Chapter 4

Der Picciotto erscheint wieder und sagt:

»Die Gesellschaft möchte sich von Ihnen etwas spendieren lassen.«

»Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt?«

»Noch nicht.«

»Sind Sie angeschuldigt?«

»Zu dienen.«

»Wo wird Ihre Sache verhandelt?«

»In Lucera.«

»Schön, könnte ich die Ehre haben, Ihren Namen zu erfahren?«

»Paolo Pescari, zu dienen.«

»Sehr schön.«

Ich knöpfte meine Weste auf, öffnete das Hemd und zog ein Amulet der Madonna del Carmine hervor, das ich um den Hals trug. Ich öffnete es und nahm eine Fünflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den Worten reichte:

»Bitte, das genügt für Ihre Gesellschaft; aber Sie, erinnern Sie sich, daß sie Ihnen ein Calabreser Namens M… gegeben hat.«

»Ich danke, ich werde es nicht vergessen.«

Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging und was ich auf den Lippen hatte, die Nacht ergriff mich ein heftiges Fieber mit Delirien.[17]

Ich blieb fünf Tage in jenem Flecken und dachte: Was werden meine Gefährten sagen und die, welche mich gekannt haben, wenn sie erfahren, daß ich im Gefängnis zu Foggia für die Camorra habe bezahlen müssen?

Wo sollte ich mich verbergen?[18]

Sie werden sagen: »Jeder Vogel liebt sein Nest.«

Und je mehr ich daran dachte, um so mehr stieg mir das Blut zum Kopfe.

In Lucera angekommen, schloß man mich in das Gefängnis San Domenico, in ein Zimmer, wo zwanzig Calabreser waren, lauter Bekannte von mir. Man muß beachten, daß in Lucera drei Gefängnisse waren: das Gerichtsgefängnis, das Gefängnis San Francesco und San Domenico, die alle dicht bei einander liegen.

Folgendermaßen war das Gefängnis San Domenico beschaffen: Zwei lange Zimmer mit je einem Fenster, die auf den Bürgersteig an der schönen breiten Straße inmitten der Stadt hinaus gingen. Die Fenster warenmannshoch, mit zwei großen Gittern und einem Netz aus Gußeisen versehen; zwei andere Fenster gingen auf einen kleinen Hof hinaus; zwischen den beiden Zimmern lag der Wachtraum, etwas weiter oben das Zimmer der Wärter mit dem Amtszimmer des Oberwärters, des Peppino Crigna.

Wir waren einundzwanzig Mann, liebten uns als gute Unglücksgefährten und halfen uns gegenseitig.

Von dem, was mir damals im Gefängnis zu Foggia begegnete, sagte ich meinen Genossen nichts, denn ich konnte einem camorristischen Gericht unterworfen und bestraft werden.

Zwar spricht Francesco Mastriani in seinen Romanen ausführlich von der Camorra, aber die Camorra der alten Zeiten ist etwas ganz anderes als die von heute, alles ist verändert, die Gesetze, Einrichtungen, Kleidung, Arbeiten, Jargon, Rechte und vieles andere; nur der alte Name ist von früherher geblieben und sonst nichts. Jedes mal, wenn eine Abteilung von Gefangenen ankam, stellte ich mich an's Fenster des Hofraumes, um zu sehen, ob der Picciotto aus Foggia ankäme, aber zwei Monate lang erwartete ich ihn vergebens. Eines Tages, als ein Zug von nur wenigen Gefangenen ankommt, höre ich einen Wärter rufen:

»Transport aus Foggia!«

Ich trete an's Fenster, blicke und suche mit dem Auge und sehe den Picciotto aus Foggia, mit seiner schief aufgestülpten roten Kappe.

Ich rufe den Wärter Peppino, der mein Freund ist, da ich ihm täglich zwei Brote liefere, die er mir mit fünfzehn Centesimi bezahlt.

»Peppino«, sprach ich, »jener Bursche mit der schiefen roten Mütze ist Paolo Pescari, mein lieber Freund; haben Sie die Güte, ihn nach der Untersuchung in mein Zimmer zu schicken.«

»Wärter Cicciotto«, sagt der Oberwärter zu einem in der Nähe stehenden Wärter, »wenn Sie den Paolo Pescari durchsucht haben, lassen Sie ihn hier hereinkommen.«

»Sehr wohl«, antwortet der Wärter.

Ich begab mich wieder zu meinen Gefährten und erzählte ihnen mein Abenteuer im Gefängnis zu Foggia, wobei ich nicht die fünf Lire vergaß, die ich dem falschen Picciotto gegeben hatte.

Die wackeren Genossen gerieten in große Wut, der eine wollte ihn töten, der andere die Nase abschneiden, der dritte das Gesicht verstümmeln – alle fluchten und drohten durcheinander, die Fäuste streckten sich in die Höhe und die Messer wurden hervorgezogen.

Ich mußte sie bitten, sich zu beruhigen und das zu thun, was ich dachte.

»Liebe Genossen«, sagte ich, »wir wollen ihn weder töten, noch verstümmeln; das thut man nicht mit einem armen Burschen, der so elend ist wie wir; ich will Euch ein Mittel angeben, eine famose Posse aufzuführen, wobei keiner zu leiden braucht. – Bildet eine camorristische Gesellschaft, ernennt ein Haupt, wählt dieCamorristen, die Picciotti, die Novizen, stellt eine richtige Societa di diritto dar; wenn der Picciotto Pescari eintritt, dann fragt ihn erst nach den Aufnahmerechten, dann nach den Wohnungsrechten; das Übrige werde ich machen: wenn Ihr in Zukunft Rechenschaft über Euer Benehmen ablegen müßt, so stehe ich für alles ein; ich bürge für alles, was daraus folgen kann; aber ich bitte Euch, die Hand in der Tasche zu lassen und nicht das Messer gegen den gemeinen falschen Picciotto zu gebrauchen; ich werde mich beiseite halten und keinen Anteil an der Komödie nehmen und ihr müßt mich gleichgiltig behandeln.«

Sie traten zusammen und thaten, was ich angeordnet hatte.

