Chapter 20

„Wer ihn betastetOder beschaut, nie stillet sich der die Sehnsucht des Herzens.Er auch atmete Duft, ambrosischen, gleich von dem Tag an,Daß der nysäische Gott auf dem zärtlichen Purpur geschlummert,Leise von Wein und von Nektar beseligt, als er den schönenBusen von Minos Tochter berührte.“

„Wer ihn betastetOder beschaut, nie stillet sich der die Sehnsucht des Herzens.Er auch atmete Duft, ambrosischen, gleich von dem Tag an,Daß der nysäische Gott auf dem zärtlichen Purpur geschlummert,Leise von Wein und von Nektar beseligt, als er den schönenBusen von Minos Tochter berührte.“

Umgekehrt hatte der Wein in den Dionysos-Mysterien eine sakramentale Bedeutung, die einer Transsubstantiation aus dem Zeitlichen ins Ewige. Was die erstere Bedeutung des Weins betrifft, so bietet darüberNork, vergleichende Mythologie S. 177ff.seltsame etymologische Bemerkungen. Er erinnert an den indischen Gott Shiwa, der den Palmenwein erfand und auch der Thränengott (Rutren) hieß; er weist auf die Verwandtschaft hin zwischen Bacchus und dem semitischenbacca= weinen, vergißt aber merkwürdigerweise unser deutsches Weinen mit Wein zusammenzubringen. Dagegen ist ihm Ariadne das semitischeari edna= Wollust des Löwen und er bemerktS. 178:

„Bacchus, nachdem er mit Ariadne gebuhlt, fällt in die Gewalt der Titanen – d. h. die Ichheit, die als Selbstheit, als Besonderheit mit selbstischem, dem Allwillen entgegenstrebenden Wollen verstanden wird, weswegen am Ende aller Dinge, in welchem die Wesen wieder in Gott übergehen, der Zustand ist, wo Niemand ‚Ich‘ sagt.“

Ich möchte glauben, daß der Mythus von der Ariadne, der in den Mysterien mit Vorliebe pantomimisch dargestellt wird, jedenfalls auch die umgekehrte Bedeutung, nämlich das Erwachen der Seele symbolisieren sollte. Gerade auf Sarkophagen finden wir häufig Scenen dargestellt, wie den der schlafenden Ariadne nahenden Gott; oder Bacchus umarmt die schöne Ariadne, setzt ihr den Kranz auf und reicht ihr den Becher, daneben steht der schöne Knabe Staphilos, ihr gemeinschaftliches Kind, der „Traubengeist“.

Creuzer, der die Dionysos-Mysterien aus Indien stammen läßt (Dionysos ist ihm Dewanachi, der Entwilderer Indiens) giebt folgende spekulative Analyse der fraglichen indischen Ideen (Symbolik I. S. 399):

a) Das erste Sein vor und über Allem.

b) Die Liebe, die das erste Sein in sich aufgenommen, der es sich hingegeben hat. Mithin

c) Gott, geschieden in ein Liebendes und in ein Geliebtes.

d) Diese Spaltung ist der Urbestand der Dinge.

Die Dinge sind und sind nicht, sie sind nur in der Trennung und durch sie, sie sind nicht auf dem Standpunkteüberder Trennung. Die Liebe ist Weltmutter, aber was sie geboren hat, ist im bloßen Schein geboren, es ist ein Scheinbild, es sind Zaubergärten, die mit dem Beschwörungsworte in sich selbst versinken. Das Eine aber bleibt: Parabrahma, der Selbständige.

Diese spekulative Auflösung nimmt die realen Dinge als Kunstgebilde der Liebe im Scheine, mithin ist sie a) ästhetisch, b) sie hat sich aber ganz natürlich aus dem erstennaiven Naturmythusentwickelt. Hiernach ist die schaffende Gottheit Welt-Lingam. Der Grund des Zeugens und Schaffens kann in nichts anderem liegen, als in der Liebe; und davon giebt sich nun die gesteigerte Spekulation die angeführte Rechenschaft.

Während die bacchischen oder dionysischen Mysterien an das männliche Naturprinzip anknüpfen, gehen die cerealischen vom weiblichen aus; sie knüpfen an dieErntefestean, während die bacchischen ursprünglichWinzerfestewaren.

In Attika haben sich freilich allmählich in den Eleusinien, in denen auch Jakchos (Bacchos) seine große Rolle spielt, beide vermischt; jedoch blieb Demeter (Ceres) die Hauptgottheit der Eleusinien. Über die Eleusinischen Mysterien sind wir verhältnismäßig am besten unterrichtet, da sie im Altertum den größten Ruhm erlangten, und daher vielfache Andeutungen über ihre Feier von Dichtern, Philosophen und Historikern gegeben worden sind. Die Zulassung zu ihnen wurde allen Hellenen gewährt, von welchem Stamme oder Staate sie auch sein mochten.

Sie bestanden aus zwei durch einen halbjährigen Zwischenraum getrennten Feiern. Die erste derselben, die sog.kleinenMysterien wurden im Monat Anthesterion, der etwa unserem Februar entspricht, begangen, also im Frühling, sie waren vorzugsweise der Kora oder Persephone, der Tochter der Ceres, und dem Jakchos oder Dionysos, der als Bruder der Kora galt, gewidmet. Diese Feier wurde zu Agra, einer Vorstadt Athens, am Ilissus begangen. Ihr ging eine Reinigung vorauf, zu der das Wasser des Ilissus diente – DiegroßenMysterien fielen in die Mitte des Monats Boëdromion, September, und dauerten nahezu 14 Tage. Der erste Tag hieß Tag der Versammlung. Die Mysten versammelten sich in der Stadt. Am zweiten Tag begaben sie sich mit dem Rufἁλαδε μύσται, „an das Meer, ihr Mysten“, an den Strand, um im Meerwasser die vorbereitende Reinigung vorzunehmen. Die folgenden Tage wurden mit mancherlei Umzügen, Opfern und Andachtsübungen in Heiligtümern der Demeter, Persephone und des Jakchos ausgefüllt. Am 20. Boëdromion begab man sich dann in feierlicher Prozession von Athen nach Eleusis. Die Prozession nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch, da an einer großen Anzahl von „Stationen“, z. B. beim Grabmal des Eumolpos, bei dem wilden Feigenbaum, wo einst Pluto mit der geraubten Proserpina in die Unterwelt hinabgefahren sein sollte, beim Tempel des Triptolemos längerer Aufenthalt zur Vollziehung gottesdienstlicher Handlungen genommen wurde. Sie schloß damit, daß das Bild des Jakchos in den Weihetempel zu Eleusis, das Telesterion, gebracht wurde. Am folgenden Tage und in der Nacht wurden verschiedene Festakte, über die wir nichts näheres wissen, teils im Freien, teils im Peribolos des Telesterion begangen. Hierbei wechselte ausgelassene Lust und gegenseitige Neckerei beider Geschlechter, wobei die Frauen vielfach jene Handlung der Baubo oder Jambe wiederholten, durch die nach dem Mythos Ceres zuerst in ihrer Traurigkeit getröstet sein soll, mit feierlichem Ernst und andächtiger Sammlung. Einige Ahnung von diesem Treiben verschafft uns die SchilderungHerodots I. 60vom egyptischen Isisfest. „Einige von den Weibern haben Klappern und klappern damit, einige Männer aber spielen die Flöte, und die übrigen Weiber und Männer singen und klatschen in die Hände; etliche verhöhnen die Weiber und etliche tanzen, etliche aber stehen auf undhebendie Kleider in die Höhe.“ (Die Baubo oder Jambe entlockte nämlich durch eineunanständige Entblößungder Demeter das erste Lächeln.) In den Fröschen des Aristophanes wird uns der Chorgesang der Mysten und ihr ausgelassenes Treiben durch folgende Verse geschildert:

