2.

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Der Wagen, der an dem Hofe Reindorfers vorübergefahren, hielt vor der Mühle im Wasser-Graben. Der Knecht war einem Geistlichen, welcher Chorhemd und Stola trug, beim Absteigen behilflich, und dieser zog dabei das Ziborium vorsichtig an sich, damit ihm der Knecht nicht ungeschickterweise nach demselben tappe. Der Kirchendiener, welcher eine Laterne mit sich führte, kletterte, durch dieselbe wohl etwas behindert, aber doch ungefährdet an der rückwärtigenSeite des Fuhrwerkes herab und leuchtete voran, als sie in den Hausflur traten, wo das Gesinde versammelt war. Ein Glöckchen schrillte, die Anwesenden knieten nieder, der Priester erteilte ihnen den Segen und trat dann in die Stube zu dem todkranken Müller. An dessen Lager wachte eine alte Magd, sie erhob sich und küßte dem Geistlichen die Hand.

„So viel unbußfertig ist er halt, Hochwürden,“ flüsterte sie mit einer bedauernden Gebärde nach dem Kranken, „so viel unbußfertig.“

Ein Wink bedeutete sie, sich zu entfernen.

Der Priester und der Sterbende waren allein. —

Der Seelsorger war ein kräftiger junger Mann von Mittelgröße, galt aber wegen seiner Körperfülle eher für klein, und ein sogenanntes Doppelkinn verlieh ihm vollends dem Äußeren nach einen behäbigen Anschein, welchem jedoch sein lebhaftes Auge und seine rege Beweglichkeit widersprach. Er schritt rasch nach dem Tische und entfernte für einen Augenblick den Schirm von der Lampe, um nach dem Kranken zu sehen, der mit geschlossenen Augen im Bette lag, der farbige Überzug der Polster hob die eingefallenen, scharfen Züge noch mehr hervor, die abgezehrten Arme lagen schlaff über der Bettdecke, nur manchmal zuckte es in den Fingerspitzen.

Der Kranke merkte sich beobachtet, er meinte zeigen zu müssen, daß er wach sei. „Die Gundel,“[3]sagte er heiser, „die Gundel“ — so hieß seine Wärterin — „hat mich wohl verklagt, ich bete ihr alleweil zu wenig, es hilft ja doch zu nichts mehr, nein, es hilft nichts mehr; wenn nur das Versehen[4]helfen möcht’.“

Der Priester trat an sein Lager.

„Herlinger, kennt Er mich denn?“

„Ach ja wohl, freilich, Hochwürden. Hab’ Euch ja rufen lassen, damit Ihr mich einölen sollt, der Doktor meint, er könne nichts mehr richten, da müßt halt Ihr jetzt Eure Kunst probieren. Ich hab’ mehrere gekannt, die es ein paarmal mitgemacht haben und nach jedem Versehen noch eine Zeit herumgelaufen sind. Es ist fast so, wenn man das liebe geweihte Öl auf dem Leibe hat, als könnte der Tod nimmer so hart anfassen, — hihi — man rutscht ihm aus.“

„Nun ja, Herlinger, wenn Gott will, kann er Ihm auch noch Seine Zeit verlängern, aber das Sakrament der letzten Ölung ändert nichts an seinem ewigen Ratschlusse.“

„Und warum nicht? Zu was hätten wir denn dann die hochheiligen Gnadenmittel, als um etwas gegen ihn ausrichten zu können, wenn kein Gebet mehr verfangen will?! Dazu sind sie da, o, ich kenn’ mich aus, ich verabsäum’ es nicht, denn da heißt’s wohl auch: Friß Vogel oder stirb!“

„Herlinger, weiß Er auch, was Er spricht? Regt Ihn etwa das Reden zu viel auf?“

„O nein, nein, Hochwürden. Ich müßt’ ohnedem in einem fort reden, denn mir geht allerhand durch den Kopf. Aber ich laß mich nicht irremachen und wenn ich bei einer Sach’ verbleib’, so weiß ich ganz gut meine Meinung.“

