b) Sage und Mythus.
Besitzen wir so für den zweiten Teil der Sage eine einwandfreie geschichtliche Grundlage, so ist es leider bis jetzt noch nicht möglich gewesen, eine solche mit einiger Sicherheit für den ersten Teil (d. i. die Geschichte, die mit Siegfrieds wunderbarer Jugend beginnt und mit seiner Ermordung schließt) zu finden. Man hat deshalb für diesen Teil ganz besonders lange, ja bis heute noch, an der Behauptung festgehalten, er beruhe auf mythischen Grundlagen, d. h. es seien vermenschlichte Götter, die uns hier vorgeführt würden, die Dichtung behandle also im Grunde nicht Schicksale von Menschen, sondern Ereignisse der Natur.
Bevor wir zu dieser Anschauung Stellung nehmen, dürfte es sich empfehlen, die Begriffe „Sage“ und „Mythus“ möglichst genau festzulegen. Was „Sage“ ist, läßt sich aus der eben behandelten Herkunft des Stoffes der Attila-Burgunden-Erzählung am besten erkennen: „Sage“ ist eine Form der Überlieferung historischer Ereignisse, die sich von andern Formen (der annalistischen oder der pragmatischen Geschichtschreibung) in erster Linie dadurch unterscheidet, daß sie im wesentlichen auf mündlichem Wege weitergegeben wird; die Möglichkeit, alle Angaben auf ihre Richtigkeit zu prüfen, ist außerordentlich gering; um so größer ist die Einwirkung derjenigen Männer, in deren Händenihre Pflege liegt; so wird sie denn bald von dichterischem Beiwerk dicht umrankt, ist aber doch ihrem Ausgangspunkt nach Geschichte und beansprucht das so lange zu sein, solange nicht eine urkundliche Kontrolle sie unrichtiger Angaben überführt.
Den Ausdruck „Mythus“ dagegen beschränken wir am richtigsten auf diejenigen Erzählungen, die der naive Mensch als Erklärung von Naturerscheinungen vorgebracht hat; sie verdanken ihre Entstehung dem menschlichen Bedürfnis, für die zur Empfindung gelangenden Wirkungen der Naturkräfte die hinter ihnen liegenden Ursachen zu finden. Wie also „Sage“ das Resultat einer naiven Weltgeschichte ist, so darf man „Mythus“ als das Resultat einer naiven Naturgeschichte bezeichnen. Der Mythus erklärt die großen Naturkräfte, besonders diejenigen, die das Klima beeinflussen, als das Wirken großer Götter, das geheimnisvolle Treiben in der scheinbar unbelebten Natur als Lebensäußerungen mehr oder minder mächtiger dämonischer Wesen, die eigenartigen Tatsachen des Traumes und des Todes als Folge des möglichen körperlosen Daseins der menschlichen Seele. So ist denn der Mythus in erster Linie Grundlage der Religion; solange er rein existiert (und das tut er in vieler Beziehung noch heute, sei es im Glauben, sei es im Aberglauben), ist er wirklich, und kann also jeder Erzähler seine Helden mit mythischen Wesen in Zusammenhang darstellen, da seine Zuhörer die Möglichkeit eines solchen Zusammenhanges für ihre eigenen Personen ohne weiteres zugeben; ich verweise zur Erläuterung auf die Wirkung von Gespenstergeschichten, wenn sie im Kreise abergläubischer Menschen vorgebracht werden.
