„Es geht also nicht anders; man muß die zwei Unheimlichen gegeneinander hetzen,“ hieß es bei den Ärzten und Professoren. „Es wird, je länger, desto wilder in Salzburg!“ Faustens rauschender Einzug, sein kaltes Gesicht, das auf unsagbaren Hochmut schließen ließ, sein eisiger Hohn über die falsche Wittenberger Todeskunde und die Enttäuschung der Kollegen brachten alle auf.Aber, wenn ihm einer in der Stadt an den Kragen konnte, dann war es der Paracelsus, der in den Künsten Fausti ebensowohl erfahren sein mußte wie jener. Und wenn einer an den Adepten und Arzt herankonnte, so war es Faust allein.Wie oft schon hatte man einen braven Italiener bezahlt, der dem Arzte, welcher oft nächtlich einsam wandelte, eine abfertigende „Coltellada“ versetzen sollte. Immer aber waren Dolch oder Messer an dem Gefeiten zerbrochen oder hatten sich krummgebogen. Kugeln, die aus sicherer Entfernung nach ihm geschickt worden waren, prallten an ihm ab und jaulten pfeifend in die Luft empor, als wären siean einen Felsen angefahren. Sie fielen dann wohl gar zu Füßen des erschrockenen Schützen nieder, der sich heilig verschwor, niemals wieder auf den Adepten zu zielen. Denn ein andermal konnte das viel unheimlicher ausgehen! Man hatte nacheinander zwei, vom erzbischöflichen Gericht zum Tode verurteilte Steinbockschützen, heimlich, unter der Bedingung freigelassen, daß sie mit ihrem unfehlbaren Stutzen dem Paracelsus auflauerten. Da geschah es, daß Paracelsus dem einen gebot, wieder in die Haft zurückzukehren, wo ihn der sichere Tod erwartete. Und der verzweifelte Kerl, welcher wußte, daß er auf eines Hirsches Rücken geschmiedet in die Wälder gejagt und so elendiglich zerrissen werden würde, stelzte am andern grauen Morgen steif wie eine Maschinenpuppe vor die Schranne und sagte wie aus einem Traum heraus: „Ich bin der Andrä Rabenaltl, der dem Erzbischof die Steinböck weggeschossen hat und auf Leib und Leben gefangen sitzen muß.“Worauf ihm, wegen seines sonderbaren Ausbruches, gar noch der Prozeß wegen Zauberei gemacht wurde und er an einem Pflock erwürgt und dann verbrannt wurde. So wenig war gegen den Paracelsus auszurichten.Auch gegen Stein und Bein war der Adept gefeit; die Würfe der geschicktesten Buben hatten ihn zwar getroffen, aber ohne Wirkung, als hätte man Wasser nach ihm gespritzt. Einem aber war dabei der Arm lahm geworden und das Übel hatte sich lange Zeit nachher erst gegeben. Seither warf kein Straßenjunge mehr einen Stein nach dem Philipp aus Hohenheim.Ein namenloser Zorn und eine abergläubische Angst wühlte also in den Widersachern und oft sehr rohen und dummen Mitbewerbern des Paracelsus um ärztliche oder alchymische Kunst. Aber erst jetzt, nach drei Jahren ohnmächtigen Grimmes, schien die Stunde gekommen.Beide Männer waren gewaltig eitel und prahlerisch gewesen: das nun mußte unter dem Einfluß des Weines wieder angefacht werden. Dann konnte man sie gegeneinander stellen.Dazu kam noch ein Böses.Faust und Paracelsus waren einmal am Abend zusammen, und, noch gänzlich in Frieden, aus dem Laboratorium des Arztes gegangen, wo ihnen Sympert Stainer assistieren gedurft hatte. Aber die beiden Männer hatten bei der ungeheuren Hitze des späten Septembertages erst Salzburger Bier, danneisgekühlten Klaret getrunken und waren jetzt scharf und reizbar geworden.So kam es zu einem Wortwechsel, den der Schüler zu belauschen vermochte.