Chapter 31

Die Götter wandern in mancherlei Gestalten,Reisenden aus fremden Ländern ähnlich, umher.“

Die Götter wandern in mancherlei Gestalten,Reisenden aus fremden Ländern ähnlich, umher.“

„Denn auch er glaubte von Göttern in Gestalt von Fremdlingen einen Besuch erhalten zu haben. Voll von diesen Gedanken schlief er vergnügt ein. Die Greise aber führten nach der Mahlzeit das Mädchen auf ihr Zimmer, übergaben ihr sorgfältig das Gewand, in welchem sie eingeweiht worden war, nebst noch einigen andern Sachen, ließen ihr ein Kästchen versiegeln und thaten noch einige Bücher hinzu. Sosipatra freute sich ungemein darüber, und liebte überhaupt die fremden Männer wie ihren eigenen Vater.“

„Am folgenden Tage morgens frühe, als die Thüren geöffnet wurden, und jedermann an seine Arbeit ging, gingen auch die zwei Greise, wie gewöhnlich aus, das Mädchen aber lief zu dem Vater mit der fröhlichen Nachricht, und ließ das Kästchen und die Bücher zu ihm tragen. Der Vater erstaunte über die kostbaren Schätze, welche er fand, und ließ die Männer rufen. Aber sie waren nirgends zu finden. Was ist das? sagte er zur Tochter. Nachsinnend eine Weile, erwiderte diese: Ach, jetzt verstehe ich, was sie mir sagten, als sie mir dies Alles mit Thränen in den Augen übergaben. Betrachte dieses öfters, sagten sie, wir werden bald eine Reise auf das westliche Meer machen, und alsdann sofort wieder zurückkehren.“

„Alles dieses beweist offenbar, daß die Fremdlinge Geister oder höhere Wesen waren. Der Vater nahm diese eingeweihte und divinatorische Tochter zu sich, ließ sie ganz nach ihrem Willen leben, und bekümmerte sich um ihr Thun und Lassen weiter nicht im Geringsten; nur war er mit ihrem stillen Wesen nicht ganz zufrieden. Als sie das reifere Alter erreicht hatte, wußte sie, ohne andereLehrer gehabt zu haben, die Schriften der Dichter, Philosophen und Redner alle auswendig, und was andere mit großer Anstrengung und vielem Schweiße kaum mittelmäßig erlernen und begreifen, darüber wußte sie sich so leicht und gewandt auszudrücken, als ob es nur ganz unbedeutende Aufgaben wären. Die Fremdlinge aber kehrten niemals wieder zurück“ usw.[865]

Durch die Litteratur des Occultismus zieht sich eine Reihe von Schriften, in welchen die mystische Entwickelung des Menschengeistes esoterisch dargestellt und systematisch gelehrt wird. Da es nun unsere Aufgabe ist, das Feld der Mystik in seinem ganzen Umfang zu durchstreifen, so dürfte es vielleicht am Platze sein, diese heute meist vergessenen Schriften aus dem Staube der Jahrhunderte und Jahrtausende hervorzuziehen und der theoretischen wie der praktischen Forschung zugänglich zu machen; vielleicht erregt dieses Unternehmen um so mehr das Interesse der Beteiligten, als die neuere hierher gehörige Litteratur, wie sie z. B. von Kerening vertreten wird, kaum etwas Besseres aufzuweisen hat.

In erster Reihe sind die sogenannten goldenen Sprüche des Pythagoras hierher zu rechnen, welche, wenn auch vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit von Pythagoras selbst herstammend, doch ganz zweifelsohne geistiges Eigentum der alten und neuen pythagoräischen Schule waren. Sie lehren die mystische Entwickelung des Geistes und hier treffen alle Kennzeichen zusammen, mit denen Cornelius Agrippa die letztere charakterisiert, indem er sagt[866]: „Dieser (höhere) Einfluß wird uns aber nur dann zu teil, wenn wir uns von den die Seele niederdrückenden Hindernissen, von den fleischlichen undirdischen Beschäftigungen und von jeder von außen kommenden Aufregung frei machen. Wie ein triefendes und unreines Auge die allzustark leuchtenden Gegenstände nicht anschauen kann, so wird auch der das Göttliche nicht fassen können, der die Reinigung der Seele vernachlässigt. Man muß aber schritt- und gleichsam stufenweise zu dieser Reinheit des Herzens gelangen, denn nicht jeder Neueingeweihte wird sogleich den vollen Glanz dieser Mysterien fassen, sondern die Seele ist allmählich daran zu gewöhnen, bis in uns die Kraft des Verstandes sich entfaltet, und dieser, dem göttlichen Lichte zugekehrt, sich mit ihm vereinigt. Wenn nun die menschliche Seele gehörig gereinigt und geheiligt ist, so tritt sie von allen störenden Einflüssen ungehindert in freier Bewegung hervor, erhebt sich nach oben, erkennt das Göttliche und unterrichtet sich sogar selbst, wenn sie gleich den Unterricht anderswoher zu erhalten scheint. Sie bedarf alsdann weder einer Erinnerung noch Belehrung, sondern durch ihren Geist, welcher das Haupt und der Lenker der Seele ist, ahmt sie von selbst die Engel nach und erreicht nicht erst allmählich, nicht in einer bestimmten Zeit, sondern in einem Augenblicke das, was sie wünscht.“

In den ersten vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche wird nun diese „stufenweise Reinigung des Herzens“ gelehrt, während in den letzten zweiunddreißig die durch Selbstzucht erreichte geistige Macht und Freiheit des Adepten geschildert wird. – Unser moralisch-mystisches Lehrgedicht hat nach den etwas modernisierten Übersetzungen von Schultheß[867]folgenden Wortlaut:

„Die unsterblichen Götter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt,Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nenHelden des Äthers zunächst, dann auch der Erde DämonenGieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die ElternHalte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes.5.Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nenDir zum Freunde, und sei empfänglich für gütige Reden,Nützliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willenZürne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, übe Nachsicht;Ist ja das Können so oft Nachbar des Müssens. Behalte10.Dieses nun wohl und gewöhne durch fleißige Übung dich dazu,Daß du die Lüste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe,Daß du die Wollust und Zorn beherrschen männiglich könnest.Thu' nichts Schändlich's allein, noch auch im Beisein von andern;Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren.15.Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten,Und erlaube dir nie der Vernunft dich blöde zu entäußern,Sondern halte im Aug', daß gemeinsam den Menschen der Tod ist.Laß' nicht nur den Gewinn, laß auch Verlust dir gefallen.Was für Leiden die Menschen nach göttlicher Schickung bedrücken,20.Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel.Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke,Daß das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhänge,Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen,Haß' und bewundere von ihnen keine, und mußt du zuweilen25.Thorheit, Unvernunft hören, so übe Geduld. Eine RegelGeb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen:Niemand müsse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen,Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider;Handle nicht ohne Bedacht, um thöricht nimmer zu handeln,30.Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' Überlegung.Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann.Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gänzlich dir mangelt.Laß dich von deinen Pflichten erst gründlich belehren, dann wirst duFreudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen.35.Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen.Halte nur Maß in Trunk, in Speise und Übung des Leibes.Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Maß sein.Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewöhn' dich zu leben. VermeideAlles was Neid weckt, mit Fleiß, und laß unnötigen Aufwand40.Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dirKargheit. Das Beste in allen ist rechtes Maß stets gewesen.Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst.Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten,Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben:45.Wo übertrat ich das Maß? Was ward gebührend verrichtet?Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen hätt' müssen?Laß' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen;Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend.Siehe, hierin sollst du üben, und dieses sollst du studieren,50.Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten,Diese Dinge, sie führen zum Pfad' der göttlichen Tugend,Bei dem göttlichen Mann schwör ich's, der unserer SeeleIn der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen!Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Götter,55.Daß du vollenden es magst. Bist du jetzt mächtig gewordenJener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werdenVon der Geister System und auch der unsterblichen Götter,Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die KräfteJedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde.60.Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen RechtenBleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals,Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen.Kenntnis erlangst du, erkorenes Übel plage die Menschen,Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hören nicht wollen,65.Wie sie das Gut in der Nähe hätten. Nur wenige wissen,Sich von den Übeln zu lösen: Ein trauriges Schicksal,Daß sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde WalzenDahin, dorthin, bedrängt von Kummer und Plagen ohn' Ende.Denn das merken sie nicht, daß der Streit, der schlimme Gefährte,70.Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, daß sieIhn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten.Vater Zeus, o du würdest vom Übel sie alle erlösen,Wenn du allen zeigtest den Dämon, der sie bewohnet.Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes Geschlechte;75.Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren.Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleißiger Schüler,Wird es dir meine Gebote zu halten an Kräften nicht fehlen,Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten.Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide80.Nach den Gesetzen der Läut'rung wie auch der Befreiung der Seele,Was ihr schadet und nützt, und lasse das nie unerwogen.Laß der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zügel in Händen.Scheidest du früh oder spät aus diesem, dem sterblichen Leibe,Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,85.Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann!“

