Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Nun gab es mittags doch ein freudigeres Mahl als gestern abend. Wie nach einem erfochtenen Siege saßen sie alle frohgemut an der Tafel, und der Mann mit dem steinernen Gesicht und dem hohlen, verschleierten Blick war nicht mehr unter ihnen. Eike wurde der Ehrenplatz an der Seite der Gräfin zugewiesen, und das Tischgespräch drehte sich ausschließlich um die Verhandlung mit dem verfolgungssüchtigen geistlichen Gegner, wobei die Herren sich mit Behagen an die scharf gewürzten Reden und Antworten erinnerten, die sich wie blitzende Klingen gekreuzt hatten.

Als Gerlinde erfuhr, daß Wilfred heimlich für den Abt von Gröningen Auszüge aus dem Gesetzbuch angefertigt hatte, war sie einesteils über diese Schändlichkeit empört, andernteils aber beruhigt, daß sie sich nun keine Vorwürfe mehr zu machen brauchte, als hätte sie durch ihre Andeutungen zu dem hinterlistigen Aushorcher den gefährlichen Streit wider Willen angezettelt.

Sie flüsterte Eike zu: »Also bin doch nicht ich die Verräterin, die das Unheil über Euch heraufbeschworen hat, Eike.«

»Das habe ich auch nie geglaubt, Gerlinde,« erwiderte er leise. »Ich wußte, daß Ihr daran unschuldig waret.«

»Was wird nun mit dem nichtswürdigen Menschen?« fragte sie.

»Er ist eingesperrt. Der Graf hat ihm den Befehl gesandt, sein Zimmer unter keinen Umständen zu verlassen; im nächsten Gauding soll über ihn abgeurteilt werden.«

Die Grafen unterhielten sich darüber, was der Bischof tun, ob er ungeachtet ihrer drohenden Haltung den Kirchenbann über Eike verhängen würde.

»Er wird sich dreimal besinnen,« sagte Graf Burkhard von Mansfeld. »Unsere Macht ist zu groß, und wir werden noch Bundesgenossen werben; ich nehme den Fürsten Heinrich von Anhalt auf mich.«

»Ich den Grafen Christian von Wernigerode,« fiel der Blankenburger ein.

»Und sollte der Bischof sein Aufgebot an Kriegsmannen etwa verstärken, so tun wir dasselbe und bringen wohl auch den Landgrafen Hermann von Thüringen und den Markgrafen Dietrich von Meißen noch auf unsere Seite,« meinte der Graf von Regenstein.

»Laßt euch doch darum keine grauen Haare wachsen,« sprach Graf Hoyer. »Der Bischof wird es nimmermehr wagen, uns durch Bannung unseres Freundes Repgow kecklich herauszufordern.«

»Oh er ist ein gar trutziger Herr, der, wo er Gelegenheit dazu hat, gern den streitbaren Kirchenfürsten herauskehrt,« behauptete Graf Botho von Stolberg.

»Mir soll's recht sein,« lachte der Hohnsteiner, »ich reite mit Vergnügen zur Abwechslung auch einmal gegen einen Bischof an.«

»Wenn es aber, was Gott verhüte, meinethalben zu einer großen Fehde oder gar zu einem weitschichtigen Kriege kommen sollte, dann möchte ich auch in Helm und Harnisch mit Euch zu Felde ziehen, Herr Graf,« sagte Eike.

»Der Wunsch ist begreiflich und wird Euch mit Freuden erfüllt werden, damit Ihr selber Eurem Gesetzbuch in den Reihen Eurer Feinde mit dem Schwerte Bahn brecht,« erwiderte der Hohnsteiner.

Und dann trägt er vielleicht mein Kursît einmal über der Rüstung, dachte Gerlinde.

Alle wollten sich gern für den Ritter schlagen, der dem Domdechanten so mannhaft die Stirn geboten hatte. Das ihm dafür reichlich gespendete Lob machte Gerlinde so stolz, als würde es ihr selber gezollt. Immer mußte sie sich zu ihm hinwenden und den gefeierten Helden und Gelehrten zu ihrer Linken bewundernd ansehen.

Am anderen Morgen zogen die fünf Grafen mit ihrem Gefolge fröhlich vom Falkenstein ab, nachdem ihnen Eike für ihren entschlossenen Beistand noch einmal gedankt hatte. –

Nun wurde es wieder still und friedlich in der Burg. Eike war wieder fleißig an der Arbeit, als wäre seit seinem Ritt nach Quedlinburg nichts Besonderes hier vorgegangen. Es fehlten nur noch wenige Artikel zur Vollendung seines Werkes, und er beeilte sich nicht damit, weil er das Scheiden von Gerlinde gern noch etwas verzögern wollte.

