14.

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Tag reihte sich an Tag und Woche an Woche. Seit das Kind mit einer älteren, überlegenen Gespielin im Verkehre stand, diese täglich lieber gewann und auch seinethalben bedacht und besorgt wußte, ward es zusehends beruhigter, die widrigen Anfälle traten minder häufig und heftig auf, dafür hing aber auch Burgerl wie eine Klette an Magdalenen und diese behielt wenig Zeit für sich, und das hatte wieder für sie sein Gutes; die stete Bedachtnahme auf die Kleine, das Hineinleben in die neuen Verhältnisse und Vertrautwerden mit denselben beschäftigte sie vollauf, und ganz von der Gegenwart in Anspruch genommen, fand sie keine Muße, sich um die Zukunft zu sorgen, oder die Vergangenheit, wenn sie selbe auch nichtvergessen konnte, sich zu vergegenwärtigen und Gedanken darüber nachzuhängen, und wenn, nach einem innersten Herzwinkel zurückgedrängt, auch manchmal in nächtlichen oder wachen Träumen das Vergangene schmerzend dort aufzuckte, so deckte doch der Tag mit seiner satten Farbe das matte Traumbild und das unmittelbare Empfinden verscheuchte das träumerische Erinnern.

Magdalene hatte nur jene Stunden für sich, während welcher der Lehrer mit Burgerl sich abmühte, die Anzahl derselben war aber in der letzten Zeit vermehrt worden. Lange schon hatte der Alte geklagt, daß das Kind so wenig aufmerke und so schwer in der Stube zu halten sei, aber in seiner Unbeholfenheit hatte er sich nur Knechten und Mägden auf dem Gehöfte und Leuten im Orte anvertraut, die alle ihm weder helfen konnten, noch wollten und seine Aussage nur als willkommenen Stoff zu Klatsch benutzten, um dem reichen Bauer hinterrücks eins aufzuhängen, die einen gaben ihm schuld, daß er das Kind verwahrlosen lasse, die andern fanden ihn dadurch bestraft, daß dieses ganz und gar „deppig“ sei und wohl auch sein Leb’lang bleiben werde; wodurch er die Schuld auf sich lud und wofür er die Strafe trug, darüber zerbrachen sich allerdings weder die einen noch die andern die Köpfe. Ganz zuletzt kam dem Lehrer der Einfall, der vielleicht jedem anderen zuerst gekommen wäre, sich an den Vater seiner nachlässigen Schülerin zu wenden, aber für den ängstlichen Mann war es eben kein Kleines, dem Angesehensten im Orte und weit in der Runde zu sagen, dein Kind ist weniger anstellig als der nächstbeste Kleinhäuslerrange, der mir mit bloßen Füßen in die Schulstube gerannt kommt.

„Nichts für ungut, Grasbodenbauer,“ sagte er denn eines Tages, „aber ich kann dein’m Dirndl kein Vakanz mehr verstatten, hm, hm, es ging wider mein Gewissen, sie bleibt mir hinter alle zurück, hm, hm, und wenn du sie prüfen ließest und sie bekäm’ ein schlecht’ Zeugnis, das wär’ mir eine ewige Schand’, hm, hm, ja, denn wie rechtschaffen du mich für mein’ Sach’ bezahlst, möcht’s schier aussehen, als käm’ ich nicht dafür auf, hm, hm, und da tät’ ich wohl bitten, du verhielt’st mir’s dazu, daß sie auch an Donnerstagen und Sonntagen Lehrstunden nimmt, hm, hm, mich reut die Müh’ nit und du brauchst’s nit extra z’lohnen.“

„Weißt, Schulmeister,“ sagte der Bauer, „das fiel’ mir nit bei, daß ich dich anschuldigen möcht’, als verstünd’st du dein’ Sach’ nit, wann dir’s gleich bei derer Teuxelsdirn’ fehlschlaget. Das Köpfel wär’ nit so schlecht, das weiß ich, aber Sitzfleisch is kein’s da, das weiß ich auch, und streng sein fleckt da nit, ich dankte Gott, vertrüg’ sie wie ein anders ein’ Tracht Schläg’; aber du weißt ja! No, daß wir von der Sach’ reden, was übers Bedungene hinausgeht, das kann ich mir nit schenken lassen und da drüber würden wir uns wohl einigen, ich frag’ dich nur, ob du glaubst, daß du in derer Weis’ was richt’st?“

Der Schulmeister beteuerte seinen guten Glauben, in der Weise wohl etwas richten zu können, und der Grasbodenbauer war es zufrieden. Burgerl zog freilich sauere Gesichter, wenn sie nun jeden Donnerstag den Alten zweimal die Treppe heraufstampfen hörte und wenn er sich gar Sonntags bald nach Tische einstellte, aber an dem Vormittage mußte er sie wohl frei geben, denn da hatte er in der Kirche die Orgel zu spielen, oder, wenn ein Hochamt war, die Geigezu streichen, wozu die andern zu Ehre Gottes darauf los paukten und trompeteten, als ob sie des Teufels wären.

