Der verhaltene und harte Mann schwand zwar nicht zum Kniefall vor dem Weibe dahin, aber er setzte sich schwach und schwer nieder. Dem Kinde wies er wortlos seinen eigenen Platz am Kaminfeuer und es war eine lange Weile nichts zwischen ihnen, so daß das Mädchen sehr bange um den Ausgang seiner Herzenssache gewesen wäre, wenn es nicht gemerkt hätte, wie es in dem gefährlichen Mann zuckte und riß. Er kämpfte mit sich und versteckte seine Rührung, aber sie merkte es dennoch und streichelte ihn, wie ein Kind, wie eine Geliebte und wie eine Mutter, alles in einem. Und wußte innerlich, daß sie gesiegt und mit dem Fuß eine große Schlange zertreten hatte.Hat sie der alternde Faust eingenommen odersie ihn? Es ist ein Ding, über das jederzeit beide sehr glücklich sind.Faust konnte weinen; — ganz leise ...In jener Stunde also, da dem harten, gehässigen, höhnischen und gelehrten Doktor Faust heimliche Tränen geschenkt waren, wie vielleicht seit seiner Jugend nicht, hatte der Föhnsturm im Kamin allein seine Rede. Die zwei Menschen schwiegen, er aber litt und klagte und toste für beide. Das Feuer verkroch sich unter seinem brausenden Herunterfahren, dann rebellierte es doppelt; ebenso, wie die Herzen jener beiden Menschen, die sich kein Wort mehr zu sagen hatten und dennoch bald entbrannten, bald zu sterben und auszulöschen vermeinten. Immerzu aber sang das Element im Kamin. Es donnerte und es rieselten Sand und Ziegelstücke hernieder; es verpreßte sich und schnaufte und dann wieder weinte es; bald aufheulend, bald leise.Das Mädchen: „Heute ist der Tag Allerseelen. Denkst du nicht daran, Johannes, daß unser Volk hier herum sagt, wenn der Wind im Kamin so sein Wesen hat, dann weinen die armen Seelen?“Faust nickte und saß zu ihren Füßen hin, wie er vor langer Zeit bei der frühgestorbenen Mutter getan.„Nun warst du eine verdammte, arme Seele bei lebendigem Leibe,“ sagte das Mädchen, dem die Haare sich im Feuerscheine vergoldeten. „Leide nur immerzu mit; ich will dich nicht mehr verlassen.“Faust aber vergrub sein Gesicht in den Knien des Mädchens und atmete das fremde, junge Wesen ein, ohne ihr etwas anzutun. Und so oft der an alle Begierden Verlorene spürte: das ist ja das schönste junge Weib der Erde, da stand er auf und ging mit großen Schritten auf und nieder und es ist wahr, daß ihm die Jungfrau dabei nicht aufatmend, sondern traurig zusah, weil er ihr Opfer nicht annahm und weil sie sich fürchtete, der Feind könnte stärker werden als alles, was sie zu geben hatte.Aber als der Sturm dermaßen donnerte, daß die ganze Stadt an nichts anderes zu denken vermochte, als wie sie nur mit gesunden Dächern und Häusern den nächsten Tag herandämmern sähe, da fühlten beide sich zuletzt so ausgeschlossen von den Gedanken aller Welt, daß sie vermessentlich alles fortwarfen: Jedes eine ganze Welt, dem andern zuliebe.Und von dem Tage an begann die Zeit, da ging der berühmte Doktor bei der Hofraitkanzlei denKrebsgang; hielt zurück, bat um Stundung und um Einhalt der Arbeiten wegen des Winters und war daran, ein Menschenkind zu werden. Schwach, klein und mitleidswert wie alle andern lieben und bösen, geratenen und mißlungenen Menschengebilde auch.Die Chrysoloras aber war damals schöner als je und war so glücklich, daß ihr Vater immer sagte: „Du tolles Heidenkind.“Er allein wußte noch nichts von ihren heimlichen Gängen zum Nigromanten. Aber in der Welt entstand damals schon, zuerst durch wegziehende Innsbrucker Studenten jene bekannte Fabel, der Faustus habe sich durch böse und schwarze Kunst die schönste Frau aller Zeiten erzaubert: die griechische Helena des Homer.So wunderlich wird von den Menschen alles symbolisiert; immer steht nur ein Körnlein Tatsache da.Das aber war es nun, Gott nehme es als Klage an: Wäre der Faust mit diesem unbändigen Glück zufrieden und seliglich geworden und geblieben, er wäre nicht der Faustus gewesen.Im stillen hatte ers oft verwünscht, daß er der größten Schönheit niemals teilhaftig geworden wäre.Jetzt, wo es gekommen war, glaubte er zuerst oft, er müßte von Sinnen kommen und augenblicklich fertig sein fürs Tollenhaus, wenn er ihre still und bescheiden dargebotene Schönheit mit den Augen prüfen durfte. Er war weitherum in die Länder gereist, welche sich jahrtausendlang mit der Schönheit menschlichen Körpers und seiner Bewegung verwöhnt hatten und sah längst nicht mehr mit den Augen der bald zufriedenen deutschen Malermeister. Das aber, was ihm hier geschenkt worden war, hatte an Ebenmaß kein Grieche und kein Italiener in seinen höchsten Verzückungen erlebt. Er wußte es. Und, noch einmal, er erstaunte oft, daß er vor Glück über diese allerletzte und späte Gabe Gottes nicht irrsinnig wurde.Aber es grübelte und wühlte in ihm von jungauf. Das konnte jetzt nicht abgewöhnt sein. Darum sagte sich der unzähmbare Mann: „Für ein biegsam und malenswertes Mägdlein gibst du deine Feindschaft gegen Gott hin? Diesmals lachen nicht alle Teufel; aber im Himmel mag es ein klingelndes Gelächter geben darob!