Wer die tiefe Frömmigkeit der Zeiten Eckharts und Taulers bedenkt und, hernach wieder, die hauptsächlich von der Gesellschaft Jesu entzündete heiße Religionsglut späterer Zeiten, der glaubt nicht, wie lästerlich frech und frei um die Humanistenzeit herum die Menschen zu jenem Himmel sahen, den ihnen Luther mit seiner ehrlichen Kindergläubigkeit noch nicht gerettet hatte. Etwa: Der Maler der süßesten Madonnen und Heiligen, Perugino, spottete über Glaube und Ewigkeit, während er seine Kirchenbilder malte und sagte (wenn er um ein holdselig frommes Antlitz einen Heiligenschein zog): „Ja, meine Freunde, mit diesem Leben ist alles zu Ende. Es ist ein dummer Zufall, daß diese und keine andern Tiere entstanden sind, und es ist ein schmerzlicher Zufall, der mir durchaus nicht gefällt und sehr unvernünftig ist, daß wir Menschen darauf gekommen sind, es gäbe Gesetze, es gäbe Vernunft und es gäbe einen unausweichlichen Tod. Das Tier hat eine dumpfe Angst; dennoch aber lebt es, während es dahingrast, immermitten in der Ewigkeit. Nur wir Menschen grübeln, klagen an und möchten unsere Gescheitheit einem Gotte geben, der von ihr nicht das mindeste an sich hat.“Solcher Reden hörte das beginnende Cinquecento gar viele. Die Künste blühten, die Farben prahlten, das Leben schien eine Freude, die Erkenntnisse wurden immer weiter, schauender, — und die Herzen verzweifelten.Nur, weil Luther glaubte, glaubten auch die Südländer wieder, besserten die Form, und echte, tiefe Gottesinbrunst wohnte vorher vielleicht nur in den lawinennahen Bauernhütten des Hochgebirges; in den Häusern der Gelehrten und Künstler war sie selten. Da wohnte großes Sehnen nach dem alten Heidentum; so groß, daß sogar die immer gottesbedürftigen Frauen öfter vom Phöbos Apollon träumten, als von den Verzückungen des heiligen Franz.Helena Chrysoloras!Ihr Ahnherr war der erste Grieche, der in lateinischem Gebiete seine göttliche Muttersprache lehrte und der einen ganzen Duftstrom der Veilchen und des Honigs von Eleusis mit nach Italien brachte. Helena. — Äußerlich von jener abergläubischenFrömmigkeit, welche niemals die Formen der Religion zu durchbrechen wagt und mit einem heidnischen Herzen in christlichen Kirchen tiefgebeugt das Weihwasser nimmt, hatte sie in ihrem Innern den glühenden Lebensdurst der Alten aus den dionysisch frohen Zeiten, ehe noch die Stoa geboren war. Genau so war auch ihr Ahnherr geartet gewesen. Als er dann während des Konziles in Konstanz dahinstarb, verblieb sein Blut im deutschen Norden. Die Chrysoloras waren zuerst Doktoren, dann Apotheker, kamen von da zum Handel mit Gewürzen und Drogen, dann zur Seefahrt und damit zum Reichtum, und der letzte Chrysoloras war bereits so geldmächtig, daß Karl der Fünfte und Ferdinand, der römische König, manchmal bei ihm das erborgen mußten, was die Fugger und die Welser nicht geben wollten oder konnten. Niemals aber hatten sie vergessen, daß ihr Ahnherr der erste Grieche Westeuropas gewesen war, und es gab keinen Humanisten, der nicht, auf der Reise vom Norden nach Italien oder zurück, der verehrten Dynastie, welcher man Homer wiederzuverdanken hatte, seine Reverenz machte. Die saß in Innsbruck wie ein Fürstengeschlecht. Helena wußte um ihr griechisches Blut und las — soviel ihr Mädchenwissen erlaubte — mit heißem Begehrendie alten Sagen und Gedichte. Sie ging zur Messe, ja. Aber sie gedachte mit brennendem Herzen der alten Götter, der alten Heiterkeit, der alten Schönheit.Vielleicht eben darum war es, daß ihr bislang keiner der neuen, jungen Herrn gefallen hatte. Sie liebte, im Geheimsten, zu weit und zu hoch hinaus, als daß ihr ein Ritter, und war es Herr von Hutten oder Sickingen selber gewesen, die antike Pracht verblassen machen gekonnt hätte. Allen Bewerbungen zum Trotz war sie, zwar sehnlich aber unberührt, voll jener achtungsvollen Neugier geblieben, die das Herz bereitmacht.Jetzt mußte ihr