Neunzehntes Kapitel.
Trägen Ganges glitten inhaltleere Tage am Falkenstein vorüber; keiner brachte den entflohenen Gast zurück, aber jeder belud das Herz der Gräfin mit schwererem Leid. Nirgend hatte sie Ruhe, durchirrte die Treppen und Flure des Schlosses, horchte auf jedes Geräusch draußen, auf jeden Hufschlag im Burghof, und jeden ihr zufällig Begegnenden, Mann wie Magd, sah sie erwartungsvoll an, ob er ihr nicht melden wollte: der Ritter von Repgow ist wieder da. Auch von ihm selber kam keine Botschaft, keine Entschuldigung seines langen Fernbleibens; er hatte die hier um ihn Trauernde vergessen.
Ihr Andenken aus seiner Seele verbannt, ihre Liebe von ihm verschmäht, ihr ganzes Dasein vor ihm versunken wie ein in bodenlose Tiefe geschleuderter Stein, das war mehr als Gerlinde zu tragen vermochte.
»Gott im Himmel, gib ihn mir wieder!« betete sie mit gerungenen Händen. »Ich gelobe, mich seinen strengsten Befehlen zu unterwerfen; kein Wort, kein Blick und kein Seufzer soll ihm fürderhin etwas von der verzehrenden Glut ungestillter Sehnsucht verraten, an der ich ohne ihn elend zugrunde gehe.«
Ach, sie wußte wohl, daß Gebet und Gelübde umsonstwaren; ihr blieb kein Schimmer von Hoffnung auf sein Wiederkommen.
Schon mehrmals hatte sich ihr in der Abenddämmerung ihres einsamen Zimmers ein aus dem Dunkel heranschleichendes Gespenst genaht, dessen Geisterhauch sie mit kaltem Schauder spürte. Anfangs hatte sie die Kraft besessen, den Dämon mit frommer Entrüstung von sich zu weisen, doch er kehrte wieder, wich und wankte nicht und hängte sich an sie wie ihr Schatten. Sie gewöhnte sich an ihn, befreundete sich mit ihm, und bald erschien er ihr nicht mehr als Dämon, sondern als ein Erlöser aus folternden Qualen. Es war der Gedanke, aus dem Leben zu scheiden, da Eike von ihr geschieden war, und endlich reifte der Plan zum Entschluß, über dessen Ausführung in einer unentdeckbaren Weise sie nun ernstlich nachsann.
Ein Dolchstoß ins Herz würde sich als eigene Tat offenbaren und schonungslose Fragen nach dem Beweggrunde zur Folge haben. Es gab steil abfallende Felsen hier in der Umgegend, und ein Fehltritt würde den Absturz erklären, aber das war ihr nicht sicher genug; dabei könnte sie sich, statt die Vernichtung zu finden, vielleicht nur eine mäßige Verletzung zuziehen, mit der ihr nicht gedient war. Sie dachte an die ägyptische Königin Kleopatra, die sich eine Schlange an den Busen setzte, aber die Schlangen waren ihr ein zu widerwärtiges Gezücht, und es gab ja noch andere Gifte als Schlangengift. Ha! jetzt hatte sies.
Großmutter Suffie, die das Gras wachsen hörte, die Sprache der Vögel verstand, die Säfte aller Pflanzen kannte und damit Menschen gesund und krank machen konnte, die sollte ihr raten und helfen. Ohne Säumen trat sie den Weg zur Talmühle an. –
Die Gräfin und die uralte Müllerin waren seit Jahren schon gute Nachbarn und Gefreunde. Gerlinde hatte die in vielen Dingen Wohlbewanderte öfter besucht, sich an ihrer abergläubischen Spruchweisheit ergötzt und ihre nützlichen Winke über Landesbrauch und Gewohnheit, Hausarzneien und Heilmittel nicht zu ihrem Schaden befolgt. Suffie hatte ihr immer willig des langen und breiten Auskunft gegeben, und zu diesen Unterredungen ließen sämtliche Beutlings nach ehrfürchtiger Begrüßung der Herrin die zwei stets unter sich allein in der Stube.
Suffies faltenreiches Gesicht glänzte in Freuden auf beim Erscheinen der Gräfin, und kaum daß diese Platz genommen hatte, wurde sie von der Geschwätzigen mit einem Schwall von Fragen überschüttet, wie sie den Sommer verlebt, ob sie fleißig gestickt, täglich Harfe gespielt und gesungen und was sie sonst noch getan und getrieben, da sie sich seit undenklicher Zeit nicht in der Mühle hätte blicken lassen. »Freilich,« fügte sie, ohne auf die Antwort zu hören, hinzu, »Ihr habt einen Gast im Schlosse, einen vornehmen, jungen Ritter, der Euch geflissentlich mit minniger Kortasie aufwarten wird. Da ist es nicht zu verlangen, daß Ihr Euch auf eine alte, verschrumpelte Unke besinnt wie ich bin.«
»Unkenhaft schaut Ihr nicht aus, Großmutter,« versicherte die Gräfin. »Schon das lustige Gefunkel Eurer Augen straft Eure Worte Lügen.«
»Die Augen, ja, die tun noch allweg ihren Dienst,« versetzte Suffie. »Ich erkenne noch genau, wohin die Wetterfahne oben auf Eurem Dache zeigt.«
Auch vom Grafen Hoyer, von Wilfred, von Melissa und noch mehreren ihres Hofstaates mußte Gerlinde erzählen, denn die neuigkeitsüchtige Alte wollte über alle Burgbewohner auf dem laufenden erhalten sein.
