Am andern Tage war der Doktor von Innsbruck fort und sowohl die Späher des sich verhalten und vorsichtig gebärdenden, aber im tiefsten vor Wut rotglühenden Griechen, als auch das besinnungslos liebende Mädchen stellten ihm vergebens mehr die Wege ab. Er aber reiste durch eine jener geheimen Künste, wie er sie dem Studenten gezeigt hatte, nach der Stelle in den Bergen, wo sich der weiße Kalk vom roten Porphyr zu jener grauenhaften Kluft abgespalten hatte. Dorthin kam ihm nach wenigen Tagen schon der junge Stainer nach, stillgeworden, in gepreßter und zusammengehaltener Verzweiflung. Mit dem arbeitete nunmehr Faust Tag und Nacht. Es war alles so weit gediehen, daß beinahe unausgesetzt die schreckliche grüne Stickluft unter der fortwährend hinunterspülenden Säure aus dem Braunstein trat und sich ins bodenlos scheinende hinuntersenkte. Faust hatte die Tiefe zu ermessen versucht und erwartete nunmehr mit klammem Herzen, ob es endlos dauern würde, bis die grüne Bluthustenluft so weit stieg, daß man an sie herniedermessenkonnte; denn sie sank, gleich einer schweren Flüssigkeit, immer wieder in die Tiefe. Um das zitterte der große Zerstörer, daß die Erde dort unten einen geheimen Nebengang haben könnte, der unersättlich von seinem Werk abtränke und fräße, so daß er wohl bis zum jüngsten Tage da den Braunstein zersetzen konnte. Aber da er zur Probe immer wieder lebende Tiere, in einem Korb an endlosen Schnüren, in die Tiefe kurbeln und dann wieder in die Höhe ziehen ließ, da kamen sie, eines Tages endlich, nicht mehr lebend zurück. So oft er den Versuch wiederholte, immer waren sie drunten erstickt und rochen schandbar nach dem reißenden, grünen Gift. Nun besorgte er freilich wieder das Gegenteil, die Kluft könnte nicht tief genug sein und verbrachte Tag und Nacht mit verzweifelten Berechnungen. Aber es schien alles zur Genüge richtig zu sein. Dann stemmte er die Arme empor und lachte die Sonne jaulend wie ein Verrückter an.Er schien gänzlich besessen, und ebenso verzaubert und benommen war auch der junge Mensch, den er sich da gezügelt und gerichtet hatte. Sie redeten beinahe nichts miteinander, trieben ihr Werk mit zusammengebissenen Zähnen und arbeiteten und arbeiteten, zwischen dem wimmelnden und scheuenKnappenvolk, das zwar allerhand Sagen tuschelte, aber immer von dem einen Gedanken wieder gelähmt und verdummt wurde: Gold.Kurze Zeit aber vor dem Tag Christi Geburt kam Helena Chrysoloras zu den unheimlich schaffenden Männern.Manuel, ihr Vater, hatte sie hart angefahren. Dann in sie geredet, was Menschenberedsamkeit vermochte. Hatte sie beräuchert. Hatte sie durch Priester beschworen, daß sie entzaubert würde. Aber sie weinte nur um Faust. Man hatte ihr seinen etwas hohen Rücken bis zu einem Buckel großgelogen. Aber sie wurde nur um so irrer und verzweifelter, indem sie ausrief: „Dann, wenn er so höckrig ist, weiß ich, warum er mich verläßt: Ich bin immer noch nicht schön genug, um all’ das gutzumachen, was ihr an ihm Häßliches entdeckt!“ Zuletzt war sie all’ ihrem Anhang, ihrer Freund- und Verwandtschaft heimlich entwichen und kam, eine halb Gestörte, in den wüsten Felsen an, in denen der verlorene Faustus arbeitete.Dort war er schon so weit gediehen, daß der Hirschhorngeist, den der Doktor zur letzten Herausbringung seines zerstörenden Öles bedurfte, immerzu, seit langem schon und täglich von neuem durch Wagenkolonnenin Fässern herangeführt worden war. Er aber hatte eine Vorrichtung erdacht, wie man jedem dieser Fässer mit einem Male den Boden öffnen und so seinen ganzen Inhalt auf einmal in die Tiefe stürzen könne. Damit aber die grüne Stickluft in all’ ihren Schichten gleichmäßig damit durchgossen würde, so hatte Faust diese Fässer verschiedentlich tief versenken lassen; je ein Dutzend auf je hundert Ellen Tiefe und ein unendliches Gewirre von feinem Tauwerk ging aus den Abgründen herauf, an dem man mit einem einzigen Ruck an dem großen Flaschenzug, der alle diese kleinen Sehnen vereinte, sämtliche Fässer mit dem Hirschhorngeist aufbrechen lassen konnte. Es war in der Gegend auch ein unerträglicher Geruch von dem Geiste dessal ammoniacum, dem sich immer wieder ein Hauch jener entsetzlichen, grünen Luft beimengte, die dort in den Bergtiefen versenkt und angesammelt war, so daß jedem, der in die Nähe kam, das Wasser aus den Augen gebissen wurde und die Bergknappen immer mehr zu raunen begannen, hier habe der Satanas sein wahrhaftiges und ruchbares Reich aufgeschlagen. Immer aber hielten die Habgierigen unter ihnen das frömmere und erschreckende Volk hin; weil Faust ihnen allen einen schweren Anteil an dem ungeheuren Ophirversprochen hatte, das er da drunten mit seiner schwarzen Kunst erzeugen und ertrotzen wollte.Faustus war durch die üble Luft und durch die ungeheure Erregung und Anspannung aller Seelenkräfte ganz gelb im Antlitz geworden; sein Schüler aber glich schon grauem Papier, wie jenes ist, aus dem die Wespen ihre Nester bauen.Es ist wohl wahr, daß beide immerzu von neuem fürchterliche Krämpfe und Kämpfe in ihrem Innersten mit der Verzweiflung des Lebens zu durchtoben hatten, das sich aufschreiend ins Sonnenlicht zurückretten wollte. Es war nur merkwürdig, daß der Junge diese entsetzlichen, maßlos reißenden Todesängste viel weniger und auch seltener verspürte, als der Faustus, dem sich alles Ingeweide wand und wehrte, je näher er an sein Ziel zu kommen wähnte. Früher hatte er an dem Wagnis, immer knapp an den Rand des Wahnsinns oder des Todes heranzutreten, ein verderbtes Gefallen gefunden. Jetzt zerfraß ihn die bedingungslose Feigheit der Kreatur oft so sehr, daß er wähnte, sich nie und nimmermehr aufraffen, sondern ihr unterliegen zu müssen. Es ist auch das einzige völlig Übermenschliche an ihm, daß sein Stolz und seine rettungslose Überzeugung vom Unrecht und der Torheit Gottes sich immer wieder aus diesenVernichtungen emporwanden und er, wenn er nächtens die Helena und ihre kleinen Kinder jammervoll herbeigerufen und zurückgewünscht und die liebe Sonne sein Eins und Alles genannt hatte, am Tage wieder verbissen und eisern wurde.Der