu Tische. –« Irgend etwas Unbotmäßiges brummelte er dann noch hinter der Ahne drein.

Die Hochzeitstafel war mit Tannengrün und reichlichen Wachskerzen weihnachtlich geschmückt. Ganz am Ende des Tisches war, alter Sitte gemäß, für das Hochzeitspaar gedeckt. An der Brautseite saßen in langer Reihe die eingeladenen Frauen. Ihnen genau gegenüber die Männer. Pastor und Pastorin dicht neben den Neuvermählten. Viel gesprochen wurde nicht. Ein paar karge Worte fielen über das Wetter und über die Möglichkeit, daß das Umspringen des Windes eine Sturmflut bringen könne.

Melenke meinte, selbst Sturmflut sei besser als die Halliglangeweile. Da traf sie ein Zornblick der Ahne. Mutter Holgers aber war heut in rechter Feiertagsstimmung. Sie sah immer ihren Edlef an, der so schmuck in seines verstorbenen Vaters Hochzeitsrock auf dem Ehrenplatz saß. In ihren Augen lag noch immer der fröhliche Schein, den sie trugen, als der große Sohn sie vor einigen Tagen zum erstenmal an sein Herz genommen. Das vergaß sich nicht so leicht. – Als die Saftsuppe gegessen war, erschien ein altes Ehepaar aus der Nachbarwarf und sang dem jungen Paar ein wunderliches Lied.

Tief senkte Maren ihr erglühendes Gesicht, während Edlef mit leichtgerunzelter Stirn geradeaus schaute:

»God dün ju Börne, wo du hew wünschked,Dat iirst Ihr en jongen Prinz,Dat öbre Ihr en Apel rund,Dat treet Ihr en jong Dochter in de Skud,En denn von Ihr to Ihr sö long dat 25 sen.All 25 an een Disch,Denn wiit de Wüf, wat Hussholn is.«[3]

»God dün ju Börne, wo du hew wünschked,Dat iirst Ihr en jongen Prinz,Dat öbre Ihr en Apel rund,Dat treet Ihr en jong Dochter in de Skud,En denn von Ihr to Ihr sö long dat 25 sen.All 25 an een Disch,Denn wiit de Wüf, wat Hussholn is.«[3]

»God dün ju Börne, wo du hew wünschked,Dat iirst Ihr en jongen Prinz,Dat öbre Ihr en Apel rund,Dat treet Ihr en jong Dochter in de Skud,En denn von Ihr to Ihr sö long dat 25 sen.All 25 an een Disch,Denn wiit de Wüf, wat Hussholn is.«[3]

»God dün ju Börne, wo du hew wünschked,

Dat iirst Ihr en jongen Prinz,

Dat öbre Ihr en Apel rund,

Dat treet Ihr en jong Dochter in de Skud,

En denn von Ihr to Ihr sö long dat 25 sen.

All 25 an een Disch,

Denn wiit de Wüf, wat Hussholn is.«[3]

[3]Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht,Im ersten Jahr einen jungen Prinz,Im andren Jahr einen Apfel rot,Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß,Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind.Alle 25 zusammen an einen Tisch,Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.Anm. der Verf. (nach Jensen.)

[3]Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht,Im ersten Jahr einen jungen Prinz,Im andren Jahr einen Apfel rot,Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß,Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind.Alle 25 zusammen an einen Tisch,Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.Anm. der Verf. (nach Jensen.)

[3]

Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht,Im ersten Jahr einen jungen Prinz,Im andren Jahr einen Apfel rot,Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß,Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind.Alle 25 zusammen an einen Tisch,Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.

Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht,Im ersten Jahr einen jungen Prinz,Im andren Jahr einen Apfel rot,Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß,Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind.Alle 25 zusammen an einen Tisch,Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.

Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht,Im ersten Jahr einen jungen Prinz,Im andren Jahr einen Apfel rot,Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß,Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind.Alle 25 zusammen an einen Tisch,Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.

Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht,

Im ersten Jahr einen jungen Prinz,

Im andren Jahr einen Apfel rot,

Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß,

Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind.

Alle 25 zusammen an einen Tisch,

Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.

Anm. der Verf. (nach Jensen.)

Nach dem Liede saßen wieder alle schweigsam da. Nomine hatte ein Notizbuch herausgezogen und schrieb mit einem kleinen Bleistift hinein. Unauffällig schob sie den Zettel auf ein Tannenzweiglein und fuhr diesen kleinen Schlitten über das Tischtuch hinüber zu Manne Wögens. Er las:

»Geben Sie sich überwunden? Wir könnten hundertmal froher sein ohne diese Gebräuche und dies herkömmliche stumpfsinnige Schweigen.« –

Darauf kam umgehend seine Antwort: »Im Gegenteil, ich segne das Schweigen. Dabei kann ich Sie doch ansehen und finden, daß Sie heut ganz ungewöhnlichschön sind. Wahrhaftig, wie eine echte Halligtochter. Aber sobald Sie reden, dozieren Sie auch.«

Da knüllte sie den Zettel zornig zusammen.

Die junge Melenke hatte auch die Friesentracht angelegt. Wunderschön, sieghaft sah das Mädchen aus. Aber ihre Gebärden waren zügellos. Und in den Augen lag der Ausdruck eines gefangenen Wildes.

Manne Wögens blickte von einer Schwester zur anderen und schüttelte den Kopf.

Ohm Rickert, der neben ihm saß, folgte seinem Blick.

