15.

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„Künftig’ Donnerstag is Kirchtag,“ das sagten sich alle im Orte, einer dem andern, obwohl es jeder und jede wußte und es keinem gesagt zu werden brauchte; das Alter dachte dabei seinen Spaß, die Jugend ihre Lust zu haben und die Erwartung macht mitteilsam.

Am Frühmorgen des Tages, der dem Feste voraufging, kniete Magdalene an einem Gemüsebeete, sie hatte Grünzeug ausgestochen, nun aber lugte sie mit langem Halse zwischen den obersten, schwanken, schütteren Zweigen der Hecke hindurch, die diesen rückwärtigen Teil des Gartens vom Grasboden schied. Über die Wiese kamen der Bauer und der Knecht Heiner dahergeschritten. Dunkel und scharfumrissen hoben sich in der klaren, farblosen Morgenluft die beiden Gestalten ab, regten die Arme, öffneten und schlossen denMund, doch der Entfernung wegen und weil der Wind ihnen entgegenstrich, war kein Laut hörbar, das nahm sich so lustig wie ein großes Schattenspiel aus und man hatte es obendrein umsonst.

„Morgen werd’n mer die Neue probier’n,“ sagte der Knecht.

„Wen?“ fragte der Bauer.

„No, die Leni, ob die auch brav tanzt.“

Der Bauer runzelte die Stirne. „Hast du was mit ihr?“

„Noch nit.“

„Wär’ mir lieb, du fangest auch nix an mit der. Möcht’ nit, daß ihr was in’ Kopf g’setzt würd’, was s’ mir ’leicht von der anvertrauten Obsorg’ abwendig machte. Verstehst?“

„G’wiß! Jetzt find’ ich mich schon z’recht. Denklich, hast ihr’s wohl auch schon zu versteh’n geb’n und sie weicht mir aus, weil s’ fürcht’, daß ’s ein Verdruß setzt?“

„’s war noch kein Anlaß ihrerseits, daß ich derlei bered’, es is mir aber lieb, daß ich hör’, daß s’ dir von freien Stücken ausweicht.“

„No, ob just aus gar so freien Stucken? Weißt, Bauer, da drüber laß’s lieber unb’fragt, aber das laß dir sagen, selb’ is wohl ein groß’s Verlangen und hilft dir kein klein’ bissel, daß sich z’weg’n deiner klein’ Dirn’ die große fürs Kloster versparen soll.“

„Dumm’ Zeug! Was begehrst denn auf? Wir reden sich doch in gutem. Is mein Will’ dem dein’m z’wider, no, so kannst ja geh’n, is ’s aber der dein’ dem mein’m, dann mußt geh’n.“

„So? Red’st deutlich.“

„Das g’hört all’mal zu ein’ rechten Verstehn und weil ich mich sonst niemal in solchene Sachen einmisch’,derhalb’n muß ich wohl klar aussag’n, daß ich da nix leid’, mit derer Dirn’ nit!“

„Am End’ g’fallt’s dir selber.“

Der Bauer reckte sich hoch auf, so daß der Heiner unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.

„Du Lapp, du! Meinst, jeder wär’ wie euer einer? Fünf Jahr is ’s, daß ich nach keiner Schürze frag’, werd’ ich’s jetzt mit einmal tun?!“

Damit kehrte er dem Knechte den Rücken und ging rasch hinweg, als er aber durch eine Lücke der Gartenhecke schlüpfte, befand er sich plötzlich Magdalenen gegenüber, er errötete und sagte unwillig: „Horchst du da?“

Auch dem Mädchen stieg die Röte ins Gesicht, es streckte den Arm nach der Stelle aus, wo die beiden Männer gestanden hatten. „AufdieWeit’? Traust mir lange Ohren zu, Bauer.“

„Nix für ungut. Nur der erst’ Anschein, — es möcht’ dich nit der Zufall, sondern die Neugier da herg’führt und du im voraus g’wußt haben, was zur Sprach’ kommt, — der hat mich verdrossen; denn über dich sein wir red’ worden[18]. Der Heiner hätt’ ein Aug’ auf dich!“

„So? Weißt, Bauer, ob du mir’n zuz’führ’n oder abz’reden gedenkst, verspar’ dir weitere Wort’, ich mag ihn nit und kein’.“

„Hast recht, is eh’ ’s G’scheiteste.“

„Das mein’ ich auch. Von dir aber hätt’ ich nit geglaubt, daß du auf ein’ ersten Anschein was gäbst, noch dich einmischen würd’st, wo zum Vertrag’n und Zertrag’n allzeit zwei alleinige Leut’ vollauf ausg’reicht haben und für ihm selber jedem wohl auch selbst die Red’ zusteht.“

Sie kehrte sich ab und ließ den Bauer stehen, wie er zuvor den Knecht.

