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Für landläufige Tugend, die alles strenger Aufsicht und natürlicher Scheu oder kaltem Blute verdankt, aber diese Gunst der Umstände sich gerne als Verdienst aufrechnen möchte, mag es wohl recht beschämend sein, wenn abgelebte Leichtfertigkeit, an dem gleichen Ziele angelangt, sich auch als gleichwertig erweist; doch soll das, Hörensagen nach, öfter vorkommen.

Auch die Melzer Sepherl war eine aufrechte Bäuerin geworden und Florian befand sich in einem gewaltigen Irrtume, als er damals meinte, die Geschichte zwischen dem Reindorferhofe und der Mühle möchte sich wiederholen, das hätte sie nicht, wenn er gleich am Leben geblieben wäre, so wenig als irgendeine andere Geschichte, mit der Vergangenheit war glatt abgeschlossen. Wie letztzeit die Dirne nur auf ihre Zukunft bedacht war, so ist es nun auch die neue Bäuerin, und magsich Ruh’ und Fried’ nicht „irgend so einer Dummheit wegen“ selbst verleiden, sie sitzt viel zu breit und angenehm auf dem Hofe, als daß sie sich Feuer unter den Stuhl legen möchte; ob sie nicht breiter säße, als anderen lieb wäre und wie sich die dabei und daneben befänden, das machte ihr allerdings geringe Sorge.

Die neue Reindorferin ließ es sich angelegen sein, allen im Orte und auf dem Hofe zu zeigen, daß sie sich trefflich in ihre Stellung und für die Wirtschaft schicke, und da ihr wohl bewußt war, das dürfte von einigen angezweifelt werden, so tat sie ein übriges, fuhr vom Morgen bis zum Abend in Haus, Hof, Feld und Garten herum und schalt und belferte hinter dem Gesinde her. Leopold war mit ihrer „Schneid“ recht zufrieden und versprach sich davon alles Gedeihen; der alte Reindorfer aber meinte, das wär’ nur für den Anfang, entweder wird man selber Scheltens müde und lernte man auch jeden Tag einem Fuhrknechte einen neuen Fluch ab, oder das Gesinde gewöhnt’s, tut trotzdem wenig und das Wenige noch mit Unwill’ und über die Hand.[32]Er war überhaupt auf seine Schnur nicht gut zu sprechen, und das gedrangsalte Gesinde versagte sich’s nicht, um die Bäuerin zu ärgern, derselben seine Äußerungen in das Gesicht zu wiederholen, diese wurde daher auch gegen ihn immer gehässiger und ließ sich ein über das andere Mal verlauten: „Früher hat mich der Alte auf dem Hofe nicht haben wollen, jetzt mag ich ihn nicht, er tut kein gut darauf, und nimmt ihn nicht bald der Herrgott zu sich, so beiz’ ich ihn wohl noch aus!“

Das hinterbrachten die Dienstleute wieder dem alten Bauer, nur, damit er sich „fürsehen“ könne, eigentlich aber, weil sie ein Vergnügen daran fanden,die beiden aneinander zu hetzen und bei einem immerwährenden Streite derselben selbst ein wenig Luft zu kriegen hofften, da hatten sie aber die Rechnung ohne den jungen Bauer gemacht.

Es mochten etwa neun Wochen in schönstem Unfrieden auf dem Hofe vergangen sein, da bekam der alte Reindorfer von Föhrndorf einen Brief. Es hatte ihn zuvor an drei Sonntagen erfreut, dem Aufgebote Magdalenens, versprochenermaßen, recht andächtig zuzuhorchen, nun lud ihn das Schreiben zu deren Ehrentag, aber Leopold und sein Weib waren dagegen und er sagte ab; ein zweites Schreiben lief ein, das ihn aufs neue aufforderte, doch ja zu kommen, aber seine Leute bestanden darauf, daß er wegbleibe.

