Senkrecht über der Vorstadt Mülln am Felsen lag, vor die Bürgerwehr geklebt, auf einer kleinen Bastion das Wirtsgärtlein zum Lindwurm. Dort zechten heute, wegen der wunderbar föhnigen und lauen Septembernacht, die Doktoren und hatten alle schon rote Köpfe. Das war nicht gut, obwohl es ihnen Witz und Mut zu allerlei Hetz- und Neckreden machte. Denn der Doktor Faustus, der in Heidelberg, in Köln und Ingolstadt die ältesten Rauf- und Zechhelden unter der deutschen Studentenschaft bis zur Übergabe und Schandbarkeit niedergetrunken hatte, saß immer noch unbewegten Gesichtes unter den Herren, die immerfort ihre beiden Gäste durcheinander rühmten und feierten, und bei dem vielen Zutrinken selber mehr Geschmack am ausgezeichneten Weine bekommen hatten, als an der Hetze und an ihrer Rache. Nur ein paar stillere, blasse und kleine Beobachter mahnten immerzu, behutsam, zur Vorsicht und zur Tat.Jovial zurückgelehnt versicherten die stärkeren Männer aber fortwährend, es habe noch lange nichtangefangen und der Spaß möchte sich doch nur hinziehen. Bald würden ja der Paracelsus und der Faust rote Köpfe wider einander bekommen und dann gehe das große Hahnenspiel an.„Den möcht ich sehen, der wider den hochberühmten Faustum irgend eine Kunst der Erden wüßt, sie gegen ihn zu verwenden,“ rief ein kleiner, magerer Herr mit großer Begeisterung. „Es haben einmal vier Zauberer seine Berechnungen mit List zu stören versucht und der Doktor hat sie gewarnet; es wär einer im Zimmer, der ihm dawider wäre, er möcht davon ablassen, sonst erging es ihm übel! So gutmütig erwies sich unser Doktor gegen seinen Widersacher. Aber der andere schlugs in den Wind. Da ist es sehr übel ausgefallen für jenen!“„Ja,“ sagte Doktor Faust. „Er war sehr bald tot. Und ist nicht einmal gerichtlich ein Lärm gemacht worden, deshalb, weil ich gute Zeugenschaft hatte, daß er selber sich in den Tod hineingetan hat, wie denn jeder Mensch immer seinen Tod selber mit Fleiß vorbereitet, er mag tun, was er will: auch ausweichen; er arbeitet immer sehr geschickt an seinem eigenen End’!“„Bei den Trinkern mag das sein,“ sagte der Theophrast. „Auch bei den Buhlern. Aber da,haha, da fällt mir ein, der Doktor Faustus habe ja einmal die griechische Helena zu Erfurt vor die Studenten gezaubert? Dabei sollen die jungen Herrn vor Erinnerung und Begierde die ganze Nacht nicht haben schlafen können. Da wir nun doch zusammen als Confratres sitzen und uns nichts übel nehmen wollen, so mag uns der Doktor doch mit Vergunst erzählen, wie ihm selber die Erscheinung bekommen habe?“Nun war die Geschichte mit der Flucht des Faust zu der schönen Chrysoloras und seine freundliche Aufnahme bei der gefeierten Jungfer schon so sehr in aller Mund, daß ein gewaltiges Gelächter losdonnerte und Faust Mühe hatte, sein unbewegtes Gesicht zu bewahren.„Heraus damit, wie wars mit der Helena?“ schrien die Gesellen.„Sie war ohnemaßen schön,“ sagte Faust feierlich.„Und habt Ihr die Roll’ des schönen Paris weiter geübt mit ihr?“ rief ein mächtiger, rot angezechter Medikus.„Sie war noch nicht reif dazu,“ sagte Faust im gleichen Ernst.„Oho, in der Ilias steckt manches, das sie als recht reif für allerlei Mannsen schildert,“ rief ein anderer.