Vier Wochen waren verstrichen, seit sich Magdalene auf dem Gehöfte des Grasbodenbauers befand, wieder war es Sonntag geworden, rings lag alles in feiertäglicher Ruhe, ein Teil des Gesindes, der den Nachmittag frei hatte, war gleich nach dem Mittagessen auf und davon gegangen, der andere Teil, der heim bleiben mußte, zerstreute sich und zogen sich die einzelnen oder ihrer etliche zusammen nach einem schattigen Winkel zurück. Mägde vertrauten sich ihre Heimlichkeiten an, sagten sich alles Schöne und anderen alles Üble nach, besonders den gottlosen Buben, und diese hielten es ganz gleich mit den „verhöllten“ Dirnen. Von den einzelnen ging müßig, wer dazu Lust hatte, wer sich aber Arbeit wußte, der beschäftigte sich nützlich, manche Dirne setzte ihre schadhaften Kleidungsstücke sorglich instand und tat dann wohl auch ein übriges für die ihres Schatzes, und dieser, wenn er sich anders darauf verstand, Schuhzeug zu nageln, vergalt ihr an den Füßen, was sie ihm an den Armen, auf dem Rücken, oder sonst wo, gebessert. Alle aber erfüllte der tröstliche Gedanke, daß sie, die Heimbleiber von heute, über acht Tage die Herumtreiber sein werden, und das Vergnügen, das sie sich davon versprachen, kosteten sie schon jetzt vor.

Als der Lehrer in Burgerls Stübchen trat, nahm Magdalene eine Näharbeit mit sich, stieg die Treppe hinab, um in den Garten zu gehen, unten im Flur angelangt, sah sie den Bauer an dem Türpfosten lehnen.

Ja, wie sie mit dem Grasbodenbauer daran war, das wußte sie nicht. In der ersten Woche hatte die alte Sepherl, die gerade an Hüftweh litt, sie gebeten, einSchaff Wasser nach der Küche zu tragen; das Schaff war groß und trug sich schwer, der Bauer, der nahe stand, trat rasch hinzu, wollte anfassen und es mit ihr zu zweien tragen, aber Magdalene wollte sich nicht um alle Welt untüchtiger wie das alte Weiblein zeigen, das sich so oft damit schleppen mußte, daher sagte sie lachend: „Aber was dir nur einfallt, Bauer, wirst mir doch nit helfen wollen des klein Lackerl Wassers wegen? Bei der alten Sepherl kommst nie auf den Gedanken.“ Der Bauer errötete und lachte auch, dann aber sah er sie ernst an und sagte: „Weißt, weil dir solch’ Arbeit nit zukommt,“ damit wandte er sich ab und seither, wenn sich auch Gelegenheit dazu schickte, war er ihr nie mehr beigesprungen und sprach nur wenig mit ihr, freilich dieses Wenige so freundlich, wie es den meisten Leuten gegenüber seine Art war. Ließ er sie sich nur Burgerls wegen auf seinem Hofe gefallen und stand sie ihm weiter nicht zu Gesicht?

Anders verhielt sich’s mit Heiner, dem Großknechte, den Burgerl so gerühmt hatte, der ließ es Magdalene gleich nach den ersten Tagen und seither bei jeder Begegnung merken, daß er ihr nur zu gut wäre, und darum wich sie ihm immer sorglich aus.

Der Bauer also, mit dem sie sich nicht aus wußte, lehnte an dem Türpfosten, als er sie jetzt herankommen hörte, wandte er sich nach ihr um.

Es dünkte ihr nicht schicksam, so ganz ohne Ansprache an ihm vorbeizuschlüpfen, sie deutete hinter sich nach der Treppe und sagte: „Der Lehrer is oben.“

„Ich weiß’s,“ sagte er, „und wart’ eb’n auf dich.“

„Ei, du mein,“ verwunderte sie sich.

„Komm mit, ich will mit dir von der Burgerl reden.“ Er schritt des Weges voran.

