12.

12.

Am darauffolgenden Tage frühmorgens erhob sich Magdalena von ihrem Lager, und ohne dabei einen Blick hinüber nach dem Bette der Mutter zu tun, schlich sie sich leise aus der Stube.

Die Bäuerin stöhnte tief auf, als sie gegangen war.

Das Mädchen trat in den Hof, die bleichen Wangen und die Ringe um die Augen verrieten, daß es eine schlaflose Nacht gehabt.

Leopold ging eben mit einem Wasserzuber zum Brunnen, er blieb stehen, als er sie herankommen sah. „Dich läßt der Alte auch nicht heiraten, hab’ ich gehört.“

„Du hast recht gehört. Er hat wohl eben einen so guten Grund dazu wie bei dir.“

„Ei, schwätz, wenn er keinen bessern hat, so taugt er nicht viel. Nun, ihr habt noch immer leichter warten als unsereiner. Was machen euch ein paar Jahre auf oder ab? Und gar lang kann es ja doch nimmer dauern.“

Er war unterdem an den Brunnen getreten, hatte das Gefäß auf den Brunnentrog gestellt und dabei dem Mädchen den Rücken zugekehrt, als er sich jetzt umsah, schloß dasselbe gerade das Gartengatter hinter sich.

„Schau, bin ich dir vielleicht zu gering? Das dürft’ dich doch noch gereuen, stolze Gretl!“ Er griff nach der Brunnenstange und zog heftig daran, jeden Zugbegleitete ein Schimpfname oder eine Ehrenrührigkeit, welche er sämtlich in aufrichtigster Mißachtung seiner Schwester widmete. Der Eimer war früher voll geworden, ehe er sich erleichtert fühlte, und so schalt und schimpfte er auf dem Wege nach dem Stalle fort; dort hatte er zwei Pferde zu betreuen, die eine Stute hatte in ihrer Jugend dem Vaterlande gedient und sich daher eine etwas strammere Haltung bewahrt, das fiel dem jungen Reindorfer eben jetzt unangenehm auf, er versetzte dem Tiere einen Tritt. „Stolze Gretl,“ sagte er. Das Pferd schnaubte und spitzte die Ohren. Klangen ihm aus vergangenen, besseren Tagen Trompetenklänge durch die Seele, die zu ruhmreichem Streite oder zur sorglichen Fütterung riefen? Wer weiß es?

Magdalena fand den alten Reindorfer an dem Platze, wo sie gestern von ihm gegangen.

Der nächtliche Gewitterregen hatte die Rebenblätter erfrischt, und sie standen in frischem Grün aufrecht an den schlanken Stielen, einzelne Ranken hingen aus dem dichten Blätterdache hernieder, unter welchem der alte Mann saß; als er die Dirne herankommen hörte, blickte er auf, es ließ sich an seinem Wesen weder eine Ermüdung noch eine Änderung vermerken, er zeigte sich wieder ganz wie sonst.

Magdalena setzte sich ihm gegenüber, sie spreizte die Finger der rechten Hand an der Bank auf, drückte manchmal mit dem vollen, runden Arm dagegen und sah schweigend eine Weile vor sich nieder. Dann wendete sie sich nach dem Alten. „Ich hätte etwas zu sagen.“

„Red’.“

„Mußt aber nicht bös sein, wenn ich dich dabei gleichwohl ein oder das andere Mal Vater nenn’,ich bin es so gewöhnt; sollt’ ich zu dir Bauer sagen, es geschähe mir hart und das Reden käm’ mich schwerer an.“

„Dasselbe müßt’ sowieso sein, der Leute wegen, und dann mag ich von dir schon leiden, daß du Vater sagst.“

„Ich kann nimmer dableiben.“

„Das sollst du auch nicht.“

„Ich mag euch nimmer unter den Augen herumlaufen und anderen noch weniger.“

„Hast ganz recht, du mußt fort, je weiter, je besser. Hab’ schon darauf Bedacht genommen. Ich denk’, du gehst halt nach der Stadt und suchst dir einen Dienst.“

„So war mein eigen Vornehmen.“

„In der Kreisstadt, von wo die Eisenbahn geht, wohnt mein Bruder, der Schullehrer gewesen ist, ich möcht’, daß du früher bei ihm einsprichst, vielleicht kann er dir ein wenig an die Hand gehen, und du brauchst auch nicht Tag und Nacht über in einem Stück zu reisen.“

„So schreib mir nur gleich den Brief, Vater.“

„Gleich? Wohin denkst denn? Eine Reis’ allweg vom Hause in die Welt, um Brot zu suchen, die tut man nicht so über Hast. Dann schickt sich auch keine Gelegenheit, ich brauche die Pferde in der Wirtschaft und kann dich nicht einen halben Tag lang fahren. Ich hör’, der Kleehuber fährt in acht Tagen nach der Kreisstadt, der nimmt dich wohl gegen ein gut Wort mit.“

„Acht Tage vermöcht’ ich nimmer da zu bleiben. Wozu soll noch eine ganze Woche eines dem andern in Scheu, Bangigkeit und Herzweh aus dem Wege schleichen, und sich dann wieder vor Leuten zu verlogenem Wesen zwingen? Besser ich geh’ gleich, heutenoch. Heut ist Kirchweih, da hat kein Mensch darauf acht und mengt sich niemand ein, später, wenn sie nachfragen, bin ich eben nimmer da. Sorg dich nicht um mich, Vater, ich schick’ mich schon darein und werd’ mich schon auswissen; fleißige Hände finden immer ehrlich Brot, und rechtschaffenes Wesen eine freundliche Aufnahme, so ist mir nicht bange, wie ich durch die Welt komme. Was die Gelegenheit anlangt, so brauch’ ich gar keine, ich bin gut zu Fuß, mein Bündel ist bald geschnürt und leicht zu tragen, in einer Stunde kann ich von da weggehen und bin abends in der Kreisstadt, da übernachte ich bei deinem Bruder, dem Herrn Lehrer, und die Eisenbahn fährt morgen, wie alle Tage, ihren Weg.“

„Du denkst noch heute fortzugehen?“ Die Stimme des alten Mannes klang etwas unsicher, als er das fragte.