Chor:

O Heil, Heil, Jakchos!O Heil, Heil, Jakchos!Jakchos, der du weilst hierIn dem stolzprangenden Wohnsitz,O Heil, Heil, Jakchos;Komm hierher auf die Bachwiese zum Reih'ntanzIn die Schaar deiner Geweihten,Und im Schwunge walle duftigDir der Myrtenkranz voll BeerenUm das lockige Haupt!Und kühn stampfe den Takt unsMit dem Fuße zum neckischSich entfesselnden Lustreih'n,Der in holdreizender Anmut,Der in Unschuld dich umhüpft,Der Geweihten heil'gem Chortanz!Ermuntere Dich: naht dochIn der Hand schwingend die Fackeln,Er naht schon Jakchos,Stern des Lichtes, in Nacht leuchtend zum Feste!Von der Flamme glüht die Wiese;Ja, das Knie der Greise regt sich,Und sie schütteln ab die SorgenUnd die Bürde der Zeit,Die Last bleichender Haare,In der heiligen Festlust.Du, Seliger, führeDie zum Tanz rüstige JugendZu des Quells blumigen AuenMit voranflammender Fackel!

O Heil, Heil, Jakchos!O Heil, Heil, Jakchos!Jakchos, der du weilst hierIn dem stolzprangenden Wohnsitz,O Heil, Heil, Jakchos;Komm hierher auf die Bachwiese zum Reih'ntanzIn die Schaar deiner Geweihten,Und im Schwunge walle duftigDir der Myrtenkranz voll BeerenUm das lockige Haupt!Und kühn stampfe den Takt unsMit dem Fuße zum neckischSich entfesselnden Lustreih'n,Der in holdreizender Anmut,Der in Unschuld dich umhüpft,Der Geweihten heil'gem Chortanz!

Ermuntere Dich: naht dochIn der Hand schwingend die Fackeln,Er naht schon Jakchos,Stern des Lichtes, in Nacht leuchtend zum Feste!Von der Flamme glüht die Wiese;Ja, das Knie der Greise regt sich,Und sie schütteln ab die SorgenUnd die Bürde der Zeit,Die Last bleichender Haare,In der heiligen Festlust.Du, Seliger, führeDie zum Tanz rüstige JugendZu des Quells blumigen AuenMit voranflammender Fackel!

Chorführer:

Voll Andacht schweig' er und halte sich fern von unseren heiligen Reigen,Wer fremd in solchen Geheimnissen ist und wer unlauteren Herzens,Wer Orgien himmlischer Kunst nicht sah noch tanzt in dem Chore der Musen,Wen nicht einweiht' in bacchantischen Ton Kratinos, der Stiereverschlinger,Und wer plumpspaßender Worte sich freut, die heran sich drängen zur Unzeit,Wer feindlichen Hader im Volk nicht dämpft, nicht hold und gefällig den Bürgern,Nein, Zwietracht sät und die Glut anschürt, nach eigenem Nutzen verlangend,Wer, Lenker des Staats, wankt dieser im Sturm, ausstreckt nach Geschenken die Hände,Wer Vesten verrät, wer Schiffe verrät und verbotene Waren versendet,Wer andre beschwatzt, für der Flotte Bedarf mit Geld zu bedienen die Feinde,Wer Hekate's Bild mit Gesängen beschmutzt, für kyklische Chöre gedichtet,Auch wer als Redner im Volke benagt den gebührenden Lohn der Poeten.Sei's diesen gesagt, sei's aber gesagt, sei's zum dritten gesagt und geboten:Hebt Euch von dem Chor der Geweihten hinweg! Ihr anderen stimmt den Gesang an,Und beginnt mit der heiligen Feier der Nacht, die dem heutigen Feste gemäß ist!

Voll Andacht schweig' er und halte sich fern von unseren heiligen Reigen,Wer fremd in solchen Geheimnissen ist und wer unlauteren Herzens,Wer Orgien himmlischer Kunst nicht sah noch tanzt in dem Chore der Musen,Wen nicht einweiht' in bacchantischen Ton Kratinos, der Stiereverschlinger,Und wer plumpspaßender Worte sich freut, die heran sich drängen zur Unzeit,Wer feindlichen Hader im Volk nicht dämpft, nicht hold und gefällig den Bürgern,Nein, Zwietracht sät und die Glut anschürt, nach eigenem Nutzen verlangend,Wer, Lenker des Staats, wankt dieser im Sturm, ausstreckt nach Geschenken die Hände,Wer Vesten verrät, wer Schiffe verrät und verbotene Waren versendet,Wer andre beschwatzt, für der Flotte Bedarf mit Geld zu bedienen die Feinde,Wer Hekate's Bild mit Gesängen beschmutzt, für kyklische Chöre gedichtet,Auch wer als Redner im Volke benagt den gebührenden Lohn der Poeten.Sei's diesen gesagt, sei's aber gesagt, sei's zum dritten gesagt und geboten:Hebt Euch von dem Chor der Geweihten hinweg! Ihr anderen stimmt den Gesang an,Und beginnt mit der heiligen Feier der Nacht, die dem heutigen Feste gemäß ist!

