5.

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Wenn Liebe etwas stark geradezu geht, so ist ihr ebenso zu mißtrauen, wie wenn sie auf krummen Wegen schleicht. Der junge Reindorfer wäre vollauf berechtigt gewesen, an die Gründung eines eigenen Hausstandes zu denken, in etlichen Monaten hatte er sein dreißigstes Jahr erreicht, aber eben die Plötzlichkeitseines Entschlusses und der Gegenstand seiner Neigung machten den Alten vorsichtig.

Leopold hatte seine militärische Dienstzeit hinter sich, sie wurde ihm leicht erträglich, denn sie fiel gerade in gesegnete Jahre, und der Mangel an Feldarbeitern veranlaßte die Kriegsbehörde zu zahlreichen Beurlaubungen, mit vielen andern wurde auch er auf einige Zeit den Seinen wieder zurückgegeben.

Später hatte er nur noch die Verpflichtung, als Landwehrmann zu den jährlichen Übungen einzurücken.

Als Bauernbursche hatte er nie Empfänglichkeit für die Dorfschönheiten gezeigt, auch unter seinen militärischen Genossen, denen doch die Langeweile und die schmale Verpflegung den Umgang mit einem weiblichen Wesen, das in einem anständigen Hause kocht, so wünschenswert erscheinen ließ, hatte er sich von dieser Schwäche rein erhalten.

Als er aber von der vorjährigen Waffenübung heimgekehrt war, da öffnete er plötzlich sein Herz der Liebe; dieselbe hatte sich seiner Eitelkeit als einer allzu willigen Pförtnerin bedient. Auch Bauernbursche erliegen dieser allgemein menschlichen Schwäche. Wie nach einem gegenseitigen, stillschweigenden Übereinkommen hatte sich bisher um den Reindorfer Leopold, der sich um keine Dirne Mühe gab, auch keine derselben gekümmert, als es aber nun eine übernahm, ihn darüber aufzuklären, daß er mit allen Eigenschaften ausgestattet sei, sie glücklich zu machen, warum sollte er dieser schmeichelhaften Versicherung keinen Glauben schenken und sich böswilligerweise seiner Bestimmung entziehen?

Diejenige, welche den jungen Reindorfer also umgewandelt hatte, hieß Josepha Melzer und bewohnte mit ihrer Mutter das kleinste und baufälligste Häuschenim Orte, außer diesem konnte die alte „Melzerin“ dereinstens ihrer Tochter nichts hinterlassen, als einen ebenso übelbewahrten Ruf, dessen übrigens die Josepha gar nicht bedürftig war, denn sie hatte sich schon aus eigenen Mitteln die Beischaffung eines solchen angelegen sein lassen.

Ein Monat mochte verflossen sein, seit Leopold, zur Verwunderung der Ortseinwohner, öfter in dem verfallenen Häuschen einsprach, als eines Abends Josepha, von der Arbeit heimkehrend, die Alte sehr mißlaunig fand.

„Warst du heute schon mit dem jungen Reindorfer zusammen?“ fragte sie keifend.

Die Dirne warf den Grasbündel und die Sichel beiseite und nahm den breitkrempigen Strohhut ab. „Nein,“ sagte sie, „aber er wird wohl jetzt nach Feierabend kommen.“

„So rede einmal mit ihm, dummes Ding, daß es zu etwas führt. Wie lange denkst du denn, daß ich noch zuwarten kann? Ich möchte doch meine paar Tage auch noch auf dem Reindorferhofe in Ruh’ und Wohlfahrt verleben können. Hab’ ich dich darum auf den Burschen gehetzt und dir gesagt, mach dich an ihn, der sieht nicht nahe zu, wenn man ihm nur die Ware ins Haus bringt, — damit du dich wieder so dumm anstellst, wie jedes frühere Mal? Weiß Gott, dumme Streiche hast du mir genug gemacht, und hab’ ich dir genug nachgesehen, es wäre nun wohl auch Zeit, daß du klüger sein und auf dich und deine alte Mutter denken möchtest! — Daß du mir heuer am Allerseelentag nicht wieder das kleine Grab aufputzest, das rat’ ich dir! Ich sag’ dir, diesmal sehe ich nicht so zu, aus dem Hause jag’ ich dich, wenn da nichts wird! Willst du zuwarten, du langweiligerTropf, bis dich die Leute ihm abreden? Solang das Eisen heiß ist, muß man’s schmieden, ist nur einmal alles in Richtigkeit, nach der Hochzeit muß sich einer wohl darein schicken; man kann auch alles anders deuten und drehen, und er tut sich nur selber einen Gefallen, wenn er daran glaubt. Aber so wirst du die Zeit verpassen, der Herbst wird wieder da sein, da rückt er wieder auf vier Wochen ein und ihr seid auf so lange voneinander; vom Ort kommen auch Bursche mit, aber du, natürlich, nimmst dich weder vor denen in acht, noch vor jenen, die verbleiben! Und da ist wieder nichts darauf zu geben, und ich geb’ auch nichts darauf!“

