3.
Der Morgenwind strich vor der Sonne her, als wollte er Busch und Kraut wach fächeln, und ein geheimnisvolles Weben und Regen begann in der Luft, im Dämmer schienen sich die Gegenstände auf die Farbe zu besinnen, die sie im Lichte trugen, — der Tag brach an. Vorüber war die Nacht, die letzte auf Erden für den alten Mann in der Mühle, die erste für den Säugling im Reindorferhof, dort verflackerte ein ausgebranntes Licht, hier glimmte ein verwandter Funke mählich an.
Es lag noch alles in anheimelnder Stille. In den Büschen längs des Fahrweges begann es mit ungelenkem Flügelschlag zu flattern und in einzelnen Tönen zu zwitschern, und von gegenüber rief eine Stimme: „Seid ihr noch verschlafen, Geflieder?“ Es war der Reindorfer, der an seinem Hoftor lehnte, er zwinkerte dabei lustig mit den Augen, sah dann zu dem blassen,reinen Himmel auf und rings nach den bewaldeten Hügelkämmen und tat einen tiefen Atemzug. Ja, der Morgen, wo man so mit der lieben Gotteswelt allein ist! —
Es dauert aber nicht so lange, als man eine Pfeife raucht, so rufen sie einem zum Frühstück und da sitzt man wieder mitten drinnen ... Sein Gesicht verfinsterte sich, er führte die Pfeife nach dem Munde und preßte die Zähne auf die Spitze, dann trat er zurück, schloß hinter sich das Tor und ging durch die Küche nach der Wohnstube, an der Tür lauschte er, die Bäuerin hustete, sie war wach, da begann auch das Kind zu schreien, unwillkürlich ballte sich ihm die Faust und siedig heiß schoß es ihm nach den Augen, als solle er vor Zorn weinen, er wandte sich ab.
„Das Kleine schreit recht brav,“ sagte die Dirn’, die am Herde stand.
Da lehnte er seine Pfeife in den Herdwinkel und trat in die Stube.
Er ging nach dem Fenster, die Bäuerin sah ihm mit furchtsamen Augen nach, sie erwartete keinen Gruß von ihm, aber sie getraute sich auch nicht, ihn zu grüßen.
Der Bauer blieb, wo er war, zog den nächsten Stuhl an sich, setzte sich, sah auf seine Stiefelschäfte nieder und begann ohne weitere Einleitung: „Ich bin alt und du bist nimmer jung, lärmendes Getue und Getreibe macht uns keine Aufheiterung mehr, wozu sollen wir derlei uns ins Haus laden? Aufsehen macht es auch, wenn man das Kind im Aufzug zur Kirche bringt, all das mag mir nicht taugen, so will ich gleich dazusehen; heut’ fährt der Herr Pfarrer gewiß wieder vorbei nach der Mühle, und da will ich ihn abpassen und ihn bitten, daß er zu uns kommtund das Kind im Hause tauft. So mein’ ich, könnt’ alles in der Stille vor sich gehen, und brauchte nur die Gevatterin und wer sonst not ist, dabei zu sein; man kann ja sagen, man tu’ so eilig, weil es mit dem Kind nicht recht richtig wär’,“ — er blickte seitwärts nach der Wöchnerin und setzte halblaut hinzu — „wär’ auch nicht gelogen, und doch die Wahrheit im Sacke behalten.“
„Du sitzest soviel weit weg,“ klagte die Bäuerin, „daß man nicht reden kann, ohne daß eines draußen alles hört.“
„Was braucht es da Heimlichkeiten, sag’ ja oder nein.“
„Schau, wegen der Tauf’, da tu nur, wie du dir vorgenommen hast, aber ich hätt’ noch etwas zu sagen, und das kann ich nicht laut.“
Der Bauer erhob sich und trat näher.
„Du wirst wohl nicht dagegen sein, und mir wäre es ein rechter Trost in meinem Unglück. Weißt,“ flüsterte die Bäuerin, indem sie den Arm etwas hob und nur mit dem Handrücken gegen die Wiege deutete, „wenn es aufkommt, möchte ich es gerne in die Stadt zu den frommen Frauen geben, damit es christlich auferzogen wird und einmal selber eine werden kann. Da wäre es gut aufgehoben, der Herrgott möchte ihm sein Dasein nicht so übel vermerken und wohl auch ... anderen ihre Sündhaftigkeit nicht mehr so schwer aufrechnen.“
Der Bauer trat hart an das Bett.