„Gut, doch muß Er auch imstande sein, Müller, auf das zu hören, was ich Ihm zu sagen habe.“

„Ich bin ja noch bei mir, warum sollt’ ich nicht aufmerken können?“

„Ich finde Ihn in einer schlechten Verfassung; Herlinger, das ist keine Vorbereitung zu dem Empfangeder heiligen Sterbesakramente, das muß Er ganz anders anfassen, sonst kann ich sie Ihm nicht spenden.“

Das Bett schütterte unter dem Kranken, dem die Angst die Schlaffheit der Glieder löste. „Ihr müßt,“ kreischte er auf, „Ihr müßt! ich gehöre zur Pfarre, habe immer mein Teil und darüber gerne gegeben, Ihr habt mein Geld genommen, Ihr müßt! — Ihr werdet es ja doch nicht über Euer Gewissen bringen, Hochwürden,“ setzte er flehend hinzu, „daß Ihr mich da liegen laßt, ohne Versuch, mir aufzuhelfen?“

„Das ist es eben, Herlinger; Er vermeint, durch die Sterbesakramente bleibe er am Leben, darum verlangt Er nach ihnen. Ihm fehlt die christliche Ergebenheit in den Willen Gottes, Er glaubt wohl gar, es anders erzwingen zu können, Er begehrt keine Gnadenmittel, Er will Wundermittel, und die habe ich nicht. Eine heilige Handlung kann ich aber nicht mißbrauchen lassen, es hieße Spott damit treiben, wollte ich einem Menschen die letzte Ölung spenden, der sich dabei mit dem Gedanken trüge, es möge doch nur die vorletzte oder drittletzte gewesen sein!“

„Tut nur nicht gleich so bös’, hochwürdiger Herr. Ihr wißt freilich besser Bescheid in solchen Sachen wie ich, müßt mir halt sagen, was ich tun muß, daß ich dazu gelangen kann.“

„Wenn Er auf Seinen verfallenen Leib blickt, Müller, dann muß Er sich wohl selber sagen, wie wenig zu hoffen ist und daß Er ganz etwas anderes der Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen hätte.“

„Nichts für ungut, — aber wie man sich halt oft so Gedanken macht, — ich begreif’ schon, mit ihm vergleichen muß man sich wohl, daß er es einem im Leben gut geschehen läßt, gut’ Freund muß man wohl mit ihm bleiben, sonst verhagelt er einem die Felderund schickt Kümmernis und Trübsal, aber man vermeint doch, für weiter hinaus könne er einem nichts mehr anhaben! Wenn es aus sein soll mit mir, wozu brauch’ ich ihn dann? Wenn einer verstorben ist, so ist er wohl ganz und gar verstorben.“

„Herlinger, Er ist auch einer von denen, die Gott fürchten wie den Teufel, darum möchte Er ein Ende der Herrschaft absehen. Ich aber sage Ihm, Gottes Macht und Herrlichkeit leuchtet über Lebende wie über Tote in gleicher Helle, und darüber ist keiner so ganz sicher, ob ihm nicht dereinstens vor ihr die Augen übergehen; denn wie keiner weiß, von wannen er kommt, so ist er auch nicht gewiß, wohin er geht, und ich möchte den Allmächtigen nicht versuchen, was er für weiter hinaus mir anhaben, wozu ich ihn noch gebrauchen könnte, denn nach der Zeitlichkeit beginnt die Ewigkeit!“

„Hochwürden, glaubt Ihr daran?“

„Warum sollte ich sagen, was ich nicht glaube?“

„Wohl, Ihr hättet es nicht Ursache. Aber doch — nicht jeder darf reden, wie er es vermeint; was seines Amtes ist, daran muß er sich halten. Hab’ einen Advokaten gekannt, der hat auch gesagt, von der Wahrheit könne er nicht leben.“