„Du meinst gerade, das ginge nur so, und wenn man Haferl sagt, ist ’s Häfen fertig“[7]sagte trotzig die Dirne. „Meinst du, es kostet einem keine Mühe, wenn man selber keine Gedanken darauf hat, und man soll zutätig sein gegen einen, der ist wie ein Stück Holz?“

„Nun ja, du wilde Hummel, nur bring’ ihn einmal darauf, was zu geschehen hat, liegt ihm das nur erst im Kopf, dann gibt es ihm selber keine Ruhe und er setzt sich schon daran.“

„Guten Abend, Melzerin,“ sagte Leopold eintretend, „grüß dich Gott, Sepherl.“

„Guten Abend.“

„Die Mutter erlaubt’s schon,“ sagte der Bursche. „Magst mit mir über die Felder gehen?“

„Ich weiß nicht, ob es auch recht ist,“ sagte dieDirne, „es schauen so schon alle Leute, wie oft du kommst, und es bringt einer ledigen Dirne keine gute Nachrede, wenn sie mit einem Burschen längere Zeit geht. Es hat keinen Schick und keinen Zweck.“

„Schau, wie sie sich an das hält, was schicklich ist,“ meinte die Alte und lachte Leopold mit dem zahnlosen Munde an. „Kriegt einer einmal ein braves Weib an ihr!“

„Meine ich es denn nicht ehrlich?“ fragte Leopold.

„Das wirst du freilich selber am besten wissen,“ schmollte die Dirne.

„Ich meine es aber ehrlich,“ sagte aufbrausend der Bursche, „und ich will dich auch zu meiner Bäuerin machen!“

„O, du lieber Herzensschatz! Aber schau, davon wissen halt die Leute nichts.“

„So sollen sie es morgen schon wissen und heut noch der Vater!“ Als Leopold das sagte, tat er gewaltig sicher, als wäre mit seinem ausgesprochenen Willen schon alles abgetan und ausgemachte Sache, und als ob er gar kein Unbehagen verspürte, wenn er dabei an die Unterredung mit seinem Vater dachte.

„O du mein Herzens-Leopold, wenn das dein Ernst wär’!“ rief Josepha.

Die Alte aber faltete die Hände vor freudigem Schreck und sagte: „Jesus! Dirn’, für so ein Glück kannst du unserm Herrgott all dein Lebtag nicht genug danken.“

„Nun, gehst jetzt mit mir?“ fragte Leopold, überlegen um sich blickend.

„Dir tue ich ja alles für mein Leben gern, und jetzt, wo es auch sein darf, brauchst gar nimmer zu fragen, du mein schöner, goldiger Leopold, du!“

Und sie gingen über die Felder.

Wie immer hatte Josepha das Wort zu führen; heute aber machte sich das leicht, da sie nur über das ungeheuere Glück, das ihr widerfuhr, gewaltig stolz zu tun brauchte — das tat sie auch ganz ungeheuchelt —, um wieder bei Leopold den Stolz zu erwecken, ein Bursche zu sein, der „Eine“ so unerhört glücklich machen könne.

Beim Abschiede fügte Josepha die vielleicht weniger aufrichtig gemeinte Versicherung hinzu: „Wenn ich dich hätte nicht kriegen sollen, glaub mir, ins Wasser wäre ich gegangen!“

Es war immerhin ein hübscher Schlußsatz.

Leopold lachte verlegen und zugleich begütigend, auch viel Vernünftigere wissen auf solche Reden nichts zu sagen. In dieser Bedrängnis faßte er einen großen Entschluß, er zog die Dirne an sich und — ihre Lippen suchten sehr geschickt die seinen.

Er machte sich los; er war ganz rot geworden, murmelte „gute Nacht“ und schlich davon.

Die Dirne sah ihm nach. Tat er ihr leid, oder sollte sie lachen? Sie wußte es selbst nicht.

Der junge Reindorfer aber schritt bald rüstiger aus. Auf dem Wege versuchte er sogar den Gefühlen, die ihn bestürmten, durch Vierzeilige Luft zu machen, diese besaßen zwar keinen ethischen Gehalt, aber auch der andere ließe sich nicht gut mitteilen.