„Die unsterblichen Götter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt,Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nenHelden des Äthers zunächst, dann auch der Erde DämonenGieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die ElternHalte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes.5.Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nenDir zum Freunde, und sei empfänglich für gütige Reden,Nützliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willenZürne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, übe Nachsicht;Ist ja das Können so oft Nachbar des Müssens. Behalte10.Dieses nun wohl und gewöhne durch fleißige Übung dich dazu,Daß du die Lüste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe,Daß du die Wollust und Zorn beherrschen männiglich könnest.Thu' nichts Schändlich's allein, noch auch im Beisein von andern;Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren.15.Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten,Und erlaube dir nie der Vernunft dich blöde zu entäußern,Sondern halte im Aug', daß gemeinsam den Menschen der Tod ist.Laß' nicht nur den Gewinn, laß auch Verlust dir gefallen.Was für Leiden die Menschen nach göttlicher Schickung bedrücken,20.Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel.Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke,Daß das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhänge,Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen,Haß' und bewundere von ihnen keine, und mußt du zuweilen25.Thorheit, Unvernunft hören, so übe Geduld. Eine RegelGeb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen:Niemand müsse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen,Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider;Handle nicht ohne Bedacht, um thöricht nimmer zu handeln,30.Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' Überlegung.Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann.Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gänzlich dir mangelt.Laß dich von deinen Pflichten erst gründlich belehren, dann wirst duFreudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen.35.Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen.Halte nur Maß in Trunk, in Speise und Übung des Leibes.Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Maß sein.Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewöhn' dich zu leben. VermeideAlles was Neid weckt, mit Fleiß, und laß unnötigen Aufwand40.Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dirKargheit. Das Beste in allen ist rechtes Maß stets gewesen.Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst.Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten,Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben:45.Wo übertrat ich das Maß? Was ward gebührend verrichtet?Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen hätt' müssen?Laß' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen;Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend.Siehe, hierin sollst du üben, und dieses sollst du studieren,50.Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten,Diese Dinge, sie führen zum Pfad' der göttlichen Tugend,Bei dem göttlichen Mann schwör ich's, der unserer SeeleIn der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen!Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Götter,55.Daß du vollenden es magst. Bist du jetzt mächtig gewordenJener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werdenVon der Geister System und auch der unsterblichen Götter,Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die KräfteJedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde.60.Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen RechtenBleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals,Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen.Kenntnis erlangst du, erkorenes Übel plage die Menschen,Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hören nicht wollen,65.Wie sie das Gut in der Nähe hätten. Nur wenige wissen,Sich von den Übeln zu lösen: Ein trauriges Schicksal,Daß sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde WalzenDahin, dorthin, bedrängt von Kummer und Plagen ohn' Ende.Denn das merken sie nicht, daß der Streit, der schlimme Gefährte,70.Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, daß sieIhn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten.Vater Zeus, o du würdest vom Übel sie alle erlösen,Wenn du allen zeigtest den Dämon, der sie bewohnet.Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes Geschlechte;75.Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren.Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleißiger Schüler,Wird es dir meine Gebote zu halten an Kräften nicht fehlen,Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten.Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide80.Nach den Gesetzen der Läut'rung wie auch der Befreiung der Seele,Was ihr schadet und nützt, und lasse das nie unerwogen.Laß der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zügel in Händen.Scheidest du früh oder spät aus diesem, dem sterblichen Leibe,Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,85.Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann!“

Diese pythagoräischen Verse wurden von dem NeuplatonikerHieroklesausführlich kommentiert. Derselbe wurde 410 geboren, war ein Schüler des Plutarch von Athen, lehrte zu Alexandria und starb um das Jahr 476. Von seinem Leben ist so gut wie nichts bekannt, und nur Suidas überliefert uns einen einzigen Zug aus seinem Leben, welcher jedoch unsern Philosophen in stoischer Größe erscheinen läßt: Auf einer Reise nach Byzanz wurde er in dieser Stadt von der Regierung (vermutlich wegen Streitigkeiten mit christlichen Priestern) zur Geißelung verurteilt, welche auf das strengste an ihm vollzogen wurde. Als nun ein Gerichtsbeamter voll Wohlgefallen der Exekution zusah, fing Hierokles eine Hand voll seines den Riemen der Peitschenhiebe entströmenden Blutes auf und warf es demselben mit homerischen Worten ins Gesicht: „Nimm, Cyklop, und trink eins; auf Menschenfleisch ist der Wein gut.“

Der Erfolg dieser That war, daß Hierokles sofort aus Byzanz verbannt wurde und nach Alexandria zurückkehrte, wo er unter dem Beifall seiner Schüler ungehindert wie früher Philosophie weiter lehrte.

Wenden wir uns zu dem Kommentar des Hierokles. Nach ihm besteht die Philosophie in der Reinigung und der Vervollkommnung des menschlichen Lebens; in der Reinigung von der Sinnlichkeit und dem materiellen Leibe, in der Vervollkommnung des unsterblichen Menschen zur Gottheit, wodurch der Mensch der wahren Glückseligkeit teilhaftig wird. Auf den Weg zur Vergöttlichung führen den Philosophen gewisse kurzgefaßte Grundsätzeoder Kunstregeln, unter denen die pythagoräischen Verse den ersten Rang einnahmen, weil sie sowohl die Grundbegriffe der thätigen als der beschaulichen Philosophie enthalten und den Menschen – nach den Worten des „Timäus“ – in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen.

Die Gebote der thätigen Tugend werden zuerst genannt, weil Trägheit und Sinnlichkeit überwunden sein müssen, bevor sich der Mensch mit den höheren göttlichen Tugenden bekannt machen kann; denn ebensowenig als ein unreines Auge den Glanz der Sonne erträgt, ebensowenig vermag eine Seele ohne Besitz praktischer Tugend ihren Blick auf den Glanz der Wahrheit zu richten.

Die thätige (politische) Tugend wird die menschliche genannt, die Befolgung ihrer Gebote führt uns auf den Weg der beschaulichen göttlichen Tugend und Philosophie (V. 50–54). Man muß also zunächst Mensch werden, um sich zum Gott entwickeln zu können; zu dem ersten machen uns die thätigen, und zum letzteren – vom Leichteren zum Schwereren emporsteigend – die beschaulichen Tugenden.

Die Vorschriften der thätigen Tugend sind so vielfach und reden in so hohem Grade für sich selbst, daß wir den zu ihnen gehörigen langen Kommentar bis zu den Versen 36–38 übergehen können, worin Pflege der Gesundheit und Mäßigkeit empfohlen wird, um den Körper zu einem brauchbaren Instrument der Weisheit zu machen. Hierokles sagt: „Damit dann sein (des Philosophen) Leib ein Instrument der Weisheit abgeben möge, wird er denselben durchaus also nähren und gewöhnen, daß dabei vorzüglich für die Seele, zunächst aber und um ihretwillen für den Leib gesorgt sei. Denn er wird niemals den Leib, die Maschine, in größeren Ehren halten als die Seele, welche dieselbe braucht. Er wird aber eben darum die Maschine durchaus nicht vernachlässigen, weil die Seele sie braucht, sondern er wird in der rechten Ordnung für die Gesundheit des Leibes, mit Rücksicht auf die Seele, deren Werkzeug er ist, Sorge tragen. Er wird sich deshalb nicht aller Speisen ohne Unterschied bedienen, sondern nur solcher, die erlaubt sind zu essen[868]; denn es giebt Speisen, die nicht erlaubt sind zu essen, weilsie den Leib beschweren undden Geist der Seele, mit dem sie in engerem Bande steht, in gröbere Leidenschaften hinschleppen.“

Unter diesem Geist der Seele verstehen die Neuplatoniker einen inneren, mit der vernünftigen Seele in engerem Zusammenhang als der äußere Zellenleib stehenden geistigen oder ätherischen Leib, welcher Glanzleib oder der geistige Wagen der Seele genannt wird. Nach neuplatonischer Ansicht verliert der Astralleib seinen Glanz und seine Leichtigkeit, wenn er zu salzige oder zu fette Speisen genießt; durch diesen Genuß wird der Glanzleib getrübt, und der Wagen, auf welchem die Seele zur Gottheit emporfahren soll, versagt seinen Dienst. – Zum Verständnis der durch gesperrten Druck hervorgehobenen Stelle des Hierokles diene die Anmerkung, daß Pythagoras und Plato nach Diogenes Laërtius die Seele in zwei Teile teilten, in einen vernünftigen –λόγον– und einen unvernünftigen Teil –ἄλογον– welch letzterer wieder in den zornigen –θυμικόν– und begierigen –ἐπιθυμικόν– zerfiel und sich also mit obigem „Geist der Seele“ deckt.

