Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Heute war die Vigilie von Mariä Opfer und das Eintreffen des Domdechanten zu erwarten. Da er jedoch vor Mittag kaum hier sein konnte, hatten die Grafen den Morgen zu ihrer freien Verfügung, was der von ihnen erzielten Einigung sehr zustatten kommen sollte.
Nach gemeinschaftlich genossenem Frühmahl wünschte Graf Botho von Stolberg eine nochmalige kurze Besprechung der Herren mit dem Ritter von Repgow, weil er ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten habe.
Sie gingen willig darauf ein und saßen bald um ihn versammelt wieder in Hoyers Gemach. Dort nahm er das Wort und erklärte, er habe während der halb schlaflosen Nacht die ihm gemachten eindringlichen Vorstellungen auf das genaueste erwogen und gestehe zu, daß sich die Geistlichkeit allerdings manche unerträglichen Übergriffe in weltliche Hoheitsrechte und Lehnsverhältnisse zuschulden kommen lasse, denen mit Ernst gesteuert werden müsse. Da ihm viel daran liege, sich mit seinen lieben Freunden und Wappengenossen in vollem Einklang zu befinden, ziehe er seine gestern erhobenen Bedenken gegen einige anfechtbare Bestimmungen des neuen Gesetzbuches hiermit zurück, wenn ihmder Herr Verfasser nur in einem Punkte nachgeben wolle. Es heiße, geistliches Recht und weltliches sollen miteinander gehen; er schlage jedoch vor, daß die Rechtsverfahren ganz voneinander getrennt würden und in rein geistlichen Angelegenheiten, die mit weltlichen Händeln nichts zu schaffen hätten, die geistlichen Gerichte allein urteilen sollten und ebenso umgekehrt. Eine derartige, streng durchgeführte Sonderung empfehle sich sowohl aus Gründen der Gerechtigkeit wie der Zweckmäßigkeit, um unbefugte Einmischungen, Mißhelligkeiten und Reibereien in Zukunft zu vermeiden. Er bitte die Herren, sich über seinen Vorschlag zu äußern.
Sie blickten zu Eike hin, um erst die Meinung des Rechtsgelehrten zu hören.
Der sprach nach kurzem Besinnen: »Das ist ein guter, annehmbarer Vorschlag, den ich als Kanon meinem Buche einverleiben werde mit dem Wunsche und unter der Voraussetzung, daß er überall richtig ausgelegt und gewissenhaft befolgt wird.«
Seinem Ausspruch stimmten die anderen gern zu, voller Freude, daß mit diesem Zugeständnis die angestrebte Einmütigkeit erreicht war, welchem Gefühl Graf Hohnstein Ausdruck verlieh, indem er die Hände zusammenschlagend ausrief: »Na, da wären wir ja nun Gott sei Dank! alle ein Herz und eine Seele. Nun möge das strahlende Kirchenlicht aus Halberstadt den bischöflichen Segen über uns arme Sünder ausgießen. Wir wollen den Leisetreter mit Sammetpfötchen bewillkommnen und mit Blechhandschuhen verabschieden.«
Sie lachten über die von dem lustigen Helmgauer ausgegebene Losung, und die Sitzung war aus.
Darauf zerstreuten sich die Herren und vertrieben sich die Zeit bis zur Mittagsstunde jeder nach seinem Belieben.Der Mansfelder und der Stolberger besichtigten die Rosse in den Ställen. Graf Hohnstein ging mit Eike auf den Altan und schaute zu den Bergen hinüber und in den Forst, ob sein scharfes Jägerauge nicht äsendes oder ziehendes Wild entdeckte. Die beiden immer aufgeräumten Grafen von Blankenburg und Regenstein klopften bei der Gräfin an und machten ihr, da sie ihnen in ihre Kemenate einzudringen erlaubte, um die Wette den Hof, was sich Gerlinde in Huld und Gnade gefallen ließ. Graf Hoyer aber blieb in seinem Zimmer und streckte sich zu einer kurzen Ruhe aus, deren er dringend bedurfte. –
Als das Mittagessen längst vorüber war und es zu dämmern begann, erscholl vom Bergfried ein ungewöhnlicher Hornruf, der den Wissenden die Ankunft des Domdechanten verkündete und Gerlinde aus träumenden Gedanken aufschreckte, denn mit dem feierlich Angeblasenen nahte sich das dem Geliebten drohende Verhängnis.
