13.
„Wär’ nit besser, du treibest, was du kannst, und bleibest, wie du bist?“ fragte der alte Mann, indem er seine Hand auf die Rechte Magdalenens legte.
„Mag wohl sein,“ sagte das Mädchen und nickte vor sich hin. „Aber jetzt, nun schon einmal inmitten Wegs, weiß ich mir dazu nit Rat.“
„Was auf der Welt der eine nit weiß, das weiß vielleicht der andere,“ sagte der Alte. „Dasselbe seh’ ich dir wohl an, du gehst ungern.“
„Gern just nit.“
„Könnt’ sein, ich wüßt’ dir ein anderes Bleiben, wann’s dir anständig is.“
„Darüber könnt’ mer sich ja reden.“
„Wohl, wohl, anders mein’ ich’s nit, als daß sich darüber reden ließ’.“ Er schwieg eine Weile, während er sich im weißen Haare kraute, dann fragte er plötzlich: „Kennst ’leicht ’n Grasbodenbauer in Föhrndorf?“
„Nein.“
„Wo bist denn her?“
„Von Langendorf.“
„Langendorf? Hab’s schon nennen g’hört. Muß weit sein? Da kennt’s ihr freilich nit ’n Grasbodenbauer,drum is ’s unnötig, daß mer davon red’t, oder eigentlich wohl, is ’s erst recht nötig, daß ich dir davon sag’.“ Wieder hielt er inne, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und fragte dann: „Wie heißt denn, Dirndl?“
„Magdalen’ Reindorfer.“
„Nit, daß ich neugierig bin, aber wann sich’s schickt, daß wir einig werd’n, so müssen wir doch eins ’s andere kennen lernen. Daß ich dir also sag’, derselbe Grasbodenbauer in Föhrndorf is mein Schwiegersohn, sein Weib — Gott laß mein Kind ruh’n! — is ihm schon vor Jahren verstorben, nur ein klein’s Menscherl is da von ihr, geht jetzt ins zwölfte Jahr und is allweil siech; aber das muß dich nit verschrecken, sie hat kein’ Krankheit, die sich auf ein anders übertragt, dieselbe is ein Übel, das alleinig auf dem verbleibt, den ’s betroffen hat. Ein Professor, zu dem wir’s gebracht hab’n, hat g’sagt, ein’ Nervenkrankheit tät’s sein, — frei zum Lachen, wann’s nit so traurig wär’ — in der Stadt soll’n wohl mehr Leut’ so sein, aber da mit einmal eins mitten unter uns Bauern! Nun und da braucht der arme Hascher sein’ Wartung und sein’ Aufsicht, und das schafft uns, je älter sie wird, je mehr und mehr Sorg’ und Kreuz; sie leid’t unterm G’sind keins, das ihr nit zu G’sicht steht, da hat noch all’mal schleunig mit jedem aus’packt werd’n müssen, manch’ guten Knecht und manch’ brave Magd hab’n wir ihretwegen wegg’schickt, na, und gar von den Dirnen, die allweil hätten um sie bleiben sollen, hat’s uns bisher keine kein’ Stund’ lang nit duld’t, das hätt’ nur übel ärger g’macht! Aber wie ich mir dich so betracht’ hab’, da ist mir der Gedanken ’kommen, ob ich’s nit vielleicht mit dir treffen möcht’, ob ’s dich denn nit leiden könnt’?! O, ich hab’ dichganz g’nau beobacht’, mein liebe Dirn’! Vorhin, wie d’ noch munterer g’wesen bist und die zwei Herrn dort ent’ im Eck kurzweilige Reden g’führt hab’n, da hast du wohl g’schmunzelt, denn Spaß bleibt Spaß und ihn nit verkennen, das is schon recht, aber verquer is er dir ’kommen und zur Unzeit und drum hast ’s Lachen bezwungen; wann sich’s schickt, würd’st wohl auch ’n Ernst bezwingen können und grad dös, daß einer geg’n sich selber aufkommen kann, is ’s Notwendigste, was der Mensch auf der Welt braucht und was mer schon ’n Kindern von klein auf beibringen sollt’, denn solang ich’s unter’n Händen hab’, verhüt’ ich wohl, daß ’s ein’ Dummheit machen, wann ich’s aber freilassen muß, nachher nimmer. Ja, schau Dirn’, vermöcht’ sich nur ein jeder zu bezwingen, kein’ Schlechtigkeit gäb’s mehr in der Welt, kein’ Sünd’ nit! Freilich, mein’ liebe Dirn’, kann ich nach dem kurz’n Aug’nschein nit wissen, wie weit du über dich Herr bist, aber du gibst dir das Ansehn, wie eins, das sich bei sich selber in Respekt zu setzen weiß, und dasselbe g’lassene Wesen wirkt auch auf andere, denn wenn die Ärzten sag’n. — du magst baden oder trinken — daß sich vom Wasser mitteilt, was drein steckt und dich g’sund oder krank macht, so mehr wird sich doch, was in ein’ Menschen Gut’s oder Übels steckt, ein’m andern mitteilen, der mit ihm häufig Umgang hat! Soweit wär’s mir wohl recht, du tät’st dich entschließen und gingst mit mir und schauest dir unser’ Kleine an. Dann hast auch so ruhig’s, bedeutsam’s G’schau; das is eine Gottesgab’, wann eins mit den Augen reden kann, — wo oft keine tausend Wort’ flecken, hilft dös. Ja, ja.“ Wieder faßten die Finger in das weiße Haar und aufseufzend sagte er: „Ah, mein, hart red’t sich’s mit dir, fragst nix und sagst nix.“
„Ja, wußt’ ich denn, daß d’ schon fertig bist? Und bevor tät’ sich’s doch nit ziemen, daß ich dir in d’ Red’ fall’!“
„Weit g’fehlt! Freilich muß ich ’s Wort führen, daß d’ Red’ nit einschlaft, aber du sitz’st da wie ein Stummerl und laßt mich schon d’ längst’ Zeit her über Macht reden.“
„Was soll ich denn sagen, Bauer? Mir wär’s ja in d’ Seel’ h’nein recht, wenn sich’s so schicken möcht’, wie du denkst; aber wer weiß, mag mich die kleine Dirn’ leiden?“
„No, so wär’n wir doch soweit einig, daß d’ mitgingst?“
„Mitgeh’n tu’ ich dir schon.“
„Na, und sollt’n mer uns vergeblich’ Müh’ machen, so brauchst doch du nit z’sorgen weg’n dem, was du versäumst und verlierst, weil d’ Reis’ unterbrichst, der Grasbodenbauer is mein Schwiegersohn und der laßt sich nit spotten und dann bring’ ja ich dich hin und ich bin dir wohl auch für den Schaden gut; jed’ Kind in Föhrndorf und in Hinterwalden, wo ich daheim bin, kennt mich, ’n Bauer vom Hof auf der weiten Hald’. Also es gilt, Dirn’.“ Er hielt die Rechte hin und Magdalena schlug ein.