„Jegliches menschliche Wesen scheint diese Erden, wie ein Komet, in einer Parabel zu streifen, wie Ihr gelehrten Herrn Ärzte denn im langsamen Reifwerden und langsamen Altern eine auffällige Kurvengleichheit mit einer Parabel finden werdet. Die Parabel aber hat ihren Schluß unermeßlich weit draußen, gar nicht zu errechnen und wann sie wieder auf die Erden zurückschwingt, diese Kraft, welche Helenen oder Paracelsum oder sonst einen der Herren hier, ins hiesige Erdenlicht geschleudert hat, das ist sehr schwer auszurechnen. Manche Parabel ist breit, kurz und stumpf. So kommt zum Beispiel der Herr Doktor Würstl sehr bald wieder auf die Erden und wird abermals, eitel wie ein Sonnenstäublein, in ihrem vergänglichen Lichte kreiseln.“Groß Gelächter schallte auf, einige aber riefen: „Weiter, weiter von der Helena!“„Mit der Helena verhält es sich so, daß ich nicht die Macht habe, eine Tote zu erwecken; aber manchmal kann ich von der Zukunft zuleihe nehmen und aus ihrer Sphäre Licht oder Schatten abziehen, wie Wein, wenn sie nahe genug ist, und die Ziehkraft der Gestirne günstig. So mußte Helena, bei ihrem Wiederschwung in den schmalen Sonnenstrahl,der in unser Erdenzimmer fällt, nicht mehr weit sein, sonst hätte ich sie nicht inmateriazwingen können.“„Mir scheint auch, sie wird nicht weit von hier sein,“ gröhlte ein betrunkener Herr. Einige lachten, andere machten: Kscht!Faust behielt sein unbewegtes Antlitz. Ein anderer aber rief:„Und ich muß dennoch wieder sagen: Weder kann uns ein anderer Sterblicher die Helena wiederzaubern als nur der Doktor Faustus, noch kann ihm irgendwer durch seine Kunst Schaden zufügen! Niemand! Und mischte der Paracelsus selber das Gift, er kann ihm nicht an.“„Paracelsus könnte mich im Augenblick töten,“ sagte Doktor Faust abermals ernsthaft und fast leise. „Redet nicht so laut und reizt den Hochberühmten nicht, von dessen Wissen Ihr keine Ahnung habt. Denn er wäre der einzige, dem ich mich überwinden würde, zu sagen: Rabbuni, Meister.“„Könnt’s auch,“ sagte der Paracelsus scheinbar kalt. Innerlich aber glühten ihm Wein und Zorn, weil er, in seinem Mißtrauen, Fausti ehrende Worte für Hohn und Ironie nahm.Faust begann wiederum: „Mein Doktor, ich meine das im Ernst und nicht Ihr braucht’s mirzu sagen, sondern ich selber rede davon. Ich weiß wohl, daß mir alles, außer äußerer Wohlgestalt, von der Natur geschenkt worden ist und auch meinen Mangel hat mir die Vorsehung weislich gegeben, damit ich bei meiner leichtsinnigen Art nicht gänzlich in bloßen Sinnengenuß verfallen, sondern ein wenig leiden und grübeln möge. Unser aller Meister und Vorbild aber, der Doktor Paracelsus, kann jahrelang vor einer verschlossenen Pforte stehen und mit dem Engel des Schweigens ringen, bis der sich überwunden gibt und ihm auftut und antwortet! Das ist mehr, als mein Genius oder Dämonion mir leichthin schenkt. Es ist auch mehr, als eure Forschung, meine Herrn. Es ist ein ewiges Feuer, davon dann und wann einer von uns ein Fünklein haben mag, er aber sitzt und hütet den ganzen Hort. Paracelsus hat das Beste, was dem Menschen gegeben sein kann. Was uns andern höchstens gnädiglich zu erraten gegeben ist, das ergräbt und erarbeitet er, und müßt er seinen Weg durch Eis, durch Eisen, durch Feuer und selbst durch ein Heer von Kollegen hindurchgehen!