16.
„Da sieht man wieder, der alte Reindorfer ist halt gescheit,“ sagten die Leute zu Langendorf, „der hat den Müllerjungen früher ausgefunden wie keiner, darum hat er ihm sein Mädel nicht gegeben. Man braucht auch nur zu bedenken, wie dem sein Vater war. Wahr bleibt doch: Art läßt nicht von Art, und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“
Dagegen dachte sich der also belobte Reindorfer im stillen seinen Teil. „Sie bedenken’s nicht,“ meinte er, „daß Art nicht von Art zu lassen braucht und doch anders sein kann, pfropf’ ich einen Wildling, so bleibt er der nämliche und trägt doch bessere Frucht, und steht der Baum auf einem Hügel, so kann der Apfel gar weit vom Stamm rollen. Sprichwörter gelten auch nur von gleichem auf gleichen Fall und treffen nicht für allemal. Hätten auch hier nicht einzutreffen gebraucht. Schad’ ist’s, recht schad’!“
Der Florian war aber ein wüster Bursche geworden. Man hütete Weiber und Mädchen vor ihm, man warnte die Söhne vor seiner Händelsucht und Rauflust, er war in der ganzen Gegend gefürchtet, und er war stolz darauf.
Einige Liederliche aus dem Orte und der Nachbarschaft, welche Gefallen an seinem Treiben fanden, gesellten sich ihm zu, und da er immer auch ihr Ärgstes noch zu überbieten wußte, so ordneten sie sich ihm unbedingt unter.
Wo die Straße in entgegengesetzter Richtung von der Kreisstadt das Dorf verließ, stieg sie ziemlich steil die Hügel hinan, und gerade auf der Höhe, von wo sie wieder talabwärts führte, stand ein kleines Wirtshaus, dort versammelte Florian seine Getreuen.
Der Wald rückte knapp bis an die Straße vor, man saß unter den prächtigen Tannen und hatte einen weiten Ausblick in das Land. Heute lag die Gegend rings in mildem, heiterem Sonnenlichte und zu der heiligen Stille über allem bildete die lärmende Zechgenossenschaft unter den Bäumen, die leise ihre Wipfel schüttelten, einen argen Gegensatz.
„Ihr seid nur liederlich,“ schrie Florian, „weil ihr gesund und dabei faul seid und nicht wißt, was ihr anfangen sollt, damit euch die Zeit auch ohne Arbeit vergeht. Sieben Dirnen zu gleicher Zeit nachsteigen, euch vom Bauer ausjagen lassen, wo gar keine Bäuerin an euch denkt, das haltet ihr schon für einen Kapitalspaß; mich freut’s nur, wo eine Teufelei dabei ist. Einem Bauer zeigen, daß er auf seiner goldigen Nuß, die er jahrlang bis auf den Kern zu kennen meint, nur Flimmer klebt und daß sie taub ist, — früher als der rechte Bub’ bei einer Dirn’ einsteigen und ihm Tag darauf, wenn er muckt, noch obendrein die Knochen zerschlagen, das ist so meine Unterhaltlichkeit!“
Von den sechs Burschen, die mit Florian um den Tisch saßen, waren fünf fast noch jünger wie er; man sah ihnen an, daß sie nur mit dem Gefürchteten umgingen, weil sie glaubten, durch die Schrecken, die ihn umgaben, auch für ihre Person gefeit zu sein, und gewiß waren, einiges Aufsehen zu erregen, wenn man sie immer, aus tausend und keinem Anlaß, an seiner Seite sah. Diese schwiegen stille und begnügten sich, ihm beifällig zuzunicken, nur einer wagte sein Weinkrüglein unternehmend anzufassen und damit an das seines Vorbildes anzustoßen.