„Mit geh’ ich,“ sagte sie, „aber für’n Ausgang steh’ ich nit, denn wo’s Aussehn alles richten soll, da kommt’s eben aufs Anschau’n an.“
„Wohl, aber beim Anschau’n auch aufs Aussehn, dächt’ ich nit so, möcht’ ich mir ein Gewissen daraus machen, dich von dein’ geweisten Weg abzureden. Wann die Eisenbahn zunächst wieder stillhalt’, steigen wir aus und fahr’n hinüber nach Föhrndorf. Schaust dir’s halt an, ’s klein’ Menscherl, wirst ja nachher wohl versteh’n, wie ’m Großvater hart g’schieht, daßer wildfremde Leut’ inmitten Weg’s anspricht, denkt er, sie könnten da helfen, wo er nit kann.“
Magdalena griff mit beiden Händen nach denen des alten Mannes.
„Bist gut,“ lächelte er, „und ’s ist schön von dir, daß du mitkommst.“
Als der Zug hielt, stiegen beide aus. Der Mann, der am Ausgange stand, grüßte den Bauer vom Hof auf der weiten Halde und als er Magdalenen die Karte abnahm, rief er lachend: „Oho, lieb’s Kind, soweit sind wir noch lang nit.“
„Sie unterbricht die Fahrt,“ sagte der Bauer.
Der Stationsdiener griff abermals an den Schirm seiner Kappe.
Der Bahnhof lag auf einem Hügel und eine schattige Allee führte hinunter nach dem Dorfe, das in hellem Sonnenbrande lag.
Ehe sie in den Baumgang traten, hielt der Alte beide Hände hohl vor den Mund und schrie aus Leibeskräften: „Hiesl!“
„Jo,“ gröhlte es von unten herauf, und als der Bauer und das Mädchen am Fuße des Hügels angelangt waren, rasselte ein kleines Wägelchen heran.
„No, bist schon da, Bauer? Grüß Gott!“ sagte der Knecht, der die Pferde lenkte. Es war ein langer, dürrer Mensch, er qualmte aus einem sogenannten Nasenwärmer, einer Pfeife mit einem ganz kurzen Rohre, aber der Kopf derselben war so groß, daß das spitze Kinn und die hohlen, braunen, runzligen Wangen fast dahinter verschwanden, den oberen Teil des Gesichtes verdeckte der breitkrempige Hut, den er zum Schutze gegen das grelle Sonnenlicht tief in die Stirne gedrückt hatte.
Der Bauer kletterte auf den Sitz, dann reichte erMagdalenen die Hand und half ihr an seine Seite. „Fahr zu,“ sagte er zum Knechte.
„Ja, Bauer,“ fragte der, bevor er die Zügel anzog, „wen bringst denn da mit dir?“
„Für’n Schwiegersohn sein’ Hof, ein’ G’sellschafterin für unser klein’ Burgerl, mein’ ich.“
Der Knecht sah dem Mädchen in das Gesicht, dann nickte er gegen den Bauer. „Möcht’s schier auch meinen.“ Damit schwang er die Peitsche und das Gefährt rollte dahin. Erst lief die Straße an den kleinen Häusern des Dorfes vorüber, dann eine Weile inmitten von Feldern und Wiesen, zuletzt bog sie in ein Wäldchen ein und als sich die Bäume wieder lichteten, da schlängelte sie, wie endlos, auf einer weiten Ebene zwischen Wiesengründen dahin. Fernher blickte das Kreuz eines Kirchturmes.
Während der Fahrt fiel kein Wort, außer dem einen und dem andern, mit welchem hie und da der Knecht die Pferde ermunterte, die Hitze war drückend und der dicht aufwallende Straßenstaub ließ es ratsam erscheinen, den Mund geschlossen zu halten; auch Leute, die weniger mit ihren Gedanken beschäftigt gewesen wären, hätten es wohl auf günstigere Gelegenheit verschoben, sich etwas mitzuteilen. Erst als der Kirchturm schon hoch aufragte und nunmehr unter ihm die Häuser wie aus dem Boden auftauchten, zeigte der Alte danach.
„Föhrndorf,“ sagte er.
Und nach einer Weile, als sie noch näher an den Ort herankamen, hob er wieder weisend die Hand.
Quer über Feld und längs der Straße lief in unabsehbarer Zeile Buschwerk dahin, das tiefgrünes Wiesenland umhegte, und ganz fern, scharf vom hellen Himmel abgehoben, zeigte sich ein dunkler Streif, dergleichfalls wie eine Hecke aussah, in der Tat aber ein Föhrenwäldchen war, das am Kamme einer Felswand stand; dort steilte sich nämlich der Boden beträchtlich ab und, weil tiefer gelegen, breitete sich von da eine zweite Ebene aus, fast so weit wie die obere.
Diesmal streckte der Bauer die flache Hand aus und strich von da, wo die Büsche querfeldein liefen, gleichsam über die Wiesen hinweg, bis zu dem dunklen Föhrensaume, gegen den er den Zeigefinger ein wenig hob.
„Der Grasboden,“ sagte er, und als er das Mädchen verwundert aufblicken sah, nickte er lächelnd, dann aber senkte er plötzlich den Kopf und murmelte: „Mangel wär’ freilich keiner.“
Nun zeigte sich ganz nahe das erste Haus an der Straße, es trug ein Stockwerk, die Mauer hatte grauen, das Holzwerk braunen Anstrich und das Dach, das sich hoch darüber aufbaute, war mit Schiefer gedeckt, hinter den zwei Bodenfensterchen, die nach vorn heraussahen, hingen weiße Vorhänge, ein Zeichen, daß unter dem Giebel jemand wohnte.
Das Wägelchen fuhr aber nicht an dem Hause vorüber, sondern lenkte, ehe es an dasselbe herankam, durch den großen Torbogen, der daneben aufgemauert war.
