c) Die Merowinge.
Es gibt eine Periode der Geschichte, in der alle wesentlichen Motive der Siegfriedsage sowie mehrere Personen mit Namen, die denen dieser Sage gleich oder ähnlich sind, beisammen gefunden werden: das ist die Zeit der Enkel des Frankenkönigs Chlodowech. Sein Sohn Chlothachari I., der das ganze fränkische Reich in seiner Gewalt vereinigt hatte, starb 561 und hinterließ vier Söhne; einer von ihnen, Charibert, starb bereits 567 sohnlos, und es blieben seine drei Brüder übrig, deren gleichzeitige Herrschaft die lange geltende Dreiteilung des Frankenreiches begründete: Sigebert herrschte in Austrasien (Ostfranken), Chilperich in Neustrien (Westfranken), Gunthchramn im südlichen Teile des Reiches, der nach dem dazu gehörigen Hauptlande Burgund genannt wurde. Von der damals geltenden Sitte, einheimische, also nicht ebenbürtige Frauen zu heiraten, wich zuerst im Jahre 567 Sigebert ab, indem er sich mit Brunichild, der Tochter des in Spanien herrschenden Westgotenkönigs Athanagild, vermählte. Ihr feierlicher Einzug in Frankreich machte auf die Zeitgenossen großen Eindruck, der aus den Berichten des Hofdichters Fortunatus und des Historikers Gregor von Tours noch hervorleuchtet. Besonders aber stach den Herrschern die reiche Mitgift, die die königliche Braut einbrachte, der „Hort“, in die Augen; ist doch in jener Zeit die Größe des Schatzes, den ein König besitzt, bestimmend für die Größe seines Einflusses und damit seiner Macht. So verstieß denn auch Chilperich seine bisherigen Weiber (er hatte deren mehrere), unter denen Fredegund hervorragt, und bewarb sich um Brunichilds Schwester Gailswinth; sie ward ihm mit reicher Mitgift vermählt. Alleinals Chilperich diese einmal in der Hand hatte, geriet er bald wieder unter den Einfluß der Fredegund und ließ Gailswinth erdrosseln. Dieser Mord war die Ursache der immer wieder ausbrechenden Fehden zwischen Sigebert und Chilperich, bzw. ihren Nachkommen, bis zum Erlöschen der einen Linie im Jahre 613.
König Athanagild war kurz vorher gestorben, und, da Spanien damals ein Wahlreich war, hier ein anderes Geschlecht auf den Thron gekommen; so fiel der Brunichild die Pflicht der Rache für den Tod ihrer Schwester zu. Die einzelnen Phasen des Kampfes brauchen wir hier nicht zu betrachten; kurz, im Jahre 575 gewann Sigebert vollen Sieg über Chilperich und ward sogar von den Neustriern als ihr König auf den Schild erhoben. Kurz darauf aber erlag er bei einer Heerschau in Vitry den Streichen der von Fredegund ausgesandten Mörder.
Von den in der Geschichte noch folgenden Ereignissen ist für uns nur von Wichtigkeit, daß Brunichild erst für ihren jungen Sohn Childebert († 595), dann für dessen Söhne, ihre Enkel, schließlich (613) sogar für ihre Urenkel die Regierung zu führen und ein mächtiges Königtum gegenüber dem trotzigen Adel zu behaupten sucht, zuletzt aber doch unterliegt: der Adel liefert sie 613 dem Sohne ihrer Feindin Fredegund, Chlothachari II., aus, und sie wird getötet. Nicht selten hat sie, gewaffnet zu Rosse sitzend, die Vasallen persönlich im Zaum gehalten.
Die Erinnerung an die große Regentin Ostfrankens ist jedenfalls lange nicht erloschen; so führt z. B. eine alte Römerstraße im südlichen Belgien noch heute volkstümlich den Namenchaussée Brunehaut(Brünhildenstraße), man hat also Kulturanlagen an den Namen der berühmten Königin angeknüpft; und am nördlichen Abhange des Feldbergs im Taunus heißt ein vereinzelter, vier Meter hoher Fels schon seit dem frühen Mittelalter der „Brunhildenstein“; wenn eine alte Urkunde für diesen die Bezeichnunglectulus Brunnihildaegebraucht, so dürfte dies nicht als „Bett“, sondern als „Königssitz“ der Brünhilt zu deuten sein; der gepolsterte Hochsitz des Herrn istlectum(man vergleiche das altfranzösischelit de justice). Auf jeden Fall meinen diese örtlichen Benennungen zunächst die geschichtliche Königin und erst in zweiter Linie die aus ihr erwachsene Sagenfigur. Wohl aber kann die alte Lokalisierung der Gnitaheide (S. 19 Anm.) in der Nähe des Feldbergs durch den überlieferten Namen jenes Felsens veranlaßt sein.