I. Halbchor:

Nun auf, zieht herzhaft alleZu dem blumigen Schooße der WiesenIn stampfendem Schritte hinab,Mit neckendem Spott,Mit höhnendem Ruf und Gelächter!Denn fromm und ernsthaft wart ihr genug.

Nun auf, zieht herzhaft alleZu dem blumigen Schooße der WiesenIn stampfendem Schritte hinab,Mit neckendem Spott,Mit höhnendem Ruf und Gelächter!Denn fromm und ernsthaft wart ihr genug.

II. Halbchor:

Eilt, eilt nun, daß ihr der Göttin,Der Beschirmerin, heilige LiederAnstimmt aus fröhlichem Mund,Ihr, welche das LandAuf ewig verhieß zu beschirmen,Und sei's auch gegen Thorykions Wunsch!

Eilt, eilt nun, daß ihr der Göttin,Der Beschirmerin, heilige LiederAnstimmt aus fröhlichem Mund,Ihr, welche das LandAuf ewig verhieß zu beschirmen,Und sei's auch gegen Thorykions Wunsch!

Chorführer:

Wohlauf, hebt Hymnen von anderem Klang jetzt an, und verherrlichet preisendDer Demeter Gewalt in begeistertem Lied, der Verleiherin frohen Gedeihens!

Wohlauf, hebt Hymnen von anderem Klang jetzt an, und verherrlichet preisendDer Demeter Gewalt in begeistertem Lied, der Verleiherin frohen Gedeihens!

I. Halbchor:

Du, keuscher Orgien Herrscherin,Demeter, steh' uns gnädig bei,Und schirme selber deinen Chor!Laß ungestört den ganzen TagIn Spiel und Tanz mich freuen!

Du, keuscher Orgien Herrscherin,Demeter, steh' uns gnädig bei,Und schirme selber deinen Chor!Laß ungestört den ganzen TagIn Spiel und Tanz mich freuen!

II. Halbchor:

Laß viel im Ernst und viel im SpaßSich meine Zunge heut ergehn;Und wenn ich würdig deines FestsGelacht, gespottet, laß mich dannAls Sieger stehn im Kranze!

Laß viel im Ernst und viel im SpaßSich meine Zunge heut ergehn;Und wenn ich würdig deines FestsGelacht, gespottet, laß mich dannAls Sieger stehn im Kranze!

Chorführer:

Auf! Eia!Nun auch den jugendschönen GottRuft herbei mit Liedern,Auf daß er uns Genosse seiDieses Reigentanzes!

Auf! Eia!Nun auch den jugendschönen GottRuft herbei mit Liedern,Auf daß er uns Genosse seiDieses Reigentanzes!

Einzelne des Chores:

Jakchos, vielgefeierter, der des FestesAnmutig Lied erfunden, komm, geleit unsZur Göttin hin,Und zeige, wie du mühelosDie weite Bahn zurücklegst!

Jakchos, vielgefeierter, der des FestesAnmutig Lied erfunden, komm, geleit unsZur Göttin hin,Und zeige, wie du mühelosDie weite Bahn zurücklegst!

Der ganze Chor:

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

Denn du zerrissest, daß wir zum GelächterArmselig aussehn, dieses Paar Sandälchen,Dies Fetzenkleid,Und schafftest, daß wir ungestraftIn Spiel und Tanz uns freuen.

Denn du zerrissest, daß wir zum GelächterArmselig aussehn, dieses Paar Sandälchen,Dies Fetzenkleid,Und schafftest, daß wir ungestraftIn Spiel und Tanz uns freuen.

Der ganze Chor:

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

Denn eben, als ich nach dem Dirnchen seitwärtsHinüberblinzelte nach der allerliebsten Mittänzerin,Da sah ich des Hemdchens SchlitzUnd weiße Brüstchen gucken.

Denn eben, als ich nach dem Dirnchen seitwärtsHinüberblinzelte nach der allerliebsten Mittänzerin,Da sah ich des Hemdchens SchlitzUnd weiße Brüstchen gucken.

Chorführer:

So wandeltJetzt nach der Göttin heiligem Rund,Nach dem Blumenhaine,Froh scherzend, ihr, des heiligenGötterfestes Genossen!Ich, sammt den Mädchen und Frau'n,Ziehe hin zum NachtfestDer Göttin, um die heiligeFackel dort zu tragen.

So wandeltJetzt nach der Göttin heiligem Rund,Nach dem Blumenhaine,Froh scherzend, ihr, des heiligenGötterfestes Genossen!Ich, sammt den Mädchen und Frau'n,Ziehe hin zum NachtfestDer Göttin, um die heiligeFackel dort zu tragen.

Chor:

Ja, wandeln wir zum Rosenhain,Zu blumenreichen Auen,Und scherzen in alter Art,Zum lieblichsten Tanz gesellt,Den wieder erwecken hierDie seligen Mören.Denn uns allein strahlt SonnenglanzUnd heitern Lichtes Helle,Uns, die die Weihen wir einstEmpfangen und frommen BrauchAn Fremdlingen stets geübtUnd Bürgern.

Ja, wandeln wir zum Rosenhain,Zu blumenreichen Auen,Und scherzen in alter Art,Zum lieblichsten Tanz gesellt,Den wieder erwecken hierDie seligen Mören.

Denn uns allein strahlt SonnenglanzUnd heitern Lichtes Helle,Uns, die die Weihen wir einstEmpfangen und frommen BrauchAn Fremdlingen stets geübtUnd Bürgern.

An einzelnen Tagen mußten die Mysten fasten, doch nur bis zum Anbruch der Nacht. Alsdann genossen sie zuerst den Kykeon[595], einen Mischtrank aus Mehl und Wasser, der mit Polei und anderen Zuthaten gewürzt war, und darauf, wozu sie Lust hatten mit Ausnahme gewisser verbotener Speisen.[596]Es wurde auch etwas Speise aus einer Kiste genommen, und nachdem man davon gekostet, in einen Korb und aus diesem wieder in die Kiste gelegt. Darauf bezieht sich die Formel, die als Erkennungszeichen für die Mysten gedient haben soll: „Ich fastete, ich trank den Kykeon, ich nahm aus der Kiste, ich kostete, ich legte in den Korb und aus dem Korbe in die Kiste.“ Die Speise, die man der Kiste entnahm, war wahrscheinlich Sesamkuchen. Solche Kuchen wurden für die Feier in einer eigentümlichen Form, worüber später bei denThesmophoriennäheres, gebacken. Man meint, die Kiste bedeutete die Erde, aus der der Mensch seine Nahrung entnimmt, von der er einen Teil verzehrt, einen anderen in der Scheuer (dem Korbe) verwahrt, um ihn dann aus dieser, als Saatkorn, der Erde zurückzugeben.

