Neuntes Buch.Der Occultismus der Kelten und Germanen.

„Denn es sind zwo Pforten der nichtigen Traumgebilde:Diese von Elfenbeine gebaut und jene von Horne.Die nun gehn aus der Pforte geschnittenen Elfenbeines,Solche täuschen den Geist durch wahrheitlose Verkündigung;Aber die aus des Hornes geglätteter Pforte herausgehn,Wirklichkeit deuten sie an, wenn der Sterblichen einer sie schaut.“

„Denn es sind zwo Pforten der nichtigen Traumgebilde:Diese von Elfenbeine gebaut und jene von Horne.Die nun gehn aus der Pforte geschnittenen Elfenbeines,Solche täuschen den Geist durch wahrheitlose Verkündigung;Aber die aus des Hornes geglätteter Pforte herausgehn,Wirklichkeit deuten sie an, wenn der Sterblichen einer sie schaut.“

Unter den uns erhaltenen Schriften des Synesios verdient neben dem philosophischen Roman „Dion“ seine Abhandlung „über die Träume“ am meisten Beachtung.

Aus der letzteren ersehen wir, daß merkwürdigerweise Synesios, diese entschieden auf praktische Unternehmungen angelegte Natur, der seinem eigenen Geständnis nach den Harnisch dem Bischofsmantel, das Roß dem Schreibstuhl und die Lanze der Feder vorzog, ein „Träumer“ gewesen ist, der das „Träumen“ systematisch betrieb und darüber Buch führte. Und es ist nur zu bedauern, daß das Traumtagebuch dieses interessanten Mannes sich nicht als Supplement seiner Abhandlung über die Träume auf die Nachwelt gerettet hat.

Synesios widmet seine Schrift über die Träume zugleich mit dem ungefähr gleichzeitig vollendeten Essay über Dio seiner geliebten und verehrten Lehrerin Hypatia. Vor der Veröffentlichung übersandte er sie derselben zur Begutachtung mit einem ausführlichen Briefe, aus dem ich, er ist uns ganz erhalten, – folgendes hier der Wiedergabe für wert achten möchte: „Ich habe in diesem Jahre zwei Bücher fertig bekommen, zu dem einen durch Gott, zu dem andern durch die Schmähung der Menschen veranlaßt. Dennsowohl unter den Leuten, die den weißen Mantel tragen, als unter denen, welche in der schwarzen Kutte einhergehen, haben mich einige eines Vergehens gegen die Philosophie beschuldigt, weil ich auf Schönheit im Ausdruck und auf Rhythmus achte, auf die rhetorischen Figuren, und etwas über Homer sagen will. Als ob ein Freund der Weisheit ein Feind der Rede sein müßte, und sich nur mit den göttlichen Dingen befassen dürfte. Sie selbst befassen sich freilich nur mit der beschaulichen Betrachtung des Intelligiblen. – Sie erklären, ich sei nur zu litterarischen Spielereien befähigt, und sind zu diesem ungünstigen Urteil veranlaßt worden, seitdem meine Schrift über die Jagd, ich weiß nicht wie, in die Öffentlichkeit gelangt ist und bei einigen jungen Leuten, die auf korrekte, geschmackvolle Darstellung etwas geben, großen Beifall gefunden hat, ebenso wie einige sorgfältig gearbeitete Gedichte. – Unter diesen Gegnern sind die einen, deren Frechheit in ihrer Unwissenheit ihren Grund hat, sofort bei der Hand, über Gott zu reden. Kommt man mit ihnen zusammen, so bekommt man von ihnen allerlei verkehrte Syllogismen zu hören, und auch, wenn man kein Verlangen darnach hat, so überschütten sie einen doch mit ihren Reden, wobei sie, wie ich glaube, ihre ganz besonderen Interessen verfolgen; aus ihrer Zahl werden nämlich in den Städten die Schulmeister und Priester genommen. Du kennst wohl diesen oberflächlichen Menschenschlag, der ein wirkliches wissenschaftliches Streben scheel ansieht. Sie möchten mich gern zu ihrem Schüler haben und versichern, sie würden mich dann in kurzer Zeit zu einem ausgezeichneten Theologen machen, der Tag und Nacht in einem fort zu reden vermöchte.

Die anderen haben zwar mehr Einsicht, sind aber noch viel erbärmlichere Sophisten, als diese. Du weißt, daß manche Leute, die sich in den Schulen völlig ausgegeben haben, oder durch irgend sonst einen Einfall dazu veranlaßt wurden, im Mittag ihres Lebens als Philosophen aufzutreten, – sich einen gewaltigen Anstrich zu geben wissen. Wie ist doch ihre Augenbraue hoch emporgezogen. Die Hand stützt das bärtige Kinn, und der ehrwürdige Ausdruck ihres Gesichts übertrifft die Bildnisse des Xenocrates. – Diese Leute betrachten es als einen gegen sie gerichteten Angriff, wenn einer, der für einen Philosophen gilt, auch zu reden versteht. Denn nur so lange können sie ihre angenommene Rolle behaupten, solange man glaubt, daß sie innerlich voller Weisheit stecken.

Beide Klassen von Leuten haben mir also vorgeworfen, daß ich mich mit wertlosen Dingen beschäftige, die einen, weil ich nicht dasselbe schwatze, wie sie, die andern, weil ich meinen Mund nicht verschlossen halte und mir keinen Ochsen auf die Zunge gelegt habe, wie es im Sprichwort heißt. Gegen sie habe ich den Dion verfaßt und bin dem Reden der einen und dem Schweigen der andern entgegengetreten. Die andere Schrift (über die Träume) habe ich auf Gottes Veranlassung geschrieben und Gott hat sie gut geheißen. Sie ist ein Denkmal meiner Dankbarkeit gegen das Vermögen der Phantasie? Ich habe in ihr Untersuchungen über den ganzen vorstellenden Teil der Seele angestellt und einige andere Punkte behandelt, mit denen sich bis jetzt die Philosophie der Hellenen noch nicht befaßt hat. Doch wozu bedarf es weiterer Worte über dieselbe? Die ganze Schrift ist in einer Nacht ausgearbeitet oder vielmehr in dem übrigen Teile einer Nacht, die mir ein Traumbild gebracht hatte, daß ich sie eben schreiben sollte. An einigen Stellen, etwa zwei oder dreimal, bin ich gleichsam ein anderer gewesen, zugleich mit dem Anwesenden mein eigener Zuhörer. Und jetzt, so oft ich an die Schrift herantrete, wird mir ganz wunderbar zu Mute, und es umtönt mich, wie der Dichter sagt, eine Art göttlicher Stimme. Ob dies nun eine Empfindung ist, die ich allein dabei habe, oder ob sie auch bei einem anderen Leser sich einstellt, das sollst du mir gleichfalls mitteilen; denn du sollst sie zuerst unter den Hellenen nach mir lesen. Ich schicke dir also diese beiden bis jetzt unveröffentlichten Schriften.“

Da beide Schriften veröffentlicht wurden, dürfen wir vielleicht annehmen, daß Hypatia sie als in ihrem Geiste geschrieben genehmigt und gut geheißen hat. Die Abhandlung über die Träume geht aus von einer Betrachtung des Wesens und der Arten magischer Divination überhaupt (1). Die verschiedensten Mittel lassen sich benutzen, um die Zukunft zu erschließen. Der Astrologe glaubt sie aus den Sternen, der Opferpriester aus den Eingeweiden der Tiere, der Augur aus dem Fluge der Vögel, der Chiromantiker aus den Linien der Handfläche, und mancher andere aus allerlei zufälligen Vorfällen (omina) entziffern zu können (2). Die Divinationoder wenigstens der Wunsch, eine solche Kunst zu üben, ist ein unvertilgbares Merkmal der Menschennatur, gerade dadurch unterscheiden sich die Menschen von den in dumpfem Genuß des Augenblicks aufgehenden Tieren, indem sie sich so der reinen, Zeit und Ewigkeit überschauenden Intelligenz der Götter zu nähern suchen (3). An und für sich muß die Möglichkeit der Divination und jeder einzelnen ihrer gedachten Arten aus dem Monismus des Weltalls erhellen. Die Welt ist ein Organismus, in dem alles mit allem, räumlich und zeitlich in ursächlichem und sympathischen Zusammenhang steht. Nun empfindet ja auch innerhalb des menschlichen Sonder-Organismus, wenn irgend eines seiner Glieder erkrankt, z. B. ein Finger, oftmals ein von diesem sehr entfernter Körperteil, z. B. die Hüfte einen sympathischen Schmerz (4). Das berühmte Wort des Archimedes: „Gieb mir einen Punkt außerhalb der Welt, wenn ich auf sie wirken soll“, gilt nicht für die Magie und Divination. Die Seele muß passiv mitleiden, muß innerhalb des Ganzen stehen, um magische Einflüsse zu wirken oder zu empfinden. Dagegen von den reinen Göttern, den erhabensten Intelligenzen, die sich überhalb dieser Erscheinungswelt befinden, gilt eher das homerische Wort vom Zeus:

„Fern weilt er, ihn kümmert durchaus nichts,Und er achtet nicht d'rauf –“

„Fern weilt er, ihn kümmert durchaus nichts,Und er achtet nicht d'rauf –“

Ein kaiserliches Gesetz verbietet freilich, die auf äußerlichen Mitteln beruhende Magie und Divination auch nur zu besprechen. Doch ist die vollkommenste Art der Divination eine innerliche, subjektive, nämlich die Divination des Traumes (6). Die Fähigkeit dieser Prophetie schlummert in jedermanns Seele. Während nämlich der vernünftige Geist (νοῦς) die Formen des Seins enthält, schließt die Seele (ψυχή) die Formen des Werdens ein. Der Geist ist ein ewig seiendes, die Seele ein ewig werdendes Wesen. Die Seele nun enthält zwar sämtliche Formen des Werdens, die meisten jedoch in zeitlich latenter Weise; nur die jedesmal zuträglichen läßt sie dem Bewußtsein erscheinen. Der Spiegel aber, in dem sich die Bilder, welche ihren Sitz in der Seele haben, zeigen, heißt Phantasie. Ebenso wie wir von der organisierenden Thätigkeit der unbewußten Vernunft in uns nur soweit ein Bewußtsein haben, als letztere uns freiwillig davon mitzuteilen für gut befindet,erhalten wir auch von den Vorstellungen, Bildern, die in der „ersten“ Seele vorhanden sind, Kenntnis nur, soviel und soweit die Phantasie, welche ihre Bilder von dort empfängt, solche uns widerspiegelt. Die Phantasie ist eine das Gebiet der Natur berührende, niedere, vermittelnde Form des Seelenwesens. Die Phantasie ist eigentlich die Sinnlichkeit selber. Wir können Farben sehen, Töne hören, überhaupt alle sinnlichen Empfindungen haben, auch wenn die dafür geschaffenen körperlichen Organe unthätig sind. Das wenigstens beweist der Traum. Die Phantasie also ist sowohl das Organ, das für den wachenden Organismus dessen Verkehr mit der Außenwelt vermittelt, als auch das eigentliche Traumorgan, und sofern letzteres der Körperorgane nicht bedarf, können wir durch sie in direkten Verkehr mit der körperlosen Geisterwelt treten. So ist denn auch schon manch' einer unwissend eingeschlafen und hat, im Traume von den Musen belehrt, wissenschaftliche Probleme gelöst oder poetische Leistungen zu Tage gebracht, deren er vorhin nicht fähig erschien, weshalb auch schon ein sibyllinischer Spruch behauptet:

„Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des TagesbewußtseinsWard dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafendMühelos köstliche Früchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts.“

„Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des TagesbewußtseinsWard dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafendMühelos köstliche Früchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts.“

Wie alle einzelnen Sinne, so muß auch die seelische Grundlage der Sinnlichkeit überhaupt, die Phantasie in verschiedenen Graden der Gesundheit und Stärke vorhanden sein. Sie kann zu gröberer Stofflichkeit und Dunkelheit herabsinken, sie kann aber auch gereinigt und geläutert werden. Im ersteren Fall wird sie nur trübe und ungewisse, im letzteren klare und bestimmte Abbilder zeigen. Die Phantasie ist eigentlich der Seelenleib, der Wagen, welcher die Seele aufwärts oder abwärts fährt, oder auch das Fittichpaar, welches die Seele trägt. Die tugendhafte Seele wird leicht und schwebt mit den Schwingen ihrer geläuterten Phantasie aufwärts, indes die sündhafte, deren Phantasie von unreinen stofflichen Bildern beschwert ist, tiefer sinkt (9). Schlimmer ist es für sie, wenn sie dieses Sinken gar nicht einmal mehr empfindet. Glücklich sind noch diejenigen Seelen zu schätzen, denen der dumpfe Schmerz der Reue und Gewissensqual einen Stachel zur Umkehr nach oben,eine Erinnerung an die verlassene Heimat und Heimweh schafft. Denn nicht im Sterben, beim Austritt aus diesem Erdenleben, trinkt nach des Synesios Ansicht die Seele aus dem Lethestrom die Vergessenheit ihres Vorlebens, sondern umgekehrt bei der Geburt, bei dem Eintritt in dieses niedere Dasein, trinkt sie das Vergessen ihrer göttlichen Herkunft und ihrer Bestimmung aus dem Becher der Sinnlichkeit. Freigeboren verkauft sie sich auf bestimmte Zeit in die Sklaverei, wehe ihr, wenn sie nun, vielleicht gefesselt von der Schönheit eines Mitsklaven, ihrer angeborenen Freiheit ganz vergißt, und um bei jener zu bleiben, auch nach Ablauf der gesetzten Frist es vorzieht, als Sklavin bei dem gemeinschaftlichen Herrn zu bleiben. Dagegen haben die Arbeiten des Herakles und ähnliche Heroensagen keine andere esoterische Bedeutung, als das Bemühen der edleren, ihres Ursprungs instinktiv eingedenken Seele, die Knechtschaft durch ehrliche Arbeit abzuverdienen.

Die Seele dagegen, welche zum reineren Ursprung zurückkehrt, führt auch die Phantasie, die sich Synesios zugleich als Astralleib oder Ätherleib zu denken scheint, mit aufwärts. Daß die seelische Leiblichkeit, die Phantasie-Gestalt der Seele selber bestimmt sei, des göttlichen Daseins teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck auch in den Versen der Sibylle:

„Laß nicht den Mächten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes,Hoch in den Strahlen des Lichts soll die ätherische blühn!“

„Laß nicht den Mächten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes,Hoch in den Strahlen des Lichts soll die ätherische blühn!“

Die Blume des Stoffes ist eben nichts anderes, als die Gestalt der Seele, ihr Phantasie- oder Ätherleib, welcher unsterblich ist, wie die Seele selbst (11).

Mit den Schwingen der Phantasie vermag die Seele den ganzen unendlichen Raum zu durchschweben, indem sie mit den Örtern die Zustände und Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wechselt und umgekehrt. Wenn sie aber ihren ursprünglichen Adel und ihre völlige Unschuld wieder zurückerlangt, wird sie das Gefäß der reinen Wahrheit, die auch die vollendete Schönheit ist, rein, licht und unvergänglich. Göttlich, wie sie alsdann wieder ist, braucht sie nur zu wollen, um die Zukunft zu erkennen. Sinkt sie dagegen in die tieferen Regionen, so wird sie umhüllt mit Finsternis, Unwissenheit, Irrtum und Lüge, und wird immer unfähiger, die Dinge zu unterscheiden (12).

Das beste Mittel nun, die Phantasie zu läutern und ihre Schwingen zu kräftigen, ist ein spekulatives Leben. Wahre Philosophie verfeinert die Seele und nähert sie Gott nach dem Gesetze fortschreitender Entwicklung und zunehmender Anziehungskraft und Wahlverwandtschaft; eine solche Seele tritt in immer unmittelbareren Verkehr mit Gott. Wessen Einbildungskraft rein und gut geregelt ist, der erhält sowohl wachend wie träumend nur getreue Abbilder der Dinge, und wessen Phantasie nur getreue Abbilder der Dinge zumal im Traume erhält, der kann zugleich ruhig sein über den Zustand und das Los seiner Seele, er ist der Gottheit näher (13).

Im Vorstehenden ist die philosophische Bedeutung der Träume gegeben. Die Träume sind aber auch für das praktische Leben vom größten Wert. Denn wer wahre Träume haben will, muß ein nüchternes und keusches Leben führen, wer sein Bett zu einem delphischen Dreifuß machen will, muß sich hüten, es zum Zeugen nächtlicher Ausschweifungen zu machen, er bereite seinen Schlaf durch Gebete vor (14).

Auch macht der Verkehr der Seele mit Gott im Traum die Seele mit nichten ungeschickter für das irdische praktische Leben, umgekehrt wird die Seele von der Höhe aus weit besser alles überschauen, was darunten ist, als wenn sie selber stets nur am Boden klebt. Darum wünscht Synesios die Kunst der Traumdivination vor allem seinen Kindern zu hinterlassen, sie werden dann niemals nötig haben, die weite und beschwerliche Reise nach Delphi zu machen, sie brauchen nur den Schlaf so aufzusuchen, wie die keusche Penelope, von der Homer (Odyssee XVII, 48) sagt:

„Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auchAngezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena.“

„Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auchAngezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena.“

Während Hierophanten und Magier sich unter dem Vorwande äußerlicher Mittel, deren sie dazu bedürfen, für ihre Weissagungen oft schwere Summen bezahlen lassen, bedarf man zur Traum-Divination keines ägyptischen Vogels, keines Knochens aus Iberien, keiner Pflanze aus Kreta noch auch irgend einer Rarität vom tiefsten Meeresgrunde, man bedarf überhaupt keines Talismans, man legt sich schlafen, – das ist alles; im übrigen ist man seineigenes Werkzeug. Auch kennt die Gottheit, die sich im Traum der reinen Seele offenbart, keine Unterschiede des Standes und Reichtums. Und, was das beste ist, kein Tyrann hat je daran gedacht, das Träumen innerhalb seines Staates zu verbieten und mit Strafe zu belegen (15).

