20.

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War die erste Mahnung an die Heimat, unter welcher Magdalenens Herz schmerzhaft zusammenzuckte, wie ein plötzlicher rauher Riß, der die kaum verharschte Wunde aufs neue bloßlegte, so war die zweite — die Begegnung von dorther — brutal, aber heilend wie ein chirurgischer Eingriff, der sie wieder schloß. Jene waren tot, vor deren Begegnen, selbst in ihren Gedanken und Träumen, sie sich ängstigte, weil ein Wirrsal zwiespältiger Gefühle auf sie einstürzte, jetzt konnte sie mit ihnen in wehmutreicher Erinnerung verkehren und ihnen jedes liebende Anrecht auf sich einräumen, desto schroffer mußte sie den Anspruch auf ein solches von seiten des Müllers zurückweisen, dem sie immer ferngestanden hatte und dem nahezustehen sie sich nicht denken konnte, ohne daß er ihr all dies Erinnern und Empfinden verderbte und befleckte.

Wenn eine Wunde verharscht, dann bleibt freilich eine Narbe, aber wie man die körperlichen danach beurteilt, ob sie durch ein Gebrest entstanden, oder von persönlichem Mute zeugen, so auch die seelischen, und nicht nur jenen, die im Schlachtgewühl der Gefahr trotzten, auch den tapfern Seelen, die mutig im Kampfe des Lebens sich bewährten, stehen Narben schön.

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Seit auf dem Grasbodenhof der Bauer und Magdalene wußten, „daß sie einander nichts wollten“, hatten sie bei jeder Gelegenheit, die sich schickte, die sie nicht suchten, noch ihr auswichen, einen freundlichen Gruß, oder ein kurzes, munteres Wort. Gleich nach derentscheidenden Auseinandersetzung meinte der Bauer ein rechtes Einsehen zu haben, indem er es vermied, fürder mit der Dirn’ und Burgerl allein auf seiner Stube zu mahlzeiten; er führte die alte Sitte wieder ein und aß gemeinsam mit dem Gesinde in der unteren Stube. Da, wenn alle durcheinander schwatzten, ließ er sich auch in ein halblaut geführtes Gespräch mit Leni ein, wobei es oft geschah, daß beide plötzlich aufhorchten, sich allein reden hörten und aller Augen auf sich gerichtet sahen, dann verstummten sie und wurden verlegen und wußten nicht warum, und die halbblöde Traudel schlug dann jed’mal ein Gelächter auf. Das war dumm. Sie gaben sich daher bei Tisch und vor dem Gesinde nur Gruß und kurze Reden und versparten die rechte Ansprache für unter sich, und sie redeten sich so gut und leicht, während sie im Garten den Baumgang auf und nieder schritten. Freilich hätten sie merken können, daß, seit sie außerm Gesicht des Gesindes sprachen, dieses damit hinter ihrem Rücken anhob, aber sie hatten es nicht acht, wenn sie plötzlich in irgendeiner Ecke auf ein Paar stießen, das bei ihrer Annäherung mit einmal im Texte nicht weiter wußte.

So schritten sie denn über den Kiesweg dahin und es begannen unter ihren Füßen die welken Blätter zu rascheln und vom Rasen hingen die bereiften, dürren Halme nieder und dann starrten die nackten, kahlen Äste über ihnen, die Schneeflocken fielen und die weiße, flaumige Decke behielt die Fußstapfen auf.

Der Weihnachtsabend kam und der Bauer stellte sich bei Magdalenen mit Geschenken ein, über welche das ganze Gesinde kopfschüttelte. „Alles was recht is! Was eines verdient und sich zu ihm schickt, das soll ihm vergönnt sein; aber hat er der Dirn’ nit ein Sonntagsspenzer und obendrein ’s Zeug zu ein’ Rockh’naufgenötingt, wie ihn rundum schöner und reicher kein’ Bäu’rin tragt?“

Am Morgen nach der heiligen Nacht, als außen die Morgensonne über dem glitzernden Schnee aufstieg und das Herdfeuer in der Küche prasselte, sagte die alte Sepherl, indem sie sich bückte und einige Reiser auflas, ohne zur Angeredeten aufzublicken: „Na, Leni, du kannst wohl mit deiner Christbescher z’frieden sein.“

„Wahrhaftig, Sepherl,“ sagte treuherzig die Dirne, „ich weiß nit, wie ich dazukomm’.“

Die Alte richtete sich auf und sah dem Mädchen ins Gesicht. „So? No, mein’sweg’n, jetzt glaub’ ich dir noch, aber wann d’ nit in Unehr’n davon erfahren willst, so schenk du mir auch Glauben, wenn ich dir sag’, der Bauer hat’s auf dich abgesehen.“

„Geh weg,“ lachte Leni, „dazu is er z’viel vernünftig!“

Sepherl wandte sich brummend ab und störte im Feuer.

Plötzlich schattete es im Türrahmen. Der Großknecht Heiner hatte sich im Flur breit hingepflanzt. „Guten Morgen, Sepherl,“ rief er. „Guten Morgen, Dirn’! Neujahr is vor der Tür, verlaubst schon, daß ich dir gleich heut mein Sprüchel aufsag’. Ich wünsch’ dir nur, daß d’ es ebensogut triffst, dir ’n Bauer vom Leib z’ halten, wie unserein’n.“

Leni trat auf ihn zu. „’s selb’ hat’s auch gar nit not, daß d’ es weißt,“ sagte sie trotzig. „Er will mir nix nit.“

Heiner tat einen langen, halbleisen Pfiff.

„Sie meint,“ sagte Sepherl, indem sie die Schultern in die Höhe zog, „dazu wär’ er z’viel vernünftig.“

Der Knecht schlug ein kurzes Gelächter auf.

„Wohl, weil ihr ihn nit kennt, wie er is,“ sagte Leni, der die Zornröte ins Gesicht stieg.

„Brauchst dich über ein’ ehrlichen Rat nit zu erbosen und rot z’ werden wie ein Biberhahn,“ sagte Heiner und schritt hinweg, hinaus in den Garten und folgte dort den breiten Fußspuren im Schnee, bis er am anderen Ende auf den Bauer traf, der in das weite Feld hinausstarrte und seine Morgenpfeife qualmte.

„Guten Morgen, Bauer!“

„Auch so viel, Heiner. Frisch is ’s heut.“

„Frisch is ’s.“

„’s macht der viele Schnee, aber das is ’n Feldern recht und ’m Menschen g’sund.“

„Wohl, wohl. Aber laß dir sagen, Bauer, jetzt mein’ ich schon, ich hätt’ mich bei dir vom Anfang an recht gut auskennt und was mer ein’m andern nit vergunnt, drauf hat mer selber a Schneid’.“

„Red’tst übernächtig? Was hätt’ ich dir nit vergunnt?“

„No, hast mich ’leicht nit vom Hof gehn g’heißen, wann ich mit der Dirn’, der Leni, was anfang? Und bei mir hätt’ sich doch all’s noch in Ehr’n schicken können, wozu führt’s denn aber bei dir?“

„Was red’tst denn für narrisch Zeug? Es is doch da gar nix zu Weg, daß ’s wohinzu führen müßt’! Ich will doch, gottswahrhaftig, nix mit der Dirn’.“

„Aber, du mein Gott,“ sagte Heiner, indem er die herabhängenden Hände ineinanderfaltete und den Bauer mit weitgeöffneten Augen anstierte, „dann treibst doch mit ihr a ganz verfehlt’ Wesen! Welche Dirn’ möcht’ sich da keine Gedanken in’ Kopf setzen?!“

„Dazu is die viel z’ g’scheit,“ sagte der Bauer.

Heiner öffnete die gefalteten Hände und ließ die Arme am Leibe herunterbaumeln, während er seitwärts nach der Krone eines Baumes aufblickte.