Im Telesterion selbst, in Räumen, die nur für die Mysten selbst zugänglich waren, – jeder einzelne wird sich hier haben legitimierenmüssen, nachdem durch den Ruf des Hierokeryx, des heiligen Herolds, allen Profanen geboten war, sich zu entfernen, – fanden dann diejenigen liturgischen Akte statt, die den eigentlichen Hauptteil der Mysterien ausmachten, – die letzte Weihe,epopteiagenannt. Nach einer Wiederholung des Mysten-Eides, der Formeln, der sogen. kleinen Weihen, der Reinigung, des Glückwunsches an die Initiierten (Neueingeweihten) fand im Vortempel die letzte Vorbereitung für diese letzte Weihe statt. Darauf: „alle Schrecken der Nacht, Blitze, die durchs Dunkel zuckten“ (Saintecroix I. p. 348. Dio Chrysost. Op. XII. V. I, p. 387. Reiske), Stimmen und furchtbare Töne, Schreckgestalten, Todesangst (Plutarch, Fragm. de anima p. 136). „Einige werden zu Boden geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den Thäter entdecken zu können.“ (Achill. Tatian, V. 23). Endlich wird der Vorhang hinweggezogen, der bisher das Allerheiligste verhüllt hat. Dieser Schlußakt heißtautopsie„Selbstschau“. Ein taghelles Licht strahlt aus dem Allerheiligsten hervor, die Priester stehen da in stattlichem und bedeutungsvollem Schmuck, Chöre von Sängern und Musikern im Hintergrunde: der Hierophant tritt hervor und zeigt die Heiligtümer, jedes einzeln, und offenbart, was über ihre Bedeutung nur den Eingeweihten zu wissen vergönnt ist: die Chöre lassen ihre Lieder zur Verherrlichung der Götter und ihrer Macht und Segensgaben erschallen.

„Wir mögen begreifen“, bemerktSchoemann, griech. Altertümer II, 376, dessen Darstellung ich im wesentlichen folgte, „wie die Gläubigen, denen jene Heiligtümer, jene Götter wirklich als Götter gelten, aufs Tiefste davon ergriffen und von frommen Gefühlen erfüllt werden konnten. Dann aber lassen ausdrückliche Zeugnisse uns nicht daran zweifeln, daß dieses Zeigen der Heiligtümer und die sich daran schließenden Vorträge und Gesänge keineswegs alles waren, sondern, daß es auch nachahmende Darstellungen gegeben habe, durch welche, was in den heiligen Sagen von den Thaten und Leiden der Götter überliefert war, in lebendiger Vergegenwärtigung der Schauenden vor die Augen trat.“ – „Es ist übrigens wohl anzunehmen, daß die Enthüllungen der mystischen Heiligtümer und die mimischen Darstellungen der heiligen Geschichten nicht alle in einer und derselben Nacht stattfanden, und nicht alle Mystenauf einmal zugelassen wurden, um zur Epoptie zu gelangen, sondern daß sie in verschiedenen Abteilungen an die Reihe kamen.“

Vorgestellt wurden wahrscheinlich 1. das Blumenpflücken und die Entführung der Kore (Persephone). Vgl.Ovid. Metamorph. V, v. 340–675. Kore spielt mit den Okeaninen. Auf grüner Wiese spielen die Götterkinder, Blumen pflückend, Krokos, Veilchen, Rosen, und was sonst Griechenlands Fluren beim ersten Frühlinge Anmutiges darbieten. Da läßt Gäa den verhängnisvollen Narciß wachsen. Kore greift darnach; alsbald weicht die Erde unter ihren Füßen und sie wird eine Beute desHades-Aïdoneus.

2. Das Suchen der Demeter: sie hört den letzten Schrei der Tochter, da ergreift sie heftigster Schmerz. Es ist der Schmerz einer Mutter, der man ihr Liebstes geraubt. Zerrissen der Schleier, die Locken gelöst, verhüllt in das schwarze Gewand der Trauer, eilt die Göttin in fliegender Hast über Land und Meer, immer spähend ohne Auskunft zu finden. Denn niemand wagt es, ihr die Wahrheit zu sagen, „weder ein Gott, noch ein Mensch, noch ein Vogel.“

3. Demeters Ankunft in Eleusis: Sie tilgt das Göttliche an ihrer Erscheinung und wird eine gemeine Magd, bei hohen Jahren, von adeligem Aussehen, aber leidend und des Trostes bedürftig. So war sie lange unter den Menschen umhergeirrt, ungesellig, einsam in ihrem Grame. So kommt sie nach Eleusis und setzt sich an der Landstraße, neben dem Brunnen der Jungfrauen. Hier wird sie von der Baubo aufgenommen, die auch Jambe[597]genannt wird, der Frau des Dysaules. Der Name Dysaules verrät die Unwirtlichkeit der Lebensart, die Demeter vorfand. Es waren arme Menschen, die unbekannt mit dem Segen des Ackerbaues von Beeren und Eicheln lebten. Baubo bedeutet Pflegerin, Amme des Jakchos, des eleusinischen Dionysos oder Zagreus, den Kore vor ihrer Entführung geboren hatte. Baubo ist es, die nun der Göttin den Kykeon reicht und sie durch eine unzüchtige Geberde wieder zum Lachen bringt. Daher das Kleideraufheben der Frauen und das Trinken des Mischtrankes in den ausgelassenen Episoden der Feier. Demeter übernimmt nun die Pflege des Kindes, dem sie, indem siees ins Feuer hält, die Unsterblichkeit zu verschaffen sucht; das Fleischliche als Sitz des Sterblichen soll weggebrannt werden.