Graf Hoyer stieg die Treppe hinab, um den Prälaten zu empfangen, mochte diesen auch eine so rücksichtsvolle Aufmerksamkeit Wunder nehmen und vielleicht kopfscheu machen.
Die Begrüßung war eine beiderseits ehrerbietige. Der Dechant hielt das Entgegenkommen des Schloßherrn für eine althergebrachte Gepflogenheit beim Ertönen der Fanfare vom Turm und fand dies einen sehr lobenswerten Brauch. Der Graf aber geleitete den neuen Gast in das für ihn bereite Losament, wo er ihn der Bedienung Folkmars überließ.
Wilfred hatte gesehen, daß ein hoher Geistlicher in den Burghof geritten war, und witterte sofort, daß dieser Besuch eine Folge von dem des Abtes von Gröningen war, der nun doch endlich Unkraut in Repgowsblühenden Weizen gesät zu haben schien. Also darum die festlichen Vorbereitungen, die ihm jetzt weniger zu einer Ehrung Eikes als zu einem Henkermahl für diesen geeignet däuchten. Teils frohlockend, daß das Verderben den Bücherwurm ereilte, teils bangend vor dem, was ihm selber dabei widerfahren könnte, verkroch er sich still in sein Kämmerlein.
In einem großen Gemache waren sämtliche Grafen mit Eike von Repgow um die Gräfin geschart, die durch ihre Gegenwart dem Empfang eine heiter gesellige Form geben sollte, welche Aufgabe, als es so weit war, Gerlinde auch mit Geschick und Anmut löste.
Beim Eintritt des Dechanten flog ein kaum merkliches Zeichen des Erstaunens über sein Gesicht, das aber ebenso schnell wieder verschwand, wie es aufgeblitzt war. Mit weltmännischer Gewandtheit verneigte er sich vor der Gräfin und wechselte ein paar artige Worte mit ihr. Jedem der Grafen, die ihm alle bekannt waren, reichte er die Hand und fragte nicht nach den Umständen dieses unverhofften Wiedersehens. Dann kam Eike an die Reihe, dessen Namen ihm Graf Hoyer nannte, obschon der geistliche Herr ohnehin nicht zweifeln konnte, daß er den jetzt vor sich hatte, den hier zu finden er sicher gewesen war.
Da standen sie nun, von allen Anwesenden heimlich beobachtet, die beiden, der Kapitular und der Ritter, Auge in Auge gegenüber und maßen sich mit prüfenden Blicken. Sie waren sich ihrer Stellung zueinander bewußt, aber ihre Mienen verrieten nichts Feindseliges, und die Ursache ihrer Begegnung hier auf dem Falkenstein wurde auch in ihrem flüchtigen Gespräch nicht berührt. In ihrem Innern waren sie kampfgerüstet, äußerlich wahrten sie eine achtungsvolle Höflichkeit.
Herr Anno von Drondorf war von hochgewachsener, hagerer Gestalt mit einem bleichen, scharf geschnittenen Antlitz, grauem Haar und einem Paar tief in ihren Höhlen liegender Augen, über die sich dichte, geradlinige Brauen zogen. Seine Bewegungen waren gemessen, seine Redeweise kühl und überlegt, seine ganze Erscheinung würdig und vornehm. Aber unter der Maske der Ruhe und Zurückhaltung ließ sich seinem sicheren Auftreten nach unerschütterliche Willenskraft und Entschlossenheit vermuten.
Man kam alsbald in ein allgemeines Gespräch, das sich unter absichtlich reger Beteiligung der Gräfin in ebenen Geleisen hielt und sich mühsam bis zur Tischzeit hinschleppte.