Der Picciotto Paolo Pescari tritt ein und sagt:

»Heil den Genossen!«

Er verhunzte das Losungswort oder kannte es nicht, es lautete statt dessen:

»Heil und Frieden den Genossen, Achtung Allen!«

Statt sich das Haar zu glätten oder das Kinn zu berühren, rückte er die Mütze auf dem Kopf zurecht. Im Zimmer wurde er von den hungrigen Kerlen umzingelt, in der Hand trug er einen großen Sack, der von einem ergriffen wurde, der das Amt des Zimmerkehrers hatte und der den Sack auf das Bett warf.

Die Kerle erkundigten sich, woher er käme, wessen er angeklagt sei, wer sein Verteidiger wäre, ob er diesen oder jenen Camorristen oder Picciotto kannte. Zitternd und nachdenklich antwortete er auf die Fragen.

Ich lag auf meinem Bette, mit dem Rücken auf dem Strohsack und rauchte eine Pfeife. Als mir der Bursche reif und durch das Hin- und Herfragen genügend verwirrt schien, erhob ich mich, trat an das Fenster und rief:

»Frau M…, Frau M…!«

Es war die Wärterin, die auf Kosten der Gefangenen gehalten wurde, und die mir wegen verschiedener kleiner Gefälligkeiten zugethan war.

Die M… kommt, tritt an das Gitter und sagt:

»Was giebt es, mein lieber M…?«

»Nichts, aber ich möchte wissen, wieviel Geld der Gefangene Paolo Pescari im Bureau deponiert hat.«

»Sofort«, sagte sie und ging. Bald kam sie wieder und sagte:

»Der Gefangene Paolo Pescari hat im Bureau dreißig Lire deponiert.«

»Ich weiß, liebe M…, ich kann mich auf Dich verlassen, wie Du auf mich und meine Genossen. Wenn Du nachher kommst, um die Rechnungen zu schreiben, so beachte, daß Paolo Pescari Dir eine Nota von dreißig Lire überreichen wird, fünfzehn sind für Dich, die andern fünfzehn werde ich für Essen, Trinken und Rauchen ausgeben, hast Du begriffen?«

»M…, Du wirst mich um meine Stellung bringen.«

»Du wirst nichts verlieren, verlaß' Dich auf mich.«

»Ich rechne darauf, M…«

»Schön, sind wir einig?«

»Ja, wir sind einig.«

Ich setzte mich auf mein Bett, nahm ein Blatt Papier und schrieb mit großer deutlicher Schrift:

Nachdem ich diese Nota geschrieben hatte, rief ich einen Genossen und sagte:

»Achte auf das, was ich Dir sage und mache folgendes: Dies ist eine Nota über 30 L., die der neue Picciotto der M… geben sollte, wenn sie nach den Rechnungen kommt; ich habe alles mit ihr abgemacht.«

»Schön, M…, ich habe verstanden, heute wird gegessen und getrunken.«

Ich übergab die Nota einem Genossen, der die andern von meinem Werk unterrichtete.

Als die Speisestunde kam, sagte ein Picciotto der neuen Gesellschaft zu Pescari:

»Freund, ist es mir gestattet, mit Erlaubnis dieser Herren eine Bitte auszusprechen?«

»Auch zwei«, erwiderte Pescari kühn. Sie traten in einen Winkel des Zimmers; der neue Picciotto, mitder Mütze auf dem rechten Ohr, die rechte Hand in das Hemd gesteckt, sagt zu Pescari:

»Freund, die Gesellschaft möchte von Ihnen etwas spendiert haben, läßt sich das machen?«

»Ich bin ebenfalls Picciotto.«

»Nein, Du bist ein Hallunke! Und wenn Du noch einmal das Wort wiederholst, das Du eben gesagt hast, so schlage ich Dir die Zähne aus dem Maul!«

»Aber erlauben Sie! Ich …«

»Du bist ein Hallunke! Sei still und muckse nicht, sonst …«

Die Wärterin kommt und unterbricht das lächerliche Duett, das ich gern zu Ende führen sähe.

»Nun, was Sie auch seien; fassen Sie Mut, heute trinken wir eine Flasche zusammen, aber sei still, sonst schlage ich Dir den Schädel ein.«

Und vom »Du« ging es zum »Sie« über und wieder zum »Du.«

Er giebt ihm einen derben Stoß, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach dem inneren Gitter, wo gewöhnlich die Rechnungen geschrieben wurden; alle einundzwanzig standen dort zusammen.

Ein Calabreser überreicht der Wärterin die Nota und sagt:

»Unser Freund Pescari, der berühmte Picciotto aus Foggia, will uns heute ein Festessen geben, hier ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari?«

»Ja, Herr!«

Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten.

Die Wärterin überträgt den Zettel in ein großes Register, giebt ihn zurück und geht fort.

Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen Zettel.

Alle reihten sich um Pescari und bestürmten ihn mit camorristischen Fragen und Redensarten.

»M…, M…, heute giebt's ein Fest; alle Teufel! Der volle Korb, die gute Waare, Wein aus Barletta! M…, M…, hier ist Ihr Fenchel und Ihr halber Liter!«

Es war der Wirt, der aus vollem Halse brüllte, daß es in der Wölbung widerhallte.

Ich eile an das Gitter und nehme den halben Liter Wein, meinen Becher und den Fenchel entgegen. Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir täglich von dem Wirt verehrt.

Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der Wirt mir den halben Liter und den Fenchel verehrte, nicht wahr?

Eure Neugier soll befriedigt werden.

Als ich zuerst in das Gefängnis gebracht wurde, hatte ich einen Streit mit dem Wirt gehabt wegen zwei Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht war; ein Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher über den Kopf schlug, daß er fast in Stücke ging; von da ab konnten meine Genossen ihn nicht mehr sehen; jedes mal, wenn er kam, erscholl es aus allen drei Zimmern:

»Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!«

Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt zu verzeihen und dafür zu sorgen, daß meine Gefährten ruhig seien, sonst müßte er den Wirt wechseln.

