Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.
Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.
Ist es möglich, daß wir schon wieder den September haben? So gibt es beinahe einen Jahresbericht in dieses Buch. – Die Sommerfrischler und Badegäste, die von Föhr hie und da für Stunden auf die Hallig kommen und sich die beste Mühe geben uns lahmzuschwatzen und totzufragen, versagen sich niemals den Ausruf: »O wie muß es im Winter hier langweilig sein!« Sie wissen nicht, daß dies Wort nicht in unserem Wörterbuch steht. Diese lästigen Eintagsfliegen! Könnte man die Tür seines Königreichs vor ihnen geschlossen halten! Welchen Reichtum an Arbeit bargen die Monate, die seit Edlefs Hochzeit und Melenkes Flucht vorüber sind. Arbeit! Segensreiche Himmelstochter! Du gehst mit deiner Schwester Ordnung kräftespendend Hand in Hand.
Der Frühling kam auf die Hallig und nahm mit seinem Sturm allen Winterstaub (wahrhaftig er lag in hoher Schicht) aus meiner Seele. Es ist hart, wenn ein aufrechter Friese am Verzagen ist … Was sage ich? Hart? Noch heute trage ich einen eklen Geschmack auf der Zunge, denk ich an jene kranke Zeit. Da habe ichmir eigene Arznei gebraut, habe ein wissenschaftliches Buch zu schreiben begonnen. Ein Buch von der Hallig. Diese Arznei hat mein Gebrechen geheilt. –
In meines Vaters »Zeitenbuch«, wie er es nannte, darinnen er die Erinnerungen an Großvater, Großmutter und seine eigene Jugendzeit barg, steht ein Wort: »Ein Wögens liebt nureinmal.«
Dies Erbteil meiner Väter verweist mich in die Einsamkeit. Sie war mir ja immer Treugeselle. – Doch ich war nie allein in der Einsamkeit, war nie einsam im Alleinsein. Der Hallighimmel, die Halligluft, die weiten Fennen und die salzen See schickten abertausend gute Geister zu mir. Und doch hat es Tage und Nächte gegeben seit der letzten Weihnacht, in denen ich gerungen habe, gebetet und geschrien. Und die Schreie, die man in sein Innerstes schickt, tun am wehesten.
Gut ist’s, daß der krumme Knecht ganz taub und meine Magd des Abends so müde ist, daß sie nichts von der Umwelt vernimmt, denn ich selbst bin aufgewacht von meinen eigenen Rufen: »Nomine! Nomine!«
Was soll der Name in diesen Blättern?
Er soll stehenbleiben.
Eines aufrechten Friesen hochheilige Liebe ehrt jedes Mädchen. Auch jenes Mädchen, das nach den Sternen greift und sie auch vielleicht zu sich herunterholt. Aber sie tritt dabei die schlichte Bonnestave unter ihren Fuß.
Doch ist die blaue Halligblume kein Veilchen auf der Wiese, das da singt: Und sterb ich denn, so sterb ich doch durch sie, zu ihren Füßen noch.
Nein, sie richtet sich wieder auf, denn sie ist eine Friesin.
Und so hast auch du dich wieder aufgerichtet, Manne Wögens, und willst den harten Arbeitsweg gehen ohne ein liebes Weib an deiner Seite. Du hast dein Buch. Das ist dein Eigen, es ist dein Kind, das dein Herzblut trank. Einmal wird es in die Welt hinausgehen und die Menschen in den Bann der Hallig zwingen. Daß nicht stumpfe Neugierde sie fürder zu uns treibe, sondernLiebe.
Fahr wohl, Nomine! Ich habe dir vor Jahren gesagt, daß ich dir sehr gut sei. Hab dir mein heißes, treues Herz dargeboten und meinen ehrlichen Namen. Du aber hast gelacht. Wolltest lernen und die Welt sehen, und hast der armen, öden Hallig gespottet und ihr Valet gegeben.
So sei’s denn, Nomine.
Denn wenn ich dich auch mehr liebe als mein Leben, so muß ich meine Hallig doch noch mehr lieben als dich. Meine verachtete Hallig, die ihren Sohn braucht.