»Wie zwei Bilder sind die Deerns«, raunte er. »Schön alle beide, aber für verschiedene Gustos. Die eine stellt ’ne Heilige vor und die andere …«

»Pst«, mahnte der Lehrer.

»Ja, ihr werdet solange ›Pst‹ sagen, bis vor lauter Stillschweigen und Vertuschen der Dampfkessel explodiert ist. Dann habt ihr’s nötig, euch die Ohren zuzuhalten vor dem Knall. Die eine hat ’n ›Durst nach Wissenschaft‹, meint der Edlef. Nun gut, das is wohl nicht gemeingefährlich. Aber die Melenke mit ihrem Durst nach Leben …«

Der Lehrer dachte einen Augenblick, ob wohl Ohm Rickert zu viel getrunken habe.

Der sah aber nur bekümmert aus, und als nun das einfache Festmahl beendet war und alles aufstand, ging Ohm Rickert zu dem jungen Mädchen und schlug ihr auf die Schulter: »Nun, Nichte Melenke, freut dich deines Bruders Hochzeitstag?«

Sie lachte spöttisch auf. »Zum Ersticken ist’s«, rief sie fast laut. »Und die Langeweile frißt einen auf. Istdas wohl auch eine Hochzeit? Wo bleiben die Musikanten? Ich möcht’ den ganzen Mutterhof zusammentanzen.«

»Das sollst du auch, mein Deern. Und da kommen auch die Bierfiedler. Und wenn dir die Luft zu knapp wird, dann geh vor die Tür, da weht ein artiger Halligwind. Paß fein auf, Deern, daß er dich nicht verträgt. –«

»Hab’ keine Sorg’ um mich und acht auf deinen Schustertanz«, gab Melenke finster zurück.

Da strichen auch schon die Fiedler auf Geigen und Baß, und vier »Junggaster« sprangen vor, knieten nieder, sangen, sprachen und reigten vor dem jungen Paar:

»So steckt he sin Nadelje, so trekt he sin Dradelche,So kloppt he sin Ledder up Ledder.Na, Schohmaker, kumm morgen wedder!«

»So steckt he sin Nadelje, so trekt he sin Dradelche,So kloppt he sin Ledder up Ledder.Na, Schohmaker, kumm morgen wedder!«

»So steckt he sin Nadelje, so trekt he sin Dradelche,So kloppt he sin Ledder up Ledder.Na, Schohmaker, kumm morgen wedder!«

»So steckt he sin Nadelje, so trekt he sin Dradelche,

So kloppt he sin Ledder up Ledder.

Na, Schohmaker, kumm morgen wedder!«

Ohm Rickert war recht in seinem Element. Als einer der »Junggaster« sich beim jähen Bücken »dat Krüz verrenkte«, sprang der Alte sofort in die Bresche und reigte, tanzte und sang, daß selbst die Ahne mit ihm ausgesöhnt wurde.

Dann holte die alte Kastenuhr mächtig aus und sechs Schläge tönten aus ihr hervor. Ein helles Glockenspiel folgte: »Befiehl du deine Wege.« Da falteten sich alle Hände.

Und die Ahne nestelte an dem Schlüsselbund, das an ihrer schwarzseidenen Schürze hing, und ihre zitternden Hände legten den Schlüssel zur »heiligen Kammer« in Edlefs Hand. Die umschloß ihn fest, und zugleich umfingen seine Blicke die zarte Gestalt seines jungen Weibes in unnennbarer Zärtlichkeit. Pastor Licht gewahrte diesenBlick, und ein großes Freuen war in ihm. »Nun brauchen sie uns nicht mehr«, sagte er zu seinem Luischen. Ganz still drückten sie dem Paar die Hände und verließen den Mutterhof.

Hand in Hand schritten Edlef und Maren zu jedem einzelnen Hochzeitsgast und empfingen ihren Segenswunsch. Mancher gab wohl auch einen eingelernten Spruch, einige sagten »Mit Gott« oder »Gott walt’s«.

Bruder Manne reichte Maren nur die Hand. Sie sah nicht auf, aber sie gab den Druck fest zurück. Da kam sie zu Ohm Rickert. »Nichte Maren,« raunte er eindringlich, »willst noch einen ehrlichen Rat von der Erde mitnehmen, ehe du in den Himmel gehst?«

Maren Holgers nickte sacht.

»So höre zu. Man kann eine Stube nur vom Sofa aus beherrschen! Setz dich nicht immer auf den Stuhl, du kleine, blasse Madam!«

»Wat hedd he seggt?« fragten die Umstehenden.

Aber Ohm Rickert sagte seinen Spruch nicht noch einmal. Denn die Hauptsache für ihn war, daß »die kleine, blasse Madam« ihn verstanden hatte. Voll und groß schlug Maren Holgers ihre Blauaugen zu ihm auf: »Habt Dank, Ohm Rickert! Das Wort tat mir nötig! Ich will’s befolgen!«

Die Geigen jubelten, der Baß brummte und die Flöte klagte, es war ein großer Lärm. Man tanzte den Kehraus. – Denn noch um sieben Uhr abends wollte der Schiffer einige auswärtige Hochzeitsgäste nach Pellwormbringen. Und als das bräutliche Paar längst verschwunden und der Tumult am stärksten war, stahl sich die junge Melenke vor die Haustür, um nach Rat vom Ohm Rickert einmal – Atem zu holen …