Der Oberwärter rief mich in Gegenwart der Wärter, wir blinzelten uns zu, und er sagte mir:

»M…, so lange Sie in diesem Gefängnis sind, gebe ich Ihnen täglich einen halben Liter vom besten Wein und einen Fenchel oder irgend ein anderes Gemüse, sind Sie zufrieden?«

»Schön, aber hüte Dich, Dein Versprechen zu brechen.«

»Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht Ihnen.« Dies ist der Grund, weshalb der brave Wirt mir den halben Liter und den Fenchel gab; jetzt kann es weiter gehen.

Meine Genossen machten eine Rechnung von fünfzehn Lire, während die anderen fünfzehn Lire der Wärterin M… zu gute kamen.

Sie warfen die Strohsäcke zur Erde und stellten aus den Pritschen und den Ständern eine große Tafel her und deckten das Betttuch darüber; die zusammengerollten Strohsäcke dienten als Sitze, vor sich stellten sie die Näpfe und eine große Flasche mit Wein; so aßen sie und tranken sie, die Becher voll schäumenden Weines, und oft küßten sich die Tischgenossen auf die Lippen. Ich saß auf meinem Bett, aß meinen Fenchel und schlürfte meinen halben Liter Wein; der arme Pescari saß aufdem Fenster und sah mich heimlich an, während er oft und schmerzlich seufzte.

»M…, beehren Sie uns doch und speisen Sie mit,« riefen die Tischgenossen.

»Ich danke sehr, meine lieben Freunde.«

Sie aßen und tranken mit vollem Munde, sprachen laut und verworren durcheinander, brachten Trinksprüche aus in ihrer kalabresischen Mundart, daß man vor Lachen platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal; einer sang, der andere lachte wie verrückt, der dritte erzählte Späße und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse spielte sich ab auf Kosten des halbverhungerten, betrübten Pescari.

Die Suppe kam, ich nahm meine und aß sie[19], Pescari nahm die seinige und stellte sie unter sein Bett, die andern wiesen sie zurück, indem sie sagten:

»Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den Armen; uns geht es vorzüglich.«

Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. Sie erhoben sich von der Tafel mit vollem Magen und weinerhitzten Köpfen; jeder hatte eine gute Zigarre zwischen den Zähnen und blies mächtige Rauchwolken von sich. Sie umringten den unglücklichen Pescari und fingen die alten Fragen über seinen Prozeß, seinen Anwalt, über Camorristen und Picciotti wieder an. Ich trat ans Fenster und sagte einem Wärter, der vorbeiging:

»Haben Sie die Güte, mir den Wärter di A… zu rufen, ich möchte ihn sprechen.«

Alsbald erschien di A…

Dieser Wärter war ein armer, alter Mann, Vater von neun Töchtern, arm wie Hiob, so daß er die Gefangenen um ein Stück Schwarzbrot anbettelte. Er war mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben hatte, auch einige Näpfe voll Brei oder Reis[20].

»Was giebt's, M…, wünschen Sie etwas?«

»Sagen Sie, di A…, kann ich mich auf Sie verlassen?«

»Gewiß, wie ich mich auf Sie verlassen habe.«

»Nun, so hören Sie mich an und thun Sie, was ich Ihnen sage: Hier ist ein Sack mit Kleidern, ich weiß nicht, was für welche; sie sind uns hier unbequem, und ich möchte, daß sie wegkommen; wollen Sie das übernehmen?«

»Aber wem gehört der Sack?«

»Dem Teufel, der Dich holen soll!«

»Schön, schön, ich habe verstanden; später, M…, beim Dunkelwerden.«

»Sehen Sie zu, daß Sie sich entfernen, sobald Sie glauben, daß es gelingt, ohne daß der Oberwärter Sie bemerkt; klopfen Sie mit dem Schlüssel an das Gitter und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.«

»Machen Sie, daß uns keiner sieht, sonst M…, bin ich ruiniert.«

Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den zwanzig Kerlen, sein Bett, unter dem er den umfangreichen Sack niedergelegt hatte, war nahe der Ausgangsthür.

Der Schlüssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe ans Fenster und di A… sagte mir:

»Bringen Sie die »Leiche« an die Thür, ich öffne rasch und Sie geben sie mir.«

Die Thür war wie gesagt nahe dem Bett, wo der Sack war, ich ergreife ihn unbeobachtet und gehe zur Thür, die halb geschlossen ist, eine Spalte öffnet sich und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schließt sich die Thür ohne das geringste Geräusch.

Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich gemacht hatte.

Die Nacht bricht herein, die Thür öffnet sich geräuschvoll, man hört das Klirren des Schlüsselbundes, der Oberwärter mit fünf Wärtern treten ein, zwei tragenbrennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange tritt an's Gitter und klopft eine prächtige Polka. Wir waren alle auf den Beinen, jeder am Fußende seines Bettes, die Mütze in der Hand. Der Oberwärter ruft die Namen auf und wendet sich an den Stubenältesten:

»Wie viel sind es?«

»Zweiundzwanzig,« antwortet er.

»Zweiundzwanzig,« wiederholte der Vorgesetzte.

Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose Picciotto der Camorristen in Foggia, derselbe, welcher den Mut gehabt hatte, mir gegenüber zu treten, um mich nach den Regeln der Camorra zu fragen[21], der, welcher sich als »Guappo« aufspielte mit der schief aufgesetzten Mütze, aus der Thür floh und zwischen den Soldaten hindurch in das Wachtzimmer lief, indem er rief:

»Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!«

Die Wärter und der Oberwärter eilen hinzu, fassen ihn und fragen ihn, was er habe, welches Gespenst er gesehen habe.

»Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die Kalabresen wollen mich ermorden.«

»Dann laßt sein Bett in das andere Zimmer schaffen,« befahl der Oberwärter, »und er möge zu seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der kalabresische Dialekt nicht gefällt; aber eigentümlich ist es, heute Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das Gegenteil vor; oder er ist betrunken: er hat dreißig Lire ausgegeben, um sich mit seinen Freunden lustig zu machen und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu trinken, und jetzt läuft er in das Zimmer und schreit, daß sie ihn ermorden wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist er verrückt oder betrunken – oder M… ist ein vollendeter Schurke.«

Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere Zimmer gebracht, und wir schrieen:

»Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, der Lumpenbande. Hinaus mit dem Schuft; Dir haben wohl die fünf Lire gefallen, Du Kanaille; aber jetzt hast Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns wiedersehen!« und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten ihn triumphierend in das andere Zimmer.