Damit ist nun die Möglichkeit mythischen Beiwerks in der Sage ohne weiteres zugegeben, dagegen die Möglichkeit mythischen Ursprungs einer Sage noch keineswegs erwiesen. Ich will nun eine solche nicht allgemein leugnen, muß aber behaupten, daß ein Mythus einen sehr langen Weg zu durchlaufen hat, ehe er als Sage in die Erscheinung treten kann. Ein solcher Weg dürfte etwa der folgende sein: die naive Erklärung einer Naturerscheinung verdichtet sich zur Erzählung von den Taten einer Gottheit; diese Gottheit, erst hochverehrt, sinkt allmählich in der Achtung infolge fortgesetzt wachsender menschlicher Erkenntnis; hauptsächlich ist es naturgemäß die menschliche äußere Form der Götterhandlung, die einst der naive Mensch mangels einer bessern zur Darstellung der Naturerscheinung gewählt hat, die abernunmehr, unverstanden, den Spott des fortgeschrittenen herausfordert. Schließlich kommt ein Erklärer mit der Behauptung heraus, der angebliche Gott sei überhaupt nur ein göttlich verehrter Mensch der Vorzeit; soweit hat eben das menschliche Beiwerk bereits den alten Grundgedanken überwuchert. Nun erst ist der Punkt erreicht, an dem der Mythus zur Sage werden kann. Die altgriechischen Göttergeschichten haben im allgemeinen den eben geschilderten Weg durchlaufen; wie selten aber ist ihre Entwicklung so weit gediehen, daß der Held des ursprünglichen Mythus überhaupt nur noch als Mensch empfunden worden ist!
Die germanische Götterwelt war, als das römische Christentum ihre Herrschaft beendete (vom vierten nachchristlichen Jahrhundert an), in ihrer Entwickelung überhaupt noch nicht weit gediehen; es scheint vielmehr, als ob die schemenhaften Gestalten, in denen die alten Götter noch bis in die neueste Zeit umgehen, gerade das wären, was die Germanen in vorchristlicher Zeit an religiösen Vorstellungen besessen hätten. Daraus erklärt sich denn die rasche und kampflose Annahme des Christentums bei allen südlichen Germanen; der alte Volksglaube wurde dabei kaum angetastet, sondern rückte nur in die zweite Linie. Erst bei denjenigen Germanen, die sich längere Zeit feindlich an ihren christlichen Stammverwandten gerieben haben, erscheint der alte Götterglaube zur wirklichen Religion erhoben, ja zur Göttersage ausgebildet; so bei den Sachsen und den nordischen Völkern.
Daß also der Kern des ersten Teiles unserer Nibelungensage mythischen Ursprungs sei, also Siegfried etwa als vermenschlichter Sonnengott gedacht werden könne, der in der Jugend strahlend die Mächte der Finsternis überwunden hat, um ihnen am Ende seiner Laufbahn wieder zu verfallen, vermag ich unter diesen Umständen nicht zu glauben. Mythisches Beiwerk wird selbstverständlich nicht geleugnet, doch beweist dies, wie wir gesehen haben, nichts für mythischen Ursprung. Wir müssen uns nach andern Erklärungsmöglichkeiten der Siegfriedsage umsehen.
Es wäre denkbar, daß die Siegfriedgeschichte nicht einheimischen Ursprungs, sondern im wesentlichen aus dem Auslande übernommen wäre (man hat z. B. an eine Umdichtung der Argonautensage gedacht: goldenes Vließ = Nibelungenhort, Jason = Siegfried, Medea = Brünhilt); dann müßte die eigentliche Erklärung sich mit der ausländischen Grundlage beschäftigen. Allein die Versuche dieser Art sind ebenso als gescheitert anzusehenwie die eben abgelehnten, weil sie ebensowenig vom eigentlichen Kernpunkt der Erzählung ausgehen; dieser Kernpunkt aber ist der Zank der Königinnen. Es bleibt nur die Möglichkeit der historischen Ableitung, und zwar nach zwei Seiten hin: 1. entweder ist die ganze Geschichte in allen wesentlichen Punkten historisch, und nur die Dürftigkeit der beglaubigten Geschichte gestattet uns nicht, sie in dieser wiederzufinden, oder 2. der (uns wohlbekannte) historische Ausgangspunkt ist von der Dichtung derart überwuchert, daß er eben deshalb schwer zu erkennen ist. Im ersten Falle müssen wir uns bescheiden; im zweiten Falle dürfen wir noch eine Erklärung erhoffen.