“Auch war noch etwas in ihm, von dem ungut sprechen ist. Aber weil hier von einem Manne die Rede geht, der bis an die Grenzen aller Sinnengierdengewüstet hatte, so muß es, ungern, gesagt sein. Er wollte von dem Mädel, das sich ihm aus einer Liebe ergeben hatte, die man treulich die göttliche nennen hätte dürfen, andere Liebe haben; ganz andere! Das heißt aber, verdorben, verbuhlt wollte er sie; — um kein böseres Wort zu brauchen. Irgend ein Teufel in ihm trieb ihn zu diesem Wunsche, nach dessen Erfüllung sie gewesen wäre, wie eine andere, hitzige Dirne, so daß er sie dann vielleicht nicht einmal gerührt von ihrer völligen Niederlage, verworfen hätte. Das schöne Mädchen aber gab sich, ohne daß die Sünde sie hinriß. Das wühlte in ihm wie eine Beleidigung.Er wußte sich schöne und begehrte Weiber von einstens, die waren in einer Stunde siebenmal vergangen und hatten ihre Seele weggeseufzt. So wollte er die Chrysoloras haben. Er zerquälte sich, daß sie ihm nicht gab, was bei reinen Mädchen erst spät und aus einer bloß körperlichen Gewöhnung entsteht und dann nur wunderlich, ihnen selber und ihrem eigentlichen Wesen ferne und seltsam vorkommt. Denn sehr verschieden sind die Frauen in der Umarmung.Der mißtrauische Mann aber legte das Wesen des Mädchens dahin aus, daß sie wohl unter demDruck eines Jüngeren dahinverbrennen würde. Bloß ihm, nur ihm alternden Manne konnte sie das Entgegensprühen des Elektrons nicht mehr geben! Das wühlte und zerfraß ihn.Und doch kann keine Treue sicherer bestehen, als die, an der keine Sinne teilhaben, sondern die sich an das urewige Wesen eines seltenen Menschenkindes klammert und nichts anderes begehrt als das.Aber so ist der Mann, daß er den Leib im Staube sich winden sehen will, wie den eigenen. Und daran, an dieser Grenze, geriet Faust am Gotte vorbei.Er glaubte nicht an das reine Weib und deshalb verzweifelte der unrein gewordene Mann jetzt an sich selber. Gab sich und seinen Jahren schuld. Konnte sie ihn beim Haupte nehmen und mit elfenbeinblassen Armen umringen und mit den Händen im Haar liebkosen, da meinte er, sie suche nach, ob er schon gar zuviel graue Haare hätte? So mißtrauisch und verloren war er und dachte sich das Mädchen so wie sich selber, während sie ihn bloß anbetete und inbrünstig ihm vergab und ihn koste, so gut sie es konnte. Je süßer sie in ihrer Liebe wurde, desto mehr verzweifelte er an ihr und sich selber. Alles legte er zuletzt anders aus.Einmal, nachdem sie sich gesagt hatte: Du hastden erfahrensten Mann dieser Erde in deinen Armen, frag ihn aus, da begann sie: „Sag’ mir, Faust: Wozu, da du alles durchforscht hast, wozu meinst nun du, daß Gott den Menschen erschuf?“Da fuhr der mißtrauische Mann auf: „Du willst wohl Mutter werden und dafür ein Sprüchlein haben?“Das Mädchen richtete sich beinahe erzürnt und ernsthaft auf: „Ich frag’, was ich frage, ohne einen andern Gedanken, als daß du allein mir darauf vor allen andern Menschen Antwort geben könntest.“Dasmal sah Faust ein, daß ein Kind mit seiner Seele gefragt hatte und erwiderte ihr in seiner Weise: „Gott hat den Menschen erschaffen, damit der ihm Antwort gäb’ auf Ding’, die er selber nit weiß!“„Faust, ist das dein Ernst?“„Mein Ernst. Soweit ich Gott neben die Vernunft gestellt habe, hat er sich mir als ein liebes, dummes, aber ungeheuerlich sicheres Lasttier erwiesen, das neben den gefährlichsten Abgründen gehen kann, ohne hineinzustürzen. Bei diesem Schreiten neben Abgründen kannst du auch am Menschen abpassen, wieviel vom Gotte in ihm steckt. Unsere Vernunft ist ihm, was uns ein Kartenspielin müßigen Stunden ist; er sieht hinein, macht Mischungen, führt verschiedene Spieler zusammen und wirft zuletzt alles durcheinander: Es war ja nichts. Darum wollt’ ich ihm ein Spiel wenigstens verderben! Mehr vermag auch ich nicht.“„Und hast es aufgegeben?“„Und tät’ es aufgeben, solange ich dein Gott wäre. Dein einziger, dein eifersüchtiger, dein alldurchdringender, der nicht einmal ein armes Holz- oder Ölbildlein neben sich dulden würde!“„Das bist du, ich schwöre es dir,“ sagte das Mädchen und küßte den Mann, den sie so sehr liebte, weil er so ungeheuerlich und gefahrdrohend gewesen war und nun ihr zuliebe so mild und gezähmt. Wirklich, sie liebte ihn über alles; denn keiner war so abseits und so nahe am Äußersten. Auch hatte er abgründig mißtrauische, todtraurige Augen; in die konnte sie nicht genug schauen. Dann war er in vielem dennoch wie ein Kind geblieben. Er hatte dichtes Kraushaar. Auch sein Mund war herb und irgend eine Lust war deshalb in ihr unersättlich, diesen absagenden Mund in weichere Form zu küssen. Weiter, er war hungrig nach ihr wie ein erst Gewordener. Das erhitzte sie nicht, aber es schmeichelte ihr viel mehr, als er ahnte.Sodann, aber lange nicht zuletzt, seine Stimme klang verschwebt und traurig; gar nicht hart und haßerfüllt. So, daß sie sich immerzu wundern mußte, wie ein Mann mit so entferntem Ton den Ingrimm fassen hatte können, alles zusammenzuschmeißen, was Gott in Jahrtausenden erbaut. Daß