4.
Auf dem Reindorferhofe wuchs die kleine Magdalena heran. Seit dieses Kind Wartung und Pflege heischte, meinte der Bauer für die anderen ein übriges tun zu müssen, er war gegen die Fehler derselben nicht mehr so strenge, sah ihnen manche Nachlässigkeit nach, gestattete ihnen mehr Freiheit, ja, er bereitete ihnen wohl auch manchmal eine kleine Freude, griff in seine Tasche und gab der Dirne auf Bänder und Tücher, dem Burschen auf Bier und Tabak, sowie für manche Kirchweih die Musikantengroschen.
Warum sollte er ihnen das Leben schwer machen? Etwas mußten sie doch vor dem anderen Kinde voraus haben, meinte er, das war nur recht und billig.
Der junge Leopold Reindorfer und seine Schwester Elisabeth waren es höchlich zufrieden und auch sie schrieben das geänderte Verhalten des Vaters gegen sie dem Kinde zu.
„Weil das Kleine einmal da ist,“ sagte der Leopold, „so hat es auch sein Gutes, seit der Vater so ein unnütz’ Maul auf dem Hofe hat, sieht er doch mehr auf die, die ihr Essen auch verdienen.“
Elisabeth fühlte sogar zu der unschuldigen Ursache dieser Änderung der Verhältnisse einige Neigung und nahm sich hie und da der kleinen Schwester an. Sie war die einzige, die sich etwas mit dem Kinde abgab. Auch sie, nicht die Mutter war es, welche das Kind den Bauer als „Vater“ ansprechen lehrte.
Wie viel Zeit verging bis dahin? Für kleine Leute bleibt die Welt immer auf einem Flecke stehen. Sie merken nicht, daß sich in ihr etwas ändert, weil sie ja auch nicht verspüren, wie sie sich selbst ändern.Welche Zeit? Fragt das die Kinder, die sich dort spielend in der Sonne tummeln.
Es war ein kleiner Junge mit großen braunen Augen, aus denen zu sehen ihn fast das Haar verhinderte, das in dichten schwarzen Ringeln ihm über die Stirne fiel, ein Hemd und ein Höschen, mit einem Träger querüber festgehalten, bildete seine ganze Bekleidung, ebenso barfuß wie er war seine Gespielin, die nur über ein grobes Hemdchen einen für ihre kleine Person etwas zu langen Rock trug und unter blondem wirren Haar auch mit braunen Augen in die Welt lugte. —
Der Kleine stand mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, vor dem Mädchen und fragte: „Wer bist denn du?“
„Ich bin die Leni,“ sagte das Kind und sah verwundert auf den Knaben, der nicht einmal wußte, wer sie war, sie hielt ihn gewiß für einen recht dummen Buben. „Wer bist denn du?“
„Ich bin des Müllers Florian, vom Wasser-Graben, weißt du?“ sagte er. Er bewies männliche Überlegenheit genug, sich über die Unkenntnis des Mädchens gar nicht zu verwundern.
Die Kleine nickte, sie wußte zwar nicht, was eine Mühle sei, noch wohinzu der Wasser-Graben läge, aber sie war mit der Auskunft doch zufrieden.
„Du,“ sagte der Knabe, „siehst du Vögel gerne?“
„Ei freilich,“ sagte das Mädchen, „hast du einen bei dir?“
Der kleine Florian lachte, zog die Hände aus den Taschen und wies sie leer vor. „Dort oben da sind dir so viele. Komm mit!“ Er nahm sie an der Hand.
Die beiden gingen ein Stück Weges, da stand ein großer Busch und darunter war eine Wasserlachenoch vom letzten Regen, jetzt halb eingetrocknet, in der feuchten Erde mochten sich Gewürm und Larven angesiedelt haben, die Vögel schossen ab und zu und pickten in den Schlamm. Es war ein lustiges Treiben.
Eine Goldammer gefiel den Kindern gar zu gut, und als etliche Rotschwänzchen im Kote herumtänzelten, als wollten sie ihre Beine nicht gar zu sehr beschmutzen, da brachen die Kleinen in hellen Jubel aus und hüpften mit steifen Beinen herum, wie sie es von den Tierchen gesehen hatten.