Je näher er aber dem väterlichen Gehöfte kam, desto kleinlauter wurde er, schweigend betrat er dasselbe, schweigend nahm er an dem gemeinsamen Abendbrote teil, und als der alte Reindorfer vom Tische aufstand, um vor dem Schlafengehen den gewohnten Rundgang durch Hof, Scheuer und Garten anzutreten, ging er hinter ihm her.

Als der Alte das merkte, blieb er stehen.

„Warum laufst du denn hinter mir her wie ein Pummerl?“[8]

„Vater,“ sagte Leopold, an ihn herantretend, „so geht es nimmer.“

„Was geht nimmer?“

„Ich fühl’ mich, das Ledigsein tut mir kein gut, ich meine, ich hätte es ohnehin lang genug ausgehalten, jetzt mag es mir aber nimmer taugen.“

„Heiraten willst?“ fragte der Vater mit langem Gesichte.

„Ja,“ sagte der Bursche.

„Hast dir vielleicht schon eine ausgesucht?“

Leopold lachte.

„Schau, schau, wer wär’ denn die nachher?“

„Weißt, — die Melzer Sepherl möcht’ mir gerade anstehen.“

„Die Melzer Sepherl?!“ Der Alte sah seinem Sohne gerade in das Gesicht und als er merkte, derselbe spaße nicht, kehrte er ihm den Rücken zu und brummte: „Mußt heiraten, so such dir was anderes; daraus wird nichts, all mein Lebtag nicht!“

„Warum nicht, Vater? Ich werd’ doch den Grund wissen dürfen?“

„Einen Grund?! Ich frag’, wer möcht’ die als Schwiegertochter in sein Haus aufnehmen — und vielleicht noch ihre Mutter, die alte Hexe, als Daraufgabe dazu, nicht? Bub’, du bist verrückt! Weißt du denn nicht, daß die Leut’ da herum viel von ihr zu reden wissen, nur nichts Gutes?“

„Oft reden die Leut’ gar viel,“ sagte Leopold trotzig.

„Aber da nicht mit Unrecht, und wär’ da auchnur ein Dritteil von dem Gerede wahr, mehr braucht sich einer gar nicht zu verlangen.“

„Und wär’ das Ganze wahr, alles miteinander, so möcht’ ich doch wissen, wen in der Welt das was anginge, wenn es mir recht ist und ich mir nichts daraus mach’!“

„Du trauriger Hase, ich merk’, dich haben sie schön in März geschickt!“

Es war beleidigend für den Burschen, hören zu müssen, er handle in dieser Angelegenheit wohl nicht ganz nach freiem, eigenem Antriebe, doppelt beleidigend, weil es zufällig die Wahrheit war; so sagte er denn ganz zornig: „Und ich heirate sie doch!“

„Das tu nur, aber verheiratet wirst du schwer als Knecht bei einem Bauer ein Unterkommen finden, denn auf meinen Hof sollst du mir dann nicht, weder solang ich die Augen offen habe, noch wenn ich sie einmal schließe.“

„So, so,“ sagte der Bursche, dem vor Aufregung die Stimme stockte, „überleg dir es halt, ob du dein Kind bei fremden Leuten als Knecht wissen willst.“

Da zuckte der alte Reindorfer die Achseln. „Du hast wohl heute über den Durst getrunken; schlaf vorehe deinen Rausch aus und komm mir dann nüchtern wieder.“ Damit ging er von seinem Sohne.

Als am andern Tage der junge Reindorfer wieder in das Häuschen der alten Melzerin trat, und die Josepha sagte, er käme ihr ganz anders vor, als den Abend vorher, da war ihm leicht abzufragen, was ihm mit seinem Vater begegnet war, und wie dieser durchaus gegen die geplante Heirat sei.

Es wurde aber dem Leopold zugeredet, er möge sich, wenn er die Josepha wirklich gern hätte, doch von dem ersten, widrigen Erfolge nicht abschreckenlassen, auf einen Streich fälle man ja keinen Baum, und er solle nur seinem Vater beharrlich wegen der Sache anliegen, der werde es endlich doch müde werden, sich dagegen zu setzen, wenn er sehen würde, wie wenig ihm das eigentlich nütze. Ernst könne ja seine Drohung mit dem Verstoßen und Enterben doch nicht gemeint sein, denn man wisse ja, wie er Leopold, als seinen einzigen Sohn, lieb hätte, und mit Recht, denn Leopold wäre auch ein Bursche, der es verdient, auf den seine Eltern stolz sein könnten, denn ihn hätten ja auch alle Leute lieb. Freilich waren von den gesamten Leuten nur die alte Melzerin und deren Tochter anwesend.