Student war völlig seiner Melancholie verfallen und so stumpfsinnig, wie ein Tier in der Tretmühle. Er begeisterte sich nicht mehr, er liebte nicht mehr und haßte nicht mehr, wollte nichts mehr ergründen noch wissen, sondern trieb, wie ein Aas auf dem Flusse, wesenlos kreiselnd dem Untergange zu. So mußte Faust ihn haben und so allein war er zuverlässig und zu gebrauchen.Aber da geschah das Unerwartete.Der verlorene und gestörte Schüler stand hüstelnd am Abgrunde des Felsenschachtes und sah glasaugig zu, wie die Fässer mit dem Hirschhorngeiste, der entsetzlich aus ihnen hervorstank, in die Tiefe gelassen wurden. Da trat ein Wesen neben ihn und erfaßte flehend seine Hand, kniete vor ihn hin, küßte gar diese seine eiskalte Hand. Er starrte sie an.Der kahle Wintersonnenschein fiel auf ihr wirres Haar, und obwohl das nach Art einer Begine nonnenhaft gekleidete Wesen an den Schläfen ganz weiß geworden war, so erglühte noch ihr Scheitel,wie sie die Stiftsfrauenhaube zurückzog, im traumhaften Golde einer zersprungenen, seligen Erinnerung.Helena!Der Bube starrte seine Base an.Eine Zerstörung ohnegleichen hatte über diese rührende Schönheit hinweggefegt. Um die Augen waren Gramsprenkel ringsumher und tiefste, tierische Angst starrte heraus, wenn man in ihre Sterne sah. Der Mund war scharf und heruntergezerrt; ein Winkel hing willenlos und greisenhaft hernieder und nur die feine, klare Nase war sich ähnlich geblieben. Bloß war sie leidvoll schmal und kindlich geworden.Immer noch starrte der Student in die Verwüstung. Unfern von ihm saß der Faustus; der schien davon zu wissen und hatte seinen zottigen Kopf wie ein Trotzender vergraben. Alles kam dem Studenten wie ein grauenhaft unwahrscheinlicher Traum vor. Er rang nach Atem und bekam einen ganzen Schwall Höllenluft in die Lungen. Jetzt sah er in die Tiefe. Da wirrten die Schnüre hinunter, liefen die Taue der Flaschenzüge, an denen immer neue Fässer voll Stank in das Eingeweide der Erde versanken.Mit einem neuen Entsetzen stierte er wieder auf die, welche seine allerschönste und allerfernste Base gewesen war.Die nickte traurig und jammervoll. Aber es schien, als sei ihr die Gabe der Rede völlig geschwunden. Genau ebenso, wie jene ungebornen Kindlein, die sie in ihrer rasenden Sehnsucht und Bezauberung gesehen, so bewegte sie die mümmelnden Lippen. Es sah elend und herzzerstechend aus, aber sie brachte kein Wort hervor und keinen Ton.Die Knappen wimmelten an den Wänden des Schachtes umher, klebten daran oder hingen an Seilen, alle hüstelnd, so daß es wie ein ewiges Ticken und Tröpfeln klang; alles ganz unwirklich. Alles ameisenhaft. Alles wie heller Hohn auf Menschen. Gold glaubten sie zu erkrabbeln und fingerten und hantierten für den entsetzlichen Tod. War es jämmerlicher oder war es verächtlicher, daß all’ das einen solchen Sinn hatte? Und das ganze Leben, war es nicht dasselbe Fingern und Hantieren und Wimmeln um einen sicheren Tod?Wie hatte der Faust gehöhnt? ‚Die Menschen sind die immerwährenden Leichenmaden am ewig faulenden und ewiglich sterbenden Leibe Gottes!‘Da ging ein Riß durch die ganze Seele desschwermütigen Knaben. Ein Riß, den das Wesen nicht mehr aushielt. Die zerstörte Schönheit der hinreißend Geliebten, das Madengewimmel der Menschlein ringsum, der Gestank; — der stumpfe Höllenmeister da drüben! Es war so gräßlich, daß das erwachende junge Blut augenblicklich überkochte und ins Rasen geriet.Er, der Student Sympert Stainer, mußte zerstören, was zerstört sein wollte. Die Nähe? Oder die Ferne mit? Ob die ganze Erde, ob nur sich und diese jammervolle Umgebung, gleichviel, es war nicht mehr zu ertragen. Und, beinahe im Augenblick, wie dieser schmerzhafte Riß durch sein ganzes Wesen zerrte, sprang er zum großen und wohlverwahrten Flaschenzuge hin, dessen Geheimnis nur ihm und Faust bekannt war, löste ihn und zog mit wahnwitzverzerrtem Angesichte, das vor Anstrengung ins Blaurote quoll, an dem Todestau.Die Chrysoloras faltete die Hände, als betete sie. Wußte sie, was das bedeute?Es war, eine ungeheuerlich scheinende Weile, ganz stille und man hörte kaum aus der Tiefe ein Gurgeln und Rieseln und dann ein stärkeres Rauschen; zuletzt ein Kollern, und dann war Ruhe.Fahl und entseelt wie ein Betrogener schaute Stainer um sich. Sollte alles fehlgerechnet gewesensein und war auch hier die ewige Unzulänglichkeit am Werke, die, nach Fausti Hohn, ganz allein diese Erde am Leben erhielt?Da aber schoß es aus der Tiefe brüllend und grauenvoll empor, wie ein vertausendfachter Geyser Islands. Nur nicht kochendes Wasser. Aber Feuer, Steine, grüne Stickluft und ammonisches Gas durcheinander, das sich wieder zu Feuer und Krachen vereinte. Eine Höllengarbe, eine Protuberanz, unmäßig und scheußlich in die Luft fahrend. Fast senkrecht hinauf gegen die Sonne, als hätte Satan selber eine Faust gegen Gott ausgereckt, so töricht und jämmerlich und frevelhaft, wie Faust die seine.Was in der Nähe war, das zerriß in Winzigkeiten und flog mit empor.Der Schlund spie alles, was man ihm gegeben, wie aus einem ungeheuren Blaserohr, in einem engen Verderbensstrahle in die Höhe. Bloß oben, in den Wolkenhöhen trieb das aufgeschossene Ungeheuer sich auseinander, wie ein riesenhafter Giftschwamm, dessen Stiel kaum mehr sichtbar war, dessen Hut dort oben aber strotzte, sich zerballte und faul auseinanderfiel. Auf die steinige Wüste dieser Höhen sanken Rauch und Staub und Stickluft träge hernieder; ihnen voran prasselten ungezählteSteinmengen, vor denen zerstob, was bisher an aufschreiendem Menschenleben noch im Runde festgebannt war.Und zum Prasseln der herniederfallenden Steine rollte die Erde ihren Antiphon dazu. Das schwarze Loch, das zuerst weiter auseinanderzuklaffen schien, schloß sich unter den sich neigenden Felsen. Mit Donnern rollten die endlosen Gesteinschütten hinunter und versiegelten es auf ewig.Der Riß zwischen Kalkfels und Porphyr, der bis zu den Feuergründen der Erde führen sollte, war nicht mehr.Der ihn nützen hatte wollen stand aber immer noch, weitaufgerissenen Auges und ragend, und beinahe erwartend da. Rundum schmetterten die Steine hernieder und zerschleuderten Mensch und Wagen und Zugvieh. Er stand und starrte und lauschte.Eine unermeßliche Wolke von Staub und Rauch hüllte die ganze Gegend ein. Ihrer inmitten stand und wartete immer noch der Faust. Er blieb ungetroffen, blieb innerlich ebenso unberührt vom Entsetzen des Geschehens. Er hatte nichts als eine grenzenlose Verwunderung, ein Ringen nach Erklärung in sich, und einen heißen Schreck: „Hei, zerreißts wohl jetzt die Erden?