nun sie allein dawider und dazwischen kam, das machte ihr so hohen Mut und solches Glück, daß sie immer mehreres an ihm schön fand, als diese eben gesagten Dinge, und wirklich und wahrhaftig in den zu Jahren kommenden, armen Mann verliebt war, an dem es so viel zu bewundern, so viel, sich zu entsetzen, und so viel zu bemitleiden und zu bemuttern gab!Das war, in kurzem zusammengefaßt, die Liebe der Chrysoloras. Und während die Theologen, ferne oder nahe in Innsbruck, die erschreckendsten heidnischen Liebesnächte ahnten und der verhohlenen Chrysoloras alle Laster ansahen und zumuteten, da war es so was Herzliches und Inniges und Zutrauliches mit der Mädelseele, daß man wohl glauben hätte dürfen, Gott selber hätte sie endlich und letztlich zum Fausto gesendet, damit sie ihn errette und erlöse. Denn mehr konnte auch er nicht geben.Es kamen noch andere Sendboten des Allgütigenzu dem verlornen Manne, um seine Seele sänftiglich zu ermahnen. So ließ sich dieser Winter dermaßen milde und gütig an, daß Faust, der immerzu an der Begierde nach dem Süden, seiner vielen Sonne und seinen Früchten litt, beinahe im Boznerlande zu sein glaubte; so weich und gut ging es zu Innsbruck damals her, seit jenem Föhn.Er ging einmal von seiner Geliebten, die ihm gefügig, demütig und zärtlich erschienen war, wie sie ihm noch nie bedünkt hatte — (und das war viel) — mit einer Seele, die gerührt war wie die eines Genesenden, in den lieben Novembersonnenschein hinaus, ging über den Paßberg bis zur Sillschlucht und schaute den herrlich klaren Sturzwassern zu, wie die eilig gegen Süden hinwirbelten. Dorthin, wo sein erschreckliches Werk weitergedieh, ohne daß er mehr dabei sein wollte. Vielleicht floh er mit Helena? Von einer lieblichen Willenlosigkeit erfaßt, ließ er seinen Tag dahinspielen, als wäre er mitten in seiner Jugend.Er war heute dermaßen ergriffen über die Liebe, die ihm, dem unschönen und bejahrten Manne da gegeben worden war, daß er an allem Gefallen fand und dem Gotte, mit dem er sonst ingrimmig zu hadern pflegte, in seiner unziemlichen Weise, abernicht höhnisch, jetzt zurief: „Manchmal machst du es doch ganz hübsch, du alter Sünder und Lebetappel!“Es waren unschöne Worte; jedoch sein Herz, das er vor sich selber zu verstecken strebte, war an diesem Tage viel schöner.Da aber zogen Bauern vorbei und ein paar Bürger; die hatten sich aus Brixen und Sterzing zusammengetan, um in der Residenz den Andrämarkt zu besuchen. Und das übermütige und gutlebige Volk sang, alle zusammen, das damals berühmte Leiblied aller gesunden und derben Philister:„Ach Gott, durch deine GüteGib uns Mantel, Rock und Hüte;Dann Rösser, Säu’ und Rinder,Schöne Weib’ und noch mehr Kinder!“Da blieb der Faust stehen.Der urgesunde Hohn dessen, den er Gott nannte, stieß kräftiglich auf seine Träume hernieder. Er machte ein böses Gesicht und schaute den Kerlen nach.„Wenn ihrer einer, nur einer von ihnen so was wie dein Ebenbild wär, du Dalk dort oben! Ein Ebenbild, wie die wälschen Maler hinstellen,“ murrte er. Als die Davonziehenden aber das Lied nichtgenug jubeln konnten, da rief er ihnen nach: „Daß euch die Franzosen dazugesegnet sein mögen, ihr Mißgebäck!“ Und sah ihnen mit zornflammenden Augen nach! „Ich möcht’ doch sehen, ob ich, der Faustus und Denker, mich je unterwunden hätt’, einen Bamsen in die Welt zu setzen! Ich, ich tät’ mich des schämen und unwürdig fühlen! Da ist aber ihrer keiner, der schöner von Leib wäre, als ich armer Schwartenhans! Ausschauen tun sie, wie Bastarde von Feldrüben und Alräundeln. Und solche Affenbande möcht’ sich nicht genug wiederholt und fortgezeugt wissen? Daß einem das Kotzen ankommen müßt! Und so ist die ganze Erden getan. Ehedem waren der Menschen gar wenig, da standen sie nahe bei Gott und hatten einen Abglanz von ihm; — so oder so. Der Schönheit war viel da und der unholden Masse wenig. Jetzt sind es in den Städten schon hundertmal tausend Rauhwuzeln, Rüpel und Dirnen. Millionen! Und schaun aus, wie Ackerknollen. Müssen sich aber vermehren, daß es langsam zum Verzweifeln sein wird auf der überwimmelten Erden! Krieg und Quälerei und Blutvergießen und andere Bosheit treiben sie genug, aber all’ das, samt der Pest, kommt nicht auf gegen ihre Wonne, immer mehr Affen ans Tageslicht zu setzen!„Ein einzigmal war das Paradies. Da waren die unbewußten Tiere, die jetzt mit Fleiß ausgerottet werden, die wimmelnde Menge. Und über allen stand allein aufgerichtet, das Haupt zum Himmel erhoben und über sie wegschauend, der eine Mensch. Der eine! So wie ich mich bedünk’, der eine und einzige zu sein. War der Adam der erste, ich, der Faustus, will der letzte sein. Geh’ es, wie es muß!