Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Gräfin Gerlinde hatte es schon bald nach ihrem Einzuge auf dem Falkenstein durchgesetzt, daß an Sonn- und Feiertagen keine anderen Beschäftigungen in der Burg vorgenommen werden durften als die notwendigen Verrichtungen im Haushalt. Selbst Eike fügte sich ihrer freundlichen Bitte, dann zur Heiligung des Tages auch auf seine völlig geräuschlose Schreibarbeit zu verzichten, was er ohne den ihm ausgesprochenen Wunsch nicht getan haben würde. Daß er dem Gottesdienst in der Kapelle beiwohnte, verstand sich von selbst, zumal Gerlinde durch Harfenspiel und Gesang dabei mitwirkte.

Heute war Sonntag, und der Falkenstein stand, von der Morgensonne beschienen, auf seiner Bergeshöhe wie ein einsames, verwunschenes Schloß, in dem kein Leben war. Kein lautes Hantieren und Scharwerken, kein Pferdegetrappel und Rüdengebell störte die Ruhe, nur daß einmal die Kette des Ziehbrunnens klirrte, wenn sie in der Küche Wasser brauchten. Die Dienstleute, die über den Hof gingen oder treppauf und treppab stiegen, traten leise auf und sprachen mit gedämpfter Stimme. Auch von innen heraus drang kein Ton durch die dickenMauern, als wenn die vielen, die in den Gebäuden ihren Pflichten obliegend hausten, den Tag verschlafen wollten. Es herrschte von früh bis nach vollbrachtem Gottesdienst, der ziemlich spät begann und gewöhnlich erst kurz vor Mittag endete, eine fast unheimliche Stille, aber die Herrin wollte es so haben, also ward es so gehalten, und niemand wagte, gegen den eingeführten Brauch zu verstoßen.

Von Mittag an aber konnten alle, Mannen, Jäger, Knechte und Mägde, tun und treiben, was ihnen beliebte; kein unduldsamer Befehl lähmte ihre Belustigungen und verbot ihnen den Mund. Sie durften, falls nicht besondere Verabredungen und Veranstaltungen vorlagen, dann auch gehen, wohin sie wollten, wenn sie nur abends vor Toresschluß wieder innerhalb der Ringmauern waren, und daß sie dies waren, dafür sorgte des Torhüters unbestechliche Wachsamkeit. –

Wilfred genoß in den Kreisen des Burggesindes ein gewisses Ansehen, das er weniger seinen persönlichen Eigenschaften als seiner Herkunft und seiner Ausnahmestellung verdankte, denn er gehörte nicht zu den Dienenden, wenn er auch mit ihnen lebte und ganz so wie sie unter der Botmäßigkeit des Grafen stand. Er war der Sohn des verstorbenen Wild- und Waffenmeisters, der nächst den Herrschaften der erste auf der Burg gewesen war, kam in Ausübung seines Amtes als Schreiber häufiger in unmittelbare Berührung mit dem Grafen und galt als ehemaliger Klosterschüler bei den übrigen Untergebenen für einen Studierten, der beinahe geistlich geworden wäre.

Daher spielte er in der Dirnitz, dem Versammlungs- und Aufenthaltsraum der Dienerschaft, eine seiner Meinung nach große Rolle, die jedoch von Neidern undGegnern, an denen es ihm auch nicht gebrach, zuweilen stark angefochten wurde. Er war nicht Jüngling mehr, aber auch noch nicht zum Manne gereift, von schmeidiger, leichtbeweglicher Gestalt und selbstbewußtem, meist seelensvergnügtem Gesichtsausdruck. Sein lockiges, braunes Haar hing ihm ziemlich tief in die Stirn, und aus seinen ebenfalls braunen Augen lugte eine lauernde Verschlagenheit. Die anderen hörten ihn gern von seinen Vagantenfahrten und den Abenteuern, die er in der Fremde erlebt haben wollte, berichten und hatten ihren Spaß an den frechen Aufschneidereien, die er ihnen dabei unverfroren auftischte. So erzählte er einmal, er wäre eines Tages gegen Abend mit zweien seinesgleichen in ein Dorf gekommen, wo sie gebettelt hätten, und weil man ihnen nichts geben und sie auch nicht herbergen wollte, hätten sie die hartherzigen Geizhälse mit höllischen Flüchen und kabbalistischen Beschwörungen überschüttet, um sie zu ängstigen. Da wären sie aber von ihnen ergriffen und alle drei in einen Teich geworfen worden. Und was hättensienun getan? sie hätten das ganze Dorf in Brand gesteckt, um an dem Feuer ihre nassen Kleider zu trocknen. Solcherlei Geschichten brachte er immer neue, eine immer noch toller und verwegener als die andere, vor, und Mannen und Mägde lohnten es ihm mit Beifall und fröhlichem Lachen. Manche von ihnen trauten ihm aber nicht und meinten, er würde gewiß noch weit schlimmere Stücklein auf der Seele haben, denn ihn scheuchte doch kein Strohwisch von verbotenen Wegen, worauf Wilfred überlegen schmunzelte, was soviel heißen sollte wie: na, wenn ich reden wollte!

