„Noch andre Fluren giebt es, die du pflügen kannst.“
„Noch andre Fluren giebt es, die du pflügen kannst.“
Und Demeter galt daher ganz besonders auch als die Göttin dieses Schluß-Mysteriums der „Liebe“, in weit bevorzugterem Sinne, als selbst Afrodite, die in ihrer hellenischen Idealisierung viel mehr eine Göttin der Schönheit und des Liebreizes, als der bloßen Fortpflanzung ist. Darum unterweist sie selber nach dem Mythos ihre Schützlinge, den Celeus, den Jasion oder Triptolemos nicht nur im Pflügen und Säen in rein agronomischer, sondern auch in dieserübertragenenBedeutung, wie es Goethe in der 12. seiner römischen Elegieen mit folgenden Versen beschreibt:
„Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht.Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.Und was war das Geheimnis? als daß Demeter, die Große,Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt,Als sie dem Jasion einst, dem rüstigen König der Kreter,Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegönnt.Da war Kreta beglückt! Das Hochzeitsbette der GöttinSchwoll von Ähren; und reich drückte den Acker die Saat.“
„Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht.Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.Und was war das Geheimnis? als daß Demeter, die Große,Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt,Als sie dem Jasion einst, dem rüstigen König der Kreter,Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegönnt.Da war Kreta beglückt! Das Hochzeitsbette der GöttinSchwoll von Ähren; und reich drückte den Acker die Saat.“
Um dieses „Geheimnis“ nun drehte sich das ganze Thun und Treiben des Frauenfestes der Herbstsaat, allerdings mit der Einschränkung, daß zugleich die gesetzlich geheiligteehelicheForm derselben gefeiert, die ungesetzliche aber verpönt wurde.[603]
So soll nach Clemens (Alex. Strom. IV. p. 619) die athenische Priesterin Theano, gefragt: wie viel Tage eine Frau, die ihrem Manne beigewohnt habe, warten müsse, ehe sie dem Fest der Thesmophorien vorstehen dürfe, geantwortet haben: keinen. Als man sie aber frug, an welchem Tage sie dem Feste beiwohnen dürfe, nachdem sie einen andern Mann umarmt hätte, antwortete sie: niemals.
Mit dieser Anekdote ist freilich der sicher beglaubigte Umstand nicht gut zu vereinigen, daß zur Vorbereitung des Festes (paraskeve) vorerst neuntägige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr überhaupt gehört hat. So schreibt z. B.Ovid. Metam. X. 430ff.:
Demeters Jahresfest begehen die Matronen,Den Leib in weißen Kleidern eingehüllt,Und opfern Erstlingsfrüchte von der Ernte,Den Ährenkranz im wohlgepflegten Haar,Neun Nächte lang nun achten sie's für Sünde,Dem Manne sich in Liebe zu vereinen.
Demeters Jahresfest begehen die Matronen,Den Leib in weißen Kleidern eingehüllt,Und opfern Erstlingsfrüchte von der Ernte,Den Ährenkranz im wohlgepflegten Haar,Neun Nächte lang nun achten sie's für Sünde,Dem Manne sich in Liebe zu vereinen.
Creuzer (Symbolik IV. 374) findet darin eine Anspielung auf die neuntägige Ungewißheit und Trauer der Ceres über das Verschwinden der Persephone.
Ein eigenartiges Licht auf die natürliche Sinnlichkeit der griechischen Frau wirft nun dabei die Nachricht, daß die Frauen sich diese Enthaltsamkeit erleichterten, indem sie auf allerlei Kräutern saßen und ruhten, denen besondere Kräfte zur Abstumpfung des Geschlechtstriebes zugeschrieben wurden. Unter andern zählte man dazu dasκνέωρον, aus der GattungDaphne, denλύγος, eine Weidenart (agnus castus, Keuschlamm),κονύζαoderκνύζα(erigeron graveolens). In Milet war die Fichte der Demeter heilig und wurden deren Zweige zu demselben Gebrauche verwandt. (Vgl. Preller, Demeter und Persephone S. 345 Nr. 36.) Den Genuß der Granate mußten die Frauen in dieser Vorbereitungszeit meiden, da derselben eine entgegengesetzte Wirkung beigelegt wurde, weshalb sie gerade umgekehrt als Symbol bei der Hochzeit ihre Rolle spielte und gemeinsam von den Neuverehelichten genossen wurde. Als Persephone in der Unterwelt von der Granate gekostet hat, verliert sie die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr:
„Nach dem Apfel greift sie, und es bindetEwig sie des Orkus Pflicht.“ (Schiller.)
„Nach dem Apfel greift sie, und es bindetEwig sie des Orkus Pflicht.“ (Schiller.)
Seltsamerweise aber bucken sie in derselben Zeit Festkuchen aus feinem Weizenmehl, Sesam und Honig, sog.μύλλοι, die eine sehrobscöneForm hatten, nämlich teils die männliche desPhallus, teils die des weiblichen Organs. Vgl.Athenaeus XIV. 647. NachDelaur, Des divinités generatrices p. 226hat diese Sitte sich in einigen Gegenden Frankreichs erhalten:Dans plusieursparties de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. On en trouve de cette forme dans le ci-devans Bas-Limousin et notamment à Brires. Quelque fois ces pains on „miches“ out les formes du sexe feminin; tels sont ceux que l'on fabrique à Clermont en Auvergne et ailleurs.Näheres beiLobeck, Aglaophamus p. 1067ff.Bryerinus Campagius (de re cibar. VII. 7. 402. 1560)rügt, daß sich diese Unsitte auch in den christlichen Zeiten noch erhalten hat, „adeo degeneravere boni mores, ut etiam Christianis obscoena et pudenda in cibis placeant; sunt enim quoscunnos saccharatosappellent.“
Das eigentliche Fest, zu dem man sich so vorbereitete, dauerte fünf[604], oder nach Wellauer (De Thesmophor.) drei Tage. Wie bereits gesagt, nahmen nur Frauen an der Feier teil,kein Mann durfte nahen, bei strenger Strafe. Am ersten Festtage, dem 9. Pyanepsion (Oktober?) zogen die Frauen in zwanglosen einzelnen Zügen nach Halimus. Dieser Ort lag am Strande des Meeres. Vermutlich nahmen sie hier zum Zwecke der Reinigung und Entsühnung Bäder und Waschungen im Meere vor.[605]
Der Tag hießστήνιαι(Sthenien) angeblich wegen der Neckereien und Scherze, welche die einzelnen sich begegnenden Züge miteinander ausübten. Vermutlich sangen sie keineswegs immer sehr anständige Lieder, die sogar mit allerlei unanständigen Geberden illustriert wurden. Man versammelte sich vor und in dem uralten Tempel der Göttin, wo dann eine nächtliche Orgie gefeiert wurde. Einiges Licht auf die Art der Feier in Halimus wirft ein erst im Jahre 1870 entdecktes Scholion zuLucian, Dial. meretr. II. 1 (Rohde, Rhein. Museum N. F. 25). Die Frauen versenkten neben den Backwerken der vorhin geschilderten Gestalt lebende Ferkel in eine Grube. Angeblich geschah letzteres zur Erinnerung daran, daß Eubulos an der Stelle, wo Pluto die Proserpina zur Unterweltentführte, gerade eine Schweineheerde hütete und daß diese in den sich öffnenden Erdschlund mit hinabgerissen wurde. Das Ferkel hat aber im Griechischen auch noch eine andere den bildlichen Darstellungen der genannten Backwerke durchaus kongruente Nebenbedeutung, wie aus des AristophanesAcharnern V. 755–785deutlich erhellt. Darum wurde es mit Vorliebe der Demeter geopfert. Es ist ein Sinnbild der Fruchtbarkeit.
Die Orgie in Halimus zeichnete sich durch große Ausgelassenheit aus. Man denke sich die Frauen Athens, in der übrigen Zeit des Jahres meist in ihrer Häuslichkeit eingeschlossen, jetzt plötzlich für einige Tage völlig der strengen Obhut entledigt und unter sich beim Opfermahl schwelgend, wobei fast aller Witz sich um den einen, durch eine neuntägige Enthaltsamkeit nur um so mehr erregten, Gedanken des Festes drehte. Besonders wird allseitig berichtet, daß die Handlung der Baubo, durch welche diese die Ceres zuerst in ihrer Trauer erheiterte, von den Weibern mit Vorliebe bei dieser Gelegenheit nachgeahmt wurde. Daß dies auch bei dem Jakchoszuge der Eleusinien vorkam, wurde schon oben erwähnt. Hier, wo nur Frauen unter sich waren, geschah es in weit rückhaltloserer Weise. Genaueres darüber hat der Philologe Lobeck in seinem klassischen leider lateinisch geschriebenen WerkeAglaophamus II. e. 6zusammengestellt. Das deutlichste Licht darauf werfen einige Kirchenväter, die gerade diese schamlose Seite altheidnischer Feste in geschicktester Weise zum Angriffspunkte gegen den Paganismus benutzt haben. Ich citiere den Arnobius, ohne mich jedoch aus begreiflichen Gründen zu einer Übersetzung der von jeder modernen Prüderie allzuweit entfernten Stelle zu bequemen:Baubo accipit hospitio Cererem; sitienti ad ores oggerit potionem cinnum; aversatur et respuit dea. – Tum vertit Baubo artes et quam serio non quibat (poterat) allicere, ludibriorum statuit exhilarare miraculis;partem illam corporis, per quam sexus femineum sobolem solet prodere, facit in speciem laevigari (levigari) nondum duri atque striculi pusionis, redit ad deam tristem et retegit se ipsam,
Sic effata sinu vestem contraxit ab imoObjecitque oculis formatas inguinibus res,Quas cava succutiens Baubo manu, nam puerilisOllis vultus erat, plaudit,contrectat amice.Tum Dea defigens augusti luminis orbes,Tristitias animi paulum mollita reponit;Inde manu poculum sumit, risuque sequentiProducit totum cyceonis laeta liquorem.