Der Unglückliche wird durch Träume getröstet und erquickt, und faßt neue Hoffnungen, selbst der Gefesselte im Kerker, im Traume fühlt er sich seiner Bande entledigt und genießt eine unbeschränkte Freiheit (16). Die Träume sind entweder unmittelbare Wahrträume, – solche haben schon manchem Denker ein Problem gelöst, das er wachend zu denken sich vergeblich bemüht hatte. Auch Synesios selbst hat solchen Träumen vieles zu verdanken gehabt; besonders während seines dreijährigen Aufenthalts in Konstantinopel haben sie ihm viel genützt, indem sie ihm die Ränke und Intriguen der Gegner seiner diplomatischen Mission enthüllten; aber selbst in seiner Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, haben sie sich ihm häufig dienstbar erwiesen, indem sie ihm die Fährten und Schlupfwinkel des Wildes entdeckten, ihm auch besondere Mittel und Wege zeigten, dasselbe zu finden und zu stellen.

Die meisten Träume sind jedoch symbolischer Natur und erfordern eine besondere Kunst, die Kunst der Traumdeutung. Diese Kunst ist nur durch eigene Erfahrung und Beobachtung zu finden (19). Wie wir einen bevorstehenden Wechsel der Witterung aus gewissen Anzeichen folgern können, so können wir aus bestimmten Symbolen des Traumlebens bevorstehende Ereignisse entnehmen. Wir brauchen einen Feldherrn oder König nicht selber zu sehen, um seine Ankunft zu erfahren; Vorreiter eilen ihm voraus und kündigen sie an; ebenso werfen bedeutende Ereignisse ihre Schatten voraus. Auch der Schiffer entnimmt ja aus bestimmten Anzeichen, künstlichen oder natürlichen Merkzeichen des Fahrwassers die Nähe eines Hafens oder einer gefährlichen Stelle (20, 21).

Diese Traumsymbolik ist aber durchausindividuellerNatur, auf allgemeine Traumregeln ist kein Verlaß. „Es giebt Menschen, die sich kleine Bibliotheken über Traumdeutung anschaffen. Ich für mein Teil lache über alle diese Abhandlungen und halte sie für völlig wertlos. Die Phantasie der Menschen ist nicht einmal so gleichartig wie der Bau und die Physiognomie ihrer Leiber,welche immerhin noch den Gegenstand einer allgemein wissenschaftlichen Beobachtung bilden kann. Wenn eine Phemonoe oder ein Melampus oder sonst ein Wahrsager allgemeine Regeln der Traumdeutung aufzustellen wagt, möchte ich fragen, ob denn etwa auf konvexe oder konkave Linsen, oder Spiegel aus verschiedenem Stoffe die Gegenstände auf gleiche Weise widerspiegeln. Da jeder von uns seine ganz besondere Sinnesart hat, ist es unmöglich, daß dieselbe Traumvision für alle dieselbe Bedeutung habe.“ (22, 23).

Um sich nun eine individuell gültige Traumsymbolik zu verschaffen, soll man ein Tagebuch führen, in das man alle Erlebnisse verzeichnet, die nach irgend einem Traumbilde sich ereignen. Ein solches Tagebuch wird nicht nur ein unmittelbares und psychologisches Interesse erhalten, es wird auch sonst von praktischem Nutzen sein, uns in der Selbsterkenntnis fördern und selbst zur stilistischen Bildung und zur Unterstützung unseres Gedächtnisses dienlich sein können (24). Synesios berichtet nun, daß er ein solches Traumtagebuch seit langen Jahren mit größter Genauigkeit und nicht ohne häufigen praktischen Nutzen geführt habe.

Dies der wesentliche Inhalt der Abhandlung des Synesios über die Träume. Wenn ich dieselben hier für mitteilungswert halte, so liegt der Grund nicht nur in dem rein geschichtlichen Interesse, daß wir in ihr die einzige auf uns gekommene Schrift der neuplatonischen Philosophie besitzen, welche sichex professomit diesem Gegenstande, wenigstens mit seiner psychologischen Deduktion befaßt. Denn das gelehrte Werk des Artemidorus,Oneirocriticon, enthält zwar eine umfassende Sammlung der antiken Ansichten über die Traumsymbolik, vertieft sich aber nicht in die psychologische Ursache der Traumbildung und vertritt keine besondere philosophische Lehrmeinung. Es ist nicht ohne Interesse zu bemerken, daß Synesios in seiner Auffassung der Phantasie als des Traumorgans und als eines zugleich gestaltenden Grundvermögens der Seele dieselbe Ansicht vertritt, welche erst kürzlich der jüngere Fichte in seiner heutzutage viel zu wenig gewürdigten Anthropologie und Psychologie mit großem Aufwande deutscher Gelehrtengründlichkeit und empirischer Beobachtung zu begründen versucht hat. AuchFichte (vergl. dessen Psychologie, Kap. III ff., ferner dessen Seelenfrage,pag.108ff.) kennzeichnet die Phantasie als die eigentliche zugleich vorstellende und gestaltende Triebkraft der Seele,sieist ihm, ebenso wie dem Synesios, der eigentliche Urleib oder „Ätherleib“ des Menschen. Als solche bethätigt sie sich (1) in der vorbewußten Leibesgestaltung und Mimik.

Daß sie zugleich in hohem Grade der Sympathie unterliegt, erklärt sich durch die Ansteckung der Phantasiethätigkeit, durch den seelischen Rapport zwischen Mutter und Kind, auch der unleugbare Einfluß, den das Phantasieleben der Mutter auf die Leibesgestaltung des Kindes ausübt (Versehen, Ähnlichkeit und Vererbung). Andererseits aber rechtfertigt sich durch ihren individuellen Charakter auch wiederum die aller Vererbung zum Trotz so oft auffallende besondere Individualität der Gestaltung.

2) Sodann bethätigt sie sich als unwillkürliche, aber doch die Bewußtseinsschwelle häufig überschreitende traumbildende Triebkraft.

Ihre Darstellungsform ist, abgesehen von den hellsehenden Wahrträumen, die der Symbolik; die Leibesform ist nichts als ein Symbol der Seele.

3) Ihre höchste Leistungsfähigkeit erreicht sie in der bewußten ästhetischen Bildungskraft des Dichters und Künstlers.

Man vergleiche ferner „die Symbolik des Traumes“ von Fr. G. H. v. Schubert. Leipzig (Brockhaus), 1840.

Die Persönlichkeit des Synesios bildete in gewissem Sinne ein Bindeglied zwischen heidnischer Philosophie und dem Christentum. Es wäre aber irrig, anzunehmen, daß Synesios eine Ausnahme mit seiner eigentümlichen Mischung antik-heidnischer Philosophie und christlicher Theologie gebildet habe. Im Gegenteil ist diese Spezies von Heiden-Christen so alt wie die Geschichte der christlichen Kirche, welche in den ersten Jahrhunderten geradezu eine ihrer bedenklichsten Gefahren in dieser Verwirrung gesehen hat. Allgemein pflegt man die philosophisch-heidnische Verunstaltung christlicher Gedanken alsGnosticismuszu bezeichnen. Man bezeichnete Christen, welcheγνωσις= Erkenntnis, nicht bloßπιστις= Glauben wollten, als Gnostiker. Wahrscheinlich wird schon im neuen Testament davor gewarnt; das Evangelium Johannis wird nur unter diesem Gesichtspunkt ganz verständlich. In den Pastoralbriefen finden sich zahlreiche Stellen, die darauf hinweisen. Die Hauptquellen des Gnosticismus sind:Irenaeus, Widerlegung des fälschlich sich so nennenden Gnosticismus; ferner die sog.philosophumena Originis. Letztere Schrift ist wahrscheinlich verfaßt von einem Schüler des Irenäus, namens Hyppolitus.