Von da an begann die Entfremdung zwischen Vater und Sohn, von da an wechselten fortwährend Bitten und Abweise, Vorwürfe und Anklagen, Bestürmungen und Drohungen, von da an lauerte und hoffte Leopold auf irgendein Begebnis, das er nützen könne oder das ihm Nutzen brächte, wodurch sich alles ändere, und geschähe das durch eine schwache Stunde seines Vaters oder durch seine letzte!

„Man hat auch sein Kreuz mit einem Burschen, der weiberscheu ist,“ seufzte der Alte, „versteht sich einer nicht auf den Fang, wird er leicht selber gefangen!“

Vorläufig dachte er daran, sich Ruhe zu schaffen und Zeit zu gewinnen. Und so fragte er denn eines Tages, als Leopold wieder beteuerte, von seiner Sepherl nicht lassen zu können: „Schau, was hilft jetzt alles Herumreden, die Ernte ist vorüber und die Einberufung zur Waffenübung vor der Türe. Vorher läßt sich ja doch nichts vereinbaren und abtun, zu was wollen wir es also Rede haben und uns Tag für Tag darum zertragen? Kommst du wieder heim und hast deinen Sinn nicht geändert, ist noch Zeit genug, daß man darüber redet.“

Da der junge Reindorfer sich nicht hinter seine Mutter stecken konnte, welche in dem Punkte ganz einer Meinung mit dem Alten war, so sah er selbst ein, daß sich vor seiner Wiederkehr nichts werde richten lassen, er beschloß bis dahin keine unnützen Worte zu machen, sondern erst dann, durch seinen unveränderten Entschluß, dem Vater zu zeigen, daß er einen Buben habe, der auf dem besteht, was er sich einmal in den Kopf setzt, und daß es da wohl heißt, als der Klügere, nachgeben.

Dieser stillschweigend eingegangene Waffenstillstand auf dem Reindorferhofe genoß zwar nicht die Billigung der Inwohner des kleinen baufälligsten Häuschens im Orte, denn er rückte das erwünschte Ziel wieder um eine Spanne Zeit hinaus, aber, wie bedenklich auch die alte Melzerin tun mochte, Josepha sorgte nicht, sie war ihres Leopold zu sicher.

Als der Tag kam, an dem die Reservisten nach dem Orte der Einberufung abziehen mußten, da gab Josepha dem jungen Reindorfer eine Strecke Weges das Geleit, und als sie mit verweinten Augen zu ihrer Mutter zurückkehrte, da stellte sich diese mit gefalteten Händen vor sie und sagte: „Dirn’, um Gottes willen, nur diesmal verhalte dich gescheit!“

Auch der Busch in der Nähe des Reindorferhofes hatte schon längere Zeit nicht mehr Tag um Tag den Zuspruch des langaufgeschossenen Jungen und des spaßhaft hageren Mädchens, welche sonst immer mit ihren Schulsäcken des Weges daherkamen. Beide waren der Schule entwachsen und das Mädchen wohl auch den Kinderschuhen, denn es war völlig stark geworden und verglich sich im stillen schon mit den anderen Dirnen des Ortes.

Jetzt sahen sich die beiden jungen Leute nur noch Sonntags in der Kirche, und nur manchmal, wenn ihre Eltern von der nachmittägigen Christenlehre wegblieben, konnten sie die gewohnte Strecke Weges miteinander gehen; aber nunmehr fühlten sie sich schon etwas selbständiger, vergaßen ganz — wie die Welt schon undankbar ist — den alten, getreuen Busch und gingen achtlos an ihm vorüber.

Und so kam es, daß sie einmal vor dem Reindorferhofe Abschied nahmen, als der Bauer gerade an dem Tore lehnte. Der Florian tat gewaltig unbefangen und redete sich ein, daß er sich gar kein wenig fürchte, er ging auch ganz bedächtig an dem Alten vorüber und grüßte ihn, freilich von der andern Seite der Straße, dafür klang es aber auch um so lauter.

„Das ist des Müllers Florian, mit dem du da gegangen bist?“ fragte Reindorfer das Mädchen.

„Ja, Vater,“ sagte dieses.

„Ich hab’ nicht leiden mögen, daß du mit ihm gehst, wie du noch ein Kind warst, mußt dich jetzt auch nicht zu ihm halten; glaub nur, ich hab’ meine Ursachen, und tu fein gehorchen.“

„Aber Vater,“ lachte das Mädel, „ich wüßt’ wirklich nicht, was das könnt’ für einen Schaden bringen, wenn er neben einem herlauft.“

„Wissen tu’ ich es just auch nicht, aber wie geht das Sprichwort von der Mücke? Wenn sie in das Kerzenlicht fliegt, sagt sie: Ah, da herum ist es schön warm! Und wenn sie dann im Schmeer klebt: O, da hilft kein Zappeln! Nun, ich habe dir’s gesagt, daran halte dich, und laß mir nicht merken, daß du auf meine Reden nichts gibst!“