4. Das Wiederfinden der Persephone und die Stiftung des Ackerbaues. Von dem Schweinehirten Eubulos erfährt Demeter den Ort, wo Pluton mit der Kore in den Hades hinabgefahren. Eubulos und Triptolemos hatten ihre Heerden dort geweidet, darum konnten sie Bericht geben. Demeter geht darauf selbst in den Hades und führt die Kore wieder aus der Unterwelt empor. – Aus Dankbarkeit übergiebt sie dem Eubulos und Triptolemos die ersten Cerealien und unterweist sie im Pflügen und Säen, und zwar in einem doppelten Sinne.[598]

Zum Schluß Einsetzung der Mysterien, wobei Dysaules, Eumolpos, Triptolemos die ersten Priester werden. Gegen Ende der Feierlichkeiten wurden zwei thönerne Gefäße mit Wein gefüllt und das eine nach Osten, das andere nach Westen unter Aussprechen mystischer Formeln ausgegossen. Auch bekränzten sich die Mysten mit Myrten.

Endlich erfolgte der Beschluß, indem der Hierophant die Entlassungsformel sprach. Diese Formel, welcheκόγξ ὄμπαξ(conx ompax) lautete, hat zu seltsamen Deutungen Veranlassung gegeben. Die griechische Bedeutung und Herkunft der Worte ist nicht nachweisbar. Nicht geringes Aufsehen machte es nun, als Mitte dieses Jahrhunderts der Engländer Wilforce inκόγξ ὄμπαξdie indische Formel wiederzufinden glaubte, womit dieBraminennoch jetzt ihre gottesdienstlichen Versammlungen schließen. Diese lautet:Canscha-Om-Pacsha.Canschabezeichnet den Ort des höchsten Sehnens;Omdas heilige Wort, womit die höchste Gottheit, das ewige Wesen, bezeichnet wird;Pacshaheißt Wechselung, Wanderung, Reihe, Ordnung, Pflicht.

Forscher, wie Muenter, Creuzer (Symbolik IV. 399), Schelling, glaubten hiermit sei das Rätsel gelöst und zugleich sei damit die Herkunft der Mysterien von Indien bestätigt. Dagegen machte Lobeck in seinem höchst gelehrten lateinisch geschriebenen BucheAglaophamus sive de theologiae mysticae graecorum causis, diese Ableitung lächerlich. Obwohl der Versuch Lobecks seinerseitseine rein griechische Entstehung der Worte aus Naturlauten, die das Umkippen der Wasseruhr nachahmen sollen, zu versuchen, mir auch sehr zweifelhaft erscheint, möchte ich doch die Annahme einer indischen Herkunft der fraglichen Entlassungsworte für ebenso gewagt erachten.

Noch gewagter und meines Erachtens in verschiedenen Richtungen noch leichter widerlegbar ist freilich der Versuch du Prels (die Mystik der alten Griechen S. 68–120), zur Erklärung der Mysterien, wenigstens derEleusinischen, denSpiritismusheranzuziehen. Er nimmt an, daß jene geheimen Weihen, die wir eben beschrieben, nichts anderes als spiritistische Sitzungen mit allen dazu gehörigen „physikalischen“ und „dämonischen“ Phänomenen, „Materialisationen“, usw. gewesen seien. Schon die große Menge der Beteiligten sollte diese Annahme selbst für einen von der Möglichkeit derartiger „spiritistischer“ Phänomene überzeugten „Occultisten“ ausschließen. Eigentlich spiritistische oder diesen analoge hypnotische Manipulationen mögen bei einzelnen der späteren besonderen Geheim-Conventikel syrischen und egyptischen Ursprungs zumal in der Zeit des Verfalls der hellenischen Kultur üblich gewesen sein; im Rahmen der staatlich offiziellen Eleusinien erscheinen sie undenkbar. Vielmehr sind die Erscheinungen der eleusinischen Epoptie zweifellos durchweg auf theatralische Vorstellungen ohne jeden Nebengedanken bewußter Täuschung zurückzuführen und insofern den mittelalterlichen kirchlichen Mysterien, deren Reste wir z. B. in den Oberammergauer Passionsspielen vor uns haben, gleich zu stellen. Was gezeigt wurde, war wesentlich dramatische und mimische Symbolik. Vielleicht war dieselbe in der nachklassischen Zeit auch mit belehrenden, die „Allegorie“ direkt erläuternden Vorträgen verbunden, für die vorchristliche Zeit steht nach den gründlichen UntersuchungenLobecks a. a. O.das Gegenteil fest; damals wurde das Verständnis des tieferen Sinnes entweder vorausgesetzt oder der privaten Erklärung, etwa durch den Mystagogen d. h. diejenige Person, welche die Einführung des Einzelnen in den Geheimkult vermittelte, überlassen. Wir dürfen uns freilich keine zu geringschätzige Ansicht über die Theatertechnik der alten Griechen machen; dieselben verfügten über außerordentlich sinnreiche Theatermaschinen. (Vgl. die Skene der Hellenen, von GymnasiallehrerR. Kuhlenbeck,Gymnasial-Programm, Osnabrück 1875.) In den Fundamenten des von Perikles erbauten, 20–30 000 Menschen fassenden Weihetempels zu Eleusis hat man sogar interessante Überreste der Maschinenräume, von denen aus die mystischen Phantasmagorien[599]ins Werk gesetzt worden sind, nachgewiesen. (S. Wheler, Chandler Reisen in Griechenland, Leipzig 1777.) Die gewaltige Wirkung ästhetisch-sinnlicher Symbolik, die wir ja heutzutage noch an der Eindrucksfähigkeit des katholischen Kultus beobachten können, erklärt aber auch genügend den überzeugenden unvergeßlichen Eindruck der heiligen Handlungen auf die einer ästhetischen Entzückung mit allem künstlerischen Raffinement durch eine Reihe von systematisch darauf abzielenden Festlichkeiten immer näher geführten Epopten. Vgl. Schillers Marie Stuart:

Mortimer:

„Wie ward mir, Königin!Als mir der Säulen Pracht und SiegesbogenEntgegenstieg, des Kolosseums HerrlichkeitDen Staunenden umfing, ein hoher BildnergeistIn seine heitre Wunderwelt mich einschloß.“Wie wurde mir, als ich ins Innre nunDer Kirchen trat, und die Musik der HimmelHerunterstieg, und der Gestalten FülleVerschwenderisch aus Wand und Decke quoll,Das Herrlichste und Höchste gegenwärtig,Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn,Die heil'ge Mutter, die herabgestieg'neDreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung, usw.

„Wie ward mir, Königin!Als mir der Säulen Pracht und SiegesbogenEntgegenstieg, des Kolosseums HerrlichkeitDen Staunenden umfing, ein hoher BildnergeistIn seine heitre Wunderwelt mich einschloß.“

Wie wurde mir, als ich ins Innre nunDer Kirchen trat, und die Musik der HimmelHerunterstieg, und der Gestalten FülleVerschwenderisch aus Wand und Decke quoll,Das Herrlichste und Höchste gegenwärtig,Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn,Die heil'ge Mutter, die herabgestieg'neDreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung, usw.