Der sechste war ein älterer, riesenhaft gebauter Mensch, seines Zeichens ein Kohlenbrenner, er waroffenbar dem von der Mühle im Wasser-Graben herstammenden jungen Apostel der Liederlichkeit nicht vom brennenden Kohlenmeiler weg gefolgt, für ihn hatte dessen Botschaft wohl lange vorher schon bestanden und er hielt sich nur zu ihm als zu einem Gleichgesinnten, diese Stellung und seine Jahre erlaubten ihm schon, sich etwas „herauszunehmen“. Er tat einen langen Trunk und sagte:
„So hat halt ein jeder sein eigenes gemütliches Wesen an sich. Aber eins hab’ ich dir schon lange sagen wollen, schau, Flori, ich meine es dir gut, ich weiß doch gewiß auch, was einer mitmachen kann, aber das soll ein jeder dabei recht bedenken, wie weit er ausreicht. Du bist ein Teuxelskerl, da ist nichts zu reden, schon gar nichts; im Ringen hast du deinen Vorteil, du hast mich untergekriegt, das will was heißen! Wenn es dir ansteht, so saufst du die Mannleut’ untern Tisch und schwätzest die Weibsbilder um ihr klein bissel Verstand, alles recht, wenn man’s nur auch treibt wie ein ordentlicher Mensch, aber du tust bei allem nicht anders wie ein wildes Vieh. Schau nur, zum Beispiel beim Raufen, wie tust du da? Unsereines erhitzt sich dabei nicht mehr als notwendig ist und wartet auf seinen Vorteil, gewinnt man den und drückt seinen Widerpart so sauber nach einer Seite, wo er nimmer schaden kann, dann lacht einem ja erst das Herz im Leibe, wenn man ihn so hat und hält und haut, solang es angeht, in aller Gemütlichkeit; aber du tust ja gleich vom Anfang, als würd’st es versäumen, du paßt nichts ab, du schaust gleich aus, als möchten dir die Stirnadern springen, und wenn du endlich obenauf bist, kannst du dem andern gar nichts mehr antun, mußt selbst gleich ablassen und verdirbst dir die ganze Freud’. So ist’s auch beimTrinken, du hältst keine Zeit ein von Trunk zu Trunk, bei dir muß’s wie auf der Extrapost gehen, und hast du dir eine Liebschaft in den Kopf gesetzt, da weißt du dich gar nicht mehr aus vor Leidenschaftlichkeit und Übereile. Ich sag’ dir, das taugt eben alles nichts, du schaust auch gar nicht gesund dabei aus, mir geschäh’ leid um dich, aber glaub mir, wenn du es so forttreibst, so machst du es nimmer lang mit!“
„Das und lang? Ich möcht’ selber nicht,“ sagte der Müllerssohn. „Meinst du, ich häng’ an der Welt? Ich spuck’ auf sie. Einmal hätt’ ich mir sie gefallen lassen, wie sie da eingerichtet ist für die ordentlichen Leute, aber wie ich hinzugekommen bin, da war die Tür zu, ich hab’ mich dagegen aufgebäumt, daß ich mir die Seel’ ausgerenkt hab’, und die richtet mir kein Doktor auf der Welt wieder zurecht. Und wenn ich denk’, wer und was sich dagegen gestemmt hat, daß ich wohl hab’ ablassen müssen, da verwind’ ich’s nicht. Ich verwinde es nicht!“ — Er preßte die Zähne zusammen, daß die Spitze seines Pfeifenrohres zerspellte. — „Kohlenbrenner-Jackerl, du sagst, ich gebärd’ mich wie ein wildes Vieh, hast recht, was ich tu’, ich tue es in Grimm und Wütigkeit. Ich habe eine verschrobene Welt in mir und neid’ einem jeden seine ehrliche, gerade und verderb’ und verkrümm’ sie ihm, wo ich kann. Schau, ich weiß, selbst deinem Treiben macht einmal die Zeit ein End’ und du wirst dich fein langsam zur Ruh’ geben, und die andern da, die toben sich aus und schicken sich dann gerne in ein ehrsam’ Leben auf dem Elternhof. So aber ist’s nicht bei mir, ich komm’ nicht zur Ruh’ und für mich ist nichts mehr da, in was ich mich hineinschicken könnt’!“
„Und laß dir gleich noch eins sagen,“ fiel ihm der Kohlenbrenner Jakob in die Rede, „deine Ausreden taugen auch nichts, du hast dir einmal inwendig vorgenommen, du willst einen ganz besonderen Lumpen in der Welt abgeben und wilder tun als alle andern, darum redest du so daher. Man weiß ja doch, warum du auf einmal anders geworden bist, als du früher gewesen warst; um eine Dirn’ ist’s halt hergegangen, die du nicht hast haben sollen, nun so was mag einen schon rechtschaffen ärgern, aber für so einen Schwächling halt’ ich dich nicht, mein lieber Flori, daß dich das ganz aus dem Häusel brächt’ und dir die Welt verleidet!“
Der unternehmende Junge von vorhin schrie dazwischen: „Und die Welt wär’ schon schön, wüßt’ man nur, was man darauf anfangen sollt’.“ Da diese nachdenkliche Äußerung weder dem Müllersohne noch dem Kohlenbrenner zugunst oder ungunst geredet war, so passierte sie unangefochten; der Bursche blickte stolz um sich, denn er hatte mitgesprochen.
