Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie ich im ersten Teil dieser Erzählung berichtet habe, erblickte ich am 16. November 1874 die Freiheit wieder.
Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglück, Soldat[40]werden zu müssen, denn aus der Klasse 1850 wurde ich der Klasse 1855 überwiesen und auf zwölfjährige Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment eingestellt.
Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment zu kommen.
In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, Signor Pietropaolo A…, Lieutnant; diesem würdigen und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen; und er wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglück schien mir anzuhängen; diese Kompagnie war die meist gequältevom ganzen Regiment und bestand aus Leuten, die sich nicht durch gute Führung hervorthaten.
Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft hörte, kam er in mein Quartier und hielt mir eine Vorlesung über die Art und Weise, wie ich mich zu benehmenhätte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann und den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte.
Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den Säbel, die Patronentaschen und was sonst noch dazu gehört; dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf denExerzierplatz geführt, wo ein Korporal und ein Sergeant uns unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando schlecht ausführte, wurde er geschimpft und mißhandelt, und oft hörte man solche Worte:
»Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind ein Schweinehund!« und ähnliche Schmähungen. Mir stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein unwissender Vorgesetzter uns so behandeln konnte.
(Hier fehlen im Manuskript einige Blätter.)
Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und Gürtel abgelegt und suchte meine Mütze, die ich am Morgen an die Wand gehängt hatte. Inzwischen stellte sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich weiter suche, kommt der Korporal C… auf mich zu und fragt mich wütend, weshalb ich mich nicht auf meinen Platz begebe.
»Ich suche meine Mütze, die ich heute Morgen hier aufgehängt habe.«
»Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren immer etwas.«
»Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine Mütze finde ich nicht.«
»Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie Schweinehund! Was meinen Sie denn, wer Sie sind, Sie Galgenschwengel?«
Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine Kaltblütigkeit, wütend wie eine Hyäne sprang ich ihm an den Hals, gab ihm eine mächtige Ohrfeige und schüttelte ihn hin und her wie ein Rohr.
Der Korporal verliert das Gleichgewicht und fällt hin, ich werfe mich mit voller Kraft auf ihn, halte ihnan der Gurgel fest und ziehe einen Dolch aus der Tasche, um ihn zu ermorden – in diesem Augenblick stürzt sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf mich, reißen uns auseinander und ich werde in die Wachtstube geführt, wo man mich mit Schimpfreden überschüttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gefängnis zu führen.
Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; Thränen standen ihm in den Augen, er beklagte den Vorfall und sagte, daß er alles thun werde, um die Gefahr abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei Cigarren gegeben und einen zärtlichen Blick auf mich geworfen hatte.
Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch niemand; unvertraut mit den militärischen Gesetzen wußte ich nicht, was aus mir werden sollte und machte mich auf alles gefaßt. Signor Pietropaolo kam wieder und sagte lächelnd:
»Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit gesetzt werden, aber versprich mir, daß Du Dich gut führen willst.«
»Je nach den Umständen«, antworte ich.
In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird die Thür meines Gefängnisses geöffnet; ich fürchtete, daß man mir etwas böses thun werde und schickte mich an, mich zu verteidigen.
Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich folgte, er führte mich auf den Hof, eintöniges Schweigenherrschte ringsum, nur unterbrochen durch die Schritte der Schildwache; der silberne Mond stand am Himmelsbogen.
»Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen werden Sie in Freiheit gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, sich gut zu führen, dann werden Sie in drei Monaten die Korporaltressen bekommen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, dem Herrn Oberst ebenfalls meinen Dank zu sagen; wenn ich nicht gereizt worden wäre, würde ich einen solchen Schritt nicht gethan haben, aber –«
»Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. – Korporal, führen Sie den Mann ins Gefängnis.«
Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken durchzogen mein Gehirn und ungeduldig erwartete ich die Stunde meiner Befreiung.
Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Geräusch gab mir einen Stich ins Herz; aber niemand kam, auch der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es wurde Abend, endlich höre ich den Schlüssel klirren, die Thür öffnet sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt:
»Auf, M…, schnell, es geht los; alles ist bereit.«
Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener Wagen, von drei schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig scharren und wiehern; auf dem Bock sitzt ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten, zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit aufgepflanztem Bajonett, standen um den Wagen herum.
»Rasch, M…, steigen Sie ein und machen Sie sich's bequem,« sagte ein Sergeant in befehlerischem Ton.
Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward ich bestürzt und wußte nicht, was geschah; ein Sergeant ließ mich in den Wagen hinein und nahm an meiner Seite Platz, die beiden anderen Plätze nahmen zwei Korporale ein; ich sehe mich verständnislos um und frage mich, ob ich träume, ob man eine Komödie mit mir aufführen will?… Der Wagen setzt sich in Bewegung, hält an, fährt weiter, hält wieder an und rast dann im Galopp davon; neben mir und vor mir sehe ich die unbeweglichen, kalten Gesichter der Soldaten, deren Augen auf mich gerichtet sind und die schweigend die Gewehre zwischen den Knieen halten. Draußen sehe ich eine Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte.
Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, wohin man mich führt.
»Das werden Sie später sehen; wir sind jetzt am Ziel.«
»Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich würde heute früh in Freiheit gesetzt werden; wozu denn jetzt dieser Unsinn?«
»Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt,« antwortet lachend der Sergeant.
»Zum Besten gehabt!« rufe ich aus.
»Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.«
Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort schon einmal gehört habe, und ich erinnere mich, daß es der Karabiniere mir sagte, als ich in die Strafanstalt zu Neapel abgeführt wurde.
»Dies ist das zweite Mal,« denke ich, »daß man mich zum Besten hat, zum dritten Mal soll es bei Gott nicht geschehen!«
Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme fragte:
»Wer ist da?«
»Ein Gefangener wird eingeliefert,« entgegnete eine andere Stimme.
Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das ich nicht unterscheiden konnte; der Wagen setzt sich langsam in Bewegung, hält an; der Schlag wird geöffnet und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen aufgefordert.
Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gefängnis geführt, ein Sergeant trägt meinen Namen und mein Signalement in ein Register ein.
»Sie sind der thätlichen Insubordination angeklagt, begriffen?«
»Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe ich es nicht begriffen!«
»Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht,« sagte der Sergeant wütend.
Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Man führte mich in meine Zelle, ein großes Zimmer zu ebener Erde in der Festung Abasso, hier war auch das Militärgericht. In diesem Zimmer befanden sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen Waffengattungen.
Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrückt und unter Leidensgefährten war,[41]fühlte ich mich von einer schweren Last befreit, ich überblickte meine kritische Position und zermarterte mir das Gehirn, weshalb Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem nächtlichen Besuch mir gesagt haben könnten, daß ich befreit werden würde, während ich jetzt im Gegenteil geheimnisvoll ins Gefängnis gebracht wurde. Wozu diese elende Komödie. Schuftige, lügnerische Menschen, die dafür bezahlt werden, daß sie heucheln!… Wann wird man ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom Gesicht reißen können?