Am andern Morgen ging es heiß her in der Universität auf der Schulwarf. Die Jungen hatten alle rote Köpfe und der Lehrer dazu. Manne Wögens konnte sich gar nicht genug tun in der Deutschstunde, und arbeitete mit den Großen, als säße er nicht auf ödem Halligeiland, sondern mit ausgesuchtem Menschenmaterial in der Prima oder Sekunda eines Gymnasiums. Wie frisch die Jungen waren! Wie angeregt! Wie sie ihm folgten! »… und deshalb sage ich euch, ein gutes Buch ist der größte Schatz. Ich will helfen, daß ihr euch eine kleine, gute Bücherei anlegen könnt. Bringt mir alles, was ihr daheim habt. Ich suche und sondere aus, und dann wird nach und nach Neues angeschafft. Sagt’s euern Eltern daheim, daß ihr euch zum Geburtstag ein Buch wünscht. Ich stelle eine Liste auf, und ihr dürft euch aussuchen. Aber bis zum nächsten Geburtstag leihe ich jedem ein Buch von mir.«

Das gab einen lauten Freudenausbruch.

»Nun, Onnen Holgers, mein Sohn,« fragte Manne Wögens, »ich meinte, ich müsse deine Stimme obenauf hören. Statt dessen schaust du aus dem Fenster. Du suchst wohl den gestrigen Tag? Ja, mein Junge, der ist fort, bitte dich gefälligst in die Gegenwart zu bemühen – –«

Onnen Holgers wurde dunkelrot. »Freilich freue ichmich auf die Bücher,« stieß er heraus, »nur da draußen, – das ist die Nomine. Was macht sie einmal auf der Schulwarf …?!«

»Son ol grot Mäten geht ni mehr to Schol!« ließ sich einer von den allerjüngsten Abcschützen vernehmen.

Aber der Herr Lehrer war schon mit einem Hechtsatz, der seiner Turnerschaft alle Ehre machte, zur Tür hinaus. Wahrscheinlich ärgerte er sich draußen selbst über seine Eile, jedenfalls ging er denselben Weg langsam zurück und rief seiner Herde zu: »Es läutet 11 Uhr auf dem Glockenturm, packt langsam und ordentlich ein.«

Dann klinkte er die Gartenpforte auf und sah Nomine Holgers, an einen der verkrüppelten Obstbäume gelehnt. Verstört die Augen und blaß das schöne, kluge Gesicht. »Wollte nur bitten,« sagte sie hastig, »ob Sie Onnen und Karen bei sich behalten könnten, die Kinder passen heut nicht nach Haus …«

»Es ist etwas sehr Ernstes geschehen, Fräulein Nomine?«

»Ja, – Melenke ist heimlich fort. Gestern abend schon muß sie sich den Auswärtigen nach Pellworm angeschlossen haben, aber nicht einmal der Postschiffer hat sie erkannt … Wir fanden einen Brief von ihr. Einen häßlichen, unguten … Herrgott, Manne Wögens, die Ahne! Sie hat alle Läden im Hause geschlossen, als ob Melenke tot sei.«

Manne Wögens nickte schwer. »Das kann ich mir denken. Die Ahne kennt nur entweder – oder.«

Nomine kämpfte mit den Tränen, aber sie schluckte sie herunter. »Die arme Maren!« sagte sie. »Edlef istgleich heute früh mit dem Schiffer Erichsen nach Pellworm und weiter nach Hamburg, will überall nachforschen. – Es ist doch unsere Schwester! Hätte sie doch nur Vertrauen zu mir gehabt.«

Nomine konnte nicht weiter sprechen, die Kinder standen alle in der Schultür und warteten auf die Erlaubnis des Lehrers, fortzustürmen.

Da reichte er ihr die Hand. »Keine Sorge! Ich will Onnen und Karen betreuen wie mein Eigentum. Gehen Sie ruhig heim. Morgen frage ich nach, wie es im Mutterhof steht. –«

»Dank!« sagte sie nur und ging davon, – etwas weniger hochaufgerichtet, als die stolze Nomine sonst zu schreiten pflegte. –

»Was ist?« fragte Onnen Holgers dringlich und sah den Lehrer forschend an. Da hob dieser laut seine Stimme, daß es alle wohl hören konnten. »Deine Schwester Melenke ist krank geworden und vom Mutterhof fort.« Und als die andern Kinder mit dieser Neuigkeit fortgestürmt waren, setzte er gütig hinzu: »Darüber betrübt sich deine Sippe natürlich sehr, Onnen, mein Junge. Nun bleibt ihr heute erst einmal bei mir.«

»Oh,« – sagte Karen mit tiefem Aufjauchzen, »das ist bannig gut.« Und sie faßte vertrauensvoll seine Hand. Onnen sah versonnen aus.

»Mich dünkt, Melenke war schon lange krank«, meinte er altklug. »Ich sagte es ihr auch gestern, wie sie so wild dahertanzte. Da wurde sie böse. – Ich sei ein dummer Junge. – Aber man ist nicht immer dumm, wenn man jung ist.«

»Ganz gewiß nicht, du altes Haupt auf jungen Schultern«, lachte Manne Wögens. Und doch war ihm nicht nach Lachen zu Sinne.

»Sie meinen gewiß auch, ich hätte nach der Großwarf gehen müssen,« fuhr Onnen dringlich fort, »Sie sehen ganz so aus.«

»Du mußt nicht Gedanken lesen wollen, ich finde es sehr richtig, daß du hier bleibst.«

»Und ich auch«, bestätigte Klein-Karen.