Florian, der den Kohlenbrenner eine Weile mit großen Augen angesehen, lachte jetzt höhnisch auf. „Ich glaub’ gar, du traust mir nur darum nicht zu, daß mir anders zumut’ sein könnt’ als euch, weil du nicht gerne zurückstehen willst, du warst ja vor mir der ganz besondere Lump vom Ort, und dich kränkt wohl, daß du jetzt nicht wie früher das große Wort führen sollst?“
„Das ist Unsinn geredet,“ brummte der also Angeschuldete.
„Kein größerer, als wie du vorhin vorgebracht hast. Um eine Dirn’ ist’s hergegangen, meinst du? Allein um eine Dirne?! Dabei war eine, das ist sicher und ihr alle wißt davon. — Redet mir nur keinerein Wort darüber, nehmt keiner den Namen ins Maul, ihr wißt, das macht mich wild! Nun, meine ich doch, ihr kennt mich als einen, den man schon mit guten Fäusten eine Weile drücken kann, ehe er aufschreit: ihr mögt euch denken, blaue Flecke hätte es wohl gegeben, — und die wären halt ja geblieben für alle Lebzeit, — aber wenn ihr merkt, daß es mehr gegeben hat, daß es mich abseit geworfen hat von aller hergebrachten Art und Weis’, so könnt ihr doch von selber auf den Glauben kommen, daß es um etwas mehr hergegangen ist, als um eine Dirn’, die ich nicht hab’ haben sollen! Um was mehr, das kann ich nicht aussagen, das muß ich bei mir behalten. Darauf möcht’ mir vielleicht einer von euch noch sagen: gar so was Arges könnt’ es nicht gewesen sein, denn die mitbetroffene Dirn’ hat ihren Teil geduldig auf sich genommen. Wohl, aber ein Weib ist da wie von Lehm und der Mann wie von Stein, und worunter sie noch zur Seit’ weichen kann, darunter zerbröckelt er. Und wenn einen das Schicksal so hinlegt wie einen fiebernden Kranken, da kommt es auch darauf an, was für ein Trank in der Hausapotheke zur Hand ist, ob gut’ ehrlicher Rat oder schlecht übel Beispiel. Und geh’ ich an dem Schicksalsfieber darauf, wen bekümmert’s? Mich am allerwenigsten.“ Er strich mit der flachen Hand über den Tisch. — „Es wäre gerade kein Muß gewesen, daß ich euch all das zu Gehör’ rede, es ist nur geschehen, damit jeder weiß, ich habe mein’ Teil erlebt und es braucht bei mir nicht erst ein Vornehmen, um ein anderer zu sein als ihr, und in Wahrheit lass’ ich mich auch nicht gerne mit euch vergleichen, denn da, wo ihr aufhört, da heb’ ich erst an. Glaubt es, oder glaubt es nicht. Ihr könnt mich ja erproben. Nennt mir ein Beginnen, der Red’wert, an das sich keiner von euch herantraut, ich führ’ es aus!“
„Ich wüßt’ eins,“ schrie der Unternehmende, „damit ist noch keiner aufgekommen, einen Eimer auf einen Sitz trinken.“
„Das wär’ ein Stück so groß und so dumm wie du selber bist,“ sagte Florian.
„Was können die mitreden, die von nichts noch wissen,“ meinte der Kohlenbrenner. „Willst wirklich an was heran, wovon neuzeit noch jeder seine Hände ferngehalten hat?“
„Möcht’ ich es sonst sagen? Ich meine nur, wir haben es da herum in der Gegend an keinem Unfug fehlen lassen und dir wird nicht leicht was Neues beifallen.“
„Darf es nicht ein wenig aus dem Wege liegen?“ fragte lauernd der Kohlenbrenner.
„Wenn es was Rechtes ist,“ sagte Florian, „so geh’ ich drei Tag’ weit danach.“
„Bist in einem dort, wo ich meine. Weißt du Zirbendorf?“
„Dort liegt’s,“ Florian wies in die Gegend, in der Richtung lag ein hohes Gebirge in verschwimmendem Blau.