„Na, sei nit dumm,“ sagte ärgerlich der Bauer.

Da kam die Sepherl herangeschritten. „Laßt nit warten,“ sagte sie, „die Schüssel steht af’m Tisch.“

Der Bauer schritt voran.

„Hör, Bauer,“ sagte die Alte, die einen Schritt hinter ihm nachtrippelte, „der gestrig’ heilige Christ, laß dir sag’n, der war all’s z’viel; magst ’s ja gut meinen, aber glaub mir, du tust dir und der Dirn’ nix Gut’s damit, wann du s’ einbilderisch machst.“

„Dazu, meint der Bauer, wär’ dö viel z’ g’scheit,“ sagte trocken Heiner.

Der Bauer wandte sich hastig nach den beiden um und sagte zornig: „So mein’ ich, und ich bin’s nit gewohnt, daß auf mein’m Hof ein’s anders meint, wie ich!“

Großknecht und Altdirn’ blieben eine Weile an der Stelle stehen, dann folgten sie in gemessener Eile und Entfernung; sie lüpften die Schultern, hoben die Hände mit ausgespreiteten Fingern und strichen sich über die Scheitel und führten so eine stumme aber beredte Sprache verblüfften Verwunderns.

Verstimmt trat der Bauer in die Gesindestube und an den Tisch. Er und Leni grüßten sich befangen. Es sollte aber noch ganz anders kommen!

Burgerl saß, wie gewöhnlich, zwischen den beiden, und als alle eifrig die Löffel handhabten, — wer darauf hielt, besaß seinen eigenen — stieß sie leise mit den Ellbögen rechts und links an und sagte: „Jesses, ich hab’ eure Löffel verwechselt.“

Leni legte den ihren sofort neben den Teller des Bauers.

„Könnt’st auch aufschau’n, dumm’s Ding,“ murrte der, zu Burgerl gewendet, goß die Milchsuppe in den Teller zurück und reichte den Löffel hinüber.

Burgerl zog die Kniee an sich und schlang die Arme darum, so kauerte sie eine kleine Weile, dann blickte sieauf mit Augen wie ein Kobold, der sich eines gelungenen Streiches freut, und sagte: „Jetzt schmeckt’s besser.“

Der Bauer stieß ein paar kurze Laute aus, die er gerne als das Lachen eines Unbefangenen an den Mann gebracht hätte, als er aber Leni vor Verlegenheit bis unter die Haarwurzeln erröten sah, blickte er so wild um sich, daß allen das Lachen verging bis auf Traudel, die Stalldirn’, die denn auch der Bauer anfaßte und zur Türe hinauswarf.

„Vermaledeiter Saufratz!“ schrie er und hob den Arm gegen Burgerl. Keines auf dem Gehöft erinnerte sich, ihn je so zornig gesehen zu haben. Erschreckt schlang Leni beide Arme um das Kind und riß es an sich.

Er ließ den Arm sinken und sprudelte stoßweiße heraus: „Dank’s der Len’! — Aber das laß dir g’sagt sein — nur einmal noch — nur einmal — in der Weis’ — spiel’ du vernünftigen und g’scheiten Leuten mit! — Nur einmal!“

Jene, die im kritischen Augenblicke den Löffel aus der Hand legen und Schürze oder Ärmel, unter dem plausiblen Vorwande des Mundabwischens, vor das Gesicht bringen konnten, schätzten sich sehr glücklich. Qualvoll gestaltete sich die Situation für die anderen, bei denen sich das Lachen und der Löffel Suppe auf dem Wege nach hinauf und hinunter trafen; die Armen spannten die Backen, als ob sie Posaune bliesen, und die Augen quollen ihnen aus den Höhlen, als sie aber merkten, daß, vermutlich der lustigen Gesellschaft halber, die Sauermilchsuppe kehrt machte und nun vor dem Lachen einherlief, und um nur ja rechtzeitig dabei zu sein, den kleinen Umweg durch die Nase nicht scheute, da fuhren sie verzweifelt von ihren Sitzen empor und stürzten sich in die Stubenecke und begannen dort auf das erbarmungswürdigste zu pfeifen und zu husten.Ihr Elend kam den andern Knechten und Mägden sehr erwünscht und bald war jeder Luftschnappende von zwei oder drei Helfern umgeben, die ihm den Rücken abklopften, wobei freilich auch Püffe unterliefen, mit denen mancher sich, aber nicht dem Bedrängten Luft machte; dazu lachten sie wie närrisch, „daß sich der Naz’, die Cenz’, der Michl, die Gundl — na, aber so — hat verkutzen können!“

Ärgerlich wandte sich der Bauer ab und ging hinweg.

Leute, deren guten Rat und wohlmeinende Mahnung man kurzweg von der Hand weist, fühlen sich in der Regel beleidigt und Heiner und Sepherl waren keine Ausnahmen. Wenn von nun ab der Bauer, um Heiners Meinung oder Zustimmung einzuholen, fragte, wie etwas recht zu machen sei, oder ob es recht gemacht wäre, so beteuerte der Knecht in erheuchelter Bescheidenheit: er wisse es nicht zu sagen, denn er sei lang nit so vernünftig — wie andere! Und wenn Magdalene in gleicher Absicht sich an Sepherl wandte, so wies die Alte in hinterhältiger Demut jede Frage von sich, denn sie habe nicht die Gescheitheit mit Löffeln gegessen — wie andere!

Da der Bauer und Magdalen’ von zehn Fragen neun nur des guten Einvernehmens wegen stellten, so ärgerte sie das unfreundliche Gehaben des Großknechtes und der Altmagd nicht wenig, aber sie verwanden allen Ärger im stillen und kamen darüber nie zur Sprache, denn das hätte ja ausgesehen, als ob sie sich über falsches Meinen der Leute nicht hinwegzusetzen wüßten, und möchte etwa nur das eine von ihnen an dem anderen irregemacht haben.

Desto eifriger sorgten Heiner und Sepherl dafür, daß das, was man sich bisher nur auf dem Gehöfte zugeflüstert hatte, nun auch auf die Straße und unter dieLeute käme, und um die Zeit, da der Tag sich jährte, an welchem Magdalen’ bei dem Grasbodenbauer in Dienst getreten war, erlebten sie die freudige Genugtuung, daß sich schon das ganze Dorf darin gefiel, den Bauer und die Favoritdirn’ mit Spitznamen zu bezeichnen.

Wenn Sonntags der Bauer mit der Dirn’ an seiner Seite — zwei Schritte Raum und die kleine Burgerl zwischen beiden — der Kirche zuschritt, so flüsterte hier einer: „Schaut, da kommt der Vernünftige mit der G’scheiten,“ und dort stob ein Rudel Bursche auf die halblaute Aufforderung: „Macht’s doch ’n G’scheiten und Vernünftigen Platz,“ mit unterwürfigem Gruße auseinander.

Als sich aber das Fest des heiligen Kirchenpatrons jährte und der Bauer Leni und Burgerl nach dem Wirtshause, ja sogar auf den Tanzboden brachte, wo ihm bei seinem Weggehen ein Vierzeiliger nachhallte:

„Vernünftig und g’scheit,Und tun, was ein’ g’freut!So vernünftig, o mein,Möcht’ ich selber gleich sein,“

„Vernünftig und g’scheit,Und tun, was ein’ g’freut!So vernünftig, o mein,Möcht’ ich selber gleich sein,“

„Vernünftig und g’scheit,Und tun, was ein’ g’freut!So vernünftig, o mein,Möcht’ ich selber gleich sein,“

„Vernünftig und g’scheit,

Und tun, was ein’ g’freut!