Auf der einen Seite der Garten, der sich vom Wohnhause ab erstreckte, auf der andern die Reihe von Scheunen und Ställen gaben dem schmalen, langen Hofe das Ansehen eines kleinen, einseitigen Dorfgäßchens.
Ein gut Stück rädelte das Gefährt in den Hof, dann zog Hiesl die Zügel an und klatschte mit der Peitsche.
„Vater, der Ehnl,“ rief eine helle Stimme im Garten.
Und als sich alle vom Wagen geholfen hatten, trat durch das Zaunpförtchen ein Mann in den Hof, dessen Hand ein kleines Mädchen umklammert hielt. „Grüß Gott, Schwiegervater,“ sagte er, „schön, daß mer dich wieder einmal sieht.“ Dann nickte er dem Knechte auf dessen Gruß zu. „Grüß Gott, Hiesl.“
„Grüß dich Gott, Grasbodenbauer,“ sagte der Alte, indem er mit der Rechten die Hand des Schwiegersohnes schüttelte und mit der Linken das kleine Mädchen am Kinne faßte. „Wie geht’s dir denn, Burgerl?“
„Dank’ schön, Ehnl,“ sagte das Kind.
Dasselbe stand in der Größe gegen viele seiner Altersgenossen zurück, dagegen waren, trotz der Zartheit der Gestalt, alle seine Formen entwickelt und nichts Eckiges an ihm zu sehen. Die Bleiche des Gesichtes, welche selbst das Rot der Lippen und der Nüstern des Stumpfnäschen abschwächte, wurde durch die tiefschwarzen Augen und das wirre, krause, gleich dunkle Haar um so auffallender.
Auf den ersten Blick hin hatte die Kleine mit dem Manne, den sie an der Hand hielt, nicht die geringste Ähnlichkeit. Der Grasbodenbauer war groß und kräftig gebaut, er sah „staatsch“ aus, wie die Dirnen meinten, deren manche den hübschen, wohlhabenden Witwer gar verfänglich ansah und sich ärgerte, daß sie das so unverfänglich tun konnte, da er keine erröten machte, indem er ihr mit Gleichem erwiderte. Die beiden Schultern des Mannes trugen einen Kopf, der für die Größe und Stärke der ganzen Gestalt fast etwas zu klein geraten erschien, aber nur der untere Teil des Gesichtes sah wie gedrückt, mit dem kleinen rundlichen Kinne und den hart aneinandergefalteten Lippen, welche dem Munde den Ausdruck von Gleichmütigkeit gaben, wie man ihn an ganz kleinen Kindern findet,doch über der leicht gebogenen Nase zeigte sich, vom goldblonden Haar umrahmt, eine breite Stirne, so klar und offen wie der Blick der großen, tiefblauen Augen unter derselben. Eben eine solche Stirne entwickelte sich bei dem Kinde, und wenn der Winter in das Land kommen wird, wo die Sonne nicht mehr die Wangen bräunt, dann werden auch die des Vaters ihre Farbe verlieren.
Gleich nach der Begrüßung war der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ zum Brunnen geschritten, er winkte Magdalene, die abseit stand, zu sich. „Geh, Dirndl, magst mir schöpfen. Die Augen brennen mir von der Hitz’ und dem Staub.“
Magdalena trat hinzu und zog mit dem freien rechten Arm — unter dem linken hielt sie ihr Bündel — die Brunnenstange.
Der Alte hielt die hohle Hand unter das Rohr, führte sie träufelnd gegen die Augen und kühlte die Lider; als er zurückkam, fragte ihn der Grasbodenbauer, der erst jetzt auf die fremde Dirne aufmerksam geworden war: „Hast Reis’g’sellschaft g’habt?“
„Aufg’nommen hab’ ich die Dirn’.“
„Was d’ sagst? Ein’ Neue für dein’ Hof?“
„Vielleicht für dein’,“ sagte der Alte mit einem bedeutsamen Blicke nach dem Enkelkinde.
Der Grasbodenbauer zuckte die Achseln, sah dann schärfer hinüber nach dem Mädchen, das beim Brunnen stehen geblieben war, und murmelte: „Wird sich ja erproben.“
Burgerl ließ die Hand des Vaters fahren und lief über den Hof zu Magdalene, welche zu zögern schien, ihr Bündel auf die Erde oder auf den Brunnentrog zu legen. „Brauchst ’s nit in Staub, noch in die Nässe zu legen,“ sagte die Kleine, „gib her, ich halt’ dir’s.“
„Dank’ schön,“ lächelte Magdalena, streifte die Ärmel bis über den Ellbogen zurück und griff nach der Brunnenstange.
Burgerl aber faßte sie am Arme. „Halt’ du deine Händ’ unter. Schöpfen werd’ schon ich.“
„Wär’ nit schlecht, wirst dich doch nit mein’tweg’n müh’n!“
„Du haltest unter, ich schöpf’,“ wiederholte die Kleine mit zusammengezogenen Brauen und kneipte Magdalene in den Arm, daß diese mit einem Aufschrei lachend den Schwengel fahren ließ. Burgerl ergriff denselben und fuhr unter dem Schöpfen fort: „Schon einmal, möcht’st du nit auch, kaum du den Fuß auf’n Hof g’setzt hast, falsch gegen mich sein, wie sie hier alle sind? Heißt’s nit allzeit mir ins Gesicht, ich möcht’ mich nit müh’n und ihretweg’n schon gar nit, damit sie dann hinterm Rücken sagen können, ich könnt’ nix richten und zum Helfen wär’ ich zu großtuisch? Geh mir zu, da hast dein Bündel wieder.“
Magdalena trocknete sich die Hände an ihrer Schürze, stellte einen Fuß auf den Brunnenrand, nahm das Bündel auf das Knie und streifte den Ärmel über den linken Arm wieder zurück, Burgerl haschte nach dem noch entblößten rechten. „Was du für schöne Arm’ hast,“ sagte sie, „so rund und prall und so sauber fleischfarben, nit so braun oder so kreidig weiß.“ Sie zupfte an der eigenen Ärmelkrause.
„Und mit ein’ klein’ Andenken drauf von dir,“ lachte Magdalena, auf die gekneipte Stelle weisend.
„Narrisch,“ sagte Burgerl, „wirst doch nit bös sein weg’n dem blauen Fleckl?“ Sie drückte ihre Lippen darauf. „Hineinbeißen möcht’ ich da.“
„Na, du nit! Sei so gut,“ rief Magdalena, den Arm zurückziehend.