O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die Vergangenheit, erinnere Dich an die Seufzer und die Leiden, damit ich dereinst mit den Farben der Wahrheit das Bild meines Unglücks entwerfen und die Unwissenheit der engherzigen, selbstsüchtigen Despoten schildern kann. –
Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen Tyrannen! Verkünde, wenn Du es vermagst, die Handlungen des Autokraten, der, väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend, auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen Heerd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenkender Freiheit zu schänden, und dem Bajonett, dem Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken der Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.
Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen des Unglücks die Klagen deuten, welche in diesem Kreise ertönen, wo Leiden, Kummer, Qualen und der Wille eines gesetzlich sanktionierten Vatermörders die jugendlichen Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten reißen, um die fern weilenden Familien in Verzweiflung zu stürzen.
Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo auf, er war trostlos über mein Schicksal und sagte, daß der Oberst anfänglich die Absicht gehabt habe, mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen aber vorgezogen hätte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; er flößte mir Mut ein und sagte, daß er meine Verteidigung vor Gericht übernehmen wolle.
Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter ab; am 13. Juli 1875 sollte die Verhandlung stattfinden.
Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte mir unter Thränen mit, daß seine arme Mutter krank sei, daß er infolge dessen Urlaub genommen habe und daß statt seiner der Advokat C…, der erste in Florenz, meine Verteidigung führen werde.
Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett unter Führung eines Sergeanten brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich den AdvokatenC…, einen schönen Mann mit langem schwarzem Bart. Er trat auf mich zu und sagte:
»Mut, M…, heute werden Sie frei sein; der Vorsitzende und die Richter sind gute Freunde von mir, der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir – was brauchen Sie zu fürchten?«
»Ich, Herr Advokat, fürchte nichts, und wenn es auch sicher wäre, daß mir schweres Unglück bevorsteht, ich bin gewöhnt zu leiden, lange habe ich an den Brüsten des Unglücks gelegen; Mut glaube ich zu haben, meine Seele zittert nicht in den Zeiten des Mißgeschicks.«
»Brav, M…, heute werden wir bei mir eine Flasche trinken.«
»Wenn wir nur nicht Fiasko machen!« antwortete ich.
Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten Mal in meinem Leben; meine Personalien und Antecedentien werden verlesen; der Staatsanwalt vergleicht mich mit den Räubern Kalabriens, der Verteidiger empfiehlt mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter.
Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der sich zur Beratung zurückgezogen hat, wieder, und ich werde wegen Insubordination und thätlichen Widerstandes gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren Militärgefängnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.
Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gefängnis zurückgeführt; unterwegs treffe ich den Advokaten C…
»Nun, M…, wir müssen Berufung einlegen; das Urteil ist ungerecht, ich werde es aufheben lassen, ich werde –«
»Sachte, Herr Advokat,« unterbreche ich ihn, »kennen Sie nicht die Fabel von der Katze und der Maus?«
»Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht gethan, wir müssen appellieren.«
»Hören Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, und dann appellieren Sie, so viel Sie wollen.«
»Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen Verwandten eine arme kleine Maus hatte; diese rief: Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater hörte die sanfte Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern Mäuse das jämmerliche Rufen hörten, sagten sie: Ihr eigener Onkel läßt sie so verzweifelt schreien; wenn, was Gott verhüte, wir mit den Grausamen zusammen kämen, die wir fremd sind, würden wir sicher umgebracht werden.«
»Sie, Herr C…, haben gesagt, daß der Vorsitzende und die Richter Ihre besten Freunde, daß der Staatsanwalt ein alter Bekannter von Ihnen wäre, daß also mit Rücksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen Beamten mich freisprechen würden – nicht wahr?«
»Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt –«
»Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, also –«
»Werden wir appellieren!«
»Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; warten Sie die Moral meiner Fabel ab und dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie wollen.«
»Wenn die Richter mit Rücksicht auf Sie mir die gelinde Strafe von drei Jahren auferlegten; wenn, was Gott verhüte, der brave Herr Lieutenant Pietropaolo mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen hätte, der keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gnädigen Beamten unterhalten, was für eine Strafe würde ich dann bekommen haben? Lassen wir die Possen, Herr Advokat, mit dem Militärgericht ist nicht zu spaßen, ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist groß, aber die Schlauheit der Beamten ist größer.«
»Nein, bei allen Teufeln, wir müssen appellieren!«
»Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie wollen – ich nicht!«
Nach einigen Tagen wurde ich in das Militärgefängniß zu Savona gebracht, wo jeder Gefangene zehn Stunden täglich angestrengt arbeiten mußte. Es war dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, Schuhmacher-, Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, eine Falz- und Gummiranstalt und mehrere andere kleinere Betriebe.
Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb ich acht Monate, nähte Hosen, Jacken, Hemden, Bettwäsche und Taschentücher und verdiente täglich zwölf Centesimi.
Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate blieb und täglich fünfzehn Centesimi verdiente.
Von da kam ich in die Druckerei, einen großen langen Raum mit fünfzehn großen und zwanzig kleinenPressen, ich mußte das große Rad einer Maschine drehen und bekam täglich zwanzig Centesimi; sechs Monate blieb ich dabei und im Schweiß meines Angesichts, arbeitend wie ein Ochse am Pflug, verdiente ich mein Brot und meinen Käse; nach diesen schweren sechs Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem braven jungen Toskaner zusammen arbeitete.
Meine schwache Feder sträubt sich, all' die Leiden und Qualen und Kümmernisse aufzuzählen, die ich in diesen harten zweieinhalb Jahren erduldet habe, ein Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco Mastriani könnte hunderte von Bänden damit füllen.
Italien hatte das Unglück, seinen Herrscher Viktor Emanuel II.[42]zu verlieren, und die armen Gefangenen erlebten die Freude, daß ihnen bei der Thronbesteigung König Humbert I. sechs Monateder Strafedurch eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am 19. Januar wurde durch das Kriegsgericht meine Strafe um sechs Monate gekürzt.
Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbüßt war, verließ ich das Militärgefängniß in Savona und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt, wo sich mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um mich zwei Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren die lang entbehrte Freiheit zu genießen. Ich erreichte mein Regiment; an der Kasernenthür fragte mich der wachthabende Lieutenant:
»Kommen Sie vom Urlaub?«
»Nein«, antwortete ich, »ich komme aus dem Gefängnis zu Savona.«
»Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer Kompagnie – die wievielte ist es?«
»Die achte.«
»Korporal, führen Sie diesen Soldaten zur achten Kompagnie!«
Als der Feldwebel V… von meiner Kompagnie mich in meiner schlechten Kleidung und in dem durch die langen Leiden verursachten heruntergekommenen Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang und sagte dann, sich erhebend:
»Wie, M…, so sind Sie heruntergekommen?«
»Das Brot der Unglücklichen schmeckt bitter.«
»Wissen Sie, M…«, sagte er in mißachtendem Tone, »daß Sie sich zwei Tage versäumt haben; alle Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir erwarteten mit Ungeduld Ihre Rückkehr. Der Kommandant ist von der Verspätung unterrichtet, ich kann nichts thun, um Ihnen eine Bestrafung zu ersparen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr Kommandeur meint, daß ich gefehlt habe, so wird er mich bestrafen und ich werde meine Strafe geduldig tragen.«
Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem Obersten vorgeführt.
»Endlich!« rief dieser, als er mich sah, »endlich! Sie kommen etwas spät, zwei Tage zu spät!«
»Herr Oberst«, erwiderte ich mit unterwürfiger Stimme, »ich habe in Neapel Rast gemacht, ich war zu müde, um die Reise fortsetzen zu können.«
»So reden sich faule Zahler aus«, sagte der Schuft von Hauptmann.
»Nun«, sagte der gütige Oberst in väterlichem Tone, ohne auf die höhnische Bemerkung des Hauptmanns einzugehen, »ich verzeihe Ihnen, aber ich empfehle Ihnen, sich von heute ab gut zu führen; ich weiß es nur zu gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber wenn Sie brav sind, sollen Sie in drei Monaten die Korporaltressen haben – versprechen Sie es mir.«
»Herr Oberst, ich bin nicht gewöhnt, leicht zu versprechen, aber Ihnen verspreche ich, brav zu sein und meine Pflicht zu thun unter der Bedingung aber, daß ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und daß ich nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt werde, wie es die Korporale zu thun lieben.«
»Sehen Sie, Herr Hauptmann«, wandte sich der Oberst an meinen Vorgesetzten; »das heißt nicht kommandieren; die ganze Schuld liegt an den Unteroffizieren,das weiß ich; Sie müssen sie im Auge haben, überwachen und ermahnen. Über diesen Soldat wünsche ich täglich unterrichtet zu werden.«
Dann wendete er sich an mich.
»Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle mögliche Rücksicht finden, aber für Ihre Verspätung müssen Sie eine leichte Strafe bekommen – einstweilen haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.«
Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den Wunsch des Obersten mit, ich wollte mich gerade niedersetzen, um meiner Familie meinen neuen Aufenthaltsort zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde. Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der mir sagt:
»Der Herr Oberst hat befohlen, daß Sie in Arrest müssen.«
»Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der Herr Oberst hat mir die Verspätung verziehen.«
Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenhändigen Unterschrift des Obersten, ich lese sie und sage:
»Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.«
Der diensthabende Sergeant führte mich in strengen Arrest ab; das Arrestlokal lag neben dem für einfachen Arrest bestimmten Raum.
Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, mit Namen Alfonso S… Wir sahen uns an und verstanden uns, und unsere Augen schworen sich tötlichen Haß.
»Wie heißen Sie?« fragte der Korporal mich, während ich in dem Zimmer auf und ab ging. »Woher kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest?«
»Was wollen Sie?« antwortete ich gereizt, »sind Sie Untersuchungsrichter?«
Der Korporal S… setzte sich nachlässig auf seine Pritsche.
Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, S… erhielt auch Käse und Cigarren; er lud mich ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt ab – schließlich, um nicht unhöflich zu erscheinen, nahm ich widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem gemeinen Zwitter.
Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit diesem schweinischen Ungeheuer, zehn Nächte voll schändlichsten Schmutzes, den zu beschreiben die Feder sich sträubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot bedeckt, daß ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhüllen mochte. O Mensch, Du Ebenbild Gottes, Herrscher der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des Schönen, warum bist Du so verderbt?
Diese zehn Tage und diese zehn höllischen Nächte kann nur das rohe und schmutzige Gemüt des ausschweifendsten geilsten Lüstlings unter allen höllischen Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn es das vermöchte, so würde es erschaudern ob solcher Unflätigkeit.
……
Der Korporal S… wurde in Freiheit gesetzt, seine Strafe war abgelaufen, ich mußte noch fünf Tage im Arrest bleiben.
Endlich war auch meine Strafe verbüßt, ich wurde befreit und der achten Kompagnie wieder zugeführt; dort setzte ich die bisherige geile Freundschaft, die schändliche Buhlerei mit dem S… fort.
Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, er suchte mich auf und machte mir lebhafte Vorstellungen.
Einst als ich mich ihm gegenüber über das Soldatenleben beklagte, sagte er:
»Töte Dich!!«
Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal S… fort. Abends gingen wir zusammen spazieren, und da ich in Nocera unbekannt war, so führte S… mich; später gingen wir in eine abgelegene Schänke, tranken einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S… immer bezahlte;[43]………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………
…………………………………………………………………… Wir traten in die Grotte mit dem dicht belaubten Gesträuch, und dort, im Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im Schweigen der Natur, sündigten, sündigten wir entsetzlich![44]
Eines Tages teilte der schändliche Zwitter mir mit, daß er den Feldwebel unserer Kompagnie tötlich haßte, weil dieser, der einst sein glühender Liebhaber gewesen, ihn verlassen habe und ihn täglich tadelte und Strafen aussetzte[45]und weil er, als er befördert werden sollte, durch eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zuvierzehn Tage strengen Arrestes verurteilt worden war; infolgedessen war seine Beförderung ausgeschlossen und sein fester Entschluß war, sich zu rächen.
»Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte,« sagte er, »nachdem er mich acht Monate lang betrogen hatte, verließ er mich, er konnte mich nicht mehr sehen! Der Undankbare! Einst sagte er, daß er mich liebte, er nannte mich seine süße Alfonsine; ……………………………………………………………………[46]Er ist es gewesen, der mich durch Vorspiegelungen und Versprechungen verführt hat, ach! und wie habe ich ausgehalten; mir war als ob ich mit einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere Monate habe ich an Blutungen gelitten; der Schändliche! als er genug hatte, hat er mich verlassen!«
»Was willst Du, mein lieber S…«, sagte ich, »Du bist schön und verführerisch wie ein Weib; der Feldwebel V… hat es verstanden; nachher ist er Deiner überdrüssig geworden und hat Dich sitzen lassen.«
»Ich will mich rächen. Ich beabsichtige ihm einen anonymen Brief von Beleidigungen und Drohungen zu schreiben.«
»Nein, mein reizender S…, das geht nicht; der Feldwebel V… würde über Deine Thorheit lachen, und wenn es entdeckt wird, würdest Du strengbestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren und natürlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.«
»Und der wäre?«
»Ich meine, lieber S…, es wäre das Beste, wenn Du den Feldwebel irgendwo einmal Abends auflauertest, und ihm ein paar ordentliche Säbelhiebe über den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt würdest, was ich übrigens für sehr schwer halte, so hättest Du wenigstens die Genugthuung, daß Du ihm den Schädel oder die Knochen eingeschlagen hättest, und hättest Ersatz für Deinen ruinierten Körperteil.«
»O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder Mut noch Kraft.«
»Und Du willst Soldat sein!«
»Warum willst Du mich nicht rächen? Du weißt, wie sehr ich Dich liebe; und ich meine, es ist die Pflicht des zweiten Liebhabers, die Beleidigungen des ersten zu rächen.«[47]
»Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der Mut dazu.«
»Weißt Du, S…, Du paßtest besser ins Bordell als in die Kaserne; man sollte Dir einen Unterrock anziehen, aber nicht eine Uniform; was meinst Du dazu?«
»Du willst immer scherzen, M…; da ich mich Dir hingab, weil ich Dich liebe, meinst Du, ich könnte mich auch einem andern hingeben?«
»Und wenn Dir ein anderer besser gefällt, als ich, würdest Du ihn da nicht an meine Stelle rücken lassen?«
»Sicher!«
»Du bist wie die Königin Karoline von Neapel, die nie müde wurde, ihre Liebhaber zu wechseln.«
»Ich weiß von keiner Königin und von keiner Karoline; ich weiß nur, daß ich dem Feldwebel einen Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen will.«
»Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was ich sage und nicht was Du denkst.«
»Es ist mir unmöglich, ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihn mir abzuschütteln, als er damals bei mir war, – im Gegenteil!«
Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief zu, daß ich seinem Drängen nicht widerstehen konnte; eines Abends sagte ich zu ihm:
»Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den Brief vorschreiben, nachher kannst Du ihn abschreiben.« Er gab mir sein Notizbuch und ich schrieb:
»Denke an den 23ten!!!«
Am 23ten war S… in Folge der falschen Anzeige des V… mit strengem Arrest bestraft worden.
Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner Hand geschriebenen Zeilen und sagte:
»Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!«
»Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich verdient!«
»M…, ich lasse mich nicht beleidigen!«
»Na, nachher werde ich es wieder gut machen.«[48]
»Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand machen …«
»Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, wie der Feldwebel.«
»Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. Nein, ich liebe Dich, ich liebe Dich…, rasch M…, einen Kuß!«
»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen …«
»Und zitternd küßte er mich auf die Lippen …«
»Weißt Du, mein liebes Milchgesicht,« und mit der Hand streichelte ich ihm das Kinn und die purpurnen Lippen, »die eine Zeile sagt soviel wie zwei ganze Seiten.«
Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte und besiegelten den Brief an den Feldwebel V… auf unsere Weise.
Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen Leiden ergriffen, ich stellte mich dem Stabsarzt vor, der mich auf die Krankenstation brachte, die sich in derselben Kaserne befand. Nach fünf Tagen fühlte ich heftige Schmerzen und das Übel griff weiter um sich.
Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant mit zwei bewaffneten Soldaten zu mir, auf Befehl des Obersten wurde ich ins Gefängnis gebracht, in denselben Raum, wo der schändliche S… mich zur Sünde verleitete.
Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, der möge meinen Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, ich raufte mir die Haare, biß mir in die Hände, rannte mit dem Kopf gegen die Wände; wenn mich jemand gesehen hätte, er hätte mich für verrückt gehalten – so verbrachte ich den Tag und sah niemand als den Sergeant, der mir meine Suppe und Wasser brachte.
Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten Pritsche zubrachte; meine Schmerzen nahmen zu, und mir war, als ob der kranke Körperteil von tausend Nadeln durchbohrt würde.
In meiner Kompagnie war ein Landsmann von mir, Namens Antonio P…, genannt Catanzaro, der noch am Leben ist und die Wahrheit meiner Erzählung bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu sprechen und zu erfahren, weshalb man mich ins Gefängnis gebracht hatte, aber es war vergebens.
So vergingen drei Tage und drei Nächte in grausamen Qualen, endlich am vierten Tage öffnet sich die Thür, S… tritt lächelnd und heiter ein, die Thür schließt sich und S… bleibt als Gefangener bei mir. Ich fragte ihn:
»Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin?«
»Der Soldat Gir… hat Dich verraten, er hat dem Oberst unser Verhältnis mitgeteilt und wir kommen zur Strafkompagnie; aber Gir… ist nicht hier, er hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie kommen, das thut nichts.«
Wer mich liest, möge ermessen, von welchen Gedanken blutiger Rache gegen den Gir… ich erfüllt war.[49]Bald darauf wird S… abgerufen, ich bin wieder allein, in der finsteren Ungewißheit über meine Lage. Ich lasse mir den Arzt kommen, er untersucht mich kaum und verspottet mich; mit Wut im Herzen lege ich mich auf meine Pritsche.
Am Abend läßt man mich heraus, um Luft zu schöpfen; ich komme mit den andern Soldaten zusammen, die im einfachen Arrest sind; ich suche mit dem Blick, um Gir… zu finden, mit blutrünstigen Augen sah ich ihn an, wie ein hungriger Löwe seine Beute, ehe er sie im Rachen hat.
Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter einem Schutzdach, nahe dem Gefängnis, ich spähe in das Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann Antonio P…, genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, und flüstere ihm zu:
»Kannst Du mir ein scharfes Messer geben?«
Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes Messer heraus und sagt:
»Da, mach' es nicht stumpf!«
Mit diesem alten Messer, ohne Schärfe und Spitze gehe ich in meine Zelle zurück, um es zu prüfen, ich finde es für meine Zwecke unbrauchbar, aber ich denke: du wirst es versuchen, und wenn es glückt, bist du gerächt und die verwünschte Dienstzeit hat ein für alle Mal ein Ende.
Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte den Gir…, ich näherte mich ihm, er suchte mir zu entfliehen und behielt mich im Auge; mehr und mehr überzeugte ich mich, daß er die Ursache meiner Leiden sei, mit einem Sprunge war ich bei ihm, faßte ihn an der Brust und rief:
»Elender, so rächt sich Deine Schändlichkeit!«
Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell mehrere Male durchs Gesicht und stieß es ihm in die Kehle, dann klappt das Messer zu und schneidet mir zwei Finger entzwei; ich muß meine Beute loslassen, aber verfolge sie wütend in den Hof, jedoch vergebens: die Schildwache ruft »Heraus!«, die wachthabenden Soldaten eilen herbei, das Gewehr in der Hand, der Lieutenant mit gezogenem Säbel ruft:
»Halt, M…, halt, oder ich lasse schießen!«
Wütend wie eine Hyäne, der man ihr Opfer entrissen, entblöße ich meine Brust, wende mich um und brülle, während der Schaum mir vorm Munde steht:
»Hier ist meine Brust, lassen Sie schießen, aber rasch, ich sterbe gern, wenn ich unter der Knechtschaft der Tyrannen leben muß.«[50]
Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten:
»M…, kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre Zelle, niemand soll Ihnen ein Haar krümmen, ich schwöre es bei meinen Tressen.«
Durch diese Worte beruhigt ging ich zurück, die Thür meiner Zelle schloß sich hinter mir und ich blieb allein mit meinen trüben Gedanken. Mein erster Gedanke war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, um den, der es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich sehe mich um und suche, aber finde keinen geeigneten Ort; es aus dem Fenster werfen, hieße es den Vorgesetzten direkt in die Hände liefern, denn das Fenster ging auf den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles Gesetz des Zufalls, Gottes oder des höllischen Teufels: die Heißblütigen und Kopflosen werden gewöhnlich vom Zufall in ihren Gefahren, ihrem Mißgeschick begünstigt. So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter meiner Thür, die eine Art Doppelthür war, zu bringen und so dascorpus delictizu entfernen.
Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, ich wurde an Händen und Füßen gefesselt und mit Schmähreden überhäuft, von denen mir nur eine zu Gemüt ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide auf den Arm und sagte:
»Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich Dich durchbohrt.«
»Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen Säbel noch nicht durchbohrt und werden auch schwerlich dazu kommen«, erwiderte ich rasch.
»Mörder, Lump!« rief er zornig und gab mir eine Ohrfeige.
»Pfui, Elender«, zischte ich, »Elender, einen gefesselten Menschen zu ohrfeigen!« Und ich fuhr in die Höhe, um ihn zu beißen.
Die ganze Nacht saß ich gefesselt auf meiner Pritsche, meine Schmerzen waren furchtbar, unerhört; aber sie drückten mich nicht nieder – ich dachte an die Ohrfeige und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir wieder zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubeißen.
Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach dem Hof gebracht, das ganze Regiment war aufgestellt, ein Dienstwagen mit einem kräftigen Maultier bespannt, stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen setzt sich in Bewegung, er hält an; die vier Sergeanten nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt sich von neuem in Bewegung und führt einen Halbkreis im Hof; ich wende mich den schweigenden Truppen zu und grüßekalt und lächelnd mit der Hand und ein Ausruf erscholl aus allen Kehlen, ein Ausruf der Bewunderung.[51]
Der Wagen verließ die Kaserne in Begleitung der bewaffneten Soldaten. Nach zwei Stunden kamen wir in Cava dei Tirreni an, wo das Militärlazarett war; hier wurde ich in die Kleiderkammer geführt, ein Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, mich auszuziehen.
Während ich das that, näherte sich einer der Sergeanten, die mich eskortiert hatten, und flüsterte seinen Kameraden einige Worte ins Ohr.
»Herr Sergeant«, sagte ich, »es ist überflüssig, daß mein Sergeant mich Ihnen empfiehlt. Ich bin ein schlechter Soldat, ich komme vors Kriegsgericht, und wenn es mir glücken sollte, auszureißen, so würde ich nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich im Auge.«
Alle lachten und ich lachte mit.
Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher Leinwand, ein Paar wollene Hosen an, die mit Flicken aller Art, in allen Farben, bedeckt waren, außerdem waren sie zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich krempelte sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog ich ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepaßt hätten, sowie ein Rock, der mir bis auf die Fersen hing und mit Blut und Eiter befleckt war, so daß mir übel wurde; auf den Kopf stülpe ich mir eine Mütze, die bis überdie Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den beiden Sergeanten vor:
»Nun, was meinen Sie, könnte ich nicht auf der Bühne auftreten? Das wäre zu nett! Wenn Sie erlauben, würde ich als wandernder Mime gleich losziehen.«
Und ich trällerte ein Liedchen; beide lachten aus vollem Halse.
Ein Sanitätskorporal führte mich in meine neue Wohnung. Es war eine Zelle, die etwas länger war als mein Bett, ein kleines Fenster mit Gitter und einem Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein anderes großes breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, eine hölzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein ebensolcher Becher und ein Holzsessel machten das bescheidene Mobiliar aus.
Am folgenden Morgen höre ich einen neapolitanischen Gruß sagen, die Thür meiner Zelle öffnet sich und herein tritt ein Stabsarzt mit einem Sergeanten, man reißt mir die Bettdecke weg, der Arzt befühlt und besieht mich und sagt dann:
»Hier müssen wir schneiden, ein Stück abschneiden!«
»Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie?« rief ich aus, »schneiden Sie mir lieber den Kopf ab.«
»Haben Sie den Dreck so lieb?«
»Er ist mein Abgott, und das Entzücken meiner armen Nerven.«
Lachend und trällernd ging er ab, die Thür wird geschlossen und ich bleibe allein. Der Stabsarzt warein Dreißiger, heiter und sorglos, er scherzte gern mit mir und oft sagte er:
»Sie haben eine gute Natur, ein fröhliches und starkes Gemüt; wenn ich in Ihrer Haut steckte, würde ich keine vierundzwanzig Stunden leben.«
Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen und brachte mir etwas Salbe auf Papier, etwas gelbes Wasser in einem Becher, meine Suppe und mein Brot.
»Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn etwas passiert, rufen Sie nur aus dem Fenster.«
Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen konnte, mußte ich mich selbst besorgen. Ich kletterte aus dem Bett und kroch auf der Erde zu dem Kübel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu kurieren! Wenn mir dann oft die Kräfte zu erlahmen schienen, dann sagte ich mir oft:
Mut, M…, Mut! Auch dieses Drama wird sein Ende haben; und ich lachte, ich lachte wie ein Wahnsinniger.
Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unnützes Zeug zu erzählen, komme ich zum Nötigsten.
Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt hatte und im Begriff war, einzuschlafen, höre ich, wie an mein Fenster geklopft wird, ich öffne die Augen und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich erhebe mich von meiner Pritsche und klettere, mir die Schmerzen verbeißend, auf die Bank, die unter dem Fenster steht, und was erblicke ich? Ein reizendes jungesMädchen, siebenzehn Jahre alt, schön wie eine Madonna, mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar in Zöpfen gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes Tuch bedeckt, die Stirn marmorweiß und keusch.
»Was wünschen Sie, mein liebes Fräulein?« fragte ich.