Sic effata sinu vestem contraxit ab imoObjecitque oculis formatas inguinibus res,Quas cava succutiens Baubo manu, nam puerilisOllis vultus erat, plaudit,contrectat amice.Tum Dea defigens augusti luminis orbes,Tristitias animi paulum mollita reponit;Inde manu poculum sumit, risuque sequentiProducit totum cyceonis laeta liquorem.
Etwas anders heißt es in den angeblichen Versen des Orpheus:
ὁς εἰπούσα πέπλους ἀνεσύρατο, δεῖξε τε πάντασώματος οὐδὲ πρέποντα τύπον. παῖς δ'ἦεν Ἴακχοςχειρί τε μιν ῥίπτασκε γελών Βαυβοῦς ὑπὸ κόλποις.ἡ δ'ἐπεὶ εἴδησε ϑεὰ, μείδησ' ἐνὶ ϑυμῷδέξατο δ'ἀίολον ἄγγος, ἐν ᾧ κυκεών ἐνέκειτο.
ὁς εἰπούσα πέπλους ἀνεσύρατο, δεῖξε τε πάντασώματος οὐδὲ πρέποντα τύπον. παῖς δ'ἦεν Ἴακχοςχειρί τε μιν ῥίπτασκε γελών Βαυβοῦς ὑπὸ κόλποις.ἡ δ'ἐπεὶ εἴδησε ϑεὰ, μείδησ' ἐνὶ ϑυμῷδέξατο δ'ἀίολον ἄγγος, ἐν ᾧ κυκεών ἐνέκειτο.
Auch belustigte man sich mit Tänzen, über deren Charakter schon die Benennung derselben nicht den mindesten Zweifel gestattet. Einer dieser Tänze hießκνίσμος(Reiz und Lüsternheit), ein andererὄκλασμα(Niederkauern und Spreizen der Beine). Man spielte dasχαλκιδικόν διῶγμα(Greifspiel). Vor allem wurden auch Scenen aus der heiligen Geschichte der Demeter, der Raub der Kore, die Scenen mit Eubulos usw. mimisch aufgeführt. Am folgenden Tag begab man sich in feierlicher Prozession zur Stadt zurück. Hierbei trugen ausgewählte Frauen die Satzungen der Demeter, welche sich auf das eheliche Mysterium bezogen, Schriftrollen in Kapseln auf den Köpfen. Unter anderen Bildern und Symbolen, Phallus usw., trug man dabei ein Kolossalbild derκτείς[606](kteis)voran, welches nichts anderes war als eine keineswegs bloß symbolische, sondern äußerst naturalistische Abbildung des „holden Geheimnisses“ der Ceres, der „weiblichen Scham“.
Creuzer bemerkt (Symbolik IV) zu diesen Schamlosigkeiten: „Man darf die naive Freiheit dieser Gebräuche nicht mit unserem Maßstabe des Schicklichen messen.“
Am folgenden Festtage schlug die Ausgelassenheit in höchste Andacht um; man nannte ihnΝηστείαvon dem strengen Fasten, das an diesem Tage bis zum Eintritt der Nacht gewahrt wurde. In der Nacht begann dann wieder der Orgiasmus, Chorgesänge und Reigen unter Fackelbeleuchtung. Der dritte Tag hießκαλλιγένεια(Calligeneia) vielleicht wegen der von Demeter erflehten Geburt schöner Kinder. „Die ganze Gruppe der von den Thesmophoriazusen gefeierten Gottheiten nennt Aristophanes in seiner gleichnamigen Komödie: Demeter und Kore, beide unter dem Epithet Thesmophoros, Plutos, Kalligeneia, Ge Kurotrophos, Hermes und die Chariten. Daraus kann man auf den Inhalt der Gebete schließen, um Segen der Flur und des Ackers, besonders aber der Kindererzeugung und Geburt. Dahin gehört auch die Kalligeneia. Sie wird als Tochter oder Dienerin der Demeter oder sonst erklärt, ist aber wohl weiter nichts, als die Demeter selbst in einer besonderen Beziehung, als die Mutter des schönen Kindes nämlich, der lieblichen Kore, darum vornehmlich von den Frauen gerufen, welche ihren Geburten gleiche Anmut wünschen.“[607]
Von den Chorgesängen der Frauen hat uns möglicherweise Aristophanes in jenem Stücke einige mehr oder weniger echte Beispiele überliefert. Vor dem Thesmophorentempel singt die Heroldin (6. Scene):
Still schweigt in Andacht! Still schweigt in Andacht!Der Thesmophoren GötterpaarFleht an, Demeter und die Tochter,Auch Plutos und Kalligeneia,Und die Jugendnährerin Erde,Den Hermes und die Chariten,Daß sie diese Versammlung und die Gemeine dahierSchön und herrlich machen,Wohlersprießlich der Stadt der Athener,Und segensreich uns Frauen,Und daß Jene den Sieg gewinne,Die mit Rat und That das Beste schafftFür das Volk der AthenerUnd für das Volk der Frauen!Solches erfleht und was uns selber frommt!Heil über uns! Heil über uns!
Still schweigt in Andacht! Still schweigt in Andacht!Der Thesmophoren GötterpaarFleht an, Demeter und die Tochter,Auch Plutos und Kalligeneia,Und die Jugendnährerin Erde,Den Hermes und die Chariten,Daß sie diese Versammlung und die Gemeine dahierSchön und herrlich machen,Wohlersprießlich der Stadt der Athener,Und segensreich uns Frauen,Und daß Jene den Sieg gewinne,Die mit Rat und That das Beste schafftFür das Volk der AthenerUnd für das Volk der Frauen!Solches erfleht und was uns selber frommt!Heil über uns! Heil über uns!
Derselbe Komiker schildert uns in drastischer Weise, wie die Entdeckung gemacht wird, daß Mnesilochus, ein Freund des Weiberfeindes Euripides, über den die Frauen bei seiner Thesmophorienfeier zu Gericht sitzen, sich in Weibertracht eingeschlichen hat, und kennzeichnet diese That „als ein Beispiel trotzatmenden Hohns, unheiligen Thuns, ungöttlichen Sinns.“ – Das Schlußopfer des Festes hießζημία, nach Wellauers Vermutung, weil es zur Sühne etwaiger Vergehungen während der Feier dargebracht ward.
Außer den eleusinischen waren die samothrakischen Mysterien in Griechenland am berühmtesten. Sie werden als Orgien der Kabiren zuerst von Herodot erwähnt; zu besonderem Ansehen gelangten sie erst im dritten und vierten Jahrhundert, wo Philipp II. von Makedonien und Olympias sich aufnehmen ließen. Freilich standen sie bei vielen Hellenen als Mysterien halbbarbarischen Ursprungs nicht im besten Rufe, und Demosthenes macht es in seiner Rede für die Krone seinem makedonisch gesinnten Gegner Aeschines zum Vorwurf, Orpheotelest oder Orphiker, – so nannte man jene samothrakischen Mysten, in deren Geheimlehre die sagenhafte Gestalt des Sängers Orpheus eine Hauptrolle spielt, – gewesen zu sein. „Als du zum Manne herangewachsen warest“, so redet Demosthenes den Aeschines an, „lasest du deiner Mutter bei ihren Weihungen die (orphischen) Bücher vor, und halfest ihr auch bei den übrigen Einrichtungen, indem du zur Nachtzeit die Nebris (das Hirschfell) umhingst, ihnen aus dem Mischkrug einschenktest, sie mit Thon und Kleie beschmierend sühntest, und ihnen dann nach der Reinigunggebotest aufzustehen und zu sagen: ‚Ich entrann dem Übel und fand das Bessere;‘ – bei Tage aber die schönen, mit Kränzen von Fenchel und Weißpappel geschmückten Festzüge durch die Straßen führtest und die dickbackigen Schlangen drücktest und über dem Kopfe schwenktest,Evoe Saboi!rufend und dazu tanzend:Hyes Attes, Attes Hyes!; von den alten Weibern als Vorsteher und Anführer und Kistosträger begrüßt, und mit Kuchen, Bretzeln und Semmelbrod dafür belohnt.“
Im wesentlichen waren diese Mysterien offenbar eine Todesfeier des Dionysios; seine Zerreißung durch die Titanen, sein Tod und seine Bestattung, und seine Wiederauferweckung als nunmehrigen Beherrschers der Unterwelt und Totenrichters wurde mimisch dargestellt. Sie zerfielen daher ähnlich wie die eleusinischen in zwei Teile, in den ernsten und düsteren Nachtdienst und den lustigen heiteren Tagdienst.