“Diesmal schwiegen alle, nur Paracelsus lachte auf und trank einen tüchtigen Zug, setzte den Becher ab, sah noch einmal mißtrauisch auf Faust hin und sagte: „So Ihr nicht wieder gescherzt habt, meinguter Doktor, so will ich Euch alles abbitten, was ich im Argwohn gegen Euch gesagt hab’. Es ist ja wahr, ich verfolg’ meine Fährten, wie die Natur sie mir weist, als ein armer Spürhund Gottes. Aber so, wie wir alle zusammen das Schwert niederlegen vor der Schönheit, mit der Satan einen Anachoreten besiegen, und hinwiederum Gott den Teufel zähmen und gut machen könnte, so hab’ ich die größte Ehrfurcht vor dem Ingenio, auch wenn es sich wie ein rechtes Kind, das es immer ist und sein muß, alles schenken lässet. Und darum wünsch’ ich Euch, mein lieber Doktor, es mög’ Euch das Letzte und Schönste geschenkt werden, was Eure sich neigenden, aber immer noch rüstigen Tag’ vergolden könnt. Auf daß Ihr auch in der Frauenliebe seid, was Ihr Euch sonst mit Recht nennet: Faustus, der Glückliche.“Die beiden berühmten oder doch mindestens beschrieenen Männer tranken sich Bescheid und murmelnd und verdutzt sahen die Neidharte zu, wie sich beide Männer eher zu verbünden als zu verfeinden schienen, infolge der ganz unerwarteten Milde und Herzlichkeit des ehedem so großprahlerischen Faust, der niemand neben oder gar über sich gelten lassen gewollt.War es das Alter? War es die Liebe? DieDoktoren rieten auf alles, nur auf das eine nicht, daß es der nahe Tod war, der den Unbändigen bescheiden, ja scheinbar liebevoll gegen den Paracelsus machte, weil der ihm unerbittlich voraus mußte. Er störte seine Zirkel.Der Paracelsus kam jetzt sehr schnell wegen seiner Wissenschaft mit einem starken, feuerroten und dicken Fünfmaßweindoktor in Streit, dem sich andere lärmend beimengten. Da schlich ein kleines, gelbes Männlein an Faust heran und zischelte ihm zu: „Ihr, der weitaus Berühmtere und Geistesmächtigere werdet doch dem Handarbeiter, dem Laboranten nicht schmählich den Vortritt lassen? So zahmes Zukreuzekriechen eines großen Mannes hab’ ich meiner Tag weder erhört noch für möglich gehalten!“„Was soll ich gegen den Paracelsum, was vermag ich denn gegen ihn,“ sagte Faust seufzend, als sähe er selber ein, daß da nichts auszurichten wäre und ließ resigniert die Arme sinken.„Ist er denn ganz und gar unangreifbar? Gott hat tausend sterbliche Stellen am Menschen gelassen. Der Teufel läßt nur eine. Aber die ist da, und Ihr wüßtet sie, wenn schon nicht anzugreifen, so doch zu nennen.“„Das wißt Ihr selber,“ gab Faust trübselig lächelnd zurück. „Er ist gegen Eisen und Blei, gegen Stahl und Stein gefeit; nur ist niemand gegen das Holz gefeit, weil es sich in aller Schöpfung nicht begeben darf, daß ein Mensch weiterleben könnt’ an derselben Materie, an der der Heiland gestorben. Wenn der Doktor durch einen fallenden Baum getroffen würde, wie ich wähne in seinem Horoskop gesehen zu haben, oder selber gegen einen Baum fiele, was nach den dunklen Zeichen ebenfalls möglich wäre, dann müßte er wohl versterben. Denn mit Knütteln wollt Ihr ihn doch nicht erschlagen, meine Herrn. Das wäre eine Schande und ein Unglück für Euch alle!“Faust stand auf und sah dem Doktor gerade ins Gesicht, so daß der zurückwich: „Ich will dem Paracelo nicht zuleibe,“ rief er.