Zweiter Teil.Meine Dienstzeit.

Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und neapolitanischen Camorristen abzuschicken, teils, um sich die Sache vom Halse zu schaffen, teils um ihnen Gelegenheit zu geben, sich in aller Ruhe nach Belieben umzubringen.

Zweiunddreißig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurück, da sie sich nicht gut geführt hatten; andere kamen hin und blieben dort. Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage D. Gennarinos, der von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in demZimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so daß ich keinen heilen Knochen behielt; ich ließ den Direktor rufen und bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern ein und lobte mein Betragen.

Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, zwei brave neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.

Es besteht die Vorschrift, daß ein Gefangener, der während der Zeit, wo auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen muß, einen Zettel heraushängt, auf dem das Wort »Besetzt« steht; und auf dessen Rückseite das Wort »Frei« sich befindet, welches sichtbar zu machen ist, wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort »Besetzt« vorfindet, muß er warten und darf die Thür des Abtritts unter keinen Umständen öffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht. Nun geschah es, daß ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort »Besetzt« herausgehängt hatte; nachher vergaß er, den Zettel umzudrehen. Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort »Besetzt« und wartet, aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so daß ihm der Gedanke kommt, die Nr. 448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, während der Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ichkann mich nicht mehr lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in seinen Nöten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot ist, öffnet er die Thür und bleibt wie gebannt stehen – der Abtritt ist leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen, sucht und findet Nr. 448, nähert sich ihm und giebt ihm eine riesige Ohrfeige mit den Worten:

»Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht?«

Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute der 448 hinzu und verabfolgten dem Missethäter einige Ohrfeigen: das zündet, man ergreift die Waffen, und wenig fehlte, so wäre eine zweite Schlacht gefolgt; so endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.

Mein Verwandter Cosmo M…, der in Neapel wohnte, suchte mich auf und war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich mir zur Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenwächter übermittelte er mir ein Päckchen Rauchtaback, eine Pfeife und Zündhölzchen; der Wächter brachte sie mir heimlich, so daß ich mir Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei Hälften, die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im Kopfende, die andere im Fußendemeines Strohsackes, die Pfeife und die Zündhölzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen wurde eine Untersuchung veranstaltet, während die Gefangenen in den Werkstätten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den Strohsack und findet eine Hälfte mit Tabak.

Der Direktor kommt und sagt mir:

»Woher haben Sie diesen Tabak?«

»Das kann ich auf keinen Fall sagen.«

»Wissen Sie, daß der Rauchtabak hier streng verboten ist?«

»Nur zu gut.«

»Ich müßte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hüten Sie sich in Zukunft.«

Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, daß derselbe Wächter, der mir den Tabak gebracht hatte, den Verräter gespielt hatte. Der Tabak war unter den Wächtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, daß Tags darauf eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere Hälfte des Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen; dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gewöhnlich in die Werkstatt. Die Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in meine Zelle und derselbe Wächter, der mir den Tabak brachte und ihn nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungrigerhinein auf meinen Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch hervor, zeigt es seinen Genossen, drückt es mit väterlicher Liebe an die Brust und sagt:

»Hier ist die Leiche!«

Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, über die Brust und die Hände, entsetzt starrt er die »Leiche« an, während die andern durcheinander riefen:

»Prächtig, wahrhaftig reizend; was für eine kostbare Bartwichse! Und der schöne Geruch; Dich hat man schön herausgeputzt!« Und sie bersten vor Lachen.

Der arme Wächter mit dem beschmierten Gesicht warf das Tuch empört auf den Korridor und wischte sich das Gesicht, die Hände und die Brust ab. In der Werkstatt wurde viel über das Abenteuer gelacht, ich weiß nicht, ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls ließ er mich nicht rufen. Inzwischen lief die Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich nahm seine Stelle ein mit zwölf Lire monatlich, eben so viel bekam ich von Hause, so daß ich im Ganzen vierundzwanzig Lire hatte, die mir gutgeschrieben wurden. Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern zuweilen uns nur einen Käse, ein Ei oder einen grünen Salat leisten, was uns dann verrechnet wurde. Aber endlich gab der Direktor unserm Verlangen nach, da wir mehrere Male die Kost verweigerten, und wir konnten uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als einen fünftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. Als der gute Direktor sah, daß Ruhe in der Anstaltherrschte, ließ er uns eine Musikkapelle bilden, wozu er selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn Musiklehrlinge, ein tüchtiger neapolitanischer Meister kam zwei mal täglich, drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends, um uns zu unterrichten, wofür er vom Direktor monatlich hundertfünfzig Lire erhielt. Wir lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart der Wache, des Direktors und des Rechnungsführers, die sich über unsere schönen Leistungen freuten.