„Verblendeter Mensch! Wenn ich dir jetzt mit den Tröstungen der Kirche beispringe, was bin ich denn anders als dein Advokat, der dich nicht unvorbereitet, nicht unverteidigt vor den Richterstuhl Gottes treten lassen will?! Aber auch ich werde da mit der Wahrheit nicht weit kommen, denn ich darf deine Sünden und Vergehungen nicht die strenge Gerechtigkeit Gottes aufreizen lassen, austilgen muß ich sie durch die Gnadenmittel, damit ich seine Erbarmung für dich anrufen kann!“

„Ja, ja, es möcht’ schon recht sein, wenn Ihr so tätet, es könnt’ nicht schaden, wenn es nur nützt! Aber ihr hochwürdige Herren seid ja selber so, alle Ostern seht ihr einem die Sünden nach, und darauf rückt ihr sie ihm wieder allzusammen vor, — wenn bestimmt ist, daß es einem eingebracht werden soll, so steht wohl auch schon das Urteil fest, was hilft nachher alles Beten und zum Kreuz kriechen?“

„Es hilft auch nicht ohne aufrichtige und — wo es noch etwas gutzumachen gibt — tätige Reue. — Wie aber kommt Er dazu, Herlinger, daß Er sich leichter in eine harte Führung und ein strenges Gericht Gottes ergibt, als an dessen Milde und Barmherzigkeit glaubt?“

„Ja, es ist mir halt alles im Leben so überquer gekommen, immer eines auf das andere, als ob es hätt’ sein müssen, niemal ist es mir so gut geworden, daß ich einem Jammer hätt’ ausbeugen können, niemal hat es mich aus einem Drangsal gerissen, wie andere oft, daß man meint, ihr Schutzengel führt sie an der Hand heraus, und wenn man so immer und alleweil ohne jede Hilfe verbleibt, dann merkt man wohl, wie man nie etwas hat tun können gegen das, was werden will, und wenn es der Herrgott auf einen abgesehen hat, da muß man noch froh sein, wenn man ihm abbetteln kann, daß er es nicht gar zu grob macht. — Als kleiner Bub’ hab’ ich meine Mutter verloren, mein Vater hat nach ihr ein junges Weib genommen und kurz darauf kam auch ein Stiefbruder zur Welt, natürlich waren bald alle drei gegen mich, die Bäurin wegen ihrem Kind, der Vater wegen der Bäurin und der kleine Stiefbruder hielt sich an das Beispiel der beiden; nun ja, mein Erbrecht auf die Mühle trug mir all die Gehässigkeiten ein, daskonnte ich freilich damals nicht wissen, in so jungen Jahren hat man noch nicht den Verstand, aber eben wo man gar keine Ursache weiß, da tut es desto weher, wenn man immer so lieblos aus dem Wege geschoben wird. — So bin ich aufgewachsen, daheim hab’ ich nichts Gutes genossen, aber auch außerm Haus hätt’ ich mir nichts herausnehmen sollen. Die andern alten Leute lachten, wenn ihre Bursche wild und toll taten, und meinten, so verbleibt’s nicht und sie würden sich schon die Hörner ablaufen, mir aber sagte mein Vater, ich sollte mir derlei vergehen lassen, sonst erschlüge er mich. Daß ich ihnen neidig war, sahen sie gar bald, und sie zahlten mir mit Spott heim. Da hab’ ich denn aus Trotz angefangen, es heimlich ärger zu treiben, wie sie offen; o, auf krummen Wegen findet man schon auch seine Leute, ist zwar dem einen an dem andern nichts gelegen, aber zum Gruß und Dank ist man sich gerade gut genug.“

Der Pfarrer rührte mit der Hand an die Bettdecke. „Hör’ Er, Müller, da gibt Er wohl selber zu, daß das nicht zu loben und nicht gut getan war, ich denke, es könnte Ihm auch die Reue darüber nicht schwer fallen.“