„Sei nit so dumm,“ sagte er, „unsern Herrgott geht es nicht so nah’ an, wie mich, so wird er doch keinen Zorn auf das Kind haben, das an allem ganz unschuldig ist; du aber verbleibst eine Sünderin, wenn es gleich eine Heilige werden möcht’, und es soll dochvorerst nur eine Klosterfrau werden, und die sollen nicht alle auf das Heiligwerden aus sein. Es ist nicht mein Kind, so red’ ich ihm auch nicht das Wort, aber die Frommheit kann man keinem anlernen, wie jungen Hunden das Wildaufspüren, und wenn dann plötzlich eines zu Jahren und zu Verstand kommt und es mag sich nicht darein finden, dann taugt es für Erd’ und Himmel nicht mehr. Und sich dabei auf gut Glück verlassen, wie es ausgeht, dazu ist heuttags schon gar kein Zeitpunkt, wo alle Welt hinter den Kutten her ist, früher hat man noch manches vertuschen können, jetzt aber braucht unser Herrgott nur Leute in seinem Dienst, die ihm Ehre machen, die andern sollen davonbleiben. Wär’ das aber auch nicht meine Meinung, hierin tät’ ich dir doch nicht deinen Willen! Du hast vermeint, ich würde ja sagen, weil ich selber das Kind nicht gerne vor mir sehen möcht’, und dabei hättest du es auch aus den Augen gekriegt und aus dem Sinn, und das wär’ dir recht gewesen, denn mit der Schamhaftigkeit über seine Sünden hält es der Mensch, wie die Katze mit dem Unrat, weiß sie den nur eingescharrt, so geht sie stolz davon, als hätte man sie nie darüber hocken gesehen. Du hättest darauf vergessen und dir einbilden können, es wäre noch alles in alter Gehörigkeit. Darum bleibt das Kind im Hause und dir unter Augen!“ —
„Freilich, wenn du es willst,“ sagte kleinlaut die Bäuerin, „muß es schon verbleiben, das Weggeben war auch nur so ein Gedanke von mir.“
„Dasselbe und das der Taufe wegen hätten wir also unter uns ausgemacht, mehr hab’ ich auch nicht zu sagen gehabt und so geh’ ich jetzt wieder, damit ich den Wagen mit dem Herrn Pfarrer nicht verabsäume. Oder weißt du noch etwas?“
Die Bäuerin war trotz ihrer achtunddreißig Jahre noch immer ein hübsches Weib, das wußte sie, auch das, daß Schmerz und Angst ihre Züge nicht verstelle, denn schon als Kind sagten die Leute von ihr, sie könne so schön weinen. Der Bauer stand noch immer knapp an ihrem Bette, er hatte beide Arme sinken lassen und zunächst ihr befand sich seine Linke, schon lange schielte sie danach, als wollte sie des Griffes sicher sein, als er sich nun zum Gehen wandte und sie dabei aus den Augen lassen mußte, während er den Arm ihr etwas zurückte, da faßte sie mit beiden Händen zu, hielt ihn an der Hand und über dem Ellbogen und suchte ihn gegen sich zu ziehen, daß er ihr in das Gesicht sehe. „Joseph, mein Joseph,“ rief sie bittend.
Reindorfer aber riß sich von ihr los, wischte mit der Schürze über den linken Jackenärmel und über die Hand und sagte: „Laß das gut sein! Aus Angewöhnung und aus Scheu vor jedem Aufsehen mag ich mir in meinem Hauswesen nichts verändern, und so muß denn auch vor den Leuten alles beim alten bleiben, wenn du aber meinst, es könnte noch einmal werden wie früher, da irrst du dich groß, das hat vertan für alle Zeit!“
Er ging. Die Tür schloß sich hinter ihm. Seine Tritte verhallten.
Die Bäuerin war mit dem halberhobenen Oberleibe wieder zurückgesunken und lag ohne Laut und Regung.