Derartige Speisen wird also der Philosoph meiden und hinsichtlich der erlaubten Jahreszeit, Land, Alter und Gesundheit berücksichtigen, sowie auch bedenken, „ob er ein Anfänger im philosophischen Leben sei, oder schon die Höhe desselben erstiegen habe; er wird also durch Maßhalten allen Schaden vermeiden und alle Vorteile für die nach Vollkommenheit strebende Seele zu erringen suchen.“ „Denn wenn sie (auf ihrem glänzenden Wagen) zur Vernunft hinauffährt, muß es um sie her von Leidenschaften ganz windstille sein, ihre untern Triebe müssen sich in der besten Ordnung und tiefsten Unterthänigkeit befinden, damit die höheren Seelenkräfte in ihren Betrachtungen ungestört bleiben.“

Die Verse 50–55 stellen den Jünger auf die Grenze zwischen der praktischen und theoretischen Tugend, zwischen den niedern Zustand eines Menschen und den höheren eines Gottes. Daß aber die theoretische Wahrheit zu diesem hohen Ziele führe, bezeugen die Verse ausdrücklich, mit welchen unser Dichter dieses Lehrgedicht beschließt:

„Scheidest du früh oder spät aus diesem sterblichen Leibe,Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!“

„Scheidest du früh oder spät aus diesem sterblichen Leibe,Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!“

Diese Dinge führen auf den Weg zur göttlichen Tugend, sie „werden dich Gott ähnlich machen vermittelst der wissenschaftlichen Erkenntnis der Dinge, den die Erforschung der Ursachen der wirklichen Dinge führt, weil die ersten Ursachen in der Weisheit und Kraft des Schöpfergottes liegen, zum höchsten Gipfel der Gotteserkenntnis, welche die Ähnlichkeit mit Gott mit sich bringt.“

Der Verfasser verheißt den in praktischer und theoretischer Tugend Geübten nicht nur die Kenntnis aller von der Tetrade geschaffenen Wesen, sondern auch ihrer unterscheidenden und gemeinsamen Merkmale und sagt: „Eine wissenschaftliche Kenntnis aber von diesen Wesen gelingt denen, welche die praktische Tugend mit theoretischer Wahrheit ausschmücken und ihre menschliche Rechtschaffenheit zu göttlicher Tugend erhöhen; denn dadurch erlangt man Ähnlichkeit mit Gott, wenn man die Dinge kennt, wie sie ihr Dasein und ihren Rang von Gott selbst erhalten haben. Weil aber die körperliche Natur diese sichtbare Welt ausmacht und der Herrschaft der vernünftigen Wesen untergeordnet ist, so kündigt unser Lehrer in den folgenden Versen (61–64) an, daß man in der gehörigen Ordnung nun auch zu dem Gut der physiologischen Wissenschaft gelangen werde.“

Die höheren Regionen der Welt sind mit Gestirnen geziert und mit reinen Intelligenzen bevölkert, die Erde aber ist mit Leben und Empfindung besitzenden Tieren und Pflanzen besetzt. Zwischen jene Intelligenzen und diese bloßen Lebewesen ist der Mensch als Amphibium, als das letzte Wesen der obern und das erste Wesen der untern Klassen gesetzt. Bald pflegt er Umgang mit den Unsterblichen und tritt durch die Rückkehr zur Vernunft (νοῦς) wieder in seinen ursprünglichen Stand ein; bald gesellt er sich zu den sterblichen Wesen, läßt die göttlichen Gesetze außer acht und sinkt von der ihm zukommenden Würde herab. Weil er der untersten Klasse der denkenden Wesen angehört, so besitzt er von Natur aus das Vermögen nicht, zu jeder Zeit und stets gleich vernünftig zu denken, und steht deshalb an Rang unter höheren Intelligenzen, denen er sich jedoch zu assimilieren vermag, obschon er „von Natur ist und bleibt ein niedrigeres Wesen als die unsterblichen Götter und Helden des Äthers“.

Gerade infolge seiner Doppelstellung aber vermag der Menschdie Stufenfolge der Klassen der denkenden Wesen zu erkennen und wahrzunehmen, daß die Natur überall sich selber gleich bleibt, daß dem so sei „nach ewigen Rechten, nach dem göttlichen Ideal, weil ihnen (allen Geschöpfen) Gott diese und keine andere Wirklichkeit gegeben hat, weil er alles, seien es körperliche oder unkörperliche Wesen, nach den Maßregeln seines Planes angeordnet hat“.

Aus der Kenntnis der körperlichen und unkörperlichen Schöpfung erwächst dem Weisen der Gewinn, daß er nichts Eitles hofft und daß ihm nichts verborgen bleibt.

Wer nun aber zur Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen, die ihn hinauf und hinab zieht, gelangt ist, der versteht, „wie selbst erwähltes Übel die Menschen plage, daß sie aus eigenem Entschluß elend und mühselig sind“; denn sie lassen sich sowohl durch einen jähen Trieb in das körperliche Leben herabziehen, als auch im körperlichen Leben in Leidenschaften verstricken, die sie an die Erde binden, während sie sich doch zeitig von ihr loslösen könnten; sie nehmen das Gute nicht wahr und wollen sich auch nicht belehren lassen. Diejenigen aber, denen es ernst ist, Gutes zu lernen oder zu entdecken, die sich von dem Übel frei zu machen wissen, diese werden der Plagen des irdischen Lebens los und ledig und „wandern hinüber in den reinen Äther“.

Die Thoren gleichen Walzen, die bergab rollen und überall auf Hindernisse stoßen; sie geraten durch ihre erdwärts treibenden Handlungen in tausend Übel und wissen sich weder zu raten noch zu helfen, weil sie stets grundsatzlos handeln. Es giebt keinen Zufall des menschlichen Lebens, der dem Thoren nicht Anlaß zum Bösen werde, weil das Laster sein selbstgewähltes Teil ist, und er weder auf das göttliche Licht schauen, noch auch von den wahren Gütern hören will. Unsere Erlösung wird aber sicher erfolgen, wenn wir zur Selbsterkenntnis gelangen und einsehen lernen, daß ein göttliches Wesen in uns wohne. Diese Befreiung von allen Übeln ist jedoch denen möglich, welche sich mit der Betrachtung der wahren Güter befassen und von der Philosophie, „der heiligen Mutter“, in der Befolgung ihrer Pflichten unterweisen lassen.

Das vernünftige Geisteswesen ist – nach neuplatonischer Anschauung – ursprünglich mit einem (Astral-) Leib vereinigt geschaffen worden und zwar derart, daß es weder der Leib selbst,noch ohne Leib ist, sondern an sich zwar etwas Unkörperliches ist, daß er aber doch ein Körper mit seinem ganzen Wesen und zu seiner Beschaffenheit gehört. Höhere Intelligenzen und Menschen, beide sind Wesen, die aus einer vernünftigen Seele und einem anerschaffenen Lichtleibe bestehen.

Zur Vervollkommnung der Seele dienen Wahrheit und Tugend, zur Reinigung unseres Glanzleibes hingegen die Fortschaffung jeder Befleckung, welche wir uns durch die Gemeinschaft mit der Materie zugezogen haben; ferner der Gebrauch heiliger Reinigungsmittel und endlich die von Gott uns eingepflanzte Stärke, die uns zum Rückflug von hinnen den Schwung giebt. Darüber belehren uns die Verse 80–83, welche uns alle überflüssige Verunreinigung durch die Materie untersagen und uns den Gebrauch der mystischen Reinigung und der uns eingepflanzten Stärke zur Befreiung der Seele empfehlen. Diese Reinigung erstreckt sich auf Speise und Trank, ja auf die ganze Pflege unseres sterblichen Leibes, innerhalb dessen unser Glanzleib wohnt, dem äußern seelenlosen Körper Leben einhaucht und ihn zur Übereinstimmung mit ihm selbst heranbildet: „Der immaterielle Leib ist ein lebendiges Wesen und die wirkende Ursache des Lebens, welches der materielle Leib besitzt und wodurch unser sterbliches Tier seine Vollständigkeit erreicht, das aus dem sinnlichen Leben und dem materiellen Leib zusammengesetzt ist, ein Schattenbild des Menschen, der aus einem vernünftigen Wesen und einem immateriellen Leibe besteht.“

Die mystische Reinigung bedient sich körperlicher Mittel, um den sein eigenes Leben besitzenden „Glanzleib“ zu heilen und anzutreiben, daß er sich von der Materie scheide und seinen Rückflug in den Himmelsäther, dorthin nehme, wo er früher glücklich war. Alle Ceremonien dieser Reinigung, wenn mit Ernst ausgeübt wird, sind in den Gesetzen der Tugend und Wahrheit gegründet. Dabei ist die Hauptsache, daß der Mensch sich allmählich gewöhnt, irdische Dinge zu missen und sich mit immateriellen zu beschäftigen, wenn er sich von den Befleckungen reinigt, die er sich durch sein Leben im materiellen Körper so zahlreich zuzog. Durch diese Bemühungen lebt er gewissermaßen wieder auf und kommt wieder zu sich.

