17.
Da liegen die Häuschen erst verstreut, dann tun sie sich zusammen und bilden eine Gasse, von derhie und da ein Gäßchen abzweigt, eines davon führt über Stufen zur Kirche hinan, die über dem Dorfe inmitten des kleinen Friedhofes steht. Ein Schreiner hat dort seine Werkstatt, die Fenster nach den Hügeln und Kreuzen heraus, und man hört das langgezogene Schleifen des Hobels. Die Uhr auf dem Turme schlägt jede Viertelstunde, zu bestimmten Tageszeiten wird auch die Glocke gezogen und da nehmen die Leute die Kappen ab und falten die Hände, mögen sie weit draußen auf dem Felde oder heim im Stalle oder Garten sein. Jede Stunde mißt ihnen die Uhr unter dem funkelnden Kreuze zu, jede Stunde als Geschenk des Himmels.
Wer zum erstenmal so ein Dorf und seinen kleinen Friedhof betritt und den Stundenschlag gleichmäßig verhallen hört über der kleinen, enggeschlossenen Gemeinde der Verstorbenen und der Lebenden, der könnte wohl meinen, die letzteren überkäme, wie ein Segen aus der Höhe des Turmes, das Gefühl, das ihn beschleicht, der all ihrer Müh’ und Sorge ferne steht; ein Gefühl, allumgeben zu sein von der Zeit und dem Waltenden in ihr, eine Unmittelbarkeit des Ewigen. Die liebe, lichte Erde scheint herausgetrennt aus dem wirren Ganzen; in der Luft, die auf ihr lastet, atmet Andacht und jeder Atemzug erfüllt die Brust mit der Sicherheit, in und mit allem gezählt und behütet zu sein!
Es ist ein Augenblick vergessender, unmittelbarer Gegenwart, der den Wanderer erfreut, flüchtig wie diese; die Zeit, sie hat auch hier nie stille gestanden, nur merkt er eben ihre Spuren nicht. Die Menschen zur Stelle aber mahnt der Stundenschlag und Glockenklang an etwas in und über der Zeit, doch sie hören es Tag für Tag, es wird gewöhnlich, sie murmeln ihreGebete, leiden unter dem Vergangenen und fürchten für die Zukunft.
Denket die Natur als, ohne Rückerinnerung und Furcht, urewig schaffende Gegenwart, und es überkommt den Menschen ein Gefühl haltloser Vergänglichkeit. Laßt den Reisenden nach einiger Zeit wiederkehren. Damals war es so und wie ist es jetzt ganz anders, schon ein zweites Mal haftet die Erinnerung auf dem Flecke und Wehmut beschleicht sein Herz. Die Alten hatten recht, ihre Heroen mußten Lethe trinken, um ewig sein zu können.
Im heiteren Tageslichte, das erste Mal berührt, sieht jede Stätte heimisch aus. Wie reinlich so ein kleines Dörfchen in hellem Sonnenscheine liegt, an die Häuser drängt das Licht, fällt durch die Fensterscheiben und schlägt in breiter Masse durch jede sich öffnende Türe ein, und draußen spielt es um Grabsteine und Kreuze; anders ist es freilich, wenn der Himmel unfreundlich ist, wenn ein dichter Landregen in trauriger Einförmigkeit niederrieselt, trotz seiner Verdienstlichkeit um Feld und Frucht blicken die Menschen verdrießlich, weil sie in ihre dumpfen Stuben gebannt sind, die Häuser selbst erscheinen ganz unförmlich und schmutzig und von den Gräbern meint man den Brodem der Fäulnis aussteigen zu sehen. Aber es gibt auch lustige Regen, die in Hast befruchtend herniederstürzen, nach denen alsbald die Sonne wieder hervorbricht, und deren Naß man lachend abschüttelt.
Unter solch einem frischen Sprühregen schritt Florian auf die Ortschaft zu; es war Zirbendorf, und die ziehenden Wolken, die ihm den nassen Gruß herniederschickten, waren schon von der Abendsonne gerötet. Er nahm sich vor, erst die Wirtshäuser abzusuchen, denn hier wie daheim geht wohl der Fleißigeseiner Arbeit und der Ausbund dem Trunke nach, und hinter einem vollen Glase dachte er auch seinen Mann zu finden. Das Gemeindegasthaus war das vornehmste, mit ihm beschloß er den Anfang zu machen, er fand aber niemand dort und es schien auch weiter niemand kommen zu wollen, so zahlte er sein Glas Wein und ging, um sich lieber in einer verdächtigen Schenke umzusehen.
Am andern Ende des Ortes fand er eine, welche so verkommen aussah, daß sie sein Vertrauen gewann. Er trat ein. Das Innere hielt vollkommen, was das Äußere versprach. Schmutz starrte an den Wänden und machte Tische und Bänke für jeden Anständigen unnahbar, ein altes Weib, das in versudelten Lumpen einherging, besorgte die Bedienung der Gäste und die Leute, die hier ein Behagen finden konnten, sie waren auch danach. Männer und Burschen in schmierigen Jacken lümmelten an den Tischen und sahen entweder blöde mit schlaffen Gesichtern vor sich hin, oder schrieen mit wildem Blick und krampfhaft verzerrten Mienen auf den Nachbar ein. Diesmal keifte aber auch die Wirtin darein, und man konnte aus ihren Worten entnehmen, daß sie die Überzeugung hege, ihre Gäste wären „Lotter, Erzdiebe und Mistfinken“, die ein armes Weib betrügen wollten, indem sie mehr söffen als sie dann bei der Zeche eingestünden.