»Aber ich hätte Ahne und Mutter helfen können«, beharrte Onnen. »Nomine ist so unpraktisch. Und ich hatte mich so schrecklich auf die neue Schwester Maren gefreut, – sie ist süß.«

»Ja, siehst du, da kannst du dir nun gut vorstellen, wie einsamichohne ›diese Süße‹ bin. Alles hat mir der Mutterhof weggenommen,« scherzte Manne, »und du willst mich nun auch noch verlassen?«

Gleich nahm Onnen seine Hand. »Daran hatte ich kein einmal gedacht,« rief er erschrocken, »so bleibe ich gern bei Ihnen, Herr Lehrer.«

Dann aßen sie zusammen Mittag. Und es schmeckte natürlich das einfache Essen im fremden Hause tausendmal besser als die Reste des schönen Hochzeitsmahles daheim. Die Magd schmunzelte über das ganze Gesicht, so sehr freuten sie die jungen Kostgänger. Und der alte, krumme Knecht meinte: »Herr Lehrer, so wat Kinnerkram hürt hieher up de Schulwarf un int Schulhus, laten Se mi noch dat erlewen!«

Am Nachmittage wurden Schularbeiten gemacht. Karen malte mit vor Eifer glühenden Bäckchen ihre Sätze auf dieTafel. Aber der Fleiß war größer als die Begabung, die Worte standen höchst windschief auf den Linien, ja einzelne Buchstaben purzelten darüber hinweg. Der Lehrer war nicht zufrieden, und Karen zog »’ne Snut«.

»Immer noch besser als wenn Nomine schreibt«, rief Onnen mit sachverständigem Blick auf die Tafel. »Oha, wat schriwwt de für ’ne Klau’!«

»Du bist ja heut so kriegerisch gegen deine älteste Schwester«, meinte Manne Wögens. »Weil sie dich hiergelassen hat? Das bestimmte wohl die Ahne und deine Mutter. Und ihr war’t doch sonst so gute Freunde. Nomine hat mir selbst vertraut, daß sie sich am allermeisten aufdichgefreut hat.«

Onnen sah ihn unsicher an und seine Augen verdunkelten sich. »Ich mich auch auf sie«, gestand er mit zuckenden Lippen. Und dann warf er plötzlich die Arme auf den Tisch, legte den Kopf darauf und weinte heiß und jammervoll.

»IstdasHäuflein Elend mein Spartanerjunge?« fragte der Lehrer betroffen.

Da hörte das Schluchzen auf. Und als Manne Wögens ihn gütig anblickte und über seinen lockigen Blondscheitel strich, rief der Junge mit fliegendem Atem: »Sie will mich weghaben von der Hallig. Ja, die Nomine. Ich soll aufs Gymnasium nach Husum und soll später studieren. Dasselbe studieren wie Nomine. Aber ich kann nicht fort von der Hallig, nein, ichkannes nicht.« Ganz schwarz standen Onnens Augen in dem erregten Gesicht. –

Manne Wögens atmete schwer.

»So? Sie will dich forthaben?« wiederholte er leise,wie zu sich selbst. »Sosehr ist sie der Stadt und den Büchern verfallen?«

Mit müder Handbewegung strich er sich über die Stirn. »Und warum kannst du nicht von der Hallig fort, Onnen, mein Junge? Denke doch, die Schwester will dich etwas lernen lassen und du lernst doch so gern. Will dich viel mehr lernen lassen als ich selbst dir zu geben vermag. Und du wirst ein großer Herr werden, Onnen, – denn Wissen ist Macht. Und die arme, kleine Hallig wirst du vergessen …«

»Sie ist nicht arm und klein«, schluchzte Onnen wild. »Und Sie dürfen nicht so sprechen, Herr Lehrer, – es ist ja doch Ihre Heimat … ach, lassen Sie mich hier, ach, lassen Sie mich hier!«

Da nahm ihn Manne Wögens an sein Herz. Und die kleine Karen hob er auf den Schoß und beruhigte sie, denn ihre Tränen flossen reichlich, weil sie den Bruder weinen sah. »Ja, du sollst hierbleiben, Onnen, mein Junge. Ich werde um dich kämpfen. Die Hallig braucht ihre Söhne, und diebestenSöhne sind gerade gut genug für sie.«

Der Knabe sah ihn voll Liebe an.

»Lernen will ich wohl tüchtig,« bekannte er, »will auch nach Husum auf ein paar Jahr, wenn es durchaus sein muß, aber ich muß zurückkommen dürfen. Da ist die ›Lüttwarf‹ frei geworden, – die möcht ich wohl haben, wenn’s die Sippe erlaubt. Und die Deichwirtschaft möcht ich gründlich studieren. Möchte hier mal was zu sagen haben.«

»Du denkst schon voraus, Onnen, aber es gefällt mirvon dir. Gern will ich mit dir alles durchgehen, will dir Schifften, Allmende, Mähden- und Weideland auf den Karten undin naturazeigen. Will dir auch alte Fennbriefe und Gerechtsame vorlesen, damit du so ›bei klein einen Begriff von unserer Verwaltung bekommst‹.«

»Hei! Denn schall Nomine man kamen«, frohlockte Onnen. »Dann sünd wi twee Mannslüd gegen die eine Deern.«

Lehrer Wögens zog die Brauen dicht zusammen.