„Ja, Vater. Sag selber, denk’ ich nicht recht?“

„Ich vermöcht’ dir nicht nein zu sagen. Es wird schier völlig das Gescheiteste sein, wie du meinst. Nun, so richt halt in Gottesnamen deine Sach’ zurecht. Vergiß den Taufschein und das Impfzeugnis nicht, denn in der Stadt drinnen, hab’ ich mir sagen lassen, muß sich jedes siebenfach ausweisen, daß es einmal auf der Welt ist; solltest du sonst noch was von Papieren brauchen, so schreib, daß wir dir’s besorgen und schicken mögen.“ — Er erhob sich. — „Ich geh’ jetzt deinen Brief schreiben.“ Er hatte es vermieden, das Mädchen anzusehen und so ging er jetzt mit gesenktem Haupte langsam von ihr hinweg.

Und als sie nun allein verblieb und den Blick nach der Stelle richtete, wo der alte Mann gesessen hatte, und aufhorchte, wie das Geräusch seiner Tritte nach und nach erstarb, da war ihr, als ginge er nunfort und fort, weiter und immer weiter von ihr hinweg, als wäre nicht nur da in der Laube ein leerer Platz, sondern auch in ihren kommenden Tagen eine Lücke, wo sie nie mehr so den ehrlich gemeinten Rat in der liebgewonnenen Weise zur Hand haben wird. Sie stand rasch auf und ging ihr Bündel schnüren.

Sie trat in die Stube, öffnete ihren Schrank, begann ihre Kleider herauszunehmen und legte sie auf einen Stuhl.

Die Bäuerin, welche mit einem Strickzeug in der Ecke saß, sah erst diesem Beginnen verwundert zu, dann erhob sie sich, legte die Arbeit hinter sich auf den Sitz zurück und trat mit fragendem Blick an das Mädchen heran.

„Ich muß dich bitten, Mutter,“ sagte Magdalena, „daß du so gut bist und mir von den Sachen herausgibst, was mein gehören soll und was ich mitnehmen darf.“

„Du gehst fort?“

„Ja, Mutter.“

Die Bäuerin trat zu dem Wäscheschrank, schloß auf, kramte mit zitternden Händen Stück für Stück hervor und zählte sie der Tochter hin.

Als sie damit fertig war, ging sie eilig nach der Küche, dort stand sie, hielt ihr Fürtuch an das Gesicht und sah mit unterdrücktem Weinen durch die halboffene Türe nach der drallen Gestalt des Mädchens, das zierlich und flink sich umtat, seine geringe Habe in ein großes Tuch zu verpacken.

Sie war bald damit zustande gekommen, hing das Bündel über ihren Arm und ging aus der Stube.

In der Küche stand die alte Reindorferin und blickte wie verloren vor sich nieder.

„Ich geh’ jetzt, Mutter. Behüt dich Gott und bleib recht gesund.“

Das alte Weib schluchzte laut, es drängte sie, sich an die Brust ihres Kindes zu werfen, aber sie hielt etwas in der festgeschlossenen Rechten, das mochte sie wohl behindern, sie faßte nach den Händen Magdalenas und steckte ihr ein Päckchen zu, jahredurch aufgesparte Pfennige zur Wegzehrung, und jetzt hatte sie beide Arme frei, aber sie blieb unbeweglich vor dem Mädchen stehen.

„Behüt dich Gott, und was ich dir sagen muß, bleib brav! Leni, um alles in der Welt, bleib brav!“ Sie weinte neuerdings. Das Mädchen hielt sie scheu an den zuckenden Händen, küßte sie flüchtig auf die tränenden Wangen und ging.

Keines von beiden, wie ihnen auch um die Seele sein mochte, blickte auf. Hättet ihr doch die Augen aufgehoben, ihr wäret euch in die Arme gesunken, ihr hättet eines an dem Herzen des andern geweint, ihr hättet euch nicht der Liebkosung geweigert, die ja doch die letzte — die letzte gewesen wäre!

Seltsame Menschen! Glaubt ihr nur darum an einen Gott des Erbarmens, damit ihr alle Milde und alles Mitleid ihm allein anheimgeben könnt? Hofft ihr nur darum auf ein Reich des Trostes und der Gnade, damit ihr jedes verlangende Sehnen und jede weinende Bitte dahin verweisen könnt? Warum vermögt ihr nicht milde zu sein einer gegen den andern und Herz zu fassen eines zu dem andern, warum nicht? Haß, so groß und gewaltig er sein mag, zeigt ihr offen, — Liebe, so klein und gering sie sein mag, verbergt ihr scheu! O, wie ihr euch doch wehe tun mögt, seltsame Menschen!

Als Magdalena tief aufatmend im Hofe stand, sah sie im Garten Reindorfer auf die Laube zuschreiten. Bevor sie ihn dort aufsuchen mochte, trat sie an dieStalltür. „Leopold,“ rief sie hinein, „ich geh’ vom Ort, ich such’ mir in der Stadt einen Dienst.“

Der Angeredete kam heraus zu ihr. „So, fort gehst du? Hast eigentlich recht. Wenn man es über das Herz bringt, so ist es ungleich besser, man schlägt sich derlei gleich ganz aus dem Sinn. Mein’ Seel’, ich möcht’ auch schon lieber auf und davon rennen, als daß ich es da ertrotzen oder erpassen soll! Nun, viel Glück. Behüt dich Gott!“

„Schön’ Dank. Behüt dich Gott, Leopold!“

Er bot ihr die Hand und trat dann in den Stall zurück.

Nachdenklich, den Kopf auf beide Arme gestützt, saß Reindorfer, er hatte vor sich ein Päckchen liegen, einen Brief und etliche Banknoten, aber er kannte das flatterhafte Zeug zu gut, es lag ein schwerer Stein darüber, damit der Wind nichts enttrage.

So fand ihn Magdalena.