Nachher, im Speisesaal, wurde das anders. Der Domdechant, der zwischen Gräfin Gerlinde und dem Grafen Johann von Blankenburg saß, wachte aus seiner Versonnenheit auf und unterhielt sich mit seinen Tischnachbarn sehr lebhaft über klösterliche Kunst und Wissenschaft und über geschichtliche Ereignisse der Vergangenheit, wobei er öfter das Wort an den ihm gegenübersitzenden Eike richtete, um dessen Kenntnisse auch in Dingen zu erforschen, die außerhalb seines Faches, der Rechtspflege, lagen.
Gerlinde freute sich zwar über die Zuvorkommenheit des Prälaten gegen den Gelehrten, ließ sich aber dadurch nicht bestechen und zu schmeichelnden Hoffnungen verführen, sondern war beständig auf der Hut, jeder etwa verletzenden Äußerung zwischen den beiden vorzubeugen. Es bedurfte jedoch solcher Fürsorge nicht, denn von keiner Seite kam es zu Erörterungen, die den Frieden hätten stören können.
Auch Graf Hoyer bemühte sich, seinem Gaste das Verweilen in einem Kreise, in dem er nur Gegner umsich hatte, so angenehm wie möglich zu machen und hielt seinen Freund Hohnstein, der immer auf dem Sprunge war, den Halberstädter herauszufordern und zu reizen, beschwichtigend im Zaune.
Als zum Nachtisch noch ein neuer Wein aufgetragen wurde, fragte der Dechant den Grafen Hoyer, ob es ihm recht sei, wenn er morgen früh in der Burgkapelle eine Messe läse.
Der Graf nahm das Anerbieten mit verbindlichem Dank an, worauf sich der Dechant erhob und die Gesellschaft nach einer leichten Verbeugung in die Runde schnell verließ.
Die anderen blieben noch beisammen, um ihre Eindrücke von dem ernsten, aber gefällig umgänglichen Mann auszutauschen.
Graf Burkhard von Mansfeld meinte: »Nach dem äußeren Verhalten des hochwürdigen Herrn fürchte ich für morgen keine schweren Zerwürfnisse zwischen ihm und uns.«
»Trau' ihm nicht, Burkhard!« riet Graf Hohnstein. »Er wird uns morgen die Krallen schon zeigen, die er heute noch versteckt hielt, und scheint in allen Sätteln gerecht zu sein; ich bin auf ein scharfes Rennen mit ihm gefaßt.«
»Es wäre mir lieb, wenn wir einen allzu harten Zusammenstoß mit ihm vermeiden könnten,« sagte Graf Hoyer.
»Aber von Nachgeben unserseits kann doch keine Rede sein,« fuhr Graf Günther von Regenstein auf.
»Vielleicht kämen wir mit Milde weiter als mit Schroffheit,« sprach Botho von Stolberg.
»Mit Milde, Botho!« spottete Hohnstein. »Reich' einem Pfaffen den kleinen Finger, und er nimmt dieganze Hand. Du stehst ihm von uns allen am nächsten und solltest ihn doch besser kennen.«
»O Gott! wie wird das werden?« seufzte Gerlinde.
»Es wird nicht so heiß hergehen, wie Ihr denkt, Frau Gräfin,« tröstete sie Johann von Blankenburg. »Der Prälat ist an Selbstbeherrschung gewöhnt und im Kapitel gut geschult.«
»Aber an Spitzfindigkeit uns allen über,« fiel der Hohnsteiner sofort wieder ein.