In der Nähe des Gartentürchens stand der Heiner und lugte über den Zaun. Obwohl er zu denen gehörte, die heute sich auswärts umtun konnten, hatte er doch bis jetzt auf dem Hofe sich herumgetrieben; als er nun Magdalene mit dem Bauern hinter den Bäumen verschwinden sah, fluchte er leise und wünschte letzterem unterschiedliche, meist gesundheitsschädliche Zufälle an den Leib. Unmutig wandte er sich ab.

Da schallte vom Brunnen her ein lautes Lachen, die Traudel, die halbblöde Stalldirne, saß dort auf dem Troge, sie hatte alles mit angesehen und lachte und wies dabei wiederholt mit steifem Finger nach dem Garten.

Schon fuhr Heiner mit dem Arme aus, aber er besann sich, begnügte sich, vor ihr auszuspucken und ging mit langen Schritten über den Hof zum Tore hinaus.

In der Mitte des Gartens befand sich eine Laube, deren dichtes Rebengrün einen Tisch und zwei Bänke beschattete, auf einer derselben nahm der Bauer Platz, die andere wies er Magdalenen an.

„Brauchst darüber nix zu versäumen,“ sagte er, indem er nach ihrem Nähzeuge deutete, „das verlang’ ich nit, unter solch einer Arbeit kann man ein’m ganz gut zuhören. Bist flink! Is recht. Daß ich dir also sag’, weil du so rechtschaffen Anteil an mein’ klein’ Dirndl nimmst und ihm in Wahrheit ein’ gute Kameradin bist, so is es wohl billig, daß auch du weißt, was alle im Ort wissen, nämlich, wie das arme Waiserl zu sein’m Siechtum gekommen is; das vergessen die Leut’ nur zu oft; wenn sie ihm just ein Ungeschickt’s in Übel aufnehmen und im Unguten bereden. Ich erzähl’s wohl nur ungern, aber du hast es um uns allzwei, um mich und das Kind verdient,daß du von niemand andern davon zu erfahren brauchst, und von mir hörst du auch nur das Wahre und nix Dazugemacht’s.

Schwach war die Burgerl von dem Tage an, wo sie’s Licht der Welt erblickt hat, aber trotzdem is sie alleweil g’sund g’wesen, bis vor fünf Jahren. Ihr’ Mutter war um die Zeit krank, kränker als wir, die Nächsten um sie, ihr angemerkt haben und als sie wohl selber gedacht hat, nit, daß sie sich gelegt hätt’, aber das geringste Bewegen hat sie gleich ermüd’t, und oft is sie taglang im Großvaterstuhl g’sessen, ohne sich davon zu rühren. Wir haben in dem Jahr grad ein’ nassen Hochsommer g’habt, ein abscheulich Wetter, das ein G’sundes hätt’ krank machen können, mit einmal setzt’s aber doch aus und kommen ein paar Tag’, an denen die liebe Sonn’ sich hervortraut und es recht freundlich g’meint hat, und an ein’ Morgen zeigt die Bäuerin Lust nach Hinterwalden zu ihr’n Eltern zu fahren, die kleine Burgerl wollt’s mitnehmen, und hat mich gebeten, ich möcht’ einspannen lassen, ich war’s z’frieden, denn ich hab’ denkt, die Fahrt könnt’ ihr zum Guten sein, und wie ich sie in den Wagen gehoben und das Kind ihr zur Seit’ g’setzt hab’, da hat mich nit entfernt ein’ böse Ahnung befallen.

Nach Hinterwalden haben’s ohne Anstand hingetroffen, die Bäuerin hat ein’ Freud’ g’habt, wieder einmal ihre Leut’ z’ sehen, und die an ihr und dem Enkelkind, und so war dort ein Verhalten, bis die Sonn’ angefangen hat unterzugeh’n. Wie sie aber auf der Herfahrt durch’n Föhrenwald an die Stell’ kommen, wo die Straße eb’n ins Freie ausbiegt, da wird der Bäuerin auf ein’ Schlag plötzlich so schlecht, daß sie ’m Knecht zuruft, einz’halten, sie vertrüg’ ’s Fahren nimmer; der muß halten, absteigen, sie ausdem Wagen heben und legt sie am Weg auf ein’ Rasenfleck nieder. Die klein’ Burgerl is heulend hinterher g’rennt und wollt’ nit von der Mutter lassen, was bleibt ’m Knecht über, als aufsteigen und davonjagen, wenngleich d’ Pferd’ drüber zuschanden gingen, daß er nur schnell die Kund’ auf’n Hof bringt.