Er erhob sich. „Bist schon fertig?“

„Ja, Vater.“

„Ist recht, ich auch.“ Er zog den Brief unter dem Steine hervor, besah ihn noch einmal auf beiden Seiten, prüfte Aufschrift und Siegel, dann reichte er ihn dem Mädchen. „Da ist der Brief, den ich dir an meinen Bruder geschrieben habe.“

Magdalena nahm das Schreiben an sich und ließ es hinter ihrem Busentuche verschwinden.

Reindorfer streifte mit der Linken den Stein seitwärts vom Tische, legte die Rechte auf das Papiergeld, und indem er die Finger auseinander spreitete, blätterte er die Scheine auf, daß der Betrag, den sie ausmachten, dem Mädchen in die Augen fiel. „Hier hast du, was die Reise kosten wird und noch etwas darüber, daß du ein paar Tage ohne Verdienst aushaltenkannst und nicht gleich auf ein unbillig’ Anbot zugreifen mußt. Was du zu tun hast, um bei Ehr’ zu verbleiben, dir Freunde zu schaffen und brav durch die Welt zu kommen, das weißt du, denke ich: du brauchst nur nicht zu vergessen, was ich dir seinerzeit darüber geredet habe. Und nun geh mit Gott!“

Magdalena wickelte die Banknoten um das Päckchen, das sie von der Mutter erhalten hatte, und band das Ganze in einen Zipfel ihres Sacktuches, sie steckte dieses nun bedächtig in den Rocksack.

„Ich bin gleich fertig,“ sprach sie, „aber etwas hätt’ ich noch zu sagen. Es hätt’ dir niemand übelnehmen können, wenn du allzeit gegen mich gewesen wärst, aber du hast mich nicht als klein aus dem Hause gestoßen, du hast dir nie eine Unlust anmerken lassen gegen mich, hast mir keine Freude verdorben und es mir allweil so gut geschehen lassen, als es mir hat werden wollen, mehr noch, du hast mich streng rechtschaffen vor aller Schlechtigkeit gewarnt und gewahrt, kein Heiliger vom Himmel hätt’ anders sein können, wie du gegen mich warst. Darum bet’ ich zu unserm Herrgott, er möcht’ mir meine höchste Freud’ geben und eine Zeit kommen lassen, wo ich dir nur zu zeigen vermöcht’, wie ich dich in Ehr’ halt’, und dir vergelten könnt’, was die Mutter übel an dir getan! Und da sei jetzt nicht bös, wenn ich dich ihretwegen bitt’, wohl ist alles wieder aufgefrischt in deinem Herzen, aber schau, kannst du so gerecht sein gegen mich, als den unschuldigen Teil, wirst auch nachsichtig sein können gegen sie; damit ich ruhig fort vom Haus gehen kann, sag mir, du wirst nicht hart sein gegen die Mutter!“

Reindorfer hatte aufgehorcht, als das Mädchen seine Fürbitte für die Bäuerin anhob, im Verlaufenickte er ein paarmal beistimmend mit dem Kopfe. „Recht ist’s, recht ist’s,“ murmelte er dabei, dann sagte er laut: „Ich werd’ mich nicht ändern gegen seither, daß es neu auflebt, dafür kann sie ja nichts.“

„So vergelt’s Gott, Vater,“ sagte Magdalena, dann faßte sie ihn erregt an beiden Händen. „Aber wenn ich auch nicht dein Kind bin, so laß mich doch nicht in die Fremde gehen ohne deinen Segen, er möcht’ mir sonst fehlen, denn gerad’ auf den deinen muß ja unser Herrgott was geben.“ Sie kniete vor ihm nieder.

Der Bauer legte ihr die Hände auf den Scheitel. „Ich segne dich, Magdalen’, möge Gott, unser Herr, dich schützen und schirmen“ ... Hier gerieten seine Hände in heftiges Zittern, sie rüttelten so arg das Köpfchen, auf dem sie lagen, daß er sie hastig zurückzog.

Das Mädchen, das nicht wußte, wie ihm geschah, sah ihn bittend an und hob die gefalteten Hände gegen ihn.

Da legte er noch einmal die seinen auf ihr blondes Haar. „Ich tu’ dich ja segnen. Ich segne dich wie mein eigenes Kind — wie mein eigenes Kind!“

Der Ton klang eigen, wie nach verhaltenen Tränen, Magdalena erhob sich und lag an seiner Brust. „Vater!“ schrie sie auf.

Reindorfer wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, er löste sanft die Arme des Mädchens, die ihn um den Hals gefaßt hielten. „Nur gescheit! mein Dirndl, nur gescheit! Und flink, Dirndl, flink, sonst kommst heut doch nimmer an Ort und Stell’.“

„Nun, so behüt dich Gott, Vater. Und gelt, du hast mich halt doch gern? Ich bitt’ dich um aller Heiligen willen, schau nur, daß du mir brav gesund bleibst, und daß es dir gut geht. Und gelt, nachschauendarf ich dir manchmal? Und schreiben auch? Bleib nur gesund, — ich will schon fleißig für dich beten!“

So waren beide Hand in Hand aus dem Garten und über den Hof gegangen, der alte Mann hatte dabei dem Mädchen auf jede Frage nur wiederholt freundlich zugenickt: jetzt standen sie vor dem Tore.

„Und jetzt ist es wohl ernst,“ sagte die Dirn’. „Ich werd’ dir keine Sorge machen, Vater, mach’ mir auch keine. Behüt dich Gott vieltausendmal, behüt dich Gott!“

Er aber lächelte sie an, legte ihr noch einmal die Hand auf den Scheitel und nickte dazu, zum Reden konnte er keinen Atem finden. Sie ging und sah oft zurück, und immer nickte er wieder und winkte mit der Hand, und als er das Mädchen nicht mehr sah und die Rechte sinken ließ, da fühlte er sich daran gefaßt und gehalten.

Die Bäuerin stand neben ihm.

„Sie ist fort,“ sagte sie weinend, „jetzt ist sie fort und wir allzwei sind darüber alt geworden. O, tu du mich nur nicht ganz verlassen!“

Sie preßte seine Hand in der ihren, er hätte sie ihr entreißen können, wenn er gewollt hätte, der Leute wegen brauchte er nicht an sich zu halten, es war niemand weit und breit, der auf sie gesehen hätte. Er sah nach ihr, wie sie gebrochen und scheu neben ihm stand und leise gab er den Händedruck zurück. Es war das erstemal seit jenem Tage vor achtzehn Jahren, daß sie wieder Hand in Hand nebeneinander standen.

