Faust zog am Gasthof zum Stein vorüber, wo Paracelsus, durch das Lärmen angelockt, aus seinem Fenster schaute und grimmig lächelnd nickte. Der Zauberer ritt über die Salzachbrücke, immer mehr umdrängt vom Volk und kam in die Getreidegasse, wo das Tosen die Höhe erreichte. Die Studenten wollten ihn mit Gewalt auf die Hoch- und Domschule bringen und jetzt erst begann sich Faust etwas unruhig auf seinem Klepper umzusehen, wie er der gar so großen und entzückenden Liebe des ihm verhaßten Menschengeschmeißes entrinnen möchte.Da sah er aus dem Fenster eines Hauses die Griechin, welche mit dem Namen auch den Ruhmdes schönsten Weibes der alten Heidensage trug. Ehe er einen fragenden Blick hinauftun konnte, ob er sich unterwinden dürfe, dort oben bei der Dame Schutz zu suchen vor den Begeisterungsstürmen einer Rasse, an welcher alles tierisch dumm und verblendet ist außer ihrer Verlogenheit, ehe er also seine düster und trotzig gebliebenen Augen nur um ein weniges erhob, weil er fühlte, hier wurden sie schüchtern und knabenhaft, da breitete die Chrysoloras auch schon beide Arme aus und rief hinunter: „Fauste, mein Doktor, komm herauf!“Jetzt wagten die Lärmbuben freilich nicht, dem immer rätselhafter werdenden Manne zu folgen.Da: erst berieten sich Kaiser, König und Fürst insgeheim, in ehrender Form, mit ihm. Sodann mußte ihn der Teufel zu Wittenberg in eigener Person holen, und nun schrie das stolzeste und von allen nur aus scheuer Ferne angeglühte Mädel ihn mit ausgebreiteten Armen an: ‚Fauste, mein Doktor, komm zu mir!‘Wenndernicht hexen konnte — — —?Droben aber ging ihm das Mädchen, welches jetzt schon verschüchtert war, entgegen, faßte seine beiden Hände und sagte: „Ich wußte ja, daß Ihr unmöglich zu sterben vermöchtet, ehe —“„Ehe?“ sagte Faust nicht ohne leichten Schreck.„Ehe Ihr nicht das Größte vollbringt, was jemals ein Mensch getan,“ fuhr Helena ganz betreten fort, als sie seine weitauf prüfenden Augen sah.„Ihr ahnt? Und grüßt mich dennoch so?“ fragte Faust in einer Erschütterung, die ihm selber unerklärlich übers Herze rann. Da neigte sich das stolze und schöne junge Weib über seine beiden Hände, die sie immer noch umklammert hielt und küßte sie.Stainer starrte ihn, wortlos geworden, an. Nein, da war kein Siegeslächeln eines glücklichen Verführers. Er aber litt nur um so mehr, weil er seine Base liebte; liebte mit aller Inbrünstigkeit des Leibes und der Seele, die nichts anderes begehrt, als den Tod oder den milden Ton der einen, tröstenden Stimme.Faust, ohne einen Zug in seinem traurigen Antlitz zu verändern, trat, etwas vorsichtig und zögernd, ans Fenster, aus dem er, in gebührender Ferne, ruhig wartend auf die unten turbulierende Menge hinuntersah, nicht anders, als wie ein geruhiger Mann, der auf das Ablaufen schmutzigen Wassers bei einer Überschwemmung wartet. Wohl blickte er einmal nach den beiden mit entschuldigender Geste zurück.Einmal, dann noch einmal. Sonst tat er nichts, was einer Verbindlichkeit oder Werbung für die schöne Jungfrau gleichgesehen hätte.Helena sah nach dem Seltsamen hin. Ihre Augen schwammen in unwirklichen Träumen.Es war große Stille im braunverbälkten Zimmer, und drei Herzen klopften, jedes in ganz anderem Schlage. Das eine zuckte in Verachtung und Hohn; zugleich in Sorge, es könnte ein neuer Fallstrick Gottes um sein Herz sich ringeln. Das Jungenherz ergrimmte sich in namenlosem Trotz und Weh, weil es, zwischen dem Meister und der Seele aller Seelen, eine unreine Verbindung fürchtete. Helena war verzaubert und liebte. Sie liebte mit jener wunderbaren Verseeltheit, die niemals ein Mann verstehen kann.Manchmal hatte auch der Faust über Ähnliches gegrübelt: „Es heißt, das Weib wäre die Materie und der Mann die Erlösung und Abkehr? Und dennoch begehrt der Mann stets den Körper, das beste Weib aber immer jenes, was man mit dem Wunderworte ‚Wesen‘ ausdrückt.“„Nie sehnt sich ein unberührtes Weib nach rasender Umarmung anders, als um, gegen ihr reines, eigenes Gefühl, zu beweisen, daß es, liebend, auch erdulden kann.“„Kein schöner Junge wird das jemals verstehen und ergründen.“Helena Chrysoloras sah nicht die sorgenhohen Schultern des ungroßen und dennoch so großen Mannes und sah nicht seine ergrauenden Haare und seine umfurchten Augen. Sie sah nur seine Verachtung, seine Vergrämtheit und seine riesengroße Ferne von allem; — auch von Gott. — Und von ihr selber.Und so liebte sie ihn.