Die Folge war, daß diese sich beleidigt zurückzogen und selbst dann wegblieben, als Leni und Florian ganz ernst versicherten: sie wollten es nicht wieder tun — und sie möchten doch nicht so dumm sein und sich nicht wieder sehen lassen.
Sie warteten eine ganze Weile, aber vergebens.
Der Knabe zuckte mißlaunig die Achsel. „Das hast du gemacht,“ sagte er zu der Kleinen, „du hast sie nachgespottet.“
„Sie kommen schon wieder,“ lachte Leni.
„Heut nimmer,“ sagte Müllers Florian. „Ich geh’ heim.“
„Ich geh’ mit dir,“ rief das Mädchen. „Ist weit bis zu dir hin?“
„O freilich, ich weiß nicht, ob du es wirst gehen können; aber komm nur mit, ich trag’ dich schon, wenn du müde wirst.“
Das Mädchen überlegte.
„Ich zeig’ dir unsern Garten,“ versprach der Knabe.
„O, da haben wir einen größeren.“
„Hast du schon eine Mühle gesehen?“
„Nein, wie sieht die aus?“
„Weißt, wo man das Mehl macht. Die gehört meinem Vater, die zeig’ ich dir.“
Wer, der noch nie eine Mühle gesehen hat, möchte eine solche nicht sehen? Die Neugierde überwog, und das Mädchen lief munter neben dem Knaben her, oft über das lange Röckchen stolpernd, daß sie sich gar nicht zu halten wußte, worüber beide laut lachten. Was das war, eine Mühle, wo man das Mehl macht?
Sie waren schon ziemlich weit gegangen; das Mädchen fing an müde und ängstlich zu werden, es hörte nicht mehr auf den kleinen Begleiter, der fortwährend versicherte, gleich müßten sie dort sein; er tat dies auch zu seiner eigenen Beruhigung, — so lang wie heute war doch der Weg noch nie gewesen. Beide Kinder kamen in die bedenklichste Stimmung. Jedes fühlte sich so weit weg vom Hause, und so allein, alles war so stille, niemand zu hören noch zu sehen, höchstens ein Vogel flatterte vom Gezweige auf den Weg nieder, aber auf diese hatten sie schon lange nicht mehr acht. Sie vermieden es, einander anzusehen, denn das Weinen war jedem nahe, und wenn das eines an dem andern bemerkt hätte, dann wäre der laute Jammer unabwendbar gewesen.
Aber da hörten sie plötzlich ein helles Klappern und Rauschen, der Knabe tat vor Freude einen Jauchzer, faßte die kleine Leni bei der Hand und sie rannten um eine Ecke, da rauschte und klapperte es noch fröhlicher, und dort unten am Wege das Haus mit dem großen Rade daran, das war die Mühle, das Rauschen kam aber vom Wasser und klappern tat das Rad, so sagte wenigstens der Florian.
Sie standen über dem Fahrwege auf einem kleinen Fußsteige, diesen mußten sie verlassen und den auf der andern Seite drüben einschlagen.
„Jetzt komm, jetzt trag’ ich dich schon bis hin,“ rief fröhlich herumhüpfend der Knirps, er schärfte derkleinen Leni ein, sich ja recht fest an seinem Halse anzuhalten, faßte sie an den Füßchen und versuchte sie aufzuheben, aber das ging nicht an, und sie lachte, weil sie so schwer war; da ließ sie der Florian vorerst los, und mit ernstem Gesichte spuckte er in seine Hände, wie er es von Großen hatte tun sehen, dann packte er aber an, mit einem Ruck hob er sie empor, und — beide kollerten über das hohe Gras hinunter auf den Fahrweg, da rangen sie sich voneinander los, da saßen sie und sahen einander an und lachten, und der Knabe sprang auf und lief voran und das Mädchen hinter ihm her der Mühle zu.