„Gemein mit solchen macht er sich doch nicht,“ dachte Florian und wollte schon umkehren, da bemerkte er durch den dichten Tabaksqualm einen Mann, der in einer Ecke allein an einem Tische saß und wohl der Gesuchte sein konnte. Er trat daher ohne weiteres hinzu und setzte sich ihm gegenüber.
Dieser Stammgast beachtete ihn offenbar gar nicht, als er aber bemerkte, daß Florian ihn mit mißgünstigenBlicken musterte, so wurde das bald gegenseitig. Diese Musterung bestärkte Florian darin, daß er den Leutenberger Urban vor sich habe. Der Mensch, ihm gegenüber, war überaus kräftig gebaut, und daß er stark war, das sah man ihm sogar an seinem Gesichte ab, wenn er eine Muskel verzog, so war es, als kröche ihm etwas unter der Haut dahin, und es stiegen rote Flecke auf, wie von einem Druck, er hatte die Hemdärmel zurückgestreift, seine bedenklich kräftigen Arme konnten auch der Bekleidung entbehren, denn sie waren mit einem dichten Felle bewachsen. Seine Stirne war nieder, wasserhelle graue Augen, eine gerade knollige Nase und wulstige Lippen standen in seinem breiten Gesichte, das einen brutalen Ausdruck hatte und sonst auch keinen andern.
Er räusperte sich und spuckte über den Tisch, knapp an seinem Gegenüber vorbei, mitten in die Stube.
Der Müllerssohn hatte sich Wein geben lassen, sein halbvolles Glas stand vor ihm, er wandte sich jetzt ab und stieß dasselbe wie achtlos um, daß der Inhalt über den Tisch rann.
„Noch einmal,“ rief drohend der andere.
„Kann schon sein, wenn ich meinen Wein verschütten will, geht es keinen Menschen was an, und ist dir um deine Hosen leid, so heb dich und setz dich wo anders hin.“
„Büberl, du weißt nicht, mit wem du zu tun hast.“
„Nu, gefressen wirst auch noch keinen haben.“
„Weißt wer ich bin?“
„Und wenn du der Leutenberger Urban selber bist, so kommst du doch nicht gleich nach’m Teufel!“
„Kennst mich denn, weil du mich beim Namen nennst?“
„Dem Reden nach, die nähere Bekanntschaft behalt’ ich mir noch vor.“
„Wer bist denn nachher du?“
„Der Sohn vom Müller im Langendorfer Wassergraben.“
„So, so, von dir hört man ja auch reden. Schau, du steigst einem nicht schlecht zu. Ich meine, mit ein wenig weniger Reschen[22]tätest du es auch richten, wenn du dich mit mir messen willst.“
„Ausfordern kann ich dich wie es mir ansteht. Kannst ja zufrieden sein, daß ich dir vorhin die Ehr’ angetan hab’ und hab’ dich mit Wein gewaschen, wird dir ohnehin schon lang nicht geschehen sein, — ich meine das Waschen!“
Der Leutenberger Urban blickte finster. „Du hörtest gerne lachen über deine Späße, damit ich mich jemehr giften möcht’, aber gib dir keine Müh’, da lacht dir keiner; schau, wie sie duchsig herumsitzen, ich sag’ dir, ehe einer einen Lacher gegen mich losläßt, frißt er lieber sein Stielglas auf.“
Die meisten Gäste tranken Branntwein und hatten ihn in kleinen Kelchgläschen vor sich stehen.
„Ich weiß nicht,“ fuhr der Leutenberger fort, „ob du es so eilig hast, daß du auf der Stell’ an mich geraten willst, aber das merk’ ich, daß du jung bist und dich in Hitz’ und Hast hineinreden möchtest, das taugt nicht, morgen ist auch ein Tag, da wollen wir aneinander.“
„Wenn du dich heute nicht getraust, so ist es für mich gerade schicklich.“
„Sei gescheit, ich kann dir nicht bös sein, ich hab’ schon gemeint, die Kuraschierten wären allsamt ausgestorben, du bist der erste, der sich nach langer Zeitwieder heranwagt an mich, und das freut mich. Ich sag’ dir, es ist völlig zuwider, wenn man allweil so in Ruh’ bleibt und wo man selber angreift, nur unter den Fäusten was herumzappeln spürt und nicht einmal weiß, haut das zurück oder nicht. Schau, sauber hingelegt wirst, das wirst, darauf kannst du dich schon verlassen, aber freuen tut’s mich doch.“ — Er faßte nach Florians Arm und prüfte ihn mit ein paar Griffen. — „Nun, zu schaffen kannst du einem schon machen, hätten wir’s im Ernst einer auf den andern abgesehen, wir möchten nicht ganz heil voneinander kommen, aber die Freud’ machen wir den Zulauerern nicht, das hat’s nicht not, stark bleibt stark und stärker bleibt stärker, das weist sich auch beim Erproben aus.“
Damit stand er auf. „Also genug für heut, ich hab’ noch einen Gang,“ sagte er mit zusammengekniffenen Augen.
