d) Einzelheiten.

d) Einzelheiten.

Nachdem durch die Verknüpfung der Attila-Burgundensage mit der vom Streite der Königinnen und Siegfrieds Ermordung deren Hauptheld aus der ihm historisch zukommenden Familienstellung herausgedrängt und zum Findling geworden war, gab das Rätsel seiner Herkunft die Möglichkeit an die Hand, eine bereits vorhandene Sage ältern Ursprungs vorzuschieben und anzuknüpfen. Im altenglischen Gedichte Beowulf wird gelegentlich Bezug genommen auf die Taten des Sigemund, des Sohnes des Wæls, und seines Neffen Fitela; gemeinsam, heißt es hier, haben sie alle Gefahren bestanden, nur die Tötung des Drachen hat Sigemund allein vollbracht und dadurch den großen Hort gewonnen. Die Geschichte von Sigmund und Sinfjotli (dessen Name ohne das vorgeschobene Sin- sich mit „Fitela“ völlig deckt) ist in der Volsungasaga ausführlich erzählt und nach ihr vorhin im Auszuge wiedergegeben worden; sie ist so, wie sie vorliegt, gewiß erst in späterer Zeit ausgestaltet worden, denn sie berührt sich in ihrem Verlaufe aufs nächste mit der nordischen Form der Attila-Burgundensage: Siggeir entspricht dem Atli, der die Verwandten seiner Frau in böser Absicht einladet, Signy der Gudrun, auch darin, daß sie die mit ihrem Gatten erzeugten Kinder der Rache am Gatten opfert. Also Beeinflussung durch den zweiten Hauptteil unserer Sage ist wohl anzunehmen, die alte Gestalt der Sigmundsage demnach schwerlich erhalten; daß Fitela im Beowulf Sigemunds Neffe heißt, ist natürlich kein Widerspruch, denn auch Sinfjotli wächst als Sohn der Signy von Siggeir auf, ist also zunächst nur Sigmunds Neffe.

Das Gedicht Beowulf schreibt dem Sigemund Drachentötung und Hortgewinn zu, also die Haupttaten, die sonst vom jungen Siegfried berichtet werden; da dies Gedicht überhaupt das ältesteZeugnis für unsere Sage ist, wäre es unmethodisch, einfach eine ihm untergelaufene Verwechselung mit Siegfried anzunehmen. Bei der vorgetragenen Meinung vom Ursprung der Siegfriedsage muß uns der Bericht des Beowulf vielmehr willkommen sein: Drachentötung und Hortgewinn wurden ursprünglich von Sigmund erzählt und erst nach Verbindung beider Sagen auf Siegfried übertragen. Sonst sind noch aus der Sigmundsage entnommen eben der Name Sigmund (in Deutschland ihr letzter Rest) und der (in Deutschland nicht geläufige) Geschlechtsname der Wolsunge. Den Ursprung der Sigmundsage aber aufzuhellen, gibt es kein Mittel, weil wir überhaupt keine unbeeinflußte Darstellung derselben mehr besitzen.

Aus den bisher vorgeführten historischen Ereignissen lassen sich wohl die Grundzüge der Nibelungensage ableiten, allein noch sind eine Reihe wichtiger Einzelheiten übrig, die vorläufig ganz unerklärt geblieben sind. Zuerst der Name „Nibelunge“ selbst. Er erscheint in Deutschland in zwei verschiedenen Bedeutungen, im Norden (wo er Niflungar heißt) nur in einer, die mit einer der in Deutschland üblichen zusammentrifft; methodisch folgerichtig kann man nur diese als die ursprüngliche ansehen: sie versteht unter Nibelungen das Königshaus und dann auch das Volk der Burgunden. Woher stammt der Name? Die einfachste Annahme wäre die, das burgundische Königshaus habe wirklich den Geschlechtsnamen „Nibelunge“ geführt (wie das ostgotische den Namen „Amelunge“ u. dgl.); allein die beglaubigte Geschichte gibt dafür gar keinen Anhalt. Als Personenname ist „Nibulung“ häufig in einem Zweige der fränkischen Arnulfinge: Majordomus Pipin der Mittlere († 714) hatte neben ehelichen Kindern mehrere unebenbürtige Söhne, von denen Karl der Hammer das Haus der Karlinge begründet, Childebrand aber der Vater des ersten bekannten Nibulung ist; der Name erscheint dann bis zum Schlusse des 9. Jahrhunderts noch häufig, und zwar immer so, daß man seine Träger als Angehörige jener Familie betrachten kann. Das sind aber alles Rheinfranken, also Angehörige jenes Volkes, das lokal der Nachfolger von Günthers Burgunden ist. Es liegt also nahe, anzunehmen, daß der Name eines im 8. Jahrhundert dort mächtigen edeln Geschlechtes auf die Familie der alten Burgundenkönige übertragen worden ist[40].