„Hast nie etwas gehört vom Leutenberger Urban dort?“
„Nein.“
„Nimmt mich nicht wunder. Wie er in dem Alter war wie du, da war die ganze Gegend voll von ihm, danach ist alles wieder hübsch eingeschlafen, nur er nicht, er freilich nicht, er ist hübsch munter geblieben bis auf den heutigen Tag. Das ist aber daher gekommen, anfangs hat man geglaubt, er wird doch einmal seinen Meister finden, der ist aber ausgeblieben,sauber zerschlagen ist noch jeder heimgekommen, der mit ihm angebunden hat, es sind alle nacheinander dort gewesen, die so was haben unternehmen können; alle hat er heimgeschickt und so hat sich keiner mehr an ihn herangewagt und da haben sich auch die Leute rundum nicht mehr zu mucken getraut; was er ihnen auch an Gewalt und Bosheit angetan hat, es ist nimmer viel Gerede davon gewesen, es hat sich eben gezeigt, daß er der Stärkste war, und seither ist jeder froh, wenn nur er mit dem Urban auf gutem Fuß steht, und fragt nicht danach, was der mit den andern vornimmt. Seit er ihnen den Herrn gezeigt hat, hört man wenig mehr von ihm, aber daheim macht er ihnen zu schaffen, gerade wie früher.“
„Du meinst, mit dem soll ich’s aufnehmen?“
„Ich meine nichts, es war nur die Rede, ob einer was weiß, was sich keiner getraut, und da ist mir die Geschichte von dem Leutenberger Urban eingefallen. Es ist auch schon eine lange Zeit her, jetzt lach’ ich darüber, aber damal hätt’ ich vor Wütigkeit weinen mögen, wie ich von dort heimgekommen bin mit dem Buckel voll schwerer Schläg’, und die hab’ ich nirgends abladen können. Wie gesagt, du mußt es nicht so aufnehmen, als wollt’ ich dich an den hetzen, wo noch jeder übel weggekommen ist, eben es gilt ja keine Wette.“
Florian stand auf. „Du mußt nicht auf einmal so sorglich tun um mich, Kohlenbrenner-Jackerl. Ich merk’ ja doch, daß du mich nur hänselst und inwendig ein breit’ Maul ziehst. Laß dir davon abraten, sonst möcht’ ich mich ein wenig an dir erproben und so gut wie der Leutenberger Urban denk’ ich es auch noch zu treffen, und da das keine lange Zeit her wäre, so möchtest du auch nicht darüber lachen. Wenn ich gesagt hab’, ich führe es aus, so führe ich es aus!Ihr sollt noch davon hören.“ Er zahlte und die Gesellschaft entfernte sich in etwas gedrückter Stimmung.
Sie gingen die Straße durch das Dorf. Der lange Kohlenbrenner hielt sich immer einige Schritte abseits von den andern. Hier gab der eine, dort der andere gute Nacht und verschwand in der Türe eines niederen Häuschens oder hinter dem Gatter einer Hofumzäunung; als Florian bei dem mittleren Graben anlangte, befand sich niemand mehr an seiner Seite. Er schritt rüstiger aus, aber er hatte nur eine kurze Strecke zurückgelegt, als er hinter sich jemand eilig herankommen hörte, er dachte gleich an den Kohlenbrenner und da er ihm keine freundliche Absicht zumuten mochte, so drehte er sich so herausfordernd um, daß der Herankommende, es war der Köhler, nicht zweifelhaft sein konnte, welcher Empfang ihm zugedacht sei.
„Sei nicht dumm, Flori,“ keuchte hinzutretend der Lange. „Ich werde dir doch nicht nachlaufen, um mir die versprochenen Schläge zu holen, ich weiß ja wohl, daß du von uns zweien der stärkere bist. Mich verlangt nur, daß ich dir sag’, was ich heut’ geredet hab’, das laß zu einem Ohr hinein- und zum andern hinausgehen, kehr’ dich nicht daran, ich hab’ es nur so im Zorn vorgebracht, weil du mich geschraubt hast, als möcht’ ich noch immer wie ehedem der Erste sein und tät’ es dir neiden, dasselbe ist aber halt doch nicht wahr, ich bin schon zu alt, und dich mag ich leiden und es läge mir auf dem Gewissen, wenn ich der Anlaß wär’, daß du zu Schaden kämst. Wo noch einer glauben kann, er wiegt den andern auf, nun, da ist gerauft eben gerauft, aber da ist’s gemördert, der Urban ist ein Kerl wie der Teufel selber, der bringt einen auch um in aller Gemütlichkeit. Schau, mußt nicht nach Zirbendorf gehen. Hänseln wird dichdarum keiner, denn daheim bei uns bist du der Starke. Tu’s nicht.“
„Bekümmer’ dich nicht allfort um mich,“ der Müllerssohn drehte ihm den Rücken und ging.