“So ungeheuerlich war der Satanspfiff aus der Riesenflöte gefahren, daß der Faustus wirklich glaubte: „Ich hab’ den jüngsten Tag angerichtet, mag alles mit mir zum Teufel sein.“ Mehr und anderes dachte er nicht, wie denn, im Augenblick des Allergräßlichsten, dem Menschen oft weder Verstehen, noch Entsetzen, noch große Worte und Begriffe zu Gebote stehen, sondern zumeist nur ein volkstümlich derber Ausruf.Aber so lang er auch in der Wolke stand und ihm der Atem klammte, es geschah nichts mehr. Bloß im Berge grollte und rollte und donnerte es noch lange nach.Dann verzog sich der Rauch. Etwas Sonne kam wieder hernieder und mit namenlos entgötterten Augen sah der Faustus, wie winzig sein Werk sich gehabt hatte.Es waren etliche Dutzend Knappen erschlagen, die andern waren verkrochen und geflüchtet. Ein paar Zugtiere lagen tot, einige versuchten auf die Beine zu kommen, andere rasten über die Hochfläche wildscheu dahin.Faust sah noch, wie ein Gespann an den Felsrand kam und abstürzte, sah es haargenau und stand immer noch, — wie gelähmt von so jäher Lösungso entsetzlicher Spannung, — während seine Augen und Ohren gleichmütig weiterzuarbeiten schienen.In der Nähe kniete die Chrysoloras und schluchzte.Wahrlich, die konnte schluchzen!Vom Famulus war keine Spur zu sehen. Der war in Nichts zersprüht worden. Der Gebenedeite! Er war es los und ledig. Vor Fausti eigenen Augen aber war die ganze Kraft seines Manneswillens vernichtet. All sein Wesen zerstob mit in diesem Mißlingen. In ihm blieb nichts mehr. Plötzlich kam eine grauenvolle Angst über den Täter gekrochen. Alles mißlungen und er der Schuldige? Der goldene Galgen? Der Haß und das Geschrei der unsagbar verächtlichen Menge, die er wegschaffen hatte wollen? In die Hände der Menschen fallen? In die Hände der ewigen Niedrigkeit und Häßlichkeit? Der Mann war dahin, — zum ersten Male erwachte das kindische Alter.Da rannte er um sein Leben; er, der aller Leben hatte gefordert.Immerzu gegen Nordwesten, wo die Grenze am nächsten war. Er mußte das Finstermünz gewinnen, ehe ihm die Ferdinandischen Reiter oder die Spione des Chrysoloras auf dem Halse waren.Die Angst griff ihm erbarmungslos ins Genick.Er stolperte, raffte sich auf, überlegte, sparte bald Kräfte, dann schund er wieder aus seinem alten Leibe mehr Eile heraus, als der hergeben konnte.Den Rhein hinunter, am Bodensee auf kleinem Kahn, bettelarm und ohne Hilfe, als sein Flehen bei armen Leuten schuf, die ihm kümmerliche Nahrung gaben, so kam der Faust in Kostnitz an und wagte dort aufzuatmen; aber nur wie einer, dem Frist, nicht Gnade gewährt worden war. Er schrieb einen langen demütigen Brief an den römischen König über sein Unglück und wie der Student das Unternehmen vorschnell zerstört hätte. Man möge die Chrysoloras ausfragen, die dabei Zeugin gewesen sei: er hätte sich nicht vor der Rache oder Strafe seines gnädigsten Herrn, die er ganz und gar nicht verdient, sondern nur vor dem Grimm des Bergknappenvolkes geflüchtet. Und damit ging es weiter; — unwürdig, klein, zerbrochen, zitterndes Gebettel um’s Leben und um den armseligen Tag!So war Faust geworden.Immer saß ihm das Grauen im Nacken. Er wußte, einer setzte im stetiglich nach; er spürte es im Wachen und im Traume und er gebrauchte verzweifelnd alle seine verwirrenden, magischen Betrüge, um den zu verhindern, zu verschrecken, aufzuhalten,abzulenken, vor dem er so namenloses Grauen hatte. Aber er fühlte, es hülfe wenig. So zerrte er sein jämmerliches Leben weiter rheinabwärts, am brausenden Falle vorüber, ohne auch nur einen Augenblick zu denken: „Wirf dich hinein.“Nur in Sicherheit sein, nur atmen, nur leben dürfen!Damals waren das Elsaß und der Breisgau die einzigen und letzten Stätten im ganzen römisch-deutschen Reiche, wo Landfahrer aller Art, Gauner, Nigromanten, Hochstapler und Dirnen noch Unterschlupf fanden, wenn sie anderswo schon überall ausgetrieben und verbannt und verhaßt waren, gleichwie Faust. Daß der Breisgau dem Hause Österreich zugehörte, kümmerte den Faust nicht so sehr, denn Kaiser und König waren mit ihm in Schuld und er hatte meisterlich verstanden, sich zu reinigen und zu verantworten. Mochte man den Urteilsspruch über den längst zerrissenen Buben ergehen lassen, damit sich das Volk beruhigte. Ihm konnte von der allerhöchsten und mitschuldigen Stelle nicht leicht etwas widerfahren, weil man seine hinterlassenen Aufzeichnungen fürchten mußte, nun er Zeit gehabt hatte, die in Sicherheit zu bringen. Das hatte er dem römischen König auch zu merken gegeben: ermöge seines eigenen Rufes, zugleich mit Fausti Leben, schonen.Aber der Vater, der vielvermögende Vater, dem sein Kind zerstört worden war durch den Verführer!Es war auch so: Der immerzu kalte Geldmann hatte endlich seines Lebens große Hitze bekommen und er verhohl seinen berechnenden Grimm, wie er sonst nur große Geschäfte zu verbergen suchte. Der Nigromant mußte für sein Kind dahinfahren: unbereut, überrascht und somit der ewigen Verdammnis geweiht. Daran glaubte Herr Chrysoloras, der streng gläubig war, wie viele kalte Rechner, ganz festiglich.Er ließ sich Zeit. Er ließ das Jahr bis knapp an seinen Rand dahinrinnen, um den Faust sicher zu machen, der endlich in seinem letzten Neste bei Staufen in Breisach saß, wo er seine paar Schätze und Habseligkeiten zusammen mit den Büchern verwahrt hielt und ein kleines Laboratorium in einem verlassenen Weingartenhäuschen vor der Stadt hatte.Chrysoloras ließ sich Zeit. Er sagte sich, daß der leichtsinnige Abenteurer sehr schnell wieder zu hoffen beginnen würde. So verging das Weihnachtsfest und alles blieb stille.