„Zu der Everl,“ kicherte die Wirtin.
Der Leutenberger tat einen verwunderten Blick nach ihr, der besagen sollte, wie kommst du dazu, ein Wort darein zu geben, wo zwei solche, wie ich und der, miteinander reden, weiter aber nahm er die Bemerkung nicht übel und fuhr, zu dem Müllerssohne gewendet, fort: „Morgen wollen wir aneinander, du triffst mich hier von früh ab, außer“ — er zwinkerte wieder mit den Augen, — „du hättest so wenig Zeit, daß du heute noch in aller Eil’ heim müßtest!“
Er begleitete diese Worte mit einem freundlichen Händedruck, der den ganzen Arm hinauf schmerzte, aber Florian gab ihn ebenso ehrlich gemeint zurück und hatte die Genugtuung, daß der Leutenberger ihm etwas befremdet nach der Hand sah, dann verzog derselbe das Gesicht zum Lachen und sagte: „Du kommst schon. Gute Nacht miteinander!“
Er war kaum gegangen, da rief es von mehreren Tischen Florian zu: „Wirst einen schweren Stand haben!“
Der Bursche richtete sich hoch auf. „Wen bekümmert’s, was ich für einen Stand haben werd’? Wer von euch hat da überhaupt ein Wort dareinzureden? Tut ihr vielleicht ihm vorhinein so bedauerlich, um mich fürchten zu machen? Gegen den Urban habt ihr euch nicht einmal zu lachen getraut, wo es doch zum Lachen war, müßt nicht meinen, ihr könntet euch vielleicht jetzt gegen mich etwas herausnehmen, das laßt bleiben, sonst zeig’ ich euch gleich eines von meinen Stückeln; es darf mir nur einfallen, daß ihr mir nicht schön genug dasitzet, so räum’ ich euch alle hinaus bis auf den letzten!“
Er wartete eine kleine Weile ab, da aber keiner der Anwesenden sich rührte, vielleicht aus Besorgnis in einer anderen Stellung minder schön dazusitzen, so zahlte er und ging.
„Hihi,“ kicherte die Wirtin, „die haben alle zwei morgen einen schweren Stand.“
„Ich vergönn’ einem jeden Schläge, so viel auf ihm Platz haben,“ sagte ein buckliger, verkrüppelter Tagwerker.
Als Florian aus der Schenke getreten war, sah er den Leutenberger auf der Straße, die zu dem Dorfe hinaus führte, dahingehen. Er beschloß, ihm Zeitvertreibes halber zu folgen, und ging nun immer eine Strecke hinter ihm her.
„Das war dumm,“ sagte er, als er nach einer geraumen Weile sich umblickte und das Dorf weit hinter sich liegen sah. „Der wird wohl wissen, wo er bleibt, aber ich kann jetzt die Nacht auf offenem Felde zubringen.“ Da aber das Umkehren nunmehr auchzwecklos schien, so setzte er seinen Weg fort und behielt den Voranschreitenden im Auge.
Es war Neumond, aber die Nacht war sternenhell, wenige einzelne Wolken zogen langsam dahin und verdeckten hie und da am Himmel auf weite Strecken die brennenden Lichter, aber auf Erden blieb die Helle gleich. Ein hoher Berg lag vor den beiden nächtlichen Wanderern, der Wald erschien undeutlich, nur einzelne Bäume an den Rändern der Zacken und Höhen hoben sich ab, das andere war ein unentwirrbares Ganzes und es sah aus, als wäre der Fels mit riesigen Moosfeldern bewachsen, dagegen traten die nackten, schroffen Stellen fast leuchtend hervor, in der halben Höhe stand eine kleine Hütte, wohl erst mit frischem Anwurf versehen, denn sie glänzte kreidebleich in die Nacht hinaus.
Der Leutenberger Urban begann den Berg hinanzusteigen, bald mußte er im Schatten der Bäume verschwinden, Florian beeilte sich darum, ihm näher zu kommen, sie waren in Rufweite, als der erstere in der Nähe des Häuschens stehen blieb und Atem schöpfte: ein paarmal schon hatte er sich umgesehen, auch plötzlich im Gehen innegehalten, damit sich der Nachschreitende durch seine Tritte verraten sollte, aber der war zu sehr auf der Hut.
Da standen sie nun vor dem Häuschen, ein niederer Zaun vor demselben schloß ein kleines Gärtchen, ein wenig Ackergrund und etliche Waldbäume ein, er sollte das dürftige Besitztum wohl nicht schützen, sondern nur umfrieden, damit die Eigner mit einem Blick das Ihre überschauen konnten, sei es, um sich zu getrösten mit dem was sie hatten, oder stets vor Augen zu haben, wie arm sie seien. Unmittelbar hinter den Tannen, die bei dem Häuschen eingefriedet waren, zeigte sich eine Lichtung.