„Hör’, Flori,“ rief ihm der Köhler nach, „nur eins nimm von mir an!“
Der Angerufene hielt inne und blieb, abgewendet von ihm, zuwartend stehen.
„Wenn du schon gehst, so reiz’ den Sackermenter nicht unnötig auf, sag’: du kämst nur, um dich zu erproben; verabredet ein Ringen und welche Vorteil’ dabei gelten sollen und welche nicht, und wird einer geworfen, so soll’s aus sein und soll nicht weiter Hand an ihn gelegt werden. Hörst du?“
„Ich hör’ schon,“ sagte Florian und kehrte sich dabei etwas dem Kohlenbrenner zu. „Soll nicht auch noch ausgemacht werden, auf einem Heuschober müßt’ es vor sich gehen, damit, wer verliert, nicht hart fällt? Du bist doch selber kein so Feighart, wie du anderen zu sein anraten möchtest. Daß du mich darauf gebracht hast, ist mir lieb, denn es ist doch einmal was Neues, und wie es ausgeht, da ängstige dich nicht. Behüt dich Gott, Jackerl!“
„Behüt dich Gott, aber ...“
„Sollen wir als gut Freund voneinander gehen, so gib mir jetzt weiter keine Red’. Gute Nacht.“
Mit raschen Schritten entfernte er sich, der Köhler blieb eine Weile nachdenklich stehen, er machte einige lebhafte, bedauernde Gesten hinter dem Davoneilenden und ging dann langsam und kopfschüttelnd seiner Wege.
Als Florian dem Busche nahe war, der den Reindorferhof verdeckte, hörte er jemand auf der Straße einherlaufen, und als er um das Gesträuch bog, rannte ein Mann an ihn. Er erkannte den alten Knecht Reindorfers.
„Nun, was gibt’s so eilig?“ fragte er.
„Halt ja, eilig, — guten Abend,“ — sagte der Knecht. „Den Bader haben wir im Haus. Die Bäuerin will versterben, ich muß nach’m hochwürdigen Herrn laufen. Gute Nacht!“
„Gute Nacht! Die Bäuerin will versterben!“ Er betrachtete den Reindorferhof, der friedlich im Abendschatten vor ihm lag. „Wie lang dauert’s, so bringt der junge Bauer eine neue Bäuerin darauf. Etwa die Melzer Sepherl?“ Er lachte höhnisch. „Dann entspinnt sich aufs neue die alte Geschichte zwischen dem Hof und der Mühl’!“ Er lachte nicht mehr, ihn fröstelte.
Er stieg hastig den Weg hinan, der über die Wiese und durch das Tannenwäldchen führte. Er kam bis zum Weißdornstrauch.
„Wie dumm. Nun will mich heut auf einmal alles erinnern. Ich mein’, sollt’ ich jetzt durch den Tann, ich könnt’ weinen wie ein Bub’!“
Er kehrte wieder um und verfolgte den Weg auf der Straße.
„Da haben wir uns auch einmal als Kinder getummelt. — Daß es mich gerade heute überkommt?! — Da geh’ ich einher und mir ist, daß ich keinen Wurm vom Halm streifen und keine Schnecke zertreten möcht’! Ei ja, so sieht einer aus, der morgen mit dem Urban von Zirbendorf anbinden will!“
Das half. Er trat wieder strack auf, und was im Wege war, das mochte sich vorsehen.
Es war in der Nacht, als der Pfarrer auf dem Reindorferhofe anlangte.
Er trat in die Stube, in der Ecke stand das Bett, darin die Bäuerin lag, sie atmete schwer. EinÖllämpchen beleuchtete spärlich den Raum und warf einen schwanken, matten Kreis auf den Tisch, worauf es stand, daran saß der alte Reindorfer und schrieb.
„Guten Abend, Reindorfer, wie geht es?“ fragte der Pfarrer; er war die Zeit über noch beleibter geworden, aber er hatte seine Lebhaftigkeit eingebüßt.