Als sie nahe kamen, da bewunderte Leni wohl das Rad, wie das gar so groß war, aber da war nur noch Wasser zu sehen und kein Mehl. „Das sei drinnen in der Mühle,“ sagte der Florian. „Komm nur!“
An einem Lattenzaun war ein kleiner Einlaß, Florian hob das Querholz geschickt aus und schob das Türchen nach einwärts, die Kinder traten in den Hof, ein großer Hund schoß auf sie zu und umsprang den Knaben; da er aber gegen das Mädchen bellte, so bekam er einen Puff, dem Schlage der kleinen Hand konnte er aber bei seinem zottigen Felle keine feindseligen Absichten unterlegen und so nahm er als verständiges Tier denselben als eine bescheidene Mahnung auf, sein Betragen gegen die kleine Dame zu ändern; er reckte daher seine Pranken zu deren Füßen hin, legte den Kopf darauf und bewegte auf dem aufrechtgehaltenen Hinterleibe wedelnd die Rute, was bei deren erhabenem Standpunkte sich sehr feierlich ausnahm; hätte der Hund nur seiner innersten Überzeugung über den Wert der Umgangsformen einigen Zwang angetan und nicht dabei gegähnt, aber das tat er.
An der Schwelle der Küche, durch die man auchhier unmittelbar vom Hofe in das Haus gelangte, erschien jetzt eine große, stattliche Frau. Es war die Müllerin. Der „Herlinger Florian“ schien es für unehrenhaft gehalten zu haben, an ein Mädchen gewöhnlichen Schlages seine Freiheit zu verlieren, hier hatte er es leicht, sich auf die Übermacht auszureden, denn sein Weib war viel höher und stärker als er.
Der Knabe lief auf die Mutter zu.
„Nun, Flori,“ sagte diese, „wen bringst denn du da mit?“
„Das ist die Leni.“
Die Frau nahm beide Kinder an der Hand und ging nach der Stube, wo der Müller gerade über Rechnungen saß, sie öffnete halb die Türe und schob die Kinder vor sich hinein und mit einem Schelmengesicht sagte sie: „Du, Vater, schau einmal her, ob nicht der Florian dir ganz nachgeratet, da bringt er sich schon ein Dirndl mit.“
Der Müller lachte.
Er hatte die Zeit über ein etwas behäbigeres Ansehen gewonnen. Es war nämlich nicht so gekommen, wie es die Leute erwarteten, sondern von dem Augenblicke an, wo er mit Weib und Kind die Mühle in Besitz nahm, trug er den seßhaften verheirateten Mann mit Auffälligkeit zur Schau, er gefiel sich darin und gewöhnte sich daran, und so wurde er zuletzt selbst, wofür er gehalten werden wollte, ein umsichtiger Geschäftsmann und sorglicher Familienvater, und so genoß er auch sein Teil Zutrauen in der Gemeinde und in der Umgegend.
Jetzt legte er die Feder weg und wandte sich nach den Kindern. „Wie heißt denn du?“ fragte er das Mädchen, das ihm die Müllerin bis vor sein Knie geschoben hatte.
Das Kind lachte verlegen.
„Nun geh’, so sag’ mir es doch!“ Er hob die Kleine auf seinen Schoß. „Wie heißt du denn?“
„Magdalena.“
„Und mit dem andern Namen?“
Das Mädchen besann sich, „Reindorfer,“ sagte es dann rasch.
Der Arm des Müllers, mit dem er das Kind umfaßt hielt, zuckte und unwillkürlich drückte er leise mit der anderen Hand das blonde Köpfchen an sich.
Das Kind, überrascht durch eine ihm ungewohnte Liebkosung, stemmte sich mit beiden Händchen gegen ihn, machte sich frei und sah ihm mit den großen braunen Augen, wie fragend, in das Gesicht.
Er aber hielt diesen Blick nicht aus, hob das Mädchen von seinem Knie und stellte es wieder auf die Diele. Seine Hände zitterten dabei.
Florian hatte früher, an seinen Vater gelehnt, zu der kleinen Gespielin aufgesehen, jetzt standen beide Kinder auf ebenem Boden nebeneinander, die Müllerin sah auf sie herab und sagte: „Das Dirndl da schaut unserm Flori völlig gleich.“
Der Müller schüttelte den Kopf.