Es war ein Teufelslärm, der Wärter konnte nicht mehr lachen und rief:

»Seid still! Was für eine Höllenzucht ist das hier!«

Eine Menge Einwohner von Lucera drängte sich unter den Fenstern der beiden Zimmer und auf der Straße. Fragen und Antworten gehen hin und her,man will den Grund des Lärms wissen, die Wachtsoldaten laden ihre Flinten.

Auf die Stöße, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder in kalabresischer Mundart: man sang die halbe Nacht hindurch; dann legten sie sich müde, betrunken auf die Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich, glaubt es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch und bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer Überraschung oder einem Streich, den man ihnen spielen könnte, und ich freute mich, sie so liegen zu sehen, einer über dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom Direktor gerufen, der zu mir sagte:

»Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, daß Ihre Landsleute den Gefangenen Pescari um seine Kleider und sein Geld brachten; sagen Sie mir gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.«

»Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als der Gefangene Pescari in mein Zimmer eintrat, umarmte und küßte er sich mit allen meinen Gefährten, als ob sie seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte ihn nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine Pfeife. Sie haben angefangen zu reden, zu fragen und zu antworten und was weiß ich sonst noch. Um die Speisestunde sagte Pescari, daß er auf seine Kosten ein leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er verlangte alles, was zum Schreiben nötig ist, um eine Aufstellung zu machen, was er kaufen wolle. Dann kam die Wärterin und er gab ihr seine Aufstellung, dieWärterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er sagte ihr, alles, das ist das Menu; dann ging ich und kümmerte mich um meine Sachen.«

»Nachdem das Essen gekommen war, machten sie aus ihren Bettstellen eine große Tafel, dann setzten sie sich nieder und ließen die Zähne arbeiten und tranken fröhlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berühmten Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprüchen nannten. Ich bin eingeladen worden, aber habe nicht annehmen wollen; nach dem Essen, das lange dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich gesehen und kann ich bestätigen.«

»Aber Pescari sagt, daß er einen Sack mit Kleidern in das Zimmer gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.«

»Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, und dann vermag ich auch nicht zu glauben, daß meine Landsleute fähig sind zu stehlen. Wenn sie ihn gestohlen haben, muß er sich in dem Zimmer finden, das beste ist, wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, wird er sich finden und Sie werden den Dieb bestrafen; wenn er nicht da ist, so muß der Gefangene Paolo Pescari ein Verleumder sein und schwer bestraft werden[22]. Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor?«

»Sehr logisch und verständig.«

Der Direktor, der Oberwärter und die Wärter begaben sich in mein Zimmer und jeder Gefangene stelltesich mit der Mütze in der Hand am Fuße seines Bettes auf.

»Kalabreser,« sprach der Direktor, »Ihr seid alle brave junge Leute, ich habe viel Nachsicht mit Euch gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat seid, und glaubt mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet hätte[23]. Gestern ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. Er sagt, daß Ihr ihn mit Gewalt veranlaßt habt, dreißig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit Kleidern bei sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. Ist das wahr, was Pescari behauptet?«

Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal:

»Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke!Er ist ein Dieb, ein Lügner!« Und alle schrieen sie durcheinander, daß die Schildwache, welche vorbeiging, die Wache zu den Waffen rief.

Ein Haufe von Luceranern rief von außen:

»Die Kalabreser töten die ganze Wache, sie empören sich, sie wollen fliehen.«

Der Direktor und die Wärter gehen eilig fort, die Thür heftig zuschließend, und wir lachen, heulen und singen.

So schloß die Posse, und Paolo Pescari, der Picciotto mit der schiefen Mütze, bezahlte die Zeche der Camorra mit dreißig Lire und einem Sack neuer Kleider, die etwa fünfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er teuer die fünf Lire, die ich ihm im Gefängnis zu Foggia gegeben hatte.

Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.

Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser wenig, sie kamen ganz dem armen Wärter zu Gute.

In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische Camorristen, meine Bekannte, sie erkundigten sich nach dem Geschehenen, und als sie erfuhren, daß er sich den Namen und die Eigenschaften eines Picciotto beigelegt habe, während er durch ein bekanntes Zeichen und etwas anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten sie ihn verstümmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, ihn nicht zu berühren, da seine Strafe genügend sei; aber er bekam eine ordentliche Tracht Prügel und Fußtritte.

So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im Gefängnis wie ein Fürst und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit vollständig vergessen, als ob ich sie nie genossen hätte, und Spielen, Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wüten, die armen Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gefängnis San Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt.Dieser Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner Wäsche und wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenwärter, ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden, und als unwürdig für den Heerdienst mit den Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterwärter waren reine Kalabresen.

Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen Direktors Herrn B… zu rühmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu überweisen. Die Unterwärter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich, einen halben Liter Wein täglich und die Krankenkost, ausgenommen das Brot, welches siegemeinschaftlich hatten[25].

Die Zimmerältesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.

Die Köche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit einem Wärter in die Stadt, um Einkäufe zu machen und den Kessel, aus dem die Suppe gereicht wurde, aus einem Gefängnis ins andere zu tragen; sie bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet, wie auch von den Wärtern und den apulischen Gefangenen – sie waren gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen.

Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Geschöpfe!

Der Krankensaal war voll von Kranken, so daß alle fünfunddreißig Betten belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden mußten. Mehr als zwanzig ließen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein schläfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin oder Verpflegung; Thatsache ist, daß die Ärmsten erbarmungslos sterben mußten.

Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war so hinfällig, daß ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügendeKraft mehr, um das traurige Übel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte ich, wie der Oberwärter mit seinem Messer den Kalk von der Wand abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und empörte mich nicht wenig, so daß ich eine Eisenstange aus dem Bett losriß und ihm zwei gute Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so daß er wie ein Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer Kranker den Arm gehalten hätte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit eisernen Klammern umschlossen hätte, dann hätte ich ihn sicher kalt gemacht.

Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem Krankensaal entfernen ließ, während einige Tage darauf ein Kalabreser ihn mit der Klinge eines Rasiermessers gehörig auf beide Wangen zeichnete, so daß er ein Auge verlor – zum Andenken an seine Schändlichkeit.

Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt war, übernahm den Posten als Oberwärter.

Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und beschlossen, daß die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der Strafanstalt geschickt werden sollten.

Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, nach wenigen Tagen begannen sie, nach ihrem Bestimmungsort abzureisen.

Ich blieb allein zurück, aber die zwanzig Betten der Kalabreser in meinem Zimmer wurden mit apulischen Gefangenen belegt.

Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den Direktor, mich nicht abreisen zu lassen, denn eine bessere Pflege und so gute Vorgesetzte fand ich nicht wieder.

Die zwanzig Apulier waren sämtlich Angeschuldigte, Landleute, unwissend und dumm; keiner konnte lesen und schreiben; ich besorgte täglich ihre Briefe, wurde ihr Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren blöden Verstand einigermaßen zu schärfen, besorgte die Briefe an ihre Familien, ihre Anwälte, die Bittschriften an den Staatsanwalt, um die Entscheidung ihrer Sachen zu beschleunigen; dafür beschenkte mich der eine mit Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst und Eßwaaren; sie liebten und achteten mich wie einen Gott. Wenn ihre Familien nach Lucera kamen, um ihre Anverwandten zu sehen, so brachten sie in ihren Ranzen Käse und andere schöne Sachen mit. Sie nahmen alles, legten es auf mein Bett und sagten:

»Meister, alles dies gehört Ihnen, machen Sie damit, was Ihnen am besten dünkt.«[26]

Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar und zufrieden.

Die vollständigste Harmonie und Liebe herrschte unter uns, ich fühlte mich glücklich, mich unter so vielen guten Jünglingen zu sehen.

Der Direktor ruft mich und sagt:

»M…, Sie sind von nun an Zimmerältester in Ihrer Stube.«

»Ich danke«, antwortete ich, »aus persönlichen Gründen kann ich dieses Amt nicht annehmen, was brauchen wir einen Zimmerältesten, wenn wir eine Familie sind und uns alle wie die Brüder lieben?«

»Es ist der Regel wegen, ein Zimmerältester muß sein, und Sie müssen es werden.«

»Wie Sie meinen, Herr Direktor.«

Den anderen Zimmerältesten gab er monatlich drei Lire; mir wies er auf mein Konto alle Monate fünf Lire an, zwölf Lire hatte ich von Hause monatlich, fünf gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging es mir vorzüglich.[27]

Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; das Fieber verließ mich nicht, ich sah aus wie Haut und Knochen, meine Augen lagen tief in den Höhlen und waren halb erloschen, die Wangen dürr und eingefallen, ohne physische und geistige Kraft.

Der Arzt ordnete an, daß ich in das Gerichtsgefängnis überführt würde, der Luftveränderung wegen;ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener Erde feucht und dunkel waren, wurde ich noch kränker.

Während ich in diesem Gefängnis war, ereignete sich ein Vorfall, den ich erzählen möchte.

Ein alter Mann und sein Sohn wurden in öffentlicher Verhandlung abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte den Vater zu fünfzehn, den Sohn zu zehn Jahren Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden:

»Diese fünfzehn Jahre werden Sie für mich abmachen!«

Als sie ins Gefängnis gebracht waren, war der Alte heiter und lächelnd, als ob er in Freiheit gesetzt wäre und sagte, daß er mit der Strafe zufrieden sei. Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu schöpfen; der Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; aus dem Strick, an dem die Lampe hing, machte er eine Schleife, befestigte sie an einem großen Nagel, an dem die Lampe in die Höhe gezogen wurde, steckte den Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.[28]Nachdem die Freistunde beendet ist, treten wir ins Zimmer und sehen den Alten baumeln, mit der Zunge aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und leichenblassem Gesicht. Er war tot!

Der Richter und die anderen Beamten kamen, er wurde abgeschnitten und weggetragen.

Der anwesende Staatsanwalt nähert sich dem Nagel an der Wand, um ihn zu untersuchen und findet folgende mit Bleistift in großen Lettern geschriebene Worte:

»Der Schurke von Staatsanwalt wird die fünfzehn Jahre Zwangsarbeit für mich abmachen; er sei verflucht!«

Ich wurde zum Gefängnis San Domenico zurückgebracht, aber das verfluchte Fieber hatte sich bei mir festgebissen.

Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe mich in ein Wirtshaus und esse, und gehe dann auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur, die Schlechtigkeit der Menschen, die Güte und Barmherzigkeit Gottes; aber die Gunst, die mir der brave Signor B… erweist, ist vergebens, denn ich werde immer kränker und immer stärker werden die brennenden Schmerzen in der Brust.

Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine Eingabe an das Ministerium zu machen, um nach Kalabrien überführt zu werden; der Direktor versprach mir, mein Gesuch zu unterstützen und alles zu thun, daß meine Bitte erhört werde. Ich reichte das Gesuch ein; nach einigen Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport abreisen.

Der Direktor gab mir bekannt, daß ich den Rest meiner Strafe in Trogen verbüßen sollte.

Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, kräftig und lebensfroh kam ich hin, elend, schwach und sterbenskrank ging ich von dannen.

Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fünfundvierzig Lire, die auf meinem Konto standen, steckte mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und nachdem ich mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste ich mit Thränen auf den hageren Wangen im Wagen nach Foggia ab, von zwei Karabinieri begleitet.

In diesem Gefängnis, wo der Gefangene Paolo Pescari, der Picciotto aus Foggia, mir die fünf Lire abgenommen hatte, nahm ich nachts die zwanzig Chininpillen ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen.

Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach Neapel, so dieselbe Reise zurückmachend, die ich vor einundzwanzig Monaten hin gemacht hatte.

Man sperrte mich in das Gefängnis del Carmine in Neapel, wo ich den unglücklichen Perrone vor dem Messer des berühmten Camorristen Sansosti gerettet hatte.

Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer des Gefängnisses del Carmine in Neapel und fand dort eine camorristische Gesellschaft von Neapolitanern und Sizilianern; sie wußten von meinem Kommen und kannten dieErkennungsrechte.[29]Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer des Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri fand, die mich transportieren sollten; man gab mir mein Geld, das ich bei meinem Eintritt abgegeben hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf einem Wagen Platz, während ein Karabiniere sagte:

»Der Weg ist recht lang.«

Der Kutscher fragte:

»Wohin geht es?«

»Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente«, erwiderte ein Karabiniere.

»Wie?« sagte ich verwundert, »Santa Maria Apparente? Sie irren, ich soll nach Kalabrien.«

»Nach Kalabrien?«

Er öffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, nimmt eine Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt:

»Wie heißen Sie?«

»M…, Antonino mit Vornamen.«

»Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt?«

»Fünf Jahre.«

»Von den Assisen zu Monteleone?«

»Zu Monteleone.«

»Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie nach Kalabrien sollten?«

»Der Direktor des Gefängnisses in Lucera, wo ich war.«

»Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.«

»Zum besten gehabt!« Wie mir in jenem Augenblicke war, kann ich nicht beschreiben, ich ergab mich in mein grausames Schicksal.

Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberwärter und andere Wärter bemächtigen sich meiner, führen mich in ein leeres Zimmer und lassen mich eine gute halbe Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des Chefs der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, Signalement u. s. w. in ein dickes, staubiges Register einträgt, dann fragt er:

»Haben Sie Geld?«

»Etwas.«

»Schön, geben Sie es hier ab.«

Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch.

»Sie heißen M…, nicht wahr? Von jetzt ab verlieren Sie diesen Namen und heißen Nummerfünfhundertneunundneunzig. Begriffen?«

»Ja.«

»Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den Namen Ihres Vaters wieder.«

Er läutet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort erscheint ein Wärter.

»Sie befehlen?«

»Führen Sie den Gefangenen ins Bad.«

»Vorwärts, 599, kommen Sie mit!« sagt der Wärter.

Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein eisernes Gitter öffnet und schließt.

Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen von niemandem bewohnt zu sein.

Der Wärter führt mich in mein Zimmer, wo ein Untergebener, zwei Gefangene und eine mit frischem und krystallklarem Wasser gefüllte Wanne sich befanden.

»Schnell, 599«, sagt der Wärter, »kleiden Sie sich aus und steigen Sie ins Bad!«

Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; das Wasser ging mir bis an die Schultern, glücklicherweise waren wir in der heißen Jahreszeit. Nachdem ich fünf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas zu verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei Gefangenen, die jeder eine rauhe Bürste in der Hand hatten, an, mich zustriegelnundstriegeltenmich ungefähr eine halbe Stunde lang, dann sagte der Beamte:

»Genug; 599, kommen Sie heraus.«

Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und triefend da. Nicht zufrieden damit, daß sie mir die Schultern und den Rückengestriegelthatten, wollten sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen übrigen Körper striegeln. Ich trockne mich mit einem Tuch ab und denke: Was zum Teufel ist das für ein Ort, wo die Christenmenschen wie die Pferde gestriegelt werden; das mußte ich erst noch erleben, ehe ich sterbe: mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu striegeln! Schön, reizend, wahrhaftig!!!

Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd dar, ich bin neugierig, was sie von mir wollen.

»Kleiden Sie sich an«, sagt der Beamte, »dort sind Ihre Kleider.«

Es war ein vollständiger Anzug mit einem Paar neuer Schuhe, einem Hemd, einer kaffeebraunen Cravatte, einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mütze, alles dunkelbraun.

Ich kleide mich an und frage dann:

»Und meine Kleider?«

»Sind im Lagerraum«, sagt der Beamte. »Wenn Ihre Strafzeit zu Ende ist, bekommen Sie sie zurück.«

Sie führten mich durch dieselben Korridore, wir stiegen verschiedene Treppen hinauf und man schloß mich in eine Zelle ein, indem man mir sagte:

»Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, auch der Barbier wird kommen, um Sie zu scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart steht Ihnen nicht!« –

Bald nachher öffnete sich die Thür, zwei Gefangene brachten mir das Bett und Decken, dann erscheint der Barbier, der ein Gefangener war. Ich setze mich auf das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; mitten in der Arbeit sagt er:

»Ich weiß, wer Sie sind – das Losungswort?«

»Recht und Brüderlichkeit«, antworte ich.

»Recht und Brüderlichkeit werden Sie finden. Das Haupt der Gesellschaft, D. Gennarino, mit der Registernummer 188, läßt Sie grüßen.«

»Bestellen Sie ihm meinen Gruß.«

»Wenn Sie etwas brauchen – nachher wird ein Wärter kommen, dem teilen Sie es mit.«

»Sehr wohl, grüßen Sie die Genossen.«

»Wir erwarteten Sie, wir wußten von Ihrem Kommen, aus Lucera hatte man es uns geschrieben.«[30]

Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, um mir auf den linken Ärmel der Jacke die Nummer 599 in großen roten Ziffern zu nähen, die auf ein viereckiges Stück Tuch gestempelt waren.

»Ihr Losungswort?« sagte er.

»Recht und Brüderlichkeit.«

»Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer 56, grüßt Sie und freut sich, Sie zu umarmen, er ist Haupt der Gesellschaft und freut sich, einen neuen Adepten aufzunehmen; später wird sich ein Wärter zu Ihrer Verfügung stellen.«

»Ich danke meinem Landsmann von Herzen und unterwerfe mich seinen Befehlen, aber bitte sagen Sie mir, warum hat man mich hierher geschickt?«

»Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder Neuling muß in einer Zelle abgesondert werden undwird behandelt wie alle anderen Gefangenen: jeden Morgen spricht der Arzt vor, um den Ankömmling genau zu untersuchen, aus Besorgnis, daß irgend eine ansteckende Krankheit sich entwickeln könnte. Wenn der Monat der Einzelhaft um ist, macht der Arzt dem Direktor Mitteilung; ist der Neuankömmling krank, so wird er im Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt er mit den anderen Gefangenen zusammen.«

»So muß ich einen Monat hier bleiben?«

»Gewiß.«

Wenn ich daran dachte, daß ich einen Monat hier allein in der engen Zelle eingeschlossen verbringen sollte, dann empörte sich mein Gemüt und ich verfluchte wiederholt den Direktor des Gefängnisses zu Lucera, Herrn B…[31], der mich zum besten gehabt hatte, wie jener Karabiniere sagte.