»Das wird einen harten Strauß mit dem Hochmütchen geben,« sagte er ernst. »Aber du willst es doch wert sein, daß ich um dich kämpfe, Onnen, mein Junge?«

Als abends der Mond voll und groß über der Hallig stand, schaute er auch in Marens verlassenes Mädchenstübchen und schien auf die friedlich schlafenden Kinder, denen auf Bett und Sofa schöne Ruheplätzchen geschaffen waren. Die beiden Alten, der krumme Knecht und die alte Magd, konnten sich nicht satt sehen an den rotbackigen Holgersfrüchtchen. In seiner Stube aber wanderte Manne Wögens hin und her, und Kopf und Herz waren in wilder Unruhe.

Die nächsten Tage brachten keine Änderung.

Es regnete und stürmte draußen, und er behielt deshalb die Kinder zu ihrem Ergötzen bei sich im Schulhause. Er selbst kämpfte sich mit Mühe am zweiten Tage bis zur Großwarf und fand den Mutterhof immer noch dunkel und ablehnend gegen die Umwelt, als wenn der Tod dort eingekehrt sei. –

Ohm Rickert kam ihm entgegen, offenbar froh,jemand »zum Schnacken« zu finden. Die Ahne sei krank und alle Frauen seien bei ihr.

»Ja, nu is de lütt Kessel in de Luft gahn«, meinte er. »Die Ahne hat niemalen Heizer studeert, und mich olen Mariner hat sie nich zum Ratslag haben wollen. De ganze Tid öwer heww ik all spinteseert: ›Melenke! Melenke! Wie kann man ein Dochter Melenke nennen! Heißt Maria Magdalena. Dat is ne böse Vorbedeutung.‹«

»Name ist Schall und Rauch«, wehrte Wögens, und dann fragte er bekümmert: »Ist noch keine Nachricht von Edlef da?«

»Nichts. – Er hat es uns gleich gesagt. Wenn ich die Deern nicht finde, halte ich mich nicht mit Schreiben oder Telegraphieren auf. Hab’ ich sie aber gefunden, dann gebe ich Nachricht. Na schön. Ist kein guter Anfang für ihn und sein junges Weib. Wir hätten eben die Braut ›aus der Ecke tanzen sollen‹. Dann wär’ alles gut gewesen. Ist alter Halligbrauch. Nun muß sie drin bleiben in der Ecke, das junge Blut.«

»Was Ihr redet, Ohm Rickert!« Manne Wögens gab ihm abschiednehmend die Hand und kämpfte sich den sturmgepeitschten Weg zurück. Ein einziger Mensch begegnete ihm unterwegs, der Pastor Ephraim Licht: »Sieh da, Freund Wögens. Sie kommen, scheint’s, von der Stelle, da ich eben hinwollte. Frauke Holgers hatte mich an der Hochzeit um meinen Rat gebeten in Erbschaftsangelegenheiten. Eine herbe, seltsame Frau, aber mir und unserer alten Halligkirche eine treue Freundin. Wie geht’s dem jungen Paar? Das gibt ein paar Stammeltern, wie sie sich unser Herrgott nicht schöneraussuchen konnte, – Manne Wögens, über diese beiden freue ich mich.«

So plauderte munter der alte Herr.

»Da gibt’s jetzt nicht viel zu freuen auf dem Mutterhof, Herr Pastor.« Und der Lehrer berichtete kurz die Tatsachen.

Pastor Licht tat einen langen Pfiff. Als ginge ihm plötzlich sein eigener Name sehr hell auf. Aber seine Gedanken hatten nichts mit der heimatflüchtigen Melenke zu tun. Er drehte gleich auf der Stelle um, hing sich dem Lehrer in den Arm und marschierte mühsam wieder der Kirchwarf zu. »Sieh so, sieh so,« sagte er bedächtig, »der liebe Gott will selber die Ahnemoreslehren, da brauchterfreilich keinen Pastor dazu.«

Das war das einzige, was auf dem Sturmweg gesprochen wurde. Am Kreuzpunkt trennten sich die Männer, und Manne Wögens zog den Hut, während Pastor Licht sein schützendes Käppchen aufbehielt und nur herzlich mit der Hand winkte.

Der Nachmittag führte wieder alle Halligkinder auf der Schulwarf zusammen. Und weil der Sturm so arg um das Eckhaus blies und das Feuer im Ofen auslöschte, versammelte Manne Wögens all seine Trabanten im Wohnpesel um sich. Das war etwas Neues und Schönes, und zu allem erzählte der Lehrer auch noch Geschichten. Zuerst die furchtbar traurige aus dem Lesebuch »Vom verlorenen Sohn«, und dann eine sehr lustige von der Feldmaus, die eine Stadtmaus werden wollte, und deshalb auswanderte. Aber es war doch sehr merkwürdig, daß der Herr Lehrer die traurige Bibelgeschichte ganzfröhlich erzählte und bei der Feldmaus ein gar ernstes Gesicht machte. –

Am Spätnachmittag holte Nachbar Luersen die beiden Holgerskinder auf ein Vesperstündchen in sein Haus. »Damit der Herr Lehrer mal Luft holen könne vom Kindsmagdspielen«, begründete er die Sache. Ein ohrbetäubender Lärm empfing Onnen und Karen, und jeder wurde von den ungestümen Gastgebern nach einer anderen Seite gezerrt. Vier sehr ungebärdige Luersensprößlinge tobten in der kleinen Stube umher, und das fünfte schrie bis zum Wegbleiben in der morschen Wiege.