So vernünftig, o mein,

Möcht’ ich selber gleich sein,“

da wollte der Ruf der „vernünftigen und g’scheiten Zweisiedlerei af’m Grasbodenhof“ schier über das Dorf hinaus sich ausbreiten, denn zu dem Föhrndorfer Kirchtag fanden sich viele aus den Nachbarorten ein, und war jeder darauf aus einen Spaß von hier mit heim zu nehmen. Da auch der Knecht Hiesl von Hinterwalden herübergekommen war, so erfuhr noch in der nämlichen Nacht der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ um die ganze Geschichte.

Der Alte schüttelte den Kopf. Er warf sich die Sache durch die Reuter, das heißt, er siebte davon hinweg, was ihm als böswilliges oder müßiges Geschwätz erschien, aber auch mit dem, was nun verblieb,konnte er nicht zurecht kommen und fand in all der „Vernunft und Gescheitheit“ keinen Sinn.

„Was die nur denken?“ murmelte er. „Sich geg’nseits ’n Ruf verschänden! ’s is doch toll! Die Sach muß in die Richt’! Und weiß ’s kein’s von dö beim rechten Trum anz’fassen, so muß halt ich ihnen ’s weisen. Aber so oder so, dö Sach’ muß in die Richt’!“

Er trug Hiesl auf, für kommenden Morgen den Wagen bereitzuhalten.

Der Grasbodenbauer befand sich auf seiner Stube. Er hatte dem Gesinde sagen lassen, daß er nicht zum Frühstücke hinabkäme; sie würden auch ohne seiner das Essen fertig bringen, das traue er ihnen zu. Bei dem einen geöffneten Fenster strich würzige Morgenluft herein, an dem anderen, das geschlossen war, saß er und stützte den schweren Kopf in die Hände und beobachtete eine große Fliege, die ab und zu an die Scheibe prallte und dann eine Weile an derselben auf und nieder surrte, bis sie wieder nach der Mitte der Stube zurückschoß und einen neuen Anlauf nahm, um sich den Kopf anzurennen.

Der Bauer zog die Brauen zusammen, das Gedröhn der Fliege begann ihn zu verdrießen, es erinnerte ihn an das Geschnurre der Baßgeige, das ihn gestern nachts noch aus ferner Weite durch das ganze Dorf verfolgte.

Er hatte das Spottliedl wohl gehört und gute Lust bezeigt, unter der Schwelle umzukehren und den Takt dazu zu schlagen, aber Leni hatte ihn bittend am Arme gefaßt und fortgezogen. Heut frühmorgens ging einer unter dem Fenster vorüber und pfiff denselben Ländler und wenn der Lump auch die Worte für sich behielt, so war doch sicher, daß er sie in Gedanken vom ersten bis zum letzten dabei hatte.

„Dö Himmelherrgottssackermenter! Was sie’s angeht, wenn zwei Leut’ sich nichts wollen und ihnen auch nichts? Was geht sie’s denn an, die elendigen ...“

Pom! schlug die Fliege an die Fenstertafel und dann klang es: Srr — surr — sum — summ — — Vernünftig und g’scheit — — —

„Höllment’sch Vieh,“ schrie der Bauer und schlug danach, daß die Scheiben klirrten; die erschreckte Musikantin fuhr in einem großen Bogen durch die Stube und gewann dabei zu ihrem Glücke das offene Fenster.

Der Bauer stützte wieder den Kopf, er preßte die Handflächen gegen die Stirne und kraute sich mit allen zehn Fingern sachte in den Haaren, er konnte es nicht leugnen, daß ihm darunter gar wüst und wirr sei, und als jetzt ein Wagen, den er schon eine Weile über heranrädeln hörte, plötzlich jäh und polternd durch den Torbogen in den Grasbodenhof einfuhr, da war es schier schmerzhaft, wie jeder Hufschlag und Radstoß im dumpfen Gehirn nachzitterte.

Wer mag auch kommen? dachte der Bauer, und daß ihm jetzt jeder ungelegen käme.

Er sollte nicht lange im Zweifel über die Person des Ankömmlings bleiben, denn vom Hofe her hörte er Burgerls Stimme, welche freudig: „Der Ehnl! der Ehnl!“ rief.

Einigermaßen dadurch zufriedengestellt, daß ihm kein anderer Besuch zugedacht sei, erhob sich der Bauer bedächtig von seinem Sitze.

Burgerl war dem Großvater an der Hand Magdalenens entgegengeeilt. Der alte Mann, nachdem er sich vom Wagen herabgeholfen, streichelte das krause Köpfchen seines Enkelkindes und Hiesl sah dazu lächelnd vom Kutschbocke herunter, freilich bemerkte er dabei in allernächster Nähe in netten Schnallenschuhen ein paarFüße mit zierlichen Knöcheln, darauf eine stand, die im Begriff war, ein ganz unerlaubtes Glück zu haschen; als diese ihm einen Gruß zurief, blickte er gar nicht auf, er nickte verdrießlich und wandte sich ab.

„Du verstehst’s,“ murmelte er, „du verstehst’s! Wann ich nochmal af d’ Welt kimm’, werd’ ich auch a saubere Dirn’ und verleg’ mich af ’n Reich’n-Mon-Fang.“

Ehe der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ Magdalenen die Hand bot, sah er sie forschend an. Als ihre Augen, die mit offenbarem Befremden nach dem unhöflichen Knechte gerichtet waren, sich wandten und frei und treuherzig in die des alten Mannes blickten, streckte ihr dieser die Rechte dar.

„Grüß Gott, Dirn’,“ sagte er, dann kneipte er Burgerl in die Wange. „Wo steckt denn der Vater?“

„Auf seiner Stub’n. Komm, Ehnl, ich führ’ dich zu ihm.“ Die Kleine faßte ihn an der Hand.

„Hast recht, führ mich zu ihm. Wir werd’n heut eh’, denk’ ich, ein lang’s und ein breit’s miteinand’ hab’n, je bälder wir damit anheb’n, je früher krieg’n wir’s kürzer und schmäler.“

Sie schritten auf das Haus zu.

„No, kannst d’ Magdalen’ noch so gut leiden, wie z’ Anfang?“

„Mein’ liebe Leni? No wie net?“

„Und is der Vater auch mit ihr z’frieden?“

Burgerl kniff die Lippen ein und sah mit verschmitzt lachenden Augen auf.

„Schau einer! Du Grasteufel, beginn’ du schon ’s Reden mit dö Augen! Damit hat’s noch Weil’!“ schalt der Alte und, während Burgerl vor ihm die Treppe hinanlief und er langsam Stufe für Stufe nahm, sagte er kopfschüttelnd: „No, no, dös Nestküchllernet da nit übel zu. Es is höchste Zeit, daß einer, dem’s zukommt, ’s Maul braucht.“

Burgerl stieß die Türe auf und schrie zur Stube hinein: „Voda, der Ehnl!“

„Grüß Gott, Schwieger!“ sagte der junge Bauer. „Nit schön, daß d’ dich gar so rar machst; es is ja schon a Ewigkeit her, seit d’ dich ’s letztmal af’n Grasboden hast sehen lassen.“

„Na, a ganze wohl nit, a halbe dürft’ reichen. Grüß Gott, Kaspar!“

Die Männer schüttelten sich die Hände, dann sagte der Großvater sehr wohlwollend zur Enkelin: „Burgerl, dir pfeift im Garten a Vogel; druck d’ Tür’ ins Schloß, eil’ dich hinunter und los’ fein zu.“

Burgerl folgte der Weisung, soweit sie ihr anstand; hinunterzukommen, eilte ihr eben nicht und der Vogel pfiff ihr lang gut.

Als sich der Alte mit seinem Schwiegersohne allein sah, rückte er sich einen Stuhl zurecht. „Du verlaubst schon?“

„Ei, du mein, freilich, sitz nieder, sitz nur nieder,“ sagte der Grasbodenbauer, „daß ich dich’s nit g’heißen hab’, mußt mir für kein’ Grobheit ausleg’n, ich hab’ heut ’n Kopf nit recht bei’nander.“

Er setzte sich dem Alten gegenüber.

