V.Die Entwicklung der Sage.

V.Die Entwicklung der Sage.

Zuerst, noch im 5. Jahrhundert, hat man die beiden Ereignisse, den Untergang der Burgunden und den Tod Attilas, in ursächlichen Zusammenhang gebracht, indem man letztern als Folge jenes Untergangs hingestellt hat: Hildiko wurde zur nachgelassenen Schwester des Gundicarius gemacht, die ihren Bruder an Attila rächt. Eine Vorgeschichte, die Attilas Zug gegen die Burgunden erklären sollte, dürfte bald hinzugekommen sein: sie schilderte in Anlehnung an die Ereignisse des Jahres 451 die Unterwerfung der westlichen Völker durch die Hunnen. In diesem Rahmen wurde an den Figuren Walthers und Hagens das vorhin erörterte Problem gelöst. Alsdann ist wesentlich später, mindestens ein Menschenalter nach dem Tode der historischen Königin Brunichild 613, also keinesfalls vor der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts, eine poetische Darstellung der fränkischen Geschichtsereignisse des 6. Jahrhunderts angeknüpft worden. Als Vorgeschichte zu den nun verbundenen Sagen von Siegfried und von Attila und den Burgunden hat man dann die, wie es scheint, längst vorhandene Sigmundsage benutzt. Im großen und ganzen dürfte damals die Sage folgenden Gang gehabt haben:

Siegfried, der Hauptheld des ersten Teiles, ist ein Findling, zwar von edler Herkunft — der Sohn des vor seiner Geburt gefallenen Sigmund — aber in niedern Verhältnissen aufgewachsen und erzogen. Sein angeborenes Heldentum befähigt ihn dazu, einen gewaltigen Drachen zu töten und dadurch den großen Hort zu gewinnen, den dieser bewacht hat. So zu unermeßlichem Reichtum gelangt, bewirbt er sich um die Hand der Fürstin Brünhilt (Brunichild in älterer Sprachform), zu der er auf seinen Zügen gelangt. Ihr ist der reiche Held, der so große Taten vollbrachthat, auch recht, aber in ihrem hochmütigen Stolze mag sie sich einem Findling nicht vermählen; so verspricht sie ihm nur, sich ihm so lange aufzubewahren, bis er ein Königtum gewonnen habe (daß ihm das gelingen wird, bezweifelt sie nicht). Inzwischen erlegt sie allen um sie freienden Helden Bedingungen zu erfüllen auf, von denen sie weiß, daß eben nur Siegfried sie erfüllen kann. Siegfried zieht aus, dem Wunsche der Braut nachzukommen; als er an den Hof der Burgunden gelangt, fordert er deren König Günther zum Kampfe um Land und Leute heraus; so erzählt es allein unser Nibelungenlied außerhalb seines eigenen Zusammenhanges, also im Grunde unverständlich; für den Aufbau der alten Sage aber ist jener Zug notwendig und richtig, denn in ihrem Zusammenhange sieht man den Grund der Herausforderung ein[43]. Die Herrscher der Burgunden aber ersehen ihren Vorteil: sie erkennen, was für einen reichen und gewaltigen, aber auch unerfahrenen Helden sie vor sich haben, und beschließen, ihn für ihr Interesse zu gewinnen. Zu diesem Zwecke bieten sie ihm ihre Schwester, die Grimhild, zur Gattin an, nehmen ihn als Schwager, Blutsbruder und Mitbeherrscher in Familie und Reich auf und lösen ihn dadurch von Brünhilt. Siegfried erreicht also das Ziel, das Brünhilt ihm gestellt hatte, indem er sie aufgibt.