„Ich küss’ die Hand, Hochwürden,“ sagte der Bauer. „Schlecht geht es, recht schlecht. Ich schreib’ gerade an die Magdalen’, auch der Liese hab’ ich Botschaft sagen lassen. Es ist nur, daß die Kinder es wissen, zu sehen verlangt sie sich keines. Ich soll die nur zulassen, wenn sie aufgebahrt sein wird.“
„Sonderbar, die Kinder will sie nicht um sich?“
„Nein. Ich werd’ sie wecken, hochwürdiger Herr, damit sie beichtet.“
„Laßt es gut sein. Ich will es schon abwarten, bis sie von selbst wach wird.“
„Ich bin wach,“ sagte die Kranke plötzlich.
„So will ich Euch Beichte hören, Reindorferin.“ Der Pfarrer setzte sich an das Bett der Sterbenden, der Bauer wollte sich entfernen, aber sie machte eine heftige Bewegung, als wollte sie ihn zurückhalten, so daß der Seelsorger sich rasch erhob und sagte: „Bleibt nur da, Reindorfer.“
Der alte Mann trat zurück an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Es rührte und regte sich nichts, nur das Geflüster und leise Geschluchze der Beichtenden drang eintönig an sein Ohr.
Der Pfarrer bewegte sich etwas unruhig, er sprach der Bäuerin Trost zu, betete dann und machte das Kreuzeszeichen über sie.
Er erhob sich und trat auf den Bauer zu. „Reindorfer,“ sagte er, „Sein Weib ist nun mit Gott versöhnt, aber ehe ich ihr das heilige Abendmahl reiche,begehrt sie noch Seine Verzeihung für all das, womit sie sich gegen Ihn versündigt hat. Reindorfer, Er ist ein Christ, habe ich es nötig, Ihm viel Worte darüber zu machen?“
„Nein, Hochwürden, dasselbe ist nicht not. Sie hat schon recht, wenn sie das begehrt, denn unser Herrgott nimmt die Dinge wohl nicht so auf wie ein Mensch und darum ist es gut, man verlangt auch den Menschen ihre Verzeihung ab! Sie hat auch recht, — gleichwohl sie hat merken können, ich trage ihr nichts nach, — wenn sie es gesagt haben will, denn solch ein Wort zur letzten Letzt’ ist wahrhaft und läßt sich nicht lügen und nicht leugnen.“ — Er trat heran an das Bett. — „Rosel, wenn ich daran denk’, wie lange du brav und ehrlich warst, vermöcht’ ich nicht, dir in deinem Sterben nachzutragen, daß du einmal schwach und hinfällig gewesen.“
Das Weib schluchzte heftig. Der alte Mann fuhr sich über die Augen mit der Rechten, dann erhob er sie feierlich. „Und so sag’ ich dir denn, daß ich dir alles vom Grunde des Herzens verzeihe, so wahr ich mir dereinstens von Gott und den Menschen das gleiche erhoffe. Amen!“
Er legte seine zitternde Hand in die ihre, sie faßte ihn daran und hielt den Blick der matten Augen starr auf ihn gerichtet. „Mein Joseph, so ist es nun recht geworden und nun bleibt es. Ich wollt’ nur, ich hätt’ noch ein Leben mit dir, — du solltest es anders haben.“ Wieder weinte sie heftig.
„Tu dich nicht aufregen, der hochwürdige Herr versammelt schon das Gesind’!“
„Du bleib’ bei mir, Joseph, du bleib’ bei mir, auch vor den Leuten, gelt ja, — das ist unser neuer Brauttag, unser Brauttag.“
Der Pfarrer, der vor die Tür getreten war, führte jetzt den Mesner und das Gesinde herein. Als er der Bäuerin die kirchliche Tröstung reichte, trat er selbst nur einen Schritt heran und vertrieb den Bauer nicht von seinem Platze, und als sie gingen, winkte er ihm mit stillem Gruße, zu bleiben.
Über eine Weile waren die Leute fort, die Bäuerin atmete ruhiger, es löste sich ihre Hand, sie war eingeschlummert. Der Bauer trat leise von ihrem Bette zurück, ging nach dem Tische und griff nach der Feder. Er hatte an Magdalene geschrieben, wie es um ihre Mutter stehe und daß sie für dieselbe beten solle. Jetzt fügte er noch hinzu, daß sie eben mit den Sterbesakramenten versehen worden sei und daß er ihr vom Grunde des Herzens vergeben habe.