Faust zog am Gasthof zum Stein vorüber, wo Paracelsus, durch das Lärmen angelockt, aus seinem Fenster schaute und grimmig lächelnd nickte. Der Zauberer ritt über die Salzachbrücke, immer mehr umdrängt vom Volk und kam in die Getreidegasse, wo das Tosen die Höhe erreichte. Die Studenten wollten ihn mit Gewalt auf die Hoch- und Domschule bringen und jetzt erst begann sich Faust etwas unruhig auf seinem Klepper umzusehen, wie er der gar so großen und entzückenden Liebe des ihm verhaßten Menschengeschmeißes entrinnen möchte.

Da sah er aus dem Fenster eines Hauses die Griechin, welche mit dem Namen auch den Ruhmdes schönsten Weibes der alten Heidensage trug. Ehe er einen fragenden Blick hinauftun konnte, ob er sich unterwinden dürfe, dort oben bei der Dame Schutz zu suchen vor den Begeisterungsstürmen einer Rasse, an welcher alles tierisch dumm und verblendet ist außer ihrer Verlogenheit, ehe er also seine düster und trotzig gebliebenen Augen nur um ein weniges erhob, weil er fühlte, hier wurden sie schüchtern und knabenhaft, da breitete die Chrysoloras auch schon beide Arme aus und rief hinunter: „Fauste, mein Doktor, komm herauf!“

Jetzt wagten die Lärmbuben freilich nicht, dem immer rätselhafter werdenden Manne zu folgen.

Da: erst berieten sich Kaiser, König und Fürst insgeheim, in ehrender Form, mit ihm. Sodann mußte ihn der Teufel zu Wittenberg in eigener Person holen, und nun schrie das stolzeste und von allen nur aus scheuer Ferne angeglühte Mädel ihn mit ausgebreiteten Armen an: ‚Fauste, mein Doktor, komm zu mir!‘

Wenndernicht hexen konnte — — —?

Droben aber ging ihm das Mädchen, welches jetzt schon verschüchtert war, entgegen, faßte seine beiden Hände und sagte: „Ich wußte ja, daß Ihr unmöglich zu sterben vermöchtet, ehe —“

„Ehe?“ sagte Faust nicht ohne leichten Schreck.

„Ehe Ihr nicht das Größte vollbringt, was jemals ein Mensch getan,“ fuhr Helena ganz betreten fort, als sie seine weitauf prüfenden Augen sah.

„Ihr ahnt? Und grüßt mich dennoch so?“ fragte Faust in einer Erschütterung, die ihm selber unerklärlich übers Herze rann. Da neigte sich das stolze und schöne junge Weib über seine beiden Hände, die sie immer noch umklammert hielt und küßte sie.

Stainer starrte ihn, wortlos geworden, an. Nein, da war kein Siegeslächeln eines glücklichen Verführers. Er aber litt nur um so mehr, weil er seine Base liebte; liebte mit aller Inbrünstigkeit des Leibes und der Seele, die nichts anderes begehrt, als den Tod oder den milden Ton der einen, tröstenden Stimme.

Faust, ohne einen Zug in seinem traurigen Antlitz zu verändern, trat, etwas vorsichtig und zögernd, ans Fenster, aus dem er, in gebührender Ferne, ruhig wartend auf die unten turbulierende Menge hinuntersah, nicht anders, als wie ein geruhiger Mann, der auf das Ablaufen schmutzigen Wassers bei einer Überschwemmung wartet. Wohl blickte er einmal nach den beiden mit entschuldigender Geste zurück.Einmal, dann noch einmal. Sonst tat er nichts, was einer Verbindlichkeit oder Werbung für die schöne Jungfrau gleichgesehen hätte.

Helena sah nach dem Seltsamen hin. Ihre Augen schwammen in unwirklichen Träumen.

Es war große Stille im braunverbälkten Zimmer, und drei Herzen klopften, jedes in ganz anderem Schlage. Das eine zuckte in Verachtung und Hohn; zugleich in Sorge, es könnte ein neuer Fallstrick Gottes um sein Herz sich ringeln. Das Jungenherz ergrimmte sich in namenlosem Trotz und Weh, weil es, zwischen dem Meister und der Seele aller Seelen, eine unreine Verbindung fürchtete. Helena war verzaubert und liebte. Sie liebte mit jener wunderbaren Verseeltheit, die niemals ein Mann verstehen kann.

Manchmal hatte auch der Faust über Ähnliches gegrübelt: „Es heißt, das Weib wäre die Materie und der Mann die Erlösung und Abkehr? Und dennoch begehrt der Mann stets den Körper, das beste Weib aber immer jenes, was man mit dem Wunderworte ‚Wesen‘ ausdrückt.“

„Nie sehnt sich ein unberührtes Weib nach rasender Umarmung anders, als um, gegen ihr reines, eigenes Gefühl, zu beweisen, daß es, liebend, auch erdulden kann.“

„Kein schöner Junge wird das jemals verstehen und ergründen.“

Helena Chrysoloras sah nicht die sorgenhohen Schultern des ungroßen und dennoch so großen Mannes und sah nicht seine ergrauenden Haare und seine umfurchten Augen. Sie sah nur seine Verachtung, seine Vergrämtheit und seine riesengroße Ferne von allem; — auch von Gott. — Und von ihr selber.

Und so liebte sie ihn.


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