Die nur in Deutschland vorkommende zweite Bedeutung des Namens „Nibelunge“ versteht sie als die ursprünglichen Besitzer des „Hortes der Nibelunge“. Dieser Hort trägt seinen Namen sicher von seinen letzten Besitzern; nachdem man sich aber einmal gewöhnt hatte, ihn „der Nibelunge Hort“ zu nennen, übertrug man diese Bezeichnung auch in die Zeit, da er den Nibelungen noch gar nicht gehörte, und gab so Veranlassung zu der Annahme früherer Nibelunge, als der ursprünglichen Besitzer desselben.

Der Hort selbst versteht sich aus der Zeit der historischen Ereignisse und ihrer ältesten Umdichtungen unseres Stoffes ohne weiteres: er ist in jener Epoche zugleich materielle Grundlage und Symbol aller Königsgewalt. Man erinnere sich, welche Rolle die Mitgift der westgotischen Fürstinnen spielt. So war er geeignet, den roten Faden darzustellen, der durch die gesamte Erzählung sich hinzieht. Für seine Herkunft bot die angeknüpfte Sigmundsage eine geeignete Geschichte dar: er ist einem schatzhütenden Drachen abgenommen; das ist ein uraltes Motiv, das uns schon in den ältesten Sagen des klassischen Altertums entgegentritt. Über den Drachen hinaus brauchte man zunächst die Geschichte des Schatzes nicht zu wissen; spätere Wißbegier hat aber auch hier weitergehende Fragen gestellt und beantwortet. So entstand im Norden die Erzählung von Hreidmar, Andvari und dem Eingreifen der Götter; sinnig ist dabei die Habgier, die der Reichtum erregt, als Wirkung eines Fluches des ersten Beraubten hingestellt. In Deutschland, wo man die Zusammengehörigkeit von Drachen und Schatz früh vergessen hatte, entstand auf gleichem Wege, wie vorhin angegeben, das unhistorische Volk der Nibelunge.

Daß man sich den Hort schließlich im Rheine versenkt dachte,ist sicher eine Folge des Umstandes, daß man aus ihm Gold gewann: man betrachtete dieses Gold als Spuren eines (unseres) versenkten Schatzes.

Noch mangelt uns die Herleitung mehrerer einzelner Heldenfiguren, die gerade, je länger der alte Stoff lebt und besungen wird, um so mehr in den Vordergrund treten; von ihnen ist in erster Linie Hagen zu nennen; er war, wie die Übereinstimmung der nordischen und deutschen Version zeigt, schon in der ältesten erreichbaren Form der Nibelungensage als bedeutende Person vorhanden, hat aber in den historischen Vorgängen seine Erklärung nicht gefunden. In Deutschland gilt er als vornehmster Vasall Günthers und eigentlicher Mörder Siegfrieds; im Norden heißt er (als Hogni) Gunnars Bruder, direkte Tätigkeit bei der Ermordung Sigurds wird ihm nicht zugeschrieben. Welche Fassung in diesem Falle altertümlicher ist, kann nicht zweifelhaft sein: die deutsche; denn aus der Familie des Königs fällt er seines Namens wegen heraus: alle nahen Verwandten Günthers haben mit G beginnende Namen, in der Geschichte sowohl wie der Sage, eine Erscheinung, die in der altgermanischen Sitte und Sprache begründet ist; Hagen also gehört ursprünglich nicht zu ihnen. Siegfrieds Ermordung ist ihm aber sicher erst im Norden abgenommen worden, weil er, einmal zu Gunnars Bruder geworden, durch den eingegangenen Blutsbund an solcher Tat verhindert war; sie wäre zu schändlich und von solchem Helden nicht begreiflich gewesen. So müssen wir von seiner Stellung in der deutschen Sagenform ausgehen. Historisch könnte er höchstens die Fortsetzung des persönlich unbedeutenden Mörders des Sigebert, sei es des ripuarischen oder des Gatten der Brunichild, sein, also einer untergeordneten Person, die nur Werkzeug war; von diesem Ausgangspunkte aus begreift man den Hagen der Dichtung schwer.