Am andern Tage war der Doktor von Innsbruck fort und sowohl die Späher des sich verhalten und vorsichtig gebärdenden, aber im tiefsten vor Wut rotglühenden Griechen, als auch das besinnungslos liebende Mädchen stellten ihm vergebens mehr die Wege ab. Er aber reiste durch eine jener geheimen Künste, wie er sie dem Studenten gezeigt hatte, nach der Stelle in den Bergen, wo sich der weiße Kalk vom roten Porphyr zu jener grauenhaften Kluft abgespalten hatte. Dorthin kam ihm nach wenigen Tagen schon der junge Stainer nach, stillgeworden, in gepreßter und zusammengehaltener Verzweiflung. Mit dem arbeitete nunmehr Faust Tag und Nacht. Es war alles so weit gediehen, daß beinahe unausgesetzt die schreckliche grüne Stickluft unter der fortwährend hinunterspülenden Säure aus dem Braunstein trat und sich ins bodenlos scheinende hinuntersenkte. Faust hatte die Tiefe zu ermessen versucht und erwartete nunmehr mit klammem Herzen, ob es endlos dauern würde, bis die grüne Bluthustenluft so weit stieg, daß man an sie herniedermessenkonnte; denn sie sank, gleich einer schweren Flüssigkeit, immer wieder in die Tiefe. Um das zitterte der große Zerstörer, daß die Erde dort unten einen geheimen Nebengang haben könnte, der unersättlich von seinem Werk abtränke und fräße, so daß er wohl bis zum jüngsten Tage da den Braunstein zersetzen konnte. Aber da er zur Probe immer wieder lebende Tiere, in einem Korb an endlosen Schnüren, in die Tiefe kurbeln und dann wieder in die Höhe ziehen ließ, da kamen sie, eines Tages endlich, nicht mehr lebend zurück. So oft er den Versuch wiederholte, immer waren sie drunten erstickt und rochen schandbar nach dem reißenden, grünen Gift. Nun besorgte er freilich wieder das Gegenteil, die Kluft könnte nicht tief genug sein und verbrachte Tag und Nacht mit verzweifelten Berechnungen. Aber es schien alles zur Genüge richtig zu sein. Dann stemmte er die Arme empor und lachte die Sonne jaulend wie ein Verrückter an.