Im Hausflur stand die alte Sepherl und sah die Dirne mit hastigen Schritten und heißen Wangen herankommen, während der Bauer langsam und verdrossen nachfolgte.

„Habt’s g’stritten?“ fragte die Alte.

„Gar nit,“ sagte Magdalena.

„Stünd’ auch nit dafür, heut übellaunen, wo morg’n so ein lustiger Tag is.“

„Für mich nit lustiger, wie ein andrer.“

„Wär’ nit schlecht! Dein’tweg’n freut sich ja auch ein andrer schon d’längst Zeit drauf.“

„n’ Heiner, meinst? Der mag’s nur sein lassen.“

„Is doch ein schöner Bub’.“

„Kann sein, magst’s ja wissen, bist älter, ich versteh’ mich noch nit drauf.“

„Eulenspieglin! — Und brav!“

„Bestreit’s nit und erprob’s nit.“

„Und der G’scheitest’ von all’n.“

„Und sinnt doch af Dummheiten.“

„Mein’, das lassen mer sich von ein’ saubern Monsbild je lieber g’fall’n, je g’scheiter er sonst in andern Stücken is.“

„Laß’s gut sein, Sepherl, an mir verdienst kein’ Kuppelpelz. Morg’n bleib’ ich heim bei meiner Burgerl.“

„Nit ein’ Schritt tanzen und kein’ klein’ Weil’ zuschau’n? Na, hörst, selb’ muß mehr wohl sagen, dem Dirndl bist a gute Kameradin.“

Da schritt der Grasbodenbauer an den beiden vorüber. „Nit wahr?“ sagte er freundlich nickend. Aber die alte Sepherl sah ihn an und schüttelte kaum merklich mit dem Kopfe; vor dem Bauer lobtesie nicht gerne eines vom Gesinde, und daß es der selbst ins Gesicht tat, das taugte schon gar nicht, das mach’ hochfährtig und Hochfahrt verleidet das Dienen.

Als abends Magdalene das Tischgerät hinwegtrug, wies der Bauer nach der Türe, die sich hinter ihr geschlossen hatte, und sagte zur Burgerl, die ihm gegenüber saß: „Hast sie nit g’fragt?“

„Um was, Voda?“

„Um was? Wann dich schon die G’scheitheit nit draufgeführt hat, so hätt’ ich doch g’meint, die Neugier ließ’ dir kein Ruh’, ihr abz’fragen, was ihr zu’n Kirchtag g’legen käm’, was s’ g’freu’n möcht’.“

„No, halt ein lebzelters Herz, so groß eins z’haben is, mit ein’ bunten Bildl und ein’ schön’ Spruch drauf.“

„Denk’ mir wohl,“ lachte der Bauer, „da drüber wußt’ sie sich vor Freud’ gar nit aus und billig käm’s auch. Aber ernstlich, ihr gäbet ich schon gern rechtschaffen was, sie is brav ...“

„Und sauber.“

Der Bauer nickte vor sich hin, Burgerl saß mit verschränkten Armen und sah ihn von der Seite an, er gab den Blick verwundert zurück, dann sagte er hastig: „Na, sei nit dumm, ich weiß nit, was ich ihr bringen soll.“

„Ah mein, wie sie von dir red’t, wird ihr alles lieb sein, was von dir kommt.“

„Was red’t’s denn?“

„Daß du ein so viel braver Mon wärst.“

„Ich weiß’s, ich hab’ noch g’sagt, gar so viel tät’ ich’s just nit sein; das war frei ins G’sicht.“ Er sah vor sich hin, als er das sagte und schnitzelte mit seinem Taschenmesser an einer Brotkruste.