„Versteh’s schon,“ sagte der, „bist halt übernachtig, noch von gestern her, vertragst nit viel und kommst selten dazu; is ja kein Wunder. Gleichwohl red’t mer sich vielleicht heut leichter mit dir, wo d’ deine Gedanken z’samm’nehmen mußt, als wie sonsten, wo du’s durcheinand’wurlen laßt und dich dabei — nach der Leut’ Reden — auf’n Vernünftigen und G’scheiten h’nausspielst.“

Aber der Grasbodner nahm den Schalk, der zwischenden Fältchen der Augenwinkel des Alten lauerte, nicht wahr und brauste auf: „Dös hat noch g’fehlt, daß du, der d’ einer mir z’nächst bist, dö Übelwort’ mir af’n Hof, in d’ Stub’n, zwischen meine vier Mäuern tragst!“

„So, so nimmst’s auf?“ erboste sich nun der vom Hof auf der weiten Hald’. „No gut, wann dir’s nit anderscht ansteht, so kann ich dir auch grob geigen und g’radzu sag’n, daß kein Sinn und kein Verstand drein liegt, wann d’ dich und ein ander’s vorm G’sind und ’m ganzen Dorf zum G’spött machst und neb’nzu vor dein’m Kind seine sehenden Aug’n und losenden Ohr’n! Und drum und eben, weil ich einer dir z’nächst bin, so bin ich hitzt da, um drauf z’ bestehn, daß du der Sach’ so oder so ein End’ machst!“

„Wieso?“ fragte der junge Bauer.

„Wieso?“ wiederholte der Alte und zog die Brauen in die Höhe und starrte seinen Schwiegersohn an, als sähe er ihn das erste Mal im Leben und noch dazu als einen, mit dem es nicht recht richtig wäre; dann aber kniff er wieder die Augen zusammen und sagte: „No, gibst halt die Dirn’ weg.“

„Das kannst nit verlangen, schon der Burgerl wegen nit.“

„Ah, bah, dem ist leicht abg’holfen. Ich nehm s’ alle zwei, die große und die kleine Dirn’, af mein’ Hof und af dö Entfernung zwischen Hinterwalden und Föhrndorf spinnt sich kein G’red’.“

„Wär’ eh’ recht, wann ich’s Kind so leicht von mir ließ’,“ sagte der Grasbodenbauer.

Der Alte brachte die Hand vor den Mund und stieß unter einem leichten Hustenanfalle die Worte hervor: „Bist du ein guter Vater!“

„Schwieger, laß dir sagen,“ fuhr der andere eifrig fort, „ich verkenn’ ja nit dein’ Absicht; aber vertrau’auch du mir, daß d’ hinter dem Ganzen nix z’suchen hast, als der Leut’ Unvernünftigkeit und Bosheit; laß nur a weng Zeit mit dein’m Einmengen und wirst sehn, sie werden’s von selber müd’ und d’ Wahrheit b’halt’ recht.“

„Um d’ Wahrheit handelt sich’s ja gar nit, sondern um ’n Anschein und der wird, je länger mer’s anstehn laßt, je übler! Weißt, Kaspar, ich hab’ die Dirn’ da auf dein’ Hof ’bracht, und drum halt’ ich mich auch in mein’ G’wissen für verpflicht’t, daß ich, soweit an mir liegt, draufschau’, daß s’ Ruf und Ehr’ von da fortnimmt, wie sie s’ herbracht hat. Es is eh’ ’s Allermindest’, was ich tun kann, daß ich mich hinsetz’ und ihren Leuten schreib’, daß dö entscheiden, ob s’ die Dirn’ dalassen oder heimholen wollen.“

Der junge Bauer erhob sich und legte die Hand auf den Arm seines Gegenübers „Das wirst nit tun, Ehnl![26]Und ich sag’ dir auch, warum. Döselb’n Leut’ sein nit da am Ort und können sich von nix überzeugen, du aber kannst s’ nur falsch berichten, denn du gehst nur nach’m Gered’ und fragst der Wahrheit nit nach.“

Er schritt erregt die Stube ein paarmal auf und nieder, dann stellte er sich an den Tisch und begann auf den Alten einzureden:

„Seit Jahr und Tag, wo die Dirn’ af mein’ Hof is, kommt mir mein Hauswesen erst wie a solch’s vor; der Burgerl is sie a zweite Mutter, wo ich sie auch prob’ und prüf’, zeigt sie sich als tüchtige Hausnerin und mir als a ehrliche und aufrichtige Freundin. Die Dirn’ is unter mein’ Dach so sicher wie unterihrer Mutter Augen, und das laß dir sagen, die steht für sich selber in so aufrechter Ehrbarkeit da, daß s’ jed’s unlautere Wesen von ihr wegscheucht, und von mir kannst ’s glauben, — ich bin nit der Mon, der a Lug’ sagt, — wie ich mich auch zeither ihr erkenntlich bezeugt hab’, in Worten und Begegnen und Präsentern, niemal hab’ ich vergessen, was wir beid’ einander schuldig sein; nie bin ich auch nur entfernt auf ein’ unerlaubten Gedanken verfallen ... Eh’ zun Teufi h’nein, Ehnl, was lachst denn wie nit g’scheit? — Bist narr’sch? — Was gibt’s denn da zun Lachen?!“

Der alte Mann saß zurückgelehnt und lachte lauthals, erst als er seinen Schwiegersohn vor zorniger Ungeduld die Fäuste ballen und die Arme schütteln sah, beeilte er sich aufzustehen und faßte ihn begütigend mit beiden Händen über den Ellbögen an. „Kaspar,“ schrie er lustig, „hitzt heißet ich dich gern was, aber es fallt mer in der G’schwindigkeit nix ein, was zutrifft! Ist’s denn möglich, kann’s denn sein? Wo dö Dirn’ die Seel’ von dein’m Hauswesen is, dein’m Kind a zweite Mutter, dir a aufrichtig Freundin und in all’n Stucken ein ehrbar’ Weibsleut’, braucht’s denn da erst a Jurament von dir, daß d’ auch nit entfernt af ein’ unerlaubten Gedanken verfall’n bist?! Aber du Himmelsackermentslalli, warum verfallst denn nit, wo ’n er so nah liegt, af ’n verlaubten!?“

„’n verlaubten?“

„Was machst sie denn nit zu deiner Bäuerin, wann d’ schon in sie verliebt bist und sie in dich, daß ihr allzwei vor lauter G’scheitheit und Vernünftigkeit gar nit wahrnehmt, was ihr für Dummheiten vor’n Leuten angebt?!“

Der Grasbodenbauer hatte mit der Rechten über sich gegriffen und sich an den Hinterkopf gefaßt, sostand er nun und sah vor sich und hörte den Alten vom Hof auf der weiten Hald’ wieder lachen, „wie nit g’scheit“, und da wagte er so einen Seitenblick nach dessen Gesicht mit den zwinkernden tränenden Augen und dem luftschnappenden Maule, und da stieg ihm selbst ein Schmunzeln in die Mundwinkel, die Heiterkeit wirkte ansteckend, er ließ die Rechte sinken und stimmte in das Lachen ein, worunter er häufig mit dem Kopfe schüttelte, wie einer, der des Verwunderns kein End’ fände, und so kam es, daß die beiden Männer bei dem Lärm, den sie in der Stube vollführten, das helle Gelächter ganz überhörten, das unmittelbar vor der Türe erschallte.