„Ihr wollts,“ sagte Faust, „so wie Ihr es mir wolltet. Mir tut Ihr nichts, denn ich reis’ in dreien Tagen ab und überdies kenne ich auch meine Stund’, die nicht in der Hand von Euresgleichen liegt. Dem Doktor da drüben aber ist diese Nacht gefährlich, das sag’ ich Euch und hab’s herausgelesen aus meiner Kunst. Wollt Ihr sie nützen? Heute kann’s geschehen, und sonsten in Jahrfrist nimmer. Dassag’ ich Euch, aber meine Hand biet’ ich dazu nicht anders. Und nun gehabt Euch wohl, weil wir uns doch in diesem Leben nicht mehr sehen.“Ehe der Doktor etwas erwidern konnte, war Faust, ohne Urlaub zu nehmen, schon im Dunkel verschwunden und niemand merkte es, weil das Lärmen um Paracelsus immer ärger wurde. Der große, rote, angetrunkene Arzt brüllte vor Wut, Paracelsus antwortete immer mit kleinen, kurzen und eisern ruhigen und schlagfertigen Sätzen. Alle andern hatten auch schon rote Köpfe. Der kleine Doktor, der wenig getrunken hatte und sich vorsichtig und kühl verhielt, fürchtete, daß Paracelsus die Gesellschaft vorzeitig im Zorne verlassen und ihnen so entgehen könnte. Oder sie zogen die Messer und Degen gegen ihn und verschafften dem Gefeiten einen neuen, abergläubischen Triumph. Ja, es schien, als wollte Paracelsus das ertrotzen, daß sie ihn zu erstechen versuchten, um sich an ihrer vergeblichen Mühe schrill zu lachen.Da trennte der kleine Doktor geschäftig und geschickt die Streitenden, und indem er sie zu begütigen suchte, redete er leise und eindringlich mit dem einen und dem andern, von denen sich sogleich jeder verdutzt nach dem inzwischen entronnenen Faust umsah.Aber niemand zweifelte an der Tüchtigkeit des Rates, den ihnen der Schwarzkünstler, wie von ungefähr, hinterlassen hatte.Jetzt umgaben immer größere Gruppen versöhnlich und vermittelnd die noch Streitenden und den übermütigen Herausforderer der ganzen Kollegenschaft. Sie riefen, es wäre zu viel und wäre auch zu spät und man müßte heimdenken. Einige umringten den ziemlich angezechten Adepten und torkelten mit ihm hinter den andern her, auf allerlei Schlängelwegen an Felsen den Steilpfad nach der Stadt hinunter suchend.
Senkrecht über der Vorstadt Mülln am Felsen lag, vor die Bürgerwehr geklebt, auf einer kleinen Bastion das Wirtsgärtlein zum Lindwurm. Dort zechten heute, wegen der wunderbar föhnigen und lauen Septembernacht, die Doktoren und hatten alle schon rote Köpfe. Das war nicht gut, obwohl es ihnen Witz und Mut zu allerlei Hetz- und Neckreden machte. Denn der Doktor Faustus, der in Heidelberg, in Köln und Ingolstadt die ältesten Rauf- und Zechhelden unter der deutschen Studentenschaft bis zur Übergabe und Schandbarkeit niedergetrunken hatte, saß immer noch unbewegten Gesichtes unter den Herren, die immerfort ihre beiden Gäste durcheinander rühmten und feierten, und bei dem vielen Zutrinken selber mehr Geschmack am ausgezeichneten Weine bekommen hatten, als an der Hetze und an ihrer Rache. Nur ein paar stillere, blasse und kleine Beobachter mahnten immerzu, behutsam, zur Vorsicht und zur Tat.
Jovial zurückgelehnt versicherten die stärkeren Männer aber fortwährend, es habe noch lange nichtangefangen und der Spaß möchte sich doch nur hinziehen. Bald würden ja der Paracelsus und der Faust rote Köpfe wider einander bekommen und dann gehe das große Hahnenspiel an.