„Sie hat’s auch hinter dein’ Rücken g’sagt,“ fuhr Burgerl fort, „und obendrein, wie du auch ein sauberer Mon wärst.“

„Burgerl!“

„Voda?“

„Dös hat’s nit g’sagt!“

„Ja, wann d’ mer kein Glauben schenkst, wann du’s besser weißt, erzähl’ ich dir gleich gar nix mehr von meiner Lenerl.“

„Und wenn sie’s auch g’sagt hätt’ ...“ Er richtete sich auf, Burgerl sah ihn wieder von der Seite an, da ward er plötzlich böse, schlug mit dem Heft des Messers gegen die Tischplatte und schrie: „Dummheiten verlaub’ dir keine mit mir, das rat’ ich dir!“

Die Kleine tätschelte mit beiden Händen seine Linke, die er ausgestreckt über dem Tische liegen hatte. „Aber, Voda, wie konnt’ ich mir denken, daß du wild darüber würd’st, wann dich a saubere Dirn’ sauber find’t?!“

Der Bauer zog die Hand zurück, aber nur um sie vor den Mund zu halten, so saß er und begann spielend die Messerklinge in das Tischtuch zu bohren, ein Vorgang, dem Burgerl volle Aufmerksamkeit schenkte; sie zog ihre Kniee auf den Stuhl hinauf und rückte mit dem Oberleibe über die Tischkante hinvor, nach einer Weile sagte sie: „Voda, jetzt wär’ ’s Loch grad groß g’nug, daß man’s noch stoppen kann.“

„O Himmelsapperment,“ rief der Bauer, „hätt’ ich jetz ta Bäu’rin, die tät’ nit übel schelten, bin ich froh, daß ich keine hab’!“

„Wirklich?“ fragte Burgerl.

„Ja, wirklich! Klebere Meerkatz’, du! Wann mer nit fürchten müßt’, daß mer dich hart angreift ...“ Das hatte der Grasbodenbauer zornig herausgestoßenund damit war er vom Stuhle emporgefahren und nun ging er mit langen Schritten in der Stube auf und nieder; plötzlich hielt er vor seinem ungeratenen Kinde inne und sagte nochmals: „Wirklich! Verstehst?“, fügte aber sofort, aufs neue erbost, hinzu: „Na, was soll das dumme Vogelg’schau, das möcht’ ich wissen?!“

Burgerl hielt nämlich das Köpfchen stark zur Seite geneigt und beäugelte so die überlange Gestalt ihres Vaters, etwa wie ein Rabe vom Gartenkies nach einer Baumkrone lugt. Ob sie überhaupt nicht willens war, ihren Vater wissen zu lassen, was er zu wissen verlangte, oder ob sie es nur unterließ, weil Tritte auf der Treppe hörbar wurden? Genug, sie zog an dem untersten Knopfe der Weste des Grasbodenbauers und sagte mit sehr freundlichem Lächeln: „Die Leni kommt!“

Am nächsten Morgen rauschte ein dichter Gußregen nieder, außen plätscherte es von den Traufen und gurgelte in den Rinnsalen. Die Föhrndorfer wurden darüber sehr angehalten; der heilige Kirchenpatron — meinten sie — hätte sich wohl auch um seiner Verdienste willen zu seinem Festtage vom Himmel schönes Wetter ausbitten können! Mit vorwurfsvollen Blicken sahen sie nach den grauen Wolken und mit schmerzlichen nach dem zurechtgelegten Putze, der dem Verderben geweiht schien, die Kleinmütigen! Keinem kam der Gedanke, der Heilige habe sie wohl nur prüfen wollen, und nicht einer fühlte sich hinterher beschämt, daß alle diese Prüfung so schlecht bestanden hatten.

Ein Wind, der unten auf der Erde kaum an die Wipfel der Bäume rührte, ein sogenannter oberer, fegte die Wolken vor sich her, bald stand die Sonne am freundlichen klaren Blauhimmel. Am dunklenWaldsaume an den Nadeln der Föhren und auf der grünen Matte an Halmen, an den Kelchen und Stielen der Spätblumen sprühten die abrinnenden Tropfen. Durch die Dorfgasse schritten die Leute der Kirche zu, schmuck und sauber, fröhlich und heiter plaudernd, und aus dem Gotteshause tönten Sänge und Klänge.

Das mochte dem Heiligen, dem es zur Ehre geschah, wohl gefallen, auch später, als die bunte Menge aus der Kirche strömte und sich zwischen den Marktbuden drängte und stieß, konnte er auf dieses fröhliche Gewoge und Getreibe noch freundlich lächelnd herniederblicken; aber bald lief das junge Volk in Scharen und das alte folgte bedächtig in Gruppen nach Orten, die keineswegs zu andächtiger Sammlung einluden, und die Sänge und Klänge, die von diesen Stätten heraufschallten, standen in merklichem Gegensatze zu den früher gehörten, dazwischen mischten sich Schreie und Seufzer, die mit Gnadenschreien und Zerknirschungsseufzern nicht die mindeste Ähnlichkeit hatten, und als das große Himmelslicht zur Rüste gegangen war, dröhnte und kreischte es immer wirrer und wüster von da unten. Der helle Mond tat redlich das Seine und die klare Luft das Ihre, daß alles, was da in der Tiefe vorfiel und verlautete, hübsch zu sehen und zu hören blieb, an den beiden lag es sicher nicht, daß der Heilige das Himmelsfenster plötzlich zuwarf. Ach, daß ihm doch jedes Jahr der Tag, auf den er sich so freut, verdorben werden muß!