Heiterkeit wirkt ansteckend. Leni saß unten auf der Stufe vor dem Hausflur und wartete auf Burgerls Rückkehr. Als das Lachgebrause von oben an ihr Ohr schlug, lächelte sie unwillkürlich: „Was die nur haben, daß sie so närrisch lachen mögen?“

Da kam Burgerl die Treppe herabgelaufen, sie preßte mit der Rechten die Schürze an den Mund und legte die Linke um Lenis Nacken. „Weißt, was der Ehnl da will?“

„Wie sollt’ ich?“

„Kuppeln,“ kicherte die Kleine.

„Sei nit ungeziem!“

„Und du nit narr’sch,“ sagte Burgerl, „Bäuerin sollst du werd’n da af’m Hof.“

Lenis Gesicht wurde glührot, sie schob das Kind von sich, „das sind keine Späß’!“

„Beileib nit,“ lachte Burgerl und hüpfte um sie her. „Der Vater macht ja Ernst.“

„Burgerl!“

„Aber, Leni, hast denn auch du kein’ Merk’s? Muß mer’s ’leicht auch dir noch sag’n — wie derEhnl ’m Vatern —, daß der in dich verliebt is und — du in ihn?!“

Da wich alles Blut aus Magdalenens Wangen, sie wehrte mit beiden Händen ab, ungelenk schnellte sie vom Sitze empor und nur mit dem einen Gedanken: auf und davon mußt du, eilte sie die Treppe zur Bodenkammer hinan.

Burgerl stand so verblüfft, daß sie sich nicht einmal umwandte, um der Flüchtenden nachzusehen. Sie wickelte paarmal ihre Ärmchen in die Schürze und wieder heraus. Plötzlich überkam sie ein drückendes Angstgefühl, Tränen traten ihr in die Augen und ihre Mundwinkel begannen zu zucken; sie lief zur Stiege und hastete hinauf.

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„No, Kaspar,“ sagte der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, „mir scheint, dö Weis’, der Sach’ ein End’ und aus der Dirn’ ein’ Bäu’rin z’ machen, kimmt dir nit hart an?“

„Nein, nein, das wär’ g’laugnet, g’logen,“ lachte der Grasbodenbauer, doch setzte er sofort bedenklich hinzu: „Aber halt, ob sie auch woll’n wird?“

„Sei nit so dumm! Laß dir sagen, daß eine auch um ’n Herzallerliebsten kein Spottwörtl und kein’ Neckerei vertragt und sich drum vor’n Leuten ganz ungebärdig geg’n ihn anstellt, das kommt vor; daß aber eine ’s G’spött nit acht’ und nach ein’ Trutzliedl den im Arm b’halt, den s’ nit mögen möcht’, das gibt’s in der weiten Welt nit! Lern du mich Weiberart kennen!“

„Du mußt’s aber a bissel gut kennen, die Weiberart!“

„Ah, da schau! Und dir muß ’s einwendig a bissel gut gehn! Sonst hört mer von dir Jahr und Tag kein’ G’spaß und heut ’traust dich gar geg’n mich, du Sackerlot!“

„O, ich trau’ mich auch gleich mehr. Hitzt bin ich schon drein in Trau’n. Soll’s in ein’m hingehn! Ich such’ mir die Leni und frag’s um ihr Meinen.“

„Sei g’scheit, Kaspar, übereil’ dich nit, laß d’ Hastigkeit sich setzen, überleg’ dir voreh’ deine Reden, damit d’ dir nix vergibst. Nur nix vergeben, dös is gar g’fahrlich z’ Anfang.“

„’s Vergebens hab’ ich kein’ Sorg’, aber Eil’.“

„Ja so.“

„No ja, daß d’ Sach’ in Ordnung kimmt, es is ja doch dein Reden, daß mer’s eh’ schon z’ lang hätt’ anstehen lassen! Oder nit?“

„No freilich, freilich! Wann d’ es schon nimmer aushalten kannst, so kimm halt, such’ mer die Dirn’, drüber vergeht auch a Neichtl Zeit und während dem überleg’ dir dein Reden. Nur nix vergeben, dös wär’ z’ Anfang weit g’fehlt und spater gar.“

Als die beiden Männer aus der Stube traten, ward oben eine Türe hastig aufgestoßen und Burgerl schrie unter Schluchzen: „Voda, Voda, mein’ Leni will mer davon!“

Die beiden eilten nach der Bodenkammer.

An dem Türpfosten lehnte Burgerl, zuckend an Armen und Beinen. Zwei Schritte von ihr kniete Leni und in der Ecke lag ein Bündel, das diese weggeschleudert haben mochte, als sie nach dem Kinde stürzte.

Der Großvater griff Burgerl auf, sein linker Arm trug das Kind und mit der Rechten liebkoste er es. „Unsinn,“ grollte er, „no muß ’s Kind auch noch leiden unter euerer Dösköpfigkeit. No macht’s aber schnell ein End’.“

Burgerl hatte ihre Arme um den Hals des Großvaters geschlungen, das Köpfchen aber drehte sie zurück und sah ängstlich nach dem Vater und nach Magdalene.Diese hatte sich beim Kommen der Männer mit scheuem Blicke erhoben und stand nun mit schlaff herabhängenden Armen und sah vor sich auf den Boden.

„Leni,“ sagte der Grasbodenbauer leise und seine Stimme durchzitterte eine freudige Erregung, „sei du so grundaufrichtig gegen mich, wie ich’s gegen dich sein will! B’sinnst dich noch, wie ich g’sagt hab’, daß eine, die denkt wie ich, wenn s’ mich ernsthaftig lieb g’winnt, eh’ mir trotz mein’m Hof auf und davon rennen müßt?! Und dieselbe, die nämliche bist du! Denn was sonst möcht’ dich von da wegtreib’n?“ Er wies nach dem Bündel in der Ecke.

Leni tat einen Schritt zurück und streckte den Arm, als wolle sie das Bündel vor seinen Blicken decken.

„O, laugn’ ’s nit! Ich g’steh’ ’s ja auch freibrüstig und offen ein, wenn ich damals g’sagt hab’, ich wüßt’ nit, ob ich die Kurasche hätt’, d’selbe Ausreißerin z’ruckz’halten, heut, wo du vor mir stehst in all’n Stucken d’ Rechte und d’ Richtige, weiß ich’s wohl, daß ich dir nachlaufet bis ans End’ der Welt, und weil dös G’lauf — Gott sei Dank — nit nötig is, daß ich dich nit fort lass’! Da ist mein’ Hand, Leni, schlag ein und werd’ mein Weib!“

Sie sah mit leuchtenden Augen in die seinen, dann faltete sie die Hände vor sich. „Du tust mir eine große Ehr’“ — stammelte sie, — „du tust mir ...“ Da versagte ihr die Stimme, sie entfaltete die Hände und drückte die ausgespreiteten Finger gegen die Brust.

„Lenerl!“

„Nit, Kaspar!“ Sie wehrte ihn ab. „Ich muß dir voreh’ noch ein’s sagen; es is a hartfällige Aussag’ und wenn auch meinseits kein Verschulden dabei is, so könnt’s dich doch anders b’sinnen machen.“

„Dös nit! Nix nit und nie nit!“

„Übereil’ dich mit kein’m Wort, eh’ ich ausg’red’t und dir all das g’sagt hab’, um was du jetzt wissen mußt.“

„Burgerl,“ sagte der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, indem er den kleinen Finger in der Ohrmuschel schlenkerte und tat als ob er aufhorche, „Burgerl, hitzt scheint mir, pfeift uns all’n zwei der Vogel.“ Damit trug er das Kind zur Türe hinaus, die Treppe hinab, nach der unteren Stube.