„Hätt’ mer ahnen können,“ sagte Sepherl zu ihm, „was für ein Glück der Leni bevorsteht, so hätten wir sie auch auf unsern Ehr’ntag geladen; doch der Verstoß wär’ just rechtzeit’ wieder gutz’machen g’west, durch ein freundlich Begegnen mit dem reichen Schwager, aber mit dem mußt’st du ja hinterrücks verhandeln und ihn von uns abreden. Es is ledig dein’ Schuld, daß mer uns nit mitkommen heißt und nur nach dir verlangt.“

„Allein aber,“ nahm Leopold die Rede auf, „das wirst einsehen, kann man dich nit gehn lassen; du bist alt und gebrechlich und der Weg is weit, wer weiß, was dir zustoßen könnt’!“

„Und überhaupt,“ fuhr die Bäuerin dazwischen, „es ziemt sich gar nit, daß du dich an einem Tisch breit machst, an dem zu sitzen man uns für z’ g’ring acht’t! Z’samm’g’hörig sein wir doch!“

Hoffentlich war die Besorgtheit des Sohnes ebenso aufrichtig wie der Verdruß der Schwiegertochter, indes ließ sich beides auch ganz gut vorschützen, um den Alten nicht fortzulassen, denn fürs erste sollte er denenzu Föhrndorf nicht weiß Gott was vorklagen, denn bei seinem krittlichen Wesen vermerkt er gar nicht, wie unverdient gut es ihm eigentlich erginge, und fürs zweite war das die beste schicksame Gelegenheit, ihm einmal zu zeigen, wer Herr sei auf dem Reindorferhofe.

Er fügte sich und blieb, nun ja, zum Hofe gehörte er einmal und da durfte er es mit den jeweiligen Leuten darauf nicht verderben, nicht anders wäre es, hätte er ihn verkauft und sich sein Stüblein und den dürftigen Unterhalt ausbedungen; daß es aber nicht anders war, obgleich er ihn nicht verkauft, sondern an seinen Sohn und dessen Weib übergeben hatte, das schmerzte ihn, und daß man ihm die größte der wenigen Freuden, die ihm noch zu erwarten standen, versagte, das verbitterte ihm die Seele.

An dem Tage, wo zu Föhrndorf die Trauung stattfand, war der alte Reindorfer nach dem Garten gegangen und hatte von den Blumenbeeten einen mächtigen Strauß zusammengelesen, mit diesem setzte er sich an den Tisch in der Laube und hielt ihn in den gefalteten Händen; als er dachte, es möchte um die Zeit sein, wo sie dort weit in der Ferne die Ringe wechseln, da legte er den „Buschen“ leise und behutsam an die Stelle, wo Magdalene damals gesessen, als sie von ihm Abschied nahm.

Als aber die neue Reindorferin in den Garten kam und der Blumen ansichtig wurde, da stürzte sie herzu. „Jesus, was geschieht denn da mit meinen Blumen?“ schrie sie.

„Es wird derowegen nicht aus sein,“ sagte der Alte, „einen Buschen hab’ ich mir gebunden.“

„Für wen denn, wohl nicht gar für dich selber?“ fragte Sepherl, und als er stille schwieg, fuhr sie fort: „Meinst du, ich durchschau’ dein kindisch Spiel nicht?Schneidet einen Buschen für fremde Leut’, die viele Meilen weit vom Ort sind, die haben keine Freud’ daran und zur Stell’ kann man sich nur darüber ärgern; tun dir denn nicht selber die Blumenbeeten erbarmen? Und wenn auch nicht, so schickt sich doch, daß du früher anfragst, was du darfst, es könnt’ ja sein, daß mir gleich lieber wär’, es fräßen’s die Kühe!“ Damit nahm sie den Strauß und warf ihn über den Gartenzaun, sie wartete nicht ab, was der Alte dazu sagen würde, sondern stürmte nach dem Hofe. Der alte Bauer strich mit zitternden Händen etlichemal über den Tisch, als wollte er ihn rein haben, dann blieb er in Gedanken sitzen, in den Augenwinkeln verspürte er etwas Feuchtes, er drückte den Finger dagegen und wischte mit diesem über die Jacke.

An drei Wochen waren seit diesem Morgen vergangen und die Leni hatte nichts mehr von sich hören lassen, das bekümmerte den Greis; am Ende hatte sie gar nicht geheiratet, oder es trifft sich alles gleich für’n Anfang schlecht, dachte er, und sie meldet sich nun vor Scham und Herzleid nicht.