Magdalene war mit Burgerl in der Kirche gewesen, und was den beiden nachher im Gedränge über den Kirchenplatz von den Herrlichkeiten des Marktes in die Augen fiel, das war auch alles, was sie von dem Kirchweihfeste überhaupt zu sehen bekamen. Einmal wurden sie von der Menge in einen Kreis gedrängtund mußten die Tanzkünste eines Bären mit ansehen, ein zweites Mal gerieten sie in einen Schwarm, der wie eine Mauer stand, bis ein Sängerpaar, Mann und Weib, die „neueste Mordgeschichte“ zu Ende gesungen hatte. Der Sänger, ein überlanger, hagerer Mensch, quiekte seinen Part in Fisteltönen herunter, während die kümmerliche Alte, die fast hinter ihrer Harfe verschwand, durch Gebrumme die Baßbegleitung dazu markierte. Im Rücken des Paares hing eine Leinwandfläche, mit Greueln in einer diesem Vorwurfe entsprechenden Malweise bedeckt, und der Mann hielt oft in seinem Gesange eine Note länger aus, um mit einem Stäbchen auf die betreffende „Szene der Historie“ zu tippen. Zu diesen bildlichen Darstellungen, die sich in schreiender Übertreibung gefielen, stand der sangliche Text, die dichterische Leistung, durch ihre schlichte Einfalt in herzerfreuendem Gegensatze. Die Ballade entließ die Zuhörer mit der freundlichen Mahnung, keinem Menschen ein so schweres Leid — wie das Umbringen — zuzufügen, da Gott und die irdische Gerechtigkeit es sehen; zwei Bedenken, die in bündigster Kürze den Mord ebenso verwerflich, wie unpraktisch erscheinen ließen.

Auf dem Heimwege sprach Burgerl die Überzeugung aus, daß lang vor Abend schon manches Paar auf dem Tanzboden sich nicht gelenker als der Bär drehen und dazu nicht schöner als die beiden „Mordtäter“ quäken werde.

Unter dem großen Torbogen, dessen Holzgatterflügel zugelehnt waren, stand Sepherl und blickte eifrig der Straße entlang, sie hatte einen abgetragenen Sammetspenzer an, der wohl einst jugendfreudige Stunden mit angesehen haben mochte, aber nun, wo er sie auch hätte spiegeln können, da stellten sich keine mehr ein.Die Alte hatte während des Kirchganges der andern das Haus zu hüten; jetzt sieht sie Burgerl und Leni herankommen und nickt ihnen zu und trippelt ihnen eilig entgegen. „’s in Ordnung!“ schreit sie, „und jetzt geh’ ich und jetzt schau’ ich und jetzt tu’ ich mich um. Heut steckte ich frei eine Junge in’ Sack, müßt’ ich nit fürchten, daß er ein Loch kriegt’! B’hüt Gott!“

Burgerl drückte das Gatter ins Schloß und sperrte ab, und nun waren die beiden Mädchen in dem weiten, großen Gehöfte allein. Ringsum herrschte noch feierliche Stille. Als sie über den Hof schritten, hörten sie den Hall ihrer eigenen Tritte und von den Ställen her das Schnauben der Kühe und das Prusten der Pferde, sie sahen vorerst nach, ob da nichts verabsäumt worden und das Vieh das Seine habe. Als sie nach Grünzeug durch den Garten gingen, war es dort so lautlos, daß sie fast gerne den Atem an sich gehalten hätten, nichts als das Geflatter eines Vogels im Geäste und das tiefe Gedröhn einer verspäteten Hummel war hörbar, und als sie später in der Küche vor dem Herde saßen, da prasselte das Feuer noch einmal so lustig wie sonst eines und dazu surrte eine große Fliege, zehnmal ärgerlicher wie sonst eine, am Fensterglas auf und nieder.