Dort saß der alte Mann, hielt die Kleine auf seinem Schoße und beschwichtigte sie vorerst dadurch, daß er auf ihre immer wiederkehrende Frage, ob Leni wohl bleiben werde, jedesmal unverdrossen antwortete: „Freilich, freilich, bleibt sie! Versteht sich, daß s’ bleibt!“

Plötzlich hob Burgerl das Köpfchen und brachte ihren Mund seinem Ohre nah’. „Großvater, laß dir sagen, dann kommt wohl auch ein kleiner Bauer auf’n Hof?“

„Wohl, wohl,“ lachte der Alte unbefangen, dann aber zog er die Brauen zusammen und sah die Kleine von der Seite an. „Schau du,“ sagte er, „wie verfallst auf solche Fragen? Das laß du unterwegs. Du hast noch von nix z’ wissen.“

„Nein, Ehnl,“ sagte sie, dabei biß sie auf ihre geballte Faust und warf ihm einen Blick zu, vor welchem er hastig die Augen zur Zimmerdecke kehrte.

„Burgerl,“ sagte er nach einer Weile.

„Ja, Ehnl,“ sagte sie.

„Du weißt ’s vierte Gebot?“

„Ja.“

„Ah, nix nit, ja. Aufsag’n!“

„Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden.“

„Brav! So laut’t ’s Gebot. Hitzt aber gib Achtung, Burgerl, hitzt werd’ ich a Frag’ tun, was d’ Auslegungangeht. Wann also d’ Leni dein Mutter wird, was bist ihr nach ’n göttlichen Vorschriften schuldig?“

„Daß ich s’ gern hab’.“

„G’fehlt! Von gern hab’n steht nix g’schrieb’n. Du sollst Vater und Mutter ehren, heißt’s, ehren! Verstehst? A wahrhaftige Achtung mußt ihr bezeig’n.“

Burgerl wendete den Kopf und zupfte an ihrer Schürze. „Hör, Ehnl, warst auch einmal in mein’ Jahr’n?“

„Was das für a Frag’ is! Meinst ’leicht, ich bin als alter Mon, wie d’ mich da siehst, af d’ Welt kämma?“

„Da hast wohl ’s nämlich’ Ansehn g’habt wie so ein Büberl?“

„Eh’! Wozu fragst denn so verquer?“

„Ich mein’, weil d’ selber klein warst, hast du mich gern, und weil ich groß werd’, ich dich.“

„Is recht, is ja recht, aber ’n Respekt nit vergessen.“

„Tu nit bös. Du bist ja doch mein lieber, lieber Ehnl.“ Die Kleine umschlang ihn mit beiden Armen und drückte ihn an sich.

„Marschier’, falsche Katz’,“ sagte er und hob sie von seinem Schoß und schritt durch die Stube ans offene Fenster. „Dö ganz Ahnl — Gott tröst’s — sie dürft’ ihr’s abg’lernt hab’n,“ lächelte er kopfschüttelnd. „Nur bissel z’ frühzeitig g’rat’s mir der und ’n andern nach. Red’t mer ’n Weibern von Respekt, spiel’n sie ’s af d’ Lieb’ h’naus!“

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Als der Grasbodenbauer hinter den Weggehenden die Tür ins Schloß gedrückt hatte, begann Leni: „Was ich dir mitteilen muß, is nit mein allein. Du hast mich seinzeit — ’s war brav von dir — nit falsch verstanden, wie ich g’sagt hab’, auch mir hätt’s d’Lieb’ schon einmal nit gut g’meint. Heut bin ich dir’s schuldig, daß ich dich drüber aufklär’, damal hab’ ich’s unterlassen, weil unter döselb’n G’schehniss’ unser mehr g’litten haben, am härt’sten der, den ich Vater nenn’, und wenngleich das, was ich jetzt Wort haben muß, mich in dein’ Augen unehrlich machen sollt’, dem alten Mon sein’ Ehr’ möcht’ ich g’wahrt wissen! Gelt, du b’halt’st’s bei dir? Aber ich weiß ja, wem ich’s anvertrau’, wenn ich dir’s anvertrau’, und dir will ich alles verzähl’n!“

Und sie erzählte alles!

Der Grasbodenbauer strich die Haare zurück, die ihm, während er mit gesenktem Kopfe und öfter nickend zuhörte, in die Stirne gefallen waren. „Ei, du mein,“ sagte er, „was gibt’s doch für Heimsuchung af der Welt, die ’m Schuldlos’ ungleich mehr zumeßt wie ’m Schuldig! Versteh wohl, wie das hart von der Zung’ will und nit für jedwed’ Ohr is. Ich dank’ dir für dein Vertrau’n. Aber das wüßt’ ich nit, was mich da sollt’ anders b’sinnen machen, wo du dich in all dein’ Meinen und Tun so ehrbar und brav bezeigt hast, nit anders, wie ich dich dafür d’ Zeit her hab’ kennen g’lernt, und das wüßt’ ich nit, wie dich in mein’ Augen verunehr’n könnt’, daß d’ nit Reindorfers bluteigen Kind bist? Mocht’ dir der’s Licht der Welt gönnen, wie viel mehr ich, der dir all’n Sonn’schein, den der liebe Himmel gibt, gönnt! Mehr nur halt’ ich auf dich, seit ich weiß, wie du zu dem alten Mon stehst, denn wie ich mir’n als rechtb’sinnt und herzoffen denk’, so muß das wohl a gutg’raten Kind sein, dem er, obgleich’s ihm fremd, erlaubt Vater z’ sag’n! Der Mon is mir wert, dein’thalben doppelt, und du sinnst ihm wohl all’s Liebe und Gute, und wann sich’s schicken sollt’, daß er uns braucht, so hat’s nitnot, daß du mehr sagst als: der Vater is da, — und ich führ ’n an der Hand in unser Haus!“

„Dö Red’ dank’ ich dir von Herzen,“ sagte freudig Magdalen’, „aber“ — setzte sie leicht den Kopf schüttelnd, hinzu, — „wann er mal mein’ bedürft’, so wär’s für mich a alleinige, liebe Sorg’, doch für ein’ andern nur Plag’ und Ung’legenheit.“

„Hast denn du nit schon von der mein’ dein’ rechtschaffen Teil auf dich g’nommen und vermeinst, ich vermöcht’ dir z’lieb’ nix zu ertragen?! Woll’n wir uns denn nur z’samm’tun zu Lust und Freud’? Soll’s denn nit auch für Leid und Trübsal gelten? Ei wohl, für gut’ und bös’ und alle Zeit und ich erwart’ nur dein’ Red’, daß’s gelten soll, Lenerl! Nur a Wörtel!“

Er war nah’, ganz nahe an sie herangetreten.

Sie aber sagte das Wort nicht. Ohne die Hände, die an den Schürzenrändern zerrten, zu erheben, sank sie an seine Brust und schluchzte laut und er faßte sie mit beiden Armen um die Hüfte und hielt sie so. Plötzlich sah sie unter Tränen lächelnd zu ihm auf. „Ich mach’ dich da ganz naß,“ sagte sie. Sie legte die Rechte auf seine Schulter und griff mit der Linken einen Schürzenzipfel auf und wischte damit über den feuchten Brustfleck.

Da prallte die Tür auf und Burgerl stürzte hinein.

„Müßt’s schon verzeih’n,“ sagte der Ehnl, der an der Schwelle stehenblieb. „Ich konnt’ s’ nimmer unten verhalten.“

Das Kind lief auf seine Lieben zu, umklammerte beide mit seinen Ärmchen und drückte sie hart gegeneinander.

Kaspar legte die eine Hand auf den dunklen Krauskopf. „Bist da, Burgerl? Freilich, du mußt dabei sein, du g’hörst ja zu uns.“

Laue Luft fächelte zum Fenster herein, helles Sonnenlicht durchgleißte die Stube, durch den Hausflur drang es die gewundenen Treppen hinan und webte ein sattes, freundliches Halbdunkel.