„Nun, sieh nur selbst, die gleichen Augen haben sie gewiß.“
Da stand der Müller ärgerlich auf und schob sein Weib, die Kinder voran, nach der Türe. „Geht mir jetzt, ich muß noch rechnen,“ sagte er, und zu der kleinen Leni: „Und du mach, daß du heimkommst!“
„Aber geh,“ sagte die Müllerin, „fahr’ das Dirndl nicht so an, es ist doch gar ein liebes Ding.“
„Nun ja, aber denk’, wie weit es sich verrannt hat, vielleicht suchen sie es schon auf dem Reindorferhof.“
„Ich führ’ sie ein Stück Weges.“
„Bleib du im Haus, schick einen Knecht oder eine Dirn’ mit.“ Er schloß die Türe hinter ihnen.
„Rosel,“ rief die Müllerin, als sie mit den Kindern in den Hof hinaustrat.
Eine Stimme antwortete: „Ja, Müllerin.“ Und bald darauf kam aus einer Scheuer eine dicke Magd herausgelaufen. „Was willst denn?“ fragte sie hastig.
„Geh, Rosel, führ’ das kleine Menscherl da auf den Reindorferhof, wo sie zu Haus ist, sag’ nur, sie wär’ mit unserm Florian gar bisher zu uns gegangen, wie halt schon Kinder sind, sie sollen’s nicht schlagen derohalben.“ — Sie strich der Kleinen über das blonde Haar. „B’hüt dich Gott, kleines Dirndl.“
Die Magd ging und zerrte das Kind an der Hand hinter sich her.
„Komm wieder!“ rief Florian nach.
Das Mädchen zappelte mit seinen kurzen Beinchen neben der eilig dahinschreitenden Magd her. Ach, es war wohl gar weit bis nach Hause, — und Schläge bekommt sie ganz gewiß, weil sie solange weg war, — und in der Mühle, ja, das hatte sie nicht einmal gesehen in der Mühle, wie Mehl gemacht wird. Das war doch gar zu traurig! Sie verzog das Gesicht zum Weinen, aber dazu war ihr keine Zeit gelassen, sie mußte nur immer eilfertig auf dem Wege einherlaufen, sie senkte das Köpfchen, da fielen ihr die Haare über das Gesicht und verhüllten den erbarmungswürdigen Anblick.
Plötzlich ging die Magd langsamer, zog die Hand des Kindes an sich, damit es aufblicken möge und sagte: „Schau, da kommt der Vater!“
Der alte Reindorfer kam auf sie zu. „So findet man dich endlich,“ sagte er, „hab’ mir so gedacht, aus der Welt wirst du nicht sein. Wo warst du denn?“
Die Magd gab Bescheid.
Die kleine Leni horchte gut auf. O, das war eine Böse; daß man sie nicht schlagen solle, davon sagte sie gar nichts.
Der Reindorfer aber sagte, nachdem er der Dirne gedankt hatte: „Warte nur, bis wir heimkommen, ich denk’ dir die Ungelegenheit und die Unruh’ nicht zu schenken.“
„Ist schon recht,“ sagte die Magd.
O, das war eine gar Böse!
„Gute Nacht, Reindorfer.“ — Rosel ging ebenso eilig den Weg zurück, wie sie ihn gekommen war.
„Gute Nacht!“ brummte der Bauer, er nahm das Kind an der Hand und während er es mit sich fortzog, schalt er es aus, und so oft er eine Scheltrede anhob, preßte er das kleine, schwache Pätschchen in seiner rauhen Faust und riß die Kleine herum, daß sie taumelte.
„Gar bis zur Mühle hast laufen müssen? — Du Brut, zieht es dich nach dem Neste? — Ja, zieht es dich nach dem Nest? — Du Kuckucksvogel, du! — Einmal noch verlauf’ dich dorthin, — erschlagen tu’ ich dich! — Nur einmal noch!“
Das kleine Händchen war ganz rot geworden und der Arm schmerzte, und das Kind weinte und schluchzte laut.
Da saß ein Mann am Wege, an dem sie vorüber mußten. Es war der Kleehuber, der Rast hielt.
„Ho, Reindorfer,“ sagte er, „was treibst du denn mit deinem kleinen Dirndl? Ich schau’ dir schon zu, von wo ich dich hab’ den Weg kommen sehen. Hast halt lange keine so kleine War’ im Hause gehabt und bist entwöhnt, wie man mit ihr umgehen soll!“
Er erhielt keine Antwort und kopfschüttelnd blickte er den beiden nach.