Dem alten Manne entging das Zunächstliegende, daß zwei Leute, die sich eben glücklich zusammenfanden, nur miteinander beschäftigt seien. Taucht auch ab und zu ein Erinnern an einen fernen Lieben auf, das ihn für einen Augenblick als Zeugen all des Freuens, Treibens und Planens herbeiwünscht, so zieht dies stille Grüßen und leise Wünschen wie ein freundlicher Traum durch die Seele, das Knittern eines Papierblattes scheucht ihn fort, und in dem Hause der Glücklichen, mag es auch sonst sauber und blank gehalten sein, verstaubt das Tintenfaß und rostet die Feder. Der alte Reindorfer aber hätte der Grundlosigkeit seiner Befürchtungen gewiß sein können. Noch spät amAbende des Hochzeitstages wurde eine Postkarte auf dem Reindorfer Hofe abgegeben, der Bote händigte sie der Sepherl ein, die er in der Küche traf. Die Bäuerin las die hingekritzelten Zeilen: Lieber Vater! Heut ist der Tag, du fehlst uns wohl sehr, weil du aber schon nicht kommen kannst, so grüßen wir dich recht schön und ich schreib’ es dir schnell, daß wir eben zum Altar gehen. Magdalena. Kaspar Engert. —

„Ei geht’s zum — wohin ’r wollt,“ schimpfte Sepherl und warf das Blatt in das Herdfeuer.

Etwa acht Tage danach traf eine zweite Postkarte ein und fiel auch der jungen Reindorferin in die Hände. Die neue Grasbodenbäuerin schrieb, wie glücklich und zufrieden sie sei und weiters — wie die Sepherl meinte — „tat sie völlig wie verliebt in den Alten“. Das wär’ dem grad recht! Ins Feuer damit!

So wußte denn der arme Alte freilich um nichts und wurde von seiner Unruhe in Haus und Hof herumgetrieben und allen andern lästig, die sich aus seiner Sorge nicht das geringste machten.

Gerade auf den Tag waren es drei Wochen, als er frühmorgens in die Küche trat, um sein Pfeifchen anzuschmauchen. „Guten Morgen, Sepherl, guten Morgen,“ sagte er.

„Guten Morgen,“ sagte sie.

„Gestern ist wieder der Briefbot’ nicht gekommen, was da nur sein muß, — was da nur sein muß? Ihr tut mir doch nicht etwa die Brief’ verstecken?“

Die Bäuerin zuckte verächtlich die Achsel.

„Ich hätt’ halt doch nach Föhrndorf h’nüber sollen, ja, oder der Leopold hätt’ sich darum annehmen können, es ist ja doch seine Schwester.“

„Der Leopold?“ lachte spöttisch die neue Reindorferin. „Den man nicht einmal geladen hat? Ichdenk’, der hat was Gescheiteres zu tun, als unnötig Geld zu verfahren! Ich hätt’ dich ja gerne ziehen lassen, die paar Tage Ruh’ im Haus hätten mir auch wohlgetan, aber darum hat es nicht sein dürfen, weil du uns, verwöhnt, nur noch murriger heimgekommen wärst; die paar Stunden Freundlichkeit, die denen dort leicht ankämen, hätten wir das ganze Jahr über entgelten müssen. Nein, nein. Was anders wär’s — aber da hüten sich die wohl —, wenn sie dich bei sich behalten möchten und wir würden dich für allzeit los; da könntest du heut’ noch gehen.“

„Glaub’s schon,“ sagte der Bauer und fuhr mit einem Zündhölzchen längs der Wand herunter.

„An die Wand sollst nicht streifen, wie oft sag’ ich dir’s schon.“

„Mach Feuer, daß eine Glut ist, so wird mir auch eine Kohle lieber sein. — Ich glaub’s schon, daß du mich gerne vom Hofe hättest, aber ich brauch’ anderswo keinen geschenkten Unterstand, da hab’ ich meinen, das ist mein Recht, zum Hof gehör’ ich, das ist mein Recht und Unterhalt und Pfleg’ heisch’ ich, das ist mein Recht.“

„Das ist mein Recht, — mein Recht — mein Recht“ — spottete die Bäuerin nach und schlug dabei jedesmal mit einem Stücke Holz auf die Herdplatte. „Ah sag’ ja nichts dagegen, ich tu’ nur meinen, wie das schön wär’, wenn dich dein Herzblättel zu sich nähm’ und du dein Recht da dahinter ließest; mein’ Seel’, es käm’ mir nicht darauf an, vor Freud’ gäbe ich dir all meine Spargroschen mit auf den Weg.“

Da sagte der Bauer giftig: „Was kannst du dir in ein halb Jahr und drei Wochen viel erspart haben, ohne deinen Bauer zu betrügen?“

Die Bäuerin wurde im Gesichte glutrot und geriet außer Rand und Band. „Du Krippenmandel,“ schriesie, „daß ich mich nicht an dir vergreif’! Du unnütz’ Maul auf der Schüssel, du Blumendieb!“

Leopold trat aus der Stube. „Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er.