“Er atmete schwer in seinem Ingrimm. Da fiel ihm ein, wie ja gerade Gott zu jenem hochaufgerichteten Einen und Einsamen die Eva hingestellt. Ebenso, wie jetzt zu ihm? Da er doch schon ein langes Leben, allein und trotzig abgeschieden von dem andern Geschmeiß, verharrt hätte. Längst sah er die Menschen nicht mehr als Brüder und seinesgleichen an.Aber er schüttelte alle lieben und weichen Gedanken von sich. — Brüder?Sogar für die Gekrönten hatte er nur Kurzweil und Possenspiel losgelassen; denn sie, weniger noch als andere waren einer ernsten Belehrung wert. So hatte er alle und alles verachtet und sogar von dem Tiefsten und Schauendsten neben ihm, dem großen Paracelsus, hatte er einmal gesagt:„Der ist nur ein Instrument der Menschheit. Ich bin der Mensch selber.“Und damit wollte er der Letzte sein.Vergrämt und verekelt ging der Doktor seine einsamen Wege durch die holde Landschaft weiter und merkte höhnisch, wie auf dem sonnigen Hang gegen Schloß Ambras zu, den er jetzt wandelte, allerlei Blüten sich hervorwagten. „Das ist Er; ja, das ist Er! Wo es nur angeht, drängelt und ringelt er sich wichtig herfür! Und wär’s im Dezember und müßt da alles gleich wieder erfrieren; die Dummheit muß gewagt und gemacht sein!“Er blieb stehen. „Bei jedem Menschen noch, den ich gesehen und erleben mußte, hab’ ich mir die Frage gestellt: ‚Ist er denn überhaupt wert, daß er lebt?‘ War er jung, so lag das Ja, dann und wann, aber gar selten, näher; wegen der Hoffnung, daß noch was Göttliches draus ersprieße. Aber was haben die dann alle aus sich gemacht!“‚Herr, schenk’ uns Säu und Rinder, Weib und noch mehr Kinder!‘„Und selbst wenn unsereins, in brennendem Bemühen, sein unersättlich Herz zur Ewigkeit emporhält und frägt: ‚Gott, Gott, was ist das alles und warum läßt du uns ewiglich so weiterbetrogen sein?‘ Wer bei ihm die Wahrheit sucht, der erlebt bestenfalles kalte Antwort, wie er sie dem hochwissenschaftlichen Paracelsus oder auch irgend einem Mathematicus gab! Er ist ein unsagbar nüchterner Gesell, vor unserm Verstande.„Nur wer dahingeht wie ein Kind, der lebt im Rausch. Aber im selben Rausch wie diese Novemberblumen, die in drei Tagen erfroren sein werden. Fopperei ist alles.“Er blieb wiederum stehen: „Nur zwei Menschen gab es auf Erden. Den ersten, der den Gott schuf; — den zweiten, der ihm absagte.“Der Magier war wieder in seinen unzerreißbar festen Gedankenkreis hineingeraten: Dieses Spottbild einer Schöpfung, mit dem Menschen obenan, müsse hinweg. Das hatte er sehr oft und mit hinreißendem Feuer dem jungen Stainer in dessen ohnedies verwundete, arme Seele gelegt. Er hatte es ihm flammender eingebrannt, als Farben in einem gemalten Fenster sitzen. Der Junge konnte jetzt nur mehr mit Faustens Augen sehen, nur mehr mit seinem Hasse atmen, nur mehr an Gott denken als den großen Possenspieler, Fopper und Torkler, der, im Grunde ohne eigene Vernunft, alles rundum elend machte, und dem mans zurückgeben mußte!Für diese seine verzweifelnde Lehre hatte der Faust zu allen Zeiten andere Worte und Laute. Zuweilen so rührende wie ein Kind. Und gerade dann ergriff er seinen magisch gebannten und nach ihm dürstenden Schüler am meisten.„Es ist ja alles nur Heimweh und Heimbegehren,“ sagte er einmal in ergreifendem Ton, der dem Jungen durch die Seele schnitt! „Es ist ja gar keine Auflehnung, was ich tue, sondern unsinnige Begierde: Zurück zu ihm! Zurück in den Schoß, wie ein ungeborenes Kind! Ist er der Unbewußte und Ahnende, als den ich ihn weiß, warum bin ich verdammt, zu wissen und zu durchschauen? Zu hohnlachen und zu verzweifeln?! Geb’ er uns doch sein entzogenes, väterliches Gut, uns allen, damit Ruhe wird und die Häßlichkeit nicht ganz und gar überhand nimmt! Sollen denn nur die Guten aussterben? Denn dahin treibt es! Und die Krummbeinigen mit den Affenstirnen werden frechhin die Erde überwimmeln! Hinweg also mit den Sehnlichen, denn sie leiden zu viel: Hinweg, mehr noch, mit dem Aasgeschmeiß! Mag sich die alte Feuerkugel stillbesinnlich wieder im Tanze drehen wie ehe; ich ertrage den Menschen nicht mehr!“Nun mag man sich solche Worte und herzzerreißende Klagen in der Seele eines todwunden Jungen wachsenvorstellen. Dessen geheime und hinuntergebissene Liebe war hoffnungslos. Zudem neigt gerade die blumenzarte Jugend viel mehr zum Tode hin und Schwermut, zum Verzweifeln und zur Sehnsucht nach dem harmonischen Verklingen, als der ältere, holzige und ausgedorrte Lebenswille. Das Sterben steht in magischer Nähe zu jenen vielleicht, weil sie noch die unbekannt gewordenen Harmonieen des Nichtseins im Ohr nachklingen haben.Ja; es entstand eine reißende Sehnsucht in dem wahnsinnig gewordenen Knaben nach der endlichen Vernichtung. Und daß er allein ausersehen sein sollte, der Amanuensis des großen Widerpartners Gottes zu sein, der Arm des Vernichters, das zog ihn vollends hin.An diesen seinen jungen Gesellen dachte Faust nunmehr die ganze Zeit und er überlegte, ob er ihn nicht wieder heißmachen und aufhetzen sollte. Dann sah er um sich, sah die Erde lächeln, als wäre Frühling, entsann sich abermals, wie dieser Tag so recht ein Symbol des ganzen Truges wäre und warf sich, von zwiespältigsten Gefühlen überrannt und verzweifelnd, am Weg ins frisch herausgekommene Gras, das so betrogen war, wie er selber und stöhnte: Vor Hilflosigkeit, vor Anklage, vor Flehen um Gnade und Friede.