Als Günther nun ebenfalls heiraten will, wird ihm Brünhilt als geeignete Gattin genannt, und er wirbt um sie. Allein die Bedingungen, die jedem Freier auferlegt werden, kann er nicht erfüllen; Siegfried, der das Geheimnis ja kennt, löst die Aufgabe an seiner Stelle. Aufgabe und Lösung sind von den verschiedenen Sagenversionen im einzelnen verschieden dargestellt, aber der Sinn ist immer der gleiche: nur Siegfried, auf dessen Heldentum die Bedingungen zugeschnitten sind, kann sie erfüllen. Unmittelbar anschließen muß sich eine Szene, in der Siegfried Günthers Stelle in einer Weise vertritt, die später die üble Nachrede ermöglicht, Brünhilt habe ihre Jungfräulichkeit nicht durchGünther, sondern durch Siegfried verloren; eine Szene, die in der nordischen Darstellung gewiß besser erhalten ist als in der deutschen, weil letztere ihren innern Zusammenhang zerrissen hat. Dann aber fügt sich Brünhilt, da sie doch eines Königs Gattin geworden ist, der (scheinbar wenigstens) ihre Bedingungen erfüllt hat, in ihr Schicksal. Nur fühlt sie es als eine Herabsetzung der Familie, daß ihre Schwägerin, ihres Gatten Schwester, mit einem Findling und landlosen Menschen verheiratet ist, und läßt sie es fühlen. Grimhild aber gibt ihr diesen Vorwurf gesteigert zurück, indem sie ihr vorhält: „Bin ich die Gattin eines Findlings, so bist du in all deinem Hochmut nur seine Kebse, denn er war’s, der dir deine Jungfräulichkeit raubte.“ Hier ist die alte Dichtung auf ihrem Höhepunkte angekommen: Brünhilts Hochmut ist bitter gestraft; wollte sie des landlosen Findlings Weib nicht werden, so muß sie sich dafür seine Kebse schelten lassen. Natürlich kann sie diese Nachrede nicht auf sich sitzen lassen. Sie erweckt absichtlich zunächst den Anschein, als ob die Beschuldigung begründet wäre, und gewinnt dadurch ihren Gatten für Siegfrieds Ermordung. Nachdem der Mord geschehen ist (er wird durch Hagen, Günthers treuesten Mann, ausgeführt), gesteht Brünhilt die wirklichen Geschehnisse, also die Unschuld Siegfrieds, ein und folgt ihm in den Tod. Die Erzählung ist damit zu Ende, denn Grimhild, die Witwe, nimmt von ihren Verwandten die Buße für den Mord ihres Gatten an.

Nach einiger Zeit wirbt um sie Attila, der Hunnenkönig, und sie folgt ihm als Gattin. Bald darauf aber vernichtet Attila Grimhilds Geschlecht und Volk durch Hinterlist. Er ist gierig nach der Macht oder, wie die Sage das ausdrückt, nach dem Schatze der Burgunden. Dieser Schatz wird nun als derselbe betrachtet, den Siegfried einst dem Drachen abgenommen hat; durch seine Ermordung ist er in die Hände der Burgunden gekommen; so ist denn in der Geschichte des Schatzes eine gewisse Verbindung der beiden Sagenteile erreicht. Attila ladet die Schwäger unter dem Scheine der Freundschaft verräterisch ein und läßt sie dann niedermachen. Grimhild aber übernimmt die Rache, indem sie ihren Gatten tötet. Die Rache ist dadurch verstärkt, daß sie das mit Attila gezeugte Kind (oder die Kinder) als Werkzeug benutzt, eine Darstellung, die in der Geschichte keine Grundlage hat, aber schon in der in Rede stehenden ältesten Form der Dichtung vorhanden gewesen sein muß, da nordische und deutsche Versionsie kennen. Vermutlich hat der alte Dichter ein anderswo verwendetes Motiv herübergenommen; wäre die nordische Version sicher alt, so dürfte man an Entlehnung aus der altklassischen Atridensage denken. Mit der Tötung Attilas durch Weibeshand schließt die alte Sage.