„Ihr kommt ja doch nicht weiter,“ hatte Faust ärgerlich gesagt, weil sich das Geheimmittel wieder einmal mit furchtbarer Heftigkeit zersetzt hatte, ohne daß jemand an die Phiole gerührt hätte, die im Felsenkeller am Stein zur Beobachtung stand. Der ganze Felsen war nächtens von der Explosion bis hoch hinauf an den Franziskanerberg aufgerissen worden, obwohl nur ganz wenige Quentchen des Satanöles dort verwahrt gewesen waren.„Ja mein Gelahrtester,“ hatte drauf Paracelsus erwidert: „Jahrelang, wie Malvasier, und in einem Faßkeller, läßt sich das Salzsticköl (er nannte es so) nicht bewahren und wenn Ihr etwan vermessentlich meint, unseres Herrgotts Erdkugel damit auseinander zu treiben, dann hat’s noch gute Weg’ damit!“Es war ein Glück, daß der scheue Arzt dabei mißgünstig abseits und zu Boden schauen mußte, als ängste er sich selber über die Wirkung dieses Wortes; denn Faust war aschengrau geworden über das ganze Gesicht. So angreifend war dieses plötzliche Entfärben, daß der junge Scholar, in jähemErkennen und Entsetzen, alles erriet und selber gelb wie Käse wurde, als er Faustens Verfärbung bemerkte, die ja schnell wich.Aber in die Wangen des jungen Menschen kam lange Zeit keine Farbe wieder, Faust selber bemerkte das recht wohl.Ruhig sagte er: „Ich hoff’ auch, die Welt erst zu meinem seligen oder unseligen End’ auseinander zu sprengen. Und daß das recht weit hinausgeschoben sein mög’, des werd’ ich mich gar wohl zu versichern trachten.“„Ich weiß nit,“ murmelte Paracelsus, „wie lang Euer Kontrakt mit dem Unterirdischen reicht.“Faust tat, als hörte er nicht, reichte aber dem Arzte, beim Abschied, zum ersten Male nicht die Hand hin. Ein langer Blick aus den schwermütigen und argwöhnischen Augen des Paracelsus begleitete ihn, als er schied.Stainer blieb zurück und hoffte begierig, daß der Adept nun eine oder die andere Äußerung über Faust und sein gräuliches Vorhaben machen sollte. Aber Paracelsus lachte kurz und ganz sonderbar verlegen, sandte den jungen Menschen auch gleich in auffälliger Hast von sich fort. Stainer wußte nicht, wie ihn die Füße zu seiner ruhigen Basetrugen, bei der alle Herzensnot und Angst sich für ihn sonst immer zu lösen pflegten.Faust aber ging in sein Quartier auf die Bischofsfeste hinauf, langsam und absichtlich zögernd, damit die Sonne untergehen und Stern auf Stern am verdunkelnden Firmament sich entzünden könnte.Er beobachtete ihren Gang, er spähte, wie erst die großen, dann die mittleren Sterne sich sichtbar machten, dann stellte er mehrmals das Astrolabium prüfend ein, schrieb einige Zeichen nieder, schüttelte wieder den Kopf, wurde ungehalten, als ihm ein Diener das Abendmahl bringen wollte und wies es gänzlich zurück. Dann blieb er in die emportauchende Nacht hinein auf der obersten Plattform des Reckturmes und spähte dem Zug und der Drehung der Gestirne nach. Immer wieder blickte er nach Osten, wo neue Sternscharen emporkamen, nickte den untergehenden nach und besah die, sich heutigen Tages nahenden, mit Aufmerksamkeit. Als dann die Mitternacht von den vielen Kirchentürmen der Bischofsstadt, mit dem eigentümlich feuchten und verschwimmenden Ton der Salzburger Glocken, zu schlagen anhub, stellte er das Horoskop des Philipp von Hohenheim, genannt Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus.Dann versank er bis in den Morgen hinein in Berechnungen, schrak plötzlich zusammen und rief leise empor: „Dann muß es bald sein oder nie! Wenn er nur im Eintritt der Herbst- Tag- und Nachtgleiche angreifbar ist, so könnt’ ich ein Jahr verlieren!“ Hastig blätterte er noch in einem Kalender, den er selber angefertigt hatte und sagte dann mit bestimmtem und drohendem Tone: „Heute noch!“