„Ganz närrisch ist er heut’, der Alte. Nicht genug, daß er daherredet, als ob wir ihm Briefe von der Leni stehlen möchten, er sagt mir auch ganz offen ins Gesicht, daß ich mir wohl unrechterweis’ was beiseite schaff’ —“

„Sie hat angehoben,“ sagte entschuldigend der Alte.

„Und wenn gleich,“ sagte Leopold, „du hättest sollen den Gescheiteren machen und deiner Wege gehen, dazu bist du doch wohl alt genug! Und, daß wir uns darüber nur einmal ausreden, Vater, denn es liegt mir schon lang auf, da hast immer etwas gegen die Sepherl, das taugt nicht, du weißt recht gut, daß Ordnung sein muß auf einer Wirtschaft, zuerst kommt der Bauer, zu zweit’ die Bäuerin und unter denen stehen alle andern ohne Ausnahm’ und ohne Unterschied, davon darf keines aufbegehren, das gäb’ ein übel Beispiel und das darf man nicht leiden. Du bist der Sepherl nicht gut, das kann ich nicht ändern, daß du es aber zu Schau tragst, das muß ich dir verwehren! Du suchst offen mit ihr Streit, du tragst es heimlich unter dem Gesind’ herum, daß dir die Wirtschaft nicht taugt, die Kost zu schlecht ist und die Behandlung nicht ansteht, das ist nicht recht; dafür, daß du kein Fleisch mehr beißen kannst und je älter je krittlicher wirst, kann sie nicht, sie nimmt dir keinen Zahn aus dem Maul und legt dir kein Jahr auf den Rücken; wenn aber auf einer Wirtschaft etwas vorwärts soll, so bleibt keine Zeit, daß man auf eines ganz extra schaut, extra kocht, extra ihm nachfragt und extra mit ihm umgeht. Die Sepherl ist einmal Bäuerin da am Hofe und derist nicht schlechter bestellt wie unter der Mutter selig, wenn dir nun durchaus die Bäuerin oder die Wirtschaft, eins oder das andere, oder gar alle zwei nicht taugen wollen, so müßt’ ich dir wohl, so leid mir ist, den guten Rat geben, daß du es dir wo anders besser suchen sollst!“

Bedauern und Bekräftigung zugleich, daß er eben sonst nicht auswisse, lag in der Art, wie er beide Schultern hob und die Arme seitwärts warf, erst jetzt, wo er sie wieder sinken ließ und sich abwandte, begegnete er den Blicken des Vaters, denen er während der ganzen Rede geflissentlich ausgewichen war.

Der Alte hatte ihm, solange er sprach, in das Gesicht gestarrt, jetzt ächzte er auf, drehte sich hastig um, tastete nach dem Stocke, der ihm entfallen war, und stürzte über den Hof, hinaus auf die Straße.

Leopold machte eine Bewegung, um ihm zu folgen.

Sepherl hielt ihn zurück. „Laß ihn doch,“ sagte sie leise.

„Du hast ihn nicht angesehen,“ sagte er, „er hat so erbärmlich geschaut wie ein geschossener Hirsch.“

„O mein,“ spottete sie.

Der junge Bauer griff nach einem der eisernen Herdreifen und wog ihn spielend in der Hand. „Mir ist nur,“ sagte er gleichgültig, „daß es kein Gered’ unter den Leuten gibt.“

„Besser einmal ein Gered’ unter den Leuten, als niemal Fried’ im Haus! Freilich, wenn du etwa einen brauchst, der mir auf die Finger schaut, dann eil dich, daß du ihn einholst.“

„Red nicht so dumm. Ich trau’ dir doch?“

„So laß ihn. Meinethalben soll er uns in der ganzen Gegend da herum verklagen, er wird schon sehen, daß ihm niemand recht gibt, und so zahmwiederkommen, wie er wild fortgerannt ist; er bleibt uns nicht aus!“