Er war ja im Rechte!
Ihn zu gewinnen mußte sie wohl versuchen, welch eine hätte auch das nicht versucht? Eine Schwäche für sie hätte ihr ihre eigene verzeihlicher erscheinen lassen. Es kam aber, wie sie selbst gefürchtet hatte, daß es kommen werde. Nun war es auch gewiß.
Und er hatte recht.
Sie schloß müde die Augen und wünschte, sie täte sie nie mehr auf.
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Ein Wagen kam jetzt in raschem Trabe angefahren, Reindorfer lief vor das Tor und sah nach demselben aus, es war schon der rechte, der Knecht von der Mühle kutschierte, zwei Herren saßen hinter ihm, der eine war der Pfarrer und auf den andern besann er sich nur so lange, bis sie etwas näher kamen, er hatte ihn oft in der Gegend herum gesehen, es war der Herr Notar aus der Kreisstadt. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und trat hinzu und grüßte.
„Guten Morgen, Reindorfer,“ sagte der Pfarrer, „will Er mir etwas? So sage Er es nur schnell, wir haben Eile.“
Reindorfer legte die Linke auf den Kutschensitz und ging neben dem Wagen, den man etwas langsamer fahren ließ, eine Strecke her. Er brachte sein Anliegen vor, der Pfarrer sagte zu, er dankte und trat zurück und der Wagen schoß wieder in Eile dahin.
Stunden waren darüber vergangen, die Sonne stand schon ziemlich hoch und meinte es gar zu gut. Auf einer großen Wiese, die gegen den Fahrweg abfiel und von diesem durch einen lebenden Zaun geschieden war, rechte der Reindorfer mit seinen beiden Kindern und einem Knechte Heu zusammen. Er ließ gerade den Stiel des Rechens gegen seine Schulter fallen und wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirne, als er über den Zaun gegrüßt wurde.
„Grüß’ Gott, Reindorfer!“
Er fuhr bei dem Klange dieser Stimme zusammen und blickte auf.
Jenseits des Zaunes stand ein Mensch in verwahrloster städtischer Kleidung, eine Lagermütze, dieer schief über dem rechten Ohre sitzen hatte, verlieh ihm ein unternehmendes Aussehen und ließ erraten, daß er Soldat gewesen oder wohl noch war. Er mochte über dreißig Jahre alt sein, aber trotz seines herabgekommenen Äußern ließ ihn seine kleine schmächtige Gestalt und der sorglose Ausdruck seines Gesichtes viel jünger erscheinen. Unter der Mütze fiel ihm schwarzes Haar in Ringeln bis in die Stirne, große braune Augen blickten keck in die Welt und unter der geraden Nase mit den scharf vortretenden Nüstern trug er einen Schnurrbart, dessen eine Spitze er eben jetzt durch die Finger zog.
Reindorfer sagte, ohne seinen Gruß zu erwidern: „Du bist wieder da? Lump!“
Der Urlauber lachte. „Ein bißchen höflicher könntest du wohl auch gegen mich sein, wer weiß, was geschieht!? Diesmal haben sie mich extra aus der Stadt gerufen, und wenn die Mühle nun doch an mich käme, dann sollten wir als Nachbarsleute in gutem Einvernehmen stehen.“
Der Bauer kehrte ihm den Rücken und schickte sich an, seine Arbeit wieder aufzunehmen.
Das schien den auf der Straße zu verdrießen, er drehte den Schnurrbart heftiger und nach einer Weile sagte er, während sein Gesicht durch die lauernd zusammengekniffenen Augen und den breitgezogenen Mund ein unsäglich gemeines Aussehen bekam: „Ist es wahr, was ich gehört hab’? Seit ich das letztemal da war, ist eines mehr auf dem Reindorferhof geworden.“
Da riß der Bauer mit einem Ruck den Rechen an sich, alle Muskeln in den Armen krampften sich ihm zusammen, die Adern an der Stirne traten hervor und die Wiese zerrann vor seinen Blicken, nurein roter Fleck verblieb aufdringlich in seinem Auge, er besann sich,dieFarbe trug der Rock seiner Tochter, und indem er sich besann, sah er auch wieder diese selbst, seinen Buben und den Knecht, die in geringer Entfernung von ihm gleichmütig fortarbeiteten; da ließ er den verhaltenen Atem von sich, handhabte wieder seinen Rechen, und indem er sich dabei dem Zaune etwas zukehrte, warf er über seine Arbeit weg dem Urlauber einen einzigen Blick zu; aber es war jener Blick, dem selbst der Unverschämteste nicht standhält, jener Blick, der dem Beleidiger sagt: Die Unbill ertrag’ ich, aber dich nicht!