Burgerl zeigte lachend die kleinen, scharfen, weißen Zähne, dann lief sie zu Vater und Großvater zurück. „Wie heißt denn die, Ehnl?“ fragte sie.
„Leni heißt’s.“
„Die kommt auf dein’ Hof?“
„Freilich, aber wenn du mich schön bittest, so lass’ sie dir als Kameradin da.“
„Bitten tu’ ich niemal.“
„Du Bockkopf, du! Na, brauchst halt nit z’ bitten, ist’s dir recht, so soll sie bei euch bleiben.“
„’s gilt schon, Ehnl.“ Das Mädchen faßte ihn mit ihren kurzen Armen um den Leib, dann rief sie: „He, Leni, komm einmal her, sag’ dir was Neu’s.“ Damit lief sie ihr den halben Weg entgegen, ergriff sie an der Hand und sagte: „Weißt, du bleibst bei uns und sollst mir ein’ Kameradin sein.“
Der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ blickte lächelnd den vom Grasboden an, der die großen Augen größer machte und jetzt, als Magdalena grüßend herantrat, freundlich nickte.
„Will schon ein’ recht brave Kameradin sein,“ sagte diese und meinte es recht gut zu machen, daß sie dabei die Kniee ein wenig vorbog und den Kopf beugte, während sie so zu der Kleinen sprach.
Burgerl aber sagte verdrießlich: „Ja, aber wenn d’ das sein willst, so halt’ dich dabei fein grad, mußt mich nit noch kleiner machen, als ich eh’ bin, und“ — setzte sie lachend hinzu — „so groß bist du auch noch lang’ nit, wie ich klein bin.“
Sie hing sich in den Arm Magdalenens und führte sie in den Garten. Da dieser nun bis auf das letzte Fleckchen abgegangen wurde, Baum für Baum und Strauch für Strauch, dann Beet für Beet, wie sie der Reihe nach mit Gemüse, Nutz-, Arznei- und Zierpflanzenstanden, und zu guter Letzt noch der kleine, eigens für Burgerl abgegrenzte Raum, so verstrich darüber Zeit und Weile. Während dieser Wanderung fiel Magdalenen an ihrer kleinen Begleiterin eine eigene Unruhe der Gliedmaßen auf, ein Zucken der Hände und Füße, und das Kind tat manchen scheuen Blick nach ihr, ob sie es etwa deshalb beobachtete.
Die Sonne begann zu sinken, als der Grasbodenbauer über den Hof geschritten kam und über den Gartenzaun rief: „Burgerl, der Ehnl fahrt heim!“
Die beiden Mädchen liefen Arm in Arm aus dem Garten.
Der alte Bauer strich über den Krauskopf der Enkelin, tätschelte ihre Wange. „Sei nur fein brav und bet’ fleißig, Burgerl, so wird dir der liebe Gott schon noch ’n G’sund[14]schenken.“ Dann legte er die Hand auf Magdalenens Schulter. „Der Herr g’segn’ dein Eingang in das Haus! Richt’st was, wird dir’s nit vergessen bleiben.“
Damit ging er nach dem Wägelchen, Burgerl folgte ihm dahin und der Grasbodenbauer, an Magdalene vorbeischreitend, flüsterte ihr zu: „G’wiß nit, zügelst[15]dir ja wahrhaftig kein’ Freud’ damit.“
Die Männer schüttelten sich die Hände, Hiesl hieb in die Pferde und der Wagen fuhr davon.
Als vom Turme das Abendgeläute verklungen war, ging der Bauer mit den beiden Mädchen gegen das Wohnhaus, in dem Flur standen zwei Türen offen, aus der einen schlug das Geprassel und der helle Schein des Herdfeuers, aus der andern tönte vielstimmiges Gemurmel, die erste führte in die Küche,wo ein paar Dirnen hantierten, die zweite in die Gesindestube, wo Knechte und Mägde an einem langen Tische saßen und auf das Abendessen warteten. Burgerl faßte Magdalene an der Hand und stieg mit ihr die Treppe hinan, der Bauer trat in die Gesindestube, hatte für jeden und jede, je nachdem der verflossene Tag Anlaß bot, eine Vermahnung, eine Frage oder ein gutmütiges Witzwort, er wartete, bis die dampfenden Schüsseln aufgetragen wurden, dann betete er laut vor und ging, nachdem er ein „Bekomm’s euch“ und „Gute Nacht“ geboten und empfangen.
Er ging nach seiner Stube, die im Stockwerke lag; dieselbe enthielt außer einigem altertümlichen Geräte, darunter ein paar Eichenschränke mit kunstvoller Schnitzerei, auch etliche neue Stücke, die sonst nicht in Bauernstuben in Gebrauch stehen, besonders der große Schlafdiwan nahm sich etwas fremd daselbst aus. Der runde Tisch, um welchen die kleine Burgerl und Magdalena saßen, war mit feiner Tischwäsche belegt.
Die verstorbene Bäuerin mochte ihre Mahlzeiten nicht unter den Augen des Gesindes halten, nur an besonders hohen Festtagen machte sie eine Ausnahme, saß mit demselben aneinemTische und zeigte sich als freigebige Wirtin, dann ging es aber auch hoch her und wurde festlich getafelt; sonst saß sie die erste Zeit allein mit ihrem Manne, dann zu dreien, als die kleine Burgerl hinzukam, so war es bis zu ihrem Tode, vor etwa fünf Jahren, gehalten worden, dann nahm der Bauer mit seinem Kinde den Platz obenan am Gesindetische ein, nur für kurze Zeit, denn bald veranlaßte ihn die Krankheit, welche die Kleine befiel, letztere den Leuten aus dem Gesichte zu rücken und allein mit ihr wieder auf seiner Stube zu bleiben.
Als er sich zu den beiden Mädchen an den Tisch gesetzt hatte, trug eine alte Magd das Essen auf.
„Sepherl,“ sagte der Bauer.
„Jo,“ sagte die Alte.