Man muß wissen, daß ich, nachdem ich in Foggia fortging und die zwanzig Chininpillen genommen hatte, kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist die Luftveränderung gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein Neapolitaner, ein schöner Mann mit langem schwarzen Bart und einer blitzenden Brille auf der Adlernase; ichmuß mich nackt ausziehen, und er untersucht mich langsam von Kopf bis zu Fuß, bald meine Haut, bald meine Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann legt er das Ohr an meine Brust und meinen Rücken und sagt:

»Sagen Sie drei!«

»Drei, drei, drei«, sage ich.

Und ich denke, warum drei und nicht vier oder zwanzig oder hundert. Will sich der elende Schüler Aeskulaps über mich lustig machen? Und ich war im Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.[32]

»Was für eine Krankheit haben Sie gehabt?«

»Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.«

»Wo waren Sie?«

»In Lucera della Puglia.«

»Sie sind sehr zurückgekommen, wir werden Sie aber gesund machen, hier, da Sie nach dem Reglement nicht in das Krankenhaus dürfen; fassen Sie Mut, bald sind Sie geheilt.«

Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. Ich bekam Krankenkost und der Wächter sagte:

»D. Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, ob Sie irgend etwas brauchen.«

»Ich möchte rauchen.«

»Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng verboten; in den Anstalten darf nicht einmal der Direktorrauchen, wir nicht, keiner, auch nicht Viktor Emanuel II. Wenn Sie Schnupftabak wünschen, können Sie ihn haben und welche Sorte Sie wollen.«

»Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.«

»Und was wollen Sie essen und trinken?«

»Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und meinen Gruß.«

»Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen wachen über Ihr Wohlergehen.«

»Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftshäupter sind hier?«

»Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die Kalabreser und die Neapolitaner.«

Damit ging er.

Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! Hier heißt es neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. Also sei vernünftig, lieber M…! Also es sind zwei Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner!

Der Wärter kam und brachte mir etwas Schnupftabak und bestellte Grüße von den neapolitanischen und sizilianischen Camorristen.

Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier gab es täglich zwei Suppen und zwei Brote. Der Wärter sagte:

»Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann und seine Gefährten lassen Sie grüßen; falls Sie etwas wünschen, möchten Sie es mir sagen.«

»Ich danke Ihnen und brauche nichts.«

Doch ich will die Sache kurz machen.

Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der Wundarzt, um mich wie gewöhnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit zu Zeit ein Fläschchen Medizin verschrieb. DerReporterder beidencamorristischenParteien erschien regelmäßig, ich aber war klug und sagte, daß ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war, wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten Gesundheitszustand zu bessern.

Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen auf, erzählte mir Wunder was für Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und versuchte mir einzureden, daß ich zu ihnen gehören müsse.

Ich gab ihnen zu verstehen, daß es meine feste Absicht sei, neutral zu bleiben, und daß ich es nicht für anständig und eines ehrenhaften Mannes für würdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und daß es auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht schicke, gegen die Anhänger seiner Gesellschaft aufzutreten, daß ich sie alle gleichmäßig liebte und achtete als meine Genossen und Leidensgefährten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts, welcher besagt:

»Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151.Gezeichnet: Cirillo Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.«»Gestempelt.«[33]

»Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151.

Gezeichnet: Cirillo Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.«

»Gestempelt.«[33]

»Sie haben Recht, lieber Freund«, sagte mir das Gesellschaftshaupt, »aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.«

»Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.«

»Ihre Hand!«

»Hier ist sie!«

Wir schüttelten uns die Hände und sahen uns in die Augen. Abends kam Borghese, der berühmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er wegen eines in Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; er war der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreutesich nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34]

»Landsmann und Genosse«, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, »ich freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so gesund und blühend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden wir über die Klinge springen lassen!!!«

»Mein teurer Landsmann, ich nehme für niemand Partei; ich liebe und achte Sie wie einen anderen Menschen, und das ist meine Pflicht; alle meine Genossen muß ich gleichmäßig lieben und achten.«

Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner zu überzeugen, daß ich auf alle Fälle neutral bleiben wolle.

Endlich sagte er:

»Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie für gut halten, ich habe kein Recht, Sie zu zwingen; aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie sich auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! Sind wir einig?«

»Ja, wir sind einig«, erwiderte ich.

Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben von den Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und der Kalabreser. Dann wurde ich an den Direktor, Herrn Luigi M… di Aversa, gewiesen, einem Manne von gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. So treffen sich böse und gute Menschen auf dem Pfade des Unglücks. Luigi M… war der Typus eines Edelmannes; eine zärtliche Mutter ist nicht so liebevoll, geduldig und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener Luigi M… gegen uns Söhne des Unglücks, uns traurige, bloßgestellte Geschöpfe war.

»Wie geht es, 599?« fragte er, als er meiner ansichtig wurde.

»Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.«

»Und ich sage mir Glück dazu, wie Ihnen selbst; ich hörte, es ging Ihnen schlecht, als Sie hierherkamen?«

»O, Herr Direktor, sehr schlecht.«

»Armer Unglücklicher!« Zwei Thränen traten ihm in die Augen. »Sie haben gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhören. Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verläßt uns nicht. Ich will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie, nehmen Sie sie nicht übel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für einen anständigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, daß man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlüpfrige Weg, der direkt zum Übel führt.Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in zwei Parteien gespalten ist, die sich täglich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein zärtlicher Vater seine Söhne bitten kann, diese Streitigkeiten zu lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefährten zukommt; aber ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich zur Strafe: fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefängnis überführt worden, um sich wegen Mord und Körperverletzung zu verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner Leitung vorkommen, betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.«

Der brave Mann war untröstlich.