Sie wußte, daß es kaum Wochen, vielleicht nur noch Tage waren bis zur Trennung, vor der ihr graute. Soviel wie möglich suchte sie seine Gesellschaft, denn ihrer bemächtigte sich eine so verlangende Sehnsucht, wie siesie glühender noch nie empfunden hatte. Wenn sie mit ihm allein war, was jetzt häufiger geschah denn je, rollte ihr das Blut wie flüssiges Feuer durch die Glieder, und mehr als einmal war sie nahe daran, sich an seine Brust zu werfen und sich an dieser Zufluchtstätte ihrer grenzenlosen Liebe auszujubeln oder auszuweinen.

Eike war es, der den Kopf oben behielt und die Herrschaft über sich nicht einen Augenblick verlor, doch Gerlinde merkte es ihm an, wie schwer auch er mit sich kämpfte, und jeder las im Herzen des andern: o wärest du mein! Aber – ein blankes Schwert lag zwischen ihnen.

Graf Hoyer sah, was in den beiden sich regte, doch kein Groll stieg in ihm auf, denn er fühlte, auch seine Tage waren gezählt, nur in einem andern Sinn als die seines jungen Freundes. Nicht die leiseste Andeutung, auch nicht im Scherze, entschlüpfte ihm darüber, daß er wußte, wie es mit ihm bestellt war. Auch die Erkenntnis seines eigenen Schicksals verhehlte er ihnen sorgsam, und das Verhältnis zwischen den dreien blieb ein ungetrübt heiteres und trauliches wie es immer gewesen war.

Gerlinde trug Eike die schüchterne Bitte vor, er möge ihr erlauben, an Wilfreds Statt die noch übrige Abschrift zu übernehmen.

Das freundliche Anerbieten rührte ihn, doch weigerte er sich, der geliebten Frau diese Mühwaltung aufzubürden.

»Ihr machtet mir eine Freude damit, Eike,« sprach sie. »Denkt doch, welche Erinnerung es für mich wäre, bei dem letzten Abschnitt Eures Buches ein klein wenig mitgewirkt zu haben!«

Da willigte er ein, denn ihm wäre es ein reiches Geschenk,einige Blätter, von Gerlinde geschrieben, zu besitzen, die er zeitlebens aufbewahren würde.

Nun saß sie in ihrem kleinen Gemach, ließ Stickrahmen und Harfe bei Seite und schrieb, was der Liebste geschaffen hatte. –

Wilfred hockte in seinem Kämmerlein, obwohl er nicht eingeschlossen war, wie in einem Kerker, geknickt und reuevoll am leeren Tisch, von dem ihm die fertigen Abschriften durch Folkmar abgeholt worden waren.

Die Begebenheiten der letzten Tage hatten die schlimmste Wendung für ihn genommen. Er war, wie er es nach dem geübten Verrat schon gefürchtet, wirklich in die Grube gefallen, die er dem Ritter gegraben, und nicht diesen, sondern ihn selber hatte das Verhängnis getroffen.

Melissa war trostlos, ehe sie noch wußte, was eigentlich vorgefallen war. Sie besuchte den Gefangenen, und auf ihre Frage, was er denn Böses verbrochen, gestand er ihr seine Untat, zu der ihn der Abt von Gröningen verleitet hätte.

»Das ist also deine Rache für den Fuchs. Fred, Fred, was hast du angerichtet!« jammerte sie, »hast dich ins Unglück gestürzt, und deines Bleibens auf dem Falkenstein kann nimmer sein. Was wird mit dir geschehen? und was wird aus mir ohne dich?«

»Das weiß der Himmel!« seufzte er. »Ich bin ein verfemter Mensch; sie werden mir auf der Richtstatt die Schreiberhand abhacken, mit der ich gesündigt habe.«

Ihr schauderte bei diesen Worten. Sie umschlang ihn, herzte und küßte ihn, um ihn aus seiner tiefen Kümmernis aufzurütteln.

In ihren Armen vergaß er das Verzweifelte seiner Lage und erwiderte ihre Liebkosungen mit einer Leidenschaft,gegen die sich das schmiegsame Mädchen nicht sträubte.

Dann setzte sie sich ihm auf's Knie, und ihren zerzausten Blondkopf an seine Schulter lehnend beriet sie mit ihm, ob nicht eine Rettung möglich wäre.