„Das nicht, Hochwürden, das wohl nicht, derlei unbedachte Sündigkeit mag wohl einer rechtschaffen bereuen! Wer weiß, ob es nicht ohne das mit mir ganz anders stünde, — ob ich jetzt auch schon so siech daläge?! Hab’ ohnehin meine wilde Zeit einmal abbrechen wollen, aber es hat ja nicht sein sollen. Das war, wie die Weninger Kathrin’ zu uns auf die Mühle in Dienst kam, mit der hielt ich es auf der ehrlichen geraden Straße, der war viel an mir gelegen, und ich freute mich, daß ich einmal auch so eine fand. Was für ein Ende es genommen, daraufmögen sich wohl noch viele Leute im Ort besinnen, mein Vater steckte sich hinter den Herrn Pfarrer und den Herrn Bürgermeister, durch den Schandarm ließ er die Dirne, die keine sichere Stunde mehr hatte, von der Mühle wegholen, mit Dieben und Landstreichern auf einen Karren laden und nach ihrer Heimat abschieben. Seither hab’ ich das Weibsbild nicht mehr gesehen. Mich aber nahm der Vater in seine Stube und sagte, wenn mir nur um das Heiraten zu tun wäre, so hätte er eigentlich nichts dagegen, und es schicke sich eben eine Gelegenheit dazu, die ihm tauge und auch mir recht sein könne; auf den Strauch geschlagen habe er schon, die reiche Müllerstochter aus dem Nachbarort gäbe man mir gerne und die dürft’ mir doch nicht zu gering sein? Am Hochzeitstage wolle er mir die Mühle verschreiben, und dann mit Weib und Kind nach dem Hof der Schwiegereltern ziehen, weil die alten Leute sich zur Ruhe setzen möchten. Ob ich mit all dem einverstanden wäre? Ich sagte: nein, — und wenn er mir eine Kronprinzeß zum Weibe angetragen hätte, ich hätte ihm nein gesagt, nur um ihn zu ärgern, und dabei glaubte ich auch bleiben zu können; aber er führte mich zu seinen Büchern und Aufschreibungen, und da hatte es nicht viel Rechnen not, so wußte ich, wie eine Stiefmutter wirtschaften und zur Seite schleppen kann. Der Vater hatte mir gar nichts mehr zu vererben, binnen Jahr und Tag konnten uns die Gläubiger aus unserm Besitze treiben und ich hätte, wie der ärmste Knecht, mir Brot und Unterkunft suchen müssen; wollte ich die Mühle, worauf die Herlinger an die hundert Jahre gehaust hatten, behalten, so mußte ich wohl die Müllerstochter nehmen und so hab’ ich sie denn auch genommen. Meine Sippschaft zog fort, und wenn nurein wenig Glück mit meinem Weibe hätte einziehen wollen, es wäre nun Platz gewesen! Viel Geld, das muß ich sagen, kam mit ihr in das Haus, aber wenig Segen. Ich merkte bald, wir waren einander zu gleich, es hatte eines dieselben Fehler und Untugenden wie das andere, und da rechtet keines mit sich, sondern was man nicht gerne an sich selber sieht, das verschimpfiert man dann an dem andern. Sie war nicht besser wie ich. Ich sage nicht, daß sie auch leichtlebig gewesen wäre, aber sie war nicht besser als ich, und die Weibsleute sollen immer besser sein wie der Mann, sonst taugen sie nichts. Das war ein böses Einsehen, denn mit aller Hoffnung auf einen gedeihlichen Hausstand war es vorbei, und als Gott mein Hauskreuz zu sich nahm, da war es zu spät, ich hatte mich schon in alles darein ergeben, und es war nichts mehr da, nach was ich hätte verlangen mögen. — Ja, die erste Zeit hatte ich oft an die Kathrin’ gedacht, denn manchmal hätte ich wohl auch gerne jemanden zur Ansprache gehabt, von dem ich wußte, er sei mir so recht vom Herzen gut. Eines Abends setzte ich mich hin und schrieb einen Brief an sie, schrieb ihr, daß ich für sie und ihr Kind sorgen wolle, daß ich sie noch immer lieb hätte und daß sie auch mich nicht vergessen solle; und ich gestand ihr zu, es wäre vielleicht besser gewesen, ich wäre ihr zuliebe Knecht geworden, als wegen der andern auf der Mühle verblieben. Es war der erste Brief, es sollte auch der letzte sein. Eben als ich ihn zusiegeln wollte, erhielt ich eine Vorladung vors Kreisgericht, die Katharina Weninger hatte sich einen Advokaten genommen, damit er vor Gericht ausmache, daß ich ihr das Kind veralimentiere. Da hatte ich die Antwort auf meinen Brief und konnte das Porto ersparen. Die Vorladungvors Gericht, Hochwürden, die Vorladung vors Gericht, das war der erste Gruß nach so langer Zeit, das war das erste Lebenszeichen, das der Vater von seinem Kind erhielt. Da hab’ ich denn meinen Schreibbrief zerrissen, und weil gar kein Vertrauen zu mir war, auch für den Buben, so lang noch mein Weib und die andere lebte, nicht mehr getan, als mir ist aufgetragen gewest; an die Ansprach’ war nicht mehr zu denken, und seither hab’ ich mich auch ohne einer beholfen.“