Im Gärtchen war eine Laube mit Bohnen und anderen Schlingpflanzen wirr durcheinander dicht bewachsen, sie ließ die Mauerseite der Hütte, an der sie knapp anstand, frei und ein Fenster der einen einzigen Stube befand sich unter ihrem Blätterdache; der Leutenberger war über den Zaun gestiegen und dort untergetreten, das machte Florian Mut, an einer anderen Stelle überzusteigen und sich ganz nahe heranzuschleichen.
Der Urban klopfte mit derber Faust an die Scheiben.
„Jesus, Maria,“ rief innen ein Weib. „Wer ist’s denn?“
„Ich bin’s, der Urban. Hab’ ich nicht gesagt, ich komm’ heut? Da bin ich nun, laßt die Everl an das Fenster treten.“
„Die Everl ist nicht daheim, — wir haben sie fortgeschickt, — nach Bergdörfl halt haben wir sie zur Verwandtschaft geschickt.“
„Wenn es wahr wär’, so holte ich mir meinen kleinen Schatz auch von dort und das möcht’ mir wohl keiner wehren. Ihr kennt den Leutenberger Urban noch nicht, wenn er sich was in den Kopf setzt! Aber ich weiß, sie ist heim, der Halterbub’ hat für mich aufpassen müssen, seit sie mit dem Schulzöger herein ist, ist sie nicht aus der Hütte gekommen.“
„Sie ist krank.“
„Was ist’s? Mach das Fenster auf! Durch die Scheiben versteh’ ich dich mit keinem Laut. Mach schnell, sonst heb’ ich dir gleich allssamt mit dem Fensterstock aus!“
Das Fenster wurde geöffnet.
Innen stöhnte eine männliche Stimme schwer auf: „O du heiliger Herrgott in deinem Himmelreich oben, ist das auch recht, daß ich da daniederliegen und das mit anhören muß!“
„Ich mein’, du könntest es noch verspüren, wozu dir dein Aufsein verhelfen möcht’,“ bemerkte roh der außen.
„Anton, ich bitt’ dich, sei ruhig, sei nur du ruhig,“ sagte das Weib in der Stube, dann zeigte es sich an dem Fenster, es war ein altes Mütterchen, das ängstlich nach der Hand des Davorstehenden griff. „Der Urban will uns wohl nur Angst einjagen, gelt ja!“
„Dir will ich nichts, Alte, scher’ dich fort. Everl, komm her!“ Der ungeschlachte Mensch rief das mit leiser Stimme, fast zärtlich, als ihm aber nicht alsbald Folge geleistet wurde, sagte er heftig: „Ich rate dir gut, Everl, komm her!“
„Geh nicht,“ schrie innen aufgeregt die männliche Stimme, „geh nicht, mag werden, was da will! Es wird doch noch Recht auf der Welt zu finden sein, es wird sich doch für den auch noch ein Oberer finden! Wir wollen in Ruh’ bleiben. Großmutter, du gehst morgen nach dem Gendarmeriekommando!“
„Da soll sie nur hingehen, einsperren könnt ihr mich schon lassen, aber auf ewig wird es nicht sein, und wenn ich wieder loskomm’, ist mein erster Gang da her und da will ich so hausen, daß kein Mensch mehr erkennen soll, was einmal auf dem Fleck gestanden.“
„Ich geh’ ja nicht,“ sagte besänftigend das Mütterchen, „ich geh’ ja nicht hin. Ich weiß schon, daß dir dein Respekt gebührt und sich niemand einzumischen hat. Du bist halt stark, so viel stark, daß du dich manchmal vor lauter Stärke nicht ausweißt, was du anfangen sollst! Ja, ja, man kennt noch keinen, der dir was verwehren möcht’, aber warum willst du es gerade auf uns absehen? Wir haben dir doch nie einen Anlaß gegeben. Schau, Leutenberger, da sind andere, die dir immer übel gewollt haben, denen tu etwas an, das kann dir doch selber mehr anliegen.“
„Halt das Maul,“ sagte der Leutenberger, „ich versteh’ dich schon, aber auf Schmeicheln und Hetzen hör’ ich nicht; zum letztenmal jetzt im guten, Everl, komm her!“
Da zeigte sich etwas Weißes im Fenster und ein feines Stimmchen sagte trotzig: „Was willst du mir denn? Was kannst du mir denn wollen?“
Der Leutenberger aber griff mit beiden Armen zu und hob das Weiße, leicht wie eine Feder, heraus und setzte es neben sich auf die Bank.
Florian sah mit Erstaunen ein Kind, ein völliges Kind vor sich, ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, mit verweinten Augen, barfuß, im Hemd und Unterröckchen. Es war allerdings ein hübsches Kind mit reichen blonden Flechten um das milchweiße Gesichtchen, in welchem, seltenerweise, tiefschwarze Augen brannten.