„Den möcht ich sehen, der wider den hochberühmten Faustum irgend eine Kunst der Erden wüßt, sie gegen ihn zu verwenden,“ rief ein kleiner, magerer Herr mit großer Begeisterung. „Es haben einmal vier Zauberer seine Berechnungen mit List zu stören versucht und der Doktor hat sie gewarnet; es wär einer im Zimmer, der ihm dawider wäre, er möcht davon ablassen, sonst erging es ihm übel! So gutmütig erwies sich unser Doktor gegen seinen Widersacher. Aber der andere schlugs in den Wind. Da ist es sehr übel ausgefallen für jenen!“
„Ja,“ sagte Doktor Faust. „Er war sehr bald tot. Und ist nicht einmal gerichtlich ein Lärm gemacht worden, deshalb, weil ich gute Zeugenschaft hatte, daß er selber sich in den Tod hineingetan hat, wie denn jeder Mensch immer seinen Tod selber mit Fleiß vorbereitet, er mag tun, was er will: auch ausweichen; er arbeitet immer sehr geschickt an seinem eigenen End’!“
„Bei den Trinkern mag das sein,“ sagte der Theophrast. „Auch bei den Buhlern. Aber da,haha, da fällt mir ein, der Doktor Faustus habe ja einmal die griechische Helena zu Erfurt vor die Studenten gezaubert? Dabei sollen die jungen Herrn vor Erinnerung und Begierde die ganze Nacht nicht haben schlafen können. Da wir nun doch zusammen als Confratres sitzen und uns nichts übel nehmen wollen, so mag uns der Doktor doch mit Vergunst erzählen, wie ihm selber die Erscheinung bekommen habe?“
Nun war die Geschichte mit der Flucht des Faust zu der schönen Chrysoloras und seine freundliche Aufnahme bei der gefeierten Jungfer schon so sehr in aller Mund, daß ein gewaltiges Gelächter losdonnerte und Faust Mühe hatte, sein unbewegtes Gesicht zu bewahren.
„Heraus damit, wie wars mit der Helena?“ schrien die Gesellen.
„Sie war ohnemaßen schön,“ sagte Faust feierlich.
„Und habt Ihr die Roll’ des schönen Paris weiter geübt mit ihr?“ rief ein mächtiger, rot angezechter Medikus.
„Sie war noch nicht reif dazu,“ sagte Faust im gleichen Ernst.
„Oho, in der Ilias steckt manches, das sie als recht reif für allerlei Mannsen schildert,“ rief ein anderer.
„Jegliches menschliche Wesen scheint diese Erden, wie ein Komet, in einer Parabel zu streifen, wie Ihr gelehrten Herrn Ärzte denn im langsamen Reifwerden und langsamen Altern eine auffällige Kurvengleichheit mit einer Parabel finden werdet. Die Parabel aber hat ihren Schluß unermeßlich weit draußen, gar nicht zu errechnen und wann sie wieder auf die Erden zurückschwingt, diese Kraft, welche Helenen oder Paracelsum oder sonst einen der Herren hier, ins hiesige Erdenlicht geschleudert hat, das ist sehr schwer auszurechnen. Manche Parabel ist breit, kurz und stumpf. So kommt zum Beispiel der Herr Doktor Würstl sehr bald wieder auf die Erden und wird abermals, eitel wie ein Sonnenstäublein, in ihrem vergänglichen Lichte kreiseln.“
Groß Gelächter schallte auf, einige aber riefen: „Weiter, weiter von der Helena!“
„Mit der Helena verhält es sich so, daß ich nicht die Macht habe, eine Tote zu erwecken; aber manchmal kann ich von der Zukunft zuleihe nehmen und aus ihrer Sphäre Licht oder Schatten abziehen, wie Wein, wenn sie nahe genug ist, und die Ziehkraft der Gestirne günstig. So mußte Helena, bei ihrem Wiederschwung in den schmalen Sonnenstrahl,der in unser Erdenzimmer fällt, nicht mehr weit sein, sonst hätte ich sie nicht inmateriazwingen können.“
„Mir scheint auch, sie wird nicht weit von hier sein,“ gröhlte ein betrunkener Herr. Einige lachten, andere machten: Kscht!
Faust behielt sein unbewegtes Antlitz. Ein anderer aber rief:
„Und ich muß dennoch wieder sagen: Weder kann uns ein anderer Sterblicher die Helena wiederzaubern als nur der Doktor Faustus, noch kann ihm irgendwer durch seine Kunst Schaden zufügen! Niemand! Und mischte der Paracelsus selber das Gift, er kann ihm nicht an.“
„Paracelsus könnte mich im Augenblick töten,“ sagte Doktor Faust abermals ernsthaft und fast leise. „Redet nicht so laut und reizt den Hochberühmten nicht, von dessen Wissen Ihr keine Ahnung habt. Denn er wäre der einzige, dem ich mich überwinden würde, zu sagen: Rabbuni, Meister.“
„Könnt’s auch,“ sagte der Paracelsus scheinbar kalt. Innerlich aber glühten ihm Wein und Zorn, weil er, in seinem Mißtrauen, Fausti ehrende Worte für Hohn und Ironie nahm.