Dieweil is aber die Bäuerin oben im Wald g’legen an einer Stell’, wo tagüber kein Wagen, außer ein’ unsern, verkehrt, selten ein’ Holzklauberin sich blicken laßt und damal, wo es schon zu nachten ang’hob’n hat, war’s dort gar schreckbar einsam. Da verfallt sie plötzlich ins Sterben und das verschreckte Kind hat das mit ansehen müssen, sieht sie da in Krämpfen liegen, bringt mit allem Jammern und Schrei’n kein Wort mehr aus ihr heraus, merkt, daß die Mutter sie nimmer hört, sie gar nimmer erkennt.“

Der Bauer drückte die Hand vor die Stirne, dann fuhr er fort:

„Bis wir eine Tragbahr’ instand g’setzt, ’n Bader g’rufen, andere Ross’ eing’spannt haben und dann mit’m Wagen und ’m nebenherrennenden G’sind an Ort gelangt sein, da is das Kind auch noch dazu schon über eine gute Weil’ allein mit der kalten Leich’ g’wesen, und von derselben Nacht an schreibt sich das Übel, da haben wir’s aufg’funden und heimbracht in dem Zustand, der sie bisher nit verlassen hat und auch nit verlassen will!“

Magdalene hatte beide Arme mit dem Nähzeug in den Schoß sinken lassen und sah zu dem Erzählenden auf. „Das is schrecklich, Bauer,“ sagte sie leise, „das is ganz schrecklich.“

„Gelt? Ja, mein’ liebe Leni, wie das damal so mit eins auf mir gelegen is, da is mir vorerst auch drunter der Atem ausgeblieben. Nun sagt mer wohl,wie ’n Menschen leicht verdient’s Glück hochfährtig und unverdient’s übermütig machet, so tät’ ihn auch verdient Elend reuig und unverdientes trutzig machen, weiß’s nit, ’s muß dabei halt doch drauf ankommen, wie dasselbe Glück oder Elend und der beschaffen is, den es betrifft; ich hab’ nit gemurrt. Was half’s auch? Ließ’ mer ’n Herrgotten nur als barmherzigen Vatern gelten, krieget der ärgst’ Sünder kein’ Streich, und gäb’ man ihm herentgegen die Strafrut’n in die Hand, mit der er jedem, nit nur für Werk’, sondern auch um Wort’ und Gedanken aufmesset, dann wär’ keiner auf der Welt von d’ Schläg’ ausg’schlossen. Daß unser Herrgott dasselbe veranstalt’t hätt’, konnt’ ich nit glauben, es war halt ein Geschehnis und da bleibt nix über, als daß mer sein bissel Vernunft z’samm’nimmt, es leid’t und tragt, und ich hab’s gelitten und getragen bis ins kleinste; wenig Nächt’ zähl’ ich, die ganzen fünf Jahr’ her, die ich nit sorglich wie ein’ Kindsdirn’ bei der Klein’ zugebracht hätt’, denn die ein’ Mägd’ war’n ihr zuwider, die andern haben sie gescheut und schau, just die Plag’ hat mir das Kind lieber g’macht und in meiner Sorg’ find’ ich gleichzeit mein’ Trost.“

„Bist ein rechtschaffen braver Mann.“

„Weiß nix davon, das is so eins aus’m andern kommen. Anfangs haben’s mir eing’raten, ich sollt’ d’ Burgerl wo nach einer Anstalt hingeben, die ein g’schickter Arzt leit’t und wo jed’s sein’ rechte Pfleg’ und Wartung hat, aber ich hab’ mir denkt, wann ich’s gleich in die Fremd’ schick’, die Sorg’ um sie bleibt mir doch daheim und wann sie etwa ’s Heimweh überkommt, so müssen’s mir’s ja wieder z’ruckschicken und wann mit’n Jahren die Dirn’ zu Verstand kommt und sich sagt, daß ich’s mit freien Willenvon mir geben und bemüßt z’ruckg’nommen hätt’, so entfremd’t mir’s das, aber so mag ihr jede Sorg’ und Plag’ erinnerlich sein, ich besteh’ als rechter Vater vor ihr und vielleicht erkennt’s dann mein’ Treu’.“

„O g’wiß, Bauer, die Burgerl schon!“

„So hab’ ich’s halt unter mein’ und der Leut’ Augen aufwachsen lassen und hab’s keinem übel g’nommen, wenn er sich in sein’ Nöten damit getröst’t hat, daß auch ’m Grasbodenbauer ein Kreuz aufliegt, das aus kein’m leichten Holz ’zimmert is.“