Reindorfer hatte die Hand des Kindes loser gefaßt und war langsamer gegangen, jetzt, wo sie dem Kleehuber aus dem Gesichte waren, blieb er stehen.
„Es ist eigentlich nicht recht und ist ein jähes, unchristliches Wesen! Was kann das Kind dafür, was in ihm steckt? Und meinen tut es ja auch nichts damit, dazu ist es noch nicht gescheit genug. Sei ruhig, Leni!“
Er nahm das Kind auf den Arm und trug es nach Hause.
Die Bäuerin stand am Hoftore und lief ihnen entgegen, aber ehe sie nach dem Kinde langen konnte, hatte er dasselbe schon vom Arme auf die Erde gesetzt und sagte: „Da hast du deinen Bankert, wäre der Hof abgebrannt, oder hätte uns andere alle das Donnerwetter erschlagen, du hättest nicht soviel Wesens darum gemacht.“
Das Weib zog das Kind an sich und sah mit weinenden Augen zu ihm auf. „Verzeih dir Gott, wie du mir wehe tust, Joseph, aber ich kann ja doch nicht anders, wie ich müssen tu’!“
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Rechnen wollte der Müller, das hatte er wenigstens gesagt, er mußte das wohl nur im Kopfe tun, denn bisher hatte er keine Ziffer auf das Papier geschrieben. Was das wohl für eine Rechnung war? Wollte er sich vielleicht einen alten Posten aus dem Sinne schlagen?
Er versuchte es. Warum er sein Weib nicht mit dem Kinde gehen ließ? Es war doch spaßhaft, gerade als wüßte das Kind etwas und könnte es ausplaudern; aber es war doch recht, und es sollte ihm vom Hause bleiben, die großen braunen Augen hatten ihn so verwirrt gemacht und waren auch seinem Weibe aufgefallen!Pah, es laufen wohl mehrere herum, von denen er nicht weiß, — — eben, wenn man von nichts weiß und von nichts wissen will! Als Herumstreicher ist man glücklicher!
Dir sollst das noch einmal sagen, Müller! Eines Tages wirst du es sagen, aber es wird nicht im Gefühle des Unbehagens sein, in dem du jetzt mißmutig den Kopf mit den aufgestemmten Armen stützest, nicht im Gefühle, Opfer und Frucht deines Leichtsinnes in beängstigender Nähe vor Augen zu haben und mit lahmen Armen stumm zusehen zu müssen, wohin es führt; du wirst es sagen in ganz anderen Gefühlen, und was dir bisher ausstand, das Mitleid, es soll dir werden!
Als die Elisabeth vom Reindorferhofe wegheiratete, was war das für ein schöner Tag für die kleine Leni, was gab es da alles zu schauen und zu — essen! Weit, gar weit fuhr man mit den Wagen über Land, und wie schön die Schwester angezogen war, und wie die Musikanten aufspielten und die Leute dazu tanzten, wie ganz anders war das alles, als zu Hause!
Aber ihr wollte doch schier das Herz brechen, als die ganze Herrlichkeit ein so trauriges Ende nahm, als sie hörte, die Schwester bliebe für immer dort, sogar weit weg von ihr. Das Kind war nicht zu beruhigen, bis ihm Elisabeth versprach, sie käme den nächsten Tag und dann alle Tage nachschauen, wie es ihr erginge. Arme Leni, es sollte ja doch nur beim Versprechen bleiben.
Wohl gab sich von da an die Mutter mehr mit ihr ab; aber die Schwester war das doch nicht; obwohl die Reindorferin ihre natürlichen Gefühle nieverleugnete, sie wäre sich doch dadurch nur noch strafbarer erschienen, so hatte sie doch eine Art Scheu vor dem Kinde und das erweckte in demselben das gleiche Gefühl.