Langsam entfernte sich der Urlauber, und erst, als er sich außer dem Gesichtskreise Reindorfers wußte, schritt er rascher auf dem Wege nach der Mühle hin.
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Auch in der Mühle waren, wie den Tag zuvor im Reindorferhofe, die Fenster verhangen. Das Licht tut dem Menschen wehe, wenn er zur Welt kommt und wenn er von ihr geht, er muß es erst gewöhnen und er muß seiner entwöhnt werden, denn aus dem Dunkel kommt er und in das Dunkel soll er wieder; das Licht ist ein armes Geschenk, es scheint ihm nur gegeben, um sich von der Wiege in den Sarg zu finden, die kurze Strecke dahin wirft es nur schwanke, zitternde Kreise auf die Welt, und keiner weiß, wo hindurch eigentlich sein Weg gegangen.
Der Pfarrer und der Notar waren am frühen Morgen angelangt.
Der Notar war ein kleines, bewegliches Männchen, er schien gerne eine gewisse Feierlichkeit zur Schau zu tragen, ging stets in schwarzer, städtischer Kleidung, und einer ziemlich hohen, steifen, tadellos weißen Halsbinde verdankte er die würdevolle Haltungseines Kopfes, derselben wurde durch dessen Kahlheit und die durchwegs rundlichen Züge seines Gesichtes, die ihm ein stets freundliches, wohlwollendes Aussehen verliehen, durchaus keinen Abbruch getan, nur weil die Bauern überhaupt gerne über Brillen lachen und witzeln, so war es ein ziemlich gewagtes Unternehmen von ihm, auf seinen Fahrten über Land farbige kreisrunde Staubgläser mit einer massiven Einfassung zu tragen.
Nachdem sie in die Krankenstube eingetreten waren, legte der kleine Mann einen ihn behindernden Pack Schriften auf ein Tischchen und entfernte für das erste diese ihm nun selbst bedenklichen Gläser; er tat das mit großer Bedächtigkeit, reinigte sie erst sorgfältig mit dem Taschentuche, holte aus den Tiefen eines Rockschoßes das dazu gehörige Futteral hervor, schob sie vorsichtig hinein und steckte das Ganze mit ebensowenig Eile wieder zu sich. Aber er sollte bald aus dieser gemütlichen Verfassung herausgeschreckt werden.
Er trat an das Bett des Kranken: „Nun, Alter, wie geht es denn?“
„Dank’ der Nachfrag’, ich bin schier völlig gesund.“
„Kennt Er mich, Herlinger?“
„Ei freilich, Ihr seid ja der Herr Notar, freilich.“
„Nun und warum bin ich denn da?“
„Hihi, warum werdet Ihr da sein? Heirat’ ich nicht heut die Weninger Kathrin’?“
Der Notar warf einen erschreckten Blick auf den Pfarrer, dieser trat näher und sprach, indem er jedes Wort nachdrücklich betonte: „Aber, Herlinger, wohin denkt Er denn? die Weninger Kathrin’ ist ja schon lange tot.“
„So, so, die Kathrin’ wär’ schon lang’ tot? Ja, wie werden wir es denn nachher anfangen?“
„Er hat es mir ja gestern selbst gesagt, besinn’ Er sich nur.“
„Ja, ja, mag schon recht sein.“
„Und heute ist der Herr Notar mit mir herausgefahren, um den Florian an die Mühle zu schreiben.“
„Ja, ja, den Florian auf meinen Namen und an die Mühle schreiben. Ist schon recht.“
„Also darauf besinnt Er sich,“ fragte hastig der Notar, „das ist Seine Willensmeinung?“
„Ja freilich, das ist schon so meine Willensmeinung.“
„Da ist allerhöchste Zeit, Hochwürden“ — der kleine Doktor stürzte nach dem Tischchen, wo die Schriften lagen —, „in ein paar Minuten kann der Mann nicht mehr bei sich sein, und dann ließe sich nichts machen; ich bitte nur um noch einen Zeugen, um einen dritten Zeugen.“
Der Pfarrer eilte zur Türe. „Barthel,“ rief er hinaus, „laufe nach dem Anrainer[5]Kleehuber, er möchte gleich kommen, er soll nur alles liegen und stehen lassen!“
Der Knecht rannte fort.