„Das war wohl auch das Klügste, Herlinger. Der Brief, den Er an die Weninger schrieb, hätte doch zu nichts Gutem geführt. Wenn die Dirn’, nachdem sie einmal durch Ihn ins Unglück gekommen war, nicht weiter samt dem Kinde von ihm abhängig sein wollte, sondern ihr Recht suchte, so hat sie nur ihre Pflicht getan, und das war auch von ihr klug.“

„Ah ja, gescheit war schon, wie sie getan hat; war ja alles, was mir im Leben aufgestoßen ist, so viel gescheit, wie ich sag’, alles ordentlich ausgetipfelt, wie es kommen soll und will, daß ich mich nie dagegen hab’ rühren und wehren mögen, so hab’ ich mich schon in alles darein ergeben, aber Vertrauen hab’ ich nie eines gehabt und hab’ noch keines. Oft ist mir schon beim „Vater unser“ in den Sinn gekommen, auf die Letzt hat unser Herrgott auch — wie manche da herunten — doch viel Kinder und kann nicht für jedes auf gleiche Weis’ sorgen.“

„Herlinger, Er hat wohl wenig Zeit mehr, am allerwenigsten dazu, daß Er sich Gedanken macht, wobei Er sich wahrscheinlich selber wunderklug vorkommt; die Stadtleute nennen das Philosophieren, überlass’ Er das den Studierten, bei denen es doch Hand und Fuß hat, der Kopf oder das Herz, einesoder das andere, bleibt ja doch immer davon weg. Wenn ich nicht umsonst gekommen sein soll, so muß Er auf mich hören.“

„O ich bitt’, hochwürdiger Herr, ich bitt’, tut nur reden.“

„Darüber sind wir doch wohl einig, was Er sich erinnert in seinem Leben übel gemacht und getan zu haben, das will Er auch bereuen? Nicht?“

„O ja, gewiß, gewiß.“

„Damit die Reue nicht unfruchtbar bleibt, muß ich Ihm auch sagen, was Er noch gutzumachen hat.“

„Gutzumachen, an wem? An die Kathrin’ vielleicht! Der tut kein Bein mehr weh.“

„An euer beider Kind!“

„An dem Burschen, dem Florian? Der tut ja kein gut; der Herumtreiber, wie viel Geld hat er mich schon gekostet, und im vergangenen Herbst, wie ich ihn hab’ auf der Mühle behalten wollen, ist er geblieben? Ei ja, hätt’ ich seine Stadtdirn’ und ihr Kind dazu, die ganze leichtfertige Wirtschaft, mit in Kauf nehmen wollen ... das soll er sich aber nur vergehen lassen!“