Das Weib aber fühlte sich bis in das Innerste so krank und elend, seit die Scham vor ihrem eigenen Kinde auf ihr lastete, daß sie ganz wohl wußte, sie hatte von ihrem Manne nichts erbettelt, als Schonungfür ihre wenigen Tage, und in diesem Sinne sagte sie: „Ich dank’ dir, Joseph, sei nur eine kleine Weile noch gut mit mir!“

Während Magdalena im Garten mit dem alten Reindorfer sprach, war der junge aus dem Stall gegangen, hatte sich sonntäglich gekleidet und darauf den Hof verlassen, denn der Mensch, besonders wenn er ein Bauernbursche ist, kann nie „zeitlich genug auf den Kirchtag gehen“.

Auf dem Wege nach dem Dorfe traf er den Müller Florian.

„Guten Morgen, Müllerbub’,“ rief er ihn an. „Gehst auch auf’n Kirchtag?“

„Ich schau’ hin,“ war die Antwort, „weil ich mir nichts Gescheiteres weiß und nicht gern mit mir allein bin.“

„Hast recht. Ihr zwei, du und meine Schwester, seid nicht unkluge Leut’. Das wirst aber doch nicht glauben, daß sie heut schon fort nach der Stadt geht!“

Florian blickte auf, er war bleich geworden. „Heut schon?“

„Ja, heut. Es sollt’ mich wundern, wenn sie nicht schon mittlerweil’ hinter uns her auf dem Weg wär’!“

Da endete der mittlere Graben an der breiten Landstraße, links führte diese durch das Dorf und rechts, an verschiedenen Ortschaften vorüber, nach der Kreisstadt. Florian bog nach rechts ein.

„Wohin denn?“ rief Leopold.

„Geh nur voran, ich komm’ schon später nach.“

„Ich merk’, du willst die Leni abpassen: was hast du auch davon? Komm doch lieber gleich mit!“

Der junge Müller aber schritt nur rascher den eingeschlagenen Weg dahin.

Magdalena war gerade bis zu dem Busche gelangt, der ihr jetzt den Anblick des Reindorferhofes entzog, wie er sie einst vor Blicken von dort aus gesichert hatte.

Sie und ihren — Bruder.

Sie brach einen Zweig und trug ihn spielend in der Hand.

Hatte sie nicht einst gehört — von wem, das wußte sie sich wohl nicht mehr zu erinnern —, daß unter den heidnischen Leuten Geschwister zusammengeheiratet hätten, ja selbst Vater und Tochter, Mutter und Sohn? Und wenn es auch Brauch im Lande war, was mußten das für gottverlassene Leute sein! Ärger als die Tiere, die haben doch kein Besinnen, woher sie stammen und brauchen sich nicht darüber hinwegzusetzen, unter Menschen aber schließt gleiches Blut jede Vertrautheit aus. Wie das nur einst möglich war? Und wäre es jetzt noch vor Gott und der Welt verstattet, wer vermöchte es, dazu sich zu verstehen?

„Gewiß, der Vater gäbe mir recht und könnte es nicht anders sagen!“

Bisher hatte sie keine lebende Seele auf ihrem Wege angetroffen und noch lag derselbe, so weit sie blicken konnte, menschenleer vor ihr, aber jetzt wurde es, ihr im Rücken, auf der Straße lebendig.

Sie horchte auf, noch ziemlich ferne fuhr ein Wagen, die Daraufsitzenden sangen und die Luft wehte vor ihnen her und trug ihr die Töne zu und ließ sie die Worte erraten.

Ein Bursche sang:

„Der Wirt, der wirft heut aus sein’m HausGleich dutzendweis die Bub’n hinaus,Dirndel, willst ein’n haben, so lauf,Fang dir g’schwind ein’n auf!“

„Der Wirt, der wirft heut aus sein’m HausGleich dutzendweis die Bub’n hinaus,Dirndel, willst ein’n haben, so lauf,Fang dir g’schwind ein’n auf!“

„Der Wirt, der wirft heut aus sein’m HausGleich dutzendweis die Bub’n hinaus,Dirndel, willst ein’n haben, so lauf,Fang dir g’schwind ein’n auf!“

„Der Wirt, der wirft heut aus sein’m Haus

Gleich dutzendweis die Bub’n hinaus,

Dirndel, willst ein’n haben, so lauf,

Fang dir g’schwind ein’n auf!“

Und eine Dirn’ sang zurück:

„Solche, die herausfall’n,Sind mir nicht recht,Sollt’ ich die Zech’ noch zahl’n,No, wär’ nicht schlecht!“

„Solche, die herausfall’n,Sind mir nicht recht,Sollt’ ich die Zech’ noch zahl’n,No, wär’ nicht schlecht!“

„Solche, die herausfall’n,Sind mir nicht recht,Sollt’ ich die Zech’ noch zahl’n,No, wär’ nicht schlecht!“

„Solche, die herausfall’n,

Sind mir nicht recht,

Sollt’ ich die Zech’ noch zahl’n,

No, wär’ nicht schlecht!“

Magdalena ging in die Fremde, ihr Brot suchen, und die fuhren zur Kirchweih, suchten ihre Freude und waren wieder mit dem Morgen heim. Sie lächelte, weil die Leute so lustig waren. Unterdem war der Wagen näher gekommen, schon ein paarmal glaubte sie sich beim Namen rufen zu hören, aber sie sah nicht zurück; jetzt schrak sie zusammen, weil plötzlich das Gefährt eilig hinter ihr herpolterte. Gewiß wollte man sie einholen. Sie aber scheute jede Begegnung, und da sie eben am Ende des Grabens angelangt war, so lief sie rasch eine Strecke Weges nach rechts fort.

Als sie aufatmend stehen blieb und sich umsah, da hielt der Wagen am Anfange des Ortes, ein Mädchen schwang sich flink herab und begann rufend und winkend auf sie zuzueilen.

Es war die Kleehuber Franzl.