Aber Wilfred schüttelte zu allem, was Melissa vorschlug, ungläubig den Kopf und fand selber keinen Ausweg, den Banden zu entrinnen, in die er verstrickt war. »Goswig ist mein geschworener Feind und wird mir gegenüber niemals ein Auge zudrücken,« sprach er mutlos. »Er kann es auch gar nicht, denn er ist für mich verantwortlich und der Graf würde ihn aus dem Dienst jagen, wenn er mich auskommen ließe. Gib jede Hoffnung auf!«

Mit tränenbenetztem Antlitz entwand sie sich ihm.

Zwei Tage später aber kam sie wieder zu ihm geschlichen in der Dämmerung und mit einem Bündel, das sie vor ihm entfaltete. »Hier hast du ein Kleid von mir,« sagte sie, »das ziehst du an und stiehlst dich darin zum Tor hinaus; es dunkelt schon, aber die Zugbrücke ist noch nicht hoch. Goswig wird dich für eine Magd halten, deren Friedel draußen auf sie wartet, und wird dich nicht anrufen. Auch habe ich ihm soeben noch einen großen Krug Bier geschickt, von dem er so leicht nicht aufsteht.«

Wilfred dankte ihr, von der Hoffnung belebt, durch die klug ersonnene List zur Freiheit zu gelangen, in der herzlichsten Weise, und Melissa half ihm schnell und geschickt in das Kleid hinein.

Erst freute sie sich und lachte über seine Verwandlung in ein Mädchen, dann aber sprach sie betrübt: »O Fred! werden wir uns jemals wiedersehen? wohin gehst du nun?«

»Ich weiß schon, wo ich Unterschlupf finde, sobald ich aus der Burg heraus bin,« beruhigte er sie. »Ich pilgere schnurstracks nach Gröningen und bitte um Anstellung als Schreiblehrer in der Klosterschule, aus der sie mich einst verstoßen haben. Der Abt hat mir versprochen, sich meiner anzunehmen, wenn ich in Not geriete. Vielleicht kann ich auch dort sogar einmal Bibliothekar werden.«

»So geh mit Gott!« schluchzte sie an seinem Halse, entwich und eilte in den Burghof hinab, um aus einem Versteck den Verlauf der Flucht zu beobachten.

Sie sah, wie sich Fred in der Dämmerung dicht an den Hofgebäuden entlang drückte, manchmal horchend stehen blieb und dann behutsam weiterschlich. Ungeduld und fiebernde Angst erfaßte sie, daß er dabei so langsam vorwärts kam, und der Atem stockte ihr, als er beim Torstübchen noch einmal anhielt, um zu spähen und zu sichern, ehe er sich an der offnen Tür vorübertraute.

Plötzlich schritt er rasch aus, aber in seiner großen Erregung nicht leise genug.

Goswig mußte das Geräusch seiner Schritte vernommen haben und schaute auf. Die weibliche Gestalt da draußen schien ihm verdächtig; das war keine der Burgmägde. Er trat aus seinem Häuschen heraus, und als die Eilige auf seinen Anruf nicht stand, sprang er ihr hurtig nach.

Nun wurde gerade das, was Wilfred retten sollte, Melissas Kleid, zu seinem Verderben, denn weil es ihm oben etwas zu eng war und ihm unten die Glieder bis auf die Füße umbauschte, hinderte es ihn im Laufen.

Goswig war ihm bei der Verfolgung bald auf denFersen, holte ihn ein und hatte eine diebische Freude an seinem Fange.

»Erbarmt Euch, Goswig, und laßt mich los!« bettelte der am Kragen Gepackte.

»Nichts da! Du und Melissa, ihr meintet einmal, ich könnte nach dem dritten Kruge Bier nicht mehr Mann und Weib unterscheiden. Jetzt habe ich dir gezeigt, daß ich das trotz deiner Verkappung doch kann, und ich bin dir auch noch den Lohn für die angeleimte Pelzkappe schuldig,« höhnte Goswig. »Komm, mein Bürschlein! jetzt sperr' ich dich fester ein.«

An einen Faustkampf mit dem noch sehr rüstigen und kräftigen Torhüter konnte Wilfred in der ihn einspannenden Frauenkleidung nicht denken, und so mußte er sich von dem hartherzigen Alten widerstandslos abführen lassen in das mit Schloß und Riegel versehene Turmgewölbe, aus dem ein Entweichen nicht möglich war.

Melissa, zu Tod erschrocken, flog die Treppe hinauf zur Gräfin, fiel ihr zu Füßen, erzählte ihr mit halb von Weinen erstickter Stimme, was sich eben ereignet hatte, und flehte sie an, beim Herrn Grafen die Begnadigung Wilfreds zu erwirken. Er habe sich nur auf Anstiften des Abtes von Gröningen zur Herstellung der Abschriften bequemt und sich auch an Herrn von Repgow für das Erschießen seines gezähmten Fuchses rächen wollen. Zugleich bekannte sie, dem Schreiber bei seinem Fluchtversuche mit der Hergabe eines ihrer Kleider behilflich gewesen zu sein.