Die occultistisch-philosophischen Gedanken des Gnosticismus sind folgende: Er nimmt den Begriff vom Menschen, wie ihn das Christentum voraussetzt, an; der Mensch als moralisch-religiöses Wesen stammt von Gott und ist Gottes Ebenbild. Gott ist Güte und Geist. Wenn aber Gott Güte und Geist ist, woher kommt die Materie und das Böse? Haben sie irgendwelchen Zusammenhangmit Gott? Nein; sie können nicht von Gott sein. Denn die Wirkung muß der Ursache ähnlich sein. Das Böse und die Materie sind aber Gott entgegengesetzt, das Böse dem Guten, die Materie dem Geist. Woher sind sie denn? Nach dereinenRichtung ist die Materie von Ewigkeit her, und die Materie ist zugleich der Grund der Unvollkommenheit.

Andere Gnostiker geben eine andere Antwort; sie knüpfen an die Emanationsvorstellung an: nach ihr gehen von Gott Geister hervor und aus den Geistern wieder andere u. s. w. Jede folgende Emanation ist aber geringer, als die vorhergehende, wie ja auch das Licht, je mehr es sich vom Mittelpunkte entfernt, desto schwächer wird. Die Grenze der Emanation ist die Materie. Durch diese Lehre vermied man die Schöpfung aus Nichts. Diese ist der denkenden Menschheit von jeher ein harter Gedanke gewesen, da er keine Analogie hat. – Eine andere Frage war: Wie kommt der Geist in die Materie? Denn diese ist ja nicht von Gott oder doch unendlich entfernt von Gott. – Antwort: Er kommt auf die Erde durch eine sittliche That, er kommt darauf durch einen Abfall, er ist ein Fremdling auf der Erde. Zur Erlösung der gefallenen Geister erscheint dannChristus, er, ein reiner Geist, kommt aus Erbarmen hernieder, er bringt die wahre Gotteserkenntnis; diese macht selig, und diese allein.

Die Moral der Gnostiker war meist sehr streng, strenger, als die Kirche verlangte. Sie war Askese, unbedingte Entfernung von der Materie und allen sinnlichen Genüssen. Denn die Verstrickung in der Materie war es ja, die den edlen Geist des Menschen hemmt und fern hält von Gott. Nach den Gnostikern ist der Gott der Juden nicht der höchste. Er hat ja die Welt erschaffen, diese Materie. Ferner ist der Gott der Juden ja der Gott des Zornes. Der wahre Gott ist der Gott der Liebe. – Damit verbunden war der Doketismus, die Lehre, daß Christus nur einen Scheinleib gehabt und nur zum Scheine gelitten habe und gekreuzigt sei. Denn als reiner Geist dürfte er sich mit der Materie nicht beflecken.

Die Darstellung der Gnostiker war mythologischer Art, wüst und für uns ungenießbar, ähnlich der des Juden Philo. Aber für die damalige Geschmacklosigkeit der philosophastrischen Schriftstellerei fiel das nicht auf; auch der Neuplatonismus kleidet sich ja mit Vorliebe in ein mythologisches Gewand.

Die Namen der Gnostiker aufzuzählen, lohnt sich nicht der Mühe. Einer der berühmtesten war Valentin, der um 140 n. Chr. in Rom lehrte.

Nächst diesem war der bedeutendsteMani, der Stifter derManichäersekte. Mani stammte aus Persien, er lebte und lehrte gegen Ende des 3. Jahrhunderts. Sein Dualismus beruht auf demselben Gedanken, wie der Zarathustras, dessen Lehre er mit dem Christentum zu verschmelzen suchte.

Der Kirchenvater Augustin ist zehn Jahre lang Manichäer gewesen.

Wir bringen Kelten und Germanen unter einem „Buche“ zusammen, weil beide Rassen innerhalb der arischen Gesammtrasse sich nicht nur räumlich, sondern auch verwandtschaftlichbesonders nahegestanden haben. DieKeltenwerden uns von den alten Schriftstellern als hochgewachsene Menschen mit blauen Augen und blondem oder rötlichem Haar geschildert. Menschen von kampflustiger, ritterlicher Gesinnung, aber deren unbändige Leidenschaftlichkeit und Rivalitätssucht, wie besonders Cäsars Kommentarien beweisen, zum Untergang ihrer staatlichen Bildungen und somit zuletzt zum Untergang der Art und Sprache führte, so daß das Keltenblut jetzt nur noch als allerdings erheblicher Mischbestandteil im Franzosen und Briten von Bedeutung ist.

Abgesehen von einzelnen seltsamen Absplitterungen, z. B. den Galatern in Kleinasien, nahmen die Kelten oder Galler, wie sie selbst sich nannten, – jetzt hat sich das Stammwort nur noch in den „Gäler“ erhalten, – zur Zeit, wo die erste historische Kunde von ihnen auftritt, etwa das Gebiet des heutigen Frankreich, Nordspanien, Nord-Italien und Britannien und Irland ein.

Offenbar standen sie, ebenso wie die vielfach auch gar zu barbarisch aufgefaßten Germanen, deren höhere Gesittung schon Justus Möser nachgewiesen hat, auf einer nicht unverächtlichenZivilisationsstufe. Das beweist schon ihr Äußeres. Ihre Kleidung bestand aus bunten wollenen Leibröcken, über die sie einen Gürtel von Gold oder Silber trugen, aus langen Hosen und kurzem Flausmantel; goldene Bänder zierten die Handwurzeln und den Arm, goldene Ringe die Finger und Ketten von gleichem Metall den Hals. Mannshohe Lederschilde mit bunten Malereien, eherne Helme mit wappenmäßigen Zierraten, eiserne Panzer, oft aus Draht geflochten, lange starke Schwerter, an eisernen Ketten an der Seite getragen, und Stoßlanzen ihre Waffen. Sie waren berühmt wegen ihrer Geschicklichkeit in der Herstellung von Glaswaren, auch als Goldschmiede und Münzmeister.

DasReligionssystemder Kelten würde gewiß, da es eine besonders hochentwickelteGeheimlehredieser hocharistokratisch angelegten Rasse war, vom occultistischen Gesichtspunkte aus unser Interesse ganz besonders in Anspruch nehmen, wenn wir nur mehr glaubwürdige Berichte über seine Einzelheiten besäßen. So aber liegt die Gefahr nahe, den sog.Neo-Druidismus, der von einigen modernen wälischen Schriftstellern erfunden ist, kritiklos mit deraltenGeheimlehre der Kelten zu verwechseln.

Wir werden uns daher zunächst lieber mit einer zwar allgemeinen, aber zuverlässig getreuen Skizzierung ihres Systems begnügen.

Die echten Kelten zerfielen in die beiden Stände der Druiden und Krieger. Das gemeine Volk, auch seinem Äußeren nach teilweise als von anderem Aussehen geschildert, – schwarzhaarig, kleiner gebaut, – bestand wohl größtenteils aus der autochthonen unterworfenen Rasse.

Während der Krieger-Adel sich ausschließlich der Waffenübung und der Jagd widmete, waren dieDruidenim Besitz aller religiösen und profanen Wissenschaften, Priester, Rechtsgelehrte, Naturforscher und Philosophen in einer Person. Dies erinnert auffällig an das indische Verhältnis der Braminenkaste zur Kriegerkaste der Kschatriyas.

Der Name „Druiden“ wird meistens, aber mit Unwahrscheinlichkeit, von dem griechischenδρυς= Eiche hergeleitet, da die keltischen Heiligtümer mit Vorliebe in Eichenhainen angelegt seien; wahrscheinlicher stammt er vom keltischen Dryw, wälisch Derwydd, in Wallis heute noch das Wort für einen „weisen Mann“.

Die Druiden scheinen zwar meistens verheiratet gewesen zu sein und einzeln unter ihren Mitbürgern gewohnt zu haben, obwohl andererseits auch klösterliche Vereinigungen erwähnt werden[870], jedenfalls aber standen sie in strenger Ordenszucht. Sie trugen eine besondere Ordenstracht; kurzes Haupthaar, den Bart aber lang. Die höheren Grade trugen golddurchwirkte Kleider, goldene Halsketten, Armspangen. Ihre Insignien waren ein weißer Stab,Slatan drui eachdoder Zauberstab genannt; ferner die Druidenknöpfe, deren Verschiedenheit vielleicht mit der Höhe des Grades zusammenhing, und das in Gold gefaßte Schlangenei, vermutlich die Auszeichnung des höchsten Grades.