Indessen ging der Alte die Straße dahin; oft blieb er stehen und wandte den Kopf, bei dem Busche am Wege verhielt er sich ein wenig, dann entschloß er sich, zu rasten. „Das war dumm,“ sagte er, „daß ich so wie ein Wildling davongelaufen bin, das war dumm, nun muß es gewiß der arme Leopold ausbaden, der wird hinter mir her wollen und sie wird es nicht zulassen, aber er wird schon kommen, und mich holen, er wird schon kommen, er erspart mir sicher, daß ich ihm soll auf den Hof gekrochen kommen wie eine verlaufene Katz’; nachher will ich schon auch wieder gute Worte geben. Ja, ja.“

Er blieb lange und er blieb allein, noch einmal sah er nach dem Reindorfer Hofe aus, dessen Schornstein rauchte lustig und das Tor blieb zu, wohl damit niemand Ungebetener zum Frühstück käme. Da griff der alte Mann mit zitternden Händen nach seinem Stocke, half sich auf die Beine und ging dahin, ohne sich weiter umzusehen.

Er bog nach links ein, ließ Langendorf hinter sich liegen und stieg die Höhe hinan, wo das Wirtshaus unter den Tannen stand, dort wollte er etwas zehren; aber ihm fiel ein, daß er kein Geld bei sich habe, und Schulden wollte er keine machen, wer weiß denn, wann und ob er überhaupt wieder in das Dorf zurückkäme?

So setzte er denn seinen Fuß weiter, nur manchmal unterbrach eine kurze Rast seine Wanderung, und er langte endlich müde und erschöpft in dem Orte an, in welchem seine Tochter Elisabeth als Bäuerin hauste.

Er trat in das Häuschen, man führte ihn nach der Stube, wo ihn sogleich eine Schar lärmender Kinder umgab.

„Ei, Vater, was führt dich so zeitlich heut vom Haus’ und zu uns?“ fragte ihn Elisabeth.

Während man ihm etwas zur Stärkung vorsetzte, klagte der Alte, wie hart es ihm letztzeit daheim ergangen.

„Hab’ ich’s nicht gleich zum vorhinein gesagt, es bringt dir keinen Dank, daß du das schlechte Mensch auf den Hof genommen hast?!“

Weiter erzählte er, wie er sich mit dem heutigen Morgen ganz mit seinen Leuten zertragen habe.

„So schön,“ sagte die Tochter, „jetzt kannst du dich gar auf deinem Eigen wieder einbetteln.“

Furchtsam blickte der alte Mann auf und sagte leise: „Ich tät’ dich bitten, Liesel —“

„Was willst?“

„Wenn ich nur nicht nach dem Hof zurück müßt’.“ Er faltete die zitternden Hände. „Könnt’ ich nicht bei euch bleiben?“

„Bei uns bleiben, was fällt dir ein? Ich hab’ das Haus voll Arbeit und voll Kinder und keine Zeit, daß ich sonst noch aufschau’ und gar eines betreu’ und pfleg’, das nicht wie ein Kind je mehr zu Kräften kommt und dem Haus zu Nutz, sondern je mehr von Kräften fällt und dem Haus zur Last! Die am Reindorfer Hof sind kinderlos, die haben’s leichter. Du hast dir die Melzer Sepherl einreden lassen und darum war es ein Unsinn, dich mit ihr zu zertragen, geh in Gottesnamen wieder wohin du gehörst, gib gute Wort’ und sei für ein andermal gescheiter.“

Sie erhob sich und ging zur Stube hinaus und ließ den alten Reindorfer mit den Kindern allein, diese schlichen sich verschüchtert in eine Ecke und hielten sich mäuschenstille, sie ahnten, daß da etwas nicht ganz recht und richtig sei. Eine lange, endlose Zeit dünktees ihm, während er so mit gesenktem Kopfe dasaß und nicht zu gehen noch zu bleiben wußte.

Da trat seine Tochter mit ihrem Manne ein, sie hatte ihn vom Felde geholt.