So wird es uns begreiflich, wenn Pindar[600]singt:

„Glücklich ist, wer der eleusinischen Wahrheiten KennerIn die Gruft des Todes hinabsteigt.Er kennt den Ausgang des Lebens,Kennt den gottverliehenen Anfang.“

„Glücklich ist, wer der eleusinischen Wahrheiten KennerIn die Gruft des Todes hinabsteigt.Er kennt den Ausgang des Lebens,Kennt den gottverliehenen Anfang.“

oder Sophokles:

„Wie höchstbeglückt gelangen die ins Schattenreich,Die eingeweiht sind. Sie leben dort allein,Den andern ist nur Not und Ungemach bestimmt.“

„Wie höchstbeglückt gelangen die ins Schattenreich,Die eingeweiht sind. Sie leben dort allein,Den andern ist nur Not und Ungemach bestimmt.“

oder wenn Isocrates schreibt, daß die, welche in die eleusinischen Mysterien eingeweiht sind, beseligende Hoffnungen bezüglich des Lebensendes und der ganzen Ewigkeit erlangen; und Cicero: „Athen hat zwar manches Vortreffliche geschaffen, aber gewiß nichts Besseres, als jene Mysterien, durch die wir aus einer rohen und uncivilisierten Lebensweise zur wahren Bildung geführt sind und in die wahren Prinzipien des Lebens eingeweiht, über das Rätsel des Lebens aufgeklärt werden, sodaß wir nicht nur mit größerer Freude das Leben zu genießen, sondern auch mit besserer Hoffnung zu sterben gelernt haben.“

Was war denn nun der wesentliche Inhalt der Lehre, die der Eingeweihte aus den Symbolen und dramatischen Handlungen der eleusinischen Mysterien entnahm? Zunächst allerdings nichts „occultistisches“, sondern die civilisatorische Bedeutung des Ackerbaues, wie sie Schiller in seinem Gedicht: das „eleusinische Fest“ so unübertrefflich schildert.

„Ceres“, singt Ovid, „Ceres zuerst hat Schollen mit hackigem Pfluge gewühlet,Ceres zuerst gab Früchte dem Land' und mildere Nahrung;Ceres gab die Gesetze; durch Ceres Geschenk sind wir Alles!“

„Ceres“, singt Ovid, „Ceres zuerst hat Schollen mit hackigem Pfluge gewühlet,Ceres zuerst gab Früchte dem Land' und mildere Nahrung;Ceres gab die Gesetze; durch Ceres Geschenk sind wir Alles!“

Vor allem verehrte man in der Demeter die unerschöpfliche üppige ewig jugendliche Naturkraft, die starke, nährende Mutter der lebenden Wesen; unddementsprechend trug die Feier vorwiegend den Charakter des freudigen Erntefestes.

„Deo, du göttlicheMutterdes All's, vielnamiges Wesen,Jugendernährerindu, Glückspenderin, hehre Demeter,Segenquell', im Ährengesproß, allgebende Gottheit,Welche der Frieden ergötzt und die Mühsal ihres Berufes;Dein ist die Saat, dein Garben und Tenn', o Göttin desFruchtgrüns,Die Du Dir Wohnung erkorst in Eleusis heiligen Hallen!Anmutsvoll, liebreizend, der Menschen Ernährerin allwärts;Welche zuerst zum Pflügen gebeugt den Nacken des Stieres,Und dem Sterblichen gab den lieblichen Segen der Nahrung;Wuchernder Blüte, Genossin des Bromios, glänzender EhreFackel umstrahlt, urrein, die im Sommer sich freute der Sichel,Jetzt in der Tief', aufsteigend anjetzt, jetzt jeglichem milde,Kinderbeglückt, den Jünglingen hold, du Nährerin, Männin,Welche mit Drachengebiß den rollenden Wagen bespannt hat,Und in kreisendem Lauf um den eigenen Thron froh jauchzet!Eingeburt,an Sprößlingen reich, voll waltender Obmacht,In der Gestalten Gedräng' hehrblühender, buntes Geblümes,Selige, komm, urreine,beladen mit Früchten der Ernte;Frieden bringe zurück und des Rechtes gefällige Satzung,Überströmende Füll' und königliche Gesundheit.“[601]

„Deo, du göttlicheMutterdes All's, vielnamiges Wesen,Jugendernährerindu, Glückspenderin, hehre Demeter,Segenquell', im Ährengesproß, allgebende Gottheit,Welche der Frieden ergötzt und die Mühsal ihres Berufes;Dein ist die Saat, dein Garben und Tenn', o Göttin desFruchtgrüns,Die Du Dir Wohnung erkorst in Eleusis heiligen Hallen!Anmutsvoll, liebreizend, der Menschen Ernährerin allwärts;Welche zuerst zum Pflügen gebeugt den Nacken des Stieres,Und dem Sterblichen gab den lieblichen Segen der Nahrung;Wuchernder Blüte, Genossin des Bromios, glänzender EhreFackel umstrahlt, urrein, die im Sommer sich freute der Sichel,Jetzt in der Tief', aufsteigend anjetzt, jetzt jeglichem milde,Kinderbeglückt, den Jünglingen hold, du Nährerin, Männin,Welche mit Drachengebiß den rollenden Wagen bespannt hat,Und in kreisendem Lauf um den eigenen Thron froh jauchzet!Eingeburt,an Sprößlingen reich, voll waltender Obmacht,In der Gestalten Gedräng' hehrblühender, buntes Geblümes,Selige, komm, urreine,beladen mit Früchten der Ernte;Frieden bringe zurück und des Rechtes gefällige Satzung,Überströmende Füll' und königliche Gesundheit.“[601]

Soweit geht die Lehre auf vollste Lebensbejahung, auf einen genußreichen Optimismus.