Die Gräfin saß wie auf Kohlen vor Ungeduld, die eigenartige Veranlassung ihres Besuches anbringen zu können. Endlich gelang ihr dies. »Großmutter Suffie,« begann sie mit erregt hastender Stimme, »ich komme, Euch einmal wieder um einen guten Rat zu bitten. Ihr wißt ja mit allerlei Ziefer und Zauber Bescheid; nun sagt mir, wie wir uns der abscheulichen Ratten erwehren sollen, die auf dem Falkenstein in erschreckender Weise überhand nehmen. In die aufgestellten Fallen gehen sie nicht mehr, und die Hunde werden auch nicht Herr über die entsetzliche Plage. Was sollen wir dagegen tun?«
»Da müßt Ihr den Biestern Gift legen, gnädigste Frau Gräfin!« erklärte Suffie ohne Bedenken.
»Ja, Gift, – das wird schwer zu haben sein,« meinte die Burgfrau vorsichtig, Suffies Anerbieten erwartend, es ihr beschaffen zu wollen.
»Nichts leichter als das!« lachte die Alte. »Tollkirsche ist das Beste, zu dem ich Euch raten kann; das räumt im Umsehen unter dem garstigen Viehzeug auf, denn es wächst nichts Giftigeres im ganzen Gebirge.«
»Wächst es auch hier?« fragte Gerlinde begierig.
»Am Heidenquell wuchert es, Frau Gräfin! Kennt Ihr den?«
Am Heidenquell! wie ihr der Name ins Herz griff! »Ob ich ihn kenne, Großmutter Suffie!« sagte sie mit einem wehmütigen Lächeln. »Ihr selber habt mich ja einst zu dem der Frau Holle geweihten wundertätigen Born hingewiesen.«
»Hab' ich? ach ja, ich erinnere mich,« bestätigte die alte Heidin. »Wenn man über die neunzig Jahre hinauskommt, wird das Gedächtnis immer schwächer; das werdet Ihr an Euch auch noch einmal erfahren, liebe, junge Gräfin. Wie alt seid Ihr denn?«
»Achtundzwanzig.«
»O da habt Ihr ja noch ein ganzes, langes Leben voll Glück und Freuden vor Euch.«
Gerlinde schwieg und blickte verlegen zu Boden. Dann bat sie, ihr das Aussehen der Tollkirschen zu schildern, und lauschte der Beschreibung mit größter Aufmerksamkeit.
Suffie belehrte sie: »Es ist ein krautartiger Strauch, etwa eine Elle hoch, mit länglichen, zugespitzten Blättern und glänzend schwarzen Beeren. Den müßt Ihr mitsamt den Wurzeln ausgraben, denn die Wurzeln und die Blätter sind das Giftigste an ihm, nicht die Beeren. Also nur die Wurzeln und die Blätter müßt Ihr in Wasser zu einem dicken Brei einkochen und etwas Speck dazutun. Wenn davon so ein liebes Tierchen nur ein Fingerhütlein voll nascht, dauert es keine Stunde, und es streckt alle Viere von sich.«
»So rasch wirkt es?«
»So rasch geht es, so stark ist das Gift,« nickte die Sachverständige. »Ihr müßt deshalb mit aller Fürsichtigkeit dabei zu Werke gehen und Euch dann gleich die Hände waschen, denn wenn Ihr nachher beim Sticken an den Finger leckt, um die Seide in das Nadelöhr zu fädeln, könnte es leicht um Euch geschehen sein. Aber Ihr werdet ja das Kochen nicht selbst besorgen.«
»Doch, ich möchte keinen meiner Leute einer solchen Gefahr aussetzen,« fiel Gerlinde geängstigt ein. »Ich habe in meinem Schlafgemach eine kleine Weingeistlampe, auf der ich mir zuweilen ein Tränklein gegen Heiserkeit beim Singen braue.«
»Gut, desto besser! dann bleibt das feine Mittelchen unter uns. Sagt's niemand, daß ich es Euch angeraten habe,« raunte Suffie.