„Steh Gott mir armem Weib bei, daß ich nicht irr’ werd’ an ihm!“ rief mit bebenden Mundwinkeln das alte Mütterchen. „Ein Enkelkind hast du mir blutrünstig geschlagen, willst du mir jetzt noch das andere gar zugrunde richten?! O, du elender Leutschinder und Kinderverderber, daß du doch die nächste Sonn’ nimmer sehen möchtest!“
„Schimpf’ dich nur aus, Alte,“ lachte Urban, „später reden wir uns dann leichter.“ Er wandte sich zu dem Kinde. „Was ich dir will, meinst du? Was werd’ ich wollen? Dich herzen, weil du mein kleiner Schatz bist.“
„Ich will dein Schatz nicht sein.“
„Oho, warum gerade du nicht? Da sitzen noch andere Dirndeln in der letzten Klass’ neben dir auf der Schulbank, die mir freundlich waren, frag nur nach, die sind stolz darauf, daß ich mich mit ihnen abgegeben hab’, denn weißt, Everl, ich bin der Stärkste im Land!“
Das Kind lachte gehässig auf. „Mein Bruder, den Toni, zu schlagen, der nicht fünf Jahr’ älter ist, dazu hat wohl der Stärkste im Land hermüssen?! O, wär’ der Bub’ nur nicht halbwüchsig gewesen!“
„Hätt’ er sich nicht eingemischt zwischen uns, so wär’ es ihm nicht übel ergangen; daß ich aber mit ganz anderen fertig zu werden verstehe, das kannst du morgen mit ansehen, da ist einer heute ins Ort gekommen, der es mit mir aufnehmen will.“
„Gekommen ist einer?“ fragte das Mädchen. „Er ist also schon da —, er ist schon da!“ Sie drückte beide Arme vor Freude an sich.
„Wer? Kennst du ihn denn!“ fragte erstaunt der Leutenberger.
„Seit du mich nicht in Ruhe läßt,“ sagte das Kind mit scharfer Stimme, „habe ich tagtäglich zu Gott gebetet, er möchte einen starken Engel vom Himmel schicken, der dich klein,“ — die schwachen Fäuste ballten sich —, „ganz klein macht! Und der ist nun da!“
„Nun, ein Engel ist es just nicht,“ lachte Urban, „es ist nur ein Müllerssohn von Langendorf, und was das Kleinmachen anlangt, so denk’ wohl ich das zu treffen.“
„O nein!“ schrie heftig das Mädchen.
„O ja. Hinlegen will ich ihn dir, daß du selbst deine Freude daran haben wirst.“
„Hinlegen, du ihn?“ kreischte außer sich die Kleine auf. „Sieh’, so und so wird er es dir machen!“ sie schlug den Leutenberger rasch ein paarmal mit den geballten Fäusten in das Gesicht.
„Ho,“ rief der, „so gefällst du mir, komm mit;“ Er schlug das Röckchen dem Mädchen über die Füße, preßte dessen Arme an sich und trug es wie ein Wickelkind hinweg.
Das Kind schrie jammernd auf.
Da fühlte sich der Leutenberger am Arme ergriffen. Florian stand vor ihm und sagte: „Setz’ das Kind nieder! Also so ein Kriminalkerl bist du? Setz’ das Kind nieder, sag’ ich!“
Der Leutenberger hatte nicht die Absicht, das zu tun, aber unter dem immer stärker werdenden Drucke mußte er sich unwillkürlich beugen, das Kind kam auf die Erde zu stehen und er ließ es los. Vor Wut stammelnd sagte er: „Dich hat auch dein Unglück hinter mir her getrieben!“
„Mach Schulkinder fürchten,“ sagte Florian und schritt, ihn im Auge behaltend, gegen den kleinen Wiesenfleck vor, der sich vor der Tannenlichtung befand.
Der Leutenberger folgte ihm mit raschen Schritten. „Dafür sollst du jetzt einen Gedenkzettel für all dein Lebtag abkriegen,“ sagte er und warf sich auf ihn.
Das Mädchen drückte sich an die nach dieser Seite hin kahle Mauer des Häuschens und sah mit furchtsamen Augen und gefalteten Händen nach den beiden Männern.
Der Kampf war ohne Übereinkommen aufgenommen und wurde auch ohne alle Regeln geführt, in der ersten blinden Erbitterung hielten sich die beiden Gegner vollkommen die Wage, aber das brachte eben den Leutenberger zu sich, er wehrte ab und wartete zu, plötzlich ersah er seinen Vorteil, warf seinen Widerpart zur Erde, blitzschnell sprang er hinzu, wie ein wildes Tier, trat ihn mit Füßen, warf sich über ihn und schlug ihn, war ebenso rasch wieder auf den Beinen, um ihn aufs neue zu treten, und über ihm, um ihn zu schlagen.
Das Mädchen war herbeigerannt und umkreiste ratlos, weinend und schreiend den auf der Erde liegenden Mißhandelten.