Der Präfekt, der Syndikus und andere behördliche und angesehene Personen wollten uns eines Tages spielen hören und lobten das Werk des Direktors. Die Aufführung ging nach Wunsch, wir freuten uns an unserem friedlichen Dasein und liebten einander, während die Rasenden, die in das Gerichtsgefängnis gebracht waren, zu fünf bis zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Die armen Thoren!!…

Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, des Schicksals oder der Hand Gottes ist – es ist ein Verhängniß, daß der ins Unglück geratene Mensch nicht lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem Lächeln erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, dem Willen der Gottheit nachzuforschen und ist uns Verruchten und Verachteten nicht erlaubt, in dem geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden Grunde, dem Unerforschlichen nachzuspüren und zu ergründen, woher das Elend und die Schande in dem sinnlosen Leben so vieler Millionen böser Menschen, diesich mit sardonischem Lächeln über alles hinwegsetzen. Geschick, Fügung, Glück, Schande, Unglück – dunkle, sinn- und verstandlose Worte, Abstraktionen unseres Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Träume… Traum und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, des Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und Christen, des Materialisten und des Rechtgläubigen, des Gelehrten und des Unwissenden, des Reichen wie des Armen; alles, alles, das All im All, ein unerbittlicher Traum unserer Träume ist das menschliche Leben, sein tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden Abenteuer; und wenn ich glaubte am Ziel zu sein und den unsinnigen Traum deiner Träume erfaßte, den düsteren Traum der Todesangst, den röchelnden Traum des Sterbenden, dann empfing ich den Urquell deiner Träume und aller Träume deines körperlichen und geistigen Schlafwandelns, die du schließlich in die Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das ist das Leben, das ist das eherne Geschick, das grausame Verhängnis, das herzlose Schicksal, das traurige Unglück. Das ist der Traum der Weisen und der des Urmenschen; der gräßliche Traum des Reichen und der hungrigen Armen. Das ist der unabänderliche Lauf des menschlichen Lebens. Und setzt sich der irdische Traum in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das träumende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, daß dort in der Welt, in die man geht und aus der man nicht zurückkehrt, fortgeträumt wird; aber es ist kein Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachendeTräume, Träume aus dem vergangenen Leben, Träume von deinen Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, von dem Schmutz und der Schändlichkeit, mit der du dich beflecktest, als du einstmals träumtest; ein Traum ist deine kleinmüthige Schwäche, hartnäckige Unwissenheit, Träume sind die häßlichen Schauspiele deiner verderbten Liebe, deiner ungeheuerlichen Neigungen!!

Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem des Lebens und des Todes, das ist die Lösung unseres Dramas. Gefällt's Euch? Scheint's Euch paradox? Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? Aber nehmt keinen Anstoß daran.

Nehmt den scheußlichsten, den ungeheuerlichsten, den düstersten Traum heraus aus den Träumen Eures Traums.

Der Gedanke ist der Dichter, der das hat wahr machen müssen, was ich behaupte.

Ein Traum war mein Lebenslauf hienieden und wer kann die Geheimnisse desselben ergründen? Wer kann die Zukunft erforschen und voraussehen? Ein höchstes Wesen.

Welche Komödie bieten unsere unglücklichen Väter hier auf dieser Erdkugel dar? Die Komödie des Bösen, den Traum des Unglücks, der Krankheit. Welche Komödie stellen wir dar? Die Komödie des Scheußlichen, den widerlichen Traum unserer Schande, unserer Verderbtheit.

Welche Komödie werden unsere Nachkommen darstellen?

Die Komödie des Betruges, der Sophisterei, den gräßlichen Traum der Ungeheuerlichkeit.

Was ist die Geschichte? Eine verderbliche Komödie, die von den Träumen der Sterblichen erzählt, den Träumen, die sie auf dem großen Theater der Erdkugel dargestellt haben.[36]

Wir stehen im Jahre 1873 und ich befand mich in der Strafanstalt zu Neapel, als ein tausendköpfiges Ungeheuer tausende von Opfern in einem Augenblick dahinraffte, die Cholera, die furchtbare Cholera. Ja,die Cholera, dieser unheimliche Wanderer, das entsetzliche, tausendköpfige Ungeheuer rafft tausende von Opfern in einem Augenblick dahin.