In einzelnen uns bewahrten Darstellungen trägt der Druide auch das Bild des gehörnten Mondes, wie er sechs Tage nach dem Neumonde erscheint, in der Hand, oder ein Füllhorn mit darüberschwebendem Monde. In allen Abbildungen erblickt man aber auf den Schuhen des Druiden das sog.Pentalpha, nämlich zwei sich durchkreuzende Dreiecke:

Pentalpha

Jeder freie und edle Jüngling konnte in den Druidenorden aufgenommen werden. Der Unterricht wurde durchweg nur mündlich erteilt, weil man den Gebrauch der Schrift, den man selbstverständlich sehr wohl kannte, bei dem Charakter derGeheimlehre, der durch die Schrift bedroht ward, für unerlaubt und schädlich hielt. Auch meinte man, daß nur durch das lebendige Wort, nicht durch den toten Buchstaben sich das Heilige tief und unvertilgbar dem Geiste einpräge. Durch den Gebrauch der Schrift würde auch das Gedächtnis geschwächt und eine oberflächliche Buchgelehrsamkeitgezüchtet. Sofern die Druiden sich der Schrift bedienten, benutzten sie die griechischen Schriftzeichen, die ja auch auf dem Pentalpha erscheinen. Außerdem bedienten sie sich der Runen- oder Stabschrift. – Die Unterrichtsplätze waren abgelegene Wälder und Höhlen, und der Unterricht selbst dauert zwanzig Jahre. Ihr Wissen muß in manchen Richtungen von großer Tiefe gewesen sein; so spricht sich z. B. Quintus Cicero, der bekannte Unterfeldherr Cäsars und Bruder des Redners, indem er sich seines vertrauten Umgangs mit dem Druiden Divitiacus rühmt, voll Bewunderung darüber aus. Da indeß ihre Wissenschaft Geheimlehre war, ist uns wenig Zuverlässiges darüber erhalten. AusMacrob. Sat. I, 21läßt sich schließen, daß sie die Kugelgestalt der Erde gelehrt haben.

Astronomie war eine ihrer Hauptwissenschaften; Cäsar sagt, daß sie über die Größe und Gestalt der Erde Untersuchungen anstellten. Sie zählten die Zeit nicht nach Tagen, sondern nach Nächten, was sich in der englischen Sprache (fortnight) noch erhalten hat. Nach Diodor, der uns mitteilt, daß sie in Übereinstimmung mit dem Jahre des Meton, den Mondcyklus auf 19 Jahre berechnet haben und sich eingehend mit den Erhöhungen der Mondkugel beschäftigen, möchte man annehmen, daß ihnen schon der Gebrauch vergrößernder Linsen zur Fernsicht bekannt gewesen. Richter beiErsch und Gruber S. 490möchte die sog. Druidenknöpfe, aus Krystall oder Glas geschliffene Linsen, die man bis zu 1½ Zoll Durchmesser findet, damit in Zusammenhang bringen.

Nach Strabon (IV, 4) nahmen sie an, die Welt sei aus Nichts entstanden, sie sei unvergänglich, aber Feuer und Wasser werde dereinst alles überwältigen.

Dies sowie das symbolische Schlangenei, ein Sinnbild der Welt, erinnert sowohl an den indischen wie an den ägyptischen Occultismus.

Besondere Achtung genoß ihre ärztliche Kenntnis.

Unter den mannigfachen Heilkräutern, deren Entdeckung ihnen Plinius (H. N. VIII, 41. XXV. XXV. XXX. XXXII.) zuschreibt, nahm dieMistel[871]die erste Stelle ein.

„Unbekannt mit der Natur der Schmarotzerpflanzen“, meintRichter a. a. O., „mußte es ihnen als ein Wunder erscheinen, daß dieselbe nicht auf dem Boden, wie alle anderen Pflanzen, sondern auf Bäumen wuchs und hier ohne Samen erzeugt zu sein schien.“ „Vorzüglich gesucht war die aufEichenwachsende Mistel. Denn die Eiche war im gallischen Glauben der heiligste Baum, Eichenlaub ward bei jedem Gottesdienste gebraucht; in Eichenwäldern wohnten die Druiden, unter Eichen hielten sie ihre Gerichtsstätte. Was aus ihr hervorkam, war ein Zeichen göttlicher Gnade, und da überdies die Mistel selten auf Eichen gefunden wird, so galt eine solche umsomehr als göttliches Geschenk. Sie wurde mit großer Feierlichkeit abgenommen und zwar am sechsten Tage nach dem Neumonde; unter dem Baume wurde zuerst ein Opfer und ein Mahl bereitet und nach dem Schmause ein zum ersten Male unter das Joch gekommenes Rinderpaar herbeigeführt. Dann stieg der Druide im weißen Gewande auf den Baum, schnitt die Mistel mit einer goldenen Sichel ab und ließ sie in einem weißen Manteltuche auffangen. Nun wurden die Rinder geschlachtet und die Götter angerufen, daß sie denen, welchen sie diese Gabe erteilt, dieselbe zum Heile gedeihen lassen möchten. Die Mistel wurde teils allein, teils mit anderen Stoffen gemischt gebraucht, so wohl äußerlich als innerlich. Man wandte sie gegen Geschwulst, Verhärtung, Kröpfe, Geschwüre, und Klauenfäule an; sie reinigte das Rindvieh und machte es fett, sie war ein Mittel gegen alle Gifte, und war sie im Neumonde gesammelt und zwar ohne Gebrauch des Messers und ohne daß sie die Erde berührte, so half sie gegen die fallende Sucht. Sie machte sogar alle Tiere und die Weiber fruchtbar, wenn sie dieselbe bei sich trugen. Daher hieß sie in der Sprache der Druiden dieAlles Heilende.“

Die Druiden sollen ihre Lehrsätze immer inTriaden, d. h. in drei miteinander verbundenen Sätzen geordnet haben.

Bezüglich derSeelesoll die druidische Triade in folgenden drei Sätzen bestanden haben: 1. die Seele ist unsterblich; 2. sie wandert nach dem Tode in andere Körper; 3. nach einem bestimmten Zeitraum von Jahren wird sie wieder leben und wiedergeboren werden.

Richter meint, daß dieser bestimmte Zeitraum dem Ortschilong oder Geburtswechsel im Buddhismus entspreche, nach dessen Vollendung die gereinigte Seele wieder in den göttlichen Schooß zurückkehrt. Jedenfalls fiel den Römern die außerordentliche Festigkeit des Glaubens der Gallier an Fortdauer nach dem Tode auf; die Druiden lehrten vor allem, so berichten sie, daß man den Tod nicht zu scheuen habe, da die Seele nicht sterben könne. Daher müsse der Mensch im Kampfe mit den Feinden nicht feig sich zurückziehen, sondern mutig und tapfer streiten. Mit den Toten verbrannte oder begrub man alles, was ihm im Leben lieb gewesen war, Tiere, Sklaven, Klienten. Auch Angehörige folgten ihm freiwillig auf den Scheiterhaufen, um in der anderen Welt wieder mit ihm zu leben. Vergl.Caesar de bello Gallico, VI, 18.Pomp. Mel. III, 2.Man gab den Toten sogar Briefe mit an verstorbene Freunde, und wenn geborgtes Geld vom Schuldner bei seinem Leben nicht wieder bezahlt werden konnte, so nahm man gar eine Anweisung auf das Jenseits an, in der Überzeugung, daß ihr der Schuldner dort wenigstens gerecht werden werde.Diod. Sic. V, 28.Valer. Maximus II, 6.

Die Druiden im weiteren Sinn zerfielen in drei Abteilungen: 1. die Druiden im engeren Sinn, die eigentlichen Priester, 2. die Barden, heilige Sänger, 3. die Vates oder Seher.

An der Spitze des ganzen Ordens stand einOberdruide, Hoherpriester,CoibhioderCoibhi Druidh. Dieser regierte unumschränkt und lebenslänglich, wurde aber gewählt, wie es scheint, gewöhnlich durch allgemeinen Zuruf, Akklamation, eine Wahlart, die ja auch jetzt noch bei der Papstwahl zulässig ist und hier als besonders heilig erscheint, da man annimmt, daß sie auf Veranlassung des heiligen Geistes stattfindet. – Waren die Stimmen geteilt, so entschied die Mehrzahl oder das Los, oder auch gar der bei den Kelten beliebte Zweikampf.

Der Oberdruide wählte zur Besorgung der weltlichen Angelegenheiten den Vergobret. Dieses keltische Wort =feargobreithist nach Möbius zusammengesetzt ausfear=vir,go=ad,breith, bread, brawd=judicium, so daß es nach dieser Ableitung einen Richter bedeutet. Noch bis zur französischen Revolution führteder Maire von Autun den TitelVergoderVierg. Um sich ein würdigeres Aussehen zu geben, sollen die Vergobreten ihren Bart mit Goldstaub gepudert haben.

Die gallischen Druiden wurden unter der späteren Zeit der römischen Herrschaft Professoren, wodurch ein hauptsächlicher Teil ihres früheren Amtes, der Unterricht ihnen blieb. Sie bildeten in denselben Städten, die früher ihre heiligen Örter waren, Lehrerkollegien, die an Stelle der früheren Druidenklöster traten. Noch zu Ausonius Zeiten hatten manche gallische Professoren ihre Abstammung nicht vergessen; darum nannten sie sich romanisiert nach jenen Gottheiten, deren Tempel ihre Vorfahren zu besorgen gehabt, z. B.Apollinaris,Delphidius,Phoebicius, Namen, die anzeigen, daß solche Männer aus Priestergeschlechtern stammen, die dem gallischenApollo-Belenergeben waren. Vergl.Ausonius, professores IV, v. 7.