Der verhaltene und harte Mann schwand zwar nicht zum Kniefall vor dem Weibe dahin, aber er setzte sich schwach und schwer nieder. Dem Kinde wies er wortlos seinen eigenen Platz am Kaminfeuer und es war eine lange Weile nichts zwischen ihnen, so daß das Mädchen sehr bange um den Ausgang seiner Herzenssache gewesen wäre, wenn es nicht gemerkt hätte, wie es in dem gefährlichen Mann zuckte und riß. Er kämpfte mit sich und versteckte seine Rührung, aber sie merkte es dennoch und streichelte ihn, wie ein Kind, wie eine Geliebte und wie eine Mutter, alles in einem. Und wußte innerlich, daß sie gesiegt und mit dem Fuß eine große Schlange zertreten hatte.
Hat sie der alternde Faust eingenommen odersie ihn? Es ist ein Ding, über das jederzeit beide sehr glücklich sind.
Faust konnte weinen; — ganz leise ...
In jener Stunde also, da dem harten, gehässigen, höhnischen und gelehrten Doktor Faust heimliche Tränen geschenkt waren, wie vielleicht seit seiner Jugend nicht, hatte der Föhnsturm im Kamin allein seine Rede. Die zwei Menschen schwiegen, er aber litt und klagte und toste für beide. Das Feuer verkroch sich unter seinem brausenden Herunterfahren, dann rebellierte es doppelt; ebenso, wie die Herzen jener beiden Menschen, die sich kein Wort mehr zu sagen hatten und dennoch bald entbrannten, bald zu sterben und auszulöschen vermeinten. Immerzu aber sang das Element im Kamin. Es donnerte und es rieselten Sand und Ziegelstücke hernieder; es verpreßte sich und schnaufte und dann wieder weinte es; bald aufheulend, bald leise.
Das Mädchen: „Heute ist der Tag Allerseelen. Denkst du nicht daran, Johannes, daß unser Volk hier herum sagt, wenn der Wind im Kamin so sein Wesen hat, dann weinen die armen Seelen?“
Faust nickte und saß zu ihren Füßen hin, wie er vor langer Zeit bei der frühgestorbenen Mutter getan.
„Nun warst du eine verdammte, arme Seele bei lebendigem Leibe,“ sagte das Mädchen, dem die Haare sich im Feuerscheine vergoldeten. „Leide nur immerzu mit; ich will dich nicht mehr verlassen.“
Faust aber vergrub sein Gesicht in den Knien des Mädchens und atmete das fremde, junge Wesen ein, ohne ihr etwas anzutun. Und so oft der an alle Begierden Verlorene spürte: das ist ja das schönste junge Weib der Erde, da stand er auf und ging mit großen Schritten auf und nieder und es ist wahr, daß ihm die Jungfrau dabei nicht aufatmend, sondern traurig zusah, weil er ihr Opfer nicht annahm und weil sie sich fürchtete, der Feind könnte stärker werden als alles, was sie zu geben hatte.
Aber als der Sturm dermaßen donnerte, daß die ganze Stadt an nichts anderes zu denken vermochte, als wie sie nur mit gesunden Dächern und Häusern den nächsten Tag herandämmern sähe, da fühlten beide sich zuletzt so ausgeschlossen von den Gedanken aller Welt, daß sie vermessentlich alles fortwarfen: Jedes eine ganze Welt, dem andern zuliebe.
Und von dem Tage an begann die Zeit, da ging der berühmte Doktor bei der Hofraitkanzlei denKrebsgang; hielt zurück, bat um Stundung und um Einhalt der Arbeiten wegen des Winters und war daran, ein Menschenkind zu werden. Schwach, klein und mitleidswert wie alle andern lieben und bösen, geratenen und mißlungenen Menschengebilde auch.
Die Chrysoloras aber war damals schöner als je und war so glücklich, daß ihr Vater immer sagte: „Du tolles Heidenkind.“
Er allein wußte noch nichts von ihren heimlichen Gängen zum Nigromanten. Aber in der Welt entstand damals schon, zuerst durch wegziehende Innsbrucker Studenten jene bekannte Fabel, der Faustus habe sich durch böse und schwarze Kunst die schönste Frau aller Zeiten erzaubert: die griechische Helena des Homer.
So wunderlich wird von den Menschen alles symbolisiert; immer steht nur ein Körnlein Tatsache da.
Das aber war es nun, Gott nehme es als Klage an: Wäre der Faust mit diesem unbändigen Glück zufrieden und seliglich geworden und geblieben, er wäre nicht der Faustus gewesen.
Im stillen hatte ers oft verwünscht, daß er der größten Schönheit niemals teilhaftig geworden wäre.Jetzt, wo es gekommen war, glaubte er zuerst oft, er müßte von Sinnen kommen und augenblicklich fertig sein fürs Tollenhaus, wenn er ihre still und bescheiden dargebotene Schönheit mit den Augen prüfen durfte. Er war weitherum in die Länder gereist, welche sich jahrtausendlang mit der Schönheit menschlichen Körpers und seiner Bewegung verwöhnt hatten und sah längst nicht mehr mit den Augen der bald zufriedenen deutschen Malermeister. Das aber, was ihm hier geschenkt worden war, hatte an Ebenmaß kein Grieche und kein Italiener in seinen höchsten Verzückungen erlebt. Er wußte es. Und, noch einmal, er erstaunte oft, daß er vor Glück über diese allerletzte und späte Gabe Gottes nicht irrsinnig wurde.
Aber es grübelte und wühlte in ihm von jungauf. Das konnte jetzt nicht abgewöhnt sein. Darum sagte sich der unzähmbare Mann: „Für ein biegsam und malenswertes Mägdlein gibst du deine Feindschaft gegen Gott hin? Diesmals lachen nicht alle Teufel; aber im Himmel mag es ein klingelndes Gelächter geben darob!“
Auch war noch etwas in ihm, von dem ungut sprechen ist. Aber weil hier von einem Manne die Rede geht, der bis an die Grenzen aller Sinnengierdengewüstet hatte, so muß es, ungern, gesagt sein. Er wollte von dem Mädel, das sich ihm aus einer Liebe ergeben hatte, die man treulich die göttliche nennen hätte dürfen, andere Liebe haben; ganz andere! Das heißt aber, verdorben, verbuhlt wollte er sie; — um kein böseres Wort zu brauchen. Irgend ein Teufel in ihm trieb ihn zu diesem Wunsche, nach dessen Erfüllung sie gewesen wäre, wie eine andere, hitzige Dirne, so daß er sie dann vielleicht nicht einmal gerührt von ihrer völligen Niederlage, verworfen hätte. Das schöne Mädchen aber gab sich, ohne daß die Sünde sie hinriß. Das wühlte in ihm wie eine Beleidigung.