Von

L. Kuhlenbeck.

Den Kiesewetterschen Darstellungen der neuplatonischen Philosophie schließe ich hier eine Studie über den einzigen und letzten Neuplatoniker an, der als Repräsentant des völligen Verfalls der griechischen Philosophie dennoch seinerPersönlichkeitwegen meine Teilnahme in Anspruch nimmt. Diese Teilnahme gilt freilich in erster Linie einer Frauengestalt, die das tragische Ende des Hellenismus überhaupt, in einer die Poesie und Kunst mehr als die Wissenschaft herausfordernden Weise gewissermaßen symbolisch abschloß, derHypatia. Nicht nur die platonische Philosophie, das ganze geistig sinnliche Hellas hatte sich in dieser Frauengestalt von gleich vollendeter Schönheit des Leibes und der Seele individualisiert, wie um sich der Welt noch einmal vor dem Scheiden in sichtbarer Verkörperung zu zeigen.

„Bewundernd blick' ich auf zu dir und deinem Wort,Wie zu der Jungfrau Sternbild, das am Himmel prangt;Denn all dein Thun und Denken strebet himmelwärts,Hypatia, du edle, süßer Rede Born,Gelehrter Bildung unbefleckter Stern!“

„Bewundernd blick' ich auf zu dir und deinem Wort,Wie zu der Jungfrau Sternbild, das am Himmel prangt;Denn all dein Thun und Denken strebet himmelwärts,Hypatia, du edle, süßer Rede Born,Gelehrter Bildung unbefleckter Stern!“

So besingt sie der Epigrammatist Palladas, und dem Grade nach bleibt kaum einer ihrer gelehrten Zeitgenossen hinter solchem Lobe zurück. Dieser Abendstern hellenischer Geisteskultur aber, diesejungfräuliche Philosophin, wurde auf Anstiften des christlichen Patriarchen Cyrillus zu Alexandria von christlichen Mönchen im März des Jahres 415 in eine christliche Kirche geschleift und daselbst zerfleischt und zerrissen, wie eine Hindin von einer Meute ausgehungerter Steppenwölfe, – und selbst von ihrem geistigen Wesen, von ihren Schriften ist kein Jota vor dem Spürsinn kirchlicher Gedankenpolizei auf die Nachwelt gerettet.

Wenn man indeß die Meisterin nach einem ihrer begeistertsten Schüler beurteilen darf, so verdient schon um deswillen das Leben und das in seinen der Nachwelt erhaltenen Schriften sich mitteilende Denken eines Mannes unser wärmstes Interesse, der auch als Bischof derselben Kirche und in demselben Patriarchat, dessen Oberhirt der Anstifter ihrer Ermordung war, nicht müde wurde, sich zu rühmen, „ihres Geistes einen Hauch verspürt zu haben“. Wir dürfen uns glücklich schätzen, wenn wenigstens durch einen solchen Planeten einige reflektierte Strahlen ihrer sonst in ewige Nacht versunkenen Geistessonne noch zu uns gelangen. Dieser Schüler ist Synesios.

Zwischen der großen Syrte und der an der Westgrenze Ägyptens beginnenden lybischen Wüste erhebt sich das Plateau von Barka, landschaftlich der schönste Teil des nördlichen Afrika. Im Altertum hieß es Cyrenaica oder Pentapolis, Cyrenaica nach der Hauptstadt Cyrene, Pentapolis, weil einschließlich Cyrene fünf große Städte, nämlich außer der genannten Berenice, Ptolemais, Arsinoe, und Apollonia, sämtlich Kolonieen dorischer Griechen, hier eine bundesstaatliche Gemeinschaft darstellten. Die höchste Blüte geistigen Lebens und materiellen Wohlstandes scheint die Pentapolis um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. erreicht zu haben, als die ursprüngliche Königsherrschaft durch eine demokratische Republik beseitigt ward; doch besingt noch Pindar ihre zahlreichen Sieger bei den olympischen Spielen, und der Geograph Eratosthenes, der Dichter Kallimachus, die Philosophen Aristipp, Karneades und Antipater verbürgten durch ihre Werke eine nicht nur blutsverwandtschaftliche, sondern auch geistige Ebenbürtigkeit ihres lybischen Vaterlandes mit dem übrigen Hellas. Seine politische Unabhängigkeit wahrte der Fünf-Städtebund, wenn auch allmählich seine ökonomischeBedeutung von der alles überwuchernden Handelsmacht Karthagos überflügelt und selbst erdrückt wurde, bis zum Tode des großen Alexander, in dessen Universal-Monarchie er aus panhellenistischer Begeisterung freiwillig eintrat. Darnach aber geriet er unter die Gewalt des Ptolemäus von Ägypten, und dieser brachte mit Ansiedlung einer Menge Juden, denen er leider noch dazu volle bürgerliche Gleichberechtigung mit den Hellenen verlieh, so zu sagen, den Schwamm ins Holz. Jeder Historiker undauch die Gegenwartweiß, was solche Gleichberechtigung der Juden innerhalb eines nationalen Organismus bedeutet; auf dem künstlich geschaffenen Nährboden vermehrten sich die Juden in kurzer Zeit unglaublich und nutzten die bürgerliche Gleichberechtigung zur Aussaugung der Volkskräfte noch weit gründlicher aus, als das römische Reich, dem Cyrenaica etwa von 66 v. Chr. als Provinz einverleibt war, seine Herrschaft. Dazu kam ihr gerade in jenen Zeiten besonders hochflutender Religionsfanatismus, der in der Pentapolis unter der Regierung Trajans ihren angeborenen Menschenhaß zu einem Messias-Putsch fortriß, welcher in der Scheußlichkeit gipfelte, in einer einzigen Verschwörungsnacht mehr als 200 000 Griechen meuchlerisch abzuschlachten. Freilich suchte der Kaiser diese Greuelthaten gebührend zu strafen; die dadurch nur noch mehr geschürten Rassenkämpfe beschleunigten aber wiederum die völlige Verarmung und Entvölkerung des Landes.

Bei der Teilung des römischen Reichs durch Theodosius ward die Cyrenaica der oströmischen Hälfte, also dem Arcadius, zugewiesen. Fünfzehn Jahre vor diesem Ereignis, etwa um 370, war Synesios in Cyrene als Sohn eines Decurio von hocharistokratisch-dorischer Herkunft, – sein Stammbaum führte bis auf Herakles zurück, – geboren. Die Geburts- und Bildungs-Aristokratie der Griechen und Römer widerstand am längsten dem schließlich gewaltsam aufdringlichen Bekehrungseifer des Christentums, und so bekannte sich auch die Familie des Synesios, den grausamen, aber gerade ihrer Grausamkeit wegen zur Zeit noch undurchführbaren Intoleranzerlassen eines Constantin und Theodosius trotzend, noch zum Glauben an die Götter ihrer Ahnen. Bei der Nähe Alexandrias ist nichts begreiflicher, als daß Synesios wie auch sein Bruder Euoptius, sobald sie das Jünglingsalter erreicht hatten, von ihrem Vaternach dem dortigen Musensitz gesandt wurden, um von den schönen Lippen einer Hypatia, zu deren Füßen sich die Elite der heidnischen Jugend aus allen Provinzen des Weltreichs versammelte, die letzte und glänzendste Vertheidigung ihrer zum Tode verurteilten hellenischen Weltanschauung zu vernehmen. Vermutlich erst der Tod seines Vaters hat ihn in die Heimat zurückberufen. Den kaum 30jährigen betrauten nun seine Mitbürger mit der ebenso ehrenvollen wie schwierigen Aufgabe, als Wortführer einer Landesabordnung dem Kaiser in Konstantinopel einen goldenen Huldigungskranz zu überreichen und dabei, die Hauptsache, eine Erleichterung der nachgerade dem verarmten Vaterlande unerschwinglich gewordenen Abgaben zu erbitten.