„Es tät’ gerad’ sein,“ meinte Burgerl, „als wären sie in ein leutverlassenes Ort geraten, und sie fänd’s just nit uneben, so gottallein zu sein auf der Welt.“

„Ei wohl,“ lachte Leni, „zu zweien und für ein’ alleinigen Tag.“

„G’wiß, af d’ Dauer fing’n mer sich allzwei zun fürchten an, oder, wär’n wir Bub’n, zun langweilen. ’s Einsamen taugt für kein gleich’s Paarl.“

„Für ein ungleich’s etwa?“

„Das bleibet nit allweil allein.“

Leni runzelte die Brauen. „Davon sollt’st du noch nix wissen, oder wann du’s weißt, es nit bereden.“

„Schau, sei du nit harb,“ sagte Burgerl, indem sie Magdalene begütigend am Arme anfaßte. „Ich kann ja nit dafür, daß die Leut’ nit allmal drauf achten, wie die Kinder nit umsonst große Augen im Kopf haben. Jetzt red’ ich halt oft noch wie ein Fratz, mehr, als ich weiß, aber laß mich nur erst groß sein, dann werd’ ich auch mehr wissen“ — hier kneipte sie den Arm — „als ich red’.“

Leni schürte mit der freien Hand eifrig das Herdfeuer, plötzlich rief sie: „Los’ einmal,“[19]warf das Schüreisen fort und rannte, gefolgt von Burgerl, in den Hof hinaus.

Nun war es außen, allenthalben um den stillen Hof, lebendig geworden, in der Luft schwammen Töne, bald überklang das Gellen einer Pfeife, bald das Gerumpel der Baßgeige, oder der Schlag der großen Trommel alles andere, bald ein lustiger Aufschrei, bald eine mehrstimmig gesungene Tanzweise, dann verschwamm wieder alles in ein unbestimmtes Geräusch, das leise schütternd sich fortspann und allortig webte und schwirrte, bis es plötzlich im Gekrache eines Böllers oder eines Pistolenschusses dahinstarb, worauf sofort wieder ein einzelner Klang es über alle anderen gewann.

Jetzt konnte das Dorf nimmer für ausgestorben gelten, eher das Gehöft, und in selbem war man nimmer gottallein, sondern weltverlassen; daher meinte auch Burgerl, nun sei es nicht mehr wie in einem leutverlassenen Ort, sondern wie auf einem verwunschenen Schloß, und sie tröstete Magdalene, daßder Spuk nur bis zum nächsten Morgen dauern werde. Übrigens erhielten sie doch einige Nachricht von der bewegten Welt da draußen, denn die alte Sepherl brach etlichemal den Bannkreis des Zauberschlosses und wenn niemand bei dem Gattertore zu errufen war, so scheute sie auch den Weg um das Gehöft nicht, um rückwärts durch den Garten einzudringen. Das erstemal kam sie schreiend vor Lachen: „Ui, der Maut-Einnehmer-Kathel haben sie’s aber ein’bracht! All d’ Kirchtag’ her is ihr ein Föhrndorferbub’ z’ g’ring’ g’west, ein Forscht- oder G’richtsadjunkt, ein Schtandar-Wachtmeister oder sonst einer hat’s sein müssen, der ’n kaiserlichen Adlervogel af’m Kragen, oder sonstwo, hat sitzen g’habt’ wie ’n ihr Vater am Schild; dösmal aber — weiß nit, hat döselb’n allz’samm der Geier g’holt oder sein’s zun Kuckuck ’gangen — war keiner z’ sehn und die aufg’stazte Gredl is dag’sessen, breit vor lauter Kittelwerk und Falbeln und G’schichten, hat g’scharrt mit dö Füß’ und blinkt mit dö Aug’n und zupft mit dö Finger, und wie sie’s lang g’nug hab’n sitzen lassen, daß ’s vor Gall’ schon hätt’ z’springen mög’n, is der kropfete Kegelbub’ ang’stift’t worden, daß er ein’ Sprung nach ihr tut wie a Heppel[20]und sie zum Tanz aufzieht, da is ’s aber ausg’rissen und röhrend davong’rennt und die Bub’n samt der Musik hinterher und haben’s fein manierlich heimgeigen lassen.“

Der Sepherl schien das ein ganz kapitaler Spaß, sie erzählte mit Händen und Füßen, in vergnüglicher Bosheit hüpfte sie hin und her und focht und deutete mit beiden Armen.