Magdalena wartete, bis sie herankam.

„Ja, sag mir nur, um alles in der Welt, Leni, was treibst du denn? Ich schrei’ mich heiser, damit du uns abwartest, auf unseren Wagen aufsitzest und mit uns zur Kirchweih fährst, aber du gibst kein Gehör und auf die Letzt nimmst du gar Reißaus.“

Sie verstummte plötzlich und sah Magdalena bedenklich an, diese streichelte ihr die vom Laufen hochgeröteten Wangen und sagte: „Wie du mir’s gut vermeint hast! Also du hast gerufen, warst gewiß auch du es, die gesungen hat auf dem Wagen?“

„Jesus, du falsches Ding, du,“ schrie die Franzl, „jetzt kenn’ ich mich aus! Was machst du am Kirchtagauf der offenen Landstraß’ und mit einem Bündel noch dazu? Fort gehst du vom Ort, auf, Gott weiß, wie lang und sagst kein Wort. Geh zu, ich bin recht bös auf dich!“

„Warum denn auch willst bös sein? Schau, ich hab’ uns nur den Abschied ersparen wollen. Von Zeit zu Zeit komm’ ich ja doch wieder und wir sehen uns.“

„Wohin gehst denn?“

„In die Stadt.“

„Was machst denn dort?“

„In Dienst geh’ ich.“

„Du, dem Reindorfer seine Jüngste, die Einzige, die er noch im Haus hat? Und deine Leut’, die schon alt sind und ihre Pflege brauchen, die lassen dich gehen?“

„Das siehst ja. Laß dich jetzt nicht weiter aufhalten, Franzl, du willst tanzen und ich muß gehen, wir dürfen allzwei dazuschauen, sonst kommst du zu kurz und ich zu spät.“

„Ah, das dumme Hopsen hat Zeit, und wenn du es auch nicht verdient hast um mich, so geleit’ ich dich doch ein Stück Weges.“

„So komm!“

Die beiden Mädchen hielten Schritt und gingen ziemlich rasch einher.

„Du, Leni,“ begann Franzl, „nimm es nicht für übel auf, aber sag, gelt ja, du gehst wegen dem Müller Florian?“

„Mag schon sein.“

„Will dich dein Vater ihm nicht geben?“

„Nein.“

„Ist gewiß auch deine Mutter dagegen?“

„Freilich.“

„Das ist recht grauslich von deinen Eltern. Schau, wie so alte Leute sind! Weil sie keinen Gefallen mehraneinander finden und sich leicht entbehren mögen, denken sie gar nicht, was wohl unsereins für ein Verlangen haben könnt und daß sie selber einmal nicht anders waren, sonst liefen wir nicht da auf der Welt herum. Ich denk’, Alte sollten sich doch immer erst besinnen, ehe sie uns Jungen nein sagen. Und gar bei euch zweien! Was ist denn an dem Müller Flori auszusetzen? Ist er nicht ein ordentlicher, braver Bursche? Hat er nicht, oder kriegt er nicht, daß er Weib und Kind vollauf ernähren kann? Geh, ich mag gar nicht darüber reden, sonst kommt mir der Ärger! Ist das auch recht von deiner Mutter, daß sie kein Wort für dich einlegt, wo doch wir Weiberleut’ zusammenhalten sollen, damit wir etwas gegen die Männer ausrichten? Ist das auch gescheit von deinem Vater? Ich meine schon, der ist auch nur im Sonntagsrock, vor den Leuten, klug und zu Haus trägt er einen Spenzer mit einem Loch am Ellbogen und da guckt das Hemd hervor und das ist seine ganze ‚Weißheit‘ für daheim!“

„Mußt nicht ungebührlich reden von dem alten Mann, wo du doch nicht weißt, was eigentlich an der Sache ist; er hat nicht anders können.“

„Nicht anders können? Aber ich bitt’ dich, sag nur, warum denn nicht?“

„Mußt nicht danach fragen, Franzl, das kann ich niemandem sagen.“

Die beiden Mädchen schwiegen eine Weile und schritten wacker aus.

Ein dichter Wald, der linker Hand über alle Hügel sich ausbreitete, war auch nach der Ebene herabgestiegen und zwischen Äcker und Wiesen weit in das flache Land vorgerückt, mitten durch diesen breiten grünen Streif führte nun in vielen Krümmungen dieStraße, aber ehe man die erste Wegbiegung erreichte, zweigte ein schmaler Steig ab, der quer den Wald durchschnitt und daher von allen Fußgängern benutzt wurde.

Am Eingange dieses schattigen Waldweges stand Florian und wartete auf Magdalena; als er sie nun in Begleitung herankommen sah, tat er einen leisen Fluch und verbarg sich hinter das Gesträuch.

Die Kleehuber Franzl war kurzbeiniger als ihre Freundin und ihr fiel das Schritthalten bald beschwerlich. „Du, Leni,“ sagte sie, „mußt nicht gar so scharf gehen, da tragen einen die Füße leicht weiter, als man will. Wenn wir so fort daherrennen, kommen wir heut noch bis hinunter in die Türkei.“

Da Magdalena schweigend vor sich niederblickte und in gleicher Eile daherschritt, fuhr sie fort: „Du, das wär’ so eine Geschichte, dort sollen sie die Weibsleute verkaufen, bin doch neugierig, für wen sie mehr Geld lösen, für dich oder für mich?“

Und als auch jetzt die Freundin nichts sagte, sondern nur ihre Schritte mäßigte, da hielt Franzl schwer atmend inne: „Weißt, ich mag aber nicht in die Türkei und mit dir mag ich auch nicht weiter gehen,“ — damit warf sie sich weinend an Magdalenas Brust. — „Arme Lenerl du, kann dich nicht einmal mehr die dumme Franzl zum Lachen bringen? Gelt, dir ist wohl gar so viel hart? Es wird schon wieder anders werden, — gelt, es wird schon wieder anders werden?“

„Ich hoff’ ja.“

Die Franzl war mit ihrem Vortuche über die Augen gefahren, sie bedachte nicht, daß das die feine Schürze war, die zum Sonntagsstaate gehörte und die sie heute gar zur Kirchweih trug, erst als sie dieselbe zerknittert vom Gesichte wegzog und den Stoffprüfend etlichemal zwischen den Fingern befühlte, da machte sie eine Miene, als stünde sie einer fürchterlichen Gewißheit gegenüber, und da mußte Magdalena unwillkürlich lächeln.