Faust begann wiederum: „Mein Doktor, ich meine das im Ernst und nicht Ihr braucht’s mirzu sagen, sondern ich selber rede davon. Ich weiß wohl, daß mir alles, außer äußerer Wohlgestalt, von der Natur geschenkt worden ist und auch meinen Mangel hat mir die Vorsehung weislich gegeben, damit ich bei meiner leichtsinnigen Art nicht gänzlich in bloßen Sinnengenuß verfallen, sondern ein wenig leiden und grübeln möge. Unser aller Meister und Vorbild aber, der Doktor Paracelsus, kann jahrelang vor einer verschlossenen Pforte stehen und mit dem Engel des Schweigens ringen, bis der sich überwunden gibt und ihm auftut und antwortet! Das ist mehr, als mein Genius oder Dämonion mir leichthin schenkt. Es ist auch mehr, als eure Forschung, meine Herrn. Es ist ein ewiges Feuer, davon dann und wann einer von uns ein Fünklein haben mag, er aber sitzt und hütet den ganzen Hort. Paracelsus hat das Beste, was dem Menschen gegeben sein kann. Was uns andern höchstens gnädiglich zu erraten gegeben ist, das ergräbt und erarbeitet er, und müßt er seinen Weg durch Eis, durch Eisen, durch Feuer und selbst durch ein Heer von Kollegen hindurchgehen!“
Diesmal schwiegen alle, nur Paracelsus lachte auf und trank einen tüchtigen Zug, setzte den Becher ab, sah noch einmal mißtrauisch auf Faust hin und sagte: „So Ihr nicht wieder gescherzt habt, meinguter Doktor, so will ich Euch alles abbitten, was ich im Argwohn gegen Euch gesagt hab’. Es ist ja wahr, ich verfolg’ meine Fährten, wie die Natur sie mir weist, als ein armer Spürhund Gottes. Aber so, wie wir alle zusammen das Schwert niederlegen vor der Schönheit, mit der Satan einen Anachoreten besiegen, und hinwiederum Gott den Teufel zähmen und gut machen könnte, so hab’ ich die größte Ehrfurcht vor dem Ingenio, auch wenn es sich wie ein rechtes Kind, das es immer ist und sein muß, alles schenken lässet. Und darum wünsch’ ich Euch, mein lieber Doktor, es mög’ Euch das Letzte und Schönste geschenkt werden, was Eure sich neigenden, aber immer noch rüstigen Tag’ vergolden könnt. Auf daß Ihr auch in der Frauenliebe seid, was Ihr Euch sonst mit Recht nennet: Faustus, der Glückliche.“
Die beiden berühmten oder doch mindestens beschrieenen Männer tranken sich Bescheid und murmelnd und verdutzt sahen die Neidharte zu, wie sich beide Männer eher zu verbünden als zu verfeinden schienen, infolge der ganz unerwarteten Milde und Herzlichkeit des ehedem so großprahlerischen Faust, der niemand neben oder gar über sich gelten lassen gewollt.
War es das Alter? War es die Liebe? DieDoktoren rieten auf alles, nur auf das eine nicht, daß es der nahe Tod war, der den Unbändigen bescheiden, ja scheinbar liebevoll gegen den Paracelsus machte, weil der ihm unerbittlich voraus mußte. Er störte seine Zirkel.
Der Paracelsus kam jetzt sehr schnell wegen seiner Wissenschaft mit einem starken, feuerroten und dicken Fünfmaßweindoktor in Streit, dem sich andere lärmend beimengten. Da schlich ein kleines, gelbes Männlein an Faust heran und zischelte ihm zu: „Ihr, der weitaus Berühmtere und Geistesmächtigere werdet doch dem Handarbeiter, dem Laboranten nicht schmählich den Vortritt lassen? So zahmes Zukreuzekriechen eines großen Mannes hab’ ich meiner Tag weder erhört noch für möglich gehalten!“
„Was soll ich gegen den Paracelsum, was vermag ich denn gegen ihn,“ sagte Faust seufzend, als sähe er selber ein, daß da nichts auszurichten wäre und ließ resigniert die Arme sinken.