»Sie, 599, werden mir keinen Anlaß zum Mißfallen geben, nicht wahr?«

»Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung, Ergebenheit und Dankbarkeit.«

»Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang werden Sie in der Schneiderstube beschäftigt werden; später werden Sie dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den bösen Genossen geschützt sein.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier einen so edelmütigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.«

»Thun Sie das, ich habe es nötig.«

Ein Wärter führte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf, einen hölzernen Löffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergefäß aus Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng verboten war und sie die natürliche Lederfarbe tragen mußten. Ich habe nicht begreifen können, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, wenn ich von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599, die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mußte. Der Wärter führte mich in ein großes Zimmer, ich blicke über die Thür und lese in großen Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach führte der Wärter mich zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der äußeren Treppe herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber liegende Bureaux, das zur rechten gehört dem Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor. Fünf Meter weiter trifft man ein großes hohes eisernes Gitter, durch welches man auf einen finsteren, etwafünfundzwanzig Meter langen Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die Gefangenenwärter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und einige Lagerräume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem ersteren ähnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa zwölf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde gefüllte Becken, in denen Bäumchen und Blumen wachsen. Wenn die Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu schöpfen, eine Stunde abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe um diese Becken herum; für die, welche müde sind und nicht mitgehen wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe Mauer trennt diesen Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer bewegen.

Früher waren beide Höfe ein einziger gewesen, da aber die beiden Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es für gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht täglich umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor, zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die Zimmer derZimmerkehrer und Köche, zur linken die Arbeitszimmer der Weber und eine Treppe, eine große Bibliothek, die Bücher über Reisen in Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente, an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr.

Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen Korridor gegenüber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen hatte, deren jede sechs Gefangene faßte, wo die Neapolitaner und die Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, begeben uns in den Korridor der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange Reihen-Zellen für sechs Personen: hier schliefen Kalabreser, Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer.

An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pförtchen, von wo aus der Wärter sie Tag und Nacht übersehen konnte, und in jeder Zelle war ein großes langes Fenster mit einem Gitter aus Gußeisen, vier dicke eiserne Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer gerader Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. säumte, ich verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi täglich, hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberwächter zu kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng verboten,und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knäuel in den Mund steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde rissig, so daß ich diese neue Art zu kauen aufgab.

Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weißbrod, Abends Mehl- oder Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, Käse, Brod und einen Becher Wein; es ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen.

Soll ich eine Episode erzählen, die Euch erschauern lassen wird? So hört:

Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein, aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht bemächtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends löschten sie die Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett, steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes Messerheraus, das gut geschärft und gespitzt war, und auf dem Bettrand sitzend, hielt ich Wacht.

Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete Camorristen fingen an, in größtem Stillschweigen zu fechten, das Blut floß in Strömen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die Kämpfenden waren entblößt, die übrigen Gefangenen saßen auf ihren Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich beugend, jetzt einen Stoß parierend, auf einmal fällt einer der Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, hält mit der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und stößt mit der Linken wiederholt seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. Mit Blut bespritzt erhebt er sich, öffnet das Fenster und ruft die dienstthuende Wache.

»Was giebt's?« antwortet ein Mann von draußen.

»Rufen Sie einen zweiten Wächter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu bringen.«

Die Wächter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche Schauspiel und erbleichen, der blutgetränkte Leichnam wurde fortgeschleppt, der Mörder in eine Zelle geschafft, – wir schlossen in jener Nacht kein Auge.

Tags darauf wurde der vierzehnjährige Jüngling, die unfreiwillige Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer verstümmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er warbewußtlos und starb am Abend, unaufhörlich nach seiner Mutter rufend. Wenn ich alles erzählen wollte, würden Euch vor Grausen die Haare sich sträuben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute Sitte, die Rücksicht auf den Leser verbietet es.[35]

Meint Ihr, daß Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde? Niemals, als ob nichts passiert wäre; wenn man jemand fragte, so antwortete man ganz trocken:

»Ich weiß nichts, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen.«

Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen armen Wächter in der Schneiderwerkstatt mittelst einer Scheere, weil er ihm untersagt hatte, laut zu sprechen.

In der Werkstatt sollte die größte Ruhe herrschen, alle Gebote wurden übertreten; man sprach, lachte und scherzte, in dem Schlafzimmer durfte nur halblaut gesprochen werden, statt dessen herrschte dort ein Höllenlärm, weil der Direktor nie Strafen verhängte. Es war strenge Vorschrift, daß alle arbeiten sollten: aber niemand kümmerte sich darum, der eine blieb in seinem Zimmer, der andere ging zwar in die Werkstatt, aber arbeitete nicht.

Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und ein Neapolitaner, krank; nachdem der Arzt gekommen war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt,dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer und stechen auf einander los; der Wärter, der sie trennen sollte, erhielt einen tüchtigen Messerstich in den Unterleib, der eine der Kämpfenden eine tötliche Wunde, der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stücke, das Schreibpult des Arztes fällt um, und die in einander verbissenen Gegner waren noch nicht vom Blut gesättigt.

Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft zu schöpfen, als ein Mann von der andern Seite der Mauer ruft:

»Ihr elenden Kalabreser!«

Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. Dreißig Kalabreser klettern auf die Mauer, die Waffen in der Hand, ein wütender Angriff erfolgt, man kämpft Mann gegen Mann; das Blut fließt in Strömen; der Wächter, der Direktor, eine Abteilung Soldaten eilen herbei; sie drohen Feuer zu geben, wenn die Gefangenen nicht auseinander gehen – vergebens. Mit aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdürstigen Tiger los. Sechszehn blieben zum Tod verwundet liegen, ein Gefangenenwächter mit den Eingeweiden in den Händen, zwei Neapolitaner tot, einer leicht verwundet, und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft der Neapolitaner, mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten Händen, kämpft wie ein Rasender mit Borghese, dem Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden im Gesicht und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte.

Das sind die Wirkungen der Camorra und die schweren Folgen der Spaltung in zwei feindliche Parteien. Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in das Gefängnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer Körperverletzung verurteilt zu werden.Arme Thoren!!

Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle die Anstalt verlassen, da seine Liebe und sein Interesse für die Gefangenen so schlecht belohnt würden. Nach diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fünf Monate lang war alles ruhig; und es ist recht so, daß nach dem Sturm die Windstille folgt, und die gequälten Herzen sich beruhigen können. Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, daß die Gefangenen, die sich gut geführt hätten, nach der Insel Caprera gebracht würden, um dort Erdarbeiten auszuführen.


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