der Vetter aus Tirol alle Tage vom seltsamen, vom schmerzzerissenen, kleinen, ergrauenden Manne erzählen, von dem so beklemmende Nachricht ging.Wenn sie ihn von ferne sah, dann fröstelte ihr vor Angst; aber sie dachte Tag und Nacht an ihn und wünschte sich, so recht vom Herzen fromm und gottesgläubig sein zu können, um den herzbrechend Unerlösten zu erlösen; und war es mit ihrem Blute.Es war doch der Eine und Einzigste unter allen Menschen; er kam und ging wie ein lebendiger banger Traum durch ihr Sinnen.Der Faust.Johannes Faustus, der sich dem Widersacher Gottes verschrieben hatte, der die Geister der alten, griechischen Geschichte wieder zu dämmerndem Minutenleben rückgerufen hatte und der die Wundmale dorten trug, wo Satan sie trägt: im Herzen.Das ließ ihr keine Ruhe und sie sagte eines Tages, nach vielen schweren Seufzern, weil sie sich lange Zeit nicht überwinden konnte, ein Bekenntnis an den jungen Vetter zu opfern:„Ich weiß nicht, was ich gäb, wenn ich den Doktor Faustus nahe sehen und ihm ein paar Fragen stellen könnte. Es drückt mich so viel, und er allein kann mir Antwort geben.“Da erschrak der junge Student sehr, denn abermals fühlte er, wie er die seltsam schöne Base gern hätte, die, wie er, Leib und Seel’ zu verlieren bereit war, um guter Kundschaft zu den Überirdischen willen. Es drückte ihm jetzt das Herz ab, wie er bedachte, daß dieses schöne Geschöpf auch verstrickt und verfallen sein könnte; — ewiglich.Er sagte ihr also: „Tu’s nicht, Helena. Begehr’ alles andere von mir als das, sogar, daß ich dich einem Andern zuführen müßte ... was mir gewißlich vorkäme, als müßt’ ich mein Herz aus dem Leibegeben. Ich könnt’ es dir nicht abschlagen. Aber zu dem Fausto sollst du niemals gehen.“Da sagte sie ihm: „Du willst wohl allein wissen, was kein Irdischer sonst erfährt?“„Ja,“ erwidert er ihr, „aber nicht aus evahafter und loser Neugierd’.“Damit machte er sie böse und sie weinte sehr, wollte sich auch von ihm auf keine Art trösten lassen, bis er ihr doch endlich zusagte, es mit dem Doktor zu versuchen.
Wer die tiefe Frömmigkeit der Zeiten Eckharts und Taulers bedenkt und, hernach wieder, die hauptsächlich von der Gesellschaft Jesu entzündete heiße Religionsglut späterer Zeiten, der glaubt nicht, wie lästerlich frech und frei um die Humanistenzeit herum die Menschen zu jenem Himmel sahen, den ihnen Luther mit seiner ehrlichen Kindergläubigkeit noch nicht gerettet hatte. Etwa: Der Maler der süßesten Madonnen und Heiligen, Perugino, spottete über Glaube und Ewigkeit, während er seine Kirchenbilder malte und sagte (wenn er um ein holdselig frommes Antlitz einen Heiligenschein zog): „Ja, meine Freunde, mit diesem Leben ist alles zu Ende. Es ist ein dummer Zufall, daß diese und keine andern Tiere entstanden sind, und es ist ein schmerzlicher Zufall, der mir durchaus nicht gefällt und sehr unvernünftig ist, daß wir Menschen darauf gekommen sind, es gäbe Gesetze, es gäbe Vernunft und es gäbe einen unausweichlichen Tod. Das Tier hat eine dumpfe Angst; dennoch aber lebt es, während es dahingrast, immermitten in der Ewigkeit. Nur wir Menschen grübeln, klagen an und möchten unsere Gescheitheit einem Gotte geben, der von ihr nicht das mindeste an sich hat.“
Solcher Reden hörte das beginnende Cinquecento gar viele. Die Künste blühten, die Farben prahlten, das Leben schien eine Freude, die Erkenntnisse wurden immer weiter, schauender, — und die Herzen verzweifelten.
Nur, weil Luther glaubte, glaubten auch die Südländer wieder, besserten die Form, und echte, tiefe Gottesinbrunst wohnte vorher vielleicht nur in den lawinennahen Bauernhütten des Hochgebirges; in den Häusern der Gelehrten und Künstler war sie selten. Da wohnte großes Sehnen nach dem alten Heidentum; so groß, daß sogar die immer gottesbedürftigen Frauen öfter vom Phöbos Apollon träumten, als von den Verzückungen des heiligen Franz.
Helena Chrysoloras!