Aber dem Herbste folgt der Winter, dem Leben der Tod. Und so hat das Erntefest auch seine Kehrseite. Hier nun setzt der Mythus vom Raub der Persephone ein, und damit zugleich der tiefere „occultistische“ Kern der Geheimlehre. Die Vegetation der Erde verfällt dem Tode; allein gleichzeitig ist die Hoffnung auf ihreWiederkehrim Kreislauf des Jahres, die Hoffnung auf das neue Erwachen im Frühling begründet. Die Saat wird in die Erde gesenkt, aber nur um aus scheinbarer Verwesung aufs Neue zu erblühen. So entnimmt der Mensch für sich selber aus der Natur die Hoffnung der eigenen Unsterblichkeit, der Wiederkehr zum Leben. Aus dem einfachen Erntefeste wird so eine Feier der Unsterblichkeit. In welcher Weise man sich diese Unsterblichkeit denken wollte, das wurde in der klassischen Zeit dem einzelnen überlassen. Vgl.Preller, Demeter und Persephone, S. 233. Man zog nach dem uralten Symbol des Saatkorns auch andere Natur-Analogienz. B. die der Raupe, aus deren Puppe der Schmetterling des nächsten Jahres entsteht, herbei, und nachweislich ist ja die reizende Sage von Eros und Psyche ebenfalls ein Zubehör des eleusinischen Dichtungskreises.

Später nahm man zumeist das irdische Dasein selber für das niedere, aus dem der Tod für die Eingeweihten wenigstens den Aufgang zu einem besseren himmlischen Dasein eröffnet. „Was der Mythus Unterwelt nennt“, schreibtW. Menzel a. a. O. S. 29, „ist unsere sichtbare mit Menschen und anderen Geschöpfen erfüllte Oberwelt und als untere nur deshalb bezeichnet, weil die himmlische Welt über ihr liegt. Das in die Erde begrabene Saatkorn, welches wieder zum Licht emporgrünt, ist nur ein Sinnbild der aus dem Himmel ins irdische Dasein gefallenen, aber wieder zu ihm zurückkehrenden Seele.“ Persephone wird damit eine Personifikation der Menschheit, die vom Himmel herabsank. „Demeter wird diehimmlischeMutter, welche über ihre in unsere irdische Natur verbannten Kinder wacht, ganz wie die deutsche Göttin Bertha über ihre Heimchen.“

Wie sich der dionysische Geheimdienst (durch Jakchos) allmählich mit der eleusinischen, ursprünglich rein cerealischen Feier verquickt, so wird auch Ceres, Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter, wie Dionys, eine Gottheit der Erniedrigung und Erhöhung. Es giebt einen Aufgang und Niedergang der Geister, und über diesem waltet die Allmutter, Demeter und die Königin der Geister, die Manenkönigin Persephone. Ob man sich nach dem Tode wieder zu weiterem Niedergang oder zum Aufgang wendet, das hängt von der Erkenntnis ab, vom Wiedererinnern des göttlichen Ursprungs, aus dem Neugierde zum Fall und Vergessenheit führte (Eros und Psyche). Diese Erkenntnis verschafft die Weihe. „Nur die in den Mysterien Eingeweihten, die durch Reinigungen und Belehrungen sich der Erreichung höherer Erkenntnisstufen würdig gemacht haben, erfreuen sich schon in diesem Leben aller Vorteile der Gesetzlichkeit und Civilisation, und werden die Einzigen sein, denen die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden im Himmel zu teil werden“; ihnen allein „strahlt Sonnenglanz und Lichtes Helle.“

Creuzer, Symbolik IV § 21giebt folgendespekulativeAnalyse des Inhalts der eleusinischen Lehre auf Grund der Theologumenen des Nicomachus: Die Pythagoräer haben die Zweiheit (Dyas) auch Demetra und Eleusinia genannt. – Darum ist sie die heilige Zahl derEheund heißt auch Mutter und Amme (Maria). Nach Plotinos ist die Seele eine Zahl, hervorgetreten und abgefallen aus dem Einen. Warum, fragt er, ist das Eins nicht in sich geblieben, und warum das Viele daraus hervorgeflossen? – Die Weltseele ist schon ein Abfall aus der Einheit, die Menschenseele wird gar, durch eine Trunkenheit schwindelnd gemacht, herabgezogen in den Leib, Ceres (Demeter) aber ist die Erdseele, und heißt bestimmt Dyas. Die Dyas ist die Mutter der Zahl und heißt weiblich, und als solchealma mater, Nährmutter. Insofern aber das weibliche Prinzip nicht außer, sondern noch in der Einheit ist, ist es die Kraft in Zeus (ἀρετή); es ist Hecate (Kore), die das Jungfräuliche nicht lassen will, Artemis die reine Jungfrau, Minerva in Jupiters Haupt. Das sind die drei Jungfrauen der alten Mysterien. Aber wenn Kore sich mit Zeus und Pluto begattet, so heißt das nach Eleusinischer Lehre: Die Kore istLebensquell im Weltall. Sie webt; ihr Gewebe ist die Schöpfung beseelter Wesen. Aber Minerva ist auch ganz in ihr. Minerva ist in ihrφιλόσοφος φιλοπόλεμος, Krieg- und Weisheit liebende, und sie in der Minerva. Kore ist aber auch die Kraft, die von der Demeternach untenwirkt, diezeugende Seele; als Jungfräuliche aber in der Höhe die Zurückführerin der Seelennach oben. Nun werden wir wohl von selbst die verschiedenen Namen der Dyas bei den Pythagoräern (offenbar Orphische Lehre und zugleich Lehre der Eleusinien) verstehen, welche nichts als mythische Ausdrücke für theologische sind:ἡ μυϑοπλαστία ϑεολογεῖ, sagt Nicomachus.

Diese Namengebung ist aber nicht blindlings ersonnen, sondern sie hat sich anTraditionundalte Lehregehalten. Wir wissen jetzt denGrund, warum die DyasDemeterhieß undEleusinia.Das war die Weltmutter, die einst den bunten Becher der geteilten Natur ausgeleert hatte; Isis, die ihrem Sohne Horus den Naturbecher reicht. Es war die Erdseele, die Materie, die Weberin materieller Leiber; die Nährmutter, die das Samenkornund mit ihm geteilten Besitz und Hader und Tod gebracht. Die Toten sind Demetrier.Die obere Kore führt sie wieder aus dem Vielen durch das Zwei in das Eine zurück. Das Widerstreben des sich in der bunten Welt gestaltenden Menschengeistes stellt die Eleusinische Lehre in Bildern dar. Es bedarf Kämpfe und Reinigungen: Das ist der Kampf und Krieg von Eleusis, und darum nannte, von der Haderstadt Eleusis, der Pythagoräer die Zweiheit und Zwietracht Demeter und Eleusine.