„Grüß Gott,“ sagte der Bauer und schlug dem Alten auf die Achsel. „Was hör’ ich von dir für Stückeln? Ausgerannt bist ihnen von daheim? Glaub’s schon. Du hast es ja selber nicht besser haben wollen, wer sich eine Rute auf den Rücken bindet, der muß auch die Schläge ertragen. Nur denk’ nicht daran, uns Ungelegenheiten zu machen, das könnte ich brauchen! Pack auf und mach fort und behüt dich Gott!“

Da rappelte sich der Reindorfer auf und wollte rasch zur Türe nach der Straße hinaus.

„Oho,“ sagte der Bauer und hielt ihn zurück. „Da hinaus geht’s nicht. Im Hof der Wagen, den hab’ ich dir einspannen lassen und der Knecht wird dich bis zum Reindorferhof führen.“

Er geleitete den Alten zu dem Gefährte und half ihm, der sich willenlos in alles ergab, auf das Sitzbrett.

Die Bäuerin stand abseit, als ihrem Vater so hart begegnet wurde, vielleicht geschah ihr leid, aber was ist zu machen? Jeder ist sich selbst der Nächste und verwahrt sich im Leben und Hausstand gegen eine Überlast. „Man kann nicht anders,“ dachte sie, „der Vater wird immer wunderlicher und da muß man ihm wie einem Kinde Ernst zeigen gleich fürs erstemal.“

Als der Wagen dahinfuhr, und alle, unter dem Tore stehend, ihm nachblickten, wandte sich der Bauer an sein Weib und sagte lachend: „Ja, Kinder und Alte müssen parieren!“

Das sagte der Mann vor seinen eigenen Kindern — und er wird auch einmal alt werden!

Der alte Reindorfer aber weinte leise währenddes Fahrens. „Ich muß wieder zurück — ich muß wieder zurück!“ Ein über das andere Mal führte er den Ärmel gegen die Augen. „Ja, wo anders auch hin? Zu der Leni — zu meinem Herzblättel —, wie sie heut die Bäuerin genannt und mir damit meine Gutheit vorgeworfen hat.“ Er vergaß, daß ja um diese niemand von den Leuten auf dem Hofe wissen konnte. „Ich weiß aber nicht, was mit ihr ist, und sie ist mir zu nichts verpflicht’t, was möcht’ auch ihr Mann dazu sagen? Ich mag mich nicht noch einmal von einem Schwiegersohn ausjagen lassen! Zum Bruder Johann — Jesus, der ist ja gar verstorben — ja freilich wär’ schier gleich das beste, ich träf’ zu ihm!“

Als sie in Langendorf einfuhren, da wurde ihm angst und bange, wenn er bedachte: Jetzt geht es zum Reindorferhof, da wirst du vor dem Tor abgesetzt und die Sepherl steht mit einem breitmächtigen Maul nebenbei und nimmt dich in Empfang.

„Da könnt’ ich nur gleich zum Hund in die Hütte unterkriechen, und sollt’ je einmal einer von uns zwei es besser haben, so wär’ es sicher der Hund!“ Sie waren gerade an dem mittern Graben angelangt, da klopfte er dem Knechte auf die Schulter und sagte: „Halt ein wenig auf, ich muß ein klein bissel absteigen.“

Der Wagen hielt und als der Alte sich herabgeholfen hatte, sagte er störrisch: „Ich steig’ nimmer auf, tu’ was du willst, ich steig’ nimmer auf, weiter fahr’ ich nimmer, nein: magst nur wieder heimkehren.“

„Dasselbe werd’ ich auch tun,“ sagte lachend der Knecht, „auf die Seel’ gebunden bist du mir ja nicht. Behüt Gott!“ Er lenkte um und fuhr davon.

Der Alte aber bog in den mitteren Graben ein und ging des Weges, bis er zu dem Strauche gelangte,von wo aus man den Reindorferhof sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden, da hielt er an und blickte nach demselben, die Augen wurden ihm feucht.

„O du mein Hof, du mein lieber Hof,“ sagte er, „du Fleck, worauf ich geboren bin und hingehör’, bis ich wegsterb’! Gegen all meine Vorvordern, die auf dir gehaust haben, bis man sie hinweggetragen hat, werd’ doch ich keine Ausnahm’ machen? Ich kehr’ zurück zu dir, ich kehr’ zurück, so hart es mich auch ankommen mag; auf dir sein ist mein Recht, was können sie mir auch viel anhaben?“

Er trat aus dem Busch, blieb aber plötzlich stehen und hob die Hände.