Die Gräfin wußte bis jetzt noch nichts von dem Fuchse, fühlte jedoch ihrer getreuen Zofe wegen, deren Neigung zu Wilfred ihr nicht verborgen geblieben war, Mitleid mit den beiden und versprach,für den Bösewicht bei ihrem Gemahl ein gutes Wort einzulegen, dessen Erfolg sie freilich nicht verbürgen könne.

Melissa küßte ihrer huldvollen Herrin die Hand und entfernte sich, Hoffnung im Herzen. –

Ganz glatt ging das schwierige Unternehmen, den erzürnten Grafen zu versöhnen, zwar nicht vonstatten, aber er ebnete unabsichtlich der wohlwollenden Vermittlerin den Weg dazu.

Am Abendtische lachte er gleich anfangs ein paarmal vergnügt vor sich hin, und als ihn Eike und Gerlinde darob anstaunten, begann er schmunzelnd: »Ihr werdet nicht raten, worüber ich lache. Denkt euch, vor kaum zwei Stunden ist der Taugenichts und Hansnarr, der Wilfred, vom Torwart bei einem verwegenen Fluchtversuch erwischt worden und noch dazu in Weiberkleidung! Der Affe muß also unter unseren Burgschönen eine Liebste haben, die ihn mit ihrer Sonntagswat ausstaffiert hat. Jetzt sitzt er aber in einem Gewahrsam, aus dem er nicht wieder auskommen wird. Was sagt ihr zu dem Possenspiel?« schloß er immer noch lachend.

»Ich kann dir mehr darüber mitteilen als du weißt, Hoyer,« sprach Gerlinde. »Die Weiberkleidung hat ihm Melissa geliehen, und als er von Goswig wieder eingefangen war, hat sie mich fußfällig angefleht, ihm deine Verzeihung zu erwirken.«

»Was? dem Halunken soll ich verzeihen? davon kann gar keine Rede sein,« entgegnete der Graf.

»Höre mich weiter!« bat die Gräfin. »Wilfred ist vom Gröninger Abt zu dem Verrat aufgestachelt und verführt worden. Daneben hat er sich an Eike rächen wollen, weil der ihm seinen gezähmten Fuchs, mit demer im Walde wie mit einem folgsamen Hunde verkehrte, erschossen hat.«

Eike sagte höchst verwundert: »Von Wilfreds Fuchse habe ich nie etwas gehört. Jetzt kann ich mir auch seinen Schrecken erklären, als ich ihm den toten Liebling an den Kopf warf, und ihm seinen Schmerz darüber und sein Rachegelüst vollkommen nachfühlen. Das sind nun doch Umstände, Herr Graf, die eine mildere Beurteilung des Falles erheischen und der Erwägung wert sind.«

Der Graf schwieg.

Aber Eike ließ nicht ab und fuhr inständig fort: »Es ist, glaub' ich, die erste Bitte, Graf Hoyer, die ich an Euch richte; erfüllt sie mir! übt Gnade gegen den Verbrecher und gebt ihn frei.«

»Eike, du, der Mann des Gesetzes, verlangst, daß Gnade vor Recht ergehe? Das verstehe ich nicht,« erwiderte der Graf.

»Laß dich erweichen, Hoyer!« drang auch Gerlinde auf ihn ein, seine Hand ergreifend.

Graf Hoyer blickte den einen und die andere nachdenklich und noch unschlüssig an. Endlich gab er nach. »Na, sei's drum! Euren vereinten Bitten und besonders deiner hochherzigen Fürsprache, Eike, will ich mich nicht halsstarrig verschließen. Der windschaffene Gesell ist frei, vogelfrei und soll sich zum – Kuckuck scheren!«

»Ich danke dir, Hoyer!« sprach die Gräfin, »und wie wird sich Melissa freuen!«

»Halt einmal! Melissa!« rief der Graf, schon wieder lachend. »Sie ist seine Mitschuldige; was fangen wir mit der an? sie auch verstoßen? Dann schweifen die zwei als fahrende Leute schnorrend und schnarrenzend,echtlos, rechtlos in der Welt umher, und dazu ist das Mädchen zu gut. Und sie als Nonne in ein Kloster zu vergraben, wäre doch auch nicht zu verantworten.«

»Das gäbe eine lustige Nonne,« lächelte Gerlinde. »Nein, nein! von Melissa trenne ich mich nicht, sie bleibt, wo ich bleibe; ich will ihr Tugendwächter sein und ihr einmal einen wackeren Mann verschaffen.«


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