»Mich soll er nicht überlisten, Herr Graf,« mischte sich endlich auch Eike in das Gespräch. »Bei dem, was ich mit ihm auszumachen habe, lasse ich mich in keiner noch so fein gelegten Schlinge fangen.«
Diese Versicherung aus dem Munde des einzigen Gefährdeten freute die Grafen und wirkte auch auf Gerlinde beruhigend, so daß die Besprechung über den schwer zu durchschauenden geistlichen Herrn damit ihren Abschluß fand. –
Als am anderen Morgen das Glöcklein zum Gottesdienst rief, begaben sich sämtliche Insassen der Burg in die Kapelle, so viele darin Raum hatten, um die Messe zu hören, zu der die nötigen Prachtgewänder auf dem Falkenstein vorhanden waren. Ein junger Jäger versah das Amt des Ministranten, und Gräfin Gerlinde sang zur Erhöhung der Feier eine von Harfenspiel begleitete Hymne, die sie schon als Mädchen in ihrer fränkischen Heimat gelernt hatte.
Das Mittagmahl war heute später angesetzt als sonst, weil, sobald der Zelebrant seinen Morgenimbiß verzehrt haben würde, die Verhandlungen beginnen sollten, deren Dauer nicht im voraus abzuschätzen war.
Laut Verabredung versammelten sich die Herren im Gemache des Grafen Hoyer, wo sie den Domdechantennicht ohne einige Spannung auf das, was er hier vorbringen würde, erwarteten.
Als er eintrat, wunderte er sich aufs neue, auch jetzt, zu dieser wichtigen Beratung, die Grafen wieder alle beisammen zu finden, und schloß daraus, daß er hier nicht bloß mit Eike von Repgow, sondern auch mit den gewiß zu dessen Beistand herbeigeeilten Machthabern zu kämpfen haben würde.
Er unterdrückte jedoch seine Überraschung, und nachdem er in der Mitte seiner mutmaßlichen Gegner am Tische Platz genommen hatte, hub er ohne Säumen an: »Ihr erratet wohl, erlauchte, edle Herren, mit welchem Auftrage mich mein hochwürdigster Bischof hierher entsandt hat. Ich soll gegen das von dem hier anwesenden Herrn von Repgow verfaßte Gesetzbuch Einspruch erheben, weil es in einzelnen Teilen seines Inhaltes den Grundsätzen und Überlieferungen unserer heiligen Kirche zuwiderläuft und dem Ansehen der ihrem Dienste geweihten Geistlichen Abbruch tut.«
»Darf ich vorerst fragen, hochwürdiger Herr,« schaltete Graf Hoyer ein, »wie Ihr auf die Vermutung gekommen seid, daß die Rechtsauffassung des Ritters von Repgow den Grundsätzen der Kirche zuwiderläuft?«
»Wir sind gewarnt worden, Herr Graf,« entgegnete der Dechant, ohne den Namen des Warners zu nennen, und fuhr dann, sich an Eike wendend, sogleich fort: »Erklärt mir, Herr Ritter von Repgow, mit welcher Absicht Ihr Euer Buch geschrieben habt.«
»Mit der Absicht, in ganz Sachsenland Rechtseinheit zu schaffen, in allen Herzogtümern und Grafschaften, allen Städten und Dörfern, gleiches Recht für alle ohne Unterschied des Standes und der Geburt,« lautete unverzüglich Eikes Antwort.
»Habt Ihr auch wohl in Betracht gezogen, ob es Gottes Wille sein kann, daß Ihr den einen nehmt, was Ihr den andern gebt?«
»Ich gebe Gott, was Gottes ist, dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber auch dem Volke, was des Volkes ist.«
»Das klingt fromm und christlich, Herr Ritter! und doch geht Ihr in Eurem Buche auf eine Trennung von Recht und Glauben aus.«
»Nein, hochwürdiger Herr! Ich ehre Gottes heilige Gebote, aber der Glaube hat nichts zu schaffen mit der Erkenntnis des Guten und des Bösen beim Urteilen und Richten über eine vollführte Tat.«
»Unsere Erkenntnis von gut und böse ist Stückwerk wie all unser Wissen,« erwiderte der Prälat. »Das aber unterliegt keinem Zweifel: zwischen kanonischem und öffentlichem Recht besteht ein unvereinbarer Gegensatz.«
»Das bestreit' ich, Herr Domdechant! Wenn jedermann Recht geschieht und niemand Unrecht, kann die Kirche und die Laienwelt zufrieden sein.«
»Da täuscht Ihr Euch. Mit Gesetzen könnt Ihr der Menschheit den seelischen Frieden, der doch hienieden das Höchste ist, nicht gewährleisten.«
»Aber ihm ein gutes Fundament schaffen. Auf vernünftigen, allgemein gültigen Gesetzen beruht die Sicherheit und Wohlfahrt des einzelnen wie der Gesamtheit, und eine geordnete Rechtspflege, zu der das Volk Vertrauen hat, ist eins der unschätzbarsten Güter, die man ihm bescheren kann.«
»Ein wahres Wort!« rief Burkhard von Mansfeld, worauf sich im ganzen Kreise unverhohlener Beifall kundgab.