„Das is aber geg’n ein Mann, wie du bist, recht grauslich von den Leuten.“

„Ah nein, das is nur menschlich, der Jammer sucht sein G’spann, wie die Freud’ den ihren, gewinnen tun freilich dabei nur d’ Bettelleut’, denen schenkt man bei einer Leich’ wie bei einer Hochzeit. Wie g’sagt, die traurige Tröstung, die einer für sein Not in der mein’ sucht und find’t, die bered’ ich nit, ein anders aber ist’s, das mich kränkt, die Bosheit und Schadenfreud’. Ich könnt’ wohl ’m ärmsten Holzknecht ’s g’sunde Leben seiner Kinder neiden und in mancher Nacht hätt’ ich gern mit ein’ solchem ’tauscht, doch nit ohne daß ich ihm vorm Handschlag g’sagt hätt’, sieh dich für, was d’ tust, ’s könnt’ dich reu’n und ich mag dich nit trüg’n; doch über mein Drangsal und der Burgerl ihr Siechtum is im Ort herumgered’t word’n, als wär’s eine verdient und ’s andere a Schimpf, und es geschieht doch kein’m leichter je schwerer mir geschieht und es hebt doch keiner mehr Ehr’ mit sein’ Kind auf, weil er mir das meine verschänd’t. So oft mer so a Bösartigkeit zu Ohren ’kommen is — und zu’trag’n wird’s ein’m ja, — hab’ ich all’mal Gott dankt, daß die Dirn’ kein Bub’ is, was hätt’ mer dann erst leiden müssen, er und ich,wir all’zwei miteinander? So ist’s ein Dirn’, schenkt ihr Gott doch noch ’mal die G’sundheit, kann sich alles zum Guten schicken und sie ein’ braven Mon und der Grasboden ein’ rechten Herrn kriegen, soll’s nit sein, dann mag sie, wann’s einmal allein auf der Welt steht, ’s Anwesen verpachten oder verkaufen, es langt reichlich, daß sie für all ihr Leblang nit zu sorgen braucht, bis dahin aber muß ’s Ganz’ rechtschaffen z’samm’g’halten und verwalt’t werden; wie schwer mir das bislang aufgelegen ist, wo ich beiher die Kleine betreuen mußt’, das kannst du dir wohl denken, aber auch das, wie froh ich jetzt bin, Kopf und Händ’ völlig frei zu kriegen, weil du da bist!“

Er langte hinüber und erfaßte die Rechte des Mädchens, die eben nach einer Zwirnspule griff. Magdalene zog die Hand nicht zurück, nur, wie um dem Drucke der fremden auszubeugen, spreitete sie die Finger so flach über der Tischplatte aus, als es die Spule gestattete, plötzlich aber diese hastig aufgreifend, schnellte sie die Hand des Bauers von sich, und dieser erhob sich gleichzeitig, denn Burgerl kam durch den Garten herzugelaufen.

„Vater,“ rief sie, „weißt schon, künftig’ Donnerstag is Kirchtag?!“

„Weiß’s, weiß’s ja ehnder. Was ist dabei Neu’s?“ fragte der Bauer.

„Nix nit,“ lachte Burgerl. „Aber gelt, Vater, du setz’st dich wohl heuer auch wieder auf ein’ oder paar Stund’ zu’n großen Leuten ins Wirtshaus?“

„No, hinschau’n muß ich wohl.“

„No, siehst, weil d’ einmal dabei sein mußt; könnt’st mer auch fein gleich ein’ Kirtag[17]heimbringen.“

„Werd’ dran denken.“

„Aber der Leni auch.“

„Freilich, freilich, auf die werd’ ich doch nit vergessen,“ sagte der Bauer und schritt hinweg.

„Burgerl,“ sagte nach einer Weile Magdalene, indem sie die Kleine an sich zog und ihr mit beiden Händen über das krause Haar strich, „du weißt’s wohl nit und kannst’s wohl auch noch nit wissen, was für ein’ kreuzbraven Mon du zu’n Vatern hast!“

„Weil er uns ein’ Kirtag mitbringt?“ fragte lustig Burgerl.

„Du Unend’,“ schalt Magdalene und zog die Hände von ihr zurück und wollte sich just ernstlich erzürnen, wenn sie das vermocht hätte, dem Schalk gegenüber, der aus den Augen des Kindes lachte.


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