„Da hab’n wir ein’ neue Dirn’ ’kriegt.“
„So?“
„Leni heißt’s.“
„Leni?“
„Is der Burgerl z’lieb aufg’nommen.“
„Ahan!“
„Ich denk’, sie soll heut noch in der Gäststub’n schlafen.“
„Freilich.“
„’s Weitere muß sich halt schicken.“
„Is eh’ so.“
„Daß ’s Bett g’richt wird, hab’ ich schon der Traudel g’sagt.“
„G’sagt.“
„Schau du nach, ob auch all’s in Ordnung is.“
„Jo,“ sagte die Alte und schlich so schwerfällig hinweg, wie sie gekommen war.
„Aber, Vater, sie kann ja doch heut’ gleich in mein’ Stüberl schlafen,“ sagte Burgerl, auf Magdalena weisend. „Du hast dich jetzt schon d’ längst’ Zeit her beholfen, gönn’ dir ein’ Ruh’ und bleib’ herunt’, sie geht schon mit mir.“
„Bedenk, Burgerl, es ist d’ erst’ Nacht,“ entgegnete der Vater.
Das Kind machte eine ungeduldige Gebärde. „Einmal muß’s ja doch zu mir.“
„Freilich wohl, aber so ohne Arg nit; morgen ist ja auch ein Tag, da kann man sie bedeuten.“
„Nein,“ rief heftig die Kleine dazwischen.
„Denk nur, wenn’s dich heut so überkommt.“
„Ich fürcht’s nit,“ sagte Burgerl, doch schauerte sie leicht zusammen. „Laß sie nur mit mir gehn.“
„Ich ließ’ sie ja gern,“ sagte der Bauer, sich erhebend.
„Du laßt sie, Vater?“ rief aufhüpfend die Kleine und streichelte ihm die Hand.
„Aber wär’ nit g’scheiter, Burgerl —?“
„Nein,“ sie stampfte mit den Füßchen.
„Mein’tswegen, mein’tswegen,“ sagte der Grasbodenbauer, er stand eine Weile unentschlossen. „Geh’ ich halt jetzt und schau’ vorm Schlafen nochmal in Haus und Hof nach. Gut’ Nacht.“ Achselzuckend und kopfschüttelnd stieg er die breite Treppe, die nach dem Erdgeschosse führte, hinab, während Burgerl die schmale, steile Treppe, die unter das Dach führte, behend hinaneilte. Also sie wohnte unterm Giebel. „Komm, Leni,“ rief sie.
Als diese ihr folgen wollte, ward sie von Sepherl, die das Eßzeug wegräumte, am Arme festgehalten. „Daß du’s weißt,“ flüsterte ihr die Alte zu, „Licht und Feuerzeug stehn auf’m großen Wäschkasten. Hast ein schweres Kreuz auf dich g’nommen. Gute Nacht!“
„Leni,“ rief es von oben.
Magdalena eilte die Stufen hinan und oben traten die beiden Mädchen in das kleine Stübchen.
„Soll’n wir uns nit Licht machen?“ fragte Magdalene.
„Wozu?“ fragte Burgerl entgegen. „Es ist hell genug, daß wir allzwei ins Bett finden, das meine steht da, das deine an der Wand gegenüber. An dem Wäschkasten neben der Tür und an dem Wäschkasten zwischen ’n Fenstern kannst dich nit stoßen, wann du’s an dem klein’ Tischl und den zwei Stühl’ nit tust, so wüßt’ ich nit, wie du’s sonst zuwegen brächt’st, denn weiter is nix da.“
Die gute Laune des Kindes beruhigte Magdalene, welche die Andeutungen des Großvaters, das Gespräch des Vaters und die Worte der alten Magd schon besorgt gemacht hatten, um so besorgter, da ihr nicht klar war, was sie eigentlich zu fürchten hatte.
Außer dem Gebell der Hunde, das manchmal von ferne erscholl, ohne sich dem Ohre aufzudrängen, war kein Laut im Dorfe hörbar und Schweigen der Nacht lag weit über das Land gebreitet. In dieser tiefen Stille wollten eben Magdalene wehmütige Gedanken an ihren Heimatsort beschleichen, an alle, die sie dort verlassen mußte und warum sie das mußte, — plötzlich schreckte sie empor, von der Wand gegenüber tönte ein eigentümliches Geräusch; wie unruhig mußte sich das Kind gehaben, da das Bett unter ihm schütterte?
Rasch erhob sie sich vom Lager, trat an den Wäschschrein und tastete nach dem Feuerzeug.
„Kein Licht,“ rief das Kind, „kein Licht, Leni!“ Aber es sprach das mit so entstellter Stimme, daß Magdalena sich nur schneller mühte, Licht zu gewinnen, und als jetzt der Docht der Kerze aufflammte und sie hinzutrat, da streifte ihr Fuß an die herabgewühlte Decke und im Bette lag das Kind, den kreidigweißen Körper entblößt, jedes Glied desselben unter regellosen, wilden Zuckungen herumgeworfen, das Auge stier, den Mund verzerrt.
Entsetzt stand Magdalena und drückte die gefalteten Hände vor die Brust, aber das Grauen wich, als die Kleine zu klagen begann.
„Sagt’ ich’s? Kein Licht! Nun schreckst dich auch vor mir und magst mich nimmer, wie mich alle scheuen, die Kinder, wenn ich mit ihnen spielen will, die Großen, wenn ich möcht’, daß’s ’gen mich freundlich wär’n. Den Veitstanz, sagen’s, hätt’ ich. Da sieh,wie das ist. Ich bin nit Herr über meine Füß’, nit über meine Händ’, bald auch über mein’ Zunge nit. Unterdrück’ ich’s tagüber mit aller Gewalt, überkommt’s mich nachts nur ärger. O, Leni, ich hab’ doch nix ang’stellt, kein’ Menschen hab’ ich was an’tan, noch ’n Herrgott im hohen Himmel oben beleidigt, z’weg’n leid’ ich denn?“
Da beugte sich Magdalene mit tränenden Augen über sie und ein heißer Tropfen netzte die bleiche Wange des Kindes.
„Um ’n Hals,“ lallte dieses aufgeregt, „um ’n Hals.“
Was wollte es nur, — fragte Magdalene, — doch nicht um den Hals genommen sein, den es unaufhörlich drehte? Da begriff sie, faßte die armen, zuckenden Ärmchen, legte sie sich um den Nacken und hielt sie da fest. „Ich tu’ mich nit scheuen,“ sagte sie dabei, „ich scheu’ dich nit, Burgerl.“
Der Mund der Kleinen verzerrte sich, häßlich, nichtssagend, nur in den Augen, die sich für einen Blick ganz öffneten, sprach es sich aus, daß sie lächeln gewollt.