Nun erscheint derselbe Hagen in einer andern, nahe verwandten Sage an bedeutsamer Stelle, die so beschaffen ist, daß ohne diesen Helden die Erzählung ohne Spitze wäre; hier ist er also im Grunde wichtiger als in der eigentlichen Nibelungensage, hier dürfte die Figur demnach ursprünglich erwachsen sein. Ich meine Walthersage. Sie ist uns frühzeitig berichtet und zwar 1. vollständig durch das um 930 entstandene lateinische Gedicht des St. Galler Mönches Eckehard I., und 2. in Bruchstücken eines altenglischen Epos aus dem 8. oder 9. Jahrhundert;beide stimmen so genau überein, daß sie eine deutsche Dichtung dieses Inhalts mindestens aus dem 8. Jahrhundert bezeugen. Der Inhalt ist kurz der folgende: Attila der Hunnenkönig überzieht die westlichen Länder mit Krieg; alle aber ziehen Unterwerfung vor, zahlen Tribut und stellen Geiseln: der König der Burgunden (die der Mönch Eckehard, an die zeitgenössischen Verhältnisse sich anschließend, Franken nennt) Gibich den jungen Edelmann Hagen, zwei andere, in Gallien regierende Herrscher, der eine die Tochter Hiltegund, der andere den Sohn Walther. Die Geiseln werden am hunnischen Hofe standesgemäß erzogen, und Hagen und Walther entwickeln sich zu gewaltigen Kriegshelden, die miteinander innige Freundschaft (den heidnischen Blutsbund) schließen; Hiltegund aber erhält die Aufsicht der königlichen Schatzkammer. Nun stirbt König Gibich; sein Sohn und Nachfolger Günther sagt den Hunnen sofort den Gehorsam auf und bringt dadurch seinen Geisel Hagen in eine gefährliche Lage, der sich dieser durch Flucht entzieht. Der nun allein zurückgebliebene Walther erficht bald darauf in Attilas Dienst einen großen Sieg; das zu seiner Feier veranstaltete Fest benutzt er, um ebenfalls der Knechtschaft zu entgehen: er verabredet mit Hiltegund, die er sich verlobt, den Plan zur Flucht, macht die Hunnen bei dem Feste trunken und entkommt mit ihr; den ihr anvertrauten Schatz nimmt Hiltegund mit. Als die Hunnen ihren Rausch ausgeschlafen haben, wagt keiner, den berühmten Kriegshelden zu verfolgen. So können sie ungefährdet den Rhein erreichen, den sie in Worms überschreiten. Durch den Fährmann, der sie übergesetzt hat, gelangt die Kunde an Günthers Hof; Hagen erkennt an der Beschreibung, wer die Fremden gewesen sind, veranlaßt aber dadurch wider seinen Willen den Günther, sie zu verfolgen. Im Wasgenwalde werden die Flüchtlinge gestellt und gegen Hagens Rat angegriffen; Walther aber erwehrt sich der Feinde. Hagen beteiligt sich zunächst, seiner Freundschaft mit Walther wegen, nicht; erst als dieser, obgleich gezwungen, den Patafrid, Hagens Schwestersohn, getötet hat, läßt er sich von Günther bestimmen, einzugreifen. Der Schlußkampf endet damit, daß die drei namhaften Helden, nachdem sie schwer verletzt sind, sich vertragen; Walther gelangt mit Hiltegund in seine Heimat.