Neapel, das schöne, lachende Neapel, die Parthenope von einstmals, ist von der Cholera überfallen, und in welcher Weise! Der Tod der herrlichen Gegend, der grausame Tod mit der unerbittlichen Sichel, mähte seine Opfer rasch dahin, keine Spur hinterlassend. Es war Sonntag, wir arbeiteten nicht, wir hatten die heilige Messe und eine lange Predigt des Hanswursts von Pfarrer Herrn Borz…[37]gehört. Wir hatten die Kapelle verlassen, da stürzt ein armer Gefängniswächter, Vater von neun Kindern, gegen die Thür der Kapelle, stößt einen verzweifelten Schrei »Ha!« aus und fällt wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle nieder, als ob er ohnmächtig geworden wäre; aus dem Munde quoll ihm ein grünlicher Schleim, sein Gesicht und seine Hände wurden rotblau; er wird ins Krankenhaus gebracht, der Arzt kommt und findet ihn als Leiche, zusammengekrümmt und mit weit geöffneten gläsernen Augen.

»Die Cholera,« sagt der Arzt.

Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsmaßregeln getroffen; die Werkstätten wurden in Schlafräume umgewandelt, und in den Zimmern, wo bisher zehn Gefangene waren, blieben nur fünf, wo sechswaren, nur drei, und die Betten wurden auseinandergerückt.

In einem großen Raum wurden die leicht Erkrankten untergebracht, in der Schneiderstube, die höher lag als die anderen Werkstätten und Zimmer, die schwer Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, die fünf Lire täglich bekamen und essen und trinken konnten, was sie wollten. Eine außerordentliche Reinlichkeit herrschte in der ganzen Anstalt; wirrauchtenden ganzen Tag, die Zimmerthüren waren Tag und Nacht geöffnet; die Kapelle spielte häufig; am Tage und in der Nacht wachten je zwei Ärzte, und der menschenfreundliche Direktor nahm seine Frau und einen Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war ein förmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit Kanonen, Mitrailleusen, Flinten, Revolvern, Pistolen, geraden und krummen Säbeln, Bajonetten und Dolchen – kurz, wir waffnen uns und rüsten uns, daß wir unbesiegbar sind und nehmen mächtig Lebensmittel und Munition ein; alles, um Mann gegen Mann das entsetzliche vielköpfige Ungeheuer, die Cholera, zu bekämpfen. In dem tödlichen Kampf mit der Stadt war dieses gräßliche Ungeheuer kühn und dreist geworden, es kämpfte gelassen und schritt durch die Paläste der Reichen, die bescheidenen Häuser der Arbeiter und die Hütten der Elenden dahin; es ließ sich gierig in der herrlichen Straße Corso Vittorio Emanuele nieder und griff mit mächtigem Ansturm unsere Burg an, die wir unerschrocken verteidigten gegen das Ungeheuer, das mitschwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul aus tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang sich aus der Brust von sechshundert Gefangenen; der furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in unsere Mauern und mit blutrünstigen Augen schwang er seine unerbittliche von Blut befleckte Sichel – nur Sieger, nie besiegt, nur triumphierend, nie niedergeschmettert – und doch boten wir dem Feinde noch Trotz.

Am Tage nach dem Tode des Wächters aßen zwei Genossen gemeinschaftlich aus einer Schüssel etwas Reis, da erhebt sich der eine zitternd, tastet an der Mauer entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme stößt er ein »Ha« aus und fällt wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er wurde aufgehoben und in das Zimmer der Erkrankten getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und schwarz am ganzen Körper.

»Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei Nr. 119 verzeichnen?«

»Cholera!«

Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken gelähmt, denn Tag und Nacht mußte ich die Ärzte begleiten und die Mittel niederschreiben, die sie verordneten.

Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens trockenen Mehlteig mit geschabtem Käse und ein schönes Stück gebratenes Fleisch, sowie einen mächtigen Becher Wein; Abends Kalbsbraten, Weißbrot und einen BecherWein; beim Schluß des Tages jeder ein Glas mit Chinin versetzten Rosenliqueur.

Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren an Heftigkeit, die Feindseligkeiten und die Ränke hörten auf, man dachte daran, sich gegenseitig zu lieben und das Ungeheuer zu bekämpfen, das uns zu verzehren drohte.

Inzwischen war der Saal der Erkrankten überfüllt; viele starben ohne Erbarmen, nachdem sie aus ihrem ausgetrockneten Halse das letzte »Ha« ausgestoßen hatten.

Da empörten sich die Gefangenen.

»Gift!!« riefen sie.

Sie verschworen sich gegen die Ärzte, den Direktor, die Wache, wollten die Bureaux überfallen und die Beamten morden.

Die Frau des Direktors, eine ausgezeichnete Dame aus feiner neapolitanischer Familie, begab sich mit ihrem geliebten Söhnchen auf den Hof, in die Zellen und ermahnte mit thränenden Augen die Rasenden zur Geduld, zum Mut und zur Ergebung.

Der Direktor bat weinend und mit vor Entsetzen gesträubten Haaren um Frieden; nicht ein Gift sei es, wie sie meinten, sondern eine tötliche Krankheit, welche die Stadt bedrohe und Tausende von Opfern fordere.