Drei Jahre hat Synesios in Konstantinopel geweilt, bevor es ihm gelang, überhaupt erst eine Audienz beim Kaiser zu erwirken und endlich seine Aufgabe zu erfüllen. In diesem Zeitraum hatte er allzu reichliche Gelegenheit gehabt, aus unmittelbarer Nähe jene Mumie des Cäsarismus zu studieren, zu vernehmen, wie der vermorschte Bau des nunmehr halbierten Weltreichs bereits in allen Fugen seinem Ruin entgegen stöhnte, und ein naiver Ideologe, glaubt sich der Schüler einer Hypatia berufen, den Versuch zu wagen, nochmals einen Funken antiker Heldengesinnung und Staatsweisheit, „und wär's auch eine Feuerflocke Wahrheit nur, in des Despoten Seele kühn zu werfen“, welcher, wie er wähnte, den Kaiser bestimmen möchte, den Staat zu reorganisieren und das längst besiegelte Schicksal abzuwenden.

So hielt er dann bei der Überreichung des goldenen Kranzes seine denkwürdige Rede „über die Herrscherpflichten“, mit Bezug auf welche er sich mit Recht rühmt, daß auch in den Zeiten des freien Griechenlands vor einem Königsthron kaum jemals eine freimütigere Rede gesprochen sei. „Die Philosophie verlangt durch ihn Gehör und will nützen mit ihren ernsten, alle Schmeichelei verschmähenden Worten, die sogar das Recht des Tadels für sich in Anspruch nehmen.“ – Wie weit der Redner das Recht des Tadels zu üben wagt, mag aus seiner Schilderung des byzantinischen Hoflebens entnommen werden: „Die Könige ergeben sich einem schlaffen, unwürdigen Genußleben, ihre gewöhnliche Umgebung besteht aus Spaßmachern, Zwergen und Verschnittenen, die allein freien Zutritthaben, deren fades Geschwätz ihren Geist wie in einem Nebel gefangen hält, ihn der ernsteren Rede entfremdet und gegen die Verständigen im Volke mit Mißtrauen erfüllt. Dazu kommt die übertriebene Pracht in der äußeren Kleidung der Könige. Sie gehen einher in Purpur und Gold, mit kostbaren Steinen und Perlen über und über besäet, so daß sie einem buntschimmernden Pfau gleichen, ja sie verschmähen es sogar, ihren Fuß auf den bloßen Boden zu setzen, und lassen ihn mit Goldsand bestreuen, den ganze Schiffsladungen aus fernen Landen herbeiführen müssen. Sie führen in ihren Gemächern ein Leben wie die Eidechsen, die mit Mühe einmal an die Sonne hervorkommen, um nur nicht von den Menschen als Mensch erkannt zu werden. Und doch sind sie jetzt viel schlechter daran, als damals, wo sie an der Spitze der Heere sich im staubigen Felde bewegten, verbrannt von der Sonne, in schmuckloser Kleidung.“ Er fordert den Kaiser auf, sowohl sich selbst als auch das Volk wiederum an die Waffen sich zu gewöhnen: „Ehe man duldet, daß die Scythen hier in Waffen gehen, müßte man Männer vom lieben Ackerbau entbieten, um für denselben zu kämpfen, und so viele ausheben, daß man auch den Philosophen aus seiner Studirstube, den Handwerker aus seiner Werkstatt aufstehen heißt, den Kaufmann aus seinem Laden; und die Drohnenschar des Volkes, das in allzulanger Muße sein Leben im Theater hinbringt, wollen wir überreden, auch einmal ernst zu werden, bevor sie vom Lachen zum Weinen gelangen; denn weder die Rücksicht auf schlechte noch bessere Leute darf uns ein Hindernis sein, daß die Kraft (ῥάμη) den Römern (ῥωμαῖοις) wieder zu eigen werde.“

Bei all ihrer inhaltlichen und formellen Vortrefflichkeit kann diese Marquis-Posa-Rede des Synesios uns nur komisch berühren; – wenn schon ein Plato einen Herrscher von Syrakus Jahre lang vergeblich unterrichtete, wie mochte dieser neuplatonische Epigone sich vermessen, durch eine Predigt einen Arcadius zu Größerem aufzufordern, als Julian vermocht hatte, ihn bestimmen zu wollen, diesen Staats-Kadaver in eine platonische Republik umzuschaffen! Es ist in der That schon bewundernswert, daß diese Rede dem Kaiser so zu sagen zum einen Ohr hinein und zum andern hinausging, ohne den verwegenen Sprecher zu gefährden, ja sogar ohne auch nur sein diplomatisches Anliegen zu vereiteln. Der geforderteSteuererlaß wurde nämlich bewilligt. Übrigens hat Synesios auch gar bald an seinem Beruf, staatsphilosophische Ideale am byzantinischen Hofe zu verwirklichen, verzweifelt. Als nicht nur der Einfluß des Konsul Aurelian, seines Gönners, durch gegnerische Kabalen, bei denen sogar ein leiblicher Bruder eben dieses Aurelian und die Kaiserin Eudoxia die Haupt-Intriguanten waren, und durch die damit in geheimen Einverständnissen stehende Militär-Revolution des Gothen Gainas erschüttert wurde, sondern als auch, gleichsam mitempfindend mit den politischen Ereignissen, in Konstantinopel ein Erdbeben den Boden unter den Füßen wanken machte, da schüttelte er den Goldsandstaub von seinen Schuhen und verließ zu Schiff das Babylon am goldenen Horne.

In sein Vaterland zurückgekehrt, veröffentlichte er zunächst eine Schrift, welche nur als geistige Frucht seiner byzantinischen Erlebnisse zu verstehen ist. Sie betitelt sich: „Die Ägypter, oder über die Vorsehung“ und vereint die Erörterung schwieriger philosophischer Probleme wie Vorsehung und Weltregierung, Dasein und Ursprung des bösen mit einer allegorischen Darstellung der Zeitbegebenheiten. Das Skelett bildet die in euhemeristischer Auffassung dargestellte Mythe von Osiris und Typhon. Beide Brüder sind Söhne eines ägyptischen Königs. Ihre Seelen aber entstammen entgegengesetzten Quellen. Osiris entstammt dem Lichtreich und hat sich nur incarnirt, um anderen im Erdenthal ringenden Seelen behilflich zu sein, den Aufgang zum Reiche des Lichts zu finden. Aber Typhons Seele entstammt jenen niederen Regionen des Seins, „wo Neid und Zorn und die Scharen der anderen Keren auf dem Unheilgefild in Dunkel und Finsternis schweifen.“ (Verse des Empedocles.)

Der König erkannte bald die verschiedene Gemütsart seiner Söhne und ließ deshalb noch vor seinem Tode, um etwaigen Ansprüchen des Typhon vorzubeugen, den Osiris durch freie Volkswahl als seinen Nachfolger betätigen. Bei dieser Wahl waren alle Götter zugegen und von den Göttern selbst und seinem eigenen Vater empfing jetzt Osiris den Rat, seinen verderbliche Anschläge brütenden Bruder unschädlich zu machen, da er sonst eine unzeitige Bruderliebe werde schwer zu bedauern haben. Osiris jedoch wies solchen Ratschlag mit Entrüstung von sich und meinte, die Vorsehung der Götter werde ihm auch gegen etwaige böse Pläne seines Bruders in Zukunft zur Seite stehen.