In dieser Sage haben wir eine verhältnismäßig einfache Erzählung auf klar historischem Hintergrund. Die Rahmenerzählungbenutzt die Tatsache von Attilas Feldzug nach Gallien im Jahre 451 und macht den Eindruck, als ob sie zunächst als Vorgeschichte der Attila-Burgundensage (des 2. Teiles unserer Nibelungensage) gedacht gewesen wäre, als sie noch ohne Siegfriedsage bestand; jene erzählt von der Vernichtung der Burgunden durch Attila, die Walthersage berichtet, wie die Burgunden den Hunnen zinspflichtig werden und wieder abfallen, gibt also eine Begründung für jene. Auf diesen Hintergrund ist nun die Erzählung von Hagens und Walthers Freundesbund und Kampf in einer Weise gebracht, die den Eindruck erweckt, als ob ein Dichter des 7. oder 8. Jahrhunderts das Problem aufgeworfen und zu lösen versucht hätte: wie hat sich der Krieger zu entscheiden, wenn er vor die Frage gestellt wird, entweder die Freundes- oder die Mannentreue zu brechen? Sie ist in der Walthersage zugunsten der Mannentreue beantwortet; die Verletzung der Freundestreue wird allerdings durch die vorhergehende Tötung des Patafrid erleichtert[41]. Jedenfalls aber hat der alte Dichter in Hagen den Typus der alle andern Rücksichten hintenansetzenden Mannentreue geschaffen; als solcher eignet sich Hagen, nachdem einmal die Siegfriedgeschichte hinzugekommen ist, vorzüglich zum Mörder des von allen sonst zu sehr verehrten Helden. Hagen ist somit keine historische, sondern eine durch die Dichtung geschaffene Figur.

Als Hagens Heimat gilt in der deutschen Sage ein geographisch ganz unbekanntes Tronje; schon die mittelhochdeutschen Dichter wissen mit diesem Ortsnamen nichts Rechtes anzufangen und identifizieren ihn gelegentlich mit bekannten, z. B. mit Troyes in der Champagne, oft aber erscheint statt Tronje direkt Troye, Troja (so in der Thidrikssaga); ja, schon die älteste Quelle, eben Eckehards Waltherdichtung, nennt Hagenvenientem de germine Trojae. Nun ist „Tronje“ eine ganz undeutsche Bildung; wäre sie alt, so würde der Ort „Trünne“ oder ähnlich lautenmüssen[42]. Da nun die Franken seit der Besitznahme Galliens sich nach dem Vorbilde der Römer trojanischer Abkunft rühmten, so ist mir immer noch das wahrscheinlichste, daß in Tronje eine verdunkelte Erinnerung an Troja steckt. Die fränkische Trojanersage spielt übrigens vielleicht noch an einer andern Stelle in unsern Stoff herein: darin, daß aus Siegfrieds Reiche im Nibelungenliede gerade nur das Städtchen Xanten genannt wird. Denn dies ist die Fortsetzung der alten RömerstadtColonia Trajana, die man, nachdem Kaiser Trajans Gedächtnis erloschen war, alsColonia Trojanaverstand; Xanten heißt daher auch Klein-Troja (lützel Troye). Doch höchstens in der Wahl gerade dieses Ortes für den Sitz Sigemunds hat die Trojanersage bestimmend gewirkt, sonst ist sie ohne Bedeutung für Siegfrieds Geschichte geblieben.