Er wußte sich schöne und begehrte Weiber von einstens, die waren in einer Stunde siebenmal vergangen und hatten ihre Seele weggeseufzt. So wollte er die Chrysoloras haben. Er zerquälte sich, daß sie ihm nicht gab, was bei reinen Mädchen erst spät und aus einer bloß körperlichen Gewöhnung entsteht und dann nur wunderlich, ihnen selber und ihrem eigentlichen Wesen ferne und seltsam vorkommt. Denn sehr verschieden sind die Frauen in der Umarmung.
Der mißtrauische Mann aber legte das Wesen des Mädchens dahin aus, daß sie wohl unter demDruck eines Jüngeren dahinverbrennen würde. Bloß ihm, nur ihm alternden Manne konnte sie das Entgegensprühen des Elektrons nicht mehr geben! Das wühlte und zerfraß ihn.
Und doch kann keine Treue sicherer bestehen, als die, an der keine Sinne teilhaben, sondern die sich an das urewige Wesen eines seltenen Menschenkindes klammert und nichts anderes begehrt als das.
Aber so ist der Mann, daß er den Leib im Staube sich winden sehen will, wie den eigenen. Und daran, an dieser Grenze, geriet Faust am Gotte vorbei.
Er glaubte nicht an das reine Weib und deshalb verzweifelte der unrein gewordene Mann jetzt an sich selber. Gab sich und seinen Jahren schuld. Konnte sie ihn beim Haupte nehmen und mit elfenbeinblassen Armen umringen und mit den Händen im Haar liebkosen, da meinte er, sie suche nach, ob er schon gar zuviel graue Haare hätte? So mißtrauisch und verloren war er und dachte sich das Mädchen so wie sich selber, während sie ihn bloß anbetete und inbrünstig ihm vergab und ihn koste, so gut sie es konnte. Je süßer sie in ihrer Liebe wurde, desto mehr verzweifelte er an ihr und sich selber. Alles legte er zuletzt anders aus.
Einmal, nachdem sie sich gesagt hatte: Du hastden erfahrensten Mann dieser Erde in deinen Armen, frag ihn aus, da begann sie: „Sag’ mir, Faust: Wozu, da du alles durchforscht hast, wozu meinst nun du, daß Gott den Menschen erschuf?“
Da fuhr der mißtrauische Mann auf: „Du willst wohl Mutter werden und dafür ein Sprüchlein haben?“
Das Mädchen richtete sich beinahe erzürnt und ernsthaft auf: „Ich frag’, was ich frage, ohne einen andern Gedanken, als daß du allein mir darauf vor allen andern Menschen Antwort geben könntest.“
Dasmal sah Faust ein, daß ein Kind mit seiner Seele gefragt hatte und erwiderte ihr in seiner Weise: „Gott hat den Menschen erschaffen, damit der ihm Antwort gäb’ auf Ding’, die er selber nit weiß!“
„Faust, ist das dein Ernst?“
„Mein Ernst. Soweit ich Gott neben die Vernunft gestellt habe, hat er sich mir als ein liebes, dummes, aber ungeheuerlich sicheres Lasttier erwiesen, das neben den gefährlichsten Abgründen gehen kann, ohne hineinzustürzen. Bei diesem Schreiten neben Abgründen kannst du auch am Menschen abpassen, wieviel vom Gotte in ihm steckt. Unsere Vernunft ist ihm, was uns ein Kartenspielin müßigen Stunden ist; er sieht hinein, macht Mischungen, führt verschiedene Spieler zusammen und wirft zuletzt alles durcheinander: Es war ja nichts. Darum wollt’ ich ihm ein Spiel wenigstens verderben! Mehr vermag auch ich nicht.“
„Und hast es aufgegeben?“
„Und tät’ es aufgeben, solange ich dein Gott wäre. Dein einziger, dein eifersüchtiger, dein alldurchdringender, der nicht einmal ein armes Holz- oder Ölbildlein neben sich dulden würde!“
„Das bist du, ich schwöre es dir,“ sagte das Mädchen und küßte den Mann, den sie so sehr liebte, weil er so ungeheuerlich und gefahrdrohend gewesen war und nun ihr zuliebe so mild und gezähmt. Wirklich, sie liebte ihn über alles; denn keiner war so abseits und so nahe am Äußersten. Auch hatte er abgründig mißtrauische, todtraurige Augen; in die konnte sie nicht genug schauen. Dann war er in vielem dennoch wie ein Kind geblieben. Er hatte dichtes Kraushaar. Auch sein Mund war herb und irgend eine Lust war deshalb in ihr unersättlich, diesen absagenden Mund in weichere Form zu küssen. Weiter, er war hungrig nach ihr wie ein erst Gewordener. Das erhitzte sie nicht, aber es schmeichelte ihr viel mehr, als er ahnte.Sodann, aber lange nicht zuletzt, seine Stimme klang verschwebt und traurig; gar nicht hart und haßerfüllt. So, daß sie sich immerzu wundern mußte, wie ein Mann mit so entferntem Ton den Ingrimm fassen hatte können, alles zusammenzuschmeißen, was Gott in Jahrtausenden erbaut. Daß nun sie allein dawider und dazwischen kam, das machte ihr so hohen Mut und solches Glück, daß sie immer mehreres an ihm schön fand, als diese eben gesagten Dinge, und wirklich und wahrhaftig in den zu Jahren kommenden, armen Mann verliebt war, an dem es so viel zu bewundern, so viel, sich zu entsetzen, und so viel zu bemitleiden und zu bemuttern gab!