„Hierin irrst du“, entgegnete sein Vater, „denn der göttliche Teil der Welt ist mit anderem beschäftigt, indem er größtenteils der ersten ihm einwohnenden Kraft gemäß wirkt und im reinen Anschauen der intelligiblen Schönheit lebt; – nur zu bestimmten Zeiten senden sie einige der Ihrigen herab, um den Anstoß zu einer guten Bewegung im Staatsleben zu geben.“ – – – „Und deshalb können gute Seelen nur spärlich hier sichtbar werden, denn ihre Seligkeit besteht in etwas anderem. Das Genießen im Anblick der ersten Welt ist seliger, als das Ordnen der Schlechteren; denn dies ist Abwendung, jenes ist Hinwendung. Du bist ja wohl eingeweiht in das heilige Geheimnis, wonach die Seele über zwei Augenpaare verfügt, von denen das untere sich schließen muß, wenn das obere sieht, und wenn dieses sich schließt, die Reihe des Sichöffnens an jenes kömmt.[869]Dies, glaube mir, ist eigentlich ein Sinnbild der beschaulichen und praktischen Thätigkeit, indem die mittleren Wesen abwechselnd beides verrichten, die vollkommenen aber mehr dem besseren zugewandt bleiben und mit dem schlechteren nur in Berührung kommen, soweit es nötig ist.“ – – – „Und du, eine göttliche Seele unter Dämonen, die als erdgeborene natürlich feindlich gesinnt sind, wenn einer fremde Gesetze in ihrem Gebiet beobachtet, du mußt bedenken, von wannen du bist und daß du hier in der Welt einen Dienst erfüllst. Du mußt selber kämpfen, nicht nur gegen andere, sondern der schwerste Kampf ist mit dem unvernünftigen Teil der Seele; denn die Dämonen suchen vor allem die Begierden und Regungen des Zorns mit den zugehörigen Lastern zu entflammen, indem sie den Seelen durch die ihnen verwandten Teile sich nahen, welche auf natürliche Weise ihre Anwesenheit empfinden, sich regen und von ihnen Kräfte empfangen, durch die sie sich der Vernunft entziehen, bis sie die ganze Seele beherrschen. Dies ist der größte Kampf.“ – – – „Und von oben herab schauen die Götter diesem schönen Kampfe zu, in welchem du siegen wirst.Möchte es auch in dem zweiten Kampfe der Fall sein. Doch ich fürchte, du hast diese besiegt und wirst in jenem überwältigt werden. Denn wenn die Dämonen an dem ersten Kampfe verzweifeln, dann rüsten sie sich mit aller Macht zum zweiten Kampf, um das himmlische Reis auf Erden, das die Götter fremden Zweigen aufgepfropft haben, umzuhauen und als nicht zu ihnen gehörig von der Erde zu vertilgen. Denn sie schämen sich der ersten Niederlage und wenn sie im Innern nicht zum Ziele kommen, versuchen sie nun von außen heranzukommen mit Krieg und Aufruhr und was sonst den Körper beschädigt.“ – – – „Du aber darfst den Göttern nicht weiter lästig werden, da du dich mit deinen eigenen Mitteln erhalten kannst. Für sie geziemt es sich nicht immer aus ihrer eigentlichen Sphäre herauszutreten, und deine Gebote würden sündhaft sein, wolltest du sie dadurch nötigen, vor der bestimmten Zeit wieder herabzukommen, um für das irdische zu sorgen. – Deshalb dürfen die Menschen über ihre selbstgewählten Leiden nicht unwillig werden, sie dürfen den Göttern keinen Vorwurf machen, daß sich ihre Vorsehung nicht um sie kümmert. Denn die Vorsehung verlangt, daß sie auch ihre eigenen Kräfte anwenden. Die Vorsehung gleicht nicht der Mutter eines neugeborenen Kindes, die sich bemühen muß, das abzuwehren, was ihm zustoßen und schädlich sein könnte, weil es noch unvollkommen und hilflos ist, sondern sie gleicht einer Mutter, die ihr Kind aufgezogen und ausgerüstet hat und es nun auffordert, seine Kräfte zu gebrauchen und das Übel von sich abzuhalten.“ Nach solchen Worten verschwand der Vater mit den Göttern. Osiris begann nun seine Regierung, mußte aber schließlich einer offenen Empörung Typhons weichen, kaum, daß er noch das nackte Leben in die Verbannung rettete.

Es würde mich hier zu weit führen, wollte ich nun noch die Herrschaft Typhons und den weiteren Verlauf dieses philosophischen Romanes auch nur in gedrängtem Auszuge wiedergeben, zumal dies keinen Sinn haben könnte ohne gleichzeitiges Eingehen auf die mannigfaltigen, für uns natürlich oft sehr schwer zu deutenden zeitgeschichtlichen Anspielungen. Nur soviel mag hier bemerkt werden, daß unter Osiris vermutlich auf den vorhin genannten Aurelian, unter Typhon aber auf dessen leiblichen, ihm feindlich gesinnten Bruder angespielt wird. Durch eine die Schrift abschließende Betrachtungüber die Wiederkehr derselben oder analoger Ereignisse im Kreislauf der Zeiten wird die allegorische zeitgeschichtliche Tendenz der Erzählung noch deutlich gekennzeichnet.

Nach seiner Rückkehr fand Synesios zunächst für das von ihm selber über jede praktische Thätigkeit geschätzte rein beschauliche Leben wenig Zeit und Ruhe; der Steuererlaß allein konnte einem Lande wenig nützen, das durch die elende Militär-Verwaltung des verfallenden Reichs den Raubzügen der afrikanischen Nomadenstämme völlig preisgegeben war. Vor allem beunruhigte der kriegerische Stamm der Maceten das von regulären Streitkräften völlig entblößte Land. Unser Philosoph widmete sich nun mit allem Heroismus seiner angestammten Heraklidennatur der Verteidigung und selbständigen Reorganisation seines Vaterlandes, er bildete aus Bauern und selbst Sklaven eine Art Landsturm und bestand, ein wackerer Reiter, manches blutige Treffen mit den streifenden Beduinenscharen. Aus diesen kriegerischen Tagen datiert sein folgender Brief an Hypatia:

„Wenn der Verstorbenen man auch vergißt in des Hades Behausung, so werde ich dagegen auch dort meiner lieben Hypatia gedenken, ich, der ich jetzt von den Leiden meines Vaterlandes umringt seiner überdrüssig bin, weil ich täglich feindliche Waffen sehe, Menschen hingeschlachtet wie Opfervieh, und eine von der Verwesung der Leichen verpestete Luft einatme, und selbst erwarten muß, daß es mir ebenso geht; denn wer kann noch froher Hoffnung sein, wenn sogar die uns umgebende Luft so schaudervoll ist, verdunkelt vom Schatten der leichenfressenden Vögel; – und dennoch hänge ich mit Liebe an meiner Heimat. Was soll ich auch machen, als geborener Lybier, wenn ich die nicht unrühmlichen Gräber meiner Vorfahren vor Augen habe? doch deinetwegen, glaube ich fest, könnte ich mein Vaterland verlassen, und sobald ich dazu Zeit gewinne, auswandern.“ – Allmählich verzogen sich die Kriegsstürme etwas vor der mannhaften Führung der neugebildeten Landwehr, und Synesios kaufte sich sogar ein Landgut in unmittelbarer Nähe der feindlichen Grenze. Er führte ein Weib heim und lebte Jahre lang einer zwischen Jagd, Ackerbau und Philosophie geteilten, nur von vereinzelten Fehden mit jenem Wüstenvolk gestörten Muße. Jetzt schrieb er auch sein verloren gegangenes Werk überdieJagd. Den in dieser ländlichen Zurückgezogenheit freilich zu entbehrenden persönlichen Verkehr mit gebildeten Freunden ersetzte er durch einen ausgebreiteten regen Briefwechsel. Die 154 uns erhaltenen Briefe des Synesios sind ein wertvoller Schatz der hellenistischen Litteratur und ihr Verfasser muß für einen der geistvollsten Briefsteller aller Zeiten gelten; jeder seiner Briefe, so natürlich und naiv er der Feder entflossen zu sein scheint, ist doch ein kleines Kunstwerk, dessen Lesen auch heute noch einen inhaltlich und formell begründeten Reiz gewährt. Sieben dieser Briefe sind an Hypatia gerichtet, die meisten übrigen an seinen Freund Herculian oder seinen Bruder Euoptius, mit welchen beiden ihn das Bewußtsein verbindet, den Trank der Weisheit aus der lautersten Quelle geschöpft zu haben. Aus einem an Euoptius, der in Phykus, der Hafenstadt von Cyrene, wohnte, gerichteten Briefe, in welchem er denselben einladet zur Erholung nach seinem Landgut zu kommen, entnehme ich folgende idyllische Schilderung dieses Tuskulums: „Was ist es auch besonderes, sich im Ufersand auszustrecken, der einzige Zeitvertreib, den Ihr habt! Denn wohin wollt Ihr Euch sonst wenden? Wie schön ist es hier dagegen, sich unter den Schatten eines Baumes zu begeben! Und wenn es einem nicht mehr behagt, dann kann man Baum mit Baum, ja einen ganzen Hain mit einem anderen vertauschen. Wie schön ist es hier, das vorbeifließende Flüßchen zu durchschreiten! Wie lieblich, wenn der Zephyr sanft die Zweige bewegt! Welche Mannigfaltigkeit im Gesange der Vögel, in der Färbung der Blumen, in dem Strauch- und Buschwerk der Wiese, alles duftet in Wohlgerüchen, es sind die Säfte eines gesunden Bodens. Und die Grotte der Nymphen vermag ich nicht zu preisen, dazu bedarf es eines Theokrit.“ Weiter schildert er seinen Umgang mit dem naiv biederen Landvolk, das sich von den großen Seeschiffen keine Vorstellung machen kann, das einen Kaiser nur vom Steuerzahlen kennt, „von denen einige noch glauben, es herrsche der Atride Agamemnon, der einst nach Troja zog“, und das sich am abendlichen Herdfeuer mit Vorliebe vom schlauen Odysseus erzählt, „als habe er den Cyklopen erst kürzlich geblendet und sich vom Widder aus der Höhle schleppen lassen.“ In dieser Muße fand er auch Zeit und Stimmung, eine sophistische Abhandlung „Das Lob der Kahlheit“ zu schreiben, eine von attischem Witzsprühende Trostschrift für alle, denen „eigener Mondschein vom Haupte zu leuchten beginnt“. Seine Sophistik gipfelt darin, die Kahlköpfigkeit ein göttliches Prädikat zu nennen: „Kahlköpfige können als gottähnlich bezeichnet werden, und wenn man von einem Mondchen spricht bei beginnender Glatze, so könnte man einen vollkommenen Kahlkopf ebenso gut eine Sonne nennen, denn er strahlt in vollkommenem Kreise fortwährend dem Himmel entgegen, und dieser Glanz ist entschieden etwas den Göttern verwandtes. Warum auch sonst trüge der katholische Priester seine Rasur?“