„Hochwürden haben gehört, daß er auch an dem Gedanken festhält, den Florian auf seinen Namen zu schreiben; wie ich schon die Ehre hatte auseinanderzusetzen, so ist das vergangenes Jahr an der Bockbeinigkeit von Vater und Sohn gescheitert und läßt sich jetzt nicht mehr ins Werk richten, es ist das ein Geschäftsgang, der gesunde Leute erfordert.“
„Die noch ein langes Leben vor sich haben, Herr Doktor?“
„Es ist auch nicht anders, Hochwürden. Unter den gegebenen Umständen ist es unmöglich und halte iches auch für ganz nebensächlich. Eine Aufklärung darüber verstünde der Alte nimmer und sie würde ihn nur ganz verwirren. Die Schriften habe ich, Gott sei Dank, vom vorigen Jahre her fix und fertig liegen gehabt und daher nur von der Adoption Umgang genommen und an die Stelle derselben in der letztwilligen Verfügung ein Bekenntnis der Vaterschaft treten lassen, das zwar keine Rechtsfolge hat, aber, ich denke, wir begnügen uns diesfalls mit der moralischen. In dieser Form werde ich auch das Testament vorlesen und zur Unterschrift unterbreiten; mein Schreibzeug führe ich mit mir,“ — der Notar stieß zum Beweise dessen ein kleines, eiförmiges Tintenfaß mit dem eisernen Dorne in die Tischplatte, — „so haben wir auch einerlei Tinte bei der Fertigung der Dokumente, wenn uns nur der Müller noch die paar Minuten aushält.“
„Ich hoffe, das wird er wohl,“ sagte der Seelsorger. „Nun, Herlinger, wie ist Ihm denn?“
„Gut, recht gut.“
Und näher zu ihm tretend, sagte er, damit der Sterbende an dem Gedanken festhalte: „Nun werden wir halt den Florian an die Mühle schreiben.“
„Ja an die Mühle schreiben und auf meinen Namen, die Kathrin’ wird eine Freude haben, es ist ja unser Kind.“
Da öffnete sich die Türe und mit dem zurückkehrenden Knechte stürzte der Anrainer Kleehuber herein. Der Mann sah wie verwildert aus, die Haare hingen ihm in das Gesicht, seine Hände waren mit Lehm beschmiert und er wischte beständig mit der blauen Schürze an ihnen, um sie rein zu bekommen, denn früher schien ihm doch nicht geraten, sich damit über die Stirne zu streichen.
