23.

23.

Am Abende des zweiten Tages danach wankte ein alter, müder, staubbedeckter Mann in den Hausflur des Grasbodenhofes zu Föhrndorf.

„Mein’,“ sagte die alte Sepherl, „da kommt noch spat ein alter, gar Armer.“

Die junge Bäuerin griff nach der Tasche und als sie die kleine Gabe darreichen wollte, da taumelte der Alte über die Küchentürschwelle.

„Leni,“ stammelte er.

Mit einem Aufschrei umfing ihn das junge Weib und hielt ihn in ihren Armen aufrecht, dann ließ sie ihn auf die Küchenbank gleiten, von der die Sepherl eilig das Schaff hinweghob.

„Jesus, mein Heiland! Vater!“ schrie Leni. „Wo kommst d’ her und wie schaust d’ aus? Was ist denn g’schehn?“

„Lenerl,“ sagte er und streichelte ihr mit zitternden Händen die Wangen und begann zu lachen und zu weinen untereinander. „Mein Lenerl! wie du schön bist! — Du, auf’m Hof war’s nimmer auszuhalten! — Dir tut’s gut gehn, gelt, dir tut’s gut gehn? — Und die Lisbeth hat mich auch ausjagen lassen. Ja, ja. — Das freut mich, schau, das freut mich recht! — Und so tu’ ich halt jetzt betteln, ja betteln tu’ ich.“

Die Bäu’rin fuhr mit der Schürze nach den tränenden Augen und das wollte ihr wohl der alte Mann wehren, er versuchte es, sich zu erheben, sank aber kraftlos zurück.

Leni schluchzte laut.

„Aber sei nit närrisch, mir ist ja nichts,“ sagte er greinend, „nur völlig hin bin ich. Sei gut, Lenerl, mir ist nichts.“ Er streichelte ihre Hand.

Da kam der Grasbodenbauer mit Burgerl hinzu. „Je,“ sagte er, „Vater Reindorfer, du bist einmal da? Das is recht. Grüß dich Gott!“

„Mein’ alt’ schneeweiß’s Manderl!?“ fragte Burgerl; ihr lachender Mund ließ die blanken Zähne sehen und sie streckte beide Hände dar.

Der Greis nickte mit mattem Lächeln dem Kinde zu.

„Kaspar,“ sagte die Bäu’rin, mit feuchtem Blick zu ihrem Manne aufsehend. „Fortgejagt haben sie ihn von daheim.“

Der Bauer runzelte die Stirne, biß in die Mundspitze seiner Pfeife und paffte immer dichtere Rauchwolken von sich. „Nun, was ist da dabei?“ sagte er. „Doch nur Schand’ für die, die ihm so begegnen. Besinnst dich doch, daß sein’zeit mein’ Red’ war, du dürfst nur sagen, dein Vater is da, so führ’ ich ’n an der Hand in mein Haus? Daß er mir’s Hereinführen erspart, das ändert doch nix an der Sach’.“ Erkehrte sich gegen Reindorfer. „Bleibst halt bei uns, bist da so gut wie daheim, — besser!“

Da fiel ihm Leni um den Hals.

„Narrisch,“ sagte er, „hab’ acht, wirst dich an der Pfeifen brennen.“

„Is eh’ schon g’schehn,“ sie wies lächelnd die kleine Brandblase am linken Arm.

Der alte Reindorfer faltete die Hände. „So handelt ihr an mir, während meine Kinder — —“

„Du hast kein anderes Kind als mich,“ sagte eifrig Magdalena. „Bin ich gleich nit als das geboren, ich bin es geworden, ich hab’ ja dein Herz und Herz für dich, ich hab’ auch dein Denken; frag’ nur ’n Kaspar, ob er nit gleich meine Reden aus den deinen herausgehört hat? Ich bin froh, daß ich dich hab’, brauchst du noch andere? Denk nit daran, bescheid dich mit mir; wird dir das so schwer? Sag doch einmal, ob dir das so schwer wird?“

„Sag, sag! Kann ich denn?“ Er konnte wirklich nicht und er ward ganz grämlich darüber, da er auch in den Augen Burgerls Tränen sah und das Kind doch gar unnötigerweis’ ins Mitleid gezogen wurde.