Er schien gänzlich besessen, und ebenso verzaubert und benommen war auch der junge Mensch, den er sich da gezügelt und gerichtet hatte. Sie redeten beinahe nichts miteinander, trieben ihr Werk mit zusammengebissenen Zähnen und arbeiteten und arbeiteten, zwischen dem wimmelnden und scheuenKnappenvolk, das zwar allerhand Sagen tuschelte, aber immer von dem einen Gedanken wieder gelähmt und verdummt wurde: Gold.

Kurze Zeit aber vor dem Tag Christi Geburt kam Helena Chrysoloras zu den unheimlich schaffenden Männern.

Manuel, ihr Vater, hatte sie hart angefahren. Dann in sie geredet, was Menschenberedsamkeit vermochte. Hatte sie beräuchert. Hatte sie durch Priester beschworen, daß sie entzaubert würde. Aber sie weinte nur um Faust. Man hatte ihr seinen etwas hohen Rücken bis zu einem Buckel großgelogen. Aber sie wurde nur um so irrer und verzweifelter, indem sie ausrief: „Dann, wenn er so höckrig ist, weiß ich, warum er mich verläßt: Ich bin immer noch nicht schön genug, um all’ das gutzumachen, was ihr an ihm Häßliches entdeckt!“ Zuletzt war sie all’ ihrem Anhang, ihrer Freund- und Verwandtschaft heimlich entwichen und kam, eine halb Gestörte, in den wüsten Felsen an, in denen der verlorene Faustus arbeitete.

Dort war er schon so weit gediehen, daß der Hirschhorngeist, den der Doktor zur letzten Herausbringung seines zerstörenden Öles bedurfte, immerzu, seit langem schon und täglich von neuem durch Wagenkolonnenin Fässern herangeführt worden war. Er aber hatte eine Vorrichtung erdacht, wie man jedem dieser Fässer mit einem Male den Boden öffnen und so seinen ganzen Inhalt auf einmal in die Tiefe stürzen könne. Damit aber die grüne Stickluft in all’ ihren Schichten gleichmäßig damit durchgossen würde, so hatte Faust diese Fässer verschiedentlich tief versenken lassen; je ein Dutzend auf je hundert Ellen Tiefe und ein unendliches Gewirre von feinem Tauwerk ging aus den Abgründen herauf, an dem man mit einem einzigen Ruck an dem großen Flaschenzug, der alle diese kleinen Sehnen vereinte, sämtliche Fässer mit dem Hirschhorngeist aufbrechen lassen konnte. Es war in der Gegend auch ein unerträglicher Geruch von dem Geiste dessal ammoniacum, dem sich immer wieder ein Hauch jener entsetzlichen, grünen Luft beimengte, die dort in den Bergtiefen versenkt und angesammelt war, so daß jedem, der in die Nähe kam, das Wasser aus den Augen gebissen wurde und die Bergknappen immer mehr zu raunen begannen, hier habe der Satanas sein wahrhaftiges und ruchbares Reich aufgeschlagen. Immer aber hielten die Habgierigen unter ihnen das frömmere und erschreckende Volk hin; weil Faust ihnen allen einen schweren Anteil an dem ungeheuren Ophirversprochen hatte, das er da drunten mit seiner schwarzen Kunst erzeugen und ertrotzen wollte.