Der Rechnungsführer begab sich nach Castellamare, wo er eine Ladung Citronen kaufte, die unter den Gefangenen verteilt wurden.

Lob, ewiges Lob gebührt dem edlen und christlichen Herzen des Direktors Cav. Luigi M… di Aversa, Lob, unvergängliches Lob seiner edlen Gemahlin, derZierde christlicher Tugend. Tag und Nacht begaben sich beide in die Zellen der Erkrankten, und salbten die schwarzen Körper der Leidenden mit wohlriechenden Düften, reinigten sie vom Schmutz, und die edle Herrin umfing die unglücklichen Sterbenden und murmelte ein Gebet, während ein Strom eklen Erbrechens ihr über Brust und Hände ging. O Du Deines Heilandes würdiges Weib! Edles Mutter- und Frauenherz; meine Feder ist zu schwach, um Deine heiligen Tugenden zu schildern, Deinen unerschrockenen Mut, Deine Selbstverleugnung, eine Ruhmespalme ist Dir im Himmel gewiß, und sicher hat der Schöpfer, wenn er Dein heiliges und frommes Wirken sah, sich gefreut, daß er Dich in die Welt gesandt hat.

Den ganzen Tag ging sie mit einem Korb voll Obst, Biskuit, einer Rumflasche umher; wandelte durch die Zellen, gab dem eine Frucht, jenem ein Stück Citrone, dem dritten ein Glas Rum und sprach:

»Mut, meine lieben Söhne, Gott will unsere Geduld auf die Probe stellen.«

Brot und Braten warfen wir auf den Hof und auf die Korridore, der Hunger war verloren, jeder war satt, die Cholera hatte uns gesättigt. Es war ein Leben, das ich nicht fortsetzen konnte; am Tage immer mit den Ärzten unterwegs, Nachts vier oder fünf Mal in den Zimmern umher; ich fühlte mich wie vernichtet.

Im Bureau des Krankenhauses war das Depot des Weines und der Liqueure, die ich morgens und Abends an sechshundert Gefangene austeilen mußte.

Ich mache dem Direktor Mitteilung, daß ich mich in mein Zimmer zurückziehen möchte, da ich dieses Leben nicht mehr aushalten könne.

»Nein«, antwortete er, »als der Wind still war, da wollten Sie fahren; nun müssen Sie auch im Sturme ausharren – ich werde Ihnen zwei Genossen als Helfer beigeben.«

Die Apotheke befand sich in der Anstalt selbst, im Krankenhause; der Oberwärter, ein braver Mann aus Piombini, der zu zwanzig Jahren verurteilt war, wußte mit Arznei gut Bescheid und that als Apotheker Dienste.

Zwei oder drei starben jede Nacht, nichts als ein schmerzliches »Ha« ausstoßend. Sie wurden sofort in einen gemeinschaftlichen Kasteneingesargtund hinausgebracht, um mit den andern, die in der Stadt starben, zusammen begraben zu werden. Die Gefangenen wußten nicht, wer oder wieviel starben oder erkrankt waren.

Einige Tage war Waffenstillstand, die heimtückische Krankheit schien des entsetzlichen Mordens müde zu sein, und wir Verschonten dankten Gott.

Und dann? Das unerbittliche tausendköpfige Ungeheuer war nicht müde, es schöpfte nur Atem, um sich gieriger als zuvor zu erheben. In Neapel, in der Anstalt neue Opfer; da verdoppelte sich die Sorgfalt und verdoppelten sich die Mittel, um den Drachen zu bekämpfen.

Verzweiflung und Entsetzen herrschten in den Herzen, die einer Dolchspitze und einer Messerschneide furchtlos entgegenblickten.

Eines Morgens fragte ich den Doktor Biondi:

»Herr Doktor, was muß man thun, um sich vor der entsetzlichen Krankheit zu bewahren?«

»Immer Wein und Liqueur trinken, nie Wasser, und im Essen und Trinken sehr mäßig sein.«

Wein und Liqueur hatte ich zu meiner Verfügung, mäßig zu sein, hing von mir selbst ab. Ich fing an, nicht wenig zu trinken, Tag und Nacht trank ich im Übermaß. Bisweilen hatte ich starkes Fieber mit heftigen Schmerzen im Unterleib und im Magen, mein Kopf schien sich umzudrehen, als ob ich im Strudel des Meeres wäre, kraftlos hielt ich mich mit Mühe auf den geschwollenen Beinen. Ich begab mich zu dem Chirurgen Herrn C… und ließ mich untersuchen.

»Sie haben ein pferdemäßiges Fieber«, rief er aus.