Fahre weel, Nomine Holgers!
Machtvoll brauste draußen der Frühlingssturm.
Wir vermaßen unser Land für dieses Jahr und teilten es wieder ein in Mehdeland und Weidefenne. Diesmal gab’s Widerstreit unter den Warfbohlsgenossen. Auch der Bohlskurator war machtlos. Wer nicht ganz und gar in unsere verwickelte Halligwirtschaft eingeweiht ist, nichtmit Kopf und Kragen drin steckt in den schwierigen Berechnungen der Mehde- oder Mählandsverteilung, der muß seine Finger davon lassen. Kein kniffliger Jurist des Festlandes, den man heute herriefe, wäre dazu imstande. Aber unser »Dreimännerschiedsgericht« hat entschieden, und wir haben uns dem Spruche gebeugt. Jeder bekam seine »Schifften«, die nach Größe und Lage jährlich wechselnden Parzellen, zugewiesen.
Ich lese gern die »Fennbriefe« und das Mehdebuch. Uns Halligleuten ist darin alles verständlich, aber Festlandsratten möchten wohl kopfschütteln und wunnerwarken über das närrische Zeug, das sich Halliglandverteilung nennt.
Wir hatten einen nicht zu regennassen und leidlich warmen Frühling, und so stand am Johannistag das Gras einen Fuß hoch. Wir reinigten es sorgfältig von allen Muscheln und andern Einflüssen der See, und dann begann das Mähen. So reich war der Segen, daß wir fremde Arbeiter mieten mußten, die mit ihrem Vormähder rasche Arbeit taten. – Wie wonnevoll waren Juni und Juli! Die liebe Hallig in ihrem Festkleid! Köstliche Blumen, unzählbar wie die Sterne des Firmamentes waren darin eingewirkt. Alles atmete würzigen Duft, und die Bienen sogen den köstlichen Hallighonig heraus, unvergleichlich in seiner herben Süße. – Dazwischen weidete das stattliche Vieh. Breitgestirnte Rinder und wollige Schafe. Die Möwen lachten in blauer Luft oder ließen sich nieder mit klingendem Klageruf. Den Lerchen lauschte ich und konnte mich nicht satt sehen am flugsicheren Austernfischer. Der Rotschenkel rief mit abwärts gestelltem Flügel»Gülü, gülü«, und warb sein Weibchen. Und als die Jungen ausflogen, jauchzte er »Tjü, tjü«! Ach, wer »vogelsprachekund und weisheitsfroh wie Salomo« wäre!
Unser Fischgarten im abfließenden Priel bot andere Arbeit. Wir verbanden Holzsticken mit Bindfaden zu einem langen Leitwerk. Die Spitze ließen wir in einen Hamen ausmünden. Nun tummelten sich während der Flut die Fische in den Watten, doch mit der Ebbe flüchteten sie sich in den großen Winkel des Priels. Da konnten sie nicht durch, und die Fischer hatten reichen Fang. Ich stand dann gern neben meinem alten Nachbar und Bohlsgenossen Momme Mommsen, der vor jedem Fischzug die Hände faltet: »Du bist der Herre Jesu Christ, dem Wind und Meer gehorsam ist. Drum halt in Gnaden deine Hand auch über unsern Fischerstand.«
Saß ich aber oben auf der grünen Bank neben dem Schulhause und schaute von meiner Höhe hin über die Fennen, denen die bereits gemähten Streifen einen eigenartigen Farbenreiz gaben, oder schaute ich auf die Nordsee, die zur Flutzeit die ganze Hallig so innig in ihren umschlingenden Armen hielt und unzählige Gräben mit Wasser füllte, daß sie wie Silberfischlein die Wiese durchglänzten, dann wurde mir das Herz groß und weit und der Herrgott zog ein.