Faustus war durch die üble Luft und durch die ungeheure Erregung und Anspannung aller Seelenkräfte ganz gelb im Antlitz geworden; sein Schüler aber glich schon grauem Papier, wie jenes ist, aus dem die Wespen ihre Nester bauen.

Es ist wohl wahr, daß beide immerzu von neuem fürchterliche Krämpfe und Kämpfe in ihrem Innersten mit der Verzweiflung des Lebens zu durchtoben hatten, das sich aufschreiend ins Sonnenlicht zurückretten wollte. Es war nur merkwürdig, daß der Junge diese entsetzlichen, maßlos reißenden Todesängste viel weniger und auch seltener verspürte, als der Faustus, dem sich alles Ingeweide wand und wehrte, je näher er an sein Ziel zu kommen wähnte. Früher hatte er an dem Wagnis, immer knapp an den Rand des Wahnsinns oder des Todes heranzutreten, ein verderbtes Gefallen gefunden. Jetzt zerfraß ihn die bedingungslose Feigheit der Kreatur oft so sehr, daß er wähnte, sich nie und nimmermehr aufraffen, sondern ihr unterliegen zu müssen. Es ist auch das einzige völlig Übermenschliche an ihm, daß sein Stolz und seine rettungslose Überzeugung vom Unrecht und der Torheit Gottes sich immer wieder aus diesenVernichtungen emporwanden und er, wenn er nächtens die Helena und ihre kleinen Kinder jammervoll herbeigerufen und zurückgewünscht und die liebe Sonne sein Eins und Alles genannt hatte, am Tage wieder verbissen und eisern wurde.

Der Student war völlig seiner Melancholie verfallen und so stumpfsinnig, wie ein Tier in der Tretmühle. Er begeisterte sich nicht mehr, er liebte nicht mehr und haßte nicht mehr, wollte nichts mehr ergründen noch wissen, sondern trieb, wie ein Aas auf dem Flusse, wesenlos kreiselnd dem Untergange zu. So mußte Faust ihn haben und so allein war er zuverlässig und zu gebrauchen.

Aber da geschah das Unerwartete.

Der verlorene und gestörte Schüler stand hüstelnd am Abgrunde des Felsenschachtes und sah glasaugig zu, wie die Fässer mit dem Hirschhorngeiste, der entsetzlich aus ihnen hervorstank, in die Tiefe gelassen wurden. Da trat ein Wesen neben ihn und erfaßte flehend seine Hand, kniete vor ihn hin, küßte gar diese seine eiskalte Hand. Er starrte sie an.

Der kahle Wintersonnenschein fiel auf ihr wirres Haar, und obwohl das nach Art einer Begine nonnenhaft gekleidete Wesen an den Schläfen ganz weiß geworden war, so erglühte noch ihr Scheitel,wie sie die Stiftsfrauenhaube zurückzog, im traumhaften Golde einer zersprungenen, seligen Erinnerung.

Helena!

Der Bube starrte seine Base an.

Eine Zerstörung ohnegleichen hatte über diese rührende Schönheit hinweggefegt. Um die Augen waren Gramsprenkel ringsumher und tiefste, tierische Angst starrte heraus, wenn man in ihre Sterne sah. Der Mund war scharf und heruntergezerrt; ein Winkel hing willenlos und greisenhaft hernieder und nur die feine, klare Nase war sich ähnlich geblieben. Bloß war sie leidvoll schmal und kindlich geworden.

Immer noch starrte der Student in die Verwüstung. Unfern von ihm saß der Faustus; der schien davon zu wissen und hatte seinen zottigen Kopf wie ein Trotzender vergraben. Alles kam dem Studenten wie ein grauenhaft unwahrscheinlicher Traum vor. Er rang nach Atem und bekam einen ganzen Schwall Höllenluft in die Lungen. Jetzt sah er in die Tiefe. Da wirrten die Schnüre hinunter, liefen die Taue der Flaschenzüge, an denen immer neue Fässer voll Stank in das Eingeweide der Erde versanken.

Mit einem neuen Entsetzen stierte er wieder auf die, welche seine allerschönste und allerfernste Base gewesen war.

Die nickte traurig und jammervoll. Aber es schien, als sei ihr die Gabe der Rede völlig geschwunden. Genau ebenso, wie jene ungebornen Kindlein, die sie in ihrer rasenden Sehnsucht und Bezauberung gesehen, so bewegte sie die mümmelnden Lippen. Es sah elend und herzzerstechend aus, aber sie brachte kein Wort hervor und keinen Ton.

Die Knappen wimmelten an den Wänden des Schachtes umher, klebten daran oder hingen an Seilen, alle hüstelnd, so daß es wie ein ewiges Ticken und Tröpfeln klang; alles ganz unwirklich. Alles ameisenhaft. Alles wie heller Hohn auf Menschen. Gold glaubten sie zu erkrabbeln und fingerten und hantierten für den entsetzlichen Tod. War es jämmerlicher oder war es verächtlicher, daß all’ das einen solchen Sinn hatte? Und das ganze Leben, war es nicht dasselbe Fingern und Hantieren und Wimmeln um einen sicheren Tod?