Ihr Ahnherr war der erste Grieche, der in lateinischem Gebiete seine göttliche Muttersprache lehrte und der einen ganzen Duftstrom der Veilchen und des Honigs von Eleusis mit nach Italien brachte. Helena. — Äußerlich von jener abergläubischenFrömmigkeit, welche niemals die Formen der Religion zu durchbrechen wagt und mit einem heidnischen Herzen in christlichen Kirchen tiefgebeugt das Weihwasser nimmt, hatte sie in ihrem Innern den glühenden Lebensdurst der Alten aus den dionysisch frohen Zeiten, ehe noch die Stoa geboren war. Genau so war auch ihr Ahnherr geartet gewesen. Als er dann während des Konziles in Konstanz dahinstarb, verblieb sein Blut im deutschen Norden. Die Chrysoloras waren zuerst Doktoren, dann Apotheker, kamen von da zum Handel mit Gewürzen und Drogen, dann zur Seefahrt und damit zum Reichtum, und der letzte Chrysoloras war bereits so geldmächtig, daß Karl der Fünfte und Ferdinand, der römische König, manchmal bei ihm das erborgen mußten, was die Fugger und die Welser nicht geben wollten oder konnten. Niemals aber hatten sie vergessen, daß ihr Ahnherr der erste Grieche Westeuropas gewesen war, und es gab keinen Humanisten, der nicht, auf der Reise vom Norden nach Italien oder zurück, der verehrten Dynastie, welcher man Homer wiederzuverdanken hatte, seine Reverenz machte. Die saß in Innsbruck wie ein Fürstengeschlecht. Helena wußte um ihr griechisches Blut und las — soviel ihr Mädchenwissen erlaubte — mit heißem Begehrendie alten Sagen und Gedichte. Sie ging zur Messe, ja. Aber sie gedachte mit brennendem Herzen der alten Götter, der alten Heiterkeit, der alten Schönheit.
Vielleicht eben darum war es, daß ihr bislang keiner der neuen, jungen Herrn gefallen hatte. Sie liebte, im Geheimsten, zu weit und zu hoch hinaus, als daß ihr ein Ritter, und war es Herr von Hutten oder Sickingen selber gewesen, die antike Pracht verblassen machen gekonnt hätte. Allen Bewerbungen zum Trotz war sie, zwar sehnlich aber unberührt, voll jener achtungsvollen Neugier geblieben, die das Herz bereitmacht.
Jetzt mußte ihr der Vetter aus Tirol alle Tage vom seltsamen, vom schmerzzerissenen, kleinen, ergrauenden Manne erzählen, von dem so beklemmende Nachricht ging.
Wenn sie ihn von ferne sah, dann fröstelte ihr vor Angst; aber sie dachte Tag und Nacht an ihn und wünschte sich, so recht vom Herzen fromm und gottesgläubig sein zu können, um den herzbrechend Unerlösten zu erlösen; und war es mit ihrem Blute.
Es war doch der Eine und Einzigste unter allen Menschen; er kam und ging wie ein lebendiger banger Traum durch ihr Sinnen.
Der Faust.
Johannes Faustus, der sich dem Widersacher Gottes verschrieben hatte, der die Geister der alten, griechischen Geschichte wieder zu dämmerndem Minutenleben rückgerufen hatte und der die Wundmale dorten trug, wo Satan sie trägt: im Herzen.
Das ließ ihr keine Ruhe und sie sagte eines Tages, nach vielen schweren Seufzern, weil sie sich lange Zeit nicht überwinden konnte, ein Bekenntnis an den jungen Vetter zu opfern:
„Ich weiß nicht, was ich gäb, wenn ich den Doktor Faustus nahe sehen und ihm ein paar Fragen stellen könnte. Es drückt mich so viel, und er allein kann mir Antwort geben.“
Da erschrak der junge Student sehr, denn abermals fühlte er, wie er die seltsam schöne Base gern hätte, die, wie er, Leib und Seel’ zu verlieren bereit war, um guter Kundschaft zu den Überirdischen willen. Es drückte ihm jetzt das Herz ab, wie er bedachte, daß dieses schöne Geschöpf auch verstrickt und verfallen sein könnte; — ewiglich.
Er sagte ihr also: „Tu’s nicht, Helena. Begehr’ alles andere von mir als das, sogar, daß ich dich einem Andern zuführen müßte ... was mir gewißlich vorkäme, als müßt’ ich mein Herz aus dem Leibegeben. Ich könnt’ es dir nicht abschlagen. Aber zu dem Fausto sollst du niemals gehen.“
Da sagte sie ihm: „Du willst wohl allein wissen, was kein Irdischer sonst erfährt?“
„Ja,“ erwidert er ihr, „aber nicht aus evahafter und loser Neugierd’.“
Damit machte er sie böse und sie weinte sehr, wollte sich auch von ihm auf keine Art trösten lassen, bis er ihr doch endlich zusagte, es mit dem Doktor zu versuchen.