»Ja, ich fühle mich sehr krank und leide heftige Schmerzen im Unterleib.«

»Wie ist die Verdauung?«

»Seit vier oder fünf Tagen schlecht.«

»Und Sie haben nichts gesagt?«

»Was sollte ich … die Furcht vor der Cholera.«

»Ich kann Ihnen jetzt keine Purgiermittel geben. Gehen Sie in's Krankenhaus, wir werden sehen.«

Ich ging in's Krankenhaus, ein anderer übernahm nun meinen Posten.

Diese abgefeimte Bestie von einem Chirurgen verschrieb mir Chinin, kaum hatte ich es genommen, als sich das Fieber zum Delirium steigerte; den Abend und die Nacht erbrach ich mich unaufhörlich und litt an fortwährendenDurchfällen, so daß ich Bett, Betttuch und alles, was in meiner Nähe war, beschmutzte; vor meinem geistigen Auge erschienen Gespenster, Schatten, Gräber und Grüfte.

Am Morgen kam Dr. Biondi, der Arzt, um mich zu untersuchen.

»Cholerasymptome,« sagte er, »er muß in das Zimmer der Cholerakranken gelegt werden.«

»Ich gehe nicht,« rief ich, »ich will nicht! Genossen, ich verlasse mich auf Euch!«[38]

Borghese und einige Kalabreser und Neapolitaner waren zur Stelle.

»Zu den Cholerakranken darf er nicht kommen,« beschwor Borghese den Arzt, »sonst steht heute Abend die Anstalt in Flammen.«

»Er soll nicht!« riefen die andern.

»Wir morden die Ärzte, den Direktor und die Wache,« drohte der Genarius.

»599 soll hier bleiben und von uns bedient werden,« sagten einige Neapolitaner, »wehe dem, der ihn anrührt.«

Der Direktor kommt, und es wird entschieden, daß ich im Krankenhaus bleibe, während zwei Kalabreser mich am Tage und zwei Neapolitaner des Nachts bedienen sollen.

Der Arzt Biondi beklagte sich über den Chirurgen, weil dieser mir Chinin verschrieben hatte; er sagte, daß er mich getötet habe und befahl dem Chef der Wache, daß keiner mit mir sich abgeben solle, da ich unter seiner eigenen Behandlung stände.

Nachts wurde es schlimmer mit mir; gräßliche Gespenster, furchtbare Grüfte mit Gespenstern und Ungeheuern standen vor mir und quälten mich; ich hörte nichts mehr; ein eiserner Ring schloß meine Eingeweide ein; in Zwischenräumen litt ich an Erbrechen und Durchfällen, ich konnte mich nicht bewegen und mit vieler Anstrengung und Vorsicht mußte ein Genosse mich hin und her wenden; ich lag im Sterben.

Nach der Arznei wurde mir übel – aber was bedeutete das! Zwei Tage und zwei Nächte wußte ich nichts von mir – ich war tot!

Nach achtundvierzig Stunden heftigen Fiebers gewann ich soweit die Herrschaft über meine Sinne wieder, daß ich mir meine kritische Lage klar machen konnte.

Der Arzt kommt, er sperrt den Mund auf, sieht den Krankenwärter an und spricht mit ihm und den Gefährten, die mich bedienten; ich hörte nichts, denn ich war gänzlich taub, aber ich sah, wie der Wärter kopfnickend sein Einverständnis mit dem ausdrückte, was der Arzt sagte. Als der Arzt ging, fragte ich, was er gesagt habe. Man wollte es mir anfangs nicht sagen, bis auf mein wiederholtes Bitten einer meiner Genossen mir Folgendes aufschrieb:

»Der Doktor sagte, daß es sehr schlecht mit Ihnen steht, und daß Sie vielleicht heute Nacht sterben werden, daß der Priester gerufen werden solle, um Ihnen die letzte Tröstung der Religion zu spenden.«

Ein elektrischer Schlag hätte mich nicht so erschüttern können, wie die Worte, die ich las und die mein Todesurteil enthielten; mit übermenschlicher Kraft erhebe ich mich im Bett, die Augen weit geöffnet, die Arme mit drohend geballten Fäusten gegen ein großes Kruzifix ausgestreckt und rufe:

»Und Du, Christus, Du Gott, willst es zugeben, daß ich am Ende meiner Strafzeit sterbe, daß ich sterbe, fern von meiner Heimat, in diesen Mauern, im Kerker! daß ich an der Cholera sterbe, niedergebeugt vom Unglück, im Fieber meiner Leiden! Und Du lebst? O Gott, Gott, ist es wahr, daß Du lebst? Sagen es nicht Millionen von Schlafwandelnden? Ist nicht das Firmament das Werk Deines Willens, entzündet sich nicht der leuchtende Glanz des Tagesgestirns an Deinem Blick? Rauschen es nicht die tosenden Meere, daß Du lebst? Der thörichte Zweifler leugnet Dich mit dem Wort, aber in seiner Brust klingt es träumend:Ein Gott lebt!«