Ein lange, bange Weile verstrich, so länger, je bänger sie war, dann löste sich der Krampf, die Ärmchen glitten matt und müde herab, das Kind lag ruhig und verfiel in Schlaf.
Leise erhob sich Magdalene, griff die Bettdecke vom Boden auf und breitete sie über.
„O, du mein arm’, armes Haserl, du!“
Der wolkenlose Himmel und die klare Luft des Frühmorgens versprachen einen schönen Tag. Der Grasboden umschloß auch einige Ackergründe, die betreut sein wollten, nach diesen zog das Gesinde desGrasbodenbauers aus und er selbst, nachdem er denen, welche die Arbeit zu leiten hatten, einige Weisungen zugerufen, stand nun inmitten des Hofes und sah den Abziehenden nach.
Da wurde es vom Wohnhause her laut, Burgerl sprang aus der Tür und lief durch den Garten.
Magdalene folgte ihr nach und lachte: „Schau, was du rennen magst mit deinen klein’ Stelzerln.“
Burgerl riß die Zauntüre auf. „Guten Morg’n, Vater. Grüß dich Gott! Guck, da kommt auch die Leni, mein’ gute Leni, mein schöne Leni. Is sie nit schön?“ sagte sie, als wäre sie darauf stolz.
Der Bauer und Magdalene lächelten.
Nur als die Kleine neckte: „Na, so sag doch, Vater!“ und der Bauer schmunzelnd erwiderte: „Sauber is ’s schon,“ da errötete Magdalene.
„Geh’n wir heut auch über die Wiesen, damit du das Anwesen kennen lernst,“ sagte Burgerl, dann schmiegte sie sich an Magdalene an und flüsterte: „Ich führ’ dich nur, wo wir all’n aus’n Augen sind, daß ich dich allein hab’.“
Der Bauer sah mit freundlich aufleuchtenden Augen nach Magdalene. „Ist ein Schmeichelkatz’, das? Was?“
„Aber eh’ hol’ ich mir mein’ Gartenhut,“ rief Burgerl. „Möcht’st auch ein’ haben, Leni? I gäb’ dir gern den von meiner Mutter selig. Darf ich, Vater?“
Der Bauer nickte.
Das Kind lief durch den Garten in das Wohnhaus zurück.
Die beiden standen sich nun allein gegenüber.
Nach einer Weile sagte der Bauer, indem er dabei zur Seite sah: „Wirst schlecht geschlafen haben?“
„Viel nit.“
„Denk’ mir’s.“
„Aber das Wenig’ dafür recht gut.“
Der Bauer blickte fragend auf, dann senkte er wieder den Kopf und murmelte leise: „So viel unruhig ist’s halt.“
„Weißt, Bauer,“ sagte Magdalene, „daß dir dein’m Kind sein Unglück nit von der Zung’ will, das begreif’ ich recht wohl und daß du wissen willst, woran du mit mir bist, versteh’ ich auch; laß uns also nit lang’ herumreden. Gestern, im ersten Schreck, war mir, als müßt’ ich flüchten, auf und davon, wie’s mich aber gejammert hat und die klein’ Armerln da über mein’ Hals gelegen sein, da hätt’ ich nimmer das Herz dazu gehabt, jetzt bleib’ ich dir schon bei dem Dirndl, so lang’s dir taugen mag.“
„Das ist recht schön von dir.“
Weiter sagte der Bauer nichts und doch blickte Magdalene verwundert auf, wie das so zu tiefst heraufgeholt klang aus der mächtigen Brust des starken Mannes, der vor ihr stand.
Jetzt, da er das Kind durch den Garten kommen sah, hob er die Rechte, wie um darauf aufmerksam zu machen, und einen Schritt zurücktretend, sagte er: „Es schickt sich wohl noch, daß ich dir das eine und das andere sag’.“
Nun lief Burgerl hinzu, einen Strohhut auf dem kraushaarigen Köpfchen, den zweiten, den sie in der Hand schwenkte, mußte sich Magdalene von ihr aufsetzen lassen. „Selb’ unter dem verdrückten Strohdeckel guckst noch lieb hervor,“ lachte sie, „hab’ schon gedacht, ich hätt’ mein Spaß, wie ich dich recht mit ihm verunzier’. Nun komm, komm nur mit.“
Sie faßte sie an der Hand und führte sie durch das rückwärtige Hoftor, auf dem Wege, den früher das Gesinde eingeschlagen hatte, hinaus auf die sonnigen Wiesen.
Auf schmalen Fußsteigen, neben den nickenden Halmen, auch quer über manche Fläche gingen sie dahin, „denn ’m schüttern Graswuchs,“ meinte Burgerl, „hilft’s Schonen nit auf und ’n fetten bringen paar Fußtritt nit um.“ Magdalene merkte, daß die Kleine, trotz des anscheinend ziellosen Herumstreifens, eine bestimmte Richtung einhielt.
Vor den beiden Mädchen liefen zwei langgestreckte Schatten einher. Magdalene wies danach. „Wenn die zwei schwarzen Manderln da klein geworden sein, wird die Sonn’ wohl rechtschaffen herbrennen. Schad’t dir’s denn nit, wenn du in der Hitz’ gehst?“
„Ich frag’ nit nach dem bisserl Hitz’,“ sagte Burgerl, „wenn ich gleich kein Mohr bin, wovon der Lehrer sagt, sie täten bei uns zu Land frieren.“
„Geh, hätt’ der Lehrer wohl gar mit ein’ solchem g’red’t?“
„Ei mein, wie käm’ der Alte dazu, daß er ein’ Mohren kennt, außer den beim Krämer auf’n Schild, wo d’runter steht, ‚Tabak und Zigarren‘? Aus sein’ Büchern hat er’s halt, wie alles, was er uns aufsagen und niederschreiben laßt. Gäb’ man die Bücher ’m Heiner, unserm Großknecht, der lest, daß es wie geredet ist, er könnt’ leicht schulhalten an des Alten Stell’, wär’ aber schad’, denn der könnt’ ihm’s nit gleich tun auf’m Feld.“
„No, wie ich merk’,“ lachte Magdalene, „bist du dein’m Lehrer nit wenig aufsässig. Ja, sag’ mal, ist denn heut kein’ Schul’? Am End’ gehst du stürzen[16]und ich halt’ da mit.“
„Schul’ is wohl,“ sagte die Kleine mit trotzigem Lächeln, „aber ich besuch’ keine, seit ich krank bin.Hat’s ja gleich der Alte mein’m Vater nahg’legt, daß ich die dummen Fratzen zur Unzeit lachen mach’ oder fürchten, und seit der Zeit kommt er zu uns auf’n Hof ’gen Abend, wenn er sich schon mit alle andern abgemüd’t hat und lehrt mich, was er denen. Sonntag nachmittags geh’ ich in d’ Christenlehr’ zur Kirch’, aus der haben’s mich doch noch nit hinaus geschafft.“
Eine gute Weile schritten die beiden Mädchen schweigend nebeneinander her. Plötzlich rief Burgerl lustig: „Da sind wir. Jetzt komm, Leni!“ Sie lief auf einen Hügel zu, auf welchem eine knorrige Eiche stand, welche die Krone eingebüßt hatte, dafür wuchsen die Äste am Stumpfe um so mehr in die Breite.