Florian schrie vor Schande, Wut und grimmem Schmerz auf, er wäre ohnmächtig zusammengebrochen, hätte ihn nicht ein Gedanke bei sich erhalten und mit übermenschlicher Kraft begabt, der Gedanke sich zu rächen, es koste, was es wolle! — Dort hinter der Lichtung mußte abschüssiger Boden sein, — da hinab über Geröll und spitze Kanten mit einem gekollert und der bleibt am andern Ende wohl auch ruhig neben liegen und läßt Rühmen und Raufen eine Weil’.
Er umschlang seinen Gegner und mit einem Schwunge rollten sie bis zur letzten Tanne.
Aber der Leutenberger hatte plötzlich von ihm abgelassen und mit beiden Armen in die Luft gegriffen. „Da nicht hin,“ brüllte er, „da nicht hin, da hört der Boden auf!“ Er lag kreidebleich unter Florian und hielt eine dünne, glatte Wurzelgerte der Tanne krampfhaft mit beiden Fäusten umspannt.
Er sprach nur zu wahr, keine drei Spannen trennten sie von einem Abgrunde, eine unvorsichtige Bewegung und er nahm sie auf.
„So,“ sagte Florian, und obwohl er vor Schmerz die Zähne übereinander biß, verzerrte doch ein eigentümliches Lächeln sein Gesicht. „Dann geht es doch ein bißchen tiefer als ich gedacht habe. Kann mir gleich sein! Du hast mich vorhin zuschanden getreten, Leutenberger, wie ich nie eine Katze! Hast du gemeint, ich werd’ siech auf der Welt herumkriechen und von dir mit Fingern nach mir zeigen lassen?! Nein, Himmelhund, elendiger, das siehst nicht und die nächste Sonn’ auch nimmer! Komm mit!“
Ein Ruck —, ein schreckensvoller, wilder Aufschrei —, die Wurzelgerte entglitt pfeilschnell den umklammernden Fäusten und schnellte empor — und über den Rand des Abgrundes schlugen zwei Körper hinaus.
Das Kind tat einen gellenden Schrei und schlug die Hände vor das Gesicht, so stand es schauernd, atemlos, erwartend. Es hätte wie sonst, wenn manchmal ein Stein am Rande abbröckelte, langsam zählen können —, eins —, zwei —, drei —
Da geschah in der Tiefe ein dumpfer Fall.
Das Mädchen taumelte und griff um sich, da fühlte es sich gefaßt und gehalten, die Großmutter stand wortlos und zitternd neben ihm, sie hatte alles mit angesehen.
Sie gingen schweigend nach der Hütte.
In den Augen Evchens glänzten zwei große Tränen.
Ganz Zirbendorf war auf den Beinen, ein Bauer, der von einem nahen Orte heimkehrte, hatte es alarmiert; er kam mitten in der Nacht in das Dorf gelaufen, sah Licht im Gemeindegasthause und traf noch einige Gäste an, die sich verspätet hatten und nun gegenseitig einer den andern zum Aufbruche mahnten.
„Leuteln,“ rief er atemlos, „das müßt ihr noch anhören, was mir aufgestoßen ist, es ist schon Aufhorchens wert. Ich bin von Niederndorf durch die Schlucht heim, es ist der kürzeste Weg und in der Nacht geht eines nicht gern weit um; also ich geh’ und geh’ und wie ich so geh’, auf einmal fällt aus der Höhe etwas Schweres nieder. Ich denk’, das ist vielleicht ein Stück Vieh. O, ihr armen Leut’, denk’ ich, die ihr das verloren habt! Da schau’ ich und seh’ Kleiderfetzen, ein Vieh trägt doch niemalen ein Gewand, da hab’ ich gemerkt, daß es nur ein Mensch war und wie ich noch näher schau’, waren es ihrer zwei! Da hab’ ich lachen müssen, denn mir ist ein spaßhafter Einfall gekommen, und ihr wißt, ich bin so ein lustiger Teufel und kann es nicht lassen, nichteinmal in der Kirche, daß ich lach’, wenn mir ein spaßhafter Einfall kommt und die hab’ ich wie der Hund Flöh’. Also ich lach’, weil ich denk’: Jesus, jetzt fängt es gar ins Leut’regnen an, zwei Tröpfel sind schon gefallen, jetzt mach’ ich aber, daß ich heimkomm’! Wie ich aber so nach der ganz blutigen Bescherung schau’, die vor mir liegt, da hat mich das Grausen angegangen, ich bin ausgerissen und gerannt wie nicht gescheit und so bin ich da!“
„Ja, so bist du auch da,“ rief einer der Gäste. „Der dumme Kerl mag noch lachen, wenn sich Leute neben ihm zu Tod’ fallen! Da hilft nichts, der Bürgermeister muß aufgetrommelt werden, über Nacht kann man die zwei nicht da draußen liegen lassen.“
Die kleine Schar zog vor das Haus des Bürgermeisters, über ihr Gelärme vor dem Tore desselben wurde alsbald die ganze Nachbarschaft lebendig, es mußte etwas Besonderes vorgefallen sein, das ahnte jeder und die meisten warfen ihre Kleider über und eilten hinaus; als der aus dem Schlafe Gepochte gähnend und sich reckend in die Gasse trat, hatte sich schon ein brausender Schwarm in derselben angesammelt.