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Nicht ein Leben aus Einem Stück galt es! Was noch traut anheimelnd vom zernichteten Jugendtraume nachwirkte, der den Gespielen zum Gefährten verhieß, das zerstiebte vor der Macht, die hier zwei getrennte Lose zum Aufbau gemeinsamer Zukunft einte, und nimmer in dämmernder Mondnacht, im heißen Tagesglanze lag die Welt; kein Eigen, müh’los zu teilen, großmütig an andere zu schenken! Nur mit offenen Augen und rührigen Händen erringen wir unser Teil an ihr und machen nur andere an ihre Stelle rücken, die es da anfassen, wo wir es gelassen, die müssen, wie wir gemußt haben, da einmal jede Kraft, die wir in uns verspüren, sich zu betätigen drängt.

— ’s is nix Geschenktes, ’s liebe Leben, mein Haserl! —

Die Hand des Weibes fand sich zu der des Mannes, die auf dem Haupte des Kindes ruhte.

Mag das Leben nur ein großer Werktag sein, so ist doch klüger, frohgemut das Unsre tun, bis Feierabend wird, als mürrisch und verdrossen wirken bis ans Ende. Hat dieser Tag doch eine Stunde, die aller Unbill und jedes Mühsals uneingedenk macht, die Stunde, wo man in eine liebe Hand einschlägt, die sich einem in Treuen darreicht: Schaffen wir miteinander!

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Der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ räusperte sich. „Wann ihr lang’ g’nug werd’t so g’standen haben, so tut mer’s sagen. Nit, daß mir just d’Zeit dabei lang wurd’ — euch ja auch nit —, und ichversteh wohl, wo’s Zusammenfinden so lang g’braucht und so schwere Müh’ kost’t hat, da kann mer auch nit so g’schwind und so leicht loslassen, und ’s wär’ mir auch nit unlieb’, wenn ihr euch jetzt zum voraus davon nehmen tätet, was so auf a paar Wochen Alleinsein zureicht! Ja, Kaspar, schau nur! Wirst mir freilich bös’ sein, aber dö zwei Dirndl führ’ ich dir doch vom Fleck weg af mein’ Hof. Wann der Hiesl ausg’strängt hat, muß er gleich wieder einspannen.“

„Aber, Ehnl, warum denn?“

„So g’scheit wirst wohl sein, Kaspar, und ’s Einsehn hab’n, daß d’ Leni, wie d’ Sachen hitzt stehen, nimmer mit dir unter Ein’m Dach verbleiben kann, hitzt wär’s wohl nit schicksam.“

„’s selb’ is richtig und für d’ Gastfreundschaft, dö d’ ihr und mein’ Kind erweisen willst, sag’ ich dir tausend Dank; aber wozu die Eil’? Bleibt doch zun Mittag!“

„Die Eil’ hat zwei Gründ’ und noch a paar andre, die ich aber bei mir b’halt’, weil’s nit von G’wicht sein. Erstens, bin ich dir unversehens ins Haus g’fall’n, du hast nit auf mich antragen können und du weißt, ’s Essen is mein’ schwache Seiten, und damit triff ich’s heut wohl besser daheim, als bei dir, und d’ Leni mag’s auch zufrieden sein, daß s’ als Dirn’ nimmer an dein’ Tisch z’sitzen kommt, sondern erst als Bäu’rin. Zweitens, wird sich’s wie a Lauffeuer da am Hof und übers ganze Ort verbreiten, daß ihr euch endlich doch z’samm’g’funden habt. Dich braucht ’s nit z’ irren, aber d’ Leni hätt’ ich gern von da weg, eh’ ’s g’fahrlich wird, und ersparet ihr neidische G’sichter, dumme Neckereien und heuchlerisch’ Glückwünschen. Drum treib’ ich fort und soweit wär’n wir auch alle bereit, ’s hat nur noch d’ Burgerl ihr Binkerl zu schnüren, der Leni bleibt d’ Arbeit erspart.“

„Gar nit,“ sagte Burgerl, „denn sie ließ mehr wie d’ Halbscheid z’ruck.“

Kaspar betrachtete das leichte Bündel und sah lächelnd und kopfschüttelnd nach Leni. „Mein Seel’, da drein nähm’ s’ nit mehr mit, als s’ af’n Hof ’bracht hat.“

„Ei, so bind’s auf und wieder zu und schaut, daß bald alles g’rechtelt is. Ich laß einspannen!“ Damit lief der Alte zur Tür hinaus und polterte die Treppe hinunter.

Im Hofe sah er seinen Knecht an der Deichsel des unbespannten Wagens lehnen und mit der alten Sepherl plaudern.

„Hiesl,“ schrie er ihn an.

„Jo, Bauer.“

„Hast g’futtert?“

„Jo.“

„Hast g’wassert?“

„Jo.“

„Dann spann ein. Wir fahr’n gleich.“

„Schon recht.“

„Und breit’ dir d’ Pferddecken unter, daß sich ’s Sitzen weicher anlaßt. Mußt zurucken, ich kimm z’ neb’n dir, denn wir nehmen d’ Burgerl und die Dirn’ mit.“

„D’ Leni?“ fragte Sepherl.

„Ja, d’ Leni.“

„No, da hast wohl a recht’s Einsehn, weiter Haldhofbauer, daß d’ dö fortnimmst.“

„Sie kimmt aber wieder z’ruck.“

„Z’ruck kommt’s wieder?“

„Ja, als Bäu’rin af’m Hof da.“

„Was sagst?“

„Als Bäu’rin, sag’ ich. Hörst schon schlecht, alte Guckahnl?“

„Jesses!“

„Soll sein’ Seg’n dazu geb’n, — meinst? Ich weiß’s eh’.“ Er kehrte sich ab, trat in den Garten und überließ es der Alten und dem Knechte, sich in ihrer Weise zu wundern; auf und nieder schreitend, tat er es in der seinen. Er gedachte des Tages, an dem er sein Kind hierher verheiratete, der Jahre, die er es als junges Weib hier schaffen und schalten sah, und als wär’s heut, entsann’ er sich, wie er durch den Torbogen mit der Dirn’ einfuhr, die nun auf die Wirtschaft zu sitzen und zu hausen kommt, die sie nie mit keinem Aug’ gesehen, hätt’ er sie nicht zum Kommen beredet und auf seinem Gefährt’ zur Stelle geschafft, just, als wär’ ihm bestimmt, den Grasbodenhof mit Bäuerinnen zu versorgen.

Indes saß Kaspar oben im Dachstübchen rittlings auf einem Stuhle und sah zu, wie sie die Laden räumten und sich die Sachen zurechtlegten. Er verfolgte jede Bewegung Magdalenens, und so lieblich und ehrheischig zugleich vom Ansehen und im Gehaben wußt’ er keine wie dieselbe, die seine Bäu’rin sollt’ werden! Weder er, in seiner Herzfreudigkeit, noch sie, in ihrer frohen Geschäftigkeit, gedachten der Trennung über Hals und Kopf; sie schickten sich nur um ein paar Stunden früher in das, was sie mußten, und beachteten allein, für wie kleine Weit’ und kurze Zeit das wär’!

Oft sah Magdalene unter dem Herumkramen zu Kaspar auf und wenn sich die Blicke begegneten, so lag in jedem etwas so wundernd Freudiges, das die beiden Leute unwillkürlich lächeln machte. Über zwei Gegenstände, welche da zur Hand lagen, verständigten sie sich ohne Worte. Als Leni die Korallenschnur vorwies, lächelte sie dabei schalkhaft und er spielte den Verlegenen und sah davor zur Seite, und als sie denSonntagsspenzer aufgriff, der Anlaß zu allem Gered’ und freilich auch zu dem heutigen Entscheid gab, da lachte Kaspar und winkte ihm freundlich grüßend mit der Hand zu, während sie sich zornig stellte, die Brauen zusammenzog und das feine Stück ein paarmal schüttelte, eh’ sie es — sorgsam zu den anderen legte.