Ein häßlicher Makel, der an dem Gottesdienst der sonst anscheinend geistig so hoch stehenden Druiden klebt, ist die Vorliebe fürMenschenopfer.

„Das ganze gallische Volk“, schreibt Cäsar, „ist außerordentlich dem Opferdienst ergeben. Darum schlachten oder geloben diejenigen, die in schweren Krankheiten liegen oder in Schlachten und Gefahren sich befinden, Menschen zu Opfern, welche die Druiden verrichten. Denn sie glauben, daß der Geist der unsterblichen Götter nicht anders befriedigt und versöhnt werden könne, als wenn für das Leben des einen Menschen das des andern hingegeben würde. Sie haben daher auch Staatsopfer dieser Art. Bei einigen gallischen Völkern giebt es Bilder von ungeheurer Größe, deren Gliedmaßen mit Weiden geflochten sind und mit lebendigen Menschen angefüllt werden, die dann durch Verbrennung des hölzernen Bildes getötet werden. Sie glauben, daß die Todesstrafe der auf der That ergriffenen Diebe, Räuber und Verbrecher überhaupt den Göttern angenehm sei, aber, wenn sie dergleichen Leute nicht haben, so geht es auch an die Unschuldigen.“Caesar, de bello Gallico VI, c. 16.

Die Staatsopfer wurden nachDiodor Sic. V, 31. 32.zum Zweck der Erforschung der Zukunft dargebracht; man hieb dem Opfer mit einem Schwert in die Herzgrube und ließ ihn fallen, aus dem Fall, den krampfhaften Zuckungen der Glieder und der Blutung glaubte man die Zukunft erschließen zu können.

Die Hauptgottheit, die in derexoterischenDruidenreligion verehrt wurde, nennt CäsarMerkur. Der gallische Name scheintTeutatesgewesen zu sein.

Die römische Bezeichnung desselben als Merkur wird begreiflich, wenn wir erfahren, daßTeutatesSeelenführerwar.

Die Seelenlehre aber, insbesondere die Lehre von der Seelenwanderung bildete die Hauptsache im keltischen Volksglauben.

Nach dem Vordersatz der über Teutates berichteten druidischen Triade war er der allgemeine oder Weltgeist, nach dem Mittelsatz Seelenführer und nach dem Schlußsatze das Getriebe der lebendigen Welt.

Die zweite Gottheit warEsusoderHesus, romanisiert Mars. Die Triade über ihn lautet: 1. Vor der Schlacht wird ihm meistens die Kriegsbeute gelobt; 2. nach derselben die gefangenen Tiere geopfert; 3. das Übrige (Waffen und Geräte) auf Einen Ort zusammengetragen.

Die dritte allgemeine Gottheit hießTaranis(vom keltischenTaran, der Donner), von den Römern als Jupiter gedeutet.

Nächst dieser Trias, die meistens auf die Ober-, Mittel- und Unterwelt bezogen wird, war der von Cäsar als Apollo bezeichneteBelin, Belen oderAbelioder wichtigste. Orakelwesen und Heilkunst war seine Hauptfunktion. Eine Mondgöttin, Belisana, scheint der egyptischen Isis oder der Minerva ähnlich gedacht zu sein.

Eine große Rolle im keltischen Volksglauben spielten die Geister und Gespenster, besonders eine Art von Incubi, gallischDusiigenannt, ein Wort, das noch im englischenDuceoderDewce, Teufel, nachklingt. Die Gallier gaben ihnen eine Gestalt wie den Frauen und glaubten, sie beschliefen die Frauen unter der Gestalt ihrer Liebhaber.

Schon zu Cäsars Zeit war der Hauptsitz des Druidentums England; ganz besonders heilig war ihm die Insel Mona.[872]Hier, und abgesehen von Man, in Wales haben sich auch die meisten Denkmäler des keltischen Glaubens erhalten; und zwar nicht nur die berühmten Steindenkmäler; auch dasBardentumhat sich wenigstens in Wales unter oberflächlicher christlicher Gewandung bis weit in die christliche Ära hinein erhalten und es soll nach den Nachrichten von W. Owen und Williams (vergl.Mona, S. 468) das Druidentum in dieser Form sogar bis auf unsere Zeit fortgesetzt worden sein (Neo-Druidism). Es soll nämlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts von alten Anhängern der druidischen Geheimlehren des sog. bardischen Kollegium in Glamorgan gestiftet sein. Owen freilich bemerkt dazu, es sei zwar Thatsache, daß die wälischen Barden nicht ausgerottet worden und insbesondere, daßsich neue Gesellschaften, die an das alte Bardentum der Druiden anknüpften, im dreizehnten Jahrhundert gebildet haben, daß jedoch der Stuhl von Glamorgan sich weit überschätzt und kein alt-druidisches Bardentum mehr bewahrt habe.[873]

Doch mag dem sein, wie ihm wolle, so verdanken wir wenigstens dem wälischen Bardentum die Rettung uralter keltischer Litteraturstücke, unter denen eine Art keltischer Edda,The Myvyrian, archaeology of Wales, collected outof ancient manuscripts, London 1801–1807, an der Spitze steht.

Und aus dieser Litteratur lassen sich Rückschlüsse auf einige Teile druidischer Geheimlehren machen. Fast alle der uns erhaltenen Bardenlieder sind Triaden, d. h. ihr Inhalt ist in drei Teilen geordnet. Eine der interessantesten mythologischen Triaden ist die vonHu gadarn, dem mächtigen Hu.

Hu (sprich Hy) war ein Führer, der der Tyrannei widerstrebte und daher das Volk von Defrobani, aus dem Lande ewiger Feindschaft, nach Wales brachte. Er lehrte das Volk den Ackerbau und war einer von den drei großen Werkmeistern, weil er sein Volk in gesellschaftliche Ordnung brachte. Er bestimmte als einer von den drei Meistern des Gesanges die Dichtkunst zur Bewahrerin der Wissenschaft. Mit seinen Buckelochsen (Yehain Banaweg) verrichtete Hu eine der drei großen Heldenthaten, er ließ nämlich den Avanc (Biber) aus dem Llyn Llion (der Wasserflut) herausziehen, wodurch die Überschwemmung der Erde aufhörte.

Nach Owen heißt Defrobani Sommerland und soll darunter, weil die Triaden den Zusatz haben „wo nun Konstantinopel steht“, die heutige Krim(?) verstanden werden. Andere wollen Hu, da von einer Überschwemmung die Rede ist, mit der Sintflut in Verbindung bringen. Mone legt dem Mythus eine tiefere Bedeutung zu Grunde: Nicht eine Flut-, sondern eineSchöpfungssageist im Hu gadarn aufbewahrt. Wasser ist der Anfang aller Dinge, der Biber (Avanc) ein heimatliches Wassertier Bild für die Ursachedes Wassers; so lange er in demselben lebt, nimmt er nicht ab, nur der starke Hu war imstande, ihn mit seinen drei Ochsen herauszuziehen, wodurch die Flut sank und die Welt erschaffen ward. Er hat also die Natur der Schöpfungsstoffe geteilt in Festes und Flüssiges, wofür der Biber, der mit dem Leibe dem Lande, mit dem Schwanze dem Wasser angehört, ein zutreffendes Bild bietet. Die Welt erhebt sich auch bei den Kelten, wie bei den Germanen im Frühjahr; denn der Stier (Buckelochse) ist das Sternbild des Frühlings; er trieb den Biber heraus, d. h. er brachte den Kern der Welt zur Krystallisation. Nach Erschaffung der Welt, d. h. nach der Teilung der Weltkräfte ordnet sie der weise Hu; der Stier, der die Welt erschaffen half, wird nun von seinem Herrn zur Jahresordnung bestimmt; er bringt das Jahr, zieht den Pflug wie der Biber und ruft dadurch Heil und Segen aus der Erde, wie einst aus dem Wasser hervor. Die Ordnung der Welt ist die Harmonie der Sphären, das himmlische Saitenspiel, darum Hu auch der Erfinder des Gesanges, und dieser soll ein Sinnbild des Einklangs der Welt sein. Auch Staat und Gesellschaft sind Anstalten des mächtigen Hu; denn sie sind Folgen der Weltordnung, und seine Feindschaft gegen die Tyrannei, d. h. gegen die über ihre Grenzen getretenen Kräfte, hängt damit zusammen. Darum ist er auch der Eroberung feind, denn sie schreitet über Maß und Ordnung, und sein Volk soll in Gerechtigkeit und Frieden leben.