Das war, in kurzem zusammengefaßt, die Liebe der Chrysoloras. Und während die Theologen, ferne oder nahe in Innsbruck, die erschreckendsten heidnischen Liebesnächte ahnten und der verhohlenen Chrysoloras alle Laster ansahen und zumuteten, da war es so was Herzliches und Inniges und Zutrauliches mit der Mädelseele, daß man wohl glauben hätte dürfen, Gott selber hätte sie endlich und letztlich zum Fausto gesendet, damit sie ihn errette und erlöse. Denn mehr konnte auch er nicht geben.
Es kamen noch andere Sendboten des Allgütigenzu dem verlornen Manne, um seine Seele sänftiglich zu ermahnen. So ließ sich dieser Winter dermaßen milde und gütig an, daß Faust, der immerzu an der Begierde nach dem Süden, seiner vielen Sonne und seinen Früchten litt, beinahe im Boznerlande zu sein glaubte; so weich und gut ging es zu Innsbruck damals her, seit jenem Föhn.
Er ging einmal von seiner Geliebten, die ihm gefügig, demütig und zärtlich erschienen war, wie sie ihm noch nie bedünkt hatte — (und das war viel) — mit einer Seele, die gerührt war wie die eines Genesenden, in den lieben Novembersonnenschein hinaus, ging über den Paßberg bis zur Sillschlucht und schaute den herrlich klaren Sturzwassern zu, wie die eilig gegen Süden hinwirbelten. Dorthin, wo sein erschreckliches Werk weitergedieh, ohne daß er mehr dabei sein wollte. Vielleicht floh er mit Helena? Von einer lieblichen Willenlosigkeit erfaßt, ließ er seinen Tag dahinspielen, als wäre er mitten in seiner Jugend.
Er war heute dermaßen ergriffen über die Liebe, die ihm, dem unschönen und bejahrten Manne da gegeben worden war, daß er an allem Gefallen fand und dem Gotte, mit dem er sonst ingrimmig zu hadern pflegte, in seiner unziemlichen Weise, abernicht höhnisch, jetzt zurief: „Manchmal machst du es doch ganz hübsch, du alter Sünder und Lebetappel!“
Es waren unschöne Worte; jedoch sein Herz, das er vor sich selber zu verstecken strebte, war an diesem Tage viel schöner.
Da aber zogen Bauern vorbei und ein paar Bürger; die hatten sich aus Brixen und Sterzing zusammengetan, um in der Residenz den Andrämarkt zu besuchen. Und das übermütige und gutlebige Volk sang, alle zusammen, das damals berühmte Leiblied aller gesunden und derben Philister:
„Ach Gott, durch deine GüteGib uns Mantel, Rock und Hüte;Dann Rösser, Säu’ und Rinder,Schöne Weib’ und noch mehr Kinder!“
„Ach Gott, durch deine GüteGib uns Mantel, Rock und Hüte;Dann Rösser, Säu’ und Rinder,Schöne Weib’ und noch mehr Kinder!“
„Ach Gott, durch deine GüteGib uns Mantel, Rock und Hüte;Dann Rösser, Säu’ und Rinder,Schöne Weib’ und noch mehr Kinder!“
Da blieb der Faust stehen.
Der urgesunde Hohn dessen, den er Gott nannte, stieß kräftiglich auf seine Träume hernieder. Er machte ein böses Gesicht und schaute den Kerlen nach.
„Wenn ihrer einer, nur einer von ihnen so was wie dein Ebenbild wär, du Dalk dort oben! Ein Ebenbild, wie die wälschen Maler hinstellen,“ murrte er. Als die Davonziehenden aber das Lied nichtgenug jubeln konnten, da rief er ihnen nach: „Daß euch die Franzosen dazugesegnet sein mögen, ihr Mißgebäck!“ Und sah ihnen mit zornflammenden Augen nach! „Ich möcht’ doch sehen, ob ich, der Faustus und Denker, mich je unterwunden hätt’, einen Bamsen in die Welt zu setzen! Ich, ich tät’ mich des schämen und unwürdig fühlen! Da ist aber ihrer keiner, der schöner von Leib wäre, als ich armer Schwartenhans! Ausschauen tun sie, wie Bastarde von Feldrüben und Alräundeln. Und solche Affenbande möcht’ sich nicht genug wiederholt und fortgezeugt wissen? Daß einem das Kotzen ankommen müßt! Und so ist die ganze Erden getan. Ehedem waren der Menschen gar wenig, da standen sie nahe bei Gott und hatten einen Abglanz von ihm; — so oder so. Der Schönheit war viel da und der unholden Masse wenig. Jetzt sind es in den Städten schon hundertmal tausend Rauhwuzeln, Rüpel und Dirnen. Millionen! Und schaun aus, wie Ackerknollen. Müssen sich aber vermehren, daß es langsam zum Verzweifeln sein wird auf der überwimmelten Erden! Krieg und Quälerei und Blutvergießen und andere Bosheit treiben sie genug, aber all’ das, samt der Pest, kommt nicht auf gegen ihre Wonne, immer mehr Affen ans Tageslicht zu setzen!
„Ein einzigmal war das Paradies. Da waren die unbewußten Tiere, die jetzt mit Fleiß ausgerottet werden, die wimmelnde Menge. Und über allen stand allein aufgerichtet, das Haupt zum Himmel erhoben und über sie wegschauend, der eine Mensch. Der eine! So wie ich mich bedünk’, der eine und einzige zu sein. War der Adam der erste, ich, der Faustus, will der letzte sein. Geh’ es, wie es muß!“
Er atmete schwer in seinem Ingrimm. Da fiel ihm ein, wie ja gerade Gott zu jenem hochaufgerichteten Einen und Einsamen die Eva hingestellt. Ebenso, wie jetzt zu ihm? Da er doch schon ein langes Leben, allein und trotzig abgeschieden von dem andern Geschmeiß, verharrt hätte. Längst sah er die Menschen nicht mehr als Brüder und seinesgleichen an.
Aber er schüttelte alle lieben und weichen Gedanken von sich. — Brüder?