Das gab Stunden, wo ich nicht einmaldichvermißte, Nomine Holgers. –
Viel Mühe schaffte uns das Einbringen des Heues. Auf der höchstgelegenen Stelle der Fennen muß es geschichtet werden, damit die See es niemals erreichen kann. In langen Streifen wurde es zusammengerechtund in großen Laken von den Frauen und Mädchen zur Dieme getragen. Da dachte ich wieder an dich, Nomine Holgers, du Schöne! Hätte ich dich sehen dürfen als echte Halligtochter, das schmucke Bündel auf deinem Haupte tragend, mit deinen weißen, vollen Armen der Last das Gleichgewicht gebend …
O Nomine! Wie eine Königin wärst du geschritten, ich weiß es. Und ein glückseliger Mann hätte einige Tage später seine Ernte eingefahren. In seinem Hause hätte er sie zum festen Klampe aufgeschichtet. Und du hättest ihn am Hause empfangen. Du! Seine Königin – die ihm die Ruhe brachte und den Feierabend …
Es war harte und hilde Zeit bis alle Schifften gemäht waren. Und viel Schweiß kostete noch das »Schwählen«, das »Diemensetzen« und »Einfahren«.
Und wir haben einen Bittgottesdienst gehalten, daß unser Herrgott die salzen See bändigen möge, auf daß keine Sturmflut uns um den Lohn unserer Mühe bringe. –
Die »Eintagsfliegen« von Sylt, Föhr und Amrum waren wieder sehr lästig diesen Sommer. Nicht einer war darunter, um dessen Wiederkehr man gebeten hätte. Gottlob, es wird auch hie und da Verständnis und Liebe zu uns getragen. Aber die, so es tun, bleiben dann auch wirklich bei uns auf längere Zeit. Und fragen nicht viel, sondern öffnen ihre eigenen Augen und empfangen all unsern Reichtum mit wachem Herzen. So geben und nehmen wir wechselseitig unvergängliche Werte. Mit demStrom von Hamburger Fremden kam im August auch Akke Bahn, geborene Luersen, zu uns. Ein seltsames Weib. Wunderschön hat die Natur sie gebildet, und jeder wendet sich um nach ihr, so sehr fällt sie auf. Aber auf ihrem Gesicht liegt jetzt ein Zug verbissenen Trotzes. Der pflegt sonst auf dem Antlitz der werdenden Mütter zu fehlen. Sie kümmert sich nicht viel um ihren Zustand, sondern schafft tüchtig im Hause der Eltern, bei denen viel schwere Arbeit zu tun ist. Oft höre ich ihr lautes Lachen über den Nachbarzaun herüber. Neulich kam Edlef zu mir, und ich ging ihm entgegen. Da stand die Akke am Zaun, und ich fing einen Blick auf, den sie ihm zuwarf. Der war so heiß und auffordernd, daß er früher wohl gezündet hätte bei ihm. Aber Edlef ist ein sehr fester, sehr glücklicher Halligbauer geworden. – Er zog die Mütze wie vor einer Fremden und schaute mir entgegen mit freien, guten Augen. – Abends sitze ich hie und da mit Vadder Luersen auf meiner Hausbank. Er tut dann alles ab von seiner Seele, was ihm das Leben draufgepackt hat, und ich höre gern die Philosophie seines trocknen Humors. Dabei sagte er mir einmal: »Ich mag mein klein Akke zu gern um mich leiden, is ’ne fixe Deern und schafft für Zwei, trotz ihres reichen Mannes. Aber mich dünkt, sie verfolgt einen Zweck hier. Und dazu gebe ich mich nicht her. Und wenn sie meint, ich behalte sie wieder ganz auf der Schulwarf und setz’ mich bei dem Herrn Schwiegersohn in die Nesseln, dann hat sie vorbeigedacht. Das sechste Gebot ist kein Kinderspielzeug. Und ihr Kind soll in seines Vaters Wiege liegen, wo es hingehört.« Ich bedeutete dem Alten, daß es wohl nicht gerade diepassendste Ehe für seine Tochter gewesen sei, aber das wies er weit zurück.