Die wichtigsten seiner damals verfaßten Schriften sind der Dion und die Abhandlung über dieTräume. Beide Schriften hat er vor der Veröffentlichung der Hypatia zur Prüfung vorgelegt. Das Begleitschreiben, mit welchem er sie der geliebten Lehrerin einsandte, giebt eine persönliche Begründung ihrer Abfassung, und da ich dieses zur Einleitung einer besonderen Besprechung der Abhandlung über die Träume voraussenden werde, darf hier auch bezüglich des Dion einstweilen die Bemerkung genügen, daß diese Schrift einem Sohne gewidmet ist, dessen Geburt Synesios damals auf Grund eines Traumes erst erwartete. Da wir wissen, daß ihm im Jahre 404 bei Belagerung seines Landhauses durch die Maceten ein Sohn geboren wurde, dürfen wir ihre Abfassung vielleicht in das Jahr 403 zurückverlegen. Sie enthält in der Einkleidung eines Essay's über den Stoiker Dio Chrysostomus, (lebte zur Zeit Trajans,) einem Lieblings-Autor des Synesios, welcher seiner allgemeinen Bildung und schönen Darstellung wegen von vielen nicht unter die Philosophen, sondern unter die Sophisten gerechnet wurde, eine maßvolle Polemik gegen das Christentum vom ästhetisch-kulturfreundlichen Standpunkt aus und eine Verteidigungsrede für die Musen gegen ihre Verächter.

Doch bald riß den Philosophen wieder der Strom des praktischen Lebens in seine Fluten und Wirbel. Zunächst verstärkten sich aufs neue die kriegerischen Einfälle der Maceten, denen sich nun gar der weit gefährlichere Stamm der Isaurier anschloß, und Synesios ward genötigt, die Feder und den Bogen mit schwereren Waffen zu vertauschen, ja er mußte seinen Landsitz an der Grenze dauernd preisgeben, ohne daß wir mit Sicherheit wüßten, ob er jetzt seinen Wohnsitz nach der Stadt Cyrene oder nach Ptolemais verlegt habe.

Aber eine vollständige Wendung seines Lebenslaufes trat alsbald mit einem Ereignis ein, welches, wie wir aus seinen Briefen ersehen, sein Lebensglück dauernd vernichtete. Auf das Jahr 409 hatte ihm sein Traum-Orakel den Tod prophezeit. Dieses Orakel verwirklichte sich in anderer Weise, als er gedacht.

Es geschah in diesem Jahre, daß man ihn, den kriegstüchtigen Herakliden, den Liebhaber der Jagd, den freimütigen Philosophen, den begeisterten Anhänger der Hypatia und Anwalt des klassischen Heidentums, trotz allen Widerstrebens zum katholischen Bischof preßte, fast wie der ihm auch sonst nicht ganz unähnliche Ritter Götz von Berlichingen von aufständischen Bauern zu ihrem Anführer gepreßt sein soll.

Um die Möglichkeit dieser Wendung nur einigermaßen verständlich zu machen, ist daran zu erinnern, daß in jenen Zeiten des staatlichen Verfalles, wenn irgendwo, so besonders in einer solchen, vor dem Beginn der rings anflutenden Völkerwanderung militärisch entblößten Provinz des römischen Reiches, wie Cyrenaica, die Bischofswürde von größerer politischer als kirchlicher Bedeutung war. Jene Präfekten, die der ohnmächtige kaiserliche Absolutismus über die Provinzen stellte, waren in der Regel eben mächtig genug, das ihnen verliehene Amt zu schamloser Selbstbereicherung und Erpressung zu mißbrauchen, und standen nicht selten gar in hochverräterischen Beziehungen zu feindlichen Barbarenhäuptlingen. Die überwiegend bereits christliche Bevölkerung suchte und fand ihren einzigen Schutz und Zusammenhang innerhalb der so gewaltig erstarkten kirchlichen Gemeinschaft; die Kirche war ihrforumundcomitium; noch lag die Wahl des Bischofs, wenn auch oberpriesterlicher Bestätigung bedürfend, bei den Gemeinden.

Die Pentapolis aber bedurfte in jenen Zeiten dringend eines Mannes, der einerseits einem gewaltthätigen Ungeheuer, dem Präfekten Andronicus, und andererseits den räuberischen Grenznachbarn streitbar entgegenträte; auch fand man ja noch im Mittelalter keinen Anstoß daran, daß ein Bischof nicht nur den Krummstab und die Monstranz zu halten, sondern auch unter Umständen Schwert und Schild zu führen verstehe. Der wackerste Mann, ein wahrerἀνὴρ καλὸς κἀγαϑός, in der ganzen Provinz war Synesios,und Synesios war ein Patriot. So hatten ihn dann seine Mitbürger, welche, „sehend, wie viel Unrecht geschieht, indem sie Recht suchen, und wie viel Unheil durch wütende Menschen angerichtet wird“, einen Hauptmann suchten, der das Volk in Ordnung halte, aufgefaßt.

Dies und eine diplomatische Connivenz des Patriarchen zu Alexandria mag das Rätsel lösen. Es ist sicher, daß Synesios an einem und demselben Tage die Taufe und Ordination erhalten hat. Eine Conjectural-Biographie, wie sie der Theologe Neander und Dr. Volkmann in ihren Schriften über die allmähliche innerliche Bekehrung des Philosophen auf hundert Druckseiten entwickeln, dürfte sich ganz einfach durch einen ausführlichen Brief des Neugetauften an seinen Bruder Euoptius erledigen, aus welchem ich nur folgende allgemein interessante Stelle hervorhebe. Nachdem er zuvor seine wesentlichsten Abweichungen von der christlichen Dogmatik, den Glauben an die Ewigkeit der Welt und die Unerschaffenheit, Präexistenz der Seele, betont hat, schreibt er: „Die priesterliche Stellung also kann ich nur übernehmen, indem ich zu Hause philosophiere, äußerlich aber mich den Mythen anbequeme, so daß ich zwar nicht ausdrücklich lehre, aber auch nichts an der Lehre ändere und es bei der vorhandenen Lehre bewenden lasse. Denn was haben Volk und Philosophie mit einander zu schaffen?“ – „Wie das Auge nur zu seinem Nachteile der vollen Einwirkung des Lichts ausgesetzt wird, und wie für Leute mit kranken Augen die Dunkelheit nützlicher ist, so mag auch der Irrtum für das Volk von Nutzen sein.(?) Verlangen sie aber, daß ich mich selbst in diesem Sinne ändern soll, daß der Priester die Vorstellungen des Volks teilen müsse, so erkläre ich, daß ich in Betreff der Dogmen keinen falschen Schein auf mich laden mag. Die Wahrheit ist Gott verwandt, dem gegenüber ich in allen Stücken ohne Schuld sein will. In diesem einen Punkte will ich keine falsche Rolle spielen. Denn, da ich ein Freund des Sports bin, von Kindheit an hat man mir meine leidenschaftliche Vorliebe für Waffen und Pferde vorgeworfen, so wird es mich betrüben, – ja, wie wird mir zu Mute sein, wenn ich meine liebsten Hunde ohne Jagd sehe, meinen Bogen von Würmern zerfressen, – aber ich werde es ertragen,wenn Gott es mir auferlegt, – meine Überzeugungen aber werde ich nicht verleugnen und zwischen meiner Zunge und meinem Denken soll kein Widerspruch sein.“ Zum Schluß heißt es dann: „Sorge dafür, daß mein Brief in die Kanzlei kommt und jenem mitgeteilt wird!“ Mit der Kanzlei kann nur die Kanzlei des Patriarchen gemeint sein.