Das zweitemal, schon in vorgerückter Nachmittagsstunde, kam sie mit bedenklicher Miene herzugeschlichen und sagte zur Burgerl: „Dein Ehnl is dösmal davonblieb’n, er hat sag’n lassen, er hätt’ so stark ’s Reißen.“

„Ei, du mein,“ rief das Mädchen, die Hände bedauernd zusammenschlagend, „da fallt mer auch der Kirchtag von ihm in’ Brunn’.“

Die Alte drohte ihr mit der Faust und flüsterte Magdalenen zu: „Is übel, der hat af’n Bauern g’schaut, und wenn mer nit schaut, so trinkt der leicht mehr als er vertragt, und er vertragt wen’g.“

Und als der Mond schon hoch am Himmel stand und die Sterne funkelten, da kam Sepherl mit gerungenen Händen herbeigestürzt und berichtete von einer „erschrecklichen“ Rauferei im „Roten Adler“; zwei lägen schon dort, wenn die der Bader wieder auf gleich brächt’, dann sei er ein Hexenmeister. Und jetzt hätt’ sie sich aber auch für ihr Teil g’rad’ g’nug gesehen und blieb’ heim!

Nun begaben sich die beiden Mädchen — „um doch auch etwas zu sehen“ — hinauf nach ihrer Kammer, lehnten sich aus dem Fenster und horchten hinaus in die laue Nacht, wo in der leichtbewegten Luft jedes nahe und ferne Geräusch sich deutlich unterschied, und sahen hinab in die Gasse nach den ab und zu gehenden Leuten, von deren Gesprächen einzelne Worte heraufschallten. Etliche verließen das Dorf und suchten die freie Straße, andere kehrten von derselben zurück. Ein junger Bauer trieb unter Scheltworten und Püffen die weinende Bäuerin vor sich her nach dem Dorfe, ein anderer schlenderte mit der seinen hinaus, hielt sie um die Hüfte gefaßt und zog sie unter eindringlichem Geflüster und täppischer Zärtlichkeit an sich.

„Pfui,“ sagte Leni, der die Röte ins Gesicht stieg„Einer wie der andere sollte sich schämen; der eine, wie er so roh sein mag, der andre, daß er die Leut’ mit ansehen laßt, was sich vor ihnen nit schickt und Ärgernis gibt.“

„Meinst,“ warf Burgerl dazwischen, „daß die zwei Weibsleut’ miteinand’ ein’ Tausch eingehen möchten?“

„Na, ich denk’ wohl, die, was ’n Prügelprofoßen hat, gäb’ gern noch was drauf, wenn ihn nur die andere nähm’.“

„Weit g’fehlt,“ lachte Burgerl. „Dös Wildtun und dös Einschmeicheln gilt ja ledig nur für heut, schon morg’n wieder leb’n der Prügelprofoß und die Seine miteinand’ wie die Lampeln[21]und die andern zwei wie Hund und Katz’, das is der einzige Tag im Jahr, wo geg’n ’s Weib der eine d’ Hand aufhebt und der andre sie ruh’n laßt.“

„Was du nit all’s weißt!“ sagte Leni, indem sie vom Fenster zurücktrat. „Aber komm, denn jetzt mein’ ich schon auch — wie die Sepherl — für unser Teil hätt’n mer grad g’nug g’sehn.“

„Warum?“ fragte Burgerl, sich weiter hinauslehnend. „Etwa, weil dort der Vater daherkommt? Der halt’t sich ja grad wie a Kerzen in’ Bettelweib ihrer Latern’.“

„O, du Gottlos’ du!“

„Gelt, schmunzelst doch? Mein’, der Vater hat mich wie oft dahinliegen sehen, wo ich außer mir war, werd’ ich ’n doch auch einmal sehn dürfen, wo er nit ganz bei sich ist? — Vater!“ rief sie mutwillig hinunter.

Der Grasbodenbauer hob ein wenig nach seitwärts den Kopf. „He? seid ihr noch wach? Ist recht. Komm’ schon!“

„Du hast auch gar kein’ Respekt,“ zürnte Leni.

Da sprang Burgerl auf sie zu und faßte sie an beiden Händen. „Nein, Leni, und wie ich ’n gern hab’, braucht er den auch nit, glaub’ mir, das ist für die Männer untereinander, für uns is ’s Gernhaben, außer ihr andern seid anders, was ich nit weiß; wann mir aber eins Respekt abverlangt, is mir immer, als müßt’ ich mich hinter sein’m Rücken lustig machen, wie mir’s mit’m alten Schulmeister ergeht.“

Leni faßte die Kleine an den Schultern, sagte lächelnd: „Schulmädel, du!“ und schob sie von sich.

Da kam es die Treppe herauf in schweren, aber — es schien — sicheren Tritten, nur einmal erlitt das gleichmäßige Aufstapfen eine kleine tremulierende Unterbrechung, als zählte an einer Stelle die Treppe eine Stufe weniger, oder eine Stufe einen Tritt mehr.