Er beendete den Brief nicht, es ward ihm gar ängstlich in der Stube, er schlich hinaus nach dem Hofe und tat einige tiefe Atemzüge.
„Ihre Reu’ hat mir schier wehgetan,“ murmelte er. „Es ist doch ein eigenes herzverschnürend’ Wesen um so ein Sterbendes, wie bald und es soll nimmer sein; da möcht’ man voreh’ noch einmal den ganzen Herzinhalt vor ihm ausschütten, aber er will nicht ins Wort, bis es vorbei ist, und man behält das Ganze für sich, ungesagt und ungehört. O du mein Herr und Gott! Wie hilft sich doch alles auf der Welt so elendig durch, was geboren wird, bis es wieder versterben muß! Halt ja, müssen wir uns allsamt rechtschaffen erbarmen! Von der Lieb’ soll mir keiner sagen, die sucht ihren Grund und hat ihr Absehen, das Erbarmen fragt nicht danach, dem ist genug, daß eines mit da ist, das Erbarmen untereinander, es ist doch das Beste!“
Er horchte auf, wohl regte sich nichts, aber er eilte mit leisen Schritten zurück an das Sterbelager seines Weibes.
Am frühen Morgen darauf machte sich Florian bereit, die Mühle zu verlassen.
„Wohin denn wieder,“ fragte finster der Müller, „soll das Herumstromen nie ein Ende haben? Muß alle Tag’ etwas ins Werk, was du dir ausgesonnen hast, um meinen Namen noch mehr zu verschänden? Immer muß man in Angst sein, daß du von einem Gange nicht mehr heimkehrst. Sieh dich vor, du treibst es arg, sie werden dich noch erschlagen.“
„Sei gescheit, Flori, ich bitt’ dich, sei g’scheit,“ sagte die Müllerin.
„Sorg’ dich nicht, Mutter,“ entgegnete der Bursche, dann wandte er sich an seinen Vater. „Wenn sie mich erschlügen, ich klagte nicht darum, du weißt am besten, was mir am Leben liegen kann; nur zank’ nicht, dazu hast du kein Recht, denn wie du warst, werd’ ich doch auch sein dürfen.“
„Ich war nie so,“ brauste der Müller auf.
„Mag auch sein, daß ich es übertreib’; dafür ist es dich leichter angekommen, ich geb’ mir Müh’ dazu. Nun behüt Gott!“
„Tu mir’s zuliebe,“ bat die Müllerin, „und bleib nur heut, den einen Tag, heim.“
„Heim ist’s langweilig.“
„Sag wenigstens, wohin du gehst,“ begehrte der Müller.
„Ei, weiß ich’s, wohin mich der Zufall bringt und meine Füße tragen? Behüt euch Gott!“
Fort war er. Die Müllerin blickte, wie Rat undTrost suchend, nach ihrem Manne, aber der stand selbst wie verloren da.
„Es ist ein Elend mit dem Jungen,“ sagte er, „aber es wird sich wohl geben, er treibt es mit zuviel Hast und Übernehmen, da muß er es bald müde werden und klein beigeben.“
„Meinst du?“
„Ei freilich.“
Florian ging durch das Tannenwäldchen, die Sonne stieg eben herauf, jenseits aber, als er über die Wiese herunterkam, lag der Reindorferhof noch in Morgendämmer. Der Knecht stand vor dem Tore, eine Magd kam herzugelaufen, da nahm er die Pfeife aus dem Mund und unterließ es Feuer zu schlagen, er schickte sich gerade an, der voraneilenden Dirne langsam nachzufolgen, als Florian ihn anrief: „Nun, was ist’s mit der Bäuerin?“
Der Knecht wies im Gehen mit der Pfeife nach dem Hofe. „Sie stirbt eben,“ sagte er leise.
„Schau einmal.“ Gleichzeitig ging Florian der Straße nach weiter. Gestern wäre ihm vielleicht eingefallen, daß die Sterbende Magdalenens Mutter war, aber heute „überkam es ihn nicht“. Rein war der Himmel, und die Sonne wird bald ganz heroben sein und es diesmal redlich warm meinen. Wer, der in frischer Jugendkraft dem sonnigsten Tage entgegengeht, wird auch an das Sterben und an den Tod denken?
Das kommt, da hat es noch lang hin!
Er schritt rüstig aus, es war kein kleines Stück Weg nach Zirbendorf.