»Du büst wohl rein unklug?« tadelte Mutter Luersen ihren eigenmächtigen Mann. »Schleppst noch mehr Kinnerwark her? Kannst wohl gar nich genug kriegen?«

»Von die Luersens hab’ ich freilich schon genug,« entgegnete der geplagte Hausvater trocken, »aber die Holgersart ist bedächtig und ruhig, die wirft nix um und zerreißt nix und steckt einem auch nicht das Haus überm Kopfe an.«

»So?« eiferte zornig die Hausmutter. »Mich dünkt, die Holgersart macht’s nur umgekehrt. Oder hat der Edlef nicht etwa bei uns’ Akke den Brand angefacht? Und dann den Verschwur zerrissen und alles umgeworfen?«

»Du schnackst sehr klug, Olsch, aber was du sagst, ist doch ein Dummheit. Wir wollen lieber ganz still sein, welche Seite den Verschwur zerrissen hat.«

Die Frau weinte. »Hätte der Edlef die Akke behalten, kriegte sie jetzt keine Prügel von dem gräsigen Hamburger.«

»Steht die Sache so?« fragte Vadder Luersen bedächtig. »Es ist man gut, daß ich so bei klein von deiner HamburgerFahrt etwas höre. Prügel kriegt mein klein Akke? Das ist gut, das istsehrgut.«

»Schande wert!« rief Mudder Luersen. »Bist du auch ein Vater? Erst tat der städtische Herr Schwiegersohn, als wär’ ihm just so’n Draufgängerdeern das liebste. Und jeden Witz hat er belacht, daß ihn beinahe der Schlag rührte, und in Samt und Seide hat er sie eingewickelt, und in eine Wohnung hat er sie reingetan wie in ein Schloß. Aber nun ist sie seine Frau und nun soll sie klein beigeben.Diessoll sie nicht sagen und jenes soll sie nicht tun. Weil seine Stadtfreunde und Verwandten sonst ›scheniert‹ sind. Aber die Akke ist ein freies Friesenmädchen, und das läßt sie sich nicht bieten.«

»Mudder, du warst doch immer so ’n kloke Deern. Was du aber jetzt daher tühnst, das geht nich int größte Waddickfaß. Unser Stadtschwiegersohn hat den Grundsatz: ›Mannshand baben!‹ Da bin ich ihm nich gram drum. Wir beide haben das bei Klein-Akke versäumt, weil du immer neue Kinder fischen mußtest. Weißt ja, Mudder, auf dem Meeresgrund bei Ekke Nekkepenns Weib. Über all der Sorg und Mühe mit den vielen Gören haben wir die Rute vergessen. Wenn der Schwieger das jetzt nachholt, kann aus Akke noch ein Gutes werden.«

»Aber sie ist sehr unglücklich«, klagte die Frau.

»Alle Deerns sind unglücklich, wenn sie vom Liebsten Prügel kriegen«, meinte der Vater ungerührt. »Das Gute zeigt sich dann später.« –

Derweile stand im Schulhause Edlef Holgers vor dem Freunde.

»Du kommst doch immer wieDeus ex machina,« versuchteManne zu scherzen. Und gleich darauf ernst und besorgt: »Mein armer Edlef, das hat dich hart mitgenommen. Nun setz’ dich erst einmal zu mir und ruhe dich aus.«

Edlef ließ sich schwer in den Sorgenstuhl fallen. »Schande im Mutterhof ist etwas Ungewohntes«, grollte er. »Und das muß ausgerechnetunstreffen. Der Mutterhof hat weithin geleuchtet.«

»Vielleicht ist euch das allen zu sehr zu Kopf gestiegen«, meinte der Lehrer bedächtig. »Die Selbstgerechtigkeit steht nicht unter den sieben Todsünden, aber unser Herrgott scheint sie am schwersten zu ahnden.«

»Und gerade jetzt!« murrte Edlef. »Da ich deine Maren in mein Gewese führte …«

»Um ihr zu zeigen,« sprach Manne Wögens bedeutungsvoll, »wie überwältigend die Ehre für die Schulmeisterdeern sein muß, – ist’s nicht so?«

Edlef sah ihn unsicher an. »Selbstverständlich ist’snichtso,« sagte er hastig. »Ich war nur sehr stolz …«

Manne Wögens klopfte ihm auf die Schulter. »Das sollst du auch bleiben. Und Maren, – die wird alles Leid mit dir tragen. Die wäre dir selbst inverschuldetesUnglück gefolgt. Und was jetzt auf euch gekommen ist, darf euch nicht zerbrechen.«

»Die Ahneistuns zerbrochen, Manne Wögens. DieEhredes Mutterhofes war ihr Rückgrat.«

»Und alles um so ’ne verrückte, junge, wilde Deern!« zürnte Manne. »Ich bitte dich, Edlef, es werden noch viele Kinder aus dem Elternhause laufen, weil ihnen die Zucht zu streng war. Desto fester muß das Haus bleiben, damit esObdach bietet, wenn die Abtrünnigen mit wundem Herzen und wehen Füßen zurückkehren. Kein Elternhaus kann so streng sein wie das liebe, holde Leben, die schöne Welt da draußen …«

»Das sagte mir Maren auch. Aber Trostgründe kann ich noch nicht gebrauchen. Ich schau nach den Menschen aus. Nach Spott und Nichtachtung. Was werden sie alle sagen! Die Augen wag ich kaum aufzuheben. Das ist meine unglückselige Holgersart.«