Der Patriarch also scheint diesen esoterischen Vorbehalt zugelassen zu haben: Synesios wurde als Bischof und zwar als Metropolit, der erste von 15 Bischöfen in der Pentapolis bestätigt.

Unmöglich konnte jedoch dieser unvermittelte Übergang vom heidnischen Philosophen zum christlich-katholischen Bischof ohne schwerere äußerliche und innerliche Konflikte und tragischere Folgen bleiben, als den in jenem Briefe so schmerzlich betonten Verzicht auf die Freuden der Jagd. Zwar den rein politischen Erwartungen seiner Mitbürger suchte er in uneigennützigster Pflichttreue genug zu thun. Jenem Präfekten Andronicus, der, wie das Exkommunikationsdekret sagt, „zur härtesten Plage der Pentapolis geworden war, härter als Erdbeben, Heuschrecken, Pest, Feuer und Krieg, indem er sich begierig auf das stürzte, was sie übrig gelassen hatten, und zuerst ganz unerhörte Arten von Marterwerkzeugen in das Land eingeführt hatte, Werkzeuge zum Zerfleischen der Finger und Füße, ja des ganzen Leibes, mit denen er alle Glieder seiner Schlachtopfer auf das grausamste verrenkte und verstümmelte“, diesem Tyrannen konnte er jetzt mit der ganzen Machtfülle seines hohen Kirchenamts entgegentreten. Er belegte ihn mit dem Interdict. Als der Bösewicht hierdurch gebrochen und gedemütigt nun seinerseits bei Synesios um Schutz gegen allzu harte Verfolger bat, vergaß er jedoch nicht, in wahrhaft christlicher Feindesliebe, sein Unglück zu erleichtern, und legte sogar eine Fürbitte beim Patriarchen ein. Ward es ihm somit auch leicht, die christliche Moral in vorbildlicher Reinheit zu üben, so fiel es ihm doch um so schwerer, sich in die christlichen Dogmen und priesterlichen Formen zu schicken, vor allem sich in seinen amtlichen Äußerungen die geforderte priesterliche Salbung zu geben und sich des Kanzeltons zu bedienen.

„Wenn ich euch nichts von allem zu sagen habe, was ihr sonst zu hören gewohnt seid, so müßt ihr es mir zu gute halten undvielmehr euch selbst anklagen, daß ihr einem in der heiligen Schrift unbewanderten Manne vor solchen, die derselben kundig sind, den Vorzug gegeben habt“, schreibt er an seine Amtsgenossen. Auch trug er, als einst ein Priester durch Errichtung einer Kapelle und Mißbrauch der Kirchenweihe einen strategisch zur Landesverteidigung unentbehrlichen Punkt in seinen Besitz gebracht hatte, kein Bedenken, gegen die abergläubische Scheu seiner Amtsbrüder, welche glaubten diese Weihe trotz ihrer gemeinschädlichen und rechtswidrigen Entstehung respektieren zu müssen, mit folgenden Worten zu eifern: „Man muß den Aberglauben von der Frömmigkeit unterscheiden. Er ist ein Laster, das mit der Maske einer Tugend auftritt, aber von der Philosophie als die dritte Form der Gottlosigkeit längst erkannt ist. Heilig ist, was gerecht und gut ist. Vor der bloßen Einweihung kann ich keine ehrfurchtsvolle Scheu empfinden.“

Ernstere innere Konflikte mit seiner Überzeugung scheinen doch nicht ausgeblieben zu sein; die Taufe hatte, wie denn auch Luther sagt: „Wasser thut's freilich nicht“, den alten Heiden nicht ertränkt. Nur so wird der Wunsch erklärlich, den er in einem seiner Briefe ausdrückt, daß er doch in jenem Jahre lieber wirklich gestorben wäre, wie sein Traum es verheißen, als Bischof geworden.

Ein begeisterter Verehrer Hypatias blieb er bis zuletzt. Dagegen scheint allerdings das Interesse der letzteren für ihn seit seinem Übertritt zum Christentum erkaltet zu sein, wie er sich dann als Bischof in seinen Briefen überhaupt beklagt, daß seine alten Freunde ihn verlassen haben, obgleich er derselbe geblieben sei. Dies und harte Familienschicksale – er verlor seine Gattin und sämtliche Kinder – brachen ihn geistig und körperlich. Recht deutlich spiegelt sein letzter Brief an Hypatia diesen Zustand. „Vom Krankenlager aus datiere ich diesen Brief an dich und wünsche, daß du ihn gesund empfangen mögest, du meine Mutter, meine Schwester und Lehrerin, und durch dies alles meine Wohlthäterin, der Inbegriff alles dessen, was es für mich ehrwürdiges giebt. Meine körperliche Schwäche rührt von meinem Seelenleiden her. Die Erinnerung an den Verlust meiner Kinder reibt mich allmählich auf. Nur so lange hätte Synesios am Leben bleiben sollen, wie er frei war von den Leiden des Lebens. Die sind nun auf einmal wie ein aufgehaltener Strom über mich hereingebrochen, und dieAnnehmlichkeit meines Lebens ist umgeschlagen. O, daß doch mein Leben oder die Erinnerung an das Grab meiner Kinder ein Ende nähme! Bleib du nur gesund und empfiehl mich deinen glücklichen Freunden, vom Vater Theon und dem Bruder Anastasios ab der Reihe nach, und wenn einer dazu getreten ist, der dir lieb ist. Ich muß es ihm Dank wissen, daß er dir lieb ist. Grüße auch ihn, wie meinen liebsten Freund. Wenn du dir noch etwas aus meinen Angelegenheiten machst, so thust du wohl daran! Wo nicht, – so mache auch ich mir nichts daraus.“

Wir kennen nicht das genaue Datum seines Todes und wissen daher auch nicht, ob das grauenvolle Ende seiner geliebten Hypatia noch zu seinen Ohren gekommen. Wenn, – so wird es nach dem so schmerzlich beklagten Verlust seiner Söhne gewiß der härteste Schlag gewesen sein, der sein Herz getroffen.

Welche Kontraste vereinigt doch diese Periode der Geschichte! Dieselbe Zeit, welche diesen männlichen, kriegsgeübten Philosophen, der neben dem Schwert von Eisen doch auch das Schwert des Geistes zu führen verstanden, zum Bischof machte, ja dasselbe Patriarchat, das diese Bischofswahl trotz des offenen esoterischen Vorbehaltes gegen wesentliche Glaubenssätze betätigte, ließ dessen Lehrerin, Hypatia, ein Weib, in Stücke zerreißen! Oder welch' ein Weib muß jene gewesen sein, die nicht nur einen solchen Schüler gebildet hat, sondern auch solchen Hasses und solchen Martyriums gewürdigt worden ist!

In seiner bischöflichen Lebensperiode hat Synesios, wenn wir von den Briefen absehen, prosaische Schriften nicht mehr verfaßt. Wohl aber stammen aus dieser Zeit seine Hymnen, die ihn zwar keineswegs als bedeutenden Dichter, doch als einen gefühlsinnigen Mystiker kennzeichnen.

In den sog. „Geschichten der Philosophie“ wird Synesios meistens nicht mit gezählt. Auch bieten seine Schriften nach denjenigen eines Plotinos und Jamblichos, deren Werke uns größtenteils erhalten sind, kein erhebliches wissenschaftliches Interesse, da sie der philosophischen Originalität und Tiefe entbehren. Litterarischjedoch müssen sie als einige der besten Erzeugnisse des spätesten Hellenismus gelten. Derjenige aber, der nicht nur in den Systemen der Schulen, sondern auch in Thaten und Gesinnungen Philosophie zu würdigen weiß, wird in seiner Geschichte der Philosophie auch einem Synesios einen Platz vergönnen. In ihm lebte eine schöne Seele im Sinne platonischer Philosophie, und sein vorwiegendster Charakterzug ist ein durchaus liebenswürdiger Heroismus.

Insbesondere die Schrift über die Träume.


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