Und sie sagte:
»Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, ich habe Mitleid mit den Soldaten; ich habe einen Bruder bei der Kapelle des 90. Regiments. Wenn Sie wüßten, wie ich Sie beklage … haben Sie eine Mutter, einen Vater?… woher sind Sie?«
»Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot … ich bin aus Kalabrien und sehr unglücklich.«
»O Sie Armer!« beklagte mich das reizende Geschöpf. »Verwaist! Fern von der Heimat im Gefängnis eingeschlossen, ohne Hülfe, von allen verlassen« – sie weinte heiße Thränen – »aber wissen Sie, verlieren Sie das Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt für uns Unglücklichen und er verläßt uns nicht, wenn wir auf ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen Sie, Bruder, und erlauben Sie, daß ich Sie von jetzt ab mit diesem süßen Namen nenne; was haben Sie begangen und wie lange müssen Sie hier bleiben?«
»Ich weiß nicht, weswegen ich hier bin, aber ich glaube, ich werde hier zwei Monate lang bleiben müssen.«
»Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber ich werde Sie zu trösten versuchen, und Ihnen Gesellschaft leisten, ich werde meinen Papa und meine Mamamitbringen; ich werde Gott für Sie bitten so lange, bis ich das Glück habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen jetzt etwas fehlt, so öffnen Sie Ihr zerrissenes Herz Ihrer armen Schwester.«
»Ich möchte ein Licht und Streichhölzer haben, weil man mich Abends im Dunkeln läßt, sowie etwas Papier, eine Feder und Halter, um meiner Familie zu schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.«
»Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.«
Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, Käse, Pasteten, Wein, zwei Cigarren und ich weiß nicht was sonst noch.
Ich öffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich, geduldig und mutig im Unglück zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort, schmerzerfüllt über mein Mißgeschick.
Ich schrieb mehrere Male an denEhrenmann, meinen Bruder, und bat ihn, mir für meine dringendsten Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen ließ, empfing ich keine Antwort.
Traurig und träge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu, immer war ich allein,immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust.
Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, daß sie mir eine Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten möchten – sie antworteten:
»Wir können es nicht!«
Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, täglich mehrere Male Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles was ich wünschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt:
»Mein lieber Bruder!Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke ich durch meinen Bruder.Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut dazu, das persönlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen.Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer haben werde, daher rührt, daß ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von allen verlassensind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden meines Vaters, daß mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner, schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen Absichten hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein.Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch? Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen lindern möge, und mein armes Herz sagt mir, daß Sie bald in Freiheit sein werden. Und beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm Heiland; beten Sie auch für mich.Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergänglich, alles ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken Sie oft an Ihre arme SchwesterTeresina M…«Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.
»Mein lieber Bruder!
Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke ich durch meinen Bruder.
Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut dazu, das persönlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen.
Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer haben werde, daher rührt, daß ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von allen verlassensind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden meines Vaters, daß mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner, schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen Absichten hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein.
Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch? Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.
Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen lindern möge, und mein armes Herz sagt mir, daß Sie bald in Freiheit sein werden. Und beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm Heiland; beten Sie auch für mich.
Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergänglich, alles ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.
Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken Sie oft an Ihre arme Schwester
Teresina M…«
Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.
Meine Antwort:
Aus dem Militärlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878.»Meine zärtliche Schwester!Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll; der Dank allein kann mich nicht entlasten für die innere Zuneigung, die Sie mir so edelmütig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und verehren können. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe und reine Gefühle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu töten, Sie, die Sie die Schönheit der Engel tragen, haben mir mein armes Herz wieder geöffnet für die Schönheit des Schöpfers; Ihre silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts zurückgerufen und mich ermahnt, mein Mißgeschick zu tragen und zu überwinden.Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute vergelten?Ich werde unaufhörlich zu Gott beten, im Unglück und im Wohlleben, daß er Sie beschützt und Sie erhält zum Wohle der Unglücklichen und Leidenden.Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem Trübsinn entreißt.Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und erwarte Sie, bei jedem Geräusch erbebt mein Herz, das Sie so zärtlich liebt.Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, die mir ewig unvergeßlich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu trösten, empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nichtIhren Sie liebendenAntonino M…«
Aus dem Militärlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878.
»Meine zärtliche Schwester!
Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll; der Dank allein kann mich nicht entlasten für die innere Zuneigung, die Sie mir so edelmütig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und verehren können. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe und reine Gefühle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu töten, Sie, die Sie die Schönheit der Engel tragen, haben mir mein armes Herz wieder geöffnet für die Schönheit des Schöpfers; Ihre silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts zurückgerufen und mich ermahnt, mein Mißgeschick zu tragen und zu überwinden.
Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute vergelten?
Ich werde unaufhörlich zu Gott beten, im Unglück und im Wohlleben, daß er Sie beschützt und Sie erhält zum Wohle der Unglücklichen und Leidenden.
Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem Trübsinn entreißt.
Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und erwarte Sie, bei jedem Geräusch erbebt mein Herz, das Sie so zärtlich liebt.
Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, die mir ewig unvergeßlich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu trösten, empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nicht
Ihren Sie liebendenAntonino M…«
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
»Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will Sie sprechen.«
Ich sollte mich »fein machen!« Seit zwei Monaten hatte ich weder die Bett- noch andere Wäsche gewechselt, zwei Monate lang hatte ich mir nicht Gesicht und Hände gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp zugemessen, daß es kaum genügte, den Durst zu löschen. Ich war voll vonLäusen, von Läusen jeder Art und Größe; das Bett, die Zelle, meine Kleider, meine Person wimmelten davon; mein Haar war lang und struppig, der Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus wie ein Wilder.
Zwei Karabinieri führten mich zum Auditeur; als wir allein waren, mußte ich mich setzen, und er fragte mich:
»Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind?«
»Weil ich den Soldaten Gir… verwundet habe.«
»Nein, hier handelt es sich nicht um Körperverletzung, sondern um einen anonymen Brief.«
»Davon weiß ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen Brief geschrieben.«
Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische lag und holte einen Brief heraus, den er mir überreichte.
Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:
»Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.«
»Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.«
Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift:
»An den Herrn Feldwebel V… von der 8. Kompagnie 20. Infanterie-RegimentsNocera.«
»An den Herrn Feldwebel V… von der 8. Kompagnie 20. Infanterie-Regiments
Nocera.«
Der Leser möge ermessen, was in diesem Augenblick in meinem Herzen vorging und welchen Entschluß ich faßte.
»Nun?« fragte ich.
»Nun, können Sie mir sagen, was diese Worte bedeuten, worauf die Zahl 23 anspielt? Der Korporal S… hat den Brief Ihrem Obersten überreicht und erklärt, daß Sie ihm denselben gegeben hätten, damit er ihn zur Post besorgen solle.«
»Herr Auditeur, ich erkläre, daß das eine Unwahrheit ist; das ist nicht meine Handschrift, und wenn ich den Brief doch geschrieben hätte, wozu hätte ich ihn dann dem Korporal S… zur Besorgung übergeben? Konnte ich nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten Blick muß doch klar werden, daß hier ein Geheimnis, eine Schändlichkeit zu Grunde liegt!«
Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll und ließ mich zum Vergleich mit der Handschrift desBriefes einige Zeilen schreiben; ich unterschrieb das Protokoll und wurde in meine Zelle zurückgeführt. Was ich in diesen Tagen dachte, weiß nur Gott allein, ich war in eine Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht befreien konnte, ich zermarterte mein Hirn, um den Schlüssel des Geheimnisses zu finden, aber vergebens, und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses rätselhaften Dramas ab.
Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, daß die Läuse mich beinahe lebendig auffräßen und entsetzt ordnete dieser verweichlichte Feigling an, daß ich gewaschen und umgekleidet würde. Ich bekam ein reines Bett, man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man wusch und striegelte mich, wie in der Strafanstalt zu Neapel und gab mir saubere Kleidung.
Meine Teresina verließ mich nicht, lange Stunden saß sie unter meinem Fensterchen und tröstete mich mit ihren Ermahnungen und sanften Ratschlägen. Gott segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der edelmütigen Seele.
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
»M…, nachher werden Sie den Besuch des Herrn Generals bekommen, ich empfehle Ihnen, sich anständig zu betragen und nicht soviel zu sprechen.«
»Gut«, sagte ich, »schon lange wollte ich eins von diesen großen Tieren sehen, endlich ist die Stunde gekommen, und besser spät als nie, sagt ein altes Sprichwort.« Am Mittag hörte ich Geräusch und Stimmengewirr auf dem Korridor, die Thür öffnet sich und eingroßer Mensch in Generalsuniform mit dem Obersten und verschiedenen Ärzten des Lazaretts tritt herein, während andere draußen warten.
»Wie heißen Sie?« fragte der General mit grober rauher Stimme, indem er mich vom Kopf bis zum Fuß musterte.
»M…, Antonino M… vom 70. Infanterieregiment, zur Zeit hier im Lazarett in Behandlung.«
»Weswegen sind Sie angeklagt?«
»Ich weiß es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, und ungerechter Weise büße ich in dieser schmutzigen Zelle, von Guten und Bösen verlassen, von Gelehrten und Unwissenden verworfen, von Mächtigen und Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven gequält, von …«[52]
»Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, was Sie gefragt werden.«
»Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, es sei meine Pflicht, mit klaren Worten zu antworten.«
»Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, was ich sage, und sonst nichts. – Wie geht es Ihnen hier?«
»Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in diesem Jammerloch, von Gott und allen Heiligen verlassen;zwei Monate lang atme ich diese üblen Dünste, die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige Stunde frische Luft zu gestatten – er hat es nicht gewährt. Tage lang wurde mein armer Körper von Ungeziefer gereizt, ich war voll, übervoll von Läusen.«
»Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem Vorgesetzten; ich werde Sie in Eisen legen lassen!«
»O, Herr, hören Sie mich an, erfüllen Sie meine einzige Bitte; ich flehe Sie an, gewähren Sie mir eine einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf dem Hof!«
»Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich kann es nicht erlauben.«
»O dann, Herr«, rief ich wütend, »dann lassen Sie mich lieber niederschießen, anstatt mich langsam hinzumorden; machen Sie ein Ende mit dieser verfluchten Dienstzeit!«
Fluchend gingen sie fort, die Thür fiel krachend in's Schloß.
Als ich allein war, erfaßten mich die Furien der Hölle, ich war entschlossen mich zu töten und hätte mich nicht die Stimme meiner Teresina an's Fenster gerufen, wer weiß, welche Schandthat ich befangen hätte!
Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht und die Thür wurde aufgelassen; ich aß die Suppe und überlegte, endlich stand ich auf und ging hinaus und setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof.
Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt mich an.
So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die Absicht gefaßt, einen Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer war von innen nur mannshoch – wie sie von außen war, das wußte ich nicht, aber wenn ich auch fürchten mußte, mir Hals und Beine zu brechen, ich war entschlossen, einen Versuch zu machen.
Am Morgen, nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, kam mein Arzt und teilte mir mit, daß ich in das Krankenhaus des Zivilgefängnisses zu Salerno überführt werden würde.
Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank sei, aber er sagte, daß mir ein Wagen gestellt werden würde.
Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich an, zwei Karabinieri begleiteten mich zur Polizeistation; dort stand ein offener Wagen bereit, und daneben zwei andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den Dreißigern, das ich für eineProstituiertehielt, worin ich mich nicht täuschte.
Die Karabinieri ließen das Frauenzimmer einsteigen und wollten mich auf den Bock schieben.
Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, daß der Wagen für mich und nicht für sie und ihre Dirne sei und nach langem Hin- und Herstreiten, wobei der Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnürte, daß mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, wurde mir endlich der Platz neben dem Weibe eingeräumt.
Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno an. Als wir in die Stadt einfahren, laufen die Einwohner aus den Schenken heraus und treten an die Fenster und schreien:
»Seht den Soldaten, mit dem schönen Fräulein ist er ausgerückt, aber sie haben ihn gefaßt!« Und Lachen, Spotten und Pfeifen tönt hinter mir her.
Ich werde zum Kriegsgericht abgeführt, ein Karabiniere meldet mich dem Staatsanwalt, ich werde hereingerufen und wen erblicke ich! Den Staatsanwalt Herrn T…, denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft vertrat, wo ich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Er sieht mich an und lacht, dann sagt er:
»Das ist das zweite Mal, daß Sie vor mir erscheinen, Sie scheinen Pech zu haben.«
»Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das Geschick des Menschen ist unbegreiflich, das Unglück verfolgt mich – und sehen Sie, Herr Staatsanwalt, wie eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnürt haben, meine Hände sind ganz geschwollen, ist das nicht unrecht?«
»Lassen Sie sehen«, und er nahm meine Hand, »nein, sie sind gar nicht eng, im Gegenteil, sie scheinen zu weit zu sein.«
»Ich danke Ihnen für Ihre Versicherung; das Lamm, das sich mit dem Wolf einläßt, geht seinem Tode entgegen. Es scheint mein Verhängnis, daß mir alles in die Quere geht.«
Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri lachen mit, und, um ihnen einen Gefallen zu thun, lache auch ich, aber es war ein böses giftiges Lachen.
Er stellt mir den Schein für das Gefängnis aus, dann sagt er:
»Seien Sie vernünftig, M…, Sie scheinen unter keinem guten Stern geboren zu sein.«
Ich wurde in das Zivilgefängnis eingeliefert, weil es in Salerno kein Militärgefängnis giebt und ich fühlte mich glücklich, weil es mich an die alten Zeiten erinnerte, wo ich noch nicht Soldat war.
Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger vorgestellt, einem jungen zwanzigjährigen Mann, der die Advokatenkarrière macht, er empfing mich freundlich und ich erzählte ihm alle Einzelheiten meines Verhältnisses zu dem elenden Korporal S… und alles, was ich von dem anonymen Brief wußte. Er machte mir gute Hoffnungen und ging.
Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene Teresina M… mir entgegengebracht hatte, und es zerriß mir das Herz, wenn ich dachte, daß ich das Lazarett hatte verlassen müssen, ohne sie noch einmal sehen und ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu können; ich hatte ihr noch einmal danken wollen und daher schrieb ich ihr folgenden Brief:
»Meine liebe Schwester!Meine Seele ist von Qualen zerrissen, während ich Ihnen schreibe, um Ihnen mitzuteilen, daß ich ohne jedesVorwissen in dieses Gefängnis gebracht worden bin, so daß ich keine Zeit mehr hatte, Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jünglings, muß ich hier dulden, aber ich vertraue auf die göttliche Gerechtigkeit, wie Sie es mir geraten haben und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.Sobald ich weiß, was aus meinem Prozeß geworden ist, werde ich Sie benachrichtigen.Empfangen Sie meinen Gruß und vergessen Sie nicht Ihren unglücklichen Sie liebenden BruderAntonino M…«Aus dem Gerichtsgefängnis zu Salerno, 20. Juni 78.
»Meine liebe Schwester!
Meine Seele ist von Qualen zerrissen, während ich Ihnen schreibe, um Ihnen mitzuteilen, daß ich ohne jedesVorwissen in dieses Gefängnis gebracht worden bin, so daß ich keine Zeit mehr hatte, Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jünglings, muß ich hier dulden, aber ich vertraue auf die göttliche Gerechtigkeit, wie Sie es mir geraten haben und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.
Sobald ich weiß, was aus meinem Prozeß geworden ist, werde ich Sie benachrichtigen.
Empfangen Sie meinen Gruß und vergessen Sie nicht Ihren unglücklichen Sie liebenden Bruder
Antonino M…«
Aus dem Gerichtsgefängnis zu Salerno, 20. Juni 78.
Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten mir die zwanzig Centesimi, um ihn zu frankieren, ich wandte mich an einen Kranken, um sie mir zu leihen, und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief zur Post und wartete angstvoll auf Antwort, aber meine Hoffnungen wurden getäuscht.
Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und ihn um Unterstützung zu bitten; ich schilderte ihm meine kritische Lage und meinen traurigen Zustand; nach einigen Tagen empfing ich folgenden liebenswürdigen Brief, der seiner Dummheit ganz würdig war.
»Lieber Bruder!Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist Du selbst schuld und wer an seinem Übel schuld ist, der muß sich selbst beklagen.Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie entehrt, so daß ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu gehen. Der Lieutenant P… war hier auf Urlaub und erzählte schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, daß wir alle uns nicht auf der Straße zeigen mögen – und das alles um Deinetwillen.Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunächst, wenn ich etwas hätte, würde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht und wir haben Dir früher viel Geld nach dem Gefängnis geschickt; zweitens aber sind wir hier im größten Elend, meine Kinder gehen nackt und bloß und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben – was soll ich Dir da schicken? Freue Dich, daß Du täglich Deine Suppe und Dein Brot umsonst hast.Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit Dir zu thun; wir klagen über unser Unglück wie Du über Deines.Dein BruderMichele M…«Parghelia, den 3. Juli 1878.
»Lieber Bruder!
Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist Du selbst schuld und wer an seinem Übel schuld ist, der muß sich selbst beklagen.
Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie entehrt, so daß ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu gehen. Der Lieutenant P… war hier auf Urlaub und erzählte schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, daß wir alle uns nicht auf der Straße zeigen mögen – und das alles um Deinetwillen.
Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunächst, wenn ich etwas hätte, würde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht und wir haben Dir früher viel Geld nach dem Gefängnis geschickt; zweitens aber sind wir hier im größten Elend, meine Kinder gehen nackt und bloß und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben – was soll ich Dir da schicken? Freue Dich, daß Du täglich Deine Suppe und Dein Brot umsonst hast.
Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit Dir zu thun; wir klagen über unser Unglück wie Du über Deines.
Dein BruderMichele M…«
Parghelia, den 3. Juli 1878.
Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser Dummkopf, der Gatte der Donna Michela, genannt die …-Sau, entworfen und geschrieben hatte.
Wer ihn kennt, der möge sagen, wie ich ihn schildern soll, diesen dummen Schweinehund. Meine Landsleute kennen ihn und bezeichnen ihn als dreckig, falsch, engherzig, bösartig, als einen Schwindler, einen Dummkopf, einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert Grad unter dem säuischsten und schmutzigsten Vieh auf Erden steht.
Er sagt, daß er mir ins Gefängnis so viel Geld geschickt hat, und ich behaupte und stelle unter Beweis, daß ich während meiner langen dreizehnjährigen Leidenszeit, die ich zum größten Teil wegen seiner Dummheit erdulden mußte, wie ich es in meinem »Ersten Unglück« gezeigt habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als zwölf Lire monatlich bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, das letzte meiner Pein, schickte er mir dreißig Lire, weil der Elende wußte, daß ich bald zurückkehren würde.
Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir monatlich die gottgesegneten zwölf Lire schickte, hat er das von seinem Vermögen? Hat mein unglücklicher Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine Söhne Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine ganzen Hosen auf dem Leibe hat, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann, ist das auch meine Schuld?
Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, Euch rufe ich als unparteiische Richter an.
Der dreckige Brief ärgerte mich nicht wenig und ich nahm mir vor, nicht mehr zu schreiben.
Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, welche mich als den Verfasser des anonymen Briefes erklärte.
Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, zwei Karabinieri führten mich zum Gerichtssaal, ich nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger Verteidiger war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt Herr di Leo, der erste von Salerno.
Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz ein, die Akten wurden gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, der Staatsanwalt T… war zur Stelle, mit seiner großen schwarzen Toga angethan, und ließ mich nicht aus den Augen.
Nach den gewöhnlichen Formalitäten fragte mich der Präsident:
»Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? Ist es wahr, daß Sie dem Korporal S… einen Brief zur Besorgung übergeben haben?«
»Großmütiger Herr Richter«, antwortete ich, »von dem Verbrechen, dessen man mich anklagt, weiß ich nichts. Es ist unwahr, daß ich dem S… einen Brief zur Besorgung übergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung und eine Sünde und Schande; ich schwöre es vor Gott und vor den Menschen. Ich könnte mich leicht vor diesem S… schützen, aber ich will von Dingen nicht reden, die eine so gebildete Zuhörerschaft entsetzen würde; ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.«
»Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie als hervorragende Militärs und gelehrte Juristen werden einen Unschuldigen nicht wegen der niederträchtigen Verdächtigung eines Schurken verurteilen wollen, der nicht wert ist, daß er zur menschlichen Gesellschaft zählt.«