»Und Du, der Du lebst, läßt mich sterben, den letzten Schrei aus trockener Kehle ausstoßen! Nein, das wirst Du nicht, das kannst Du nicht thun! Ist es denn nicht wahr? Bist Du denn nicht der zärtliche Vater aller Deiner Geschöpfe; ist Deine Geduld nicht lang,wie die Jahrhunderte lang sind? Und Du lässest zu, daß ich sterbe? Nein, das kannst Du nicht!«

Am Abend kam der Pfarrer und fragte mich ich weiß nicht was, denn ich war taub, ich antwortete nur ja, ohne zu verstehen, was er wollte. Der Krankenwärter sagte ihm, daß ich taub sei von dem Chinin, das der Chirurg mir verordnet hatte, und daß er mir seinen Wunsch aufschreiben möge. Darauf schrieb er:

»Der Pfarrer fragt Sie, ob Sie beichten wollen in Anbetracht der großen Gefahr, in der Sie schweben.«

»Jetzt habe ich keine Lust zu beichten,« sagte ich empört; »wenn ich wieder gesund bin, dann will ich beichten.«

Ehrwürden machte ein langes Gesicht, ließ den Kopf sinken und ging ab.

Diese Nacht, diese entsetzliche Nacht, in der mein Todesurteil vollzogen werden sollte, fluchte ich unaufhörlich jenem Christus am Kreuze. Meine Genossen suchten mich zu beruhigen, aber vergebens; ich verwünschte mit lauter Stimme die Natur, die Welt und den Himmel; ich fürchtete mich zu schlafen, um vielleicht in den ewigen Schlaf hinüber zu schlummern. Im Fieber verging mir die verhängnisvolle Nacht. Am Morgen sagte der Arzt, nachdem er mich untersucht hatte:

»St. Petrus scheint Ihr Freund zu sein, er hat die Himmelsthür nicht öffnen wollen – oder vielmehr die Pforten der Hölle waren eingerostet, so daß Cerberus sie nicht öffnen konnte. Jetzt werden Sie leben, das schwöre ich bei meinem Seelenheil.«

Die Gefahr war vorüber; Christus, dem ich so glühend geflucht hatte, hatte sich meiner erbarmt und gesprochen:

»Lebe und leide!«

Ich erhielt ein Telegramm von meiner Familie, die Nachricht über mich wünschte. Der Direktor brachte es und er telegraphierte, daß ich genesen sei und demnächst selbst schreiben würde.

Infolge der sorgfältigen Pflege, die mir der treffliche Professor Biondi angedeihen ließ und der warmen Hilfe von seiten meiner Genossen, besserte sich mein Zustand bald, aber ich war taub; ich applizierte mir zwei spanische Fliegen hinter die Ohren, aber sie halfen nichts.

Ich nahm mir vor, wenn ich taub bliebe, die Bestie, den Chirurgen, zu ermorden.

Dann ließ ich mir eine Blase im Nacken ziehen, was viel Wirkung hatte, indem ich allmählich das Gehör wieder erlangte. Eine spanische Fliege legte ich auf die Schläfe, eine zweite hinter die Ohren und auf diese und andere Weise erlangte ich endlich das Gehör wieder. Ich zählte die an der Cholera Gestorbenen, es waren neunundsechszig, mit dem Söhnchen des Direktors siebenzig; der Erkrankten waren zweihundert zweiundzwanzig. Als ich ganz geheilt war, ließ ich den Direktor rufen und bat ihn, mich meiner Pflicht als Schreiber zu entbinden, und mir zu gestatten, mich in meine Zelle zurückzuziehen, da ich dringend Ruhe brauche. Ich wollte dort die Bücher aus der Bibliothek lesen und die sieben Monate, die ich noch abzumachen hatte, in Friedenverbringen. Er willigte ein und ich zog mich in eine der unteren Zellen zurück.

Die Cholera hörte auf; das tausendköpfige Ungeheuer zog weiter, und hinter sich ließ es Jammer, Trauer und Entsetzen.

In meiner Zelle waren sechs brave Genossen, fünf davon erkrankten, ich allein las und schrieb und dachte über die trüben Traumbilder des menschlichen Lebens nach.

Mir geschah etwas, das ich mitteilen möchte.

Eines Tages, gegen Abend, als meine Gefährten bereits von der Arbeit zurückgekommen waren und ich ruhig in meiner Zelle in einem Winkel lag und meine Pfeife rauche, öffnete sich die Thür mit Geräusch und ich mußte die brennende Pfeife in die Tasche verstecken.