„Müller, eben das wäre der gewiesene Weg, den Herumtreiber zum seßhaften, ehrlichen Mann zu machen. Und gerade von Ihm, Herlinger, hätte ich nicht gedacht, daß Er dagegen wäre, da Er weiß, wie es tut, wenn man da den Vater wider sich hat.“

„Ah, Hochwürden, nichts für ungut, das ist da ganz etwas anderes. Mein Vater war mein Vater, mußte es sein, bei mir aber kommt es doch auf den guten Willen an, ich kann meine Bedingung stellen, ich kann sagen, so bin ich dir Vater, und anders bin ich dir es nicht! — Ihr müßt dem Herumtreiber nicht das Wort reden, Hochwürden, es wird Euch auch keinen Dank einbringen.“

„Dankes wegen tue ich es auch nicht, es geschieht wegen Ihm selber, Müller, damit es Ihm nicht auf dem Gewissen bleibe, komme er mir daher nicht mit Kniffen, den Burschen braucht Er vor mir nicht schlecht zu machen, Er muß es ja am besten wissen, Herlinger, daß ich auch mit räudigen Schafen wohl umzugehen weiß; wenn ich Ihn jetzt verliere und dafür mit dem neuen Müller ein anderes in den Stall kriege, so gleicht sich das nur aus.“

„Hihi, dasselbe dürft’ schon sein.“

„Daß ich aufdieArt nicht zu kurz komme, möchte ich gerade keinen Vorteil nennen, und so mag Er wohl glauben, Müller, daß ich nach keinem frage. Ich frage auch nicht danach, wozu Er nach weltlichem Rechte etwa gezwungen oder nicht gezwungen werden könnte, frage nicht, ob es vielleicht, der Leute wegen, besser wäre, das böse Beispiel, das Er einst gegeben, vergessen zu machen und damit aller üblen Nachrede ein Ende zu bereiten. Wozu Ihn die Gerichte bemüssen, die Leute bereden könnten, danach habe ich nicht zu fragen; aber das habe ich zu fragen, ob Er es auch vor Gott wird verantworten können? Der Bursche ist leichtsinnig, liederlich ..... schlimm genug, aber eben nur ein Grund mehr, sich seiner anzunehmen, ihn nicht ganz sich selbst zu überlassen. Herlinger, Er weiß recht gut, wie einem Kinde ist, das keine Elternliebe genossen hat, Er weiß recht gut, daß des Verwilderns kein Ende ist, wenn man einem ohnehin leichtlebigen Burschen die Dirn’, die er einmal für sein Leben gern hätte, zum Hause hinausjagt, — und davon will Er seinem eigenen, leiblichen Kinde nichts ersparen? Auch das soll sich im Leben nie rühren und nie wehren können, und was wird endlich aus ihm werden, da ihm der letzte Anhaltfehlt, den doch Er, Müller, immer gehabt hat, ein Heimwesen!? Herlinger, bedenk Er wohl, Er kann seinem Kinde ein Heiland oder ein Verderber werden, Er kann machen, daß es Ihm nachsegnet oder nachflucht, und es ist ganz in Seine Hand gegeben, welches Bewußtsein er mit sich in die Grube nehmen will.“

Die mageren Hände über der Bettdecke hatten in ratloser Eile herumgesucht, jetzt zerrten sie ein verwaschenes, blaues Sacktuch aus seinem Verstecke hervor und führten es rasch nach dem Gesichte des Kranken, der nun mit außergewöhnlichem Nachdrucke dasselbe in gewohnten Gebrauch nahm, dann knüllte er es zusammen, schob es wieder unter die Polster, und sagte trocken: „Nun, so werd’ ich halt den Sappermenter auf meinen Namen und an die Mühle schreiben lassen. Aber das gilt erst, wenn ich verstorben bin, solang ich leb’, bin ich der Herr, und da darf sich keines wider meinen Willen einnisten.“