»Verrenn dich da nicht hinein, Edlef. Sieh lieber um dich, wieviel rechtschaffene Halliggesinnung das Böse mit euch tragen will.«

»Du sollst recht haben, Manne Wögens. Ich bin wohl recht ein bißchen aus den Fugen. Bedenk, daß ich aus der Brautkammer ins Segelschiff stieg … da ist mir das Gleichgewicht über Bord gegangen.«

»So birg es dir wieder. Du hast Schwester Maren als Rettungsring im Hause …«

Da wurde Edlef Holgers ganz froh. »Ja, ich will heim, will die Geschwister gleich mitnehmen. Hab Dank, du Guter, daß du mir das Kroppzeug aufgehoben hast.«

»Da ist nichts Gutes weiter dabei, Edlef. Die beiden Jüngsten vom Mutterhof sind echt. Die tragen viel Freude ins Haus. Dein junger Onnen wird noch einmal was Besonderes für die Hallig, – ich hab’s gesagt.«

»Wenn du nur Frohes prophezeien kannst! Ganz hell geht’s von dir aus, ich wollte, ich könnte dich mitnehmen in die Dunkelheit unseres Gehöftes, Manne Wögens.«

»Da kommtdas Licht vom Mutterhof«, rief der Lehrer. »Da!« Und er öffnete weit die Tür und ließ diebeiden lachenden Kinder herein. Das gab ein Erzählen! So viel Neues hatten sie unter der großen Luersenschar entdeckt, und nur schwer konnten sie dazu gebracht werden, ruhig ihre Siebensachen zu packen.

Der große Bruder strich ihnen über die Blondköpfe. »Macht fix zu«, sagte er aufmunternd. »Die Nomine-Schwester möchte euch beide noch sehen.« Er wandte sich zu Edlef. »Sie will heute abend noch in Pellworm sein, und morgen früh zurück nach Kiel. Sie meint, es ist am besten, wenn Ahne und Mutter und wir alle hier in die alte Ruhe kommen.«

»In die alte Ruhe …« wiederholte Manne Wögens langsam. Ganz erloschen sahen seine Augen den Freund an. »So rasch, so rasch?« fragte er wie hilflos.

Edlef mißverstand ihn. »Ja, freilich, wir müssen schnell heim. Vergeßt nicht das Danken, Kinder. Fahr wohl, Manne Wögens!«

»Ich danke auch noch vielmals«, rief Onnen herzlich. »Will’s der Nomine ordentlich sagen, daß ich auf der Hallig bleibe.«

»Ja, – sag’ es ihr ordentlich.« Schwer lösten sich die Worte von Manne Wögens’ Lippen.

Dann war er allein. Eine Zeitlang stand er noch auf der Vordiele in der Haustür und winkte den Dreien. Denn immer wieder hoben sich zurückgrüßend die Kinderhände. Am Horizont stand der glutrote Ball und warf seine letzten Strahlen über die salzen See und die Heimat ringsum. Dann sank die Sonne ins Meer. – Wie kalt es mit einemmale wurde! Müde tastete sich ManneWögens in seine einsame Stube. Er fror bis ins Mark hinein. – –

Pastor Ephraim Licht hatte an seine stille Hallig eine schöne Sitte bringen wollen, die er im tannenwaldumstandenen Dorfe seiner Thüringer Gemeinde sooft und gern geübt. Die »Spinnstube« sollte droben im Norden aufleben. Mit Spinnrad und Strickstrumpf sollten die Frauen kommen, mit einem guten Buch oder einer fesselnden und lehrreichen Geschichte die Männer. – Halligsagen und -märchen sollten neu erstehen, damit man sie für die Nachkommen sammle und festhalte. Fragen, welche die Halliggemeinde ungelöst mit sich herumtrüge, sollten daheim aufgeschrieben und dann öffentlich verhandelt werden. Oder auch nur von Mund zu Mund in der stillen Studierstube des Seelsorgers. Wie Kinder auf Weihnachten, hatte sich das Ehepaar auf diese »Lichtkarze« gefreut, die auf der großen Diele des Pfarrhauses tagen sollten. Zur festgesetzten Stunde kamen sie auch alle gegangen. Es fehlten wohl nur die ganz Bresthaften, die nicht mehr über die schmalen Prielstege zu klettern und auch nicht über die kleinen Wasserrinnsale zu springen vermochten.

Ein langer, schweigender, wunderlicher Zug war’s.

»Sieh nur, Luischen, sie kommen wie zu einer Beerdigung«, sagte Pastor Licht. Und das Ehepaar beobachtete mit leiser Bangnis die ernsten, verschlossenen Gesichter der langsam und schwer Heransteigenden.

Oben in der Diele wurden die Spinnräder aufgestellt und die Strickstrümpfe und Klöppelkissen hervorgeholt,und bald war die eifrigste Arbeit im Gange. Die Fragen, welche Pastor Licht und Frau Luischen an ihre Gäste stellten, waren bald beantwortet, dann herrschte tiefes Schweigen. Nur unterbrochen vom Surren der Rädchen und dem Klappern der Klöppel und Stricknadeln.