„Da bin ich, Hochwürden, da bin ich,“ sagte er atemlos, „sauber bin ich hergelaufen, der Barthel hat mich auf dem Erdäpfelacker getroffen, und weil er gesagt hat, es müßt’ gleich sein, so bin ich halt mit, wie ich auch ausschau’, nichts für ungut.“
„Das ist schon recht, Kleehuber,“ sagte der Seelsorger, „und so hab’ ich es auch gemeint, wie Er aussieht, das hat nichts zur Sache, wir brauchen eben schnell noch einen Zeugen, der Müller will seinen letzten Willen angeben.“
„So, so, nun, das freut mich, da bin ich schon gern dabei,“ sagte der Kleehuber, „der Barthel hat mir schon gesagt, er müßt’ auch seinen Namen dazu hergeben, aber, Hochwürden, ich bitt’, wer ist denn hernach der dritte Zeuge, der mit uns schreiben soll?“
„Der bin ich!“
„Nein, Hochwürden, das geht nicht, da mach’ ich mich doch lieber sauber, ich bin gleich wieder da, nur meinen Sonntagsrock zieh’ ich an, was würden die Leute sagen, wenn ich mich so, wie ich da bin, Euer Hochwürden nebenan schreiben täte, und die Herren vom Gericht erst, wenn sie es lesen?!“
Der Notar, der bisher dem Müller zugesprochen hatte, kehrte sich rasch gegen Kleehuber und fuhr den „ersuchten Herrn Zeugen“ an: „Wird Er dableiben! Sei Er doch nicht gar so dumm, Seinem Hühnergekratze kann doch niemand ansehen, ob Er es im Sonntagsrock oder in Hemdärmeln hingekleckst! — Den Müller Herlinger kennt Er?“
„Aber freilich, Herr Doktor, da liegt er ja.“
„Es ist gut! Der hochwürdige Herr Pfarrer hat Ihm bereits gesagt, um was es sich handelt, merk’ Er nun auf, auch du, Barthel, ob alles hübsch inder Ordnung vor sich geht, damit jeder mit gutem Gewissen seine Zeugenschaft abgeben kann.“
„Wollen schon aufpassen, Herr Doktor.“
„Wer ist denn der da mit der blauen Schürze?“ fragte der Müller.
„Der Kleehuber ist es,“ sagte der Pfarrer, „der Kleehuber. Kennt Er ihn denn nicht?“
„Ah ja, der Kleehuber. Aber was will denn der auf der Hochzeit mit der blauen Schürze?“
„Nun sehen Hochwürden, ich bin ihm selber nicht gut genug.“
„Aber Herlinger,“ sagte der Seelsorger und legte seine Hand auf den abgezehrten Arm des Kranken, „besinne Er sich doch, daß wir keiner Hochzeit wegen gekommen sind.“
„Der Kleehuber“, nahm der Notar hinzutretend das Wort, „ist nur da, damit auch alles ordentlich aufgeschrieben wird, was zu geschehen hat wegen dem Florian.“
„Auf meinen Namen und an die Mühl’ schreiben,“ sagte mechanisch der Sterbende.
„Ich muß Ihm bemerken, Müller, daß diese Seine Äußerung lediglich nur von einer Wirkung auf die anwesenden Zeugen ist und bleibt, daß ich aber gleichwohl voraussetze, daß Er schriftlich aufgezeichnet haben will, daß Er sich in Seinem Gewissen verpflichtet fühle, den Sohn der Dienstmagd Katharina Weninger, Namens Florian Weninger, für Sein leibliches Kind anzuerkennen und demselben für den Todesfall die Mühle samt allem, was dazu gehört, wie es liegt und steht, zu hinterlassen?“
Der Müller nickte.
„Dann muß Er sich aber zusammennehmen, Herlinger, daß Er hübsch bei sich bleibt, denn ich muß Ihm jetzt vorerst die Schrift vorlesen, und da mußEr gut aufhorchen, damit Er auch alles recht versteht und uns sagen kann, ob Er es auch so und nicht anders gemeint hat, wie da aufgeschrieben steht.“
„O, hören tu’ ich noch recht gut, auch verstehen, wenn ich mich zusammennehme, nur was ich rede, da weiß ich oft nicht, wo ich es her habe.“
„Dann muß Er auch noch Seinen Namen daruntersetzen können.“
Die magere Rechte über der Bettdecke versuchte zu schreiben.
Der Notar las rasch die letztwillige Verfügung vor.
„Ist das so recht, will Er nichts davon weg haben oder dazu tun, Herlinger?“
Der Müller langte nach der eingetauchten Feder, die der Notar in der Hand hielt.
„So gut und deutlich es geht,“ — sagte dieser, hinter den Schreibenden tretend — „den vollen Namen: Matthias Herlinger.“
Da stand es in großen unsicheren Zügen auf dem Papiere: „Matthias Herliner“. Bei dem Punkte stach die Feder tief in das Blatt und der Notar löste sie rasch aus der zusammenzuckenden Hand, damit nicht das Schriftstück in Fetzen gerissen werde.
Der Müller sank mit einem tiefen Seufzer zurück.
