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Nach jenem Sonntage war der alte Reindorfer umgänglicher gegen das Mädchen geworden, und Magdalena suchte um ihn zu sein, so oft es tunlich war. Der Vater wußte so viel von der Welt, die noch in unklarer Weite vor ihr lag, und was er sagte, das war ein so rechtschaffenes Meinen und Denken, daß sie ihm gar gerne zuhörte.

Er erzählte von Land und Leuten, die er kennen gelernt, von der Welt und den Menschen, wie er sie gefunden habe und was er davon halte, von seinen eigenen Leiden, Freuden und Erfahrungen und hattedabei immer einen Fingerzeig, einen Hinweis für das aufhorchende Mädchen.

Einmal begann er das Gespräch mit einer Erinnerung an seinen Vater.

„War wohl auch ein kreuzbraver Mann, mein Großvater,“ meinte die Dirne.

„Dein Großvater?“ sagte der Bauer, „von dem weiß ich wenig.“

„Bist du denn so früh verwaist gewesen, Vater?“ fragte Magdalena.

Da hustete der Bauer verlegen, brachte seine Geschichte hastig und stotternd zu Ende und war einige Tage recht wortkarg gegen das Mädchen; erst als er merkte, dasselbe habe gar keinen Arg, da beruhigte er sich wieder, es war ihm, als hätte er durch seine Unvorsichtigkeit das Kind in seinem recht heilsamen, frommen Glauben erschüttern können. Von seinen Eltern geschah aber nie mehr wieder eine Erwähnung.

Für Magdalena konnten die längst verstorbenen Eltern des alten Reindorfer höchstens ein Gegenstand der Neugier, aber nicht der regen Teilnahme sein, so fragte sie ihnen auch nicht weiter nach; eine Frage aber hätte sie schon oft gerne an den Vater gerichtet, doch dazu mußte sie sich erst ein Herz nehmen. — —

Es war Frühjahr, die Bäume im Garten wollten betreut sein, abgeästet und vor dem sich allmählich einfindenden Geziefer bewahrt werden, und dem alten Reindorfer war ihre Pflege gar angelegen.

„So ein Baum,“ sagte er, „ist grundgütiger als der beste Mensch, er kann nur jedem Gutes erweisen und niemandem übelwollen, auchderBaum, der nichts hat als seinen kühlen Schatten, will den anderen Geschöpfen wohl, und wenn sie erst in Menge zusammenstehen, als grüner Wald, da verrichten sie schonwas Rechtes. Hab’ mein Lebtag gefunden, wo keine Wälder stehen, da ist auch dürrer Boden und mühselige Menschen darauf. Aber das Raupengeschmeiß, das ist nur zum Übelwollen auf der Welt, das frißt und frißt, und gingen die Bäume darüber zugrunde, daß sie und ihre Brut allzusammen verhungern müßten, das irrt sie nicht; der sie ausrottet, erhält sie zugleich, wäre es nicht um die Bäume, man hätte sie längst sich aus der Welt fressen lassen können, die Himmelsackermenter ...“ Er streifte ihrer etliche mit dem Rücken des Gartenmessers von der Rinde und zertrat sie, den anderen zum erschrecklichen Exempel.

„Aber wenn sie als Falter herumfliegen,“ sagte Magdalena, die an einem anderen Baume geschäftig war, „da sind sie so viel sauber.“

„Wenn sie als Sommervögel auf die Welt kämen,“ meinte der Bauer, „meinetwegen möchte es ihnen vergönnt sein, daß sie ihren Rüssel in jede Blume stecken; aber so ist ihre ganze Herrlichkeit auf fremde Kosten angefressen und ihre Buhlerei läuft auf künftigen Raupenfraß hinaus.“