Sogar für die Gekrönten hatte er nur Kurzweil und Possenspiel losgelassen; denn sie, weniger noch als andere waren einer ernsten Belehrung wert. So hatte er alle und alles verachtet und sogar von dem Tiefsten und Schauendsten neben ihm, dem großen Paracelsus, hatte er einmal gesagt:
„Der ist nur ein Instrument der Menschheit. Ich bin der Mensch selber.“
Und damit wollte er der Letzte sein.
Vergrämt und verekelt ging der Doktor seine einsamen Wege durch die holde Landschaft weiter und merkte höhnisch, wie auf dem sonnigen Hang gegen Schloß Ambras zu, den er jetzt wandelte, allerlei Blüten sich hervorwagten. „Das ist Er; ja, das ist Er! Wo es nur angeht, drängelt und ringelt er sich wichtig herfür! Und wär’s im Dezember und müßt da alles gleich wieder erfrieren; die Dummheit muß gewagt und gemacht sein!“
Er blieb stehen. „Bei jedem Menschen noch, den ich gesehen und erleben mußte, hab’ ich mir die Frage gestellt: ‚Ist er denn überhaupt wert, daß er lebt?‘ War er jung, so lag das Ja, dann und wann, aber gar selten, näher; wegen der Hoffnung, daß noch was Göttliches draus ersprieße. Aber was haben die dann alle aus sich gemacht!“
‚Herr, schenk’ uns Säu und Rinder, Weib und noch mehr Kinder!‘
„Und selbst wenn unsereins, in brennendem Bemühen, sein unersättlich Herz zur Ewigkeit emporhält und frägt: ‚Gott, Gott, was ist das alles und warum läßt du uns ewiglich so weiterbetrogen sein?‘ Wer bei ihm die Wahrheit sucht, der erlebt bestenfalles kalte Antwort, wie er sie dem hochwissenschaftlichen Paracelsus oder auch irgend einem Mathematicus gab! Er ist ein unsagbar nüchterner Gesell, vor unserm Verstande.
„Nur wer dahingeht wie ein Kind, der lebt im Rausch. Aber im selben Rausch wie diese Novemberblumen, die in drei Tagen erfroren sein werden. Fopperei ist alles.“
Er blieb wiederum stehen: „Nur zwei Menschen gab es auf Erden. Den ersten, der den Gott schuf; — den zweiten, der ihm absagte.“
Der Magier war wieder in seinen unzerreißbar festen Gedankenkreis hineingeraten: Dieses Spottbild einer Schöpfung, mit dem Menschen obenan, müsse hinweg. Das hatte er sehr oft und mit hinreißendem Feuer dem jungen Stainer in dessen ohnedies verwundete, arme Seele gelegt. Er hatte es ihm flammender eingebrannt, als Farben in einem gemalten Fenster sitzen. Der Junge konnte jetzt nur mehr mit Faustens Augen sehen, nur mehr mit seinem Hasse atmen, nur mehr an Gott denken als den großen Possenspieler, Fopper und Torkler, der, im Grunde ohne eigene Vernunft, alles rundum elend machte, und dem mans zurückgeben mußte!
Für diese seine verzweifelnde Lehre hatte der Faust zu allen Zeiten andere Worte und Laute. Zuweilen so rührende wie ein Kind. Und gerade dann ergriff er seinen magisch gebannten und nach ihm dürstenden Schüler am meisten.
„Es ist ja alles nur Heimweh und Heimbegehren,“ sagte er einmal in ergreifendem Ton, der dem Jungen durch die Seele schnitt! „Es ist ja gar keine Auflehnung, was ich tue, sondern unsinnige Begierde: Zurück zu ihm! Zurück in den Schoß, wie ein ungeborenes Kind! Ist er der Unbewußte und Ahnende, als den ich ihn weiß, warum bin ich verdammt, zu wissen und zu durchschauen? Zu hohnlachen und zu verzweifeln?! Geb’ er uns doch sein entzogenes, väterliches Gut, uns allen, damit Ruhe wird und die Häßlichkeit nicht ganz und gar überhand nimmt! Sollen denn nur die Guten aussterben? Denn dahin treibt es! Und die Krummbeinigen mit den Affenstirnen werden frechhin die Erde überwimmeln! Hinweg also mit den Sehnlichen, denn sie leiden zu viel: Hinweg, mehr noch, mit dem Aasgeschmeiß! Mag sich die alte Feuerkugel stillbesinnlich wieder im Tanze drehen wie ehe; ich ertrage den Menschen nicht mehr!“
Nun mag man sich solche Worte und herzzerreißende Klagen in der Seele eines todwunden Jungen wachsenvorstellen. Dessen geheime und hinuntergebissene Liebe war hoffnungslos. Zudem neigt gerade die blumenzarte Jugend viel mehr zum Tode hin und Schwermut, zum Verzweifeln und zur Sehnsucht nach dem harmonischen Verklingen, als der ältere, holzige und ausgedorrte Lebenswille. Das Sterben steht in magischer Nähe zu jenen vielleicht, weil sie noch die unbekannt gewordenen Harmonieen des Nichtseins im Ohr nachklingen haben.
Ja; es entstand eine reißende Sehnsucht in dem wahnsinnig gewordenen Knaben nach der endlichen Vernichtung. Und daß er allein ausersehen sein sollte, der Amanuensis des großen Widerpartners Gottes zu sein, der Arm des Vernichters, das zog ihn vollends hin.
An diesen seinen jungen Gesellen dachte Faust nunmehr die ganze Zeit und er überlegte, ob er ihn nicht wieder heißmachen und aufhetzen sollte. Dann sah er um sich, sah die Erde lächeln, als wäre Frühling, entsann sich abermals, wie dieser Tag so recht ein Symbol des ganzen Truges wäre und warf sich, von zwiespältigsten Gefühlen überrannt und verzweifelnd, am Weg ins frisch herausgekommene Gras, das so betrogen war, wie er selber und stöhnte: Vor Hilflosigkeit, vor Anklage, vor Flehen um Gnade und Friede.