»Der Schwiegersohn hat sie rechtschaffen lieb,« sagte er, »aber seine Hand is büschen fest. Das braucht die Deern auch. Ich hab mir den Kram in Hamburg mal angesehen, das hat alles seinen rechten Schick. Und der Schwiegersohn ist fleißig und angesehen. Und daß er kein heuriger Has’ mehr ist, istauchgut.«
Vadder Luersen mag recht haben. – –
… Schwester Maren …
Ich möchte ergründen, ob sie wohl ganz restlos glücklich ist. Edlef ist’s, er geht wie auf Sprungfedern. Maren ist sehr ernst geworden. Es kleidet sie gut, meine junge, süße Schwester. Aber ich möchte sie wohl wieder hell lachen hören. Einmal tat sie es. Es war an einem Sonntag, da sie mich beide heimgesucht hatten. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen und fand allerlei Kram aus der Kinderzeit. Darüber lachte sie laut und herzlich. Und Edlef neben mir hob lauschend den Kopf, als sei ihm das silberne Glöckchen völlig fremd. Und ein großes Erstaunen ging über sein offenes Gesicht.
Sollte der Mutterhof jeglich Lachen ersticken? – –
Melenke Holgers ist in Hamburg bei einer Putzmacherin.
Edlef und ich haben’s durchgesetzt, daß sie dort blieb. Die Ahne wollte sie in den Mutterhof zwingen. Das wär ja nimmer geglückt. Nomine hat die Schwester öfters von Kiel aus besucht, hat sie aber noch nie angetroffen. Sie hat auch Melenke zu sich eingeladen, denn das Band, das Halliggeschwister verbindet, ist ein sehrfestes. Aber die Jüngere ist nicht gekommen, sie bäumt sich gegen jede Bevormundung. –
Die Ahne geht gebückt. – War eine junge Frau mit ihren fünfundachtzig Jahren, mit den roten Backen, den scharfen Augen und dem raschen Gang. Und wenn sie auch manchmal bei Tisch einschlief, so war sie nachher doppelt ausgeruht und schlug uns Jüngere mit Kreuz- und Querfragen. Jetzt ist sie alt geworden. Bin ich bei ihr, dann redet sie mit guter, leiser Stimme. Nicht mehr energisch und zupackend wie früher. Gleichsam entschuldigend, daß sie mir kein besser Dach bieten könne als den Mutterhof, aus dem eine Haustochter entlaufen. – Mir zerreißt es das Herz, sehe ich diesen zerbrochenen Stolz. – –
Mein Buch gedeiht. Das Manuskript ist schon recht umfangreich und ich liebäugle fast damit. Es ist ja auch mein Schatz. –
Gestern war Maren allein bei mir.
Fast erschreckte es mich. Sie trat so leise ein. Und ein gar so zager Ruf: »Bruder Manne!«
Dann lag sie freilich rasch an meinem Herzen, und mir verschlug die jähe Freude schier die Stimme. Ich nahm ihr Mantel und Kopftuch ab und drückte sie fest in den Altväterstuhl hinein, drin alle Wögens ausgerastet haben. Da saß sie geruhig wie der Vogel im Nest, und ich erzählte und fragte und mußte mich baß wundern, warum ich so karge Antwort erhielt. – Zuletzt kam mir ein Freudengedanke, und immer zarter sprach ich mit ihr. Um ihr vielleicht ein Geständnis zu erleichtern, das sich etwa so formen könnte: »Bruder Manne, willstdu mir vom Oberboden die Kiste tun, darinnen unsere winzig kleinen Kinderhemdchen und Häublein liegen?«
Aber sie sagte nichts, sah nur rings die Heimatwände mit den vertrauten Bildern und dem Urväterhausrat an. Ganz still und besinnlich, als sähe sie alles zum erstenmal.
Da stand ich auf, beugte mich über sie und sagte: »Süße Marenschwester, das wird einmal alles wieder dir gehören – – und deinen Kindern.«
Wie herb und traurig sie lächelte. Ach, daß es solch ein Lächeln geben darf auf dem Antlitz eines jungen, schönen Weibes …
»Ich werde niemals Kinder haben, Bruder Manne.«
»Maren, – was sprichst du da?«
»Die Wahrheit, Manne. Aber sie zerdrückt mich fast.«
»Woher hast du die traurige Weisheit, Maren?«
»Vor einer Stunde hat sie mir der Kreisarzt gegeben …«
»Und Edlef???«
»Er ist in wichtiger Sache nach Husum. Mein Mannebruder, er erfährt es früh genug.«
Dann ging die Süße still, wie sie gekommen. Ich konnte ihr keinen Trost geben, das war bitterhart.