„Gut, Herlinger, verlieren wir darüber keine Zeit, sondern lasse Er uns die Hauptsache erst in Ordnung bringen.“ — Der Pfarrer öffnete die Tür und rief den Knecht herbei, der ihn gefahren hatte. „Barthel,“ sagte er zu diesem, „du mußt dann, wenn du mich nach dem Pfarrdorf zurückgebracht haben wirst, weiter nach der Kreisstadt fahren, dort den Herrn Notar aufsuchen, und ihn morgen mit dem frühesten mitbringen.“ — Er wandte sich an den Kranken. „Was soll er denn dem Doktor Schneller sagen?“

„Der Herr Doktor möcht’ so gut sein und die Schriften wegen dem Florian wieder hervorsuchen, er wird es schon wissen, im vorigen Herbst war ja schon alles bereit, aber da hat es der Bub’ durch seine Bockbeinigkeit rückgängig gemacht.“

Der Knecht kraute sich verlegen hinter dem Ohr.Ihn dauerte nur die Mühle, der Florian wird einen raren Dienstherrn abgeben! Vergangenes Jahr noch hat ihn jeder verlumpt den lieben Tag lang herumstromen gesehen, wo soll da der Respekt herkommen? Da kann auch kein ordentliches Gesinde mehr aushalten, kein Weibsbild, das in Ruh verbleiben will, und kein Knecht, der seine Sach’ besser weiß als der Herr; aber die Mühle kann einer schon bedauern.

Der Pfarrer stellte sich auf die Fußspitzen, um dem langen Burschen auf die Achsel zu klopfen. „Barthel,“ sagte er zu dem Zusammenschreckenden, „du kannst auch dem Notar sagen, daß er dem Florian nach der Stadt telegraphieren soll, so kann auch der morgen schon da sein.“

„Wozu braucht Ihr den Burschen, Hochwürden,“ fragte heiser der Kranke, „was soll der hier machen?“

„Will Er ihn denn nicht noch einmal sehen, Herlinger? Ich denke, es ist gut, wenn er dabei ist.“

„Nun, so mag er dabei sein, aber mit dem Verbleiben hat es noch seine guten Wege, dann soll er nur wieder fort.“

„Du weißt nun, Barthel, was du zu tun hast, richte dich auch danach, und jetzt geh und sag den Leuten, sie sollen sich da vor der Türe versammeln, ich werde sie hereinrufen, wenn ich dem Müller den Leib des Herrn reiche.“

Der Knecht entfernte sich.

Jetzt wandte sich der Priester nach dem Kranken und sagte: „Da ich Ihn nun für genügend vorbereitet halte, Müller, so will ich an Ihm die heilige Handlung vornehmen!“

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Die vor der Tür Flüsternden und Wispelnden wurden bald in die Krankenstube eingelassen, was sie fürdas Seelenheil ihres Dienstherrn das Beste hoffen ließ, denn gar viele Sünden konnte er doch nicht haben, da er in so kurzer Zeit mit dem „Hersagen“ fertig war.

Nachdem die Zeremonien mit aller Förmlichkeit und Feierlichkeit zu Ende gebracht waren, sagte der Pfarrer: „Verbleibe Er mir hübsch in christlicher Ergebenheit, Müller, wie Gott will, Er kann das jetzt mit Beruhigung abwarten!“ — Dann segnete er noch einmal die Anwesenden und schritt, von dem Meßner gefolgt, zum Hause hinaus nach dem Wagen.