„Hu“, singt der Barde Jolo Goch, „ist der Herr, der bereitwillige Beschützer, der König und Geber des Weines und Ruhmes, Kaiser über Land und Meere und des Leben alles dessen, was in der Welt ist. Er ist der größte, der Herr über uns, wie wir redlich glauben, und der Gott des Geheimnisses. Licht ist sein Weg und Rad, ein Teil desselben Sonnenscheins sein Wagen, groß ist er in Land und Meeren, der größte, den ich sehen werde, größer als die Welten.“

Darnach war Hu die Gotteinheit der britischen Kelten. Im Tode heißt er Aeddon; dieser Name erinnert an Adonai und Adonis; sein Tod ist eine bloße Verwandlung, keine Zerstörung. Es gab Mysterien vom Tode des Hu, ähnlich den griechisch-thrakischen Mysterien vom Tode des Zagreus-Dionys.

In Verbindung mit diesem Mysterium stand die Geschichte desTaliesin. Taliesin bezeichnet eine ganze druidische Priesterschaft, deren Orden sich „vom Kessel der Ceridwen“ nannte.

Ceridwenwar nach dieser Geschichte ein zauberkräftiges Weib, das um seinen Sohn, einen ungestalten Menschen, schöner zu machen, einen Zauberkessel bereitete. Aber Gwion, der Sohn der Gevreang, störte sie in diesem Beginnen. Eines Tages, während Ceridwen Kräuter suchte und mit sich selber murmelte, begab es sich, daß drei Tropfen des kräftigen Wassers (aus dem Kessel) flogen und auf den Finger Gwions niederfielen, sie brannten ihn und er steckte den Finger in den Mund. Wie diese köstlichen Tropfen seine Lippen berührten, so waren seinem Blick alle Ereignisse der Zukunft geöffnet und er sah klar ein, daß seine größte Sorge sein mußte, sich vor der List Ceridwens zu bewahren, deren Kenntnis so groß war. Er floh heimwärts mit der größten Furcht. Der Kessel teilte sich in zwei Hälften; denn alles Wasser darin, außer den drei kräftigen Tropfen, war giftig, so daß es die Rosse des Gwyddno Garanhir vergiftete, die aus der Rinne tranken, worein sich der Kessel von selbst entleert hatte. (Darum hieß nachher dieser Ablauf das Gift der Rosse des Gwyddno.) In dem Augenblicke kam Ceridwen herein und sah, daß ihre ganze Jahresarbeit verloren sei, sie nahm einen Rührstock und schlug dem blinden Morda so aufs Haupt, daß eines seiner Augen auf seine Wange fiel. „Du hast mich ungerecht verunstaltet“, rief Morda, „du siehst ja, daß ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht durch meinen Fehler verursacht.“ „Wahrlich, sprach Ceridwen, Gwion der Kleine war es, der mich beraubte.“ Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwion sah sie aus der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte seine Schnelligkeit; allein Ceridwen wurde sogleich eine Jagdhündin, zwang ihn umzuwenden und jagte ihn gegen einen Fluß. Er lief hinein und wurde ein Fisch, aber seine schlaue Feindin ein Otterweibchen und verfolgte ihn im Wasser, so daß er genötigt ward, Vogelgestalt anzunehmen und sich in die Luft zu erheben. Aber dies Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das Weib ward ein flinker Falk, kam ihm nach und wollte ihn erfassen. Zitternd vor Todesfurcht sah er grad einen Haufen glatten Weizen auf einer Tenne, er ließ sich mitten hineinfallen und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm die Gestalt einer schwarzen Henne mit hohem Kamm, flog zum Weizen herab, scharrte ihnauseinander, erkannte das Korn und verschlang es. Und, wie die Geschichte weiter sagt, sie ward schwanger von ihm neun Monate, und als sie von ihm entbunden wurde, so fand sie ein so liebliches Kind an ihm, daß sie keinen Gedanken mehr hatte, es umzubringen. Sie setzte ihn daher in ein Boot, bedeckt mit einem Fell, und auf Anstiften ihres Mannes warf sie das Schifflein ins Meer am 29. April. Um diese Zeit stand das Fischwehr des Gwyddno zwischen Dyve und Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war herkömmlich, in diesem Wehre jedes Jahr am ersten Mai Fische von hundert Pfund Wert zu fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin, den unglücklichsten und ärmsten Jüngling. Dies war ein großes Herzeleid für seinen Vater, welcher nach und nach glaubte, daß er zur Unglücksstunde geboren sei. Die Ratgeber überredeten indeß den Vater, seinen Sohn diesmal die Reuse ziehen zu lassen, gleichsam zur Probe, ob denn irgend einmal ein gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas bekäme, um in der Welt aufzutreten. Am nächsten Tage, es war der erste Mai, untersuchte Elphin die Reuse und fand nichts, doch als er wegging, sah er das Boot bedeckt mit dem Fell auf dem Pfade des Dammes ruhen. Einer der Fischer sagte zu ihm: „So ganz und gar unglücklich bist du noch nicht gewesen, als du diese Nacht geworden, aber nun hast du die Kraft der Reuse zerstört, worin man am ersten Mai jedesmal hundert Pfund Wert fing.“ „Wie so?“ sprach Elphin, „das Boot mag leicht den Wert von hundert Pfund enthalten.“ Das Fell ward aufgehoben, und der Öffner erblickte den Vorderkopf eines Kindes, und sagte zu Elphin: „sieh die strahlende Stirne!“ „Strahlenstirne (Taliesin) sei denn sein Namen!“ erwiderte der Fürst, der das Kind in seine Arme nahm und es seines eigenen Unglücks wegen bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf sein Roß, als wenn es im bequemsten Stuhl säße. Gleich darauf dichtete das Kind ein Lied zum Trost und Lobe des Elphin, und zu gleicher Zeit weissagte es ihm seinen künftigen Ruhm. (Die Tröstung war das erste Lied, das Taliesin sang, um den Elphin zu erheitern, der über sein Mißgeschick beim Reusenzug sich grämte, noch mehr, weil er dachte, daß die Welt das Mißlingen und Unglück ihm allein zuschieben würde.)

Elphin brachte das Kind in die Burg und zeigte es seinemVater, der es fragte: ob es ein menschliches Wesen oder ein Geist sei? Hierauf antwortete es in folgendem Liede. „Ich bin Elphin's erster Hausbarde und meine Urheimat ist das Land der Cherubim; der himmlische Johannes nannte mich Herddin, zuletzt jeder König Taliesin. Ich war neun volle Monate im Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwion, jetzt bin ich Taliesin. Mit meinem Herren war ich in der höheren Welt, als Lucifer fiel in die höllische Tiefe. Ich trug vor Alexander ein Banner; ich kenne die Namen der Sterne von Nord nach Süd; ich war im Kreise des Gwdion (Gwydion), im Tetragrammaton; ich begleitete den Hean in die Tiefe des Thales Ebron; ich war in Canaan, als Absalon erschlagen ward; ich war im Hofe von Don, ehe Gwdion geboren wurde, ein Geselle des Heli und Henoch; ich war beim Kreuzverdammungsurteil des gnadenreichen Gottessohnes; ich war Oberaufseher beim Werke vom Nimrods Thurm; ich war die dreifache Umwälzung im Kreise des Arianod; ich war in der Arche mit Noah und Alpha; ich sah die Zerstörung von Sodoma und Gomorra. Ich war in Afrika, ehe Rom erbauet ward, ich kam hierher zu den Überresten von Troja (d. h. nach Britannien). Ich war mit meinem Herrn in der Eselskrippe; ich stärkte den Moses durch des Jordans Fluß; ich war am Firmament mit Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt vom Kessel der Ceridwen; ich war ein Harfenbarde zu Teon (oder Lleon) in Lochlyn. Ich litt Hunger für den Sohn der Jungfrau. Ich war im weißen Berge (dem Tower in London) im Hofe des Cynvelyn in Ketten und Banden Jahr und Tag. Ich wohnte im Königreich der Dreieinigkeit. Es ist unbekannt, ob mein Leib Fleisch oder Fisch. Ich war ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis zum jüngsten Tag im Angesicht der Erde. Ich saß auf dem erschütterten Stuhl zu Caer Sidin, der beständig sich umdrehte zwischen drei Elementen; ist es nicht ein Weltwunder, daß er nicht einen Glanz zurückstrahlt?“ Gwyddno, erstaunt über des Knaben Entwickelung, begehrte einen anderen Gesang und bekam zur Antwort: „Wasser hat die Eigenschaft, daß es Segen bringt; es ist nützlich, recht an Gott zu denken; es ist gut, inbrünstig zu Gott zu beten, weil die Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden können. Dreimal bin ich geboren; ich weiß, wie man nachzudenken hat; es ist traurig, daßdie Menschen nicht kommen, all die Wissenschaften der Welt zu suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das gewesen, und alles, das sein wird.“

Diese Geschichte des Taliesin ist einmal der Stufengang des Lehrlings bis zur höchsten Weihe, sodann die Geschichte des geheimen Ordens vom Kessel der Ceridwen und endlich die Naturgeschichte selbst. Gwyddno ist offenbar der höchste Einweiher in das Mysterium der Ceridwen.