Magdalena schrak zusammen und merkte nicht den Blick, den ihr Burgerl von der Seite zuwarf.

Der Grasbodenbauer stieß die Tür auf und sagte, noch außen, sehr förmlich und gemessen: „Guten Abend, miteinander!“ dann schritt er über die Schwelle, indem er sich vorsichtig, aber tiefer als nötig war, niederbeugte, um nicht an dem Türpfosten anzustoßen, dem er übrigens eine ganz beträchtliche Breite zutrauen mußte, denn er erhob den Kopf nicht früher, bis er inmitten des Stübchens vor dem kleinen Tische stand, auf den er sich nun mit beiden Armen aufstützte.

„Grüß Gott, Vater!“ sagte Burgerl und lehnte sich von der andern Seite über. „Hast uns ein’ Kirchtag mitbracht?“

„Allbeiden, versteht sich.“ Der Grasbodenbauer begann seine Taschen von außen abzuklopfen, dann zerrte er aus einem Rockschoße ein paar etwas formlose Pappschachteln hervor und legte sie auf die Tischplatte,während Leni — sehr zur Unzeit — das mittlerweile zustande gebrachte Licht daneben rückte.

Burgerl schlug die Hände zusammen und sah ihrem Vater sehr aufdringlich unter die Augen, der wich ein wenig zurück, starrte eine Weile auf sein „Mitgebrachtes“, dann trat er vom Tische weg und sagte mit einer zuweisenden Handbewegung: „Müßt’s halt vorlieb nehmen, es war nix G’scheites af’m Markt.“

„Ei, Vater,“ seufzte Burgerl, „ich fürcht’ nur, du hast da ein’ zu guten Handel gemacht.“

„Warum?“

Burgerl griff nach den zerdrückten Kartons. „Ich mein’ nur, da werden jetzt mehr Stück drin sein, als du gekauft hast.“

„Nein,“ sagte der Bauer, „es is nix Gebrechlich’s — wenigstens, ich hoff’ nit —“

„Das is ’s Mein’!“ schrie Burgerl freudig auf, als nebst einem Schmucketui ein Schildpattkamm aus den Falten eines buntseidenen Tuches fiel, das sie aus der einen Schachtel hervorgeholt hatte. „Und das is das Dein’,“ sagte sie, die andere uneröffnet Magdalenen aufdringend.

Der Bauer nickte.

Die Kleine klappte das Etui auf, es enthielt ein goldenes Kreuzchen an dünner, feingliederiger Kette. Das Kind starrte die Herrlichkeiten erst stumm an, dann nahm sie das Kettchen um, steckte den Kamm auf, band das Tüchelchen vor und sprang auf den Vater zu: „Jesses und Joseph, Vater, was tu’ ich dir denn z’lieb’, weil d’ dich so viel brav eing’stellt hast?! Na, vergelt’ dir Gott dein G’schenktes und laß dir die Hand küssen und noch einmal extra dafür, daß d’ mir mein’ vielschön’ Kamm nit verbrochen hast.“ Sie küßte und tätschelte seine Handund rief unterdem zu Leni hinüber: „Na, schau doch das Deine.“

Magdalene hob verlegen den Deckel ab, ein seidenes Halstuch lag auch da oben auf.

„Der Krämer sagt, es wär’ rechtschaffene Seiden,“ bemerkte der Grasbodenbauer mit einer Stimme, als machte er ein Geständnis, das ihm schwer fiele.

Unter dem Halstuche befand sich ein Etui mit einer Schnur gehackter Korallen, vorne künstlich in Zacken vernestelt und rückwärts durch eine starke Schließe zusammengehalten. Magdalene stand erschreckt. „Das kann ich nit annehmen, Bauer,“ stammelte sie.

„Willst mich beleidigen?“ brauste der auf.

„Um d’ Welt nit,“ sagte sie, „aber sei g’scheit, das is all’s z’viel, wie käm’ ich dazu und was tu’ ich damit? Mein Sonntagsg’wand schauet daneb’n ein’ Hadern gleich, und wenn ich auch hätt’, was zu selb’m G’schmuck taugt — ich frag’ dich, ob sich wohl ziemen möcht’, daß ich mich so trag’?“

Der Grasbodenbauer fuhr mit der Hand nach dem Ohr, er streifte dabei die Krempe seines Hutes, jetzt erst nahm er ihn ab und strich sich die Haare aus der feuchten Stirne. „Hast nit unrecht,“ sagte er, „aber vermeint ist dir’s einmal und behalten mußt du’s! Und mit der Zeit schickt sich wohl a Zeit, wo du’s auch wirst tragen können; b’halt’s nur auf bis dahin, wer weiß, wofür’s gut is, aber z’ruckweisen darfst’s nit, da tät’st mein’m guten Willen übel.“

„So sag’ ich vergelt’s Gott für den und fürs G’schenkte.“ Magdalene trat an ihn heran und haschte nach seiner Hand.