Nur einen Freund hatte die kleine Leni noch am Hofe, dem sie sich rückhaltslos anvertrauen konnte, der alles so ernst oder so lustig aufnahm, wie sie es selbst meinte, und das war der alte Sultan. O, er hätte auch gerne noch mit ihr gespielt, aber sie wußte ja, er war so krank, und da besuchte sie ihn oft auf seinem Stroh und jedesmal bezeigte er seine Freude darüber. Aber eines Tages da war er so unruhig und stöhnte und winselte und warf sich herum, und sie fragte ihn: „Sultl, was hast du denn?“ Aber er schien sie gar nicht zu bemerken, und so saß sie denn ganz betrübt an seiner Hütte und wenn er sich das Stroh zur Seite gewälzt hatte, so breitete sie es ihm wieder unter. Und am andern Morgen da fand man den Sultl tot; der Bauer ließ ihn durch einen Knecht in dem Garten verscharren, und der schleifte ihn auf dem Wege hinter sich her, daß der Kopf an den Steinen aufschlug, Leni schrie laut und faßte mit beiden Händen nach ihrem eigenen Köpfchen, und der Knecht mußte warten, bis sie ihre Schürze dem Hunde übergebunden hatte, dann folgte sie ihm weinend und sah zu, wie er eine Grube schaufelte und den Sultan hineinlegte und die Erde darüber flach trat.
Danach ging der Knecht wieder mit dem Spaten fort und sie blieb allein an der Stelle zurück. Da vor ihr unter der Erde lag der Sultan, und draußen stand seine Hütte leer und das Stroh lag zerwühlt. Wem sollte sie es nun sagen, wenn sie sich auf Mittag oder sonst freute? Wem, wenn sie Schläge fürchtete oder bekommen hatte? Und wenn sie sich wieder aneinem großen Dorne ritzt, da leckt er ihr nimmer das Blut weg. O, der arme, gute Sultl!
Man hatte sie gelehrt, das Abendgebet, wenn sie es einmal gesprochen hatte, noch einmal zu wiederholen, da galt es dann für Vater, Mutter und Geschwister und „alle, die sie lieb hatte“. In ihrem ratlosen Schmerze faltete sie auch jetzt die Händchen und betete, alles, was man sie gelehrt hatte, das Morgen-, Tisch- und Abendgebet für — den Sultl.
Dann trocknete sie sich die Augen und ging beruhigter zurück nach dem Hofe.
Sie hoffte wohl, daß sie wieder einen Hund bekommen würden, der auch mit ihr so gut sein würde; sie bekamen auch ein paar Tage darauf einen, aber der war nur brummig und bissig und wollte nicht mit sich reden lassen.
Daher war es ihr ganz recht, als es plötzlich hieß, daß sie in die Schule müsse. Als die Mutter sie hinbrachte, da stand sie freilich ganz eingeschüchtert an der Türe, der vielen Kinder wegen; daß es so viele gäbe, hatte sie sich nie denken können, wo die nur alle her waren? Und als sie nun mitten unter ihnen auf der ersten Bank sitzen mußte wie alle ganz Kleinen, Neuen, dem Schulmeister unter den Augen, da getraute sie sich kaum aufzusehen; aber sie wagte es doch und sah erst ganz verstohlen die neben ihr sitzenden Mädchen an, dann sah sie auch hinüber zu den Buben, die auf der anderen Seite saßen, und da lachte einer auf sie herüber und das war Müllers Florian, und nun hatte sie doch einen Bekannten und da war es gleich ganz schön in der Schule.
Als die Schulstunde vorüber war, da wartete der Flori und ging auf sie zu.
„Du bist die Reindorfer Leni,“ sagte er.
Das Mädchen lachte.
„Das ist gescheit, daß sie dich auch in die Schule geschickt haben,“ sagte der Knabe.
Und dann gingen sie plaudernd einen Weg nebeneinander her bis zum Reindorferhof.
So gingen sie denn eine Zeit Tag für Tag miteinander nach und aus der Schule. Aber bald sollte ihre Eintracht gestört werden. Das Mädchen hielt sich plötzlich fern von dem Knaben, entweder war es schon weit voran, wenn er aus dem Schulzimmer kam, und lief dann vor ihm her, nicht einzuholen, oder es blieb zurück und schlich hinterdrein und mochte er noch so langsam gehen.
Als sie einst wieder hinter ihm des Weges kam, da versteckte er sich, wo der Weg überbog im Gesträuche, und als die Leni nahe war, sprang er hervor und faßte sie an der Hand.
„Jetzt halt’ ich dich,“ sagte er, „sag, hab’ ich dir etwas getan, daß dir nimmer willst mit mir gehen?“
„Mein Vater hat gesagt, er schlägt mich, wenn ich mit dir gehe.“
„Dein Vater ist recht grob.“
Beide Kinder überlegten stille.