»Ach nein! ich werde – stumm sein,« gab ihr Gerlinde ernst zur Antwort. »Laßt auch Ihr niemals verlauten, daß ich Euch danach gefragt habe, niemals!« Sie erhob sich, drückte der Alten die knöcherne Hand und sprach: »Habt Dank, Großmutter Suffie, und – lebt wohl!«
»Ich freue mich immer, wenn ich Euch zu Willen und Gefallen sein kann,« erwiderte Suffie und geleitete, auf ihren Krückstock gestützt, die Gräfin zum Zaun des Mühlengehöftes. Dort blickte sie der Scheidenden nach und murmelte, das greise Haupt schüttelnd: »Ratten? und darum kommt sie selbst? wunderlich, sehr wunderlich! Sie war so seltsam unruhig wie sonst nie, sah auch schlecht aus, blaß und abgezehrt, und ihre Augen flackerten unstet wie bei einer, die nicht Frieden im Herzen hat. Sie wird doch mit den Tollkirschen nichts Arglistiges im Sinn haben? Wem anders aber als Ratten sollte sie Gift mischen wollen? doch nicht etwan …? ach, schäme dich, altes, dummes Weib!« Mit gebeugtem Nacken humpelte sie nach dem Hause zurück. –
Gerlinde, den Burgberg hinansteigend, gedachte Eikes. Was würde er sagen, wenn er ihr plötzliches Hinsterben erfuhr? würde er glauben, daß sie eines natürlichen Todes verblichen war? Gewiß nicht! er, er allein, würde sofort die volle Wahrheit erfassen, aber auch unverbrüchlich schweigen. Nur peinigte es sie, daß er auf den Gedanken kommen könnte, an ihrem Tode schuld zu sein! Das mußte sie durchaus verhüten und ihn vor dieser Angst bewahren. Sollte sie ihm zum Zeichen, daß sie ihm nicht grolle, noch einen letzten Gruß senden? nein! das wäre für den Überbringer wie für jeden, dem das Gerücht von solchem auffälligen Scheidegruß zu Ohren drang, der deutliche Beweis ihres vorsätzlichen Handelns.
Aufrichtiges Mitleid fühlte sie mit dem Grafen, ihrem Gemahl, der in den sechs Jahren ihrer Ehe stets liebevoll und freundlich gegen sie gewesen war und der mit ihr nun auch die zweite Gattin verlor und wieder zum Witwer wurde. Und nicht einmal Abschied nehmen durfte sie von ihm; hinterrücks mußte sie von ihm gehen, nachdem sie jede erkennbare Spur ihrer grausigen Tat getilgt und verwischt haben würde, mit welchem Schrecken er dann auch, das Ungeheure nicht begreifend, vor ihrer entseelten Hülle stehen würde. Den ihm damit zugefügten großen Schmerz bat sie ihm jetzt schon im stillen ab und wollte, ehe sie den Löffel mit dem Gift zum Munde führte, an ihrem Betpult auch die heilige Jungfrau um Vergebung dieser Sünde inbrünstig anflehen.
Oben im Schlosse muteten sie die gewohnten Räume fremd an, als gehörte sie nicht mehr hierher, schon einer anderen Welt verschrieben und verfallen, und doch mußte sie bis morgen nachmittag hier noch ausharren, weil es heute für den Gang nach dem Heidenquell zu spät geworden war.
Von allem, was sie besaß, hätte sie nur ihre kleine Harfe und ihren Rosenkranz, ein altes Erbstück ihrer Mutter, mit großen, schön geschliffenen Bergkristall- und Bernsteinkugeln, gern mit ins Grab genommen, aber sie durfte ja keine Bestimmungen treffen, die als Vorbereitungen zum Sterben angesehen werden könnten.
In der Nacht schlief sie wenig, und die Zeit von früh bis Mittag wurde ihr sehr lang. –
Endlich war sie wieder inmitten der einsamen Wildnis, durch die sie sich im Sommer mit Eike Bahn gebrochen hatte, und da kamen ihr die Erinnerungen an jenen seligen Morgen wie grüßende Wanderer entgegen. Jedesihrer damaligen Gespräche über die Schönheit des Waldes in den wechselnden Jahreszeiten, über die Gesetze der Natur und der Menschen, über Eikes Rechtsbuch und Walters Minnesang hallte traumhaft in ihr wider.
Die zerklüftete Schlucht mußte sie diesmal allein überwinden und vollbrachte es ohne Anwandlung von Schwachheit mit dem unerschütterlichen Willen, ihr Ziel zu erreichen.
Bald hatte sie es erreicht und stand nun nahe der Klippe, aus der das als wundertätig gepriesene Wasser unter dem Denkstein mit der verwitterten Runenschrift hervorquoll, auf derselben Stelle, wo sie Eike von Repgow schluchzend an die Brust gesunken war.
Jetzt stand sie erhobenen Hauptes und ließ den Blick in die Runde schweifen, um den geheimnisvollen Waldeszauber noch einmal, zum letzten Male, zu genießen.
Dann wandte sie sich langsam den schon entdeckten Stauden mit den spitzen Blättern und den schwarzen Beeren zu, kniete bei der einen und der andern nieder, grub sie, ihre zarten Hände nicht schonend, mitsamt den Wurzeln aus und legte sie in das dazu mitgebrachte Tuch, das sie an den vier Zipfeln verknüpfte.
Darauf trat sie festen Schrittes den Heimweg an und schaute nicht mehr zurück nach der Stätte, wo das Glück einst dicht an ihr vorbei geflogen war.