Da die historische Brunichild erst im Jahre 613 gestorben ist, andererseits aber unsere Sage spätestens im 9. Jahrhundert nach dem Norden gewandert sein muß, so haben wir nur einen verhältnismäßig eng begrenzten Zeitraum zur Verfügung, innerhalb dessen die eben dargestellte Dichtung (so müssen wir sie doch wohl nennen) entstanden sein muß. Sie kann nicht viel früher entstanden sein als um das Jahr 700, aber auch nicht wesentlich später. Da sie, besonders in ihrem ersten Teile, eine wohl durchdachte, wohl durchgeführte, wirklich dichterisch aufgefaßte Erzählung ist, muß ein einzelner und zwar ein geistig recht hochstehender Sänger der Autor der Erzählung in dieser Form sein. Natürlich versagt uns das Schicksal den Namen dieses Mannes. Die Namen der Sänger jener Zeit sind sämtlich in ewiger Nacht begraben.

Mit der Übertragung der Sage vom Niederrhein aus nach dem Norden im 9. Jahrhundert sind nun einige bestimmte, für die nordische Sagenform charakteristische Veränderungen eingetreten. Die Erzählung muß auch hier wieder zunächst von einem einzelnen Manne, der sie ganz in sich aufgenommen hat, reproduziert und in geschlossener Darstellung hinübergebracht worden sein. Sonst würde man nicht verstehen, daß bestimmte Einzelheiten, die in Deutschland anders berichtet werden, und deren deutsche Wiedergabe zu den historischen Ausgangspunkten besser stimmt als die nordische, so daß sie also historisch richtiger ist als diese, im Norden eine ganz bestimmte feste Form angenommen haben. Es sind im wesentlichen folgende Punkte:

1. Hagen ist nicht bloß der untergeordnete Vasall des Königs Günther, der dessen Befehle unbedingt vollführt und freudig mit ihm in den Tod geht, sondern er ist sein Bruder. Siegfrieds Ermordung ist ihm abgenommen und auf den weniger bedeutenden Gudorm übertragen.

2. Der Name Grimhild, der nach Ausweis der historischen Hildiko zuerst an der Person haftet, die ihn in Deutschland führt, ist merkwürdigerweise zum Namen der Mutter des Königs geworden, die echte Grimhild aber führt durchweg den NamenGudrun. Dieser Name (der mit dem der Heldin des mittelhochdeutschen Gedichtes Kudrun nicht das geringste zu tun hat) ist einfach dem Namen ihres Bruders Günther nachgebildet. Das erste Glied des zusammengesetzten Namens ist das gleiche wie bei „Günther“, das zweite ist eins der am häufigsten vorkommenden Elemente zur Bildung von Frauennamen. Die Neubildung Gudrun ist also gewissermaßen ein Feminin zu Gunnar.

3. Brynhild ist zur Schwester des Atli geworden. Damit hat man wenigstens den Versuch gemacht, eine engere Verbindung der beiden Hauptteile herzustellen, denn Atli hat nun an den Burgunden den Tod seiner Schwester zu rächen.

4. Endlich ist — wohl auch schon seit der Übertragung[44]— die Ermanarichsage als dritter Teil an die Erzählung angeknüpft. Diese Sage, die in Deutschland aufs engste mit der Dietrichsage verbunden erscheint, muß, da von letzterer im Norden keine Spur sich findet, sehr frühzeitig und selbständig dorthin gewandert sein.

Die Weiterentwickelung der Sage im Norden brauchen wir hier im einzelnen nicht zu verfolgen. Sie hat sich, wie wir gesehen haben, in lauter Einzeldarstellungen aufgelöst und eine wirkliche Zusammenstellung nicht mehr erfahren. Ein Dichter behandelt diesen Teil, ein anderer einen andern; der eine gibt das dazu, der andere jenes; so kommt eine wüste Verwirrung zustande, in der sich zurechtzufinden schwer ist. Neue Zusätze sind im Norden vor allen Dingen diejenigen, welche die Götterwelt mit hineinziehen; sie ist ganz sekundär in die Sage hineingetragen und hat ursprünglich in ihr keinen Platz. Auch die Idee, daß Brynhild eine vermenschlichte Walküre sei, also ein ursprünglich übermenschliches Wesen, das durch den Gott strafweise in die Menschheit versetzt worden sei, ist spezifisch nordisch und nicht einmal einheitlich durchgedrungen, sondern nur von einem einzelnen Dichter hineingebracht.


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