»599,« sagt der Wächter, »geben Sie mir die Cigarre.«

»Ich habe keine Cigarre.«

»Rasch, geben Sie mir die Cigarre, Sie haben geraucht.«

»Ich habe nicht geraucht und habe keine Cigarre.«

»Sie haben geraucht, ich habe es gesehen und den Tabaksgeruch gerochen.«

»Sie irren sich.«

»Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.«

Und er kam näher um die Hand in meine Tasche zu stecken, da erhebe ich rasch die Hand und versetze ihm eine mächtige Ohrfeige.

Nach diesem niederträchtigen Streich nimmt der Wächter das Schlüsselbund und will sich auf mich stürzen, ich trete einen Schritt zurück, nehme eine Fechterstellung an und reiße die Pfeife aus der Tasche; der arme Wächter hält sie für einen Dolch, schließt die Thür, rennt den Korridor entlang und ruft um Hülfe.

Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt herbei und ich werde in eine Strafzelle geführt.

Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, fand ein förmliches Verhör statt, bei dem der Direktor als Vorsitzender, der Rechnungsführer als Ankläger und der Pfarrer als Verteidiger fungierte.

Ich werde in das Bureau des Direktors geführt, die Zeugen werden aufgerufen und leugnen, daß ich dem Wächter eine Ohrfeige gegeben und ihn mit bewaffneter Hand angegriffen habe, vielmehr habe der Wächter mich beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich werde zu vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt und in Ketten gelegt, der Wächter erhält zwei Monate Wachtdienst und sein Lohn wird für diese Zeit gespart.

Nachdem die Strafe verbüßt ist, kehre ich in meine Zelle zurück, der Wächter wird nach einer andern Strafanstalt versetzt.

Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, da werde ich vom Direktor gerufen, der sagt: »599, Sie müssen noch drei Monate verbüßen, wo wollen Sie Ihr Domizil aufschlagen?«

»In Parghelia, meinem Geburtsort.«

Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte:

»599, Sie müssen noch zwei Monate verbüßen; wenn Sie wollen, lassen Sie sich den Bart und die Haare wachsen.« Als der Tag der Freiheit sich näherte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlösser. Meine Gefährten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu veranstalten und so meine Freiheit zu feiern.

Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, daß wir uns alle in einem großen Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung. Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und aßen und tranken heiter, die Trinksprüche galten alle mir, die einen wünschen mir Glück, die andern langes Leben, und alle diese Wünsche kamen aus aufrichtigen aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen, Süßigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren. Am Abend umarmten und küßten wir uns, Thränen feuchteten mir die Wangen, während einer sagte:

»599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.«

Ein anderer:

»Werden Sie mir schreiben, um mich zu trösten?«

Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr:

»Werden wir uns wiedersehen, Genosse?«

Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des Rechnungsführers gebracht,man gab mir mein Geld und einen Brief an den Delegierten in Neapel. Ich vergaß zu erwähnen, daß ein Landsmann, der Spediteur Cosmo C… in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich nunmehr statt der Gefängnistracht anlegte.

Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und hielt mir dann eine schöne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen solle.

Ein Schutzmann erscheint, ich küsse dem braven Direktor die Hand und gehe mit dem Schutzmann eine lange Treppe hinauf, ein großes massiv eisernes Gitter öffnet sich und ich befinde mich auf der Straße. Will man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine Augen schmerzten von dem Licht, das Blut jagte in den Adern und am ganzen Körper hatte ich ein Jucken, als ob ich die Krätze hätte. Wenn man lange die Freiheit verloren hat, weiß man, wie süß sie ist.

Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register eintrug und dann sagte:

»Wann wollen Sie reisen?«

»Ich möchte einige Tage hier bleiben.«

»Schön, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren Paß und das Reisegeld ab.«

Ich suchte Leonardo und Cosmo C… auf, besuchte einige Freunde und nachdem ich mich fünf Tage vergnügt hatte, ging ich zum Delegato, der mir meinen Paß und das Reisegeld gab.

Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab und nach vierundzwanzig Stunden angestrengter Reisekam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen nach Monteleone fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, um mich nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war augenblicklich nicht zu haben.

Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschloß und die ich fragte:

»Wohin gehen Sie?«

»Nach Tropea«, antwortete einer.

»Und haben Sie einen Wagen?« fragte ich.

»Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem ich zusammen fahre; meine drei Gefährten hier fahren mit dem Lastwagen, der unser Gepäck zum Seminar bringt.«

»Dann gestatten Sie, daß ich mitfahre.«

Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit und Ort, wo wir uns treffen wollten.