Der Grasbodenbauer aber qualmte ganz erschrecklich, dann hustete er und fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht. „Der Toback wird auch täglich nixnutzer,“ sagte er. „Nun laßt’s aber gut sein, gönnt dem alten Mon a Ruh’, er wird’s brauchen. Komm hitzt h’nauf in d’ Stuben, Vater Reindorfer.“

Er faßte ihn unter dem Arme, um ihm aufzuhelfen, doch der Alte sah mit einem ängstlichen Blick zu ihm auf, zog ihn verstohlen am Ärmel und flüsterte: „Du, ich kann wahrhaftig nit gehn.“

„Leni,“ rief der Bauer, „du möcht’st ’m Vater ein Glas frisch Wasser holen,“ und während dieSchritte der Bäuerin im Flur verhallten, winkte er der Burgerl und der Sepherl gar ernst mit den Augen zu, dann faßte er den Greis in seine Arme und trug ihn wie ein Kind, die Treppe hinauf, nach der Stube, wo er ihn zu Bett brachte.

„Ein Glas Wasser, is das alles, wirst denn sonst nix wollen, Vater?“ fragte Leni, in die Stube tretend. Hinter ihr huschte Burgerl herein.

„Nix sonst, gar nix. Nur müd’ bin ich, so viel müd’.“

„Nun so behüt dich Gott, Vater.“ Die Bäu’rin küßte ihn auf die Stirne. „Schlaf gut und sei morgen wieder fein frisch.“

„Gute Nacht, mein schneeweiß’s Manderl,“ sagte Burgerl, „du hast mir sagen lassen, es tät’ dich freu’n, wenn ich dir gut sein möcht’, no schau, gleich morgen fang’ ich ’s Gernhaben an. Ist’s dir recht?“

„Halt ja, Dirndl,“ seufzte der Alte, „mußt dich schleunen, es dürft’ dir nit mehr viel Zeit dazu bleiben.“

„Vater!“ rief Leni.

„Na, na, weil ich halt alt bin. Ich werd’ doch sagen dürfen, daß ich alt bin? Gute Nacht, gute Nacht!“

Leni und Burgerl gingen.

Der Grasbodenbauer fühlte sich an der Hand, die er zur guten Nacht bot, zurückgehalten. Er beugte sich über das Bett und flüsterte: „Willst mir was?“

Der Alte nickte.

Da schritt der Bauer gegen die Türe. „Ich komm’ gleich,“ sagte er hinaussprechend. Er ließ die Klinke einspringen und kehrte zu Reindorfer zurück.

Der hob beide Hände. „Tu mir verzeih’n.“

„Ich wüßt’ doch um alle Welt nit, was ich dir zu verzeihen hätt’?!“

„Daß ich da bin.“

„No, da bist, wo man dich gern sieht.“

„O, meine lieben Leut’, meine lieben Leut’, ihr! Glaubst nit, wie ich mich über euch freu’! Bleibt nur allzeit in Gleichem, dazu schütz euch Gott an Leib und Leben und an Ehr’.“

„Da sag’ ich g’schwind ‚Amen‘ dazu, Vater Reindorfer.“

„Drum is mir wohl ein Trost g’west, daß ich her’troffen hab’, aber g’scheiter, ich wär’ wegg’blieben. Mir bangt, daß ich euch da ein’ fürchterlich Ungelegenheit mach’.“

„Machst uns ja gar keine, g’schweig’ a fürchterliche.“

„Wann ich hitzt etwa da mit einmal verstirb —“

„Verhüt’s Gott! Was dir einfallt? Ich hoff’, eh’s da dazu kommt, verlebst erst noch a gute Weil’ bei uns.“

„Ja, wie ihr gut seid gegen mich, saget ich freilich gern zun Tod, wie d’ Bäu’rin zun Leinwandkramer: Dasselbe Restl könnt’st mir wohl noch zukommen lassen, es wär’ schad’, daß mer da einreißt! Aber da hilft kein Betteln. ’s ist Rest mit’m Restl. ’s Zeug is eing’rissen. Ich g’spür’n — ’n Riß — da g’spür’ ich ’n.“ Er deutete nach der Brust.