„Es geht also nicht anders; man muß die zwei Unheimlichen gegeneinander hetzen,“ hieß es bei den Ärzten und Professoren. „Es wird, je länger, desto wilder in Salzburg!“ Faustens rauschender Einzug, sein kaltes Gesicht, das auf unsagbaren Hochmut schließen ließ, sein eisiger Hohn über die falsche Wittenberger Todeskunde und die Enttäuschung der Kollegen brachten alle auf.

Aber, wenn ihm einer in der Stadt an den Kragen konnte, dann war es der Paracelsus, der in den Künsten Fausti ebensowohl erfahren sein mußte wie jener. Und wenn einer an den Adepten und Arzt herankonnte, so war es Faust allein.

Wie oft schon hatte man einen braven Italiener bezahlt, der dem Arzte, welcher oft nächtlich einsam wandelte, eine abfertigende „Coltellada“ versetzen sollte. Immer aber waren Dolch oder Messer an dem Gefeiten zerbrochen oder hatten sich krummgebogen. Kugeln, die aus sicherer Entfernung nach ihm geschickt worden waren, prallten an ihm ab und jaulten pfeifend in die Luft empor, als wären siean einen Felsen angefahren. Sie fielen dann wohl gar zu Füßen des erschrockenen Schützen nieder, der sich heilig verschwor, niemals wieder auf den Adepten zu zielen. Denn ein andermal konnte das viel unheimlicher ausgehen! Man hatte nacheinander zwei, vom erzbischöflichen Gericht zum Tode verurteilte Steinbockschützen, heimlich, unter der Bedingung freigelassen, daß sie mit ihrem unfehlbaren Stutzen dem Paracelsus auflauerten. Da geschah es, daß Paracelsus dem einen gebot, wieder in die Haft zurückzukehren, wo ihn der sichere Tod erwartete. Und der verzweifelte Kerl, welcher wußte, daß er auf eines Hirsches Rücken geschmiedet in die Wälder gejagt und so elendiglich zerrissen werden würde, stelzte am andern grauen Morgen steif wie eine Maschinenpuppe vor die Schranne und sagte wie aus einem Traum heraus: „Ich bin der Andrä Rabenaltl, der dem Erzbischof die Steinböck weggeschossen hat und auf Leib und Leben gefangen sitzen muß.“

Worauf ihm, wegen seines sonderbaren Ausbruches, gar noch der Prozeß wegen Zauberei gemacht wurde und er an einem Pflock erwürgt und dann verbrannt wurde. So wenig war gegen den Paracelsus auszurichten.

Auch gegen Stein und Bein war der Adept gefeit; die Würfe der geschicktesten Buben hatten ihn zwar getroffen, aber ohne Wirkung, als hätte man Wasser nach ihm gespritzt. Einem aber war dabei der Arm lahm geworden und das Übel hatte sich lange Zeit nachher erst gegeben. Seither warf kein Straßenjunge mehr einen Stein nach dem Philipp aus Hohenheim.

Ein namenloser Zorn und eine abergläubische Angst wühlte also in den Widersachern und oft sehr rohen und dummen Mitbewerbern des Paracelsus um ärztliche oder alchymische Kunst. Aber erst jetzt, nach drei Jahren ohnmächtigen Grimmes, schien die Stunde gekommen.

Beide Männer waren gewaltig eitel und prahlerisch gewesen: das nun mußte unter dem Einfluß des Weines wieder angefacht werden. Dann konnte man sie gegeneinander stellen.

Dazu kam noch ein Böses.

Faust und Paracelsus waren einmal am Abend zusammen, und, noch gänzlich in Frieden, aus dem Laboratorium des Arztes gegangen, wo ihnen Sympert Stainer assistieren gedurft hatte. Aber die beiden Männer hatten bei der ungeheuren Hitze des späten Septembertages erst Salzburger Bier, danneisgekühlten Klaret getrunken und waren jetzt scharf und reizbar geworden.

So kam es zu einem Wortwechsel, den der Schüler zu belauschen vermochte.