Auf die Bitte nach einer schönen, seltsamen Halliggeschichte schauten sie den Seelsorger groß und fragend an, und Boy Boysen meinte geruhig: »Dortau is de Paster da.«

Lächelnd willfahrte ihnen Pastor Licht und erzählte von diesem und jenem aus seiner reichen früheren Tätigkeit und dem Schatz seiner Erfahrungen. Aber als er geendet, hoben die Frauen wieder ihre Spinnräder hoch und schritten mit einem ernsten: »Fahre weel« über die gastliche Schwelle. Die Männer zündeten sehr erleichtert ihre Pfeifen mit dem scharfen Holländer Knaster wieder an, und verstiegen sich in ihrer Heimkehrfröhlichkeit sogar zu einem: »Dank ok veelmals, Paster.«

Ein paar alte Weiblein blieben noch sitzen. Als sie aber sahen, daß da »nix nachkam«, setzten auch sie einen Knix hin und siffelten heimwärts.

Das nächste Mal kamen die Frauen allein und von diesen nur acht. Und zuletzt hatte nur die alte Stinameller dagesessen, die fast blind und recht kümmerlich war, und sie erzählte vertraulich, sie sei nur des weichen Lehnstuhls halber gekommen, darin sie viel besser schlafen könne als daheim im Bett.

Pastor Ephraim Licht stand arg verdutzt über das Scheitern seiner Pläne, und Frau Luischen war ganz verzagt.

Sie holten sich Rat vom Schullehrer Manne Wögens.

Der lachte fröhlich und verstehend. »Herr Pastor, Sie sind Thüringer. Ihre leichtblütige, freundliche und liebenswürdig-zutunliche Gemeinde von ehedem, so recht aus dem Herzen Deutschlands heraus, wollen Sie den Halligleuten zum Muster geben. Das ist gefehlt. Weiß es ja von meiner Thüringer Mutter her, wie sie mitteilsam war, wie sie plaudern konnte. ›Schnutteln‹ nannte es der Großvater aus Rudolstadt. Da gab es keine Geheimnisse, da war keine lichtlose, unbesonnte Stelle in dem reinen, fröhlichen Frauenherzen. Die Halligleute aber nehmen all ihr Erleben und das der Voreltern zehnfach hinter Schloß und Riegel. Der einzige Freund, in den sie restlos alles niederlegen, das ist ihr ›Zeitbuch‹. Dem schenken sie äußerlich mehr Vertrauen noch als dem Herrgott. Könnten Sie in den alten Truhen nachschauen, Herr Pastor, da würden Sie Schätze finden. – – Liegt auch vielleicht nicht in jeder Truhe ein ganzes Buch, so doch mindestens ein paar beschriebene Blätter, zum Teil in die Urväterbibel hineingeklebt, darauf die einschneidendsten Erlebnisse verzeichnet sind.«

»So braucht die Hallig eigentlich keinen ›Seelsorger‹, sondern nur jemand für die äußerlichen, kirchlichen Handlungen,« meinte Pastor Licht mutlos.

Der Lehrer wiegte den Kopf. »Vielleicht! Die Halligleute holten sich an das Wort: ›Wenn du beten willst, gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür hinter dir zu.‹ Ich glaube nicht, daß viel in derKirchegebetet wird. Aber sie hören Ihnen gern zu, Herr Pastor. Die volle Kirche muß Ihnen der Beweis sein.LieberHerr Pastor Licht, Sie sind hier schon der rechte Mann am rechten Ort.«

Der Pfarrer lächelte. »Nun schlägt die liebenswürdige Thüringer Mutter auch bei Ihnen durch, Herr Lehrer, und Sie sagen mir schöne Sachen …«

»Es ist die Wahrheit«, sprach Manne Wögens warm. »Ich wollte Ihnen schon lange Ihren Nebenbuhler zeigen, Herr Pastor, … das ›Zeitbuch‹ des Halligmenschen. Da möchte ich wahrhaftig ein wenig Erbschleicher werden. Würden alle Halliger mir ihre ›Zeitbücher‹ vermachen, Herr Pastor, ich wäre plötzlich reich an wertvollstem Stoff für Halligkunde.«

»So hoch schätzen Sie das ein? Und Sie selbst, Manne Wögens? Führen Sie auch solch ein Zeitbuch, was wir bei uns den halbflüggen Dirnlein überlassen?«

Der Lehrer lachte freimütig. »Ich bin ein Halligmensch mit Leib und Seel trotz des Thüringer Einschlags. Und ich hab mein ›Zeitbuch‹ wie jeder hier. Hein Hasseldiek, der große Bösewicht, der zu Lübeck auf dem Rade starb, ist unbußfertig und leugnend dahingefahren, aber in seinem ›Zeitbuch‹ hat er alles eingestanden.«

»Huh«, lachte der Pfarrer. »Wollen Sie mich vorbereiten?« Und er wandte sich neckend zu Frau Luischen: »Du hast gestern noch gemeint, unser lieber Schulmeister sei wie ein aufgeschlagenes, schönes Liederbuch. Ja, so poetisch hat sie sich ausgedrückt, – du brauchst dich nicht schämig fortzuwenden, Luischen. Aber du mußt umlernen. Wehe, welch schwarze Geheimnisse Wögens’ Zeitbuch vielleicht enthält!«

»Da ist mir nicht bange drum«, sagte die Pastorin geruhig und schaute vertrauend zu dem Hünen auf.

Der schüttelte ihnen die Hände und schritt dann rasch ausholend seiner einsamen Klause zu.

Er wußte zutiefst, daß nichts verloren geht im Weltall, und daß er heute dem treuen Seelsorger ein neuer Wegweiser geworden war zu den wunderlich verschlossenen Herzen seiner Halliggemeinde. –


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