„Nit bild’ dir so was ein und sinn’ ihm nach. Ich versteh’ wohl wie d’ drauf verfallst, das ausgestand’ne Herzleid, der harte Weg, deine Jahr’ ... Aber mach dir keine unb’schaffenen Gedanken. Überschlaf’s! Wirst sehn, morgen is ’s, wann gleich nit ganz gut, so doch besser wie heut.“ Er strich die Decke glatt, die der Alte herabgewühlt hatte. „Gute Nacht, Vater Reindorfer.“

Der lag nun allein. Er hörte, wie sie außen auf den Zehenspitzen sich wegschlichen, und er unterschied die bekannte liebe, tiefe Stimme, die sagte: „Es wird ihm doch nix sein?“

„Der Schandfleck,“ murmelte er, „der Schandfleck? Tut er’s sein? Heb’ ich nit mit ihm die größte Ehr’ auf? — Nein, nein, bist mein frisch grün Ehrenpreis!— Wenn ich denk’, du wärest gar niemal, es möcht’ mir völlig leid tun, — sonderlich, nun weiß man gar nimmer, wie man wünschen soll. Und wenn sie jetzt gar nit auf der Welt wär’, wer stünd’ mir bei in mein’ Elend, vielleicht bald in meiner letzten Not? Kein mitleidig Seel’ hätt’ ich! — Das konnt’ ich mir nit denken, wie sie ’s erstemal als kleinwinzig Ding mir in’ Arm g’legt worden ist. Konnt’s nit denken, wie ich s’ als g’ring Menscherl und als Dirn’ streng g’halten hab’, daß ein Tag käm’, an dem sich’s mir heimzahlt. Und da ist der Tag, der heutig’. — Allwegen g’schieht nichts um nichts.“

Nach und nach verfiel er in einen unruhigen Halbschlummer, in dem er die ganze Nacht über dahinlag. Etliche Male war ihm, als ob jemand die Türe sacht öffnete, mit leisen Schritten sich heranschliche und über ihn beugte. Es war auch so, sie kamen nachts, eines um das andere, nachzusehen. Die Gestalt, die er zuletzt beim Morgengrauen deutlicher wahrgenommen, sah er jetzt, da er den Kopf nach dem Fenster wandte, dort sitzen; es war Burgerl.

Dann kamen der Bauer und die Bäuerin, ihm noch einmal „nachschauen“, eh’ sie aufs Feld gingen, denn es war trabige[33]Zeit, die letzten Feld-, Wiesen- und Gartenbestellungen des Jahres. Sie boten ihm guten Morgen. Auf die Frage, wie er sich fühle, wiederholte er nur das Wort: müd’, müd’. Sie empfahlen der Burgerl, ja recht auf ihn zu sehen und gingen. Der Bauer aber entschloß sich, trotz bei der vielen Arbeit Not an Mann war, den Heiner nach der Kreisstadt fahren zu lassen, damit er einen Arzt mitbringe; der würde wohl in viel kürzerer Zeit, als sich das vonselbst gäbe, dem Vater wieder zu Kräften verhelfen, dieser war ja nur müd’, — müd’.

Außen am Himmel zogen graue Wolken dahin, dahinter blitzte für Augenblicke die Sonne hervor. Der Kranke lag still und stumm. Das Mädchen am Fenster strickte emsig. Stunde um Stunde verrann.

Mittags war es wieder lebendig auf dem Hofe. Kaspar und Leni kamen herauf. Der Alte wies jede Nahrung zurück. Besorgt entfernten sich die beiden. Aber noch heut in der Nacht, spätestens morgen in aller Früh’ wird der Doktor zur Stell’ sein.