»Ich möchte dem freundlichen Bischof die Hand küssen.«

»Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.«

Sie führten mich in das Haus des Apothekers Ortona, wir treten in eines der Zimmer und ich sehe den Bischof wie eine Wurst gekrümmt im Bett liegen; er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des Apothekers:

»Ich bin müde, ich habe von der Reise gelitten.«

Ich trat ans Bett und küßte ihm die Hand.

»Wo sind Sie her, braver junger Mann?« fragte er.

»Aus Tropea.«

»Und woher kommen Sie?«

»Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.«

Der Apotheker unterbrach unser Gespräch, das wer weiß was für ein Ende hätte nehmen können.

»Nun kommt mit mir zum Essen«, sagte Ortona. Die vier Seminaristen erheben sich und folgen dem Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe dem Bischof einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein großes Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen uns zu Tisch, jeder erhält eine halbe Literflasche Wein, es kommt eine Schüssel mit Käse, eine andere mit Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, trinke noch eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in einen Gasthof, um zu ruhen, denn schlafen kann ich nicht – wer aus dem Gefängnis kommt, gewöhnt sich nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit.

Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich auf dem Lastwagen ab, der mit Decken und Matratzen belegt war; als wir nach einem Ort namens Piozzi kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; ich lasse den Wagen anhalten und wir sehen, daß es Silvestro C… ist, der nach Monteleone gegangen war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen – ein nettes Vergnügen!

In Tropea verließ ich die Seminaristen und ihren Wagen und ging mit Silvestro C… in einen Gasthof. Dort fanden wir einen schurkischen Mönch, der sich unsanschloß; wir ließen uns Würstchen braten und Wein und Brot bringen und aßen und tranken zu drei.

Nachher wollte der schurkische Mönch nicht bezahlen; Silvestro C…, vom Wein umnebelt, fängt an zu lallen, der Mönch antwortet ihm ebenfalls lallend.

Silvestro C… glaubt, daß der Mönch ihn verhöhnt und fängt an zu schimpfen, auf den Mönch, die Priester, den Papst und die ganze Klerisei.

Der Mönch wird nun auch zornig und benennt C… mit häßlichen Worten, sie fassen sich an, ziehen sich hin und her und lallen.

»Za–ah–le Du!«

»Nein, za–ah–le Du!«

»Ich za–a–ah–le nicht!«

»Ich za–a–ah–le die Hä–ä–älfte!«

»Nein, Du za–a–ahlst all–les!«

»Nein, u–nd ich za–a–ahle ni–ichts!«

»Wa–arum willst Du nicht za–a–ahlen?«

»Nein – nein, es geht mich nichts a–an!«

»Dann za–ahlen wir zusa–ammen!«

»Ja, za–a–ahlen wir zusammen!«

Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.

Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.

Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den Samen der Gelehrsamkeit.

Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die Kaserne betritt.

Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mißbräuche, Quälereien und Tyrannei sind der Teil des Soldaten.

Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die Galeere.

Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister.

Der Heeresdienst ist ein Übel, das innen und außen schadet.

Willst Du verdammt sein? Werde Soldat!

Mein heißgeliebter Junge!

Für Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen Abenteuer meines Lebens, das durch vierzehn lange Jahre eines furchtbaren Geschickes und durch heftige Schmerzen und Unglücksfälle zerrissen ist. In diesen Zeilen, die von meiner heißen Liebe zu Dir diktiert sind, findest Du die traurigen Wechselfälle des menschlichen Lebens und die raschen Wandlungen dieser schmutzigen, unsauberen, bösen Welt.

Mögen Dir diese Denkwürdigkeiten als Schule auf dem schlüpfrigen Pfade in der Welt dienen, als Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als Führer in den Banden der Freundschaft, als Zügel in den maßlosen Leidenschaften, als Beruhigung im Unglück, als Ermutigung und Unterwerfung in die Schicksalsschläge des Lebens.

Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, mein geliebter Sohn, das Ergebnis meiner Leiden betrachten und mit einem Herzen voll kindlicher Liebe wirst Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel Küsse gab, wie Sterne am Himmel stehen, und der mit überströmender Liebe Deine ersten Schritte lenkte, denn Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im Unglück verbitterten Seele.

Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht durchwacht und hier, in diesen väterlichen Armen, habe ich Dich ganze Nächte lang gewiegt; ich spürte keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer müde, nimmer überdrüssig, habe ich Dich gewiegt. Ja, mein geliebter Sohn, ich war glücklich, Dich an meine Brust zu drücken, in der Stille der Nacht, wenn draußen der kalte, eisige Wind raste und an unserem Fenster rüttelte, dann war ich glücklich und zufrieden und sang Dich in den Schlaf.[39]

Parghelia, den 20. Juni 1888.

Dein zärtlicher VaterAntonino M…


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