Der erstere endete, da eine Leichenfeier nach orientalischen Begriffen verunreinigt, mit Sühnungen und Reinigungen durch Gebete und Waschungen, und hierbei wurden jene Worte gesprochen, die Demosthenes erwähnt: „Ich entrann dem Übel und fand das Bessere.“
Der Tagdienst versinnlichte die Hoffnungen einer künftigen Seligkeit, die man ausdrücklich als das glückliche Loos der Eingeweihten betrachtete. Als geheiligte Dionysosdiener (Bacchen) begaben sie sich in Festzügen zu den Tempeln, um Dankopfer darzubringen; mit Weißpappel und Fenchel bekränzt, während die begleitende Menge Nartheken- und Kistoszweige in den Händen trug (der Kistos,cistus, war ein Strauch mit rosenfarbigen Blüten), unter den Jubelrufen:Hyes Attesusw.: „Er lebt der Vermißte, der Vermißte lebt!“
Die „Orphiker“ waren, wie alle anderen Mysten zur strengen Geheimhaltung der mit ihrem mystischen Kultus verknüpften Lehre verbunden.
Daß nämlich ein bestimmter Ideenkreis mit dem samothrakischen Weihedienst verbunden war, berichtet schonHerodot II. 51. „Wer in die samothrakischen Mysterien eingeweiht ist, weiß, was ich meine“, ist freilich alles, was er sagt. Offenbar war er selber in sie eingeweiht und scheute sich deshalb etwas Näheres mitzuteilen. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber ist diese Lehre in dem als „heilige Sage“bezeichneten Gedichte niedergelegt, das man in der alexandrinischen Periode allgemein dem Pythagoras als Verfasser zuschob; die Pythagoräer jener Zeit waren sämtlich Orphiker.
Man wird sich dieses Gedicht bei der feierlichen Aufnahme in den Kreis der Mysten gesprochen zu denken haben:
„Jünglinge, horcht ehrfürchtig und still auf Alles. Ich will jetztZu den Geweiheten reden. Profanen schließet die Thüren,Allen zumal. Du Sprößling des leuchtenden Monds und der MusenSohn, Du höre. DennWahresverkünd' ich, damit nicht des BusensFrüher gehegterWahnDein liebes Leben verblende.Trachte nach göttlicherEinsichtvielmehr, sie faß in das Auge,Lenke nach ihr das verständige Herz, und wandel' auf ihremPfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet.Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne.Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen KeinerAnzuschauen im Stande, obgleich sie Sämmtliche Er schaut.Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen Übles verhänget:Schauder erregenden Krieg und beweinenswürdige Trübsal;Auch ist kein Anderer ja noch außer dem großen Beherrscher.Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehüllet,Und wir Sterblichen haben nur blöde sterbliche Augen,Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret.Denn auf das eh'rne Gewölbe des Himmels hat er errichtetSeinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen,Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hält er die RechteAllhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohenBerg' und die Ström' und die Tiefen des bläulichen dunkelen Meeres.O Du Herrscher des Meers und des Landes, des Äthers und Abgrunds,Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschütterst,Du, vor welchem die Geister erschauern, die Götter erzittern,Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind,Ewiger Vater der Mutter Natur, deß Willen sich AllesBeugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhüllet,Deß Blitzstrahlen der Äther sich theilt, – Dein ist der GestirneOrdnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheißen,Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglänzet,Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestöber heranführt,Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Früchte vertheilet.Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig,Komm, mit dem mächtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit,Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in Äther gehüllt, undGnad' uns, gepriesene Zahl, die du Götter und Menschen erzeuget,Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strömenden SchöpfungWürze enthält und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608]Aus von der Einheit[609]Tiefen, der unvermischten, bis daß sieKommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des Alls[611], dieAlles aufnehmende, Alles umgränzende, erstgebor'ne,Nie ablenkende, nimmer ermüdende, heilige Zehn, dieSchlüsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612]gleichet in Allem.Aber Du, säume nicht zögernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter,Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit.Ehre zuerst die unsterblichen Götter, so wie es die SitteLehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen.Leist' auch die bräuchlichen Pflichten den unterird'schen Dämonen!Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nächsten verwandt sind,Und vor den Andern erwähle zum Freund, wer an Tugend hervorragt.Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang DuIrgend nur kannst; wohnt Können und Müssen doch nah bei einander.Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewöhne Dich aberDieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und dann denZorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verüben,Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber.Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu üben,Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen!Sondern erwäge, daß blos der Tod uns allen gewiß ist,Daß man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret.Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet,Wenn Du Dein Theil empfängst, so trag es und murre nicht, sondernSuche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, daß dessenDoch nicht allzuviel aufbürdet das Schicksal den Guten.Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die MenschenTrifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemalsGar am Handeln verhindern; und sagt man Lügen, so trags mitGleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem:Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, daß Du EtwasThust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst!Vor der That überlege, daß es nichts Thörichtes werde,Sondern Du nur vollführst, was nicht nachher Dich gereu'n wird.Tröpfe nur sagen und thun, was Unvernunft für einen Mann ist.Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist,Laß Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein.Auch die Gesundheit des Körpers ist werth, daß Du nicht sie mißachtest,Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen Übungen halteMaß; und das richtige Maß heiß' ich was nie Dich erschöpfet.Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von Üppigkeit DeineLebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget.Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt!Sei aber auch nicht knickrig! Denn Maß ist in Allem das Beste.Handle nur so, daß Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach.Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken,Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert:Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen?So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern DuSchlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich!Dem weih' Müh', dem Sorgfalt und Fleiß, deß pflege mit Liebe!Dies ist's, was auf die Fährte der göttlichen Tugend Dich bringt, beiDem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell derEwig strömenden Schöpfung. Geh' nur getrost an das Werk, undBitte zu End' es zu führen die Götter. Wenn dies Du erlangst, soWird der unsterblichen Götter und sterblichen Menschen VerbindungKlar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; dochKlar auch, daß, nach Gebühr, die Natur in Allem sich gleich bleibt,So daß Du Nichts Unmögliches hoffst, und von Nichts überrascht wirst;Klar, daß die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten Übeln.O die Unsel'gen! sie hören und sehn Nichts von dem nahegeleg'nenGuten, und auch die Erlösung vom Übel erkennen nur Wen'ge.So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom WirbelLassen sie unvermerkt sich in Leid fortreißen, weil nicht sieAhnen, daß schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnenAnhängt, das man nicht locken, nein fliehen muß, indem man ihm ausweicht.Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthübest Du Alle,Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was für ein Dämon ihm nachfolgt.Aber nur Muth, da göttlichen Stammes die Sterblichen sind, undIhre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt!Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne,Daß Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest.Meide die Anfänge nur, von dem was ich sagte, zur Läut'rungUnd zur Erlösung des Geists streng prüfend; erwäge nur JedesUnd erwähl' die Vernunft zum höchsten und obersten Lenker.Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien Äther emporsteigst,Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr.“
„Jünglinge, horcht ehrfürchtig und still auf Alles. Ich will jetztZu den Geweiheten reden. Profanen schließet die Thüren,Allen zumal. Du Sprößling des leuchtenden Monds und der MusenSohn, Du höre. DennWahresverkünd' ich, damit nicht des BusensFrüher gehegterWahnDein liebes Leben verblende.Trachte nach göttlicherEinsichtvielmehr, sie faß in das Auge,Lenke nach ihr das verständige Herz, und wandel' auf ihremPfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet.Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne.Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen KeinerAnzuschauen im Stande, obgleich sie Sämmtliche Er schaut.Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen Übles verhänget:Schauder erregenden Krieg und beweinenswürdige Trübsal;Auch ist kein Anderer ja noch außer dem großen Beherrscher.Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehüllet,Und wir Sterblichen haben nur blöde sterbliche Augen,Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret.Denn auf das eh'rne Gewölbe des Himmels hat er errichtetSeinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen,Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hält er die RechteAllhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohenBerg' und die Ström' und die Tiefen des bläulichen dunkelen Meeres.O Du Herrscher des Meers und des Landes, des Äthers und Abgrunds,Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschütterst,Du, vor welchem die Geister erschauern, die Götter erzittern,Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind,Ewiger Vater der Mutter Natur, deß Willen sich AllesBeugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhüllet,Deß Blitzstrahlen der Äther sich theilt, – Dein ist der GestirneOrdnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheißen,Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglänzet,Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestöber heranführt,Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Früchte vertheilet.Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig,Komm, mit dem mächtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit,Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in Äther gehüllt, undGnad' uns, gepriesene Zahl, die du Götter und Menschen erzeuget,Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strömenden SchöpfungWürze enthält und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608]Aus von der Einheit[609]Tiefen, der unvermischten, bis daß sieKommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des Alls[611], dieAlles aufnehmende, Alles umgränzende, erstgebor'ne,Nie ablenkende, nimmer ermüdende, heilige Zehn, dieSchlüsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612]gleichet in Allem.Aber Du, säume nicht zögernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter,Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit.Ehre zuerst die unsterblichen Götter, so wie es die SitteLehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen.Leist' auch die bräuchlichen Pflichten den unterird'schen Dämonen!Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nächsten verwandt sind,Und vor den Andern erwähle zum Freund, wer an Tugend hervorragt.Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang DuIrgend nur kannst; wohnt Können und Müssen doch nah bei einander.Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewöhne Dich aberDieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und dann denZorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verüben,Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber.Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu üben,Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen!Sondern erwäge, daß blos der Tod uns allen gewiß ist,Daß man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret.Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet,Wenn Du Dein Theil empfängst, so trag es und murre nicht, sondernSuche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, daß dessenDoch nicht allzuviel aufbürdet das Schicksal den Guten.Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die MenschenTrifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemalsGar am Handeln verhindern; und sagt man Lügen, so trags mitGleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem:Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, daß Du EtwasThust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst!Vor der That überlege, daß es nichts Thörichtes werde,Sondern Du nur vollführst, was nicht nachher Dich gereu'n wird.Tröpfe nur sagen und thun, was Unvernunft für einen Mann ist.Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist,Laß Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein.Auch die Gesundheit des Körpers ist werth, daß Du nicht sie mißachtest,Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen Übungen halteMaß; und das richtige Maß heiß' ich was nie Dich erschöpfet.Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von Üppigkeit DeineLebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget.Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt!Sei aber auch nicht knickrig! Denn Maß ist in Allem das Beste.Handle nur so, daß Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach.Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken,Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert:Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen?So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern DuSchlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich!Dem weih' Müh', dem Sorgfalt und Fleiß, deß pflege mit Liebe!Dies ist's, was auf die Fährte der göttlichen Tugend Dich bringt, beiDem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell derEwig strömenden Schöpfung. Geh' nur getrost an das Werk, undBitte zu End' es zu führen die Götter. Wenn dies Du erlangst, soWird der unsterblichen Götter und sterblichen Menschen VerbindungKlar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; dochKlar auch, daß, nach Gebühr, die Natur in Allem sich gleich bleibt,So daß Du Nichts Unmögliches hoffst, und von Nichts überrascht wirst;Klar, daß die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten Übeln.O die Unsel'gen! sie hören und sehn Nichts von dem nahegeleg'nenGuten, und auch die Erlösung vom Übel erkennen nur Wen'ge.So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom WirbelLassen sie unvermerkt sich in Leid fortreißen, weil nicht sieAhnen, daß schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnenAnhängt, das man nicht locken, nein fliehen muß, indem man ihm ausweicht.Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthübest Du Alle,Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was für ein Dämon ihm nachfolgt.Aber nur Muth, da göttlichen Stammes die Sterblichen sind, undIhre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt!Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne,Daß Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest.Meide die Anfänge nur, von dem was ich sagte, zur Läut'rungUnd zur Erlösung des Geists streng prüfend; erwäge nur JedesUnd erwähl' die Vernunft zum höchsten und obersten Lenker.Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien Äther emporsteigst,Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr.“
Hiermit endete der moralische Teil der heiligen „Sage“, den wir wohl auch nur in seinen Hauptumrissen besitzen, wenn er gleich offenbar weniger lückenhaft erhalten ist, als der erste metaphysische Teil. Es folgten nun noch einige Verse, die sogenannten „Orphischen Schwüre“, welche das Ganze abschlossen. Sie scheinen, – denn etwas ganz Bestimmtes läßt sich aus dem kurzen, gerade der wesentlichen End-Zeilen entbehrenden Fragmente nicht festsetzen, – den Leser beschworen zu haben, entweder nichts an dem Buche zu ändern, oder seinen Inhalt geheim zu halten. Was uns überliefert wird, lautet nach Beseitigung einiger späteren Entstellungen:
„Ja beim Himmel beschwör ich, dem weisen Werke des großenGottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum erstenMal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlüssen gemäß er den WeltbauGründete“,
„Ja beim Himmel beschwör ich, dem weisen Werke des großenGottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum erstenMal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlüssen gemäß er den WeltbauGründete“,
und muß etwa so ergänzt werden:
„Daß Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest!“
„Daß Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest!“
Aus der etwas narkotischen Atmosphäre der Mysterien und ihrer symbolischen träumerischen Geheimlehre, – wenn man überhaupt von einer mit ihnen verknüpften „Lehre“ sprechen will –, wenden wir uns gern wieder zur Entwicklung der griechischenPhilosophiezurück, deren klassische Blüte inAthensich in derselben Zeit entfaltete, in der diese Stadt, das „Auge von Hellas“ unter der Leitung des Perikles ihr kurzes, aber in der Weltgeschichte unvergleichlich dastehendes Ideal eines ästhetischen Gemeinwesens erfüllt. Hier war es der PhilosophAnaxagoras, der, wie Aristoteles (Metaphysik I. 3) hervorhebt, „als der Erste vor Jedermann den Satz aussprach, wie in den lebenden Wesen, so wohne auch in der Natur eineVernunft, und diese sei die Ursache der gesammten Weltordnung, einSatz, welcher gegenüber den früheren sinn- und haltlosen Behauptungen eigentlich erst die Periode des nüchternen Denkens eröffnete.“
Seine eigenen Zeitgenossen geben diesem Manne, der wie Plutarch,Leben des Perikles Kap. 4berichtet, „den meisten Umgang mit Perikles hatte, der ihm jene Kraft, jenen festen und standhaften Muth, das Volk zu leiten, beibrachte und überhaupt seinen Charakter zu einer besonderen Würde und Vollkommenheit erhob, den BeinamenNus,Verstand, entweder aus Bewunderung über seine großen und ungemeinen Einsichten in der Naturkunde, oder weil er zuerst als Prinzip der Einrichtung des Weltalls nicht den Zufall noch die Notwendigkeit, sondern einen reinen, lauterenVerstandannahm, der aus allen anderen zusammengemischten Dingen die gleichartigen Theile absonderte.“
Anaxagoras war 500 v. Chr. Geburt zu Klazomenä in Jonien geboren; sein Vater, Hegesibulos, besaß hier ein nicht unbedeutendes Vermögen und ansehnliche politische Stellung. Anaxagoras verließ jedoch in frühem Mannesalter seine Vaterstadt und begab sich nach Athen, wo er, wie gesagt, ein Vertrauter des Perikles wurde. Die Naturforschung betrachtete er als seinen eigentlichen Lebensberuf; besonders die Astronomie. Er versuchte die Sonnenfinsternisse aus natürlichen Ursachen zu erklären und nahm der Sonne ihre Göttlichkeit, indem er sie für eine glühende Metallmasse erklärte, die größer sei als der Peloponnes. Auch soll er versucht haben, eine Kometentheorie zu liefern, und gewiß ist, daß er vom Monde behauptet hat, derselbe habe, ähnlich wie die Erde, Berge und Thäler und sei wahrscheinlich bewohnt. Vermuthlich gaben diese naturwissenschaftlichen weit mehr als seine eigentlich philosophischen Behauptungen den Feinden des Perikles, die dadurch mehr diesen, als den Philosophen selbst treffen wollten, den Anlaß, ihn kurz vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges in eine Anklage wegen Leugnung der Staatsgötter zu verwickeln.
Sein beredter und einflußreicher Gönner vermochte ihn nicht vor einer Verurteilung zu schützen, er wurde mit einer Geldstrafe von 5 Talenten belegt und aus der Stadt verwiesen. Er begab sich darauf nach Lampsacus, wo er in hohem Alter, angeblich infolge freiwilliger Nahrungsenthaltung, sein Leben beschloß.
Seine Weltanschauung kann, sofern er ausdrücklich den Geist, Verstand oder die Vernunft, welche den Kosmos gestaltet, nicht für unbewußt erklärt, sondern sagt, daß derselbe „aus seinem Wissen und nach seiner Vorherbestimmung die Welt gebildet habe“, alsdeistischeunddualistischebezeichnet werden. Übrigens machte er, wie wir aus Platos Phädon und Aristoteles erfahren, von dem teleologischen Prinzip nur einen sparsamen Gebrauch; wo er mit einer rein mechanischen Erklärung auskommen konnte, gab er dieser in echt naturwissenschaftlicher Denkart den Vorzug. Dem uranfänglichen Geist stand nach seiner Lehre als passives Prinzip die ewige Materie gegenüber; der Geist wirkte auf diese, aus deren Chaos er den Kosmos gestaltete, seit dieser ersten Schöpfungsthat nur, wie Zeller sagt, noch als „Maschinengott“ ein.