Seine aufmerksamste Zuhörerin und zugleich treueste Anhängerin war die rotblonde, sehr hübsche und aufgeweckteZofe Melissa, die er bei seinen gelegentlich ausgeführten Schwänken hier stets auf seiner Seite hatte. Der Schalk saß ihr im Nacken, aus ihren spiegelhellen Augen blitzte es wie Frühlingsgruß, und ihre schwellenden Lippen konnten verführerisch lächeln, als spräche sie: trutz! wer darf mich küssen? was Wilfred übrigens öfter tat und sie ihm selten wehrte. Denn die beiden hatten ein heimliches Techtelmechtel miteinander, das jedoch über lustige Neckereien und unverfängliche Liebkosungen nicht hinausging.

Wie willig sie ihrem Günstling bei seinen Schelmenstreichen half, bewies ein Vorfall, der nichts anderes als die von Wilfred ausgeheckte Vergeltung für eine ihm vom Torwart Goswig zugefügte Unbill war.

Dieser hatte den Schreiber, als er einmal ein wenig zu spät von der Talmühle heimkehrte, nicht mehr in die Burg eingelassen, trotz seinem Bitten und Flehen das eben erst geschlossene Tor nicht wieder geöffnet und ihm von innen höhnisch zugerufen: »Komm zur rechten Zeit, du Nachtschwärmer! Dann findest du immer Einlaß; jetzt wünsch ich dir angenehme Ruh draußen im Grünen.« Es war aber damals noch gar nicht grün im Walde, denn das Laub der Sträucher und Bäume fing erst an, sich zu entfalten und gewährte daher dem Ausgesperrten keinen Schutz vor dem in der ganzen Nacht herabrieselnden Regen, der ihn bis auf die Haut durchnäßte.

Gern hätte er dieses feuchte Nachtquartier verschwiegen, wenn er nicht infolge der Erkältung, die er sich dabei zugezogen, am Morgen stockheiser geworden und dies mehrere Tage lang geblieben wäre. Das ließ sich natürlich nicht verheimlichen, und nach der Ursache davon befragt, mußte er seine nächtliche Aussperrungeingestehen und hatte nun neben dem Schaden auch noch den erbarmungslosen Spott sämtlicher Burgbewohner zu tragen. Dafür wollte er sich an dem schändlichen Alten mit einem empfindlichen Schabernack rächen.

Goswig trug Winters und Sommers eine Pelzkappe von Marderfell, die er während der Mahlzeiten in der Dirnitz ab und bei Seite legte. Eines Sonntags nun, wo der Abendtrunk für die Leute stets sehr reichlich gespendet wurde, stahl sich Wilfred mit der Pelzkappe hinaus und bestrich sie inwendig mit Vogelleim, den ihm Melissa zu dem Zwecke bereitet hatte. Diese mußte dann den Torwart durch ihr Geplauder so lange beim Becher festhalten, bis er mehr als genug hatte. Als er sich dann die Kappe vor dem Abschiede, den Melissa möglichst zu verzögern suchte, wieder aufstülpte, merkte er in seinem angeheiterten Zustande nicht, was inzwischen damit geschehen war. Auf dem Wege zu seinem Torstübchen war sie ihm nun schon so fest angeklebt, daß er sie nicht vom Kopfe losbekommen konnte und sich mit ihr zu Bett legen mußte. Anderen Mittags behielt er sie gegen seine Gewohnheit bei Tische auf, und darüber zur Rede gestellt stieß er ärgerlich heraus: »Ist mir über Nacht angewachsen, ich kriege sie nicht ab; die alte Heidin Suffie, die mir spinnefeinde Zaubersche, muß sie mir angehext haben.« Wilfred und Melissa tauschten verstohlen einen Blick, und letztere sagte am Ende des gemeinsamen Mahles: »Goswig, gegen Großmutter Suffies Hexerei bin ich machtlos, aber versuchen will ich's doch, Euch davon zu befreien; haltet mal still!« Nun machte sie sich über ihn her, um ihm die angeleimte Pelzmütze vom Kopfe herunterzuziehen. Aber das ging nicht so leicht vonstatten, trotzdem zwei andere Mädchen,die entweder den Spuk durchschauten oder von Melissa eingeweiht waren, sie kichernd dabei unterstützten. Mit warmem Wasser erweichten sie den hart gewordenen Klebstoff und zupften und zerrten alle drei vorn, hinten und über den Ohren an der Mütze herum, daß er vor Schmerzen jammerte und stöhnte.