Bald lag der Hof wieder verlassen. Von dem Gesinde blieb niemand zurück als die alte Sepherl, die unten in der Küche auf einem Schemel einnickte. Oben in der Stube war Burgerl bis zum Abende mit dem Kranken allein. Manchmal klang ferne von der Straße ein einzelner Kinderschrei herauf. Der Wind, der noch immer schwere Wolken vor sich herjagte, fuhr zeitweilig mit einem heftigen Prall gegen die Fenster, danach hielt er den Atem ein und das Mädchen tat es ihm nach, dann ward es beängstigend stille und das Gemach lag wie weltverloren.

Plötzlich versuchte der Kranke sich mit beiden Ellbögen emporzustemmen. „Dirndel“, sagte er mit Anstrengung, „geh du fort. Schick’ ein ander’s. Ich weiß nit, wie mir wird. Meine Gedanken werden roglich[34], in mein’ Kopf fangt’s zun bildern an. Geh — was jetzt etwa g’schieht — anschau’n — taugt dir nit.“

Burgerl hatte sich jäh vom Sitz erhoben und starrte nach ihm hin. Nur das namenlose Entsetzen, das sieerfaßte und ihr das Herz wild, bis zum Halse hinauf, schlagen machte, erstickte den grellen Aufschrei, der ihr schon in der Kehle saß.

Der alte Mann zeigte das Gesicht, das sie wohl kannte, das letzte.

Sie wäre davongeeilt, so schnell sie ihre Füße getragen hätten, aber diese versagten den Dienst, und so stand sie, wie in den Boden gewurzelt, und preßte die Ballen beider Hände gegen die Augen, um das Gräßliche nicht sehen zu müssen.

Du kannst nicht bleiben, schrie es entsetzt in ihr auf. Du mußt, sagte es ängstlich, es wär’ eine Sünd’, ihn zu verlassen! Dann erinnerte sie sich, wie er vor wenig Minuten in seiner letzten Not, sie wußte es nur zu gut, daß es die letzte war, um sie gesorgt hatte. „Steht mir Gott bei, daß mich kein Anfall hinwirft, so will ich bleiben!“

Sie stand noch eine Weile. Die stürmischen Herz- und Pulsschläge hatten sich mit einmal gesänftigt. Sie biß die Zähne zusammen und ließ entschlossen beide Arme sinken.

Da lag der Sterbende, seine Züge waren nicht entstellt, nur dichte Schweißtropfen standen ihm auf der Stirne und sein Atem ging schwer.

Bleich, aber mit keiner Wimper zuckend, trat sie ganz nahe an das Sterbelager heran.

„Willst was, Ehnl?“

Keine Antwort.

Sie trocknete ihm mit ihrer Schürze die Stirne. „Ehnl, soll ich dir was?“

Vergebens, er hörte sie wohl nicht. Aber in seinem Gesichte zeigte sich eine Unruhe, in der Art, wie er manchmal, wie suchend, den Kopf drehte, lag eine hilflose Ungeduld; es sah aus, als horche er nach etwasund nur nach dem. So hatte Burgerl einmal eine blinde Bettlerin inmitten des Straßenlärmes nach ihrem Kinde horchen und sich zu ihm hinfinden sehen.

Sie beugte sich rasch hinab zu seinem Ohre und sagte laut: „Ich hol’ die Mutter, — die Leni!“

Da wich die ängstliche Spannung in dem Gesichte des Sterbenden.

Burgerl eilte fort. Sie ließ die Türe hinter sich offen stehen, unten vom Flur rief sie in die Küche hinein: „G’schwind, Sepherl, hinauf in die Stuben! Der Ehnl liegt in Zügen. Er kann nit versterben, er wartet auf die Mutter!“

Dann rannte sie über den Hof, hinaus in das freie Feld, sie brauchte nicht lange zu rufen, sie brauchte auch keinen Bescheid zu sagen, ihr Schrei klang so erregt, ihr Aussehen war so verstört, daß Kaspar und Leni eilig herzugestürzt kamen und, ohne Frage, des Leidesten gewiß waren.