„Ihr kommt ja doch nicht weiter,“ hatte Faust ärgerlich gesagt, weil sich das Geheimmittel wieder einmal mit furchtbarer Heftigkeit zersetzt hatte, ohne daß jemand an die Phiole gerührt hätte, die im Felsenkeller am Stein zur Beobachtung stand. Der ganze Felsen war nächtens von der Explosion bis hoch hinauf an den Franziskanerberg aufgerissen worden, obwohl nur ganz wenige Quentchen des Satanöles dort verwahrt gewesen waren.

„Ja mein Gelahrtester,“ hatte drauf Paracelsus erwidert: „Jahrelang, wie Malvasier, und in einem Faßkeller, läßt sich das Salzsticköl (er nannte es so) nicht bewahren und wenn Ihr etwan vermessentlich meint, unseres Herrgotts Erdkugel damit auseinander zu treiben, dann hat’s noch gute Weg’ damit!“

Es war ein Glück, daß der scheue Arzt dabei mißgünstig abseits und zu Boden schauen mußte, als ängste er sich selber über die Wirkung dieses Wortes; denn Faust war aschengrau geworden über das ganze Gesicht. So angreifend war dieses plötzliche Entfärben, daß der junge Scholar, in jähemErkennen und Entsetzen, alles erriet und selber gelb wie Käse wurde, als er Faustens Verfärbung bemerkte, die ja schnell wich.

Aber in die Wangen des jungen Menschen kam lange Zeit keine Farbe wieder, Faust selber bemerkte das recht wohl.

Ruhig sagte er: „Ich hoff’ auch, die Welt erst zu meinem seligen oder unseligen End’ auseinander zu sprengen. Und daß das recht weit hinausgeschoben sein mög’, des werd’ ich mich gar wohl zu versichern trachten.“

„Ich weiß nit,“ murmelte Paracelsus, „wie lang Euer Kontrakt mit dem Unterirdischen reicht.“

Faust tat, als hörte er nicht, reichte aber dem Arzte, beim Abschied, zum ersten Male nicht die Hand hin. Ein langer Blick aus den schwermütigen und argwöhnischen Augen des Paracelsus begleitete ihn, als er schied.

Stainer blieb zurück und hoffte begierig, daß der Adept nun eine oder die andere Äußerung über Faust und sein gräuliches Vorhaben machen sollte. Aber Paracelsus lachte kurz und ganz sonderbar verlegen, sandte den jungen Menschen auch gleich in auffälliger Hast von sich fort. Stainer wußte nicht, wie ihn die Füße zu seiner ruhigen Basetrugen, bei der alle Herzensnot und Angst sich für ihn sonst immer zu lösen pflegten.

Faust aber ging in sein Quartier auf die Bischofsfeste hinauf, langsam und absichtlich zögernd, damit die Sonne untergehen und Stern auf Stern am verdunkelnden Firmament sich entzünden könnte.

Er beobachtete ihren Gang, er spähte, wie erst die großen, dann die mittleren Sterne sich sichtbar machten, dann stellte er mehrmals das Astrolabium prüfend ein, schrieb einige Zeichen nieder, schüttelte wieder den Kopf, wurde ungehalten, als ihm ein Diener das Abendmahl bringen wollte und wies es gänzlich zurück. Dann blieb er in die emportauchende Nacht hinein auf der obersten Plattform des Reckturmes und spähte dem Zug und der Drehung der Gestirne nach. Immer wieder blickte er nach Osten, wo neue Sternscharen emporkamen, nickte den untergehenden nach und besah die, sich heutigen Tages nahenden, mit Aufmerksamkeit. Als dann die Mitternacht von den vielen Kirchentürmen der Bischofsstadt, mit dem eigentümlich feuchten und verschwimmenden Ton der Salzburger Glocken, zu schlagen anhub, stellte er das Horoskop des Philipp von Hohenheim, genannt Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus.

Dann versank er bis in den Morgen hinein in Berechnungen, schrak plötzlich zusammen und rief leise empor: „Dann muß es bald sein oder nie! Wenn er nur im Eintritt der Herbst- Tag- und Nachtgleiche angreifbar ist, so könnt’ ich ein Jahr verlieren!“ Hastig blätterte er noch in einem Kalender, den er selber angefertigt hatte und sagte dann mit bestimmtem und drohendem Tone: „Heute noch!“


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