Nun falten sich immer meine Hände: Daß dieses herbe Frauenschicksal nur ein stilles Leid bleibe, gemeinsam getragen von zwei liebenden Gatten, die sich selbst genug sind. Daß mein Freund Edlef Holgers stark erfunden werde, sein junges Weib auf Händen zu tragen und durch alle Fährnisse der Hallig, insonderheit des Mutterhofes, zu steuern. Als da sind: »Kälte, Schmähsucht und Vereinsamung.« –
Ich höre die fünf unbändigen Luersenkinder bis hierher toben. Neun Luersens sind schon aus dem Hause … Machen trotzdem noch viel Sorgen und Mühen, und kaum das Brot schaffen können die hart arbeitenden Eltern für die fünf Jungen im Nest.
Warum …?
Nein! Mit Grübelfragen darf man sich auf einer Hallig nicht befassen. Die fressen hier gleich den ganzen Menschen auf. Wenigstens Herz und Hirn. –
Ich will an das Lied denken, das ich meiner Marenschwester an ihrem Hochzeitstage auf der Orgel spielte:
…Der wird auch Wege finden,Da dein Fuß gehen kann. –
…Der wird auch Wege finden,Da dein Fuß gehen kann. –
…Der wird auch Wege finden,Da dein Fuß gehen kann. –
…
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann. –
Es war ein naßkalter, windiger Oktoberabend, da Edlef Holgers heimkehrte. Aber im »Jungteil« lachte ihm das freundliche Licht der Lampe entgegen, die seine Maren dicht ans Fenster gestellt hatte. An Heyens Lei mußte er denken. »Die treue Schwester wacht!«
Ja,alleswar ihm Maren. Nicht nur sein liebendes und geliebtes Weib, nein, auch Mutter und Schwester in ihrer treuen Fürsorge. Wie er sich freute, heimzukommen von dieser ärgernisreichen Reise …
Da tat sich auch schon die Tür des Wohnpesels auf und zwei weiche Arme legten sich um seinen Hals. Er preßte sein Weib an sich und sah ihr tief in die Augen.
Wahrhaftig, sie wurde immer schöner. Er wußtenicht, was ihn mehr entzückte. Das strahlende Lächeln, womit sie ihn vor einer Woche entlassen, oder der stille Ernst, mit dem sie ihn heute empfing.
»Ach du,« sagte er glücklich, »ich will dich einfach Heimat nennen. Willst du? Schau hinaus, wie es regnet und stürmt! Bei dir bin ich im Himmel. Du! Du!« Er trank ihre Süße völlig in sich hinein. »Ich müßte nie von dir fortzugehen brauchen, – es ist eisig kalt, häßlich, öde draußen in der Fremde.«
»Du Peterle!« meinte sie. »Bist ja nur bis zum Kreuzweg gekommen.«
»Ja, – und da will ich auch immer umkehren fortan.«
Sie setzten sich auf das alte Thüringer Kanapee, das Manne der Schwester mitgegeben. Beim Essen erzählte Edlef von seiner Reise.
»Willst du nicht Mutter und Ahne erst begrüßen?« hatte ihn Maren gefragt.
»Nein, laß mich erst bei dir erwarmen«, entgegnete er zärtlich. »Sieh, ich bringe wieder Trübes zu den zwei alten Frauen, und solche Wege spart man gern auf. Ich habe Melenke nicht angetroffen. Wieder nicht. Ist es nicht unnatürlich, daß sie sich vor mir versteckt?«
»Was meint die Putzmacherin? Bei der wohnt sie doch?«
»Nn–ein. Das tut sie nicht mehr. Melenke wohnt allein. Ja, da kannst du wahrlich erschrecken, Maren, – ich tat’sauch. Und Melenkes jetzige Wirtin hat mir gar nicht gefallen. Wo das Mädel sei, wisse sie nicht. Wohl spazieren gegangen, – – kurz, sie redete so herumund sich selbst heraus. Mein Zug ging, ich mußte fort. Maren, nächste Woche fahren wir beide nach Hamburg, und da warten wir, bis Melenke kommt. Und nehmen sie mit. Sie soll hier Arbeit finden und Heimat kosten. Hast du Mut, Maren, dies widerwillige Holgersblut zu bändigen? Bist ja doch noch nicht allzu lange aus der Schulmeisterei heraus …«
»Mit Schulmeistern ist da wohl nichts getan«, meinte Maren ernst. »Da wird nur unsere Liebe helfen können. Ich will sie lieb haben, Edlef.«
»Du!!! …« Edlef bettete Maren ganz in seinen Arm. »Aber zuerst mußt du mich liebhaben. Kalt bin ich auf der garstigen Reise geworden. Komm, küsse mich! Mein Einziges …«
Heimelig war’s im Wohnpesel. Die alte Uhr tickte. Draußen schlugen Wind und Regen gegen die Fenster. Im Ofen knisterte das Feuer.