Der Gemeinderepräsentant nahm den Bericht über das Vorgefallene entgegen. „Anschauen müssen wir uns das Ding,“ sagte er, „die Schlucht ist Gemeindegrund; dabei dürfte sich auch herausstellen, wer die zwei Verunglückten sind.“
Ja, das wollte man doch wissen! Man dachte gleich anfangs daran, sie könnten nicht schlechtweg Verunglückte, sondern müßten auch sonst je wer und etwas sein! Die Gemeinde befand sich hier in vollkommener Übereinstimmung mit ihrem Bürgermeister, man mußte sich eben das Ding anschauen und da wird es sich schon herausstellen; als daher derselbe seinemKnecht einspannen hieß, da eilten mehrere, auch ihr Gefährt instand zu setzen, um sich ihm anschließen zu können.
Die Frage, wer da draußen auf Grund und Boden der Gemeinde liege, ob Angehörige oder Fremde, hielt die angesammelte Menge in Aufregung, Abgängige wurden an den Fingern hergezählt, manche aber meldeten sich selbst aus den Umstehenden oder wurden von anderen als ganz heil und unversehrt daheim in ihren Betten liegend angesagt. Es wäre beinahe zum Streite gekommen zwischen denen, die nur mit bekannten Toten zu tun haben wollten und nach und nach nahezu die ganze Gemeinde in den Rachen des Todes warfen, und jenen, die sie ihm menschenfreundlich, Stück für Stück, wieder aus den Zähnen rissen; aber die Gewißheit sollte allem Hader und Zwist ein Ende machen.
Der Bürgermeister wollte eben auf das Sitzbrett des Leiterwagens steigen, als das alte Mütterchen von dem Häuschen auf dem Berge, ihr Enkelkind an der Hand haltend, herbeikam; als er sie ansichtig wurde, sagte er ohne weiteres: „Ah, Mutter Fehringer, ist’s gewiß in deiner Näh’ geschehen? Kennst du die zwei Leute, die hinabgekugelt sind?“
„Ja,“ sagte die Alte.
„Der eine ist aus Langendorf, ein Müllerssohn,“ warf rasch das Mädchen dazwischen. Er sollte den Vorrang haben.
„Ja, ein Müllerssohn aus Langendorf. Der andere,“ ergänzte die Großmutter, „ist der Leutenberger Urban.“
„Was,“ rief der Bürgermeister, „der Leutenberger Urban, der ist hin?“ Er hätte beinahe unchristlicher Weise gottlob gesagt, da aber der Gott schon heraus war, so besann er sich rasch auf einen anderen Zusatz. „Gott — tröst’ ihn!“ sagte er, das konnte niemandübel aufnehmen, selbst der Leutenberger nicht, und es konnte ihm immerhin hinterbracht werden, falls er doch nicht tot wäre, oder auch nach der Auferstehung.
„Sitzet auf,“ rief er dem alten Weibe und dem Kinde zu. „Erzählt mir das Weitere im Hinausfahren.“ Sein Wagen fuhr voran, an denselben schlossen sich viele andere, man hatte Späne von harzigem Holze angebrannt, um die Wege zu erhellen, und so kroch die Wagenreihe wie eine feurige Schlange rasch durch das Dorf und der Straße entlang hinaus in das Freie.
An Ort und Stelle angelangt, trat der Bürgermeister an die beiden leblosen Körper heran. „Da haben wir den ganzen Tatbestand liegen,“ sagte er. „Nehmt sie auf!“
Die Leute griffen zu und trennten mit Mühe die beiden Leichname voneinander, sie legten dieselben, an denen fast jeder Knochen lose hing, vorsichtig auf grobe Pferdedecken, wickelten sie in selbe ein und hoben sie auf den Wagen.
Im Dorfe aber hatten die, welche zunächst standen, als die alte Fehringer mit dem Bürgermeister sprach, die Kunde durch die Gasse getragen, der Leutenberger Urban und noch einer von Langendorf hätten sich in der Schlucht erfallen und man sei eben hinaus, die beiden einholen; da begann ein Klöpfeln an allen Fensterscheiben und ein Pochen an allen Haustoren, das mußte ja allen gesagt werden, das durfte doch keiner verschlafen und da wollte auch jeder dabei sein, wenn sie den Leutenberger einbringen. So kam ganz Zirbendorf auf die Beine.