Wie hatte der Faust gehöhnt? ‚Die Menschen sind die immerwährenden Leichenmaden am ewig faulenden und ewiglich sterbenden Leibe Gottes!‘

Da ging ein Riß durch die ganze Seele desschwermütigen Knaben. Ein Riß, den das Wesen nicht mehr aushielt. Die zerstörte Schönheit der hinreißend Geliebten, das Madengewimmel der Menschlein ringsum, der Gestank; — der stumpfe Höllenmeister da drüben! Es war so gräßlich, daß das erwachende junge Blut augenblicklich überkochte und ins Rasen geriet.

Er, der Student Sympert Stainer, mußte zerstören, was zerstört sein wollte. Die Nähe? Oder die Ferne mit? Ob die ganze Erde, ob nur sich und diese jammervolle Umgebung, gleichviel, es war nicht mehr zu ertragen. Und, beinahe im Augenblick, wie dieser schmerzhafte Riß durch sein ganzes Wesen zerrte, sprang er zum großen und wohlverwahrten Flaschenzuge hin, dessen Geheimnis nur ihm und Faust bekannt war, löste ihn und zog mit wahnwitzverzerrtem Angesichte, das vor Anstrengung ins Blaurote quoll, an dem Todestau.

Die Chrysoloras faltete die Hände, als betete sie. Wußte sie, was das bedeute?

Es war, eine ungeheuerlich scheinende Weile, ganz stille und man hörte kaum aus der Tiefe ein Gurgeln und Rieseln und dann ein stärkeres Rauschen; zuletzt ein Kollern, und dann war Ruhe.

Fahl und entseelt wie ein Betrogener schaute Stainer um sich. Sollte alles fehlgerechnet gewesensein und war auch hier die ewige Unzulänglichkeit am Werke, die, nach Fausti Hohn, ganz allein diese Erde am Leben erhielt?

Da aber schoß es aus der Tiefe brüllend und grauenvoll empor, wie ein vertausendfachter Geyser Islands. Nur nicht kochendes Wasser. Aber Feuer, Steine, grüne Stickluft und ammonisches Gas durcheinander, das sich wieder zu Feuer und Krachen vereinte. Eine Höllengarbe, eine Protuberanz, unmäßig und scheußlich in die Luft fahrend. Fast senkrecht hinauf gegen die Sonne, als hätte Satan selber eine Faust gegen Gott ausgereckt, so töricht und jämmerlich und frevelhaft, wie Faust die seine.

Was in der Nähe war, das zerriß in Winzigkeiten und flog mit empor.

Der Schlund spie alles, was man ihm gegeben, wie aus einem ungeheuren Blaserohr, in einem engen Verderbensstrahle in die Höhe. Bloß oben, in den Wolkenhöhen trieb das aufgeschossene Ungeheuer sich auseinander, wie ein riesenhafter Giftschwamm, dessen Stiel kaum mehr sichtbar war, dessen Hut dort oben aber strotzte, sich zerballte und faul auseinanderfiel. Auf die steinige Wüste dieser Höhen sanken Rauch und Staub und Stickluft träge hernieder; ihnen voran prasselten ungezählteSteinmengen, vor denen zerstob, was bisher an aufschreiendem Menschenleben noch im Runde festgebannt war.

Und zum Prasseln der herniederfallenden Steine rollte die Erde ihren Antiphon dazu. Das schwarze Loch, das zuerst weiter auseinanderzuklaffen schien, schloß sich unter den sich neigenden Felsen. Mit Donnern rollten die endlosen Gesteinschütten hinunter und versiegelten es auf ewig.

Der Riß zwischen Kalkfels und Porphyr, der bis zu den Feuergründen der Erde führen sollte, war nicht mehr.

Der ihn nützen hatte wollen stand aber immer noch, weitaufgerissenen Auges und ragend, und beinahe erwartend da. Rundum schmetterten die Steine hernieder und zerschleuderten Mensch und Wagen und Zugvieh. Er stand und starrte und lauschte.

Eine unermeßliche Wolke von Staub und Rauch hüllte die ganze Gegend ein. Ihrer inmitten stand und wartete immer noch der Faust. Er blieb ungetroffen, blieb innerlich ebenso unberührt vom Entsetzen des Geschehens. Er hatte nichts als eine grenzenlose Verwunderung, ein Ringen nach Erklärung in sich, und einen heißen Schreck: „Hei, zerreißts wohl jetzt die Erden?“

So ungeheuerlich war der Satanspfiff aus der Riesenflöte gefahren, daß der Faustus wirklich glaubte: „Ich hab’ den jüngsten Tag angerichtet, mag alles mit mir zum Teufel sein.“ Mehr und anderes dachte er nicht, wie denn, im Augenblick des Allergräßlichsten, dem Menschen oft weder Verstehen, noch Entsetzen, noch große Worte und Begriffe zu Gebote stehen, sondern zumeist nur ein volkstümlich derber Ausruf.

Aber so lang er auch in der Wolke stand und ihm der Atem klammte, es geschah nichts mehr. Bloß im Berge grollte und rollte und donnerte es noch lange nach.

Dann verzog sich der Rauch. Etwas Sonne kam wieder hernieder und mit namenlos entgötterten Augen sah der Faustus, wie winzig sein Werk sich gehabt hatte.

Es waren etliche Dutzend Knappen erschlagen, die andern waren verkrochen und geflüchtet. Ein paar Zugtiere lagen tot, einige versuchten auf die Beine zu kommen, andere rasten über die Hochfläche wildscheu dahin.

Faust sah noch, wie ein Gespann an den Felsrand kam und abstürzte, sah es haargenau und stand immer noch, — wie gelähmt von so jäher Lösungso entsetzlicher Spannung, — während seine Augen und Ohren gleichmütig weiterzuarbeiten schienen.