Neben Hagen tritt später in der deutschen Version sein treuer Kampfgenosse Volker der Spielmann; er ist dem Nibelungenliede und der Thidrikssaga gemeinsam geläufig. Seine Figur verdankt ihre Entstehung wohl den fahrenden Spielleuten, die nicht leicht unterließen, in den von ihnen behandelten Stoffen ihresgleichen möglichst in den Vordergrund zu rücken; in unserer Sage haben sie es, im Anschluß an damals geübte Sitte, dadurch getan, daß sie im Gefolge der namhaften Könige Spielleute auftreten ließen: bei Etzel den Werbel und den Swemmel, bei Günther den Volker. Während jene im Nibelungenliede einfache Leute geblieben sind, erscheint Volker aus der alten niedern Sphäre herausgehoben; den Grund erkennt man aus folgender Strophe (TextB1477 Bartsch):

Wer der Volkêr wære,daz wil ich iuch wizzen lân:er was ein edel herre;im was ouch undertânvil der guoten reckenin Burgonden lant.durch daz er videln kunde,was er der spilman genant.

Wer der Volkêr wære,daz wil ich iuch wizzen lân:er was ein edel herre;im was ouch undertânvil der guoten reckenin Burgonden lant.durch daz er videln kunde,was er der spilman genant.

Wer der Volkêr wære,daz wil ich iuch wizzen lân:er was ein edel herre;im was ouch undertânvil der guoten reckenin Burgonden lant.durch daz er videln kunde,was er der spilman genant.

Wer der Volkêr wære,daz wil ich iuch wizzen lân:

er was ein edel herre;im was ouch undertân

vil der guoten reckenin Burgonden lant.

durch daz er videln kunde,was er der spilman genant.

Dem Dichter des Nibelungenliedes ist offenbar der einfache Spielmann nicht gut genug gewesen (ebensowenig wie der Findling Siegfried); er erhebt ihn deshalb zum edeln Herrn und erklärt die Bezeichnung „Spielmann“ aus seiner Kunstfertigkeit. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts hat ja auch die Annahme dichtender und musizierender Edelleute nichts seltsames mehr.

Schließlich tritt noch, aber nur im Nibelungenliede, Hagens Bruder Dankwart über das Durchschnittsmaß hervor; er ist des Königs Marschall und hat als solcher Führung und Pflege der großen Schar von Knechten, die mit nach dem Hunnenlande ziehen. Mit diesem Heere steht und fällt Dankwart: seine Figur ist von demselben Autor geschaffen, dem die verhältnismäßig einfache Grundlage der Erzählung nicht mehr zeitgemäß erschien, eben dem eigentlichen Dichter unseres Liedes. Wir haben bei der Analyse desselben vorhin gesehen, daß alle Szenen, in denen Dankwart auftritt, jüngern Ursprungs sind. Auffällig bleibt aber eins: im 1. Teile des Liedes tritt Dankwart nur einmal deutlich hervor, bei der Fahrt zur Brünhilt, die er als vierter neben den drei sagenechten Gesellen Günther, Hagen und Siegfried mitmacht; er ist also damals bereits erwachsen. Trotzdem sagt er später zu Blödel (B1924 Bartsch):

ich was ein wênic kindel,dô Sîfrit vlôs den lîp,

ich was ein wênic kindel,dô Sîfrit vlôs den lîp,

ich was ein wênic kindel,dô Sîfrit vlôs den lîp,

ich was ein wênic kindel,dô Sîfrit vlôs den lîp,

könnte also danach zur Zeit jener Fahrt überhaupt noch nicht gelebt haben. Wir kommen hier um die Annahme einer Entgleisung unseres Dichters nicht herum, da ihm alles, was Dankwart betrifft, zugeschrieben werden muß. Ein solcher Fehler wiegt in einer Zeit, da Bücher nicht gelesen, sondern vorgelesen werden, nicht so schwer: der Leser kann, wenn ihm dergleichen auffällt, zurückblättern und nachprüfen, der Zuhörer aber wird durch den Strom der Vorlesung zu rasch weiter gerissen, als daß er sich lange bei Anstößen aufhalten könnte.

Soviel vorläufig über die Ausgangspunkte unserer Sage. Wir müssen nun zunächst versuchen, zwischen diesen Ausgangspunkten und dem Zustande, in dem sie uns in den literarischen Denkmälern überliefert ist, eine Brücke zu schlagen, mit andern Worten, die Entwickelung der Sage aus der historischen Grundlage zu begreifen.


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