„Noch vor ein paar Stunden hab’ ich sie in der Schmutz-Kathrin’ ihrer Schenke zusammensitzen sehen,“ sagte wichtig der bucklige Taglöhner. „Da haben sienoch abgeredet, sie wollten sich erst morgen messen, schau, so sind sie schon heut übereinander her! Aber einen Ausgang hat es genommen, wie man sich nicht hätt’ vorstellen mögen!“
„Wir sind doch rechte Narren, liebe Leuteln,“ sagte ein alter Bauer, „wir stehen da und warten, wo sie doch nur zuletzt mit dem leeren Wagen angefahren kommen werden. Nach der Kirche müssen wir hin, freilich, nach der Kirche, das erste wird sein, daß sie die zwei dort in die Totenkammer hineinlegen.“
Das mochte schier wahr sein. Da liefen alle, denen es die Jahre erlaubten und die noch rüstig waren, die Gasse hinunter, die anderen hasteten hinterher nach, und sie keuchten die Stufen nach dem Kirchhofe hinan; oben angelangt, sahen sie einen feurigen Streif von der Straße nach einem schmalen Fahrwege ablenken, der im Rücken der Kirche nach der Höhe führte.
Der Kirchendiener stand erwartend unter dem Gittertore des Friedhofes, die schwarze, eisenbeschlagene Tür der Leichenkammer war sperrangelweit offen und der dunkle Raum gähnte von der Kirche her, manchmal zuckte in demselben der Schein eines schwachen Ölflämmchens auf.
Der Wagen des Bürgermeisters kam angefahren, man sah bei dem Lichte der Fackeln zwei verhüllte, formlose Massen darauf liegen.
Ein paar Männer faßten an und hoben einen der Körper von dem Fuhrwerke, sein Gewicht machte sie wanken, noch zwei andere sprangen zu.
„Der nimmt’s noch als tot mit mehreren auf,“ murmelte einer der Träger.
„Der Leutenberger,“ flüsterte es in der Menge und diese wich scheu zurück. So trug man den Toten vorbei an den Gräbern, durch die Pferdedecke sickerteBlut und zeichnete den Weg, sie legten den Leichnam auf einen Schragen und am Kopfende flackerte das müde Licht. Als die Träger heraustraten, schloß der Kirchendiener die Türe ab.
„Und der andere? Was geschieht mit dem anderen?“ so fragten sich alle und einer stellte auch diese Frage an den Bürgermeister.
„Es möchte vielleicht ein Fürchten in der Gemeinde sein,“ sagte der, „wenn man einen solcherweis’ Gestorbenen nachtüber im Orte wüßte. Wir sind übereingekommen, ihn alsfort nach Langendorf zu seinen Eltern zu überführen. Ich habe es mit dem Mitteregger besprochen, der kennt die Leute gut, der nimmt es auf sich und bringt ihn hin.“
Da zupfte Everl die Großmutter am Rocke und sagte leise: „Großmutter, ich möchte mit, morgen bin ich schon wieder heim, aber jetzt möchte ich mit, er hat ja sonst gar niemand.“
Der Mitteregger und sein Knecht banden den Leichnam mit Stricken an dem Wagen fest, „damit es ihn beim Fahren nicht zu stark werfe“. Da trat die alte Fehringer hinzu. „Tätest du mir wohl den Gefallen und nähmst die Everl mit? Sie tät’ gern für den beten.“
„Warum nicht?“ sagte der Mitteregger und knüpfte den letzten Knoten. „Soll sie mit, was das Dirndel will, ist christlich, es gilt fürs Totenbestatten und ist ein barmherzig Werk. Komm nur!“ Er hob das Mädchen auf den Wagen, der sich alsbald in Bewegung setzte.
Sie fuhren ziemlich rasch dahin, erst durch einen finstern Wald, dann auf einer endlosen Straße. Der Mitteregger lenkte die Pferde und der Knecht hielt eine brennende Fackel; die düstere, gelbe, rauchende Flamme warf unbestimmte wirbelnde Schatten in dieBüsche und auf die Wege, zu Häupten der Leiche kniete das Kind, ein starrer Arm streckte sich aus der Decke gegen dasselbe, diese kalte Hand hielt es lose in seiner kleinen, lebenswarmen Rechten und mit der Linken griff es manchmal nach den Stricken, ob diese auch festhielten und dabei nicht einschnitten.
Der Morgen begann zu grauen, der Knecht tat die Fackel aus, immer noch fuhren sie weiter und da kamen sie an dem Reindorferhofe vorüber, da waren die Fenster verhangen und durch die dunklen Tücher sah man den gelben Schein von vielen Lichtern, der Mitteregger wies mit der Peitsche danach und sagte: „Da drinnen haben sie auch ein Totes!“
Und dann fuhren sie noch ein Stück Weges und es ward bereits heller am Himmel, sie bogen um eine Ecke, ganz nahe stand eine Mühle, und als sie auf dieselbe zulenkten, rauschte das Wasser, das Rad begann sich zu drehen und es klapperte lustig durch das Tal. Da wurden die beiden Männer völlig kleinlaut.
Der Wagen hielt vor dem Hause, der Mitteregger schwang sich vom Sitze, nun wird er die Eltern herbeirufen —, da drückte das Mädchen die Hand des Toten, stieg eilig herab und verbarg sich hinter ein Gebüsch.
Der Mitteregger stand an dem Hause und sah durch ein Fenster in die Stube, dann klopfte er an die Scheibe.
Innen horchte der Müller auf. „Lois, ich glaub’, es ist jemand außen.“
Die Müllerin nickte froh. „Der Florian wird es sein.“
Er war es!