»Euer gräflich Hochgeschlecht in unverbrüchlichen Ehren, edle Herren,« kehrte sich der Kapitular zu denUmsitzenden, »aber mit gnädiger Erlaubung frage ich euch: sind wir etwa bisher ohne Rechtsprechung im deutschen Reiche gewesen? Seit unvordenklichen Zeiten ist von den Schöffenstühlen unter Königsbann nach alter, guter Gewohnheit geurteilt worden.«
»Und auf den althergebrachten Volks- und Gewohnheitsrechten habe ich mein neues Recht aufgebaut und von ihnen so viel darin beibehalten, wie nur möglich war,« beschied ihn Eike. »Aber mit dem schauderhaften Wirrwarr, daß in jedem Gau, nein, in jeder Stadt ein anderes Recht gilt, muß endlich von Grund aus aufgeräumt werden.«
»Ja, hochwürdiger Herr, das ist unser aller Meinung,« fiel Graf Hoyer ein, und die anderen stimmten ihm zu.
»Eure Dignität auch in unverbrüchlichen Ehren, Herr Domdechant,« spottete Graf Hohnstein, »doch wisset: unsere Landsassen, Semperfreien, Bürger und Bauern verlangen mit demselben Maße gemessen zu werden wie die Höchsten im Reiche, einzig den Kaiser ausgenommen, ob sie eine Krone auf dem Haupte tragen oder die Inful, oder ob sie barhäuptig und barfuß gehen. In den festen Schranken des Gesetzes soll der Schöffenstuhl über allem, auch über dem Bischofsstuhl stehen.«
Im Dechanten wallte es grimmig auf. »Unerhört!« stieß er erregt aus. »Ihr treibt das Spiel zu hoch.«
»Spiel? das ist kein Spiel, es ist uns allen bitterer Ernst damit, Herr Domdechant!« drohte der Graf von Regenstein.
»Wirklich? Fast sieht es so aus. Die Herren scheinen sich im geheimen schon verständigt zu haben. Waret ihr denn auf mein Kommen vorbereitet?«
»Wir sind auch – gewarnt worden,« versetzte Graf Hoyer anzüglich, »und jetzt, hochwürdiger Herr, wolletuns mitteilen, an welchen Satzungen des Ritters Ihr Anstoß nehmt.«
»Gern will ich das, Herr Graf! dazu bin ich ja hier,« sagte der Halberstädter, der auf diese Aufforderung nur gewartet hatte. »Also zum ersten! da steht: der Papst darf den Kaiser nicht bannen. Diese Bestimmung ist ein offenbaressacrilegium. Der Papst ist das unfehlbare Oberhaupt aller Christenheit und kann bannen und lösen nach seinem alleinigen Bedünken. Schon mancher Papst hat einen Kaiser gebannt, und erst vor ein paar Jahren hat der heilige Vater seinen trotzigen Widersacher, den Hohenstaufen Friedrich den Zweiten in den Bann getan.«
»Kein Papst kann Ghibelline sein,« rief Graf Johann von Blankenburg.