Zu den cerealischen Mysterien gehörten auch die Thesmophorien. Die Feier derselben verdient sowohl ihres eigentümlichen Charakters wegen, der sie vor den Eleusinien auszeichnet, – es handelt sich nämlich um einausschließlich von Frauen begangenes Fest–, als auch deshalb noch besonders dargestellt zu werden, weil in ihr eine von den bloß agrarischen und auf das Jenseits bezüglichen Symbolen sehr verschiedene, sozusagen soziale Beziehung des Demeterkultus zu Tage tritt. Sie bietet interessante kulturgeschichtliche Momente. Der Beiname Thesmophoros, d. h.Gesetzgeberin[602], kennzeichnet die Demeter als Stifterin des Gesetzes.Θεσμοί, Satzungen, heißen die ältesten Gesetze, z. B. die des Draco. In den Thesmophorien wird der Ackerbau als dasfruchtbarste Prinzip der Humanität, als Anfang allseitiger Veredelung, als Grenze zwischen dem unstäten Nomadenleben und zwischen dem auf feste Wohnsitze gegründetengeordneten Familien- und Staatslebengefeiert. Die Gedanken, welchen Schiller in seiner Ballade: „Das Eleusische Fest“ eine so klassische poetische Einkleidung gegeben hat, bilden eigentlich weniger den Hintergrund der eigentlichen Eleusinien, als vielmehr der Thesmophorien.

„Daß der Mensch zum Menschen werde,Stift er einen ew'gen Bund,Gläubig mit der frommen Erde,Seinem mütterlichen Grund,Ehre das Gesetz der ZeitenUnd der Monde heil'gen Gang,Welche still gemessen schreitenIm melodischen Gesang.Freiheit liebt das Tier der Wüste,Frei im Äther herrscht der Gott,Ihrer Brust gewalt'ge LüsteZähmet das Naturgebot;Doch der Mensch in ihrer MitteSoll sich an den Menschen reihn,Und allein durch seine SitteKann er frei und mächtig sein.“

„Daß der Mensch zum Menschen werde,Stift er einen ew'gen Bund,Gläubig mit der frommen Erde,Seinem mütterlichen Grund,Ehre das Gesetz der ZeitenUnd der Monde heil'gen Gang,Welche still gemessen schreitenIm melodischen Gesang.

Freiheit liebt das Tier der Wüste,Frei im Äther herrscht der Gott,Ihrer Brust gewalt'ge LüsteZähmet das Naturgebot;Doch der Mensch in ihrer MitteSoll sich an den Menschen reihn,Und allein durch seine SitteKann er frei und mächtig sein.“

Als wichtigste Satzung aber, als Fundament des geordneten Familienlebens und des Staates galt auch den Griechen dieEhe.

Darum ist es vor allem die Ehe und alles, was mit dieser zusammenhängt, was den Gegenstand der Thesmophorien bildet. Man kann sie als dasMysterium der Ehebezeichnen. „Die rechtmäßige, gesetzliche Ehe“, schreibt W. Menzel, a. a. O. S. 19, „verhielt sich zur wilden Ehe oder zum Concubinat, wie die geregelt auf dem Acker stehende goldne Saat zum wilden Unkraut der Steppe und des Waldes. Die edlere Gesittung, die aus der ehelichen Pflicht erwächst, wurde so hoch angeschlagen, als sie es verdient, und lange, bevor Schiller sang: Ehret die Frauen! wurden sie in Hellas auf die würdigste Weise verehrt.“

Dabei vergißt freilich W. Menzel zu bemerken, daß dienatürlich-geschlechtlicheBasis der Ehe in den Thesmophorien in einer so unzweideutigen Weise hervorgekehrt und in den Vordergrund gestellt wurde, wie es unserer germanischenchristlich gesittetenAnschauung fast unbegreiflich erscheinen muß.

„Willst du genau erfahren, was sich ziemt,So frage nur bei edlen Frauen an!“

„Willst du genau erfahren, was sich ziemt,So frage nur bei edlen Frauen an!“

sagt zwar Goethe.

Einige Einzelheiten der Thesmophorien müssen uns aber bezweifeln lassen, ob dieses Dichterwort auch schon für die edlen Frauen des Altertums Geltung beanspruchen darf; – jedenfalls werden etwaige Leserinnen, denen übrigens geraten werden darf, diesen Abschnitt über die Thesmophorien zu überschlagen, falls sie ihn dennoch lesen, stellenweise Veranlassung haben, über den Mangel an Dezenz bei den althellenischen Frauen sich zu entrüsten. Wenn ich selbst keinen Anstand nehme, auch über diese grobsinnlichen Natürlichkeiten der Thesmophorien Bericht zu erstatten, so bedarf ich wohl bei dem vorwiegend kulturgeschichtlichen Standpunkte meiner Arbeit keiner Entschuldigung. Es ist von nicht geringem Interesse, den gewaltigen Fortschritt zu konstatieren, den die christliche Religion und daneben vor allem derbessere Volkstypus der Germanen, der für die christliche Religion erst den angemessenen Boden bot, für die Erziehung und Würde des Weibes bezeichnet. In unserer dem Christentum leider nicht eben sehr günstig gesinnten Zeit kann eine getreue Schilderung der Thesmophorien als Warnungszeichen gelten dafür, wie weit eine reinnaturalistischeWeltanschauung, – eine solche war ja diejenige des heidnischen Altertums im vollsten Sinne, – selbst dann, wenn sie dieHeiligkeitder Ehe feiern will, das Weib erniedrigte.

Die Thesmophorien waren eine uralte Feier; ihre Stiftung war in mythisches Dunkel gehüllt, nach Herodot (II, 171) ist sie noch vor diejenige der Eleusinien, mindestens 1568 Jahre vor Christi Geburt zurückzudatieren. „Auch über die Weihen der Demeter, die bei den Hellenen Thesmophoria oder Gesetzgebung heißen“, schreibt Herodot, „auch darüber halte ich reinen Mund, ohne was zu sagen davon erlaubt ist.Die Töchter des Danaos brachten dieselben aus Egypten mit und lehrten sie den pelasgischen Weibern.“

Die Thesmophorien waren ein Saatfest; sie fielen in den Monat Pyanepsion, nach dem herbstlichen Äquinoktium, in dem der Acker neugepflügt und das Winterkorn gesät wurde.

Das Pflügen und Säen hatte bei den alten Hellenen von jeher die Nebenbedeutung der geschlechtlichen Vereinigung. So sagt Kreon in der Antigone des Sophokles unter Anspielung auf diese Zweideutigkeit zum Hämon:


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