»Geträumt hab’ ich letzte Nacht von dir«, raunte Edlef. »Du, das war ein lieber Traum … Ich kam heim von der Reise und – was glaubst du wohl? Ein paar Kinderchen kamen mir entgegen, – jawohl, versteck dich nur, – gleich einpaar. – Maren, süße Maren … Da wurd ich hellwach und so froh … Von Rechts wegen müßt ja auch schon ein Holgersjung oder ’ne lüttje Deern in der Wiege schreien …«
Edlef hob mit raschem Schwung die zarte Maren auf seinen Schoß, ihr Kopf sank an seine Schulter, er wiegte sie sacht und sang:
»Hop Marjanken, hop Marjanken,Lat sin Frautje danzen.He weegt dat Kind,He feegt de FloorUn lat sin Frautje danzen,Hopsasa, hopsasa fallereden. –«
»Hop Marjanken, hop Marjanken,Lat sin Frautje danzen.He weegt dat Kind,He feegt de FloorUn lat sin Frautje danzen,Hopsasa, hopsasa fallereden. –«
»Hop Marjanken, hop Marjanken,Lat sin Frautje danzen.He weegt dat Kind,He feegt de FloorUn lat sin Frautje danzen,Hopsasa, hopsasa fallereden. –«
»Hop Marjanken, hop Marjanken,
Lat sin Frautje danzen.
He weegt dat Kind,
He feegt de Floor
Un lat sin Frautje danzen,
Hopsasa, hopsasa fallereden. –«
Hastig richtete sich Maren auf. Heiß und rot war ihr Kopf und ihre Augen brannten. Sie sprang von seinen Knien und strich sich glättend über das Haar.
Befremdet sah Edlef sie an.
»Ich muß dir etwas sagen«, sprach sie leise und hastig. »Ich habe es wohl gespürt, wie die Ahne und deine Mutter mich anschaun und um mich herumreden und wie sie dich fragen, mein Edlef. Ich dank dir, daß du mich niemals damit gequält hast, du Guter. Aber heut muß ich dich quälen – und dir sehr weh tun, mein Edlef … Ich werde nie ein Kindchen wiegen … der alte Doktor Brodersen hat es mir gesagt … Edlef …«
Edlef Holgers war aufgesprungen, doch gleich griff seine Hand tastend nach rückwärts, als bedürfe er einer Stütze.
»Was redest du da?« fragte er tonlos. »Das … das ist ja gar nicht möglich!«
Maren antwortete nicht. Sie sah ihn nur an. Nicht wie jemand, der seinen Urteilsspruch erwartet. Nein, ganz ohne Angst, ganz fest und ruhig. Ein stiller Schmerzenszug lag um ihren blassen Mund, der sagte: »Das Schwerste hab ich bereits mit mir selbst durchgerungen, du kannst es mir noch schwerer machen, indem du deineigen Leid dazupackst, oder du kannst mir alles tragen helfen …« Aber ihr Mund blieb stumm.
Langsam wandte sich Edlef. Sie streckte die Hände nach ihm hin, aber er sah sie nicht. Ein paar Worte stieß er heraus: »Der Arzt kann sich irren …«
»Er irrt sich nicht …«
Da ging Edlef hinaus, die Tür schlug hinter ihm zu, und mit leisem Wehruf brach Maren Holgers zusammen.