Burgerl lief hinter den Voraneilenden her, eh’ sie ihnen aber die Treppe hinanfolgte, nahm sie aus der Küche die Essigflasche mit. „Es könnt’ sein, daß der Mutter schwach würd’.“

Oben war Leni vor dem Bette in die Kniee gesunken und hatte nach der Hand des Schweratmenden gefaßt, diese suchte unsicher herum, erst als das weinende Weib sie sich selbst auf den Scheitel gelegt hatte, ruhte sie, wie an ihrem Ziele.

Plötzlich sagte der Sterbende mit knabenhaft heller Stimme: „Leg’ mich geg’n d’ Wand.“

Leni erhob sich, sie drückte einen Kuß auf seine Stirne, dann schlang sie sorglich beide Arme um ihn und tat, wie er geheißen.

Es war ein einziger Blick, den Burgerl, vom Fußende des Bettes, ihrem Vater zuwarf, der diesen veranlaßte,hinzuzuspringen. Er fing das zusammenbrechende Weib in seinen Armen auf.

Er setzte die Bewußtlose auf einen Stuhl. Burgerl drängte ihn weg. „Laß mich, Vater.“ Sie begann Lenis Stirne und Schläfen mit Essig zu waschen. „Sie wär’ die Nächste dazu,“ sagte sie unterdem, „ihm die Augen zuzudrücken, man darf aber damit nit warten, heißt es, so will ich es an ihrer Stell’ tun. Willst so gut sein, Vater, und ’n armen Ehnl wieder herüberlegen.“

Der Bauer legte den Toten zurecht. „Er hat die Augen ohnehin fest zu. Er liegt, wie schlafend.“

Als Kaspar vom Bette zurücktrat, ging Sepherl hinzu und faltete die Hände des Erkalteten.

Leni kam wieder zu sich, sie hielt Burgerl, die ihr mit Tränen in den Augen um den Hals gefallen war, vor sich auf dem Schoße und so, enge aneinander geschmiegt, schluchzten beide, bis Kaspar bekümmert herzutrat und das Weib über das Köpfchen seines Kindes hinweg ihm die behende Hand reichte. Burgerl hauchte in die Schürze und trocknete der Mutter die Augen, dann wies sie nach dem Bette. „Er schlaft, der Ehnl, schau, wie er schlaft.“

Sie führte Leni, die sich wie ein Kind leiten ließ, einige Schritte gegen das Sterbelager, da knieten beide nieder und sprachen halblaut ein Gebet, und als das Amen verhallt war, erhob sich Burgerl und sagte: „Vater, jetzt führ’ d’ Mutter hinweg.“

„Ich kann nit fort,“ widersprach diese.

„Du kannst ihn ja noch sehen, später,“ tröstete Burgerl und half ihr vom Boden auf.

Die Bäuerin stand unschlüssig. „Wer wird bei ihm wachen?“ fragte sie leise.

„Ich und die Sepherl,“ gab Burgerl entschieden zur Antwort.

„Komm, komm, mein arm’s Weib,“ drängte Kaspar, „laß uns gehen.“ Und sie folgte ihm aus der Stube. An der Schwelle blickte sie noch einmal feuchten Auges zurück und als Burgerl die Türe schloß, da sank sie an die Brust des Mannes und stöhnte: „O, Kaspar! Wie weh das tut! Wenn ich ihn nur einen einzigen Tag länger behalten hätt’! — Grad jetzt, wo er’s hätt’ guthaben können!“

Und da fand Kaspar das erlösende Wort, das den wilden Krampf brechen und dem Schmerze seine Heiligkeit wahren sollte. Er holte es aus dem eigenen Herzen herauf. „Schau, Leni,“ sagte er weich, „wieviel härter wär’s, wenn der alte Mann nit g’wußt hätt’, wie wir’s mit ihm meinen, so hat sich’s noch rechtzeit’ g’schickt, daß er davon erfahrt, das war sein letzt’s Erlebt’s, sein letztes Freuen und in dem is er hinüber.“ — — —

Nachdem Burgerl die Türe des Sterbezimmers geschlossen, suchte sie aus einer Lade ein Gebetbuch hervor und blätterte darin nach den Gebeten für die Verstorbenen.