Was die Konstruktion des Begriffs der Materie betrifft, so nahm er abweichend von den übrigens an seine eigene nüchterne Naturforschung anknüpfenden Atomistikern, welche die einfachsten Körper für die ursprünglichsten hielten, umgekehrt für jedes besondere Ding gleichnamige Urelemente an, so daß z. B. Erde, Stein, Gold, Blut, Knochen, aus unendlich kleinen ebenso individuell bestimmten Erd-, Stein-, Gold-, Blut-, Knochenteilchen bestehe und man in der Teilung der Körper immer auf etwasGleichartigeskomme. Diese Urstoffe wurden von ihm oder seinen NachfolgernHomöomeriengenannt. In der Wirklichkeit kommen diese Grundstoffe jedoch niemals ganz rein und abgesondert von allen andern vor; allen ist fremdartiges beigemischt.In Allen ist Alles oder jeder Materienteil ist ein Universum im Kleinen.Wenn uns ein Gegenstand irgend eine Eigenschaft mit Ausschluß anderer zu besitzen scheint, so rührt dies nur daher, weil von den entsprechenden Homöomerienmehrin ihm sind, als von anderen; in Wahrheit hat aber jedes Ding Stoffe jeder Art in sich. Nur der Geist istnichtin allen Dingen; sondern nur in einigen, welche eineSeelehaben. Da der Geist allein das ist, was dieBewegunghervorbringt, so hat jedes sich selbst bewegende Wesen eineSeele. Darum legt er auch schon den Pflanzen, sofern Wachstum Bewegung ist, Leben (Seele) und sogar eine schwache Empfindung bei. Bezüglich der Entstehung des organischen Lebens und der Entwicklung der Arten traf er ungeachtet seines grundsätzlich teleologischen Ausgangspunkts mit Empedocles zusammen, von dem er dagegen als Leugner aller übernatürlichen Wunder und Vorbedeutungen erheblich abwich. Er leugnete, wie es scheint, die Unsterblichkeit der geistigen Individualität, da diese körperlich bedingt sei; nur der unpersönliche Geist als solcher sei ewig.
Die Atomistiker, welche Ritter in seinerGeschichte der Philosophiesehr übelwollend behandelt und kaum noch für Philosophen gelten lassen möchte, bezeichnen in Wahrheit die besonnenste und streng wissenschaftlich genommen höchste Stufe derNatur-Philosophie des Altertums. Ihr eigentlicher Begründer war Leucippos, von dessen Leben und genaueren Ansichten uns aber so wenig überliefert ist, daß er nur als der Lehrer seines großen Schülers Demokrit genannt zu werden verdient. Der Zeitpunkt der Geburt des Demokrit ist ungewiß, zwischen 424 bis 460 v. Chr. Sein Geburtsort war Abdera, eine Stadt, die später zwar in den Ruf eines antiken Schilda oder Schöppenstedt gekommen ist, damals aber durch Bildung und Wohlstand ausgezeichnet war. Sein Vater war reich genug, um den Xerxes und dessen Armee auf dem Rückzuge nach der Schlacht bei Salamis einige Tage zu verpflegen. Demokrit hat jedenfalls in seiner Jugend mehrere Jahre auf Reisen zu wissenschaftlichen Zwecken in Asien und Afrika verwendet. Er soll sogar auf diesen Reisen das ererbte Dritteil des großen väterlichen Vermögens verbraucht haben. Diogenes Laertius behauptet, daß er schon als Knabe Unterricht durch Magier bekommen habe; dann Jahre lang in Egypten zugebracht, sogar Äthiopien und Indien besucht habe. Den Unterricht des Leucippos hatte er bereits vor diesen Reisen genossen. Nach der Rückkehr von denselben ließ er sich wieder in Abdera nieder, von wo aus er gelegentlich auch Athen besucht hat. Die Erzählung von seiner Selbstblendung (Gellius N. A. X, 17) verdankt vielleicht einer mißverständlichen Deutung seiner Äußerungen über die Unzuverlässigkeit der Sinneswahrnehmungihre Entstehung; schon Plutarch hat sie als Lüge bezeichnet.
Demokrit starb hochbetagt in Abdera. Er hinterließ eine große Anzahl von Schriften und kann, nach dem Verzeichnis derselben zu schließen, das Laertius uns hinterlassen hat, als einer der produktivsten Denker des griechischen Altertums bezeichnet werden; auch haben wir allen Grund den Verlust seiner Schriften zu beklagen, weil dieselben nach dem Urteil kompetenter Zeitgenossen und Nachfolger sich sowohl durch ihre wissenschaftliche Strenge wie auch durch formelle Schönheit der Sprache ausgezeichnet haben sollen.
Sein Denken richtete sich nicht, wie das fast aller seiner Vorgänger in der Philosophie, besonders der Eleaten, von vornherein auf das einheitliche Sein, vielmehr zunächst auf die Bestandteile der Zusammensetzung der materiellen Wirklichkeit, welcher er den leeren Raum als Repräsentanten des Nichtseins gegenüberstellt. Allerdings faßt er auch dieses Nichtsein, diesen leeren Raum nicht als völlige Negation des Seins auf; vielmehr schreibt er ausdrücklich auch dem Leeren eine objektive Realität zu und in diesem Sinne behauptet er im Gegensatz zu den Eleaten ausdrücklich, „das Sein sei um nichts realer als das Nichts“.
Dasjenige Sein im Sinne materieller Wirklichkeit nun, welches dem leeren Raum als dessen Erfüllung gegenübersteht, ist kein zusammenhängendes, sondern besteht aus unzähligenAtomen: diese letzten Elemente des Seienden sind ihrer Substanz nach schlechthin einfach, qualitativ gleichartig und unveränderlich; sie unterscheiden sich aber in quantitativer Beziehung, hinsichtlich ihrerForm,GrößeundLage, auchSchwere.
Sie sind daher keineswegs, wie dies in der neueren Gestaltung der wissenschaftlichen Atomistik vielfach behauptet wird, mathematische Punkte, sondern Körper von gewisser Größe, nur zu klein, um mit dem Sinne wahrgenommen zu werden.
Schwere, richtiger Gewicht, kommt ihnen zu, da sie eineconditio sine qua nonder Körperlichkeit überhaupt ist; und das Gewicht der wahrnehmbaren Körper ist eben nur das Produkt der sie zusammensetzenden Atomgewichte.
„Wenn es scheint, ein größerer Körper sei leichter, als ein kleinerer, so rührt dies nur daher, daß erzwischen den einzelnen Atomen oder Atomverbindungen mehr leeren Zwischenraum enthält, daß also seine Masse in Wahrheit geringer ist, als die der anderen.“[613]
Das Leere dachte Demokrit sich unbegrenzt, die Zahl der von ihm umfaßten Atome unendlich.
Alle sinnlich wahrnehmbarenEigenschaftender Dinge nun sind in letztem Grunde ausschließlich auf die Menge, die Größe, die Gestalt und das räumliche Verhältnis der Atome zurückzuführen, und ebenso jede Veränderung der Einzelkörper als solcher auf eine Veränderung ihrer Atomverbindungen. So hat bereits Demokrit den unendlich wichtigen Schritt gemacht, alle qualitativen Eigenschaften und Veränderungen aufquantitativeBeziehungen zurückzuführen, ein Schritt, der, wenn er auch philosophisch zum Irrtum führt, sofern der Materialismus darin die letzte Aufklärung des Welträtsels findet, doch die Voraussetzung einer wirklich wissenschaftlichen Naturforschung bildet, da nur so die Anwendung der Mathematik auf ihre Objekte möglich wird und positive Ergebnisse immer erst bei Rückführung eines Naturphänomens auf seine bestimmten quantitativen Verhältnisse zu erwarten sind. Ich erinnere an die enorme Bedeutung der quantitativen Bestimmung der Schwere durch Galilei, des Wärme-Äquivalents durch R. Mayer.
Außerdem aber enthält diese Behauptung Demokrits einen ganz außerordentlichen Fortschritt in der Erkenntnistheorie, der irrtümlich häufig erst einem Locke zugeschrieben wird.
Demokrit unterschied nämlich klar zwischen primären und sekundären Eigenschaften der Dinge; die sekundären Eigenschaften, Farbe, Geruch, Geschmack, Wärme, Kälte usw. erkannte er als bloßsubjektiveWirkungen der Atome auf unser Empfindungsorgan. Die Lehre von den „vier Elementen“ hatte natürlich innerhalb dieser atomistischen Theorie keinen Platz mehr.
Aus den „zufälligen“ Bewegungen der Atome leitete nun Demokrit die Entstehung der Welten her; für den „Zufall“ könnten wir auch die Naturnotwendigkeit setzen; ausgeschlossen sein soll damit nur der Anteil eines zweckbildenden Geistes, der Verstand des Anaxagoras.
Durch die Bewegung der Atome wird einerseits das gleichartige zusammengeführt; denn, was an Schwere und Gestalt gleich ist, wird eben deshalb an die gleichen Orte sinken oder getrieben werden; andrerseits werden auch, wenn verschiedengestaltete Körperchen durcheinander geschüttelt werden, viele von ihnen aneinanderhängen und sich ineinander verwickeln und ihren Lauf gegenseitig hemmen, so daß auch manche an einem Orte festgehalten werden, der ihrer Natur an sich nicht gemäß ist, und so kommt es zur Bildung zusammengesetzter Körper, zur Wirbelbewegung und zur Störung des Gleichgewichts d. h. zu all jenen vielfältigen sich kreuzenden Bewegungen des Wachstums, der Ernährung, des Vergehens, welchen ein wechselndes subjektives Empfinden korrespondiert. Soweit deckt sich seine rein mechanische Naturerklärung fast durchaus mit den Grundzügen des modernen Materialismus. Allein ein erheblicher Unterschied zwischen Demokrit und unseren modernen Materialisten besteht darin, daß ersterer einenbesonderen Seelenstoffannahm, der aus den feinsten, rundesten, glattsten und daher beweglichsten Atomen bestehe. Ja, er glaubt sogar an eine Unsterblichkeit der Seele, und zwar an eine Auferstehung der Toten und wird deswegen von Plinius verspottet. (Plin. H. N. VII, c. 56.)