Und wenn sie eine Weile über nur dem, was sie unter Händen hatte, zugewendet blieb und es dem Kaspar dünkte, sie hätt’ ihm schon zu lang’ kein liebes Aug’ gegönnt, da rief er sie an: „Lenerl!“

Dann sah sie auf und sagte: „Ja, Kaspar!“

Und wenn sie meinte, er hab’ ihr schon zu lang’ kein freundlich Wort gegeben, da rief sie: „Kaspar!“

Und er antwortete: „Ja, Lenerl!“

Darüber trug es sich zu, als Madalen’ das viel umfangreichere Bündel zuschnürte, daß Burgerl noch neben dem ihren kauerte, an dem erst zwei Zipfel des Einbindtuches verknotet waren, während sie den dritten in der geballten Hand und den vierten krampfhaft zwischen den Zähnen hielt. Als jetzt der Großvater vom Flur heraufschrie: „Seid’s fertig? Wir wär’n ’s!“ da schlang sie schnell den Knoten, raffte das Bündel auf und rannte zur Türe hinaus.

Leni warf sich das Bündel über den Rücken.

„Aber laß doch —,“ sagte Kaspar, indem er auf sie zutrat, um es ihr abzunehmen.

Sie wehrte ab. „Heut bin ich noch Dirn’ und du der Herr,“ damit schritt sie voran.

Der Bauer wußte es nicht zu sagen und suchte auch keine Erklärung dafür, warum er sich scheute, an das Mädchen zu rühren und ihm das Bündel abzuringen, wobei er doch nur viel Spaß und wenig Mühe gehabt hätte. Er folgte ihr ernst und gemessen nach.

Im Hausflur wartete die alte Sepherl und raunte Leni zu: „Gratulier’ dir auch schön! Und, gelt nein, mein Reden, das der Dirn’ vermeint war, wird mer doch d’ Bäu’rin nit nachtrag’n? Gelt nein?“

„G’wiß nit, Sepherl, hast’s ja auch nit schlecht gemeint.“

Im Hofe sah sie das übrige Gesinde stehen, sie nickköpften alle, mancher mit hochgezogenen Augenbrauen und offenem Maul, es gab lauter erstaunte Gesichter, aber kein unfreundliches, und als sie ihr Bündel dem Mathies übergab, da nickte er ihr fast vergnügt zu. Volksgunst hält sich, wie im großen, so auch im kleinen an den Erfolg und darin liegt ein gutes Stück gesunden Denkens, welches nur da falsch schließt und verderblich wird, wo der Erfolg in seinen Mitteln und Zwecken unmoralisch, oder der Person und der Sache nach ein unverdienter ist. Alle, die Magdalenen abgünstig waren, seit es hieß, sie habe es auf den Bauer abgesehen, schienen jetzt anderen Sinnes, wo sie eben das erreicht hatte, was zu erstreben man ihr für übel genommen.

Als sie nun, die Letzte, in den Wagen steigen sollte, da umschlang Kaspar, wie von einer plötzlichen Wildheit erfaßt, mit beiden Armen ihre Hüfte und schwang die Erschreckte auf den Sitz. Sie stieß einen leichten Schrei aus. „Hab’ ich z’ grob zug’griffen?“ flüsterte er. „Schau, ich konnt’ mer nit helfen, anfassen mußt’ ich dich und halten, auf daß ich glaub’, daß d’ mein bist, und auch du merkst, daß d’ mir nimmer auskannst.“

Sie reichte ihm, vor sich niederblickend, die Hand. Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung und der Bauer schritt nebenher bis zum Tore. Dort sahen sich die beiden Scheidenden tief in die Augen undtrennten zögernd die Hände. Man rief und winkte sich Abschiedsgrüße zu, bis das Wagengerassel die Rufe übertönte und man sich an einer Straßenkrümmung jäh aus dem Auge verlor. Der Bauer blieb horchend an der Stelle stehen, bis ferne jedes Geräusch erstorben war, dann kehrte er auf den Hof zurück und begann ein lustiges Schelten, geschäftiges Anordnen und rühriges Selbstzugreifen.

„Ah, halt ja,“ sagte halblaut der Heiner, „hitzt g’freut ihn erst ’s Leb’n.“

Gar stille war es auf dem Wägelchen geworden. Leni saß mit halbgeschlossenen Augen, die gefalteten Hände im Schoße, zwischen Wachen und Träumen.

Erst als das Dorf hinter ihnen lag und sie in den Föhrenwald einfuhren, wandte sich der alte Bauer an das Mädchen: „Möcht’st etwa ’n Brautstand über lieber bei dein’ Leuten bleiben?“

Sie schüttelte den Kopf. „’m Vater z’lieb’ schon, aber ’n Geschwistern trau’ ich nit, sie könnten ihm und mir d’ Freud’ verderben.“

„Dann bleibst af mein’ Hof, bis dich der Kaspar als Bäu’rin af sein’ holt, Ich gönn’ dir’s.“

Er hatte seine Rechte bekräftigend auf beide Hände Lenis gelegt und konnte es nun nicht wehren, daß diese zufaßte und seine Hand an die Lippen führte.

Er machte sich frei und streichelte den Scheitel des Mädchens. „Dir gönn’ ich’s.“

Und Hiesl nickte dazu. Wohl, wohl!

Wieder fuhren sie schweigend eine Strecke.

Da rückte Burgerl nah und lehnte ihre Wange an die der Freundin. „Leni-Mutter,“ flüsterte sie.

Ein Schauer, unter dem sie zugleich aufseufzte und lächelte, befiel Magdalene, sie drückte das Kind ansich und küßte es. Und so in sich geschmiegt, wie verschüchtert und demütig, blieb sie sitzen, als säße all das Glück, so groß es war, ihr zur Seite und sie müsse sich klein, recht klein machen, daß es Platz fände.

Sachte fuhr der Wagen dahin, lautlos kreisten die Räder über der dichten Decke gefallener Nadeln, die zu Füßen der hohen Föhren lag.

Als der Grasbodenbauer abends in seine Stube trat, streckte er sich sofort breit und behaglich auf einen Stuhl; er gestand sich, daß er müde sei, wie nie, und sich wohl heute in seiner Frohmütigkeit ein wenig übernommen haben dürfte.

Und als er so saß, begann er an das zu denken, was er erlebt und erfahren hatte, und von dem zu träumen, was er nun erleben und erfahren würde. Und da tauchten plötzlich, nah’, wie lebendig, die beiden braunen Augen vor ihm auf, in die er heute beim Abschiede so tief hineingeguckt; selbst, wenn er die seinen schloß, blieben sie in ihrem heimelnden Blinken und herzlieben Geschau bestehen. Lächelnd schloß er öftere Male die Augen.

Überdem war es stockdunkel geworden und Sepherl, die Licht brachte, unterbrach ihn in diesem Spiel.

Er erhob sich vom Sitze und hatte nun das Madonnenbild an der Wand gegenüber, gerade vor sich.

Die Madonna war braunäugig.

„Hat s’ ein Öl?“ fragte der Bauer, indem er auf das Lämpchen hinwies, das an der unteren Leiste des Rahmens angebracht war.

„Wohl,“ sagte Sepherl, „’s is von letzthin noch ein’s drein.“

„Dann is ’s schon recht.“

„Willst denn aufzünden?“

Er nickte kurz. „Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Bauer!“ sagte die Alte und die Treppe hinab murmelte sie: „Aufzünden will er und ’s is doch heut nit Sunnabend und auch kein Frau’ntag?“

Er rieb ein Schwefelhölzchen an, das schien ihm aber doch zu unheilig für solchen Gebrauch, so griff er denn nach dem Wachsstocke auf seinem Nachtkästchen und entflammte damit den Docht des Lämpchens und als er es hinter dem roten Glase aufflackern sah, sagte er: „So! Warst ja auch eine Rechte, eine Brave, Muttergottesin, du!“


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