Die Wasserfahrt war demnach ein Abbild der Fahrt des Hu und des Taliesin, die dritte Geburt, die jeder Eingeweihte erfahren mußte, wie der Meister des Ordens Taliesin. Der zweiten Geburt gingen manche schwere Prüfungen voraus, und von der ersten oder natürlichen Geburt bis zur zweiten war der Mensch als ungestaltet und schwarz angesehen, nach seinem Vorbilde, dem Avayddu, bis ihm nach jahrelangem Unterricht die drei Lebenstropfen zu Teil wurden, bis der Durst nach Wissenschaft bei ihm eintrat. Dagegen Ceridwen ist Wrach, oder Hexe, eine Furie, sie ist die Materie, die gewaltsam ihr Teil vom erwachten Geiste zurückfordert, sie ist der Tod, und ihr Kessel oder Schiff die Erde, worin der Mensch begraben wird. Sie ist die Mutter Natur, die das hilflose und ungeistige Kind (Avayddu) zur Schönheit, d. h. zur Geistigkeit entwickelt, dieser Entwickelung Bild ist der jahrelang kochende Kessel, aber der erwachte Geist entflieht der Materie, er kennt ihre Nachstellungen und entkommt ihr. Gwion ist dieser erwachte Geist, und heißt nicht mit Unrecht der kleine, nämlich der Jüngling, der in die Schule der Druiden geht. Seine Verwandlungen sind eben so viele Läuterungen, bis er als reines Weizenkorn von der schwarzen Henne, von der Mutter Erde aufgenommen wird. Nun ist er leiblich tot, bei seiner ersten Wiedergeburt tritt er in einen höheren Grad geistiger Wirksamkeit ein. Die erste Wiedergeburt geschah durch feierliches Hervortreten aus dem Cromlech, der etwa bildlich der Kamm der schwarzen Henne war. Die dritte Geburt des Lehrlings war an das Wiederaufleben der Erde, an den ersten Mai geknüpft, also durch die Frühlingsnachtgleiche bedingt. Wie tief diese Mysterien gegründet und wie vielumfassend ihre Lehren gewesen, zeigt nicht nur die Menge der dabei beteiligten Wesen, sondern auch deren weitgreifende Verwandtschaft durch die ganze Sage, und muß jeden zu dem Geständnis nötigen, daß von dem großen Lehrgebäude des Kesselordens uns nur wenig erklärlich und verständlich geblieben.

Diese Beispiele aus dem reichhaltigen Inhalt der keltischen Bardendichtungen mögen genügen, um das Urteil Mones zu verstehen, der seine Mitteilungen daraus mit den Sätzen schließt:

„Es ist eine weite Aussicht, die sich uns eröffnet, eine vielgestaltige Welt, an deren Thoren wir stehen, ein heiliger Tempelkreis, in den wir treten. Wir müssen mit reinem Herzen, das nicht auf Schlechtigkeit ausgeht, mit gelehrigem Geiste, dem nicht Hochmut und Vorurteil das höhere Licht verschlossen, kommen, wie Arthur und Cri, die in das Heiligtum aufgenommen wurden. Unglauben, wie er auch durch Unverständigkeit beschönigt wird, zerstört ebenso die Einsicht in das geistige Leben der Vorwelt, als der Glauben ohne Gründlichkeit, der, wenn er in der Nacht des Altertums einige Lichter erblickt, nun frohlockend meint, es bedürfe nur seiner Ansicht und Einbildung, um aus den zerstreuten und von ferne gesehenen Lichtern der Mitwelt einen Tag hinzuzaubern, wie er im Altertum gewesen. Bewahre sich vor beidem, wem es um die Sache ernst ist! Man braucht in sie weder Liebe noch Haß hineinzutragen,da Ein Ergebnis, das nicht mehr bestritten und bezweifelt werden kann, mehr als hinreichend ist, uns gerecht im Urteil zu machen, dieses nämlich, daß mit dem nordeuropäischen Heidentum, vorzüglich mit dem deutschen und keltischen, eine große Menge und Tiefe der Wissenschaften der Vorwelt verloren gegangen ist.“

Unsere Aufgabe, den Occultismus der Germanen darzustellen, würde eine sehr komplizierte sein, wenn wir uns dabei genau an dieEntwicklungsgeschichteder germanischen Mythologie halten und die Vorstellungen und Bezeichnungen der einzelnen germanischen Stämme getrennt halten wollten.

Die kritische Forschung ist in dieser Richtung noch keineswegs zu allgemein anerkannten Ergebnissen gelangt.

Unsere Quellen über die vorchristliche Zeit sind äußerst dürftig. Erst dienordischeForschung, insbesondere die durch die Edda angeregte, hat uns reichhaltigeren Stoff gebracht. Über diese aber äußert sich wohl mit RechtGolther, Götterglaube und Göttersagen der Germanen, S. 1, dahin: „Gerade diejenige Götterlehre, welche im Aufbau abgerundet und vollkommen, von erhabenen Gedanken erfüllt, von sittlicher Anschauung getragen erscheint, die norwegisch-isländische, die auch den Deutschen und überhaupt einmal allen Germanen angehört haben sollte, gilt jetzt vielmehr als eine eigentümliche Neuschöpfung der Nordleute, als der letzte krönendeAbschluß einer Entwicklung, an deren Anfang eine irrige Ansicht sie gestellt hatte.“ Dennoch ziehen wir es vor, unseren Lesern diesen Abschluß der Entwicklung zu bieten, anstatt ihn mit zweifelhaften Hypothesen darüber zu behelligen, wie viel von dem hier Gebotenen zur Zeit Cäsars, oder zur Zeit der Völkerwanderung bei dem oder jenem Zweige der germanischen Völkerfamilie schon ausgebildet gewesen sein mag. Denn jedenfalls ist imKeimemehr oder weniger Alles, was uns die Edda in vollendeter poetischer Ausgestaltung bietet, bei den Germanen gemeinsames Stammgut gewesen.

Die germanische Mythologie verleugnet ihren uralten arischen Ursprung nirgends, es finden sich sogar Anklänge an die altindische Weltanschauung, die größte Verwandtschaft aber bezeugt sie zu den Glaubenslehren der Perser. Denn der Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips, ewiger Kampf zwischen Licht und Finsternis kennzeichnet die germanische Weltauffassung nicht minder wie die persische; nur daß sich in der Ausprägung derselben im Einzelnen überall einbesserer, heroischer und poetischerTypusbewährt, dem man auch anmerkt, daß frühzeitige Auswanderung in die nordischen Breiten Europas ihn vor der unreinen Infektion mit dem schlechten Asiatismus bewahrte, der die Perser als Magismus entnervt hat.

Als einheitliches Weltprinzip waltet auchüberdem DualismusAllvater, der für die Ewigkeit den Sieg des Guten verbürgt, wenngleich er, ähnlich dem persischen UrgeistZaruana akaranasich aus der zeitlichen Schöpfung zurückzieht und diese Welt dem Kampf der unteren, selber vergänglichen Götter überläßt.

Lassen wir den Skalden (der Edda) die Schöpfung schildern: Abgrund (Ginnungagap) war, und war nicht Tag und war nicht Nacht, und der Abgrund war gähnende Kluft, ohne Anfang und ohne Ende.Allvater, der Ungeschaffene, Unangeschaute, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward.

Da entstand nordwärts im Unermeßlichen, wo Finsternis ist und Eiseskälte,Niflheim(Nebelheim) und südwärtsMuspelheim(Glutheim), feurig glühend von unendlichen Gluten. In Niflheim that sich auf der Brunnen Hwergelmir, der brausendeKessel, und daraus ergossen zwölf Höllenflüsse (Eliwagar) ihre eiskalten Wogen. –Das flüssige Element ist der Urstoff der Welt.– Aber die wilden Wasser erstarrten bald in der grimmigen Kälte zu Eis, und die Schollen rollten übereinander und hinunter in die unermeßliche Kluft und weiter südwärts gen Muspelheim. Über ihnen brausten, die Eisberge aufwühlend Sturmwetter von Niflheim her; doch strahlte wohlthätige Wärme von Glutheim herüber in Ginnungagap, und wie die wallenden Schollen davon erweicht wurden, da belebte sich, was vorher ohne Leben war, und es entstand ein Ungeheuer, ein roher und ungeschlachter Riese; Ymir nannten ihn die Alten, d. h. den Tosenden; er war zweigeschlechtig, entsetzlich dem Anblick. Er schuf aus eigener Kraft andere Ungetüme, die ihm glichen, die Hrimthursen oder Frostriesen (Eisriesen, Reifriesen).


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