„Gibt dir der wohl genug Schatten?“ fragte Burgerl nach dem Baume weisend. „Und nun schau dich einmal um, da hast du den ganzen Grasboden vor dir liegen.“ Beide Arme von sich streckend, drehte sie sich herum. „Hat er eigentlich nit zu viel, der Vater? Guck nur, ’s ganze Dorf entlang und beidseit’ drüber hinaus, so weit ’s Buschwerk davor und dahinter an der Straß’ lauft, dann die ganze Zeil’, die ’s da zur Seit’ sich streckt, bis wo es das Eck’ macht, in dem du die winzigen Manderln sich umtun siehst, unser G’sind, und von da bis an den Föhrenwald.“
„Der g’hört nimmer dazu?“
„Er g’hört dazu und es führt die Straße durch, die der Vater auf sein’ Grund instand halt’.“
„Es muß ja ganz schön sein im Wald da drüben?“
Burgerl wandte scheu den Blick von der Gegend ab. „Ich geh’ nit hin,“ murmelte sie. Sie setzte sich auf den weichen Rasen zu Füßen des Baumes. „Nun könnt’st dich aber auch schon g’nug umgesehen haben, jetzt komm her, setz’ dich da zu mir in’ Schatten underzähl du einmal.“ Und als Magdalene an ihrer Seite saß, begann die Kleine sie zu fragen, woher sie sei, wie es wohl in Langendorf und auf dem Gehöfte der Eltern aussähe, nach diesen und nach Geschwistern und zuletzt fragte sie:
„Hast du dort auch einen Schatz?“
Magdalena schrak zusammen, dann schoß ihr das Blut ins Gesicht, sie sah das Mädchen mit einem zornigen Blicke an und sagte: „Nein.“ Es klang hart und rauh.
„Leni,“ rief Burgerl, „sei mir nit bös! Ich hab’ nur gedacht, weil du so lieb bist ... aber freilich wohl, es war dumm, denn, gelt ja, wenn man ein’ gern hat, lauft man nit so weit vom Ort wie du?“
Magdalene empfand es wie ein Unrecht, daß sie sich über die Frage eines Kindes gegen dieses erzürnt hatte. „Burgerl,“ sagte sie leise und drückte mit ihrer Rechten die Händchen, welche die Kleine gefaltet im Schoße liegen hatte, „frag nit. Was weißt du? Is eh’ gut, je länger eins nix davon weiß und je weniger es nachher erfahren muß. Viel Wissen macht da leicht Herzweh.“
So saß sie, ihre Rechte lag über den Händen des Kindes und mit der Linken raufte sie langsam einen Halm um den andern aus. Nach einer geraumen Weile sagte Burgerl: „Gehn wir, Leni. Es ist Zeit.“
Sie erhoben sich und gingen. Burgerl schlug denselben Weg ein, auf welchem sie gekommen waren. Magdalene hatte vom Hügel aus bemerkt, daß der Hof in viel kürzerer Zeit zu erreichen sein mußte, wenn man sich der Straße nach hielt, die vom Föhrenwalde her kam und die Wiesengründe, näher und näher dem Dorfe zurückend, durchschnitt; die Kleine war derselben in einem weiten Bogen ausgewichen.Als daher jetzt, nach einer guten Strecke, dieser Fahrweg in Sicht kam, wollte Magdalene darauf zuschreiten.
„Warum geh’n wir nit auf der Straße?“ sagte sie. „Es is ja weit näher.“
Burgerl wandte den Kopf zur Seite und streckte beide Hände abwehrend von sich. „Da geh’ ich nit,“ rief sie.
„Ja, was schreckt dich denn dort?“ fragte Magdalene. Da sah sie in einiger Entfernung, hart an der Straße, eine niedere Mauer, über welche Grabsteine und Kreuze ragten. „Der Freithof doch nit?“
Burgerl nickte.
„Geh, Kindisch, wirst dich doch nit vor den Toten fürchten? Sei kuraschiert, komm! Liegt ja wohl auch dein’ Mutter dort?“
„Eb’n die, eb’n die,“ schrie das Kind, dessen Hände und Füße zu schlottern begannen.
„Um Gottes willen, Burgerl!“ Magdalene eilte auf sie zu.
„Ja, mein’ Leni,“ stammelte das Kind, „wer weiß, weißt du, wie das is? Hast du schon ein Totes neben dir liegen gehabt?“
„Das nit, Burgerl.“
„Und bevor eins tot is, muß es versterben, hast du schon eins sterben gesehen?“
„Nein, Burgerl.“
„Siehst, Leni, da weißt du gar nit, wie schreckbar das is und wie es mich ängstet, daß sie mich auch schon dort haben wollen.“
„Wer denn, Burgerl, wer denn nur? Bild’ dir doch so was nit ein.“
„O, wie oft hab’ ich’s schon g’hört, zuflüstern und laut sagen und vielleicht denkt’s auch der Vater im stillen, daß besser wär’, wann mich unser Herrgott zu sich nähm’. Aber ich will nit — ich nit —“
„Komm fort! Laß uns gehn,“ sagte Magdalene, die mit ihren Armen bisher das wankende Kind aufrecht gehalten.
Dieses blickte hilflos zu ihr empor. „Kann nit gehn, Leni.“
Da lud diese es auf die Schulter, das wackelnde Köpfchen auf der Achsel, die schlaffen, baumelnden Ärmchen über dem Rücken, eilte sie die schmalen Steige dahin.