Als er, von der Marter endlich erlöst, sich die Innenseite seiner Pelzkappe betrachtete, schrie er auf: »Was? das ist keine Hexenkunst, das ist ja Vogelleim! kein anderer als der Böswichtsbube der Fred ist's gewesen, und du falsche Kammerkatze – ich seh dir's an – hast deine Krallenpfoten, mit denen du mich so grausam am Kopfe gezwickt und gezwackt hast, dabei im Spiele gehabt,« wandte er sich, die Faust schüttelnd, zu Melissa. »Aber wartet, ihr hinterlistigen Satanskinder, das will ich euch ankreiden und mit Zinsen heimzahlen!« Wutschnaubend entwich er aus der Dirnitz, war noch tagelang muckig und einsilbig und schnitt alles Gehänsel über den ihm angetanen Schimpf mit kurzen, derben Worten ab.

Wilfred aber beruhigte die von Goswigs Drohungen eingeschüchterte Melissa mit dem Hinweis, daß sie ja unter dem Schutz der Gräfin stünde, und er selber wüßte nun, wie er mit dem alten Bärbeiß dran wäre und würde, ohne ihn im geringsten zu fürchten, auf seiner Hut vor ihm sein. Damit gab sie sich zufrieden und dankte ihrem Tröster in der zärtlichsten Weise.

Melissa war gegen die Fehler und Untugenden ihres Freundes keineswegs blind und hielt doch treulich zu ihm, obwohl sie keine Hoffnung auf eine glückliche Zukunft an seiner Seite hatte. Was sie eigentlich zu dem übermütigen Gesellen so stark hinzog, davon konnte sie sich selber keine Rechenschaft geben. Es war nuneinmal so, und sie machte sich nicht viel Gedanken darüber.

Aus einer ihr sonniges Dasein etwas verdunkelnden Wolke aber fiel zuweilen ein Tropfen Wermut in den Becher ihrer sprudelnden Lebenslust. Sie hatte erfahren, daß Wilfred sich um die Gunst einer anderen bemühte, und wenn dies auch nicht aus Liebe geschah, so war sie doch stets betrübt und gekränkt, wenn er sich zu jener hinschlich, zu einer, die zum Arbeiten zu faul und zum Denken zu dumm war. Es war die Tochter des Talmüllers, ein noch nicht mal hübsches, verzogenes und launenhaftes Ding, das aber ein nicht unbeträchtliches väterliches Erbe zu erwarten hatte. Nach diesem Goldfisch angelte Wilfred, scharwenzelte um die Begehrenswerte herum und führte seine gerissensten Künste ins Treffen, sie sich gewogen zu machen. Luitgard – so hieß sie – nahm seine Huldigungen einmal entgegenkommend, ein andermal nachlässig hin, wies ihn schnippisch ab oder ermunterte ihn, wenn sie gerade keinen anderen Anbeter am Bändel hatte. Sie besaß nämlich ihres Geldes wegen deren mehrere in der Umgegend, die sie mit gefallsüchtigem Betragen anlockte und mit halben Verheißungen hinhielt und denen sie dann wieder, je nach Laune, hochnäsig und schroff den Rücken zukehrte. So trieb sie auch mit Wilfred ihr leichtfertiges und schnödes Spiel, wollte es jedoch mit ihm ebensowenig wie mit den anderen verderben, weil sie das Schmeicheln und Schöntun junger Männer nicht entbehren konnte. Dem »armseligen Federklauber, dem flattrigen Habenichts, der sich als verlumpter Vagant Gott weiß wie und wo in der Welt herumgetrieben,« die Hand zum Bunde fürs Leben zu reichen, fiel ihr im Traume nicht ein. »Er hat vielleicht einmal einen Tisch und nichtsdarauf, eine Kanne und nichts darin, einen Spieß am Feuer und nichts daran,« hatte sie einmal von ihm gehöhnt.

Heute, am Sonntagnachmittag, eilte er seit langer Zeit zum ersten Male wieder zu ihr, und das war der eine von den zwei Besuchen, nach denen er sich schon lange gesehnt hatte.


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