Die sonntägliche Christenlehre bestand darin, daßnachmittags, geraume Zeit vor dem Segen, der Pfarrer die Kanzel bestieg und durch einen kleinen Vortrag die Leute über Gebräuche und Glaubenssätze der Kirche belehrte, das geschah jahraus jahrein für die älteren Leute, damit sie nichts vergessen, und für die jüngeren, daß sie zulernen möchten. Es vergingen viele Sonntage, ohne daß Magdalena in Versuchung kommen konnte, das Gebot des alten Reindorfer zu übertreten, denn dieser fand sich jetzt immer bei jeder Christenlehre ein, fühlte er sich etwa schwach in den Glaubensartikeln? Wohl möglich, der Mann war alt, da will das Gedächtnis nicht mehr alles so ohne Umstände herausgeben, es merkt, der Umsatz von außen wird schwächer, da hält es seine Laden geschlossen und seinen Vorrat beisammen, gerade als stünde bald eine andere Verwendung bevor.

Aber Magdalena dachte bei sich: Ich weiß, der Vater könnte die Leute all das so gut von der Kanzel herab lehren, wie der Herr Pfarrer selbst. Was tut er nur jetzt so oft in der Christenlehre?

Einmal blieb er aber doch wieder weg und da gesellte sich der Florian zu ihr, sie dachte wohl an das Verbot, aber wie sie so nebeneinander hinschritten und von Mühl’ und Mehl, Sense und Sichel, Heu und Streu redeten, da konnte sie es doch nicht so ernsthaft nehmen wie der Vater, sie hätte es dem Buben ja gar nicht sagen können, ohne ihm dabei in das Gesicht zu lachen und von ihm ausgelacht zu werden.

„Ihr müßt doch alle Jahr froh sein,“ sagte Florian, „wenn die Feldarbeit getan ist, solang ihr noch den Leopold im Hause habt.“

„Wär’ es einmal,“ meinte die Dirne, „so würden wir es ohne ihn auch richten.“

„Gelt, dein Bruder hat die Melzer Sepherl gern?“

„Die Leute sagen es, ich hab’ ihn nicht darum gefragt.“

„In vier Wochen kommt er wieder heim, dann läßt er gewiß nimmer von ihr.“

„Ich weiß nicht, aber der Vater ist so viel dagegen.“

„O, dein Vater, der leidet ja nicht einmal, daß Schulkinder miteinander gehen.“

Das Mädchen lachte. „Freilich nicht! Meinst, ich sollte jetzt mit dir gehen? Beileibe! Neulich, wie er uns zusammen gesehen hat, da ist es wieder strenge verboten worden.“

„Und doch gehen wir jetzt zusammen! Gelt, du gibst auch nicht mehr auf so ein Verbot, als der Leopold geben wird?“

Das Mädchen machte große Augen. „Ich meine, das wäre denn doch ganz etwas anderes!“

„Ich freue mich,“ fuhr der Junge fort, „wenn der Leopold wieder heim ist, mit dem mußt du mich bekannt machen, dann gehen wir zu vieren über die Felder, er mit der Sepherl und ich mit dir.“

Da wurde Magdalena blutrot im Gesichte und sagte zornig: „Was du dir nur für Gedanken machst, du dummer, halbwüchsiger Bube, du! Der Vater hat ganz recht, mit dir geh’ ich auch nimmer, die Kleehuber Franzl hat auch einen Weg mit mir, die redet mir von Kuh und Geiß, aber nicht, von was ich nicht zu wissen verlange.“

Sie wandte dem verblüfften Jungen den Rücken und schritt rasch dahin, daß die Stiefelchen knarrten.

Als sie das Gehöfte erreichte, stand der alte Reindorfer wieder vor dem Tore, sie trat zu ihm, ihr Gesichtchen war gerötet, die Lippen trotzig geschlossen und die beiden Nasenflügel arbeiteten heftig.

„Guten Abend, Vater,“ sagte sie.

„Grüß dich Gott! Schaust ja ganz zornig aus.“

Drüben über der Straße schlich gerade Florian vorbei, er sah gar nicht auf.

Magdalena deutete mit einer kurzen Kopfbewegung nach ihm. „Das ist wirklich ein dummer Bub’. Hast schon recht gehabt, Vater. Ich geh’ nimmer mit ihm!“

„Ist mir lieb.“

Von da an hielt sich die Reindorfer Leni zu den Dirnen.

Die Waffenübungen waren vorüber, Reservisten und Landwehrmänner zogen wieder heim. Die Sonne war schon hinter die Hügel gesunken, nur rote Wolkenstreifen verrieten dem engen Tale, daß sie noch am Himmel stünde, als Leopold seinen Heimatsort erreichte.

Er ging aber nicht die breite Straße durch denselben, sondern schlug einen Fußsteig ein, der ihn auf kurzem Umwege in den Rücken des Häuschens brachte, wo seine Liebste wohnte. Er schwang sich über den Gartenzaun, ein knurriger Spitz fuhr auf ihn los, ließ aber sogleich ab, als er ihn beim Namen rief, und mit klopfendem Herzen schlich er durch das Gärtchen der Hütte zu; knapp davor kniete die alte Melzerin an einem Gemüsebeet und jätete und setzte um, er gelangte unbemerkt an ihr vorüber.

Nun konnte er nimmer fehlgehen, es war nur ein einziges Gemach im Hause, auf den Fußspitzen noch die paar Schritte durch die Küche, und er riß mit freudigem Ungestüm die Türe auf.

Der laute Gruß aber, den er hineinrufen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken.

Sollten die Leute doch recht haben?!

Neben Josepha stand ein Bursche, der traulichden Arm um ihre Hüfte gelegt hatte. Die beiden waren offenbar mehr überrascht, als verlegen.

Josepha faßte sich zuerst, rasch sich freimachend, sagte sie: „Sei nicht so keck! Und siehst, da ist mein Leopold wieder, und den hab’ ich tausendmal lieber, wie ich dir auch tausendmal gesagt habe.“

Der Bursche trat jetzt auf Leopold zu und bot ihm die Hand. „Jesus, Reindorfer,“ sagte er, „grüß dich Gott! Bist wieder da? Nun, wenn du da wieder einrückst, da darf ich als Ersatzmann nur gleich marschieren! Abreden hab’ ich sie dir so nicht können, das hab’ ich nicht können, nicht um die Welt!“

Leopold kehrte sich schweigend ab und ging davon.

Die Dirne aber schob auch den Burschen zur Türe hinaus. „Mache fort, daß er dich doch auch fortgehen sieht.“

Sie kehrte in die Stube zurück. „Gut, daß die Mutter nichts davon weiß! Ich meine, er kommt doch wieder!“ —

Es war gerade keine herzliche Begrüßung, welche darauf zwischen dem Vater und dem heimgekehrten Sohne auf dem Reindorferhofe stattfand, aber der Alte steckte den Vorwurf des Burschen, daß er ihn durch sein Zuwarten und Abreden um die Dirne gebracht habe, welche sich jetzt an einen andern halte, ruhig ein und wünschte nur, es möchte damit sein Abkommen haben.

Acht Tage hatte Leopold diese Angelegenheit nicht weiter berührt, nur blieb er mürrisch und verdrossen. Wenn es im Hause nichts mehr zu tun gab, dann ging er über die Felder, immer jene Wege, die er früher mit Josepha gegangen, und da traf es sich denn, daß ihm diese zufällig auf einem schmalen Steige begegnete, wo an ein Ausweichen nicht zu denken war.

Der junge Reindorfer blickte erst auf, als sie vor ihm stand, er drückte seinen Hut tiefer in die Stirne und wollte an ihr vorbei, sie aber faßte nach seiner Hand und hielt ihn daran fest.

„Ich weiß nicht, was du hast,“ sagte sie, „seit du den dummen Krämer Alois bei mir getroffen, gerade, als ob etwas Unrechtes zwischen mir und dem vorgegangen wär’! Halte es wie du willst, bleibe meinetwegen weg von unserer Hütte und von mir, aber daß du Übles denkst, das leide ich nicht!“

„Ich meine, es war nicht unrecht gedacht und nicht unbillig gefordert, daß du es mir nicht hättest antun sollen, daß ich einen andern bei dir treffe.“

„Wessen ist denn die Schuld? Bin ich nicht ein armes Dirndl, das sich viel gefallen lassen muß in der Welt? Hab’ ich dir nicht gesagt gleich zu Anfang, wie wir Bekanntschaft gemacht haben, daß ich es den Burschen nicht verwehren kann, daß sie mich für schön halten, und daß ich mich oft genug vor ihren Nachstellungen hab’ hüten müssen? Und du hast gesagt, daraus machtest du dir nichts, und du möchtest nicht einmal eine, die dir jeder ohne Neid vergönnte. Wenn ich nichts Gewisses weiß, kann ich daraufhin die andern Bursche vor den Kopf stoßen? Wenn du keinen Ernst zeigen willst, kannst du etwas dagegen sagen, wenn jeder meint, mir zu gefallen könne er mit demselben Rechte versuchen, wie du? Bin ich deine Bäuerin, dann brauchst du dir derlei nicht gefallen lassen, und dann weiß auch ich, was ich zu tun habe!“