„Aber Burgerl, du wirst doch nit wirklich da beim Toten bleiben wollen?“ fragte erstaunt die alte Sepherl.

„Ich werd’ bleiben.“

Burgerl setzte sich zu Häupten und Sepherl an das Fußende des Bettes und beide begannen gemeinsam zu beten. Das Mädchen las die Gebete mit halblauter Stimme, die alte Magd murmelte sie Wort für Wort aus dem Gedächtnisse. Die beiden Stimmen, die helle gedämpft und die tiefe klanglos, erfüllten den kleinen Raum mit einem schwirrenden Gesumme, das bei Stellen dringender Anrufung und kräftiger Bitte sich etwa um einen Ton erhöhte, aber immer gleichförmig und einschläfernd fortwährte.

Burgerl ermüdete zuerst und ließ die Hand mitdem Buche in den Schoß sinken, bald aber machte die vollkommene Stille, die eingetreten war, sie aufblicken und sie sah Sepherl, die eine Weile eifrig allein weiter gebetet hatte, schlummernd sitzen. Sie weckte sie nicht.

Sie war mit dem Toten allein.

Er lag wie in tiefem Schlafe.

Sie rührte leise mit einem Finger an seine Hände, die waren kalt und starr.

Gestern noch weh und freudig bewegt, müde gehetzt vom Herzleid, der Freude gegenüber wie ein verschüchtertes Kind, das, vom Weihnachtsbaum geblendet, sich nicht zuzulangen traut, heut über Leid und Freud’ hinweg!

Alle Böswilligkeit der Welt würde umsonst an dem Bettschragen rütteln, auf dem er da liegt, die rauhen Hände über der eingesunkenen Brust gefaltet.

Ihm kann nichts an!

Burgerl faßte alles Zutrauen zu dem stillen Manne. Vermöchte er den Mund aufzutun, er hätte keine Schrecken auszusagen, so ruhig sah das bleiche Angesicht, so friedlich.

— — — — — — — — — — — — — —

Mit dem Köpfchen auf den über der Stuhllehne gekreuzten Armen ruhend, saß das junge Mädchen lange in dem Anblicke des Toten versunken.

Sie wandte sich erst ab, als Tritte, die auf der Treppe hörbar wurden, Sepherl aus dem Schlafe schreckten. Etliche vom Gesinde, das von der Arbeit heimgekehrt war, kamen herauf, um die Totenwache mitzuhalten. Sie begannen zu beten und mehrstimmig Lieder zu singen. Die meisten der Sänge waren den religiösen Anschauungen angepaßt, doch kam auch manchmal ein Lied an die Reihe, das von der Ergebung in Gottes Ratschluß und der Verheißung desewigen Lebens absah und in ungefügen Worten, aber desto ergreifender, die Hinfälligkeit des Menschen und die Vergänglichkeit alles Irdischen beklagte. Es waren das auch Trostlieder in ihrer Art, denn der Ausblick auf das unabwendbare, allgemeine Verderben stumpft den Schmerz über den einzelnen Fall. Wechselnd klangen die schwermütigen Weisen in die stille Nacht hinaus.

Früh, im Morgengrauen, rasselte ein Wagen in den Hof. Heiner war zurückgekehrt. Als der Doktor, geleitet von dem ernstblickenden Bauer und der weinenden Bäuerin, in die Stube trat, schlüpfte Burgerl hinaus.

Es trieb sie ins Freie.

Als sie die Treppe hinunterstieg, trat sie kräftig auf und schwenkte die Arme; da ihr gestern, wo sie der erste Schreck fast sinnlos machte, weder Hand noch Fuß versagte, achtete sie sich des Siechtums ledig und frommen Glaubens sah sie darin die Vergeltung für ihr treues Ausharren bei dem Sterbenden und dem stillen Toten.

Leicht erschauernd in dem kühlen Winde, der mit vergilbten Blättern sein Spiel trieb, trat sie hinaus in den frischen Herbstmorgen, heil und kein Kind mehr!


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