Der Notar aber atmete erleichtert auf, als er mit dem unterfertigten Dokumente zu dem Tischchen trat.
„Ich bitte, Hochwürden, als Zeuge.“ Er präsentierte dem Pfarrer die Feder. Dann wies er dem Kleehuber die Stelle, wohin derselbe seinen Namen zu schreiben hatte.
Der Mann besann sich lange, nicht wie er heiße, sondern auf das Aussehen jedes einzelnen Buchstabens, den er bei der Namensfertigung anzubringen hatte. Zuletzt schrieb der Knecht.
Vom Bette her klang es flüsternd: „Die Blumen, die gar vielen Blumen, die sie mir hergebracht haben.“
Der Notar und die Zeugen traten von dem Tische zurück und wandten sich nach dem Sterbenden. Die langgestreckte Gestalt mit den verfallenen Zügen, die dort im Bette lag, leise vor sich hinflüsternd und mit den eigenen Fingern spielend wie ein Kind, das war nicht mehr der Müller Herlinger. Wer sonst? Niemand. Das war das, was einst war, als wir uns noch nicht fühlten, das nämliche, das sich schon einmal ohne uns behalf, als es rege an unserem Bewußtsein baute, und das, wenn uns dasselbe verläßt, sich zum letzten an den angesammelten Erinnerungen schreckt oder erfreut, das nämliche, das die Kinder weinen oder lachen macht, und das auch den Sterbenden als letzten Gruß eine Träne oder ein Lächeln mit auf den Weg gibt.
Ein schwerer Atemzug hob die Bettdecke, — es war der letzte. Vor den Anwesenden lag eine Leiche. Der Pfarrer war gerade darauf bedacht, das Gesinde zusammenzurufen und an derselben ein kurzes Gebet sprechen zu lassen, als sich die Türe öffnete und Florian Weninger eintrat.
Der Urlauber behielt den Drücker in der Hand und sagte kurz: „Guten Tag! da bin ich. Nun, was ist’s, darf die Lois[6]mit dem Buben jetzt kommen? Sonst geh’ ich lieber gleich!“
Der Priester aber trat rasch auf ihn zu, führte ihn vor den Toten und drückte ihn dort an der Hand auf die Kniee nieder: „Da sieh, spare vorlautes Reden und bete für ihn, — er hat sterbend deiner als Vater gedacht und dir die Mühle hinterlassen!“
Der Mensch sah verwirrt zu den Umstehenden auf, dann blickte er in das stille bleiche Antlitz vor ihm, drückte beide Hände an die Brust und sagte mit liebender Stimme: „Ich hätt’ ihn doch noch gerne getroffen, daß ich ihm dafür hätt’ danken können!“
Es war die erste Regung besseren Gefühles, der erste Keim der Saat, welche der alte Müller mit sterbender Hand gestreut hatte, und es war wohl auch das rechte Bewußtsein, das er mit sich hinübernahm!
In den Aufschreibungen der Pfarre, welche die Geschicke der Gemeinde als Abnahme und Zuwachs, und die des einzelnen Geburt, Heirat und Tod in fortlaufender Einförmigkeit aufbehielten, verzeichnete der Pfarrer die Geburt eines Mädchens, Tochter des Joseph Reindorfer und dessen Ehefrau Rosalia, welches in der heiligen Taufe den Namen Magdalena erhielt, und den Tod des Matthias Herlinger, Müller im sogenannten Wasser-Graben hierorts. Eine geraume Zeit verstrich, Schnee lag über den Hügeln und lastete schwer auf den Tannen und das Jahr war zur Neige gegangen, als des Namens Herlinger in dem Kirchenbuche noch einmal Erwähnung geschah, woselbst zu lesen stand: daß der neue Müller im Wasser-Graben, Florian Weninger,vulgo„Herlinger Florian“, — denn das Volk hielt sich an die Vaterschaftserklärung des verstorbenen Müllers, — und Aloisia Kaufmann, in der Haupt- und Residenzstadt wohnhaft, als Brautleute an hiesiger Pfarrstelle um das dreimalige kirchliche Aufgebot nachgesucht und sich darauf auch über die in der Stadt eingegangene Ehe durch legalen Trauschein ausgewiesen hätten.