Man wird diesen scheinbaren Widerspruch in seinem System auf seine Studienreisen im Orient zurückzuführen haben und auf seine Erfahrungen bei den Magiern des Ostens. Findet sich doch unter dem Verzeichnis seiner Schriften von Diogenes Laertius auch eine solche über die Litteratur der Babylonier, die, wieRöth, Geschichte der abendländischen Philosophie I, 362, meint, wohl nichts als ein Bericht über die Lehre der Magier gewesen ist.
Auch Philostratus versichert in seinem Leben des Apollonius von Tyana, daß Demokrit ein Schüler der Magier gewesen, und läßt sogar den Apollonius in seiner Apologie behaupten, daß er durch magische Künste Abdera von einer Pest befreit habe. Vielleicht liegt der letzteren Behauptung ein ähnlicher historischer Kern zu Grunde, wie der gleichen Erzählung von Empedocles. Es wird sich weniger um eigentliche Magie, als um Verwertung seiner physikalischen und medizinischen, vielleicht auch psychologischen Kenntnisse gehandelt haben.
Ich erwähnte schon oben, daß der Professor Ritter den Atomistikern in seinerGeschichte der Philosophiekeine wohlwollende Behandlung zu teil werden läßt; derselbe schreibt in derAllgem. Encyklopädie von Ersch und Grubersogar: „Er bewegte sich in derselben Richtung, in welcher um die Zeit des Sokrates viele waren, denen die Wissenschaft fast nur als ein Spiel der Vorstellungsweise erschien. Wenn er gleich selbst die Künste dieser Männer, welche gewöhnlich unter dem Namen der Sophisten zusammengefaßt werden, in starken Ausdrücken tadelte, so war er doch von ihrer Denkart nicht fern.“
Diesen Vorwurf, den auch Schleiermacher erhebt, hat Zeller in seinerPhilosophie der Griechen, S. 943–959, gründlich zurückgewiesen.
Ich hebe aus letzterer folgenden Satz hervor:
„Im allgemeinen muß über die Zusammenstellung der Atomistik mit der Sophistik bemerkt werden, daß dieselbe auf einem allzu unbestimmten Begriff der Sophistik beruht. Sophistik wird jede Denkweise genannt, in der man die rechte wissenschaftliche Gesinnung vermißt. Dies ist aber nicht das geschichtliche Wesen der Sophistik, dieses besteht vielmehr in der Zurückziehung des Denkens aus der objektiven Forschung, in seiner Beschränkung auf eineeinseitig subjektive, gegen diewissenschaftliche Wahrheit gleichgültige Reflexion, in der Behauptung, daß alle unsere Vorstellungen bloß subjektive Erscheinungen, alle sittlichen Begriffe und Grundsätze willkürliche Satzungen seien. Von allen diesen Zügen findet sich nichts bei den Atomistikern.“
Im übrigen verdienen dieSophistenhier nur insofern berührt zu werden, als dieselben ihre Hauptaufgabe imGelderwerbdurch Verbreitung einer Art von reinnegativerAufklärung suchten,deren Mittelpunkt der bodenloseste Skepticismuswar; außerdem durch ihre damit zusammenhängende frivole Disputiersucht. Die bekanntesten dieser Virtuosen der Deputierkunst waren Gorgias und Protagoras, letzterer allerdings ein Landsmann des Demokrit.
Der berühmteste Satz des Protagoras ist der: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.“
Damit wurde der subjektivistische Grundsatz aufgestellt: „Jedes Ding ist für jedes Individuum so, wie es erscheint, aber es ist so auch nur für dies Individuum und genauer für dessen augenblicklichen Wahrnehmungszustand.“
Wenn Hegel irgendwo (W. W. XIV. 5ff.) ein berechtigtes Moment in der Wirksamkeit dieser Leute hervorgehoben haben soll, so wird er dies hoffentlich nur in dem Sinne gemeint haben, daß durch ihre Wirksamkeit der Hauptanstoß für die gewaltige Persönlichkeit des Sokrates gegeben worden ist, dem eingebildeten Scheinwissen und der sophistischen Halbbildung überhaupt den Streit zu verkünden und diesem Streite ihr Leben zu widmen und zu opfern.
Von Sokrates wurde schon im Altertum gesagt, daß er die Philosophie vom Himmel zur Erde zurückgerufen habe; man wollte damit sagen, daß er die philosophische Forschung nicht auf die Erkenntnis desWelträtsels, sondern auf diejenige desMenschenrätselsbeschränkt wissen wollte.
„Er redete“, schreibt sein Schüler Xenophon, „nicht wie die Meisten, über die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos für eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge grübelten, für thöricht.“
Auch bildete nicht etwa der Mensch im Sinne der psychologischen Forschung den Gegenstand seines Interesses, sondern dieses war ausschließlich dieMoral. Ein hervorragender Platz in der Geschichte der Philosophie gebührt ihm daher, abgesehen von seiner Begründung der dialektischen Methode und den dadurch jedenfalls gelegten Grundstein der Logik wesentlich nur vom Standpunkte derpraktischenPhilosophie aus. Für bloße Physiker oder gar bloße Metaphysiker ist deshalb die Weisheit des Sokrates in der That, wie Schopenhauer schreibt,Parerg. und Paralipomen. I 13, „ein bloßerGlaubensartikel.“ Schopenhauer aber, der doch mehr sein wollte, als dieses, der vielmehr zahlreiche geistvolle Beiträge zur Ethik und Lebensweisheit geschrieben hat, hätte einige seiner Bemerkungen über Sokrates besser ungeschrieben gelassen. So meint er z. B.: „Nach Lukianos hätte Sokrates einen dicken Bauch gehabt,welches eben nicht zu den Abzeichen des Genies gehört.“ – Ferner gleitet er zu der Bemerkung herab, es stehe zweifelhaft hinsichtlich seiner hohen Geistesfähigkeiten, weil ernichts geschrieben habe. Ich habe mir an dieser Stelle meiner Schopenhauer-Ausgabe die Randnote nicht versagen können:O si tacuissesusw.! Schopenhauer, der allerdings selber seine eigene Theorie in der Praxis verleugnete, hatte eben von der Philosophie nur einen halben Begriff, er verlegte sie ausschließlich in die Sphäre der Vorstellung. Er hätte aber von Sokrates lernen können und sollen, daß die echte Philosophie auf dem Zusammenwirken beider, überhaupt in der Wirklichkeit untrennbaren Seiten des Menschenwesens, desWollens und Vorstellensberuht. „Die philosophische Gesinnung“, sagt sehr schön Dühring, „leitet zu dem entsprechenden Wissen, und das errungene Wissen wirkt seinerseits auf die Willensrichtung maßgebend und veredelnd zurück.“
Richtig ist freilich, daß auch Sokrates sich einer Einseitigkeit schuldig machte, wenn er nach jenem Berichte des Xenophon wirklich die ernste naturwissenschaftliche und naturphilosophische Forschung verachtete. Allein diese Einseitigkeit kann uns angesichts der geringen positiven Erfolge des ihm vorliegenden bloßen Spekulierens in hohem Grade entschuldbar erscheinen.
Wäre unsere Aufgabe die, eine Geschichte der griechischen Philosophie zu schreiben, so würde Sokrates geradezu den Mittelpunkt unserer Darstellung bilden, obwohl er nichts Schriftliches hinterlassen hat und seine Lehren deshalb indirekt aus den Schriften seiner Schüler konstruiert werden müßten. Wir würden uns dann mit der schwierigen Aufgabe befassen müssen, den wahren Sokrates aus der idealisierenden und subjektiv gefärbten Darstellung seines begabtesten Schülers, Platos, und aus dengewiß wahrheitsgetreuen, aberunzulänglichenMemorabilien des vielfach beschränkten und der Größe seines Lehrers nicht gewachsenen Xenophon herauszuarbeiten.
Glücklicherweise aber gestattet uns die Aufgabe dieses Buches nicht einmal, dieses Problem zu berühren. Ja, wenn es sich um dieLehrendes Sokrates handelte, so würde es gerechtfertigt erscheinen, ihn in diesem Buche überhaupt zu übergehen, da hier eben nur diejenigen Lehren der griechischen Philosophie in Betrachtkommen können, welche irgend welche, wenn auch noch so entfernte Beziehungen zum „Occultismus“ haben. Nun aber stellt uns gerade Sokrates weniger durch seine Lehren, als vielmehr durch seinLebenund seinePersönlichkeiteines der interessantesten occultistischen Probleme.