Ein Ausgleich lag freilich nahe, aber da Florian selbst jede körperliche Züchtigung innig verabscheute, so getraute er sich nicht, der Leni den Vorschlag zu machen, sie solle sich nur schlagen lassen, so könnten sie immer miteinander gehen wie früher.
Aber wenn sie der grobe Reindorfer gar nicht auf dem Wege sah, dann konnte er auch keines von ihnen schlagen, und es lag eine Heimlichkeit darin, von der alle Leute im ganzen Dorfe nichts wußten, und nur sie allein.
Das lockte, und wie viel pfiffiger kamen sie sich dabei vor, als alle die großen Leute.
Bis zu dem Busche, wo sie jetzt standen, war die Straße für sie sicher, erst wenn sie denselben hinter sich hatten, konnte man sie vom Reindorferhofe aus sehen, so wurde denn ausgemacht, dort solle des Morgens immer eines auf das andere warten, und auf dem Rückwege wollten sie auch nur bis dahin miteinander gehen, dann blieb eines zurück und kam erst viel, viel später des Weges daher.
Ja, verbiete nur einer etwas!
Die Reindorfer Leni war überhaupt ein pfiffiges Kind, das sagte auch der Schulmeister, und er lobte sie oft vor allen andern Kindern, und wenn dies gerade vorgekommen war, dann nahm sie auch zu Hause Fibel oder Rechentafel an sich, schlich hinter dem alten Reindorfer her, und wenn er sich in der Scheuer oder im Garten über einer Arbeit verhielt, setzte sie sich in seiner Nähe nieder und las oder rechnete laut, damit sie auch der Vater loben möchte.
Das erstemal, wo sie der Bauer gar nicht in der Nähe wußte, fuhr er unwillig auf, als aber das Kind vor Bestürzung auf dem Flecke sitzen blieb und über die bittere Enttäuschung leise schluchzte, da besann er sich, daß es ihm wohl eine Freude habe machen wollen. „Nur nicht unchristlich, unchristlich darf man nicht sein,“ sagte er vor sich hin, und dann zur kleinen Leni: „Mach nur weiter fort! Hast schon recht, lerne nur fleißig, damit du ehrlich durch die Welt kommst, weil du einmal darin bist! Nun, les’ nur weiter, du Blondköpfel!“
Von da an bekam der Bauer viel zu hören, auch manches, das ihm neu war, denn sie lehrten jetzt die Kinder ganz anders, als wie ehemal. Aus Neugierde holte er oft das Mädchen über manches Nähere aus, und ihn wunderte, wie es alles so gut begriffen hatte und so richtig aufbehielt.
Bald aber wurde ihm jedesmal ganz weh zumute, wenn er das Kind sich so bemühen sah, ihm zu gefallen, denn seine Elisabeth hatte seit Jahr und Tag nicht mehr nach ihren Eltern gefragt und der Leopold, den er immer so gut gehalten, der meinte, das wäre das wenigste gewesen, ein Vater könne wohl mehr tun; der Bursche hatte sich in eine Dirne vergafft und wollte nun, je eher, je lieber, sein eigener Herr sein. So wußte denn der alte Mann, er war seiner Tochter gleichgültig und seinem Sohne im Wege.
Dafür war zu Anfang auch die kleine Magdalena mit dem alten Reindorfer nicht zufrieden, andere Kinder sagten, wenn sie ihre Sache recht brav gemacht hätten, dann spielten ihre Eltern mit ihnen oder schenkten ihnen wohl Sonntags darauf einen Butterweck oder sonst irgendeinen begehrlichen Gegenstand, aber auf derartiges hoffte sie ganz vergebens; später kam er ihr gar „ernsthaftig“ vor, wie der Herr Pfarrer und der Lehrer, die auch immer etwas zu fragen oder auszusagen wußten, und da verlangte sie nach keinem Spiel und nach keinem Geschenke mehr und tat sich gerade darauf was zugute, daß er sie nicht wie ein Kind behandelte, ... auch nicht wie das seine, das fühlte ja der kleine Gernegroß in seinem kindischen Stolze noch nicht.