In der Nähe kniete die Chrysoloras und schluchzte.

Wahrlich, die konnte schluchzen!

Vom Famulus war keine Spur zu sehen. Der war in Nichts zersprüht worden. Der Gebenedeite! Er war es los und ledig. Vor Fausti eigenen Augen aber war die ganze Kraft seines Manneswillens vernichtet. All sein Wesen zerstob mit in diesem Mißlingen. In ihm blieb nichts mehr. Plötzlich kam eine grauenvolle Angst über den Täter gekrochen. Alles mißlungen und er der Schuldige? Der goldene Galgen? Der Haß und das Geschrei der unsagbar verächtlichen Menge, die er wegschaffen hatte wollen? In die Hände der Menschen fallen? In die Hände der ewigen Niedrigkeit und Häßlichkeit? Der Mann war dahin, — zum ersten Male erwachte das kindische Alter.

Da rannte er um sein Leben; er, der aller Leben hatte gefordert.

Immerzu gegen Nordwesten, wo die Grenze am nächsten war. Er mußte das Finstermünz gewinnen, ehe ihm die Ferdinandischen Reiter oder die Spione des Chrysoloras auf dem Halse waren.

Die Angst griff ihm erbarmungslos ins Genick.Er stolperte, raffte sich auf, überlegte, sparte bald Kräfte, dann schund er wieder aus seinem alten Leibe mehr Eile heraus, als der hergeben konnte.

Den Rhein hinunter, am Bodensee auf kleinem Kahn, bettelarm und ohne Hilfe, als sein Flehen bei armen Leuten schuf, die ihm kümmerliche Nahrung gaben, so kam der Faust in Kostnitz an und wagte dort aufzuatmen; aber nur wie einer, dem Frist, nicht Gnade gewährt worden war. Er schrieb einen langen demütigen Brief an den römischen König über sein Unglück und wie der Student das Unternehmen vorschnell zerstört hätte. Man möge die Chrysoloras ausfragen, die dabei Zeugin gewesen sei: er hätte sich nicht vor der Rache oder Strafe seines gnädigsten Herrn, die er ganz und gar nicht verdient, sondern nur vor dem Grimm des Bergknappenvolkes geflüchtet. Und damit ging es weiter; — unwürdig, klein, zerbrochen, zitterndes Gebettel um’s Leben und um den armseligen Tag!

So war Faust geworden.

Immer saß ihm das Grauen im Nacken. Er wußte, einer setzte im stetiglich nach; er spürte es im Wachen und im Traume und er gebrauchte verzweifelnd alle seine verwirrenden, magischen Betrüge, um den zu verhindern, zu verschrecken, aufzuhalten,abzulenken, vor dem er so namenloses Grauen hatte. Aber er fühlte, es hülfe wenig. So zerrte er sein jämmerliches Leben weiter rheinabwärts, am brausenden Falle vorüber, ohne auch nur einen Augenblick zu denken: „Wirf dich hinein.“

Nur in Sicherheit sein, nur atmen, nur leben dürfen!

Damals waren das Elsaß und der Breisgau die einzigen und letzten Stätten im ganzen römisch-deutschen Reiche, wo Landfahrer aller Art, Gauner, Nigromanten, Hochstapler und Dirnen noch Unterschlupf fanden, wenn sie anderswo schon überall ausgetrieben und verbannt und verhaßt waren, gleichwie Faust. Daß der Breisgau dem Hause Österreich zugehörte, kümmerte den Faust nicht so sehr, denn Kaiser und König waren mit ihm in Schuld und er hatte meisterlich verstanden, sich zu reinigen und zu verantworten. Mochte man den Urteilsspruch über den längst zerrissenen Buben ergehen lassen, damit sich das Volk beruhigte. Ihm konnte von der allerhöchsten und mitschuldigen Stelle nicht leicht etwas widerfahren, weil man seine hinterlassenen Aufzeichnungen fürchten mußte, nun er Zeit gehabt hatte, die in Sicherheit zu bringen. Das hatte er dem römischen König auch zu merken gegeben: ermöge seines eigenen Rufes, zugleich mit Fausti Leben, schonen.

Aber der Vater, der vielvermögende Vater, dem sein Kind zerstört worden war durch den Verführer!

Es war auch so: Der immerzu kalte Geldmann hatte endlich seines Lebens große Hitze bekommen und er verhohl seinen berechnenden Grimm, wie er sonst nur große Geschäfte zu verbergen suchte. Der Nigromant mußte für sein Kind dahinfahren: unbereut, überrascht und somit der ewigen Verdammnis geweiht. Daran glaubte Herr Chrysoloras, der streng gläubig war, wie viele kalte Rechner, ganz festiglich.

Er ließ sich Zeit. Er ließ das Jahr bis knapp an seinen Rand dahinrinnen, um den Faust sicher zu machen, der endlich in seinem letzten Neste bei Staufen in Breisach saß, wo er seine paar Schätze und Habseligkeiten zusammen mit den Büchern verwahrt hielt und ein kleines Laboratorium in einem verlassenen Weingartenhäuschen vor der Stadt hatte.

Chrysoloras ließ sich Zeit. Er sagte sich, daß der leichtsinnige Abenteurer sehr schnell wieder zu hoffen beginnen würde. So verging das Weihnachtsfest und alles blieb stille.


Back to IndexNext