„O du armer Hof, wenn ich mir gleich mein Leben verleiden und mein Sterben verbittern ließ’, wer weiß, verstürb’ ich noch in einer von deinen Stuben?! Der erste Reindorfer hat dich auch nicht am Buckel mit auf die Welt gebracht, der mußte ans Erwerben denken und der jetzige ans Verlieren. Deine Bäuerin stiehlt ja! Sie stiehlt, das hab’ ich wohl aus ihrem hellwütigen Zorn entnommen von wegen der Spargroschen, sie stiehlt und entzieht es der Wirtschaft, wenn die sich neigt, wird sie ihr fürs erste mit dem Gestohlenen aushelfen und gar vermeinen, gestohlen wäre gewirtet, das wird so noch ein und das andere Mal sein, bis es nichts mehr zu stehlen und nichts mehr aufzuhelfen gibt; und ich sollt’ nebst all bitterm Gallentrank noch das gebrannte Herzleid in mich hinabschlucken, daß ich dich so langsam versiechen säh’? Nein, nein, lieber geh’ ich gleich betteln!“

Er mußte auf dem Hofe bemerkt worden sein, denn der Bauer und die Bäuerin traten auf die Straße heraus und sahen nach ihm, sie winkten nicht, sondern schienen zu erwarten, daß er herankomme, alser sich aber nicht vom Flecke rührte, sah er die Sepherl lachend sich inmitten des Weges stellen und Gebärden machen, als wolle sie ihn wie einen Hund locken, was sie dazu rief, konnte er nicht vernehmen, daneben stand sein Sohn und er wehrte ihr nicht, — da winkte der Alte mit der Hand nach dem Hofe, was diesem allein galt, wandte sich hastig ab und ging eilig den Weg zurück, den er gekommen.

„Ihr Hofverderber ihr,“ murmelte er. „Meint ihr, ich müsse nun gar schon kommen, wenn ihr: schön herein da! sagt? Ich nicht, ewig nicht. Jetzt geh’ ich just betteln! Hofverderber!“

Er schlug die Straße nach der Kreisstadt ein. Es war ein heller, sonnenklarer Tag, aber er merkte nichts davon, er sah vor sich auf den Weg, und wo etwa ein Käfer kroch, da setzte er den Fuß seitwärts, um ihn nicht zu zertreten. „Unziefer? — Unziefer? Daß er leben will, ist alles! Kann er dafür, daß, wo er anfrißt, nichts mehr gedeiht, was andere fressen wollen? Geh auf die Seit’, geh auf die Seit’, sperr’ mir nicht den Weg, ich man fort, weit fort, hin wo mich niemand kennt, sonst möcht’ mir keiner was geben und alle täten mich auf meine Kinder verweisen ...“

Als er sie erwähnte, die seine Stütze hätten sein sollen, die kein Wort fanden, keine Hand frei hatten, um ihn zurückzuhalten, und ihn ziehen ließen, ihn, der nun müden Körpers und wirren Gedankens sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt wurde, da schluchzte er laut auf, aber mit tränenden Augen hastete er auf dem Wege vorwärts, er fand es nunmehr leicht, zu Fremden seine Hände bittend zu erheben, die können nicht so arg an ihm tun, wie seine eigenen Kinder, und wie hätten die wohl an ihm gehandelt, wenn er geblieben wäre? Ihn erfaßte eine Furcht vor denselben;nur um von ihnen möglichst ferne zu gelangen, setzte er seine letzten Kräfte ein — er taumelte — über ihm schattete es in der Luft —, er prallte gegen den Stamm eines Baumes, den er mit beiden Armen umgriff und sich daran aufrecht hielt. Lange stand er dort, zitternd und nach Atem ringend.

„G’mach, g’mach,“ keuchte er, „nur mit Bedacht, all’s mit Bedacht.“

Dann versuchte er ein paar Schritte und langsamen, unsicheren Ganges entfernte er sich, längs der Straße.

Und wie es ihn vor neunzehn Jahren von dem Wochenbette seines Weibes hinweg, ohne daß er sich dessen unter Weges bewußt war, seinen heimkehrenden Kindern entgegentrieb, so strebte er auch jetzt, wo er diesen und dem Heim entfloh, ohne daß er es acht hatte, nacheinerRichtung fort, immer, stetig nach der einen!


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