„Ob sich die Falter gut leiden mögen, die in der Luft einander nachjagen?“

„Nun, wohl werden sie das, weil es ein Muß ist. Dafür ist gesorgt, was einmal in der Welt ist, stirbt nicht so leicht aus. Auch der Mensch, der doch um all seine Mühseligkeit weiß, kann sich dem nicht entbrechen, und ehe er es selber denkt, geht er auf die Freite.“

„Vater, mußt nicht böse sein,“ bat Magdalena und spielte mit ihrem Schürzenbande, „aber ich möcht’ dich etwas fragen.“

„Wird was Rechtes sein, womit du dich nicht heraustrauest.“

Da sah ihm das Mädchen lächelnd in das Gesicht und sagte: „Ich möchte gern wissen, wie du und die Mutter euch habt kennen gelernt.“

„So, so? Das fragst du zweimal umsonst, einmal, weil du meinst, das sei wohl schon so lange her, daß ich ohne Schämigkeit davon zu reden wüßte, aber das wüßte ich nicht anzugreifen. Und zum andernmal ist es nicht schicklich, daß eines von den Eltern derlei zu dem Kinde redet.“

„Mußt halt nicht bös sein, Vater.“

„Hab’ derowegen keine Ursache,“ sagte der Bauer. Dann hielt er in der Arbeit inne und trat auf das Mädchen zu. „Hör, Leni, weil du aber Neugier zeigst in solchen Dingen, so möcht’ ich mit dir auch darüber reden. Reden ist Silber, heißt es, und Schweigen ist Gold. Ist ein rechtes Sprüchlein, gilt auch da, solange die Kinder hübsch um die Eltern bleiben, aber wenn sie dann in die Welt verlangen — Gold ist ein heikel Ding, nicht immer findet sich ein ehrlicher Wechsler dafür —, da ist es wohl gut, man gibt dem Kinde etwas handliches Silbergeld mit auf den Weg, das heißt, man macht das Maul auf und redet; damit haben es schon manche Eltern versehen und ist ihnen manch goldreines Dirndel arg ausgewechselt heimgekommen. Du hast dein mannbar Alter erreicht, die Zeit ist da, — ich sag’ nicht, wo dir ein Bursche leicht gefallen möchte, denn du hältst auf dich und das ist recht, auch hätt’ es damit weniger Gefahr, euch meistert doch die Scheu, und die Dirn’, die einem Manne aus freien Stücken nachlaufen möcht’, die steht in unsers Herrgotts Aufmerkbüchel gar nicht als Frauenzimmer eingeschrieben und gilt auch der Welt nicht dafür; aberdieZeit ist da, wo die Burschen an dir Gefallen finden könnten und dasieh dich vor, da hüte deine Gedanken, denn es ist nicht allein not, man nimmt sich vor, brav zu sein, das hilft nichts, wenn man nicht brav denkt und recht. Rechtschaffen denken, das gibt erst den Schick, wer nur brav denkt und nicht weiter, der mag leicht betrogen werden, doch dabei kann er noch seine Seele rein fühlen, immer noch besser, als er tut gut und denkt übel und ihm wird dabei so elend, als hätte er alle vorgenommene Sünd’ wirklich begangen. Schau, Leni, brav denken, ist wie ledige Kopfarbeit, bei rechtschaffen Denken ist der ganze Mensch dabei, die Brave schiebt nur an ihrer Kammertüre den Riegel vor, das heißt: es soll nicht sein! Die Rechtschaffene schließt auch noch das Fenster und das heißt: es darf nicht sein! — Danach richte dich und tu so, nicht nur gleichnisweise, sondern auch in Wirklichkeit, denn was hilft alle Vergleichnis, wenn nicht danach getan wird?!“

„Ich meine schon, daß du recht hast, Vater,“ sagte das Mädchen.