„Und soll sie hin sein,“ schrie Franzl, lustig in den Boden strampfend, faßte sie die Schürze mit beiden Händen und zog eine breite Querfalte. „Weil ich nur weiß, daß du das Lachen nicht ganz und gar verlernt hast.“ Sie faßte Magdalena um die Mitte, legte den Kopf auf ihre Schulter und sah zu ihr auf. „Jetzt magst mir schon wieder gefallen. Ich hätt’ sonst heute keinen Schritt tanzen können, nun will ich aber dazuschauen, und jetzt behüt dich Gott, herztausendschöner Schatz, und laß bald von dir hören, was Gutes, weißt du! Noch eins, — auf den Tanzboden wird er wohl nicht kommen, aber wenn ich ihn zunächst sehe, soll ich ihn grüßen von dir?“

„Nein, Franzl, wo sich zwei wirklich aus dem Sinn müssen, da tut kein Erinnern gut, da wär’ besser, es könnt’ eines vergessen helfen. Und jetzt leb wohl, behalt deine Lustigkeit und deine Bravheit, ich frag’ dir schon nach. Behüt dich Gott!“ Damit betrat sie den schmalen Waldweg und schritt rasch dahin.

„Behüt dich Gott.“ Die Dirne sah der Davongehenden nach, bis sie die Zweige der Büsche deckten, auch der Bursche haftete noch an der Stelle, wo sie ihm entschwand.

Ich gönne es ihr, dachte er stille bei sich, daß sie sich so ruhig in das fügen kann, wogegen ich mich aufbäum’, weil es unsinnig ist! Sie hat recht. Vergessen wär’ wohl das Gescheiteste, sie wird es wohl zuwege bringen und ich kann ihr keinen Vorwurf daraus machen. Aber es ist halt doch leicht, auf und davon rennen und eines im Jammer am Ort zurücklassen,was tu’ ich jetzt; wie verbring’ ich meine Zeit? Jeder andere mag sich über so was ehrlich hinunterkränken, auch das soll da nicht erlaubt sein! Sie ist ja meine Schwester; wie stolz könnt’ ich sein, wär’ sie das, wie andere eine haben! Aber mir verkehrt sich das Rechtschaffenste in der Welt zur Ausnahm’, ich taug’ nicht mehr unter die Leute wie ein anderer Mensch, ihr ganzes Getu’ und Wesen hat einen gar andern Sinn für mich. Mitten quer durch fahr’ ich euch, was liegt auch daran und was bekümmert mich euer Schreien, weil doch alles Lug und Trug ist, nur daß es der eine weiß und der andere nicht. Ihr Herrgottsbande auf der Welt, ich will euch zeigen, daß ich mich auskenne! Unter ihren Augen wär’ mir zu weh gewesen und ich hätt’ es ihr nicht antun mögen, daß sie sich meiner schämen muß, sie aber schaut ja selber dazu, daß sie mir aus dem Gesichte kommt, was brauch’ ich noch weiter auf mich selbst zu halten?!

Unwillkürlich sagte er laut: „Sie ist weg und damit alles, was mich freuen kann!“

Die Franzl schrak nicht wenig zusammen, als plötzlich neben ihr jemand zu reden anhob, sie sah sich um und der Bursche stand mit finsterem Gesichte vor ihr.

„Du bist da, Flori?“ rief sie.

„Ja, ich bin da.“

„Hast sie halt auch noch einmal sehen wollen?“

„Freilich.“

„Du lieber Gott, wer hätt’ sich denken können, daß es mit euch zwei so einen traurigen Ausgang nimmt?“

„Wohl, wohl. Lassen wir das gut sein. Reden wir von was anderem!“

„Was tust du jetzt?“

„Auf den Tanzboden geh’ ich.“

„Du gehst jetzt — von da weg — auf den Tanzboden?“

„Wohl, du gehst ja auch keinen anderen Weg.“

„Aber Flori —“

„Hei, Franzl, wir gehen miteinander. Halte mit, auf drei Tag’ fang’ ich mit dir eine Liebschaft an, länger darf keine bei mir dauern, denn ich hab’ nur auf drei Tag lang Glück.“

„Jesus, wie ihr Mannleute doch sein könnt? So magst du daherreden und ist kaum dein Schatz von dir gegangen, vielleicht auf Nimmerwiederkehr, eine Dirn’, wie du bald keine zweite findest.“

„Eben darum halte ich mich jetzt an mehrere, weil eine nicht ausreicht, sie mir aus dem Sinn zu bringen.“

„Das ist ein recht garstiges Reden, Flori, dasselbe hätt’ ich von dir nicht erwartet.“

„Es möcht’ doch nicht anders werden, und wenn ich gleich winseln tät’ wie ein geschlagener Hund. Nun, Franzl, was ist es mit unserer Liebschaft?“

„Geh zu, du wirst mich gleich bös machen. Zum Spaßen ist jetzt kein Anlaß und dein Ernst kann es nicht sein.“

„Warum nicht, auf drei Tag’?“

„Nicht auf einen nähm’ ich dich. Wenn du so in Handumkehr die Reindorfer Leni vergessen kannst, so wär’ für dich die Melzer Sepherl noch zu gut.“

Der Bursche sah auf das Mädchen herab. Meinst du? dachte er. Ich sollte fast selber glauben, aber danach frage ich jetzt nicht! Du, mit deiner Lustigkeit und deiner Bravheit, läufst mir auch zu viel über den Weg, hüt dich, jetzt bin ich spielerisch wie ein kleiner Bub’, lockt mich ein Kieselstein, ich hole ihn aus dem Bache und tändle damit, solang es mich freut, dann werf’ ich ihn wieder weg. Aber weil sie dir nachfragen will, weil ihr vielleicht leid geschehen möchte um dich, so bleibe halt im Wasser!