Der Leser, den ich selbstverständlich als bekannt mit den wichtigsten Daten des Sokratischen Lebens voraussetze, wird schon wissen, daß ich damit auf das viel erörterte Problem des sog. Genius oder „Dämon“ des Sokrates komme.
Am liebsten würde ich mich freilich auch der Besprechung dieses Gegenstandes durch den einfachen Hinweis auf die gerade vom occultistischen Standpunkte aus denselben gründlichst und lichtvoll beleuchtenden Ausführungen du Prels in seinerMystik der alten Griechenentledigen, vgl. auchSphinx IV, 22 und 24, wie ich denn überhaupt in diesem Bande den praktischen Occultismus der Griechen, da derselbe in jener „Mystik der alten Griechen“ seinen berufensten Bearbeiter gefunden hat, absichtlich bei Seite lasse und nur die Theorie berücksichtige. Dennoch würde eine völlige Übergehung gerade des Sokrates im Zusammenhange unserer Darstellung vielleicht als Lücke empfunden werden; denn immerhin hat sich diese doch bislang am Leitfaden der Philosophie-Geschichte fortbewegt, und ein direkter Sprung von Demokrit auf Plato könnte unmotiviert erscheinen.
Wir dürfen deshalb die Stellung des Sokrates zum Gegenstand der occultistischen Forschung nicht unerwähnt lassen. Zunächst ist es nun schon an sich bemerkenswert, daß ein so nüchterner und gewiß von reinster Wahrheitsliebe bis zum Märtyrertum beseelter Denker, mindestens doch einer der aufgeklärtesten Köpfe seines Zeitalters nachweislich dem Glauben an die Orakel ernstlich gehuldigt hat. Wir wissen, daß er den Xenophon, als derselbe ihn um seine Meinung fragte, ob es für ihn ratsam sei, sich der Expedition des jüngeren Cyrus anzuschließen, ausdrücklich an das Orakel zu Delphi verwies. Unmöglich können wir annehmen, daß er dies lediglich gethan, um eine verantwortliche Raterteilung von sich auf einen beliebigen Dritten abzuwälzen. Auch berichtet Xenophon in seinen Memorabilien über ihn folgendes:
„Es hat böses Blut gemacht, daß Sokrates sagte, dasDämonium gebeihmAndeutungen, weshalb eben ganz besonders sie, wie ich glaube,ihn beschuldigt haben, daß er fremde Gottheiten einführe. – Aber er führte damit ebensowenig etwas Neues ein, als all' die anderen, welche an Weissagungen glauben; – und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses zu thun, jenes aber nicht zu thun, weil ihm das Dämonium eine Andeutung gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber, die ihm nicht folgten, bereuten es. – Die notwendigen Dinge riet er so zu thun, wie er glaubte, daß sie am besten gethan sein würden; hinsichtlich alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften. Auch diejenigen, welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten, sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein Rechenkünstler, ein Hausverwalter oder ein Heerführer zu werden, für erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht gewonnen werden. – Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht kommt, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheiratet hat, um sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde; auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflußreiche Männer im Staate habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen könnte. Diejenigen aber, welche glaubten, daß nichts von alledem von der Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen, welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den Menschen zur Erlernung und zur Beurteilungübergeben hätten. Wenn z. B. einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das Steuern verstünde, auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht verstünde, – ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den Göttern erfragten, – alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, daß man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben hätten, erlernen müssen; das aber, was den Menschen unergründlich sei, müsseman mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen versuchen; denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig seien.“
Auch aus Platos Schriften können wir eine nicht geringe Anzahl von Selbstzeugnissen des Sokrates über das Dämonium, das er sich zuschrieb, entnehmen.
Dem Alkibiades gegenüber, dessen Vormund Perikles war, rühmt er sich (Plato, Alkibiad. 1), daß er in seinem Dämonium einen besseren Vormund besitze. In seiner Verteidigungsrede, die Plato jedenfalls in möglichst getreuem Anschluß an seine eigenen Worte uns wiedergiebt, sagt er, um sein grundsätzliches Fernhalten von Politik zu erklären: „Der Grund davon liegt in dem, was Ihr mich oft und bei vielen Gelegenheiten sagen hörtet, daß etwas Göttliches und Dämonisches sich mir vernehmen lasse ... Das begann bei mir schonvon meinen Knabenjahren an; eine Stimme läßt sich vernehmen, und wenn sie sich vernehmen läßt,warnt sie mich stets vor dem, was ich zu thun im Begriffe bin, treibt aber mich nie an; das ist es, was mich abmahnt, mit öffentlichen Angelegenheiten mich zu befassen.“ – So motiviert er auch sein Verhalten in dem Prozesse selbst: „Mir, verehrter Richter, widerfuhr etwas Wundersames. Dieweissagende Stimmenämlich, die ich zu vernehmen pflege, mahnte mich in der ganzen früheren Zeit sehr häufig ab, und zwarbei sehr geringfügigen Veranlassungen, wenn ich etwas Verkehrtes zu thun im Begriffe war. Jetzt aber ist mir das begegnet, was ihr selbst seht, und manche für das größte Unglück halten möchten, und was wirklich dafür gilt“ – seine Verurteilung nämlich; –„doch mich mahnte weder, als ich am heutigen Morgen vom Hause wegging, der Wink des Gottes ab, noch als ich hier heraufstieg zum Gerichtshof, noch bei meiner Rede, wenn ich irgend etwas zu sagen im Begriffe war, obwohl er fürwahr bei anderen Vorträgenhäufig mitten in der Rede mich zurückhielt. Jetzt aber, bei der Verhandlung selbst, hat er mich nirgends von etwas, was ich that oder sagte, abgemahnt. Wie erkläre ich nun diese Erscheinung? Das will ich Euch sagen: zu meinem Heile scheint mir, was mir widerfuhr, sich begeben zu haben, und unmöglich haben diejenigen von uns die richtige Ansicht, die annehmen, das Sterben sei ein Übel. Dafür wurde mir ein starker Beleg; notwendig nämlich hätte das gewöhnliche Zeichen mich abgemahnt, war ich im Begriffe, etwas Unheilbringendes zu thun.“
Als Sokrates einst das Lyceum verlassen wollte und eben aufstand, berichtet Plato,Euthydem. 2, wurde ihm das gewöhnliche dämonische Zeichen zu teil. Er setzte sich also wieder nieder, und in der That kamen bald darauf Euthydemos und dessen Bruder Dionysodor herbei.
Plutarch de genio Socratiserzählt: Als Sokrates mit verschiedenen Freunden zum Wahrsager Eutyphron gegangen war, blieb er auf einmal stehen und kehrte nach einiger Besinnung durch eine andere Gasse um, die voraufgegangenen Freunde zurückrufend, da sein Genius ihn hindere, weiter zu gehen. Die meisten kehrten mit ihm um; die andern, um den Genius einmal Lügen zu strafen, gingen den geraden Weg fort, begegneten aber einer Herde Schweine und wurden, da nicht ausgewichen werden konnte, zu Boden geworfen und mit Schmutz bedeckt. Im Theages des Plato berichtet Sokrates selbst: „Mir ist nämlich durch die göttliche Fügung von meinen Knabenjahren an etwas dämonisches zugesellt: das besteht in einer Stimme, die stets, wenn sie sich vernehmen läßt, von dem, was ich unternehmen will, mir abrät, doch nie zu etwas mich antreibt. Auch wenn einer meiner Freunde sich über etwas mit mir bespricht, und die Stimme sich vernehmen läßt, hält sie ihn davon ab und gestattet ihm nicht, es zu unternehmen. Und dafür kann ich auch Zeugen aufstellen .... Wollt ihr ferner den Bruder des Timarchos, den Kleitomachos, befragen, was Timarchos zu ihm sagte, als er auf dem geraden Wege sich befand, durch Henkershandzu sterben, er und der Wettrenner Euathlos, der den Timarchos auf seiner Flucht bei sich aufnahm? Dieser wird euch nämlich erzählen, daß jener zu ihm sprach: Gewiß, lieber Kleitomachos, sagte er, gehe ich jetzt dem Tod entgegen, weil ich auf den Sokrates nicht hören wollte. Warum sagte denn das nun wohl Timarchos? Das will ich euch sagen. Als vom Zechgelage Timarchos und Philemon, der Sohn des Philemonides, sich erhoben, um den Nikias, den Sohn des Heroskamandros, umzubringen, – ein Anschlag, von dem sonst niemand wußte, – sagte Timarchos im Aufstehen zu mir: Was meinst Du, lieber Sokrates? Zecht ihr nur; ich aber muß mich irgendwohin aufmachen, doch bin ich, wenn es gelingt, bald wieder da. Da erhob sich die Stimme in mir und ich sagte zu ihm: Stehe doch nicht auf, denn ich habe die gewöhnliche dämonische Wahrnehmung empfangen. Und er verweilte noch. Nachdem er eine Weile gewartet, machte er wieder Anstalt zu gehen, und sagte mir: Ich gehe nun, lieber Sokrates. Die Stimme wurde wieder laut, daher nötigte ich ihn wieder, zu verweilen. Das dritte Mal stand er, weil ich es nicht bemerken sollte, ohne mir etwas zu sagen, auf, sondern paßte, um von mir nicht bemerkt zu werden, den Augenblick ab, wo meine Aufmerksamkeit eine andere Richtung hatte, entfernte sich schleunigst und führte das aus, weshalb er jetzt dem Tode entgegenging. Darum sagte er das, was ich euch jetzt erzähle, zu seinem Bruder, er geht jetzt zum Tode weil er mir nicht glaubte. Demzufolge werdet ihr noch jetzt über die Ereignisse in Sikelion von vielen hören, was ich über den Untergang des Heeres äußerte. Doch Vergangenes wollt ihr von den davon Unterrichteten vernehmen; aber auch jetzt könnt ihr das Zeichen erproben, ob es von Bedeutung ist. Als nämlich der schöne Samion in das Feld zog, erhielt ich das Zeichen; nun ist er, um unter Prasyllos zu fechten, auf dem geraden Wege nach Ephesos und Jonien. Darum glaube ich, daß er entweder umkommen oder etwas dem Ähnliches erfahren wird, und ich bin auch wegen des übrigen Heeres in großer Besorgnis. Das hab ich dir aber erzählt, weil die Einwirkung dieses Dämonischen auch über den Umgang der mit mir Verkehrenden alles entscheidet.“
Dieses Dämonion nun, offenbar eine der bestbeglaubigten Thatsachen aus der Geschichte des Occultismus, hat bereits im Altertumzu den verschiedensten Hypothesen Anlaß gegeben, Plutarch, Maximus Tyrius, Apulejus haben darüber geschrieben. Bei den Alten überwiegt die Auslegung, daß Sokrates von einem Dämon, einem göttlichen Wesen inspiriert gewesen sei. – Völlig ratlos steht die modernevulgärePsychologie dem Problem gegenüber. Die seichte rein negative Aufklärung ging daher soweit, die gut beglaubigten Thatsachen zu leugnen und einen Mann von dem sittlichen Ernste eines Sokrates zum Komödianten zu stempeln.