Ohne den Zwischenruf zu beachten, fuhr der Prälat fort: »Dem Papste das Bannen verbieten zu wollen, ist ein keckerer Angriff auf die unantastbare Hoheit der Kirche, als wenn Ihr dem Kaiser das Recht der Begnadigung absprechen wolltet. Aber höret weiter. In dem Buche steht geschrieben: kein Geistlicher, sei er Bischof, Abt oder Mönch, und kein Stift oder Kloster darf Laiengut erben.«
»Vortrefflich! damit wird der geistlichen Erbschleicherei ein Riegel vorgeschoben,« lachte der Hohnsteiner. »Den Bettelstab ließet Ihr pfänden, wenn etwas aus ihm herauszuschlagen wäre, euch und eure Klöster zu bereichern.«
»Wir suchen nicht die Säckel, sondern die Seelen,« verwies ihn der Dechant. »Ferner heißt es: jedweder Christenmensch soll auf der Dingstatt einen Fürsprecher haben, aber kein Pfaffe darf es sein.«
»Wozu auch?« meinte einer der Grafen. »Auf derDingstatt muß Wahrheit und Freiheit des Wortes herrschen, und die zu vertreten taugt kein Pfaffe.«
»Was ist Wahrheit? was ist Freiheit? kann mir das einer von euch sagen?« fragte stolz der Kapitular. »Ihr schweigt; dann weiter! da steht: jeglicher Schatz, der tiefer in der Erde liegt, als die Pflugschar geht, kommt in des Königs Gewalt, auch wenn er auf bischöflichem Grund und Boden gefunden wird.«
»Grabt ihr geistlichen Herren nach Schätzen, die weder Motten noch Rost fressen, und sammelt euch welche im Himmel, wie die Heilige Schrift es lehrt,« ließ sich endlich auch Graf Botho von Stolberg vernehmen.
Der Dechant streifte ihn mit einem vorwurfsvollem Blicke, daß selbst er sich den anderen anschloß. Dann sprach er: »Ich glaube, edle Herren, daß ich euch nun der ketzerischen Stellen genug angeführt habe, die mich zur entschiedenen Verdammung des neuen Gesetzbuches drängen. Wenn –«
»Aha! kreuzige! kreuzige!« brüllte Hohnstein dazwischen.
»Wenn ihr aber deren mehr begehret,« – er griff in die Tasche seines langen Priestergewandes und holte einige beschriebene Blätter daraus hervor, die er empor hielt, – »hier habe ich ihrer noch etliche.«
Eike von Repgow, der mit steigender Verwunderung den Reden seines Gegners gefolgt war, fragte jetzt: »Habt Ihr mir beim Schreiben über die Schulter gesehen, Herr Domdechant? denn alles, was Ihr hier vorgebracht habt, steht wörtlich so in meinem Buche.«
»Wir haben einen zauberkundigen Klosterbruder in unseren Diensten, der die Kunst besitzt, sich unsichtbar zu machen,« erwiderte der Dechant mit einem boshaften Lächeln auf den schmalen Lippen. »Der hathinter Euch gestanden, Herr Ritter von Repgow, hat sich die ihm mißfälligen Stellen aufgezeichnet und sie uns schwarz auf weiß in seiner schönen Mönchsschrift übereignet.«
»Wollt Ihr mir einen Einblick gestatten, hochwürdiger Herr?« mischte sich jetzt Graf Hoyer ein, von einer plötzlichen Unruhe erfaßt.
»Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der Übermütige und gab dem Grafen die Papiere.
»Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der Übermütige und gab dem Grafen die Papiere.
»Hier, Herr Graf von Falkenstein!« triumphierte der Übermütige und gab dem Grafen die Papiere.
Der Graf blickte hinein und sank erschrocken an die Rücklehne seines Stuhles. Dann rief er erbittert: »Eike,denKlosterbruder kennen wir und seinen würdigen Abt auch!« Damit reichte er die Schriften seinem jungen Freunde über den Tisch hin.
»Oh der Bube! der schändliche Bube!« grollte Eike, nachdem er hineingesehen hatte.
