Faust vernahm schon am andern Tag in der Frühe vom entsetzten Stainer, daß das Gastgebot der Ärzte übel geendet hätte. Der Paracelsus wäre von etlichen Doktores oder vielmehr von deren jungen Vikars ergriffen und über den Felsen heruntergestürzt worden, dort, wo die Felsputzer eben mehrere Bäume abgesägt hatten, welche längst den Stein zu sprengen und auf die Häuser zu stürzen gedroht hatten. Es standen dort viele Strünke und dazu lagen auf einem Felsbändel auch die Stämme noch langhin. Dorthin wäre der Paracelsus abgestürztund hätte lange Zeit jämmerlich gestöhnt, bis andere in ihrer Angst ihn geholt hätten, mit Seilen aufgezogen, wobei er fortwährend vor Schmerzen schrie. Wegen der schweren Verletzungen des Paracelsus, die sonderbarerweise von außen nicht sichtbar wären, hätten diese Gemäßigteren und Abgekühlten ihn dann in sein Quartier am Stein getragen, ihn vermahnt, wie alles nur aus Trunkenheit und Streit erstanden wäre und ihn dann, der sich alles Reden verbeten, in Pflege gegeben und verlassen hätten.Nahezu drei Tage lebte der Verletzte noch. Schwach am Körper, aber immer noch hellen Geistes, schien er an nichts anderes zu denken, als Ordnung mit seinem Gotte zu machen, an dem der unerbittliche Forscher, durch alle Irrgänge seines Denkens hindurch und trotz der erschreckendsten Wahrheiten, die er sonst entdeckt, unverbrüchlich geglaubt hatte. Er sagte nichts aus, kannte keine Rache, verzieh seinen Feinden, und als sein Freund, der Pfleger und Stadtrichter von Hallein und der kaiserliche Notarius Kalbsohr den letzten Willen des Sterbenden entgegennahmen, fanden sie ihn auf einem armseligen Bett von Reisig sitzend, schwach, aber bei Sinnen und hörten mit Rührung, wie der Abschiednehmendesein recht kümmerliches Hab und Gut den Armen vermachte. Nur eine Flasche mit Tinktur (sie wäre das größte und gefährlichste Gift dieser Erde, wie er sagte), befahl er dem getreuen Sympert Stainer auf der Salzachbrücke zu zertrümmern und in den Fluß zu werfen.Viel wird hier nacherzählt, wie Stainer die große Phiole gegen das Joch der Brücke geschmettert hätte und die herausspritzende Flüssigkeit augenblicklich das Wasser der Salzach, sowie sie es berührte, in aufleuchtende Goldstaubwirbel verwandelt hätte, die sogleich, schwerlastend, untersanken.„Habt Ihr noch mehr solcher Tinktur?“ riefen der erregte Freund und der Notar, als der Student das alchymistische Wunder erzählte.„Glaubt Ihr denn, man braut sie eimerweise wie das Bier?“ sagte Paracelsus, drehte sich gegen die Wand und verschied. Und das waren seine letzten Worte gewesen.Doktor Faust, dem all das erzählt wurde, fröstelte. Zuerst, weil er dem Tode Tag und Richtung gewiesen hatte. Dann, weil er sich jetzt völlig allein und in ganz Deutschland von niemandem mehr verstanden vorkam. Und endlich, weil ihm jene letzte, ironische Äußerung des Paracelsus ahnen machte,daß er eine Waffe gegen den Unermeßlichen, in unermeßlich großer Masse, zu erzeugen unternahm. Ob das glücken konnte?Aber Paracelsus hatte immer allein für sich hingeheimnißt und, geizig und neidisch, all seine Entdeckungen verschwiegen. Er, Faust, hatte Kaiser und Reich zu Laboranten.Aber drei Tage sperrte er sich gegen alle Welt, auch gegen die ihn viel anflehende Helena ab und ließ niemand an sich heran, fastete auch und war gänzlich verstört und heruntergekommen, als er wieder in seiner geöffneten Türe erschien und Auftrag gab, alles zur Abreise nach Innsbruck zu rüsten.Denn schneller, als er selber dachte, war der Befehl vom Kaiser gekommen, die Arbeit im Felsenloch zu beginnen.Faust konnte wieder lächeln. Er lächelte böse. „Gold.“ Da wurde selbst der grämlich gleichgültige Kaiser, in dessen Reiche die Sonne nicht unterging, und der sich, gelangweilt, nur mehr an die Größe Gottes anzulehnen schien, eilfertig wie ein hastiger Jude, dem ein Geschäft entgehen könnte!