„Nun, schau,“ sagte er, „gerade eben darum möcht’ ich gern mit dir den Anfang machen, weil du so hübsch in der Mitte zwischen einer Reindorfer Leni und einer Melzer Sepherl liegst.“

Die Dirn’ wandte sich ab.

So gingen sie nebeneinander her und die Kleehuber Franzl fand noch oft Gelegenheit, ihm „sein loses Maul zu verbieten“.

Sie gelangten in das Dorf, aus dem Wirtshause scholl ihnen Musik entgegen, Florian warf mit einem wildlustigen Aufschrei seinen Hut in die Luft, fing ihn auf, drückte ihn tief in die Stirne und stürzte sich mitten hinein in das Gewühl der tanzlustigen und durstigen Gäste.

Die Vögel sangen nicht, sie lärmten so aufdringlich laut, und grell schlug das Sonnenlicht durch die fächelnden Blätter an den oberen Zweigen der Büsche und an den Kronen der Bäume, längs des Waldweges, den Magdalena dahinschritt. Fernab lag die Straße, wo eine Begegnung sie hätte verstören oder zerstreuen können, das Auge ihrer Eltern folgte ihr nicht mehr und das närrisch-tröstliche Geplauder von befreundeter Lippe war längst an ihrer Seite verstummt; sie fühlte sich allein und was sie sich auch darauf zugute tat, daß sie ihren alten Leuten und der Jugendgespielin gegenüber stark geblieben und über ihr Los gedacht, wie es der Vater nicht anders hätte sagen können: dagegen kann kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst meinen mag, — lange schon war der Zweig, den sie unter diesem Denken dort vom Busche gebrochen, ihrer Hand entglitten, gar weh überkam sie der Gedanke, wie übel es doch sei, wenn der Mensch den Kopf gegen das Herz, all sein Besinnen gegen seinEmpfinden ausrufen müsse; zwei schwere Tränen traten ihr in die Augen und überwältigt von dem Gefühle, — „halt doch unglücklich zu sein, wie nit bald eines,“ — warf sie sich nieder auf den Rasen und drückte laut aufschluchzend ihr Gesicht gegen das Bündel.

Ja, dagegen kann auch kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst meinen mag!

Plötzlich aber raffte sie sich auf und eilte, wie flüchtend, den Waldweg entlang, hinaus auf die offene Straße. Bis dorthin, wo das Marterkreuz hersieht, ist ihr die Gegend bekannt, sie hat dieselbe vielhundertemal gesehen, von dort aber beginnt für sie die weite Welt, von der fast alle, die nach ihr ausziehen, Glück erhoffen und begehren; sie, die nur so ins Leben hereingeschlüpft ist, will demütiger sein und für das bescheidenste Plätzchen mit dem vollen Einsatze ihres ganzen Pflichtgefühles bezahlen, denn sie hat nicht wie andere mit Gott und Welt dafür wett zu werden, daß sie da ist, sondernweilsie da ist.

Und als sie vorübergeschritten war an dem gemauerten Pfeiler mit der vom Regen verwaschenen Bildtafel, da forderte der ungewohnte Weg ihre Aufmerksamkeit, tausend und ein Gegenstand ihr Auge, fernes und nahes Geräusch ihr Ohr; an allen Sinnen beschäftigt, von jedem Gedanken, außer jenen auf das Zunächstliegende, abgelenkt, ging sie wie träumend an Feldern, kleinen Dörfern und einsamen Weilern vorüber und gegen Abend stieg sie von dem Kamme eines Hügels hernieder und schritt auf die Kreisstadt zu.

Was sie, um sich zurechtzufinden, die Leute fragte, und was diese, sie recht zu weisen, antworteten, sie behielt es nur die kurze Strecke über, bis wo sie aus dem beängstigenden Gehaste der Fußgänger hinweg ineinen ruhigen Hausflur trat und der tosende Straßenlärm in dem stillen Stübchen erstarb, zu dessen Tür ein altes, kleines, freundliches Mütterchen sie hineinschob.

Dort saß in einem hohen Lehnstuhle ein greiser Mann, der Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht und Magdalena erkannte sofort in ihm ihren Oheim; das war Zug für Zug der Vater Reindorfer, nur noch einige Jahre älter und infolgedessen hinfälliger, aber so und nicht anders wird er aussehen, wenn er das gleiche hohe Alter erreicht, was sich ja bei seiner zähen Lebenskraft wohl erwarten ließ und das Mädchen auch vom Grunde ihres Herzens hoffte, trotzdem sie bald mit sich uneins ward, ob sie ihm damit Gutes wünsche.

Die alte Frau sagte dem Greise ziemlich laut ins Ohr, wer da sei, sie mußte es mehreremal wiederholen, dann nickte er und lächelte, es war ein verlorenes Lächeln und etwas wie Ärger lag dabei in den Augenfältchen, denn er war nicht gewiß, ob er auch recht verstanden habe. Er ergriff die dargebotene Hand des Mädchens. „Je ja, je ja, vom Bruder Joseph. Und wie groß du bist. Wie groß. Schau, schau, die Liese.“

„Das ist meine Schwester, die hat geheiratet, schon vorlängst.“

„So? Ja, die hat geheirat’t.“

„Ich bin die Leni. Die Jüngste.“

„Na schau, na schau, das hab’ ich gar nit gewußt, daß der Bruder zwei Mädeln hat, von dir hat er mir ja gar nichts sagen lassen.“

„Aber er sagt, er hätt’ noch eigens den Bruder und die Schwester zu euch nach der Stadt geschickt.“

„So, so, wann war denn das?“

„Es ist nun achtzehn Jahr’ vorüber.“

„Achtzehn Jahr’? Das ist doch spaßig, ich kann mich darauf nicht besinnen und wie sein Erstes zurWelt gekommen ist, das weiß ich noch wie heut. Das ist gewesen vor sechsunddreißig Jahren, da hat er, ohne anzuklopfen, dort die Tür sperrangelweit aufgerissen und zum Grüßgott hereingerufen: Wir haben einen Buben! Das war ein sauberes Kind, ist ihnen aber nicht lange verblieben. Das weiß ich noch wie heut — noch wie heut, — daß aber dein Bruder und deine Schwester sollten bei uns gewesen sein?“ Er stützte den Kopf auf die Hand und sann nach. Nach einer Weile fiel sein Blick auf den Brief, den Magdalena vor ihn hingelegt hatte, er erbrach ihn mit den zitterndem unbeholfenen Händen und versuchte ihn zu lesen, er wendete ihn und drehte ihn. „Hihi, ich behalt’ nicht, was er da schreibt, er wird halt auch alt, der Joseph — auch alt. Was schreibt er denn?“