Der hagere Kirchendiener duckte sich zu seinem geistlichen Vorgesetzten hinunter, um ihm bewundernd zuzuflüstern: „Wie Hochwürden mit den Leuten umzuspringen wissen, da hab’ ich doch immer meine helle Freude daran.“

„Weiß Er, Wolfbauer,“ sagte mitteilsam der Pfarrer, „wen ich immer gerne bei so einem Versehgange mit hätte, damit sie diesen Menschenschlag auch kennen lernten? Ein paar Idealisten, die glauben, mit ethischen Mitteln aufkommen zu können, ein paar Träger der Kultur, die aber nebenbei die Kirche fallen lassen wollen; vielleicht gingen ihnen doch darüber die Augen auf, daß unter der Masse nichts verfängt als Einschüchtern und Vertrösten, und wenn wir diese beiden Zügel nicht immer stramm angezogen hielten, schon längst ihre ganze Herrlichkeit zertrampelt und zertreten wäre.“

Der lange Meßner nickte ein paarmal mit dem Kopfe, eigentlich aus purer Gefälligkeit, denn verstanden hatte er nichts; nur weil von zwei Zügeln die Rede war, so meinte er, es sei damit auf eine Hartmäuligkeit des Volkes angespielt, um doch zu zeigen, daß dieser versteckte Gedanke nicht an ihm verloren gegangen sei, sagte er, während er mit seinerLaterne in das Korbgeflechte des Wagens kletterte: „Ja, die sollten es nur einmal versuchen mit dem hartmäuligen Volke!“

Der Pfarrer bog sich von seinem Sitze nach dem Meßner zurück, und, da sich der Wagen gerade in Bewegung setzte, so fuhr er mit forschenden Augen auf ihn zu, während das groblinige Gesicht des letzteren nichtssagend zurückwich. Der Mann war unschuldig an den Gedanken, die er mit einem Worte in dem jungen Seelsorger weckte und die sich nun, begünstigt durch das Schweigen und die Einförmigkeit der Nachtlandschaft und durch das gleichmäßige Dahinrollen des Gefährtes, stille in ihm fortspannen. — — „Das ist eine ganz vertrackte Arbeitsteilung, der Wolfbauer findet das Wort und ich muß die Gedanken dazu nachholen. Es liegt ein fertiger Einwurf darin. Die Hartmäuligkeit kann auch von dem strengen Gebrauche der Zügel herrühren, und dann vermeint man nur die Masse zu lenken, während sie seelenmüde und gleichmütig in den ausgefahrenen Geleisen dahinzieht — bis sie ein gewaltiges, unerwartetes Ereignis scheuen macht, und sie mit elementarer Gewalt unberechenbare Wege dahinrast. Darin liegt die Gefahr, sie ist furchtbar, doch sie tritt selten auf, der Vorteil aber liegt in der angewohnten Fügsamkeit der Massen und die ist alltäglich. Es ist doch nur Geschmacks-, eigentlich Parteisache, ob man den Vorteil nützen oder der Gefahr vorbeugen will, die einen wollen die Menschen zu Massen ballen, das sind die politischen Praktiker, die andern wollen die Massen in Menschen auflösen, das sind die — Idealisten!“ Er seufzte leise auf. Vielleicht war er in seinen Studienjahren auch einer gewesen.

Bis er das Geräusch des davonrollenden Wagensaus dem Gehör verlor, hatte der Müller aufgehorcht, er hatte sich im Bette halb aufgerichtet, jetzt griff er mit der Rechten hinter sich, bauschte die Polster auf und lehnte sich zurück. Er fühlte sich leichter. Er sah um sich, er war wieder allein.

„Schau,“ sagte er, „der Pfarrer, das ist ein feiner! Zum Streiten möchte er gar anheben, wenn man ihm nicht in allen Stücken zu Willen wär’. Bei all dem ist nichts verhaut, solang ich lebe. Hab’ ihm doch auch manche Red’ gegeben, wo er ein Gesicht dazu gemacht hat, als hörte er den Teufel Mess’ lesen — — und einölen hat er mich doch müssen, hihi“ — er schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke —, „einölen hat er mich doch müssen.“


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