»Eike,« fing der Graf wieder an, »draußen auf dem Gange wirst du Folkmar finden. Bitte, sag' ihm, er solle sofort den Torwart hierher bescheiden.«
Eike tat nach des Grafen Wunsch.
Die anderen saßen alle sprachlos und begriffen nicht, was das zu bedeuten hatte.
Der Dechant aber ahnte den Zusammenhang des hier Vorsichgehenden und schaute ärgerlich und bestürzt darein. Er hatte angenommen, die Abschrift rühre von niemand anders als von einem Mönche des Klosters Gröningen her, der ihren Inhalt den mündlichen Mitteilungen eines zufällig Eingeweihten verdankte, dessen Namen man dem Domkapitel nicht genannt hatte. Nun bereute er, die Papiere aus der Hand gegeben und damit den arglistigen Trug enthüllt zu haben.
Es ward eine lange, unheimliche Stille, bis der Torwart eintrat.
»Goswig,« befahl der Graf, »die Zugbrücke hoch! kein Mensch kommt aus der Burg hinaus ohne meine ausdrückliche Erlaubnis!«
Goswig verbeugte sich und verschwand.
Darauf wandte sich der Graf zum Kapitular: »Der Famulus des Ritters ist in Eurem Auftrage bestochen worden und hat Euch diese Auszüge verräterischerweise angefertigt und ausgeliefert; es ist seine Handschrift. Er wird es zu büßen haben; mit Euch, Herr Domdechant, verhandle ich nicht mehr; Ihr kämpft nicht mit ehrlichen Waffen.«
Zornbebend erhob sich der Dechant. Aber mit erzwungener Ruhe sprach er: »Dann habe ich nur noch die Frage an den Ritter von Repgow zu richten, ob er widerrufen und die ketzerischen Bestimmungen in seinem Buche ändern und tilgen will.«
»Nicht ein Wort!« erklärte Eike.
»So wird der hochwürdigste Bischof nicht umhinkönnen, den großen Kirchenbann über Euch zu verhängen,« entgegnete streng und finster blickend Herr Anno von Drondorf.
Da sprangen alle auf und schrien laut durcheinander. »Er wage es!« hieß es. »Wir Harzer zittern nicht vor Kutte und Krummstab mit gefaltenen Händen und gebogenen Knien.«
Graf Hoyer winkte ihnen: laßt mich reden! Und er sprach: »Wenn das geschieht, Herr Domdechant, daß der Ritter von Repgow seines gar nicht hoch genug anzuschlagenden Werkes wegen gebannt wird, sage ich im Namen aller hier anwesenden Herren dem Bischof ab und kündige ihm die Fehde an. Mit unsern Lehnsleuten und unserm reisigen Volk werden wir ihn überfallen, ihn von seinem Sitz vertreiben, sein Land mitFeuer und Schwert verheeren und verwüsten. Das meldet Eurem Bischof!«
»Es geschehe nach Gottes gewaltigem Willen!« sagte der Dechant. »Ich habe hier nichts mehr zu reden und zu tun und verabschiede mich von euch, erlauchte Herren, mit schwerem Herzen, aber mit dem Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben.«
Graf Hoyer erwiderte nur: »Für Euch, Herr, ist die Brücke frei.«
Eine stumme Verbeugung, und der Gesandte des Bischofs schritt langsam und mit steifem Nacken aus dem Gemach.
Sobald er hinaus war, brach der Sturm los. Sie drückten Hoyer und Eike die Hand und wußten sich vor Freude nicht zu lassen.
»Horrido!« jauchzte Graf Hohnstein, »die Gäule aus dem Stall! Fehde, Fehde mit dem Bischof von Halberstadt! das klingt wie Hifthornschall und Rüdengeläut auf der Fährte eines geweihten Hirsches.«
»Und unser Feldgeschrei ist: ›Rechtseinheit in ganz Sachsenland!‹« rief Graf Hoyer.
»Rechtseinheit in ganz Sachsenland!« wiederholten einstimmig und begeistert alle die anderen. Der Bund der Harzgrafen war geschlossen und besiegelt.