Die alte Frau hatte während des ganzen Treibens gegen das Mädchen ein paarmal mit dem Kopfe genickt und dazu gar kläglich die Augen zur Zimmerdecke aufgeschlagen. Ja, was für Beschwer und Kreuz macht einem ein so alter Mann! Sich wollte sie bedauern lassen, ihn nicht, für ihn geschah ja alles, was sie konnte. Nun nahm sie den Brief und hatte alle Mühe, ihn dem ehemaligen Schulmeister verständlich zu machen.

„Armes Kind,“ sagte sie, „daß wir dich die Nacht über bei uns behalten, das versteht sich von selbst, das ist aber auch alles, was wir für dich tun können, zu Rat und Tat sind wir keinem mehr nütze, die Welt und die Leute sind uns fremd geworden, wir gelten nun schon vorweg wie gestorben und begraben. Ja, ei ja wohl.“

Dem Mädchen ward ein ebenso schmaler, als kurzer Diwan zur Schlafstelle angewiesen, dann sollte der alte Schulmeister zu Bette gebracht werden, der fügtesich aber nicht sofort, er setzte allem gütlichen Zusprechen ein zänkisches Gekeife, aller ärgerlichen Bedrohung ein beleidigtes Empfindlichtun entgegen und es dauerte geraume Zeit, bis er zur Ruhe kam.

Magdalena gestand sich im stillen, der alte Mann sei greinig und launenhaft wie ein Kind, ohne daß er es vermochte, auch manchmal lieb zu sein, wie ein solches, aber er war ebenso hilflos und der Pflege bedürftig, und hätte man es an dieser fehlen lassen, es wäre ihm gewiß weh zu Herzen gegangen. Ei ja, so hohes Alter bringt wohl nur Beschwer und Mißmut über die, welche man andern macht, und der es erreicht, hat keine Freude daran! Und nun ward ihr auch klar, warum sie trotzdem ihrem Vater ein solches wünschte, er hat ja nichts Gutes davon, es war eigensüchtig von ihr, aber es war liebende Eigensucht, sie wollte sich die härteste Mühsal nicht gereuen lassen, um in der Sorge für seine letzten Tage ihren Gefühlen gegen ihn genug zu tun, und wie sie es nie vergaß, so sollte es die Welt daraus innewerden, was der alte, hinfällige Mann ihr dereinstens gewesen war. In diesem Sinne betete sie zu Gott, daß er ihr erhalten bleiben möge, und nach diesem Gebete versuchte sie einzuschlafen, aber die unbequeme Liegerstatt, das ganz Ungewohnte der ersten Nacht, die sie in ihrem Leben unter fremdem Dache zubrachte, der Straßenlärm, der jetzt in der Stille der Nacht wieder vernehmlich wurde, nicht betäubend wie am Tage, aber wie ein fortwährendes fernes Gegrolle und dumpfes Gebrause, all das ließ sie nur in einen Halbschlummer verfallen, aus welchem sie beim Morgengrauen emporschreckte und sich müder und mutloser fand als am Tage zuvor.

Der alte Oheim schlief noch, die Tante setzte sich im Bette auf und küßte das Mädchen auf die Wangeund dieses trat zum Hause hinaus in die Morgenfrische und suchte den Weg zum Bahnhofe. Sie löste am Schalter die Karte, und als der Zug heranrollte, stieg sie ein und drückte sich scheu in eine Ecke.

Ein paar Stunden hatte die Fahrt gedauert. Magdalena sah nicht mehr aus dem Fenster, nicht mehr nach den Mitreisenden. Es war nun der zweite Tag, an dem ihr nur fremde Orte und fremde Gesichter — den alten Schulmeister etwa ausgenommen, der sie an Vater Reindorfer erinnerte — vor Augen kamen, und wie sie sich jetzt fühlt, selbst wildfremd, unter Leuten, die es ihr weder gut noch böse meinen und ihr keinen Anlaß geben, Dank zu betätigen oder Unbill zu wehren, ganz so unselbst und willenlos wird sie sich auch in der Stadt fühlen, und das wußte sie wahrhaftig nicht zu sagen, ob sie je dorthin käme, versuchte einer, dem sie zu vertrauen vermöchte, sie eines anderen Weges zu leiten, in dieser Stunde, wo ihr jeder Arm wie vom Himmel zu greifen schiene.

Sie hielt ihre Blicke nach dem Bündel gesenkt, das auf ihren Knieen lag, und zupfte an den Falten des Einbindetuches.

„Sinnst zu viel, Dirndl,“ sagte eine Stimme.

Als sie fragend aufsah, guckten ihr aus einem runden, rotbäckigen Gesichte, das von kurzen, weißen Haaren umrahmt war, ein paar kluge, graue Augen entgegen.

„Sinnst zu viel, Dirndl. Fahrst denn weit?“

„Nach der Hauptstadt.“

„Wen heimsuchen?“

„Nein, in Dienst geh’ ich.“

„Ei, da kommst freilich weit ab vom Land, wie vom Brauch. Na, du bist noch jung, kannst viel zulernen und auch fremde Art annehmen, wär’ abernit besser, du treibest, was du kannst, und bleibest, wie du bist?“

Eine breite, schwielige Hand legte sich auf ihre Rechte.

— — — — — — — — — — — — — —

Und das war die Hand, die zur Stunde, wo Magdalenen jeder Arm wie vom Himmel zu greifen schien, sie auf einen andern Weg wies, und das war die Schickung, nach welcher sie wahrhaftig nicht zu sagen wußte, ob sie je nach der Stadt käme.

Sie kam nicht dahin.


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