„Beileib’,“ sagte er, „wirst mir doch nit wollen die Hand küssen, wo ich dir bring’, woran dir d’ Freud’ aufsparen mußt?! Ich hab’, Gott’s wahrhaftig,Schick und Brauch ung’fragt lassen und einkauft, als ob’s für die Bäuerin wär’; no, mein, ’s schwerst’ Teil, was einer solchen aufliegen könnt’, hast ja du auf dich g’nommen,“ — er nickte gegen Burgerl — „verstehst mich wohl? Aber nun laß schau’n, ich möcht’ wohl probier’n, wie das Zeug paßt, ob ich mich in der Halsweiten nit verschaut hab’ und ob ’s G’schloß fix schließt.“ Er legte ihr das Korallenband um den Hals und mühte sich, dessen Enden zusammenzupassen; bald begannen seine Arme zu zittern und er ließ beide Hände einen Augenblick auf den Schultern des Mädchens ruhen, dann hob er sie hastig und brachte es mit einem Griffe zu Ende. Der Dorn sprang ein. Tief aufatmend richtete sich der Bauer in die Höhe und da stand er knapp an der Dirne und da ließ er die eine Hand über dem vollen Nacken liegen und mit der Rechten drückte er ihr Köpfchen an seine breite Brust, sofort aber sanken ihm die Arme nieder. „Hab’ kein Arg,“ sagte er. „Gute Nacht!“ Eilig verließ er die Kammer, man hörte, wie er über die Treppe hinabgelangte, unten seine Stubentür öffnete und schloß und dann mit starken Schritten im Gemache auf und nieder ging.

Während unten der Mann ruhelos auf und nieder schritt, stand oben das Mädchen eine geraume Weile, ohne sich zu regen. Es war ihr ärgerlich, daß sie ihm seinen Gutenachtgruß nicht zurückgegeben, um ihm zu zeigen, daß sie in der Tat kein Arg habe; wenn er ihr merken ließ, daß er ihr gut sei, so war er es ja doch nur — das wußte sie — Burgerls wegen — — —

Das Geknarre einer Lade, die Burgerl aus dem Schrank zog, um ihren „Kirchtag“ aufzuheben, schreckte sie auf und sie sagte lächelnd: „Laß offen, ich leg’das Meine auch gleich dazu.“ Sie entledigte sich des Geschmeides, faltete das Tuch zusammen. „So, da bleib mir fein liegen und komm mir nit weg. Bist ja mein G’schenktes vom Grasbodenbauer. — Sag mal, Burgerl, — wie lang ich schon bei euch bin, weiß ich dein’ Vater nit anders zu nennen — wie tut ihr euch denn schreiben?“

„Ist kein Geheimnis,“ lachte die Gefragte, die sich mittlerweile entkleidet hatte. „Ich schreib’ mich Walburga Engert.“

„Und dein Vater?“

„Kaspar,“ sagte Burgerl und schlüpfte unter die Decke.

Plötzlich verstummten die Tritte in der Stube unter ihnen, mit einem Schlage ward es stille. „Horch,“ rief Leni, sie ging nach der Tür, öffnete diese und lauschte. „Es wird ihm doch nix zug’stoßen sein? Er is ’s nit g’wöhnt ...“

Das war, als der Bauer vor dem offen stehenden Fenster innehielt, einen tiefen Atemzug tat und murmelte: „Keine Dummheiten, Kaspar! Häng keinen Dummheiten nach.“ Dann nahm er seinen Gang wieder auf.

Oben schloß sich die Tür. „Es ist ihm nix. Da bin ich recht froh,“ flüsterte Leni. Sie stutzte und kehrte sich hastig nach Burgerl. „Was hast denn? Mir scheint, du bist lustig und lachst?“

Die Kleine gab keine Antwort, sie lag stille, die Decke bis an die Augen hinaufgezogen und letztere geschlossen.

Leni löschte das Licht und wieder hörte sie hinter sich ein unterdrücktes Kichern.

„Burgerl!“

— — — — — — — — — — — — — —

„Na wart nur, schlecht’s Menscherl, diesmal war’s g’wiß gelacht.“

Worüber sie lachen mag?


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