„O, was ich dir Beschwer mach’, Leni,“ klagte das Kind.
„Sag lieber, ich hätt’ können g’scheiter sein. Steh’ und dreh’ mich da aufein’mFleck und find’ kein Weiterkommen, red’ hin und red’ her, wo ich dir doch anmerken konnt’, es taugt nit, ich dumm’s Ding, ich!“
Eine Strecke Weges schalt Magdalene sich selbst, da flüsterte ihr Burgerl ins Ohr: „Mußt dir nit nah’ tun, — tu dir nit nah’, — nur bleib du bei mir.“
„Wir bleiben schon zusammen, Burgerl!“
Der Hof lag in mittäglicher Öde, Magdalene erreichte ungesehen das Dachstübchen, sie ließ die Kleine aus ihren Armen auf das Bett gleiten, da stand sie erst mit fliegendem Atem, die Hände an die Brust gedrückt, in der das Herz heftig pochte, dann zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich und faßte die Hand der Kranken.
„’s g’schieht nimmer,“ sagte sie.
Gegen Abend trappelte es die Treppe herauf, ein langer, hagerer Mann mit eingesunkener Brust schob sich zur Türe herein. Die welke Haut seines Gesichtes spannte sich über seinen Backenknochen, er trug eine Brille auf der Nase und auf dem Kopfe mit dem spärlichen, weißen Haare saß eine Tuchkappe, an der war auch die Unbill der rauhen Jahreszeitvorgesehen, eine Handbreit Stoff war aufgeklappt und eingeknöpft und wenn man die aufknöpfte und herabzog, so schloß die Mütze wie ein Helm.
„Ei, wieder im Bett? Hm, hm,“ hüstelte der Alte.
„Ja, da ist wohl heute nichts für Euch zu tun,“ sagte Magdalene, „wenn Ihr der Schulmeister seid?“
„Bin ich, und Sie ist wohl die Neue? Ja.“ Er griff sofort wieder nach der Türklinke. „Hm, hm, wenn aber immer gestern nichts war und heut nichts ist und morgen nichts sein wird, hm, hm, so holt sie mir nie die andern ein, hm, und wenn sie zurückbleibt, gibt der Grasbodenbauer dann mir die Schuld, hm, hm, und mein Stundengeld sieht, unverdient, einem Almosen gleich wie ein Ei ’m andern. Hm!“
Brummend schob er sich zur Türe hinaus.
Nach dem Lehrer kam noch der Grasbodenbauer herauf, nachsehen, nach ihm die alte Sepherl, die das Abendessen heraufbrachte, dann blieb es stille im Kämmerlein und ward allmählich dunkel.
„Burgerl,“ sagte Magdalene, „es irrt dich wohl nit, wenn ich ein Licht anzünd’ und du leihst mir wohl dein Schreibzeug und schenkst mir ein Fleckl Papier?“
„Das erste irrt mich nit,“ antwortete Burgerl, „’s eine Andre leih’ ich dir gern und vom anderen Andern nimm dir, wieviel d’ brauchst.“
„Ich muß doch nach Haus schreiben, daß meine Leut’ wissen, wo ich verblieben bin. Mein Vater, der steif und fest glauben muß, ich sei jetzt zu Wien, wird sich wohl wundern, wenn er mit einmal ein’ Brief von ganz fremd woher kriegt.“
Als sich Magdalene alles zurecht gestellt und gelegt, saß sie beim flackernden Kerzenlichte und sann. Es war der erste Brief, den sie in ihrem Leben selbständig zu schreiben hatte, denn in der Schule hattesie wohl auch „im deutschen Aufsatz“ Briefe zu schreiben „aufgekriegt“, aber da hatte immer das Buch und der Lehrer nachgeholfen.
Jetzt mußte sie allein mit sich schlüssig werden, was sie zu schreiben habe, — das war die „Aufgabe“, — wie sie es zu schreiben habe, daß es auch recht herauskomme, — das war der „Stil“, — wie jedes Wort geschrieben werde, — das war die „Rechtschreibung“, — und wie jeder Buchstabe, — das war das „Schönschreiben“. Ja, es ist wohl gut, wenn eines was gelernt hat, aber man sollte es nicht glauben, was man zu so einem Briefe alles braucht!
Sie krümmte den Oberkörper über die Tischplatte, kniff die Lippen zusammen und krampfte die Finger um die Feder. Anfangs achtete sie nicht auf die kleinen Falter und Mücken, die, von der Flamme gesengt, auf das Blatt fielen, seit aber solch ein verunglücktes Insekt sich in den nassen Schriftzügen gewälzt und hinter sich mit den genetzten Flügeln eine Straße gezogen hatte, blies sie ärgerlich all das Ungeziefer hinweg.
Mit der ersten Seite war sie zustande gekommen. Den angefangenen Satz schon fertig im Kopfe, das nächste Wort schon in der Feder, saß sie ungeduldig; die Schrift wollte nicht trocken werden, die Schattenstriche waren ihr gar zu gut geraten. Sie faßte das Blatt und fuhr damit behutsam über der Kerzenflamme hin und her, bis kein Buchstabe mehr blinkte, dann schrieb sie weiter. Mit der zweiten Seite endete auch der Brief, sie seufzte froh auf, als sie ihren Namen unterfertigte; nun galt es nur noch das Blatt zusammenzufalten und die Adresse darauf zu schreiben.
Wieder fächelte sie damit über dem Lichte, einen halben Blick tat sie dabei nach dem Fenster; außenam Nachthimmel brannte in heller, freundlicher Lohe ein Stern.
Lieb’ Sternderl, du leucht’st jetzt wohl auch daheim über unserm G’höft und spiegelst dich in dem Wasserstreif, der der Mühl’ zuschleicht ...
„Jesus!“
Das Papier war so geduldig gewesen, wie es ihm zugeschrieben wird, es hatte sich braun sengen lassen, aber jetzt flackte es auf und brannte hell.
Entsetzt starrte Magdalene darauf hin, es fehlte ihr fast an Atem, die Flamme auszublasen. All die schwere Mühe war umsonst gewesen! Tränen des Unmuts traten ihr in das Auge, als sie nun abermals nach der Feder griff, denn verschieben durfte sie es nicht, heute schickte sich just Zeit dazu, wer weiß, ob morgen wieder? Ach, und so gut wie er ihr aufs erstemal geraten, gerät ihr der Brief wohl auch nimmer!