Barthélemy, (voyage du jeune Anarchis c. 67) meint, daß Sokrates mit seinem Dämonion nur Spaß gemacht habe; Plessing (Osiris und Socrates 185) erklärt es für eine bewußte Erfindung. Der französische Arzt Lelut (Le démon de Socrate) wittert darin ein Symptom des Irrsinns. Ihm folgt Lombroso (Genie und Irrsinn). Die meisten Philologen und Philosophen finden sich dem Problem gegenüber mit unbestimmten vagen Redensarten ab. Zeller schreibt (II. 1, 65): „Die dämonische Stimme zeigt sich (vielmehr) im allgemeinen als die Form, welche das lebhafte, aber nicht zur klaren Erkenntnis seiner Gründe aufgeschlossene Gefühl von der Unangemessenheit einer Handlung für das eigene Bewußtsein des Sokrates annahm.“ Der Philologe Cron (Einleitung zu Platons Apologie S. 17): „Daß Sokrates darunter kein besonderes, für sich bestehendes Wesen, sondern nur eine Offenbarung der göttlichen Liebe und Güte verstand, geht aus allen authentischen Berichten unwiderstehlich hervor.“
Etwas weniger seicht, aber noch mehr die Unbegreiflichkeit des Phänomens konstatierend, drückt sichDühring, krit. Geschichte der Philosophie S. 87, aus: „Dieser Dämon oder Genius, der in wichtigen Fällen ihm als allein zureichender Erklärungsgrund der übrigens unmotivierten Entscheidung galt, ist offenbar nichts anderes, als die instinktive Ergänzung zu den bewußten und rein nach klaren Verstandesgesichtspunkten bemessenen Gründen gewesen. Manche haben dieses Prinzip mit dem bloßen Takt verwechselt, welcher für den einzelnen Fall über die Unzulänglichkeit allgemeiner Regeln hinweghilft. Allein der Takt ist nur eine Art Gefühl, dessen Bestandteile nicht gesondert vorgestellt werden. Er ist nur eine bestimmte Form des gewöhnlichen, meist äußerlich und offen daliegenden Urteils, während der dunkle Antrieb, den Sokrates meinte,gar nichts mit der individuellen Geschicklichkeit des Verhaltens zu thun hat, sondern nur diejenigen unbewußten Motive betrifft, die sich nicht als gewöhnliche verstandesmäßige Gründe begreifen lassen. Es ist das Unbegreifliche, – was in der Form des Dämonischen sich unwillkürlich auszugleichen sucht.“
Allein es ist mir zweifelhaft, ob diese Unbegreiflichkeit sich nicht vielleichtnurfür den Standpunkt der materialistischen Psychologie ergiebt. Ich habe zwar die „spiritistische“ Deutung der eleusinischen Mysterien, welchedu Prel a. a. O.zu geben versucht, desavouieren zu müssen geglaubt. Was dagegen das Dämonion des Sokrates betrifft, so glaube ich, daß du Prel, der hier nicht bis zum Spiritismus ausgreift, sondern lediglich im Rahmen seiner, diedramatische Spaltung des Ichals fruchtbaren Erklärungsgrund vieler rätselhafter Erscheinungen des Seelenlebens verwertenden „Philosophie der Mystik“ bleibt, in dem citierten Buche die beste Auflösung des Problems liefert. Ich schließe daher dieses Kapitel mit folgendem Citat ausdu Prels Mystik der alten Griechen, S. 136ff.:
„Demnach ist die dramatische Spaltung des Ich nicht nur die psychologische Formel zur Erklärung unseres Traumlebens, sondern auch die metaphysische Formel zur Erklärung des Menschen. Unsere Existenz, ohne ein bloßer Traum zu sein, hat doch die Formel des Traumlebens. Unser irdisches Wesen ist nur die Hälfte unseres eigentlichen Wesens, dessen andere Hälfte für uns transscendental bleibt, hinter dem irdischen Bewußtsein liegt. Wir gleichen also einem Doppelstern, ohne unsern dunkeln Begleiter zu erkennen. Tritt in unseren Träumen eine zweite Figur neben uns auf, so gehört diese zwar auch unserem Wesen an, aber nur einen Teil dieses unseres Wesens haben wir in diese Traumfigur versenkt und nur im anderen Teile erkennen wir unser eigenes Ich. Darum reden wir im Traume mit solchen Figuren wie mit fremden Wesen, wiewohl die beiden Personen durch ein gemeinschaftliches Subjekt zusammengehalten sind und beim Erwachen in der That wieder zusammenrinnen. In eine Traumfigur können wir schon darum nie ganz versenkt sein, weil deren meistens mehrere vorhanden sind, deren jede nur einen Teil unseres Wesens objektiviert. Nicht einmal in die Gesamtheit der Figuren sind wir ganz ausgegossen, sonst wäre es nicht möglich, daß wir auch noch selbst auf der Bühneuns bewegen; es bliebe für uns nur mehr der Anteil eines vollständig objektiven Zuschauers, was in jenen Träumen, darin wir uns auf der Bühne nicht mit befinden, teilweise allerdings der Fall ist. Diese im Traume bloß psychologische Thatsache der Spaltung wird als eine außerhalb des Traumes metaphysische erwiesen durch die transscendentalen Fähigkeiten unserer Seele, die aus dem irdischen Bewußtsein nicht abzuleiten sind. Dies ist der Grund, warum Kant gerade gelegentlich seiner Schrift über den Seher Swedenborg dahin gelangte, die hier vorgetragene Formel zur Erklärung des Menschenrätsels in ganz klaren Sätzen auszusprechen. Die Rationalisten sehen in dieser Schrift Kants – ‚Träume eines Geistersehers‘ – nur eine Verspottung des Geisterglaubens; sie übersehen dabei, daß von diesem Spott mindestens ein Geist ganz unberührt bleibt, der Geist des Menschen im Sinne eines transscendentalen Subjekts. Ein solches bezweifelt Kant nicht nur nicht, sondern er behauptet es mit großer Entschiedenheit: ‚Ich gestehe, daß ich sehr geneigt bin, das Dasein immaterieller Naturen in der Welt zu behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu versetzen.‘ .... ‚Die menschliche Seele würde daher schon in dem gegenwärtigen Leben als verknüpft mit zwei Welten zugleich müssen angesehen werden, von welchen sie, sofern sie zur persönlichen Einheit mit einem Körper verbunden ist, die materielle allein klar empfindet, dagegen als ein Glied der Geisterwelt die reinen Einflüsse immaterieller Naturen empfängt und verteilt, so daß, sobald jene Verbindung aufgehört hat, die Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen Naturen steht, allein übrig bleibt und sich ihrem Bewußtsein zum klaren Anschauen eröffnen müßte.‘ .... ‚Es wird künftig, ich weiß nicht, wo oder wann, noch bewiesen werden, daß die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslichen verknüpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, daß sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewußt, so lange alles wohl steht.‘ .... ‚Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der sichtbaren und unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehört, aber nicht eben dieselbe Person, weil die Vorstellungen der einen, ihrer verschiedenen Beschaffenheit wegen, keine begleitenden Ideen von denen der anderen Welt sind,und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht erinnert wird.‘