In der Geschichte der Merowinger im 6. Jahrhundert finden wir, meine ich, alle wesentlichen Punkte der Siegfriedsage, wenn auch in anderer Gruppierung, beisammen, vor allem den Zank der Königinnen und als seine Folge die von Verwandten herbeigeführte Ermordung des Königs Sigebert, der seinen Zeitgenossen als der herrlichste Held unter seinen Brüdern erschien. Der Name Sigebert ist zwar nicht identisch mit Siegfried, allein dieser Name steht in unserer Sage ja auch nicht fest, da er nordisch Sigurd (das wäre deutsch Siegwart) heißt; wir finden also drei Formen nebeneinander, die althochdeutschSigiberht,Sigifrid,Sigiwartheißen würden; der zweite Teil ist verschieden, überall aber beginnt er mit Labial, schließt mit Dental und enthält r; die Vertauschung der Formen ist also leicht begreiflich. Der Charakter des Königs ist in dem des sagenhaften Siegfried leicht wiederzuerkennen; der Ort seines Todes ist in der nordischen Version (gelegentlich einer Volksversammlung) leidlich festgehalten. Die ausländische, reiche und waffengewaltige Brunichild deckt sich nach Namen und Charakter völlig mit der Brynhild der Sage; ihre Schicksale allerdings sind wesentlich verschoben. Die verhältnismäßig unbedeutende Gailswinth ist in der Sage vergessen; ihre Schwester vertritt sie mit: an Stelle der Ermordung ist das Herausdrängen aus der ihr rechtmäßig gebührenden Ehe durch ihre Rivalin getreten. Damit fallen zugleich Chilperich und Sigebert in eine Person zusammen. Nicht unwesentlich ist noch Gunthchramn von Burgund, der gelegentlich in den gewaltigen Frauenkrieg eingreifende dritte Bruder; er erinnert in Namen und Stellung so sehr an den alten Burgundenkönig Gundicari, daß man wohl annehmen darf, durch die Gleichsetzung beider sei die Attila-Burgunden-Geschichte mit der vom Kriege der beiden Königinnen und Sigeberts Ende vereinigt worden.
Die Vereinigung beider Erzählungen kann nicht vor der Mitte des 7. Jahrhunderts stattgefunden haben, weil doch mindestens etwa ein Menschenalter seit Brunichilds Tode vergangen sein muß, ehe die Erinnerung an sie und ihre Zeit so wirr werden konnte, wie sie bei unserer Annahme geworden ist. Infolge der Vereinigung ist dann Grimhild, die Hauptheldin des 2. Teiles, mit Fredegund identifiziert worden oder vielmehr dem Namen nach an ihre Stelle getreten. Das hat ohne weiteres eine wichtige Änderung zur Folge: ist Grimhild-Fredegund eine Schwester des Gundicari-Gunthchramn (wie die Attila-Burgundensageannimmt), so kann ihr Gatte Sigebert nicht ein Bruder des letztern sein; Sigebert scheidet deshalb in der Sage aus der Familie, der er historisch angehört, aus und wird zu einem Manne unbekannten Ursprungs oder, wie die Sage es ausdrückt, zu einem Findling. Damit ist ihr weiter Gelegenheit gegeben, an dieser Stelle noch andern Stoff anzuknüpfen.
Nach unserer Auffassung wäre also der erste Teil der Sage in Wirklichkeit um mehr als hundert Jahre später entstanden als die zweite; das darf uns nicht irre machen, denn es ist eine Eigenart menschlichen Erinnerns, daß alles Vergangene sich gewissermaßen auf eine Fläche projiziert und zeitlich unbestimmt nebeneinander liegt; verknüpft ein Späterer zwei in der Vergangenheit liegende Erzählungen miteinander, so hat er volle Freiheit für die Bestimmung der Zeitfolge. In unserer Sage hat der zweite, ältere Teil den ersten, jüngern bei der Vereinigung stark beeinflußt; der letztere ist eben deshalb schwer als Fortsetzung der ihm zugrundeliegenden historischen Ereignisse zu erkennen.
Siegfrieds Ermordung wird, wie wir gesehen haben, in Skandinavien und Deutschland verschieden berichtet: dort geschieht sie auf dem Ritt zur Volksversammlung (entsprechend dem Tode König Sigeberts 575), hier auf der Jagd im Odenwalde. Auch für die letztere Darstellung läßt sich unschwer eine historische Grundlage finden: der letzte König der ripuarischen Franken, Sigebert, wurde um 510 auf Befehl seines Sohnes Chloderich, den König Chlodowech dazu aufgereizt hatte, im Walde Buchonia ermordet; der Name Buchonia umfaßt die östlich des Mittelrheins gelegenen Waldgebirge, also auch den Odenwald mit. Die Übereinstimmung dieser historischen Angabe mit der deutschen Darstellung von Siegfrieds Ermordung ist so groß, als sie bei der Knappheit jener Überlieferung nur sein kann; wir dürfen also wohl annehmen, daß die Erzählung vom Tode dieses ältern Sigebert gelegentlich an die Stelle derjenigen, die den Mord des Jahres 575 berichtete, getreten ist; beide Sigebert wurden infolge Namensgleichheit zusammengeworfen, die Ermordung infolge Hinterlist der Verwandten von den Sängern bald nach der ältern, bald nach der jüngern Version dargestellt.
Aus der Geschichte der Merowinge stammt auch der Ansatz, daß die Burgundenkönige als in Worms regierend gedacht werden; der historische Gundicari kann nicht wohl an anderer Stelleals in der römischen Metropolis Obergermaniens, das war Mainz, seinen Amtssitz gehabt haben; in etwas späterer Zeit aber führen nur zwei Städte des fränkischen Reiches in Königsurkunden den auszeichnenden Titelcivitas publica, weil sie königliche Pfalzen enthielten, nämlich in Westfranken Poitiers und in Ostfranken Worms (Rietschel, Die Civitas, 1898, S. 75); es springt in die Augen, daß der besondere Rang dieser Stadt die Ursache gewesen ist, die berühmten Könige der Sage in ihr hausen zu lassen.