„Ist er denn ganz und gar unangreifbar? Gott hat tausend sterbliche Stellen am Menschen gelassen. Der Teufel läßt nur eine. Aber die ist da, und Ihr wüßtet sie, wenn schon nicht anzugreifen, so doch zu nennen.“
„Das wißt Ihr selber,“ gab Faust trübselig lächelnd zurück. „Er ist gegen Eisen und Blei, gegen Stahl und Stein gefeit; nur ist niemand gegen das Holz gefeit, weil es sich in aller Schöpfung nicht begeben darf, daß ein Mensch weiterleben könnt’ an derselben Materie, an der der Heiland gestorben. Wenn der Doktor durch einen fallenden Baum getroffen würde, wie ich wähne in seinem Horoskop gesehen zu haben, oder selber gegen einen Baum fiele, was nach den dunklen Zeichen ebenfalls möglich wäre, dann müßte er wohl versterben. Denn mit Knütteln wollt Ihr ihn doch nicht erschlagen, meine Herrn. Das wäre eine Schande und ein Unglück für Euch alle!“
Faust stand auf und sah dem Doktor gerade ins Gesicht, so daß der zurückwich: „Ich will dem Paracelo nicht zuleibe,“ rief er.
„Ihr wollts,“ sagte Faust, „so wie Ihr es mir wolltet. Mir tut Ihr nichts, denn ich reis’ in dreien Tagen ab und überdies kenne ich auch meine Stund’, die nicht in der Hand von Euresgleichen liegt. Dem Doktor da drüben aber ist diese Nacht gefährlich, das sag’ ich Euch und hab’s herausgelesen aus meiner Kunst. Wollt Ihr sie nützen? Heute kann’s geschehen, und sonsten in Jahrfrist nimmer. Dassag’ ich Euch, aber meine Hand biet’ ich dazu nicht anders. Und nun gehabt Euch wohl, weil wir uns doch in diesem Leben nicht mehr sehen.“
Ehe der Doktor etwas erwidern konnte, war Faust, ohne Urlaub zu nehmen, schon im Dunkel verschwunden und niemand merkte es, weil das Lärmen um Paracelsus immer ärger wurde. Der große, rote, angetrunkene Arzt brüllte vor Wut, Paracelsus antwortete immer mit kleinen, kurzen und eisern ruhigen und schlagfertigen Sätzen. Alle andern hatten auch schon rote Köpfe. Der kleine Doktor, der wenig getrunken hatte und sich vorsichtig und kühl verhielt, fürchtete, daß Paracelsus die Gesellschaft vorzeitig im Zorne verlassen und ihnen so entgehen könnte. Oder sie zogen die Messer und Degen gegen ihn und verschafften dem Gefeiten einen neuen, abergläubischen Triumph. Ja, es schien, als wollte Paracelsus das ertrotzen, daß sie ihn zu erstechen versuchten, um sich an ihrer vergeblichen Mühe schrill zu lachen.
Da trennte der kleine Doktor geschäftig und geschickt die Streitenden, und indem er sie zu begütigen suchte, redete er leise und eindringlich mit dem einen und dem andern, von denen sich sogleich jeder verdutzt nach dem inzwischen entronnenen Faust umsah.
Aber niemand zweifelte an der Tüchtigkeit des Rates, den ihnen der Schwarzkünstler, wie von ungefähr, hinterlassen hatte.
Jetzt umgaben immer größere Gruppen versöhnlich und vermittelnd die noch Streitenden und den übermütigen Herausforderer der ganzen Kollegenschaft. Sie riefen, es wäre zu viel und wäre auch zu spät und man müßte heimdenken. Einige umringten den ziemlich angezechten Adepten und torkelten mit ihm hinter den andern her, auf allerlei Schlängelwegen an Felsen den Steilpfad nach der Stadt hinunter suchend.