Faust vernahm schon am andern Tag in der Frühe vom entsetzten Stainer, daß das Gastgebot der Ärzte übel geendet hätte. Der Paracelsus wäre von etlichen Doktores oder vielmehr von deren jungen Vikars ergriffen und über den Felsen heruntergestürzt worden, dort, wo die Felsputzer eben mehrere Bäume abgesägt hatten, welche längst den Stein zu sprengen und auf die Häuser zu stürzen gedroht hatten. Es standen dort viele Strünke und dazu lagen auf einem Felsbändel auch die Stämme noch langhin. Dorthin wäre der Paracelsus abgestürztund hätte lange Zeit jämmerlich gestöhnt, bis andere in ihrer Angst ihn geholt hätten, mit Seilen aufgezogen, wobei er fortwährend vor Schmerzen schrie. Wegen der schweren Verletzungen des Paracelsus, die sonderbarerweise von außen nicht sichtbar wären, hätten diese Gemäßigteren und Abgekühlten ihn dann in sein Quartier am Stein getragen, ihn vermahnt, wie alles nur aus Trunkenheit und Streit erstanden wäre und ihn dann, der sich alles Reden verbeten, in Pflege gegeben und verlassen hätten.
Nahezu drei Tage lebte der Verletzte noch. Schwach am Körper, aber immer noch hellen Geistes, schien er an nichts anderes zu denken, als Ordnung mit seinem Gotte zu machen, an dem der unerbittliche Forscher, durch alle Irrgänge seines Denkens hindurch und trotz der erschreckendsten Wahrheiten, die er sonst entdeckt, unverbrüchlich geglaubt hatte. Er sagte nichts aus, kannte keine Rache, verzieh seinen Feinden, und als sein Freund, der Pfleger und Stadtrichter von Hallein und der kaiserliche Notarius Kalbsohr den letzten Willen des Sterbenden entgegennahmen, fanden sie ihn auf einem armseligen Bett von Reisig sitzend, schwach, aber bei Sinnen und hörten mit Rührung, wie der Abschiednehmendesein recht kümmerliches Hab und Gut den Armen vermachte. Nur eine Flasche mit Tinktur (sie wäre das größte und gefährlichste Gift dieser Erde, wie er sagte), befahl er dem getreuen Sympert Stainer auf der Salzachbrücke zu zertrümmern und in den Fluß zu werfen.
Viel wird hier nacherzählt, wie Stainer die große Phiole gegen das Joch der Brücke geschmettert hätte und die herausspritzende Flüssigkeit augenblicklich das Wasser der Salzach, sowie sie es berührte, in aufleuchtende Goldstaubwirbel verwandelt hätte, die sogleich, schwerlastend, untersanken.
„Habt Ihr noch mehr solcher Tinktur?“ riefen der erregte Freund und der Notar, als der Student das alchymistische Wunder erzählte.
„Glaubt Ihr denn, man braut sie eimerweise wie das Bier?“ sagte Paracelsus, drehte sich gegen die Wand und verschied. Und das waren seine letzten Worte gewesen.
Doktor Faust, dem all das erzählt wurde, fröstelte. Zuerst, weil er dem Tode Tag und Richtung gewiesen hatte. Dann, weil er sich jetzt völlig allein und in ganz Deutschland von niemandem mehr verstanden vorkam. Und endlich, weil ihm jene letzte, ironische Äußerung des Paracelsus ahnen machte,daß er eine Waffe gegen den Unermeßlichen, in unermeßlich großer Masse, zu erzeugen unternahm. Ob das glücken konnte?
Aber Paracelsus hatte immer allein für sich hingeheimnißt und, geizig und neidisch, all seine Entdeckungen verschwiegen. Er, Faust, hatte Kaiser und Reich zu Laboranten.
Aber drei Tage sperrte er sich gegen alle Welt, auch gegen die ihn viel anflehende Helena ab und ließ niemand an sich heran, fastete auch und war gänzlich verstört und heruntergekommen, als er wieder in seiner geöffneten Türe erschien und Auftrag gab, alles zur Abreise nach Innsbruck zu rüsten.
Denn schneller, als er selber dachte, war der Befehl vom Kaiser gekommen, die Arbeit im Felsenloch zu beginnen.
Faust konnte wieder lächeln. Er lächelte böse. „Gold.“ Da wurde selbst der grämlich gleichgültige Kaiser, in dessen Reiche die Sonne nicht unterging, und der sich, gelangweilt, nur mehr an die Größe Gottes anzulehnen schien, eilfertig wie ein hastiger Jude, dem ein Geschäft entgehen könnte!