„Und daß du dich verhalten sollst gerade so, als wärst du schon meine Bäuerin, das war meine Meinung! Hab’ ich dir nicht gesagt, wenn ich wiederkomme, so mach’ ich alles richtig? Hast du so wenig Vertrauen?“

„Mehr schon als du, und mehr als zuträglich ist, das hat sich da wieder gewiesen! Meinst du, was du mir sagst und was ich dir glaube, das wissen und glauben auch die Leute? Die neidige Brut mißgönnt es mir ohnehin, hätte ich ihnen davon geredet, sie hätten gemeint, es wäre nur geprahlt, und ausgelacht wäre ich worden. So hab’ ich zuwarten wollen, bis ich sie mit der Nase darauf stoßen kann, daß du es ehrlich meinst und jetzt — jetzt mögen sie nur spotten, jetzt habe ich es davon, daß ich dir mehr vertraut habe als du mir!“ Sie führte ihre Schürze an die Augen.

Der junge Reindorfer stand verlegen. „Aber“, sagte er nach einer Weile, „es war auch nicht not, daß du dich von dem dummen Krämerbuben hast um den Leib fassen lassen.“

Josepha zog die Schürze vom Gesichte und lachte: „Geh zu, weil du ihn etwa zu fürchten hast? Keinen von allen im ganzen Ort, wie sie da sind, sag’ ich dir; wenn du es nur ehrlich meinst, da gilt mir keiner soviel!“ — Sie schlug ein Schnippchen. — „Möcht’ auch wissen, wer einem lieber sein könnte wie du!?“

Das war Balsam auf die Wunde.

Leopold kam ziemlich spät heim und erklärte seinem erstaunten Vater, daß wieder alles zwischen ihm und der Josepha auf gleich gekommen sei und nun überlege er nicht länger, er wolle sie doch nehmen und der alte Reindorfer möge daher auch ein Einsehen haben.

Der Alte unterdrückte einen schweren Fluch, erhob sich, von wo er saß und sagte: „Es wär’ unchristlich, wenn ich in der ersten Hitze sagen möchte, tu in drei Teufels Namen wie du willst und verrenne dich in Schandhaftigkeit und Verderben; denn du bist mein einziger, leiblicher Sohn! So sag’ ich dir nur, wasdich vorläufig von deinem Gedanken abbringen könnte, wenn du den Verstand dafür hast, es sind einmal jetzt so leidige Soldatenzeiten, aus der Reserve wärest du, zwei Jahr’ noch bist in der Landwehr, verspar dir das Heiraten, bis du ganz frei bist.“

„So, zwei Jahr’ sollt’ ich warten,“ schrie der Sohn, „sag es nur lieber gleich frei heraus, du erhoffst, ich besinne mich mittlerweile anders?“

„Das hoff’ ich zu Gott, und es wäre nicht zu deinem Schaden.“

„Das gilt nicht, darüber reden wir noch!“

„So? Aber dann, heut nimmer! Gute Nacht!“

Die Reindorferin hatte daneben gesessen, jetzt stand sie auf und folgte dem Bauer, vor Leopold aber hielt sie an und sagte: „Du solltest doch den Vater nicht so erzürnen wegen der leichten Dirn’.“

„Da schlag das Wetter darein! Was die Leute nicht alles wissen! Leicht wäre die Josepha? Weißt, Mutter, am End’ ist sie just so schwer wie du oder ein anderes Bauernweib, nur daß man halt euer Gewicht nicht kennt!“

Die Reindorferin ging ohne ein Wort zu sagen.

Nun war es wieder, wie es gewesen war, bevor der Leopold einrückte, ein Leben voll Unfriede und Unzufriedenheit, wohl gaben die Leute dem alten Reindorfer recht, aber Leopold gab nichts auf die Leute, bei jeder schicklichen oder unschicklichen Gelegenheit legte er ein Wort für sich und Josepha ein. Wenn dem Alten bei irgendeiner Arbeit die Kraft versagte, und es ihm nicht mehr so wie früher von der Hand gehen wollte, so sagte der Bursche: „Da sieht man, wie alte Leute eigensinnig sind, selber können sie es nicht mehr richten, aber sich zur Ruhe setzen und jüngere anfassen lassen, das wollen sie nicht!“ Oderwenn der Bauer einen Tag wegen Unwohlsein das Bett hüten mußte, sagte Leopold: „Ruhe und Pflege tät’ dir not, aber du willst ja nicht!“ Dem widersprach aber immer der alte Reindorfer und meinte, die Hände, worauf es abgesehen sei, wären ihm zu unsauber, um sie an das Seine fassen zu lassen, und mit der Ruh’ und Pflege würde es nicht weither sein, käme die Sippe auf den Hof.

Ein Wort gab das andere, keifend und zänkisch, wie sie nun geworden war, mengte sich auch die Bäuerin darein, der Streit artete aus und roh ging es oft auf dem Reindorferhofe her.

Der Magdalene zitterte oft das Herz im Leibe, wenn sie derlei mit anhören mußte. Aber wenn sich der rohe Bursche und die heftige Mutter müde gestritten hatten und einsehen mochten, daß sie einander nicht gewachsen seien, dann suchten sich beide einen schwächeren Teil, den sie es empfinden lassen konnten, daß ihre Worte doch zählten, und dazu war ihnen Magdalena eben recht.

Nur der alte Reindorfer brach den Streit immer ab, wie das erste ungehörige Wort fiel, sagte noch einmal kurz seine Willensmeinung und dann keine Silbe weiter.

Und wenn nun das Mädchen von dem mürrischen Bruder und der mißlaunigen Mutter ohne Anlaß gescholten und gedrangsalt wurde, da war ihr der Vater ein wahrer Trost und ein leuchtendes Beispiel, denn auch er war ja im Rechte und ließ doch soviel Unbill über sich ergehen, und er war doch besser als die andern, gewiß, und darum konnte er auch klüger sein; da erfaßte sie eine innige Zuneigung zu dem ruhigen alten Manne, der ja auch der einzige war, der nichts wider sie hatte und der sich immer gleich blieb.

Ja, der sich immer gleich blieb! Jetzt, wo sie aufgehört hatte ein Kind zu sein, wo sie sich fühlte, wo sie es gerne jemand anvertraut hätte, wie sie denke und empfinde, damit sie auch hören könnte, sie dächte recht und schicklich, jetzt merkte sie erst, daß der Vater auch gegen sie sich immer gleichgeblieben war!

Da geschah es an einem Sonntage, daß der alte Reindorfer eines bösen Fußes wegen die Kirche nicht besuchte, alle wollten in den Gottesdienst gehen, das Gehöft wäre unter der Aufsicht des kranken, hilflosen Mannes verblieben, aber Magdalene erklärte, sie bleibe gerne bei dem Vater daheim.

So saßen denn der Greis und das junge, blühende Mädchen beisammen in der warmen Stube. Das ganze Gehöft lag so ruhig im Sonnenschein, in dem der frisch gefallene Schnee glänzte, die Zaunpfähle hatten jeder eine weiße Haube auf, etliche Sperlinge flatterten an die Fenster und pickten an die kleinen Scheiben.

„Wenn es dir recht ist, Vater,“ sagte das Mädchen, „so lese ich uns etwas aus der Bibel vor.“

„Hast recht, Leni, lese das heutige Evangelium.“

Magdalene hatte das Buch geholt. „Mußt nicht böse sein, Vater,“ sagte sie und drückte das Köpfchen tief in die aufgeschlagenen Blätter, „aber ich möchte gerne ein anderes.“

„Nun ist auch recht, such dir etwas aus.“

Da begann das Mädchen und las das 15. Kapitel des Evangelisten Lukas, das Gleichnis vom verlorenen Sohne.

Als sie geendet hatte, sagte der Alte: „Ist eine schöne Geschichte, eine rechte Vergleichung der Gottesliebe im Himmel mit der Elternliebe auf Erden; geschieht unsereinem auch hart, wenn ein Kind justauf das Trebernfressen so erpicht ist, wie der Leopold. Hat dir das vielleicht seinetwegen für heute gepaßt?“

„Nein, Vater, sondern weil ich dich hab’ fragen wollen, wenn ich von dir fort wär’ und käm’ wieder, ob du wohl auch Freude hättest?“

Der Bauer schüttelte den Kopf. „Bist gescheit? Wohin fort solltest du auch kommen?“

Die Dirne langte mit beiden runden Ärmchen über den Tisch nach den welken Händen des alten Mannes und drückte sie zwischen den ihren. „Schau, Vater,“ sagte sie, „Schand’ möcht’ ich dir um alle Welt keine machen, aber nach Not und Elend fragte ich nicht, wenn du mich dafür möchtest auch ein bißchen liebhaben!“

Da wurden dem Bauer die Augen groß, er stand hastig auf, an dem Fenster tippte er paarmal an die Scheibe, um die Sperlinge außen zu verscheuchen, dann wandte er sich zum Gehen. Mit seiner schwieligen Rechten berührte er leicht den Scheitel des Mädchens. „Nun, sei nur brav, bleib hübsch brav,“ sagte er leise.


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