„Darauf verlaß dich. Ich weiß, sie halten es da herum in der Gegend anders, da gehen Bursche und Dirnen jahrlang zusammen, bis sie einander überdrüssig werden oder sich gewöhnen, dann ist beim Zertragen Zeit und Ehr’ verloren und beim Zusammenbleiben kein rechter Segen. Wohl, die Bursche werden dich hochnäsig heißen und deine Kameradinnen werden dich auslachen, das laß sie tun; die Leute sehen es nicht gerne, wenn eines anders ist wie sie, und das Schwein sagt zum Roß: Ich ließe mich nicht striegeln! Sie werden dir auch sagen: Mit Fremdtun kriegst du keinen Mann. Aber das ist alt’ Weiber- und leicht’ Dirnengerede und schlechter Rat, auf solchen mag auch ihrer Zeit die Melzer Sepherl gehört haben, und wohin er führt, davon ist sie einlebendig Beispiel. Was sie mir für Unfried’ im Haus gestiftet hat, verzeih ihr unser Herrgott; sonst erbarmt sie mir, denn Fried’ und Segen verspürt sie wohl selber keinen in sich! Mit der Vertraulichkeit verliert eines die Achtung vor dem andern und mit der Zeit auch vor allem und jedem, vor Gott und der Welt, auf das Schmeicheln kommt das Drohen, auf das Schöntun das Grobsein, es liegt keine Vernunft darin und die soll doch der Mensch gebrauchen, daß das, was er muß, auch einen Schick kriegt und er nicht lebt wie das liebe Vieh. Die Bursche sind von Haus aus roh, daß sie sich besinnen, und aus ihnen was Rechtes werden mag, dazu sind ihnen die Weibsleute auf die Welt gesetzt, das verspürt ein jeder, und gerade, wenn dich ein Bursche gern hat, so wird ihm deine Ehrbarkeit bis ins Herzinnerste Freude machen.“

„Nicht wahr? So denk’ ich selber, Vater!“

„Das ist recht und dabei verbleib! Und merk dir auch, zu solch rechtschaffenem Vornehmen paßt kein voreilig hastig Wesen, da darf keine darauf aus sein, nur versorgt und eigene Frau zu werden, da heißt es zuwarten und fleißig die eigenen Hände rühren und sich rechtschaffen durch die Welt bringen, daß man vor Gott nichts abzubitten und vor der Welt nichts zu verheimlichen braucht, und daher auch vor dem künftigen Mann keine Heimlichkeit hat. So wirst du einmal ein rechtes Weib werden, zu mehr kann es keine bringen! Du mußt nicht nur daran denken, was du vor Augen hast, nicht wie ich und deine Mutter leben, wir sind halt wohl schon alt und zuwider und da frag nicht nach. Aber aus genotpeinigter Seel’ heraus könnt’ ich dir nichts anders sagen, als tu so, halt dich brav! Im Himmel kennt’ sich unsereines nicht so aus, wie vielleicht der Herr Pfarrer,aber auf Erden kann es kein lieberes Anschauen geben, als neben einem rechten Mann ein rechtes Weib! Wirst einmal eines, vergiß nicht darauf, der alte Reindorfer hat dir’s gesagt, gewiß betest du mir ein paar Vaterunser übers Grab!“

„Vergelt’s Gott,“ sagte das Mädchen mit verhaltenem Atem.

Der Bauer sah sie groß an, dann sagte er lächelnd: „Ich glaub’ gar, du meinst, das wäre gepredigt gewesen! Ich möcht’ doch nicht, es erginge dir wie unserm hochwürdigen Herrn, dem vergessen es die Bauern von einem Sonntag auf den andern.“

„Mein Lebtag nicht,“ sagte die Dirne.

Der Bauer aber war schon wieder an einen Baum getreten, handhabte das Gartenmesser und tilgte Raupennester aus.

Auch Magdalene hatte die Arbeit wieder aufgenommen. — Wie rechtschaffen und grundgut es doch der Vater mit ihr meinte! Läßt sich denn denken, daß jemals ein fremder Mensch es